Frühjahr 2020. Auf einmal steht die Welt still. Wir sind isoliert, getrennt und doch mitein­ander verbunden. Wie fühlt sich das an? Was sind die größten Herausforderungen, was ist positiv und was lernen wir aus dieser seltsamen Zeit?

Zehn Menschen aus neun Ländern nehmen uns mit in ihre Heimat, teilen den persön­li­chen Blick aus ihrem „Fenster zur Welt“ und berichten, wie es ihnen im Lockdown ergeht. Susanne etwa schaut auf grüne Maniokfelder – sie hat es gerade noch recht­zeitig geschafft, nach Tansania auszu­wan­dern. Emily liebt den Ausblick auf den austra­li­schen Busch, aber ihr Wochenhighlight ist der mobile Eismann. Sash staunt in der indischen Millionenstadt Chennai über belebte Dachterrassen, von denen Kinder Drachen steigen lassen, während Ingrid auf den Orkney Inseln das Licht- und Wolkenspiel über der Bucht von Scapa Flow genießt…

Ersin, 40 aus Pendik, Istanbul – Türkei 

Wie fühlst du dich gerade?
Ein bisschen gelang­weilt, insbe­son­dere wenn das Wetter gut ist. 

Wo lebst du und was kannst du aus deinem Lieblingsfenster sehen? 
Ich lebe in Pendik, Istanbul. Aus dem Fenster sehe ich einige Gebäude, freies Terrain und den Flughafen. .

Was macht deine Umgebung einzig­artig und was gefällt dir dort am besten?
Ich kann den Flughafen sehen, aber er ist nicht so nah, dass ich vom Fluglärm gestört werde und ich bin froh um die freie, weite Sicht.

Was hast du während der Quarantäne für dich entdeckt, das du vorher noch nie gesehen oder festge­stellt hast? 
Ich habe festge­stellt, dass Kochen und Putzen gar nicht so schwierig sind. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer Schritt für mich. Und ich habe festge­stellt, was für eine große Freiheit es ist, aus dem Haus gehen zu können. So bewusst war es mir vorher nicht. . 

Darfst du raus oder in die Natur, zumin­dest für eine Weile am Tag? Und wohin gehst du dann? 
Nein, ich darf nur zum Supermarkt. Und manchmal auf kurze Spaziergänge in meinem Distrikt. 

Was ist deine liebste Tageszeit? Und warum? 
Um acht Uhr abends. Wenn an dem Tag kein Lockdown herrscht, gehe ich raus für einen Spaziergang oder eine Fahrradtour und genieße die frische Luft.  

Fühlst du dich sicher? 
Ja.

Wer sind zurzeit deine engsten/​wichtigsten Menschen?
Meine Familie, aber sie lebt woanders. 

Was macht dich in dieser Zeit beson­ders froh? 
Zu wissen, dass es meiner Familie gut geht und zu sehen, dass mein Apartment sauber ist. 

Was ist derzeit deine größte Herausforderung?  
Ich bin besorgt, dass ich oder meine Familie sich mit Covid-19 anste­cken, meinen Job zu verlieren und wie ich eigent­lich meine Haare schneiden soll… 

Gibt es etwas Positives in dieser Lockdown-Zeit zu Hause, etwa im Homeoffice? 
Ich muss nicht um sieben Uhr aufstehen, ich kann ausgiebig frühstü­cken, in meinem Pyjama arbeiten und dabei laut Musik hören. Ich kann außerdem bei frischer Luft auf meinem Balkon arbeiten, was im Büro nicht möglich ist.

Wen oder was vermisst du am meisten?
Meine Familie.

Hast du etwas Neues gelernt – was? 
Kochen, Putzen und mir selbst die Haare zu schneiden. 

Hast du tägliche Routinen? Welche? 
Netflix, YouTube, Radfahren und Bücher lesen.

Was wirst du zuerst unter­nehmen, wenn du wieder reisen und dich freier bewegen darfst? 
Ich werde meine Familie besuchen. 

Wofür bist du dankbar? 
Dass ich von zu Hause arbeiten kann. 

Wirst du etwas in deinem Leben verän­dern, wenn die Krise vorbei ist? 
Ich werde weiterhin selbst kochen, statt Essen online zu bestellen. Und ich werde mich weiterhin von Menschenansammlungen fern halten. 

2. Janne, 39, aus Þingeyri in den Westfjorden – Island 

Wie fühlst du dich gerade? 
Ich bin glück­lich, dass Frühling ist und dieses wunder­volle Licht in unser Haus scheint. 

Wo lebst du und was kannst du aus deinem Lieblingsfenster sehen? 
Ich lebe in Þingeyri, einem kleinen Dorf in den Westfjorden Islands. Aus dem Fenster schaue ich auf den Fjord, die Berge und das Dorf.

Was hast du während der Quarantäne für dich entdeckt, das du vorher noch nie gesehen oder festge­stellt hast? 
Ich habe es immer schon geliebt, wie sich die Farben der Berge im Frühling täglich verän­dern, wenn der Schnee schmilzt. In den letzten Wochen habe ich das ganz beson­ders genossen. 

Darfst du raus oder in die Natur, zumin­dest für eine Weile am Tag? Und wohin gehst du dann? 
Die letzten 14 Tage waren wir in Quarantäne, weil wir aus dem Ausland zurück kamen, aber wir durften raus für Spaziergänge, Fahrradtouren und auch zu unseren Pferden im Tal hinter dem Dorf. 

Was ist deine liebste Tageszeit? Und warum? 
Die Abende sind beson­ders schön. Es gibt viel Licht, aber keinen Wind.  

Fühlst du dich sicher? 
Ja.

Wer sind zurzeit deine engsten/​wichtigsten Menschen?
Meine eigene Familie, mein Mann und meine zwei Kinder. Die einzigen Menschen, mit denen ich in den vergan­genen Monaten zusammen war.

Was ist derzeit deine größte Herausforderung?  
Der Mangel an sozialen Kontakten und Interaktion außer­halb der eigenen Familie – und damit auch den Mangel an neuen Perspektiven. 

Gibt es etwas Positives in dieser Lockdown-Zeit zu Hause, etwa im Homeoffice? 
Ich denke, wir sind uns als Familie näher gekommen und die Kinder genießen unsere größere Präsenz.  

Wen oder was vermisst du am meisten?
Meine Freunde und die anderen Leute aus dem Dorf. 

Hast du etwas Neues gelernt – was? 
Ja, dass wir allein als Familie „überlebt“ haben. 

Hast du tägliche Routinen? Welche? 
Wir verbringen mehr Zeit mit unseren Kindern und Hunden und stehen später auf, die Tage sind wie ein großes, langes Wochenende.

Was wirst du zuerst unter­nehmen, wenn du wieder reisen und dich freier bewegen darfst? 
Wir werden unsere Familien in Dänemark und Belgien besuchen und mit unseren Kindern einen City Trip unter­nehmen.  

Wofür bist du dankbar? 
Dass wir Menschen weniger die Umwelt verschmutzen und vielleicht verstanden haben, dass wir nicht immer und ständig reisen müssen. 

Wirst du etwas in deinem Leben verän­dern, wenn die Krise vorbei ist? 
Ich würde gern weiterhin so präsent für meine Kinder sein.

3. Olha aus Riwne – Ukraine 

Wie fühlst du dich gerade? 
Im Moment fühle ich mich viel ruhiger. Ich habe keine Panik mehr wegen der Pandemie, aber hatte vorher das Gefühl, dass die Welt unter geht.  

Wo lebst du und was kannst du aus deinem Lieblingsfenster sehen? 
Ich lebe in einem Apartment. Gegenüber schaue ich auf ein großes Unternehmen. Jeden Morgen sehe ich den Bus, der die Arbeiter hierher bringt und abends nach Hause fährt. Ich sehe auch ein Stückchen Garten. 

Was macht deine Umgebung einzig­artig und was gefällt dir dort am besten?
Hier gibt es nichts beson­deres.

Was hast du während der Quarantäne für dich entdeckt, das du vorher noch nie gesehen oder festge­stellt hast? 
Ich habe meine Stadt noch niemals so leer gesehen. 

Darfst du raus oder in die Natur, zumin­dest für eine Weile am Tag? Und wohin gehst du dann? 
Wir können in unsere Dörfer und zu unseren Sommerhäusern fahren.

Fühlst du dich sicher? 
Ich glaube, niemand fühlt sich gerade sicher. Ich bin da keine Ausnahme. 

Was macht dich in dieser Zeit beson­ders froh? 
Zu hören, dass die Zahl der Covid-19 Infektionen in einigen Ländern sinkt.  

Gibt es etwas Positives in dieser Lockdown-Zeit zu Hause, etwa im Homeoffice? 
Ich habe mein Dorf besucht, wo meine Großeltern lebten. Und den Friedhof, auf dem meine Oma ruht. Ich war immer zu beschäf­tigt, um dorthin zu fahren. Dank des Lockdowns war ich endlich dort. 

Wen oder was vermisst du am meisten?
Meinen Liebsten. Covid-19 hat viele Paare und Familien auf der Welt getrennt. 

Hast du etwas Neues gelernt – was? 
Neue Rezepte und Autofahren – dank Quarantäne.

Hast du tägliche Routinen? Welche? 
Ich füttere täglich die Katzen meiner Eltern.

Was wirst du zuerst unter­nehmen, wenn du wieder reisen und dich freier bewegen darfst? 
Meinen Freund besuchen.

Wofür bist du dankbar? 
Für vieles. Für das Leben selbst.

4. Emily, 10, aus Hornsby Heights, Sydney – Australien  

Wie fühlst du dich gerade? 
Glücklich.

Wo lebst du und was kannst du aus deinem Lieblingsfenster sehen? 
Aus meinem Lieblingsfenster kann ich den Busch sehen.

Was macht deine Umgebung einzig­artig und was gefällt dir dort am besten?
Ich liebe die Natur und jedes Mal, wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich mindes­tens ein Tier.

Was hast du während der Quarantäne für dich entdeckt, das du vorher noch nie gesehen oder festge­stellt hast? 
Ich habe noch nie zuvor Homeschooling gehabt.

Darfst du raus oder in die Natur, zumin­dest für eine Weile am Tag? Und wohin gehst du dann? 
Ja, ich darf hier in der Nachbarschaft herum­laufen und ich gehe in den Busch.

Was ist deine liebste Tageszeit? Und warum? 
Meine liebste Zeit ist, wenn das Homeschooling vorbei ist, weil ich die Schulaufgaben nicht so mag. Und wenn sie fertig sind, habe ich frei. 

Fühlst du dich sicher? 
Ja. 

Wer sind zurzeit deine engsten/​wichtigsten Menschen?
Meine Mutter, mein Vater und mein kleiner Bruder Bryce.

Was macht dich in dieser Zeit beson­ders froh? 
Der Eismann, der mit seinem Truck jeden Sonntag vor unserem Haus hält. 

Was ist derzeit deine größte Herausforderung?  
Homeschooling.

Gibt es etwas Positives in dieser Lockdown-Zeit zu Hause, etwa im Homeoffice? 
Ja, es gibt keinen Lehrer, der dich herum­kom­man­diert.

Was wirst du zuerst unter­nehmen, wenn du wieder reisen und dich freier bewegen darfst? 
Nach Deutschland reisen.

Wofür bist du dankbar? 
Für mein eigenes Zimmer.

5. Conny, 51, aus Prado del Rey – Spanien 

Wie fühlst du dich gerade? 
Ich fange an, mich zu langweilen. Und schaue nicht gerade glück­lich in eine Zukunft, in der man bei jegli­chem sozialen Kontakt zu anderen Menschen Sicherheitsbestimmungen beachten muss. 

Wo lebst du und was kannst du aus deinem Lieblingsfenster sehen? 
Ich lebe vier Kilometer außer­halb des andalu­si­schen Dorfes Prado del Rey auf dem Land in der Provinz Cádiz. Ich sehe meinen kleinen Garten, meine Lieblingshängematte und wenn ich Glück habe, sehe ich auch meine Pferde auf der Weide grasen. 

Was macht deine Umgebung einzig­artig und was gefällt dir dort am besten?
Ich liebe es, mitten in der Natur zu leben, praktisch off grid. Und ich mag es, mit den Leuten hier vom Land und aus den kleinen Dörfern zu sprechen. Ganz down to earth.

Was hast du während der Quarantäne für dich entdeckt, das du vorher noch nie gesehen oder festge­stellt hast? 
Ein absolut leerge­fegtes spani­sches Dorf und geschlos­sene Bars. Noch eine Woche vorher haben alle noch Witze gemacht, dass ein Lockdown in Spanien unmög­lich sein würde. War es nicht.  

Darfst du raus oder in die Natur, zumin­dest für eine Weile am Tag? Und wohin gehst du dann? 
Wir waren in einem strikten Lockdown für sieben Wochen und durften gar nicht aus dem Haus. Jetzt können Leute wieder einzeln zum Sport hinaus, aber nur in ihren Wohnorten. Ich bin vor allem auf meinem Hof, es gibt draußen ohnehin viel zu tun. 

Was ist deine liebste Tageszeit? Und warum? 
Sonnenuntergänge. Sie sind jeden Tag spekta­kulär und werden niemals langweilig.

Fühlst du dich sicher? 
Gesundheitlich schon, hier auf dem Land absolut. Finanziell ist der Lockdown heftig, aber ich erlebe eine unglaub­liche Unterstützung von meiner Familie, Freunden und Gästen. Dafür bin ich sehr dankbar! 

Wer sind zurzeit deine engsten/​wichtigsten Menschen?
Meine Pferde, mein derzei­tiger Volontär und eine liebe Freundin und Kollegin. 

Was macht dich in dieser Zeit beson­ders froh? 
Zeit damit zu verbringen, den Pferden zuzuschauen und endlich Zeit für Gartenarbeit zu haben. 

Was ist derzeit deine größte Herausforderung?  
Dass ich gute Freunde nicht sehen kann. Wenn das noch länger so geht, werde ich auch meine Familie vermissen. 

 Gibt es etwas Positives in dieser Lockdown-Zeit zu Hause, etwa im Homeoffice? 
Ich habe so viel Solidarität seitens meiner Familien, Freunden und Gästen erlebt, dass ich darüber nachdenke, mein Reit-Business umzustruk­tu­rieren, solida­ri­scher zu gestalten.

Hast du etwas Neues gelernt – was? 
Es ist wieder Zeit für Veränderung. 

Hast du tägliche Routinen? Welche? 
Mein Wecker ist aus. Aber ich stehe trotzdem auf, arbeite mehr im Garten und reite dafür weniger. 

Was wirst du zuerst unter­nehmen, wenn du wieder reisen und dich freier bewegen darfst? 
Einen Strandspaziergang.

Wofür bist du dankbar? 
Dass ich auf dem Land lebe. 

Wirst du etwas in deinem Leben verän­dern, wenn die Krise vorbei ist? 
Ich werde versu­chen, mich nicht mehr so sehr auf den Tourismus zu verlassen. Vielleicht produ­ziere ich etwas anderes auf meiner Farm für die lokale Wirtschaft/​Gemeinschaft. 

6. Birthe, 43, aus Horsby Heights, Sydney – Australien  

Wie fühlst du dich gerade? 
Ruhiger als gewöhn­lich, alles ist langsamer geworden, runter gefahren.

Wo lebst du und was kannst du aus deinem Lieblingsfenster sehen? 
Ich lebe in den nördli­chen Vororten von Sydney und unser Garten grenzt an den Royal National Park. Meine Aussicht geht auf den Busch und in den Himmel. 

Was macht deine Umgebung einzig­artig und was gefällt dir dort am besten?
Was ich hier wirklich liebe, ist, wie still und fried­lich es hier ist. Direkt am Busch zu leben, bedeutet auch eine Menge Wildlife vor der Haustür. Das ist eine tolle Erfahrung für die Kinder.

Was hast du während der Quarantäne für dich entdeckt, das du vorher noch nie gesehen oder festge­stellt hast? 
Ich bin gerade erst in unser neues Zuhause gezogen. Während Covid-19 habe ich bemerkt, wie viele Familien hier in der Nachbarschaft leben. Sie haben sich den ganzen Tag draußen auf den Straßen aufge­halten. 

Darfst du raus oder in die Natur, zumin­dest für eine Weile am Tag? Und wohin gehst du dann? 
Ja, für notwen­dige Dinge oder zum Sport dürfen wir raus. Die Kinder bekommen durchs Radfahren ganz gut Bewegung. Wir sind in der Nachbarschaft und in den Parks herum­ge­fahren. 

Fühlst du dich sicher? 
Ja.

Was macht dich in dieser Zeit beson­ders froh? 
Insgesamt bin ich dankbarer für das, was ich habe. Ich bin froh, dass wir alle gesund sind und dass ich so viel Zeit mit meinen Kindern verbringen kann (abgesehen vom Homeschooling). 

Was ist derzeit deine größte Herausforderung?  
Homeschooling

Gibt es etwas Positives in dieser Lockdown-Zeit zu Hause, etwa im Homeoffice? 
Ich glaube, es gibt eine Menge Positives. Leute überprüfen ihre Perspektive aufs Leben. Ich persön­lich bin froh, dass ich so viel Zeit für die Familie habe und das wird ein großer Faktor auf der Jobsuche sein.

Wen oder was vermisst du am meisten?
Die Verbindung zur erwei­terten Familie und zu Freunden.

Hast du etwas Neues gelernt – was? 
Ich habe gelernt, dass es echt hart ist, als Lehrer zu arbeiten. 

Was wirst du zuerst unter­nehmen, wenn du wieder reisen und dich freier bewegen darfst? 
Ich freue mich auf ein paar Dinner Partys.

Wofür bist du dankbar? 
Dass ich ein Zuhause habe, meine Familie gesund ist, dass wir in Australien leben, wo Covid-19 dank eines guten Gesundheitssystems und sehr früher präven­tiver Maßnahmen unter Kontrolle ist. 

Wirst du etwas in deinem Leben verän­dern, wenn die Krise vorbei ist? 
Mein neuer Job muss die Möglichkeit des Homeoffice bieten und er muss nah und gut erreichbar sein. 

7. Ingrid aus Orphir, Orkney Inseln – Schottland  

Wie fühlst du dich gerade? 
Mir geht es okay. Es ist ein bisschen so, als hätte das Leben ausge­setzt und ich bin in einem Schwebezustand. 

Wo lebst du und was kannst du aus deinem Lieblingsfenster sehen? 
Ich lebe auf dem Land und kann Felder und Farmland sehen, auch die Bucht Scapa Flow und die South Isles von Orkney .

Was macht deine Umgebung einzig­artig und was gefällt dir dort am besten?
Unser Haus zeigt nach Süd-Südost und überblickt Scapa Flow. Ich liebe es, wie sich das Licht perma­nent verän­dert und der Ausblick niemals derselbe ist.

Was hast du während der Quarantäne für dich entdeckt, das du vorher noch nie gesehen oder festge­stellt hast? 
Auf dem täglich erlaubten, einstün­digen Ausgang habe ich zugeschaut, wie die Frühlingsblumen langsam erblühten und die ersten Blätter an den Bäumen sprossen. Ich habe gesehen, wie die Äcker gepflügt und die Saat ausge­bracht wurde, wie Lämmer geboren wurden. Ich habe dem Vogelgezwitscher gelauscht und hatte Zeit, all das wirklich zu schätzen.

Darfst du raus oder in die Natur, zumin­dest für eine Weile am Tag? Und wohin gehst du dann? 
Wir leben eine Meile von einem wunder­schönen Strand an der Küste von Scapa Flow entfernt und gehen oft dorthin spazieren. Oder wir nehmen den Weg hinter dem Haus, von sonst kein Haus mehr steht. Wir haben Glück, einen Garten und ein Gewächshaus zu haben. Also haben wir viel Zeit damit verbracht, Blumen und Gemüse vorzu­ziehen, um sie später raus zu pflanzen. 

Was ist deine liebste Tageszeit? Und warum? 
Ich mag den frühen Morgen, wenn alle Möglichkeiten noch vor einem liegen. Es ist so ruhig und fried­lich und ich bin dann ganz gern für mich allein, um den Tag zu planen. 

Fühlst du dich sicher? 
Ja. 

Was macht dich in dieser Zeit beson­ders froh? 
Mit Freunden und Familien in Verbindung zu bleiben.

Was ist derzeit deine größte Herausforderung?  
Mich selbst zum Arbeiten zu motivieren. Ich arbeite immer von Zuhause, aber dadurch, dass mein Business gerade nicht möglich ist, gibt es keine Dringlichkeit, irgend­etwas zu erledigen. 

Gibt es etwas Positives in dieser Lockdown-Zeit zu Hause, etwa im Homeoffice? 
Festzustellen, dass wir drei, die wir zusammen in diesem Haus leben, wirklich gut mitein­ander auskommen. Es war zu Beginn auch schön, mal eine Pause zu haben, aber ich würde jetzt gern normal weiter arbeiten. 

Wen oder was vermisst du am meisten?
Meine Familie und das Fotografieren, weiter als zwei Meilen vom Haus entfernt. 

Hast du etwas Neues gelernt – was? 
Ich weiß nicht, …Geduld? 

Wofür bist du dankbar? 
Ich bin dankbar, dass ich so gute Menschen um mich herum habe und ich bin dankbar, hier zu leben. Ich denke, ich habe da sehr viel Glück. 

8. Sash aus Chennai – Indien  

Wo lebst du und was kannst du aus deinem Lieblingsfenster sehen? 
Ich lebe im Zentrum der Stadt Chennai in Indien und sehe nicht sehr viel außer anderen Gebäuden. Aber zum aller­ersten Mal sah ich Menschen auf ihren Dachterrassen Sport machen. Ich sehe Kinder, die dort Badminton mit ihren Eltern spielen oder Drachen steigen lassen. 

Darfst du raus oder in die Natur, zumin­dest für eine Weile am Tag? Und wohin gehst du dann? 
Unser Lockdown begann am 25. März und wurde bis zum 31. Mai verlän­gert. Im Moment gibt es hier aufgrund der vielen Restriktionen keine Möglichkeit, in die Natur zu gehen. Ich verlasse das Haus nur einmal in der Woche, wenn ich zum Einkaufen gehe. 

Was ist deine liebste Tageszeit? Und warum? 
Normalerweise freue ich mich immer auf die Abende. Ich verbringe jeden Tag eine Stunde auf der Dachterrasse und schaue dem Sonnenuntergang zu. 

Fühlst du dich sicher? 
Bezüglich meiner Gesundheit würde ich nicht sagen, dass ich mich sicher fühle. Ich beachte wirklich alle Vorsichtsmaßnahmen, um zu vermeiden, in ein Krankenhaus zu müssen. Die Wahrscheinlichkeit, sich mit Covid-19 anzuste­cken, ist dann wohl höher, insbe­son­dere wenn es ein staat­li­ches Krankenhaus ist. (Das Gesundheitssystem ist nicht das Beste und die meisten Leuten bevor­zugen die private Gesundheitsversorgung oder private Kliniken). Und es gibt nur wenige autori­sierte, private Kliniken, die Patienten testen und behan­deln. 

Wer sind zurzeit deine engsten/​wichtigsten Menschen?
Meine Familie – mein Bruder, meine Nichte, meine Mutter (mit der ich gerade zusam­men­wohne) und meine Verlobte, die aller­dings 3500 Kilometer entfernt lebt. Insofern war es eine ziemliche Aufgabe, mich auch um ihre Sicherheit zu kümmern. 

Was ist derzeit deine größte Herausforderung?  
Die größte Herausforderung ist, dass man derzeit nicht alles bekommt, was man braucht und manchmal für Stunden in der heißen Sonne warten muss, bis man im Laden an die Reihe kommt (social distancing). Und manche Teile der Bevölkerung, insbe­son­dere die Armen, verstehen diesbe­züg­lich nicht den Ernst der Lage, müssen aber trotzdem etwas tun, um zu überleben. Ein Beispiel: Der Besitzer eines Gemüseladens, den ich vor ein paar Tagen besuchte, hat sich mit Covid-19 angesteckt und musste seinen Laden schließen. Man muss immer extra vorsichtig sein.
Es ist auch heraus­for­dernd, keine konkreten Pläne machen zu können, ob persön­liche oder Reise- oder Businesspläne. Und in einem Monat haben wir Monsoon, dann ist norma­ler­weise Grippe Zeit… 

Gibt es etwas Positives in dieser Lockdown-Zeit zu Hause, etwa im Homeoffice? 
Positiv ist, dass ich mich von einer Verletzung ausku­rieren kann, regel­mä­ßiger gezielte Übungen mache, dass ich gesün­dere Essgewohnheiten habe. Ich habe festge­stellt, dass man eigent­lich kein Fitness Center braucht, um zu trainieren, weil man einfache Übungen genauso zu Hause machen kann. 

Hast du etwas Neues gelernt – was? 
Ich habe zehn der Bücher gelesen, die seit über einem Jahr unter meinem Bett lagen. Und ich habe mehr Zeit damit verbracht, mich über Alternativmedizin zu infor­mieren und mich mit einem alter­na­ti­veren Lifestyle und Ernährung zu beschäf­tigen. 

Hast du tägliche Routinen? Welche? 
Ich gieße die Pflanzen, machen Rückenübungen und repariere Dinge rund ums Haus.

Was wirst du zuerst unter­nehmen, wenn du wieder reisen und dich freier bewegen darfst? 
Ich hoffe, dass ich zu meiner Farm reisen kann, die 700 Kilometer südlich von Chennai liegt und dann ein bisschen Zeit in der Natur mit den Tieren verbringen kann. Ich würde nach sechs Monaten Auszeit auch gern zu meiner Firma ins Ausland fliegen, auch um meine Mitarbeiter zu sehen. 

Wofür bist du dankbar? 
Ich bin dankbar, dass ich Zugang zu allem Nötigen habe – und eine gute Gesundheitsversorgung, während Millionen nicht damit beschenkt sind.  
Ich bin auch dankbar, dass die Pandemie das ewige Hamsterrad verlang­samt hat und die Leute feststellen, wie wichtig ihre Gesundheit ist und wie wenig man eigent­lich braucht. Der Konsum führte zum ewigen Kreislauf, ständig etwas kaufen zu müssen. 

Wirst du etwas in deinem Leben verän­dern, wenn die Krise vorbei ist? 
Ich werde wohl mehr Zeit mit meinen Liebsten verbringen, eine Weile nicht ins Ausland fliegen, meine Ausgaben minimieren und es mir zu Gewohnheit machen, mit weniger zu leben. 

9. Susanne aus Kazuramimba/​Kigoma – Tanzania

Wie fühlst du dich gerade? 
Eigentlich ganz entspannt, aber ich bin schon besorgt, dass Covid-19 auch unser Dorf erreicht.  

Wo lebst du und was kannst du aus deinem Lieblingsfenster sehen? 
Ich lebe in meinem eigenen Haus auf einem Grundstück auf dem Land. Wenn ich aus den Fenstern schaue, sehe ich meine Pflanzen wachsen, Sojabohnen, Maniok, Avocadobäume und ich sehe meine Hühner mit ihren Küken. 

Was macht deine Umgebung einzig­artig und was gefällt dir dort am besten?
Ich habe immer schon von einem Ort geträumt, an dem ich autark leben kann und jetzt bin ich sehr nah dran an diesem Traum. Und obwohl dies Afrika ist, ist diese Region mit viel Regen gesegnet. Es ist also immer grün, blühend und voller wunder­schöner, bunter Vögel und Insekten. 

Was hast du während der Quarantäne für dich entdeckt, das du vorher noch nie gesehen oder festge­stellt hast? 
Ich sehe die Quarantäne als Möglichkeit, herunter zu fahren, auf die wichtigen Dinge des Lebens zu fokus­sieren und die Schönheit der Natur wahrzu­nehmen. Manchmal sitze ich einfach auf meiner Veranda und genieße es, wie die Welt einfach so vor mir liegt und dabei sah ich neulich den ersten Doppelregenbogen meines Lebens. 

Darfst du raus oder in die Natur, zumin­dest für eine Weile am Tag? Und wohin gehst du dann? 
Die Quarantäne ist hier nicht so streng. Es ist eher eine Empfehlung, dass du deinen Radius und den Kontakt zu anderen Menschen einschränkst. Bewegungsfreiheit ist also nicht das Problem, was gut ist, weil ich für mein Start-Up viel unter­wegs sein muss. Meist fahre ich zu meinem anderen Stück Land, wo Kühe und Ziegen laufen. Es liegt 14 Kilometer entfernt, im Nirgendwo, und du kannst es nur mit dem Motorrad errei­chen, weil es keine richtige Straße gibt. Das allein ist schon ein echtes Abenteuer. 

Was ist deine liebste Tageszeit? Und warum? 
Meine liebste Tageszeit ist der Nachmittag, wenn die Leute von der Arbeit auf den Feldern nach Hause gehen und vorher kurz bei mir vorbei­schauen, um ein bisschen zu plaudern, mir Geschichten zu erzählen oder einfach zu schauen, ob bei mir alles in Ordnung ist. Ich liebe das und ich liebe sie. 

Fühlst du dich sicher? 
Solange ich mich hier in meiner Nachbarschaft bewege und nicht so weit reisen muss, fühle ich mich sicher.

Wer sind zurzeit deine engsten/​wichtigsten Menschen?
Meine Eltern, insbe­son­dere meine Mutter, die mich immer über die Situation in Deutschland infor­miert – und mein Partner Elisha und mein lieber “baba” Juma, der hier in Tanzania die Rolle meines Vaters einge­nommen hat. All die Menschen, die mir nahe sind und auf die ich mich immer verlassen kann. 

Was macht dich in dieser Zeit beson­ders froh? 
Wenn ich die Tiere auf meiner Farm wachsen und gedeihen sehe und wenn ich ein paar Minuten habe, um mit meinen zwei Hunden zu spielen, bin ich absolut glück­lich. 

Was ist derzeit deine größte Herausforderung?  
Es ist ein bisschen wie Autofahren…man muss nicht nur für sich selbst mitdenken, sondern auch für alle anderen. Selbst wenn du selbst alle nötigen Vorkehrungen triffst, heißt es nicht, dass du sicher bist, weil viele andere nicht an ihre Sicherheit denken. 

Gibt es etwas Positives in dieser Lockdown-Zeit zu Hause, etwa im Homeoffice? 
Absolut. Ich denke, es ist eine großar­tige Chance für alle, einmal zur Ruhe zu kommen. Gehe einen Schritt zurück und konzen­triere dich auf die kleinen Dinge des Lebens, genieße, dass du Zeit hast, ein Buch zu lesen oder einfach aus dem Fenster zu schauen und deine Umgebung wahrzu­nehmen, vielleicht sogar, die Straße vor dem Haus, die sonst voller Autos ist – und jetzt total leer. Oder dass nicht ständig irgend­welche Flugzeuge über deinen Kopf fliegen. 

Hast du etwas Neues gelernt – was? 
Ja, ich habe eine lustige Sache festge­stellt. In Tanzania hat man Ziegen, gebrauchtes Öl und Papaya auf Covid-19 getestet und alle Ergebnisse waren positiv. Es sieht also so aus, dass sogar Personen in hohen Positionen die Situation hier nicht ernst nehmen, obwohl sie den Vorteil haben, bereits um die Erfahrungen und Ereignisse in Europa zu wissen.  

Hast du tägliche Routinen? Welche? 
Nach dem Aufwachen öffne ich immer zuerst die Tür zur Veranda. Dann brühe ich mir einen Kaffee auf und genieße es, gesund zu sein. 

Was wirst du zuerst unter­nehmen, wenn du wieder reisen und dich freier bewegen darfst? 
Ich denke, entweder werde ich einen Flug nach Hamburg buchen, um Familie und Freunde zu besuchen – oder ich werde es so arran­gieren, dass sie hierher kommen können. 

Wofür bist du dankbar? 
Ich bin dankbar dafür, Anfang des Jahres, noch vor dem Beginn der Covid-19-Krise, nach Tanzania ausge­wan­dert zu sein, was auch immer mich dazu gebracht hat. Ich bin dankbar, dass keine einzige geliebte Person krank ist, sondern alle glück­lich und gesund sind. 

10. Miguel, 38, aus Paris, Frankreich  

Wie fühlst du dich gerade? 
Wie ein Chamäleon, das sich an diese neue Situation gewöhnen muss.

Wo lebst du und was kannst du aus deinem Lieblingsfenster sehen? 
Ich in Paris in einem Studio mit einem großen Fenster, von dem ich auf ein bisschen Dachgarten schaue und auf andere Gebäude gegen­über. 

Was macht deine Umgebung einzig­artig und was gefällt dir dort am besten?
Es ist sehr licht­durch­flutet.

Was hast du während der Quarantäne für dich entdeckt, das du vorher noch nie gesehen oder festge­stellt hast? 
Dieser Alarm, der erzeugt wurde und dass die Regierung von einem sehr gefähr­li­chen Virus spricht. 

Darfst du raus oder in die Natur, zumin­dest für eine Weile am Tag? Und wohin gehst du dann? 
Ich bin ledig­lich zum Supermarkt gegangen. 

Fühlst du dich sicher? 
Ja. 

Was macht dich in dieser Zeit beson­ders froh? 
Zu kreieren.  

Was ist derzeit deine größte Herausforderung?  
Disziplin.

Gibt es etwas Positives in dieser Lockdown-Zeit zu Hause, etwa im Homeoffice? 
Zeit für Dinge zu verwenden, die ich eine lange Zeit nicht getan habe, etwa alte Freunde anzurufen.

Wen oder was vermisst du am meisten?
Meine Familie.

Hast du etwas Neues gelernt – was? 
Ein bisschen Motion Design. 

Hast du tägliche Routinen? Welche? 
Einmal am Tag mache ich zu Hause Sport.

Was wirst du zuerst unter­nehmen, wenn du wieder reisen und dich freier bewegen darfst? 
Einen Road Trip mit meinem neuen Auto.

Wofür bist du dankbar? 
Für Neugier und Optimismus.


Kommentar

  1. Avatar von Marcel Rübesam

    Ein toller Artikel und eine gute Idee mal den Blick aus anderen Fenstern zu sehen. Nun langsam läuft ja alles wieder an und ich bin froh das man mal wieder vieles schätzen gelernt hat, was sonst so normal schien. Oder? Liebe Grüße Marcel von https://reiseziele.jetzt/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert