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Mit Sandburgen gegen den Insel-Blues

Witt­dün, Amrum

Schon an der Hafen­ein­fahrt von Amrum zeigt sich, dass das Wet­ter im Nor­den ein­fach unbe­re­chen­bar ist. Wäh­rend die Fähre aus Dage­büll noch in strah­len­den Son­nen­schein getaucht ist, tür­men sich am Hori­zont dunkle Wol­ken auf.

Doch es soll tro­cken blei­ben.

Esther steht mit ihrem Rad bereits am Fähr­an­le­ger und war­tet auf mich.

Sie nimmt mich net­ter­weise auf ihrer Couch auf. In der Hoch­sai­son ist das auf der Nord­see­insel keine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Meh­rere Anfra­gen bekommt sie am Tag. Einige wol­len eine ganze Woche oder län­ger bei ihr über­nach­ten. Teil­weise zu dritt oder viert.

Wie viele Insu­la­ner hat auch Esther ein ambi­va­len­tes Ver­hält­nis zu Tou­ris­ten. Einer­seits lebt die Insel vom Tou­ris­mus und wäre längst aus­ge­stor­ben, wür­den nicht jedes Jahr Tau­sende Urlau­ber nach Amrum kom­men. Ande­rer­seits über­steigt die Anzahl an Tou­ris­ten die Ein­woh­ner­zahl um ein fünf­zig­fa­ches. Es ist also gut nach­voll­zieh­bar, dass man als Ein­hei­mi­scher gele­gent­lich genug von all den frem­den Leu­ten auf der Insel hat.

Auch Esther hat die letz­ten Jahre mit Urlau­bern ihren Unter­halt ver­dient. Genau wie ihr Mit­be­woh­ner Jens, der sich mitt­ler­weile als Künst­ler und Foto­graf auf der Insel selbst­stän­dig gemacht hat. Der gebür­tige Ost­friese ver­bin­det die Fotos die er auf der Insel macht mit Stand­gut und Holz­stü­cken, die er im Herbst am Strand fin­det und macht dar­aus ein­zig­ar­tige Kunst­werke.

Esther ist vor vier Jah­ren aus Ber­lin nach Amrum gezo­gen.
„Mir hat es irgend­wann ein­fach gereicht. Man kann nicht vor die Tür gehen, ohne, dass tau­sende Men­schen um einen herum sind. Stän­dig steht man unter Strom“, sagt sie

Sie wollte statt­des­sen raus in die Natur, hat „Nord­see“ gegoo­gelt und Google hat Amrum aus­ge­spuckt.
„Dass man zuge­zo­gen ist, bekommt man meist nur zu spü­ren, wenn man ein Geschäft eröff­nen will. Dann gibt es Gegen­wind. Ansons­ten sind die Men­schen hier super hilfs­be­reit, ich bin sehr herz­lich auf­ge­nom­men wor­den“, erzählt Esther.

Aller­dings braucht es auf der Insel trotz­dem seine Zeit, bis man akzep­tiert wird.

„Es ist ein stän­di­ges Kom­men und Gehen. Viele kom­men nur für die Sai­son zum Arbei­ten und Geld ver­die­nen. Die wenigs­ten blie­ben. Des­halb sind die Men­schen hier auch, denke ich, oft etwas distan­ziert. Aber wenn sie mer­ken, dass man hier­bleibt, dann begin­nen sie sich zu öff­nen“, erzählt Jens.

Die bei­den schla­gen vor, mir den Strand zu zei­gen. Ihr Nach­bar Tho­mas beglei­tet uns.

Es dau­ert nicht ein­mal fünf Minu­ten, bis wir mit den Füßen im Sand ste­hen. Einer der Vor­teile, auf einer Insel zu leben.

Immer dabei: Eddie, die Haus­katze.

Wäh­rend sie uns zunächst von einem Baum vor dem Gar­ten­tor aus beob­ach­tet, folgt sie uns, treu wie sonst nur ein Hund, den gesam­ten Weg zum Strand. Erst als der Sand beginnt wird Eddie es zu viel und sie springt über den nächst­ge­le­ge­nen Gar­ten­zaun und macht sich auf den Weg zurück.

Am Ziel sind wir aller­dings noch lange nicht.

Wir lau­fen wei­ter.

Immer wei­ter durch Sand und Dünen den fast 10 Qua­drat­ki­lo­me­ter gro­ßen und 1,5 Kilo­me­ter lan­gen Kniep lang, wie der Amru­mer Strand Kniep­sand von Ein­hei­mi­schen genannt wird.

Irgend­wann tau­chen am Strand kleine Hüt­ten auf. Strand­bur­gen aus Holz, die jedes Jahr teils schlicht, teils bunt aus­ge­schmückt, aber immer mit viel Liebe zum Detail von Ein­hei­mi­schen aus Strand­gut gebaut wer­den. Sie sind als Unter­schlupf gedacht, weil der Strand ers­tens so weit­läu­fig ist und das Wet­ter zwei­tens so unbe­stän­dig. Dabei sind sie beson­ders von innen fast schon kleine Kunst­werke.

Für die Insu­la­ner die­nen sie als Wochen­end­häu­ser. Doch auch Nicht-Amru­mer dür­fen sie benut­zen. Sie sind offen für Jeder­mann.
Ein­zige Bedin­gung ist, dass man die Hüt­ten genauso ordent­lich wie­der ver­lässt, wie man sie vor­ge­fun­den hat.

„Man kann sich hier nicht wirk­lich aus dem Weg gehen. Dafür ist die Insel ein­fach zu klein. Aber wenn man wirk­lich seine Ruhe haben will, dann kann man zum Strand spe­zie­ren, ein Gläs­chen Wein trin­ken und die Natur genie­ßen“, sagt Esther.

„Es ist zwar immer eine Über­win­dung da ganz raus­zu­lau­fen, aber wenn man erst­mal da drau­ßen ist, dann ver­liert man jeg­li­ches Gefühl von Zeit und Raum. Das ist unglaub­lich“, erzählt Jens.

Dann lässt es sich ganz gut aus­hal­ten auf der Insel.

Im Win­ter aller­dings kom­men auch die Bei­den an ihre Gren­zen.

„Bis in den Dezem­ber hin­ein geht es noch. Der Herbst hier auf der Insel ist wirk­lich schön. Aber ab Januar bis Juni, wenn die Sai­son wie­der anfängt, ist es hart. Alle Geschäfte, Cafés und Restau­rants haben geschlos­sen. Sogar die Super­märkte machen frü­her zu. Dann kann man es hier eigent­lich nur aus­hal­ten, wenn man eine Auf­gabe hat. Ent­we­der man muss sei­nen Job wirk­lich lie­ben, oder man hat eine Fami­lie“, erzählt Esther.

„In Ost­fries­land ist es das ganze Jahr so“, lache ich.

Die Peri­phe­rie der Insel ist eben Fluch und Segen zugleich. Urlaubs-Fee­ling wech­selt sich mit dem Insel-Blues ab. Hier tickt eine eigene Zeit. Wenn man nicht mit ihr geht, kommt man unter die Räder.

„Hier wird man zwangs-ent­schleu­nigt. Einer­seits durch das lang­same Inter­net, ande­rer­seits durch die Natur und das Wet­ter. Wenn Sturm ist, dann fah­ren bei­spiels­weise keine Fäh­ren. Dann sitzt man hier fest. Am Anfang habe ich mich dar­über noch tie­risch auf­ge­regt, mitt­ler­weile habe ich mich damit abge­fun­den“, sagt Sven.

„Ich bekomme lang­sam Hun­ger und Durst. Hast du Lust, mit in die Blaue Maus zu gehen?“, fragt Esther.

Ich hatte natür­lich schon Geschich­ten aus der Blauen Maus gehört. Kult­kneipe, eine der bes­ten Whis­ky­bars Deutsch­lands und DER Treff­punkt der Insel.

„Man kann nicht auf Amrum gewe­sen sein, ohne in die Blaue Maus zu gehen, oder?“, frage ich.

„Nein, kann man nicht“, sagt Esther nur.

Ich nicke.

Der Rest des Abends bleibt im Ver­bor­ge­nen.

 

Cate­go­riesDeutsch­land
Lennart Adam
Lennart Adam

Lennart ist Ostfriese. Sein Geld verdient er als Journalist in Flensburg, um es auf Reisen wieder auszugeben.
Reisen wird für ihn besonders dann zum Erlebnis wenn Unerwartetes passiert. Wenn man Pläne über Bord wirft und sich stattdessen vom Zufall leiten lässt, offen ist fürs Unbekannte, fürs Abenteuer. Wenn man auf Fremde zugeht, sich ausprobiert, Ängste überwindet und Grenzen neu definiert. Und wenn man anschließend die richtige Bar findet.

  1. Lavinia says:

    Dein Bericht ist unglaub­lich toll und die Fotos zei­gen mir ein­mal mehr, wie schön wir es eigent­lich in Deutsch­land haben. Bis auf Sylt und das Fest­land habe ich von der Nord­see noch nicht viel gese­hen. Eigent­lich super schade, wenn man sonst auf der gan­zen Welt hin und her­jet­tet und sein Hei­mat­land noch nicht so gut kennt (ich kann nur von mir selbst spre­chen).

    Danke für die tol­len Fotos und die Inspi­ra­tio­nen.

    Alles Liebe!
    Lavi­nia

    1. Lennart Adam
      Lennart Adam says:

      Freut mich, dass dir der Bericht gefal­len hat :)
      Ich weiß, was du meinst. Ich lebe seit mitt­ler­weile fast sie­ben Jah­ren in knapp 50 Kilo­me­tern Ent­fer­nung zu den Nord­frie­si­schen Inseln und habe es die­sen Som­mer zum ers­ten Mal auf eine geschafft… Daher habe ich mir für nächs­ten Som­mer auch vor­ge­nom­men: mehr Urlaub vor der Haus­tür!

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