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Dschungel, Regenbogenberge und andere utopische Orte

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Dschungel, Regenbogenberge und andere utopische Orte

03.November 2018- El Bolson, Argentinien

Über eine wacke­ligen Holzblanke steigen wir von dem kleinen Amazonasdampfer, mit dem wir nach unserem Kanuabenteuer von Tabatinga bis hierher gefahren sind, hinab. Kaum haben wir wieder festen Boden unter den Füßen, werden wir voll in das Stadtleben  einge­saugt. Autos, Motorräder und Busse brummen hektisch an uns vorbei, HändlerInnen preisen lautstark ihr Obst und Gemüse an.

Manaus – eine Millionenstadt mitten im Dschungel. Ihre Blütezeit hatte die Stadt während des Kautschukbooms als dort vor allem nordame­ri­ka­ni­sche und europäi­sche Händler, oft durch Ausbeutung von Menschen und Natur, ihre Geschäfte trieben. Nachdem der Boom vorbei war und die Stadt in Armut versank, erklärte die damalige Regierung Manaus Ende der 20er Jahre zur zollfreien Zone, um die Wirtschaft anzukur­beln.

m 19. Jahrhundert wurde die Stadt auch „Paris der Tropen“ genannt. Mit den einfließenden Geldern des Kautschukbooms wurden G…
m 19. Jahrhundert wurde die Stadt auch „Paris der Tropen“ genannt. Mit den einflie­ßenden Geldern des Kautschukbooms wurden Gebäude nach europäi­schem Vorbild gebaut.
Als die Samen des Gummibaums nach Asien geschmuggelt wurden, verlor das Gebiet sein Handelsmonopol. Die Stadt fiel in Armut.
Als die Samen des Gummibaums nach Asien geschmug­gelt wurden, verlor das Gebiet sein Handelsmonopol. Die Stadt fiel in Armut.
Trotz der Geschichte und der isolierten Lage ist das heutige Manaus der kulturelle Mittelpunkt des Amazonasgebiets mit einem…
Trotz der Geschichte und der isolierten Lage ist das heutige Manaus der kultu­relle Mittelpunkt des Amazonasgebiets mit einem großar­tigen kultu­rellen Angebot.
Marcelo, Franklin, Raquel und Maria sind Teil von den Tupiniqueens, eine Gruppe junger LGBTQ-Leute aus Manaus, die zusammen…
Marcelo, Franklin, Raquel und Maria sind Teil von den Tupiniqueens, eine Gruppe junger LGBTQ-Leute aus Manaus, die zusammen für eine offenere und freiere Gesellschaft kämpfen. Im Jahr 2017 starben in Brasilien 445 Menschen als Opfer von Homophobie, die höchste Todesrate seit Jahren. Lisa blieb einen Monat länger in Manaus, um mehr über die jungen Künstler*innen zu erfahren.

Manaus ist unsere letzte Station auf der Reise durch den Amazonas. Von hier aus verlasse ich den Fluss und fahre über Land weiter Richtung Bolivien. Lisa wird noch eine Weile in Manaus bleiben und ein paar Wochen später nach Buenos Aires kommen. Zuerst überlege ich, die 800 Kilometer lange Strecke über Porto Velho, die bis zur bolivia­ni­schen Grenze eigent­lich nur durch den Dschungel führt, zu trampen.

Als Jessica, bei der wir in Manaus übernachtet hatten, mich aber fragt „Welche Straße meinst du denn? Davon habe ich noch nie etwas gehört!“ beschließe ich doch lieber einen Bus zu nehmen. Anscheinend ist die Straße kaum befahren und das Trampen mitten durch den unbewohnten Dschungel könnte einige Tage oder gar Wochen dauern. Und tatsäch­lich. Während der 24 Stunden langen Busfahrt kommt uns kaum ein Auto entgegen, die Straße ist staubig und voll mit Schlaglöchern. Nur ganz langsam quält sich der Bus über diese scheinbar endlose Erdpiste…

Letzte Umarmung bevor es für mich mit dem Bus weiter Richtung Bolivien geht. Lisa wird noch einen Monat in Manaus bleiben, b…
Letzte Umarmung bevor es für mich mit dem Bus weiter Richtung Bolivien geht. Lisa wird noch einen Monat in Manaus bleiben, bevor wir uns dann in Buenos Aires wieder treffen.

Mitten in der Nacht hält der Bus an dem Ufer eines Flusses an, der den Straßenverlauf unter­bricht. Hier steigen wir alle aus und warten auf die kleine Fähre, die uns und den Bus auf die andere Seite bringen soll. Während wir warten, kommt langsam der Mond hinter einer dicken, tropi­schen Regenwolke hervor und taucht den dichten Wald in mattes, silbernes Licht. Plötzlich wird die stille schwarze Oberflächliche des Flusses durch­bro­chen und eine Familie pinker Delphine taucht schnau­bend auf.

Die ganze Szenerie zieht mich in ihren Bann: es scheint, als würde sich der Dschungel nochmal in all seiner Schönheit und Mystik präsen­tieren wollen, eine Art letzter Abschiedsgruß, bevor es weiter Richtung Hochgebirge geht.

Am nächsten Tag kommen wir  bei Abenddämmerung in der brasi­lia­ni­schen Stadt Porto Velho an. Für den Bus ist hier Endstation. Heute werde ich nicht mehr weiter kommen. Also heißt es: Schlafplatz finden. Die Busstation liegt etwas außer­halb, in einem Art Industriegebiet, hier und da schlei­chen ein paar dunkle Gestalten durch den Dunst der Nacht. In der Ferne sehe ich das Wort „MOTEL“ neongelb aufleuchten. Vielleicht kann ich dort einen Unterschlupf finden. Kein Problem – für 4 Real (etwa einen Euro) kann ich mein Zelt im Innenhof aufschlagen.

Die lange, staubige Erdpiste von Manaus nach Porto Velho führt über 800 Kilometer durch nahezu unbewohntes Gebiet. In der Re…
Die lange, staubige Erdpiste von Manaus nach Porto Velho führt über 800 Kilometer durch nahezu unbewohntes Gebiet. In der Regenzeit ist diese Strecke nicht befahrbar, da sie sich in eine reine Schlammpfütze verwan­delt.

Dann geht es weiter über das Grenzstädtchen „Guajará-Merin“ auf die bolivia­ni­sche Seite Richtung La Paz. Langsam aber stetig verän­dert sich die Landschaft. Es wird trockener, die grüne Pracht des Dschungels verläuft sich und geht langsam in eine Steppenlandschaft über. Bald schon zeichnen sich am Horizont die Berge der Andenvorläufer ab und schnee­be­deckte Gipfel werden sichtbar.

Die dicht bewaldeten Yungas- Berge im Norden Boliviens.
Die dicht bewal­deten Yungas- Berge im Norden Boliviens.

Inzwischen fahren wir nur noch auf engen Hochlandstraßen. Plötzlich kommt uns in einer Kurve ein voll beladener LKW entgegen. Konzentriert aber geschickt tastet sich der schwere Truck langsam an der Felswand entlang die die Straße nach links hin begrenzt. Rechts geht es steil bergab. Es gibt keine Leitplanke, nichts. Unser Bus hält an. Wohin sollen wir auswei­chen?

Der Busfahrer beschließt schließ­lich, den Bus langsam zurück zu setzten, um dem LKW Platz zu machen. Bestimmt ist der Fahrer diese Manöver schon gewöhnt, mir wird aller­dings schwin­delig vor Angst. Als die restli­chen Passagiere anfangen zu schreien: „Machen Sie sofort die Türen auf damit wir aussteigen können! Wir wollen nicht sterben!“, merke ich, dass meine Angst doch vielleicht nicht so unberech­tigt ist. Wir steigen aus und laufen ein paar Meter, bis das gefähr­liche Stück vorbei ist. Währenddessen manövrieren die beiden ihre Fahrzeuge geschickt anein­ander vorbei. Dann steigen wir wieder ein und die Fahrt geht weiter.

Die unbefestigte, enge Hochlandstraße führt ohne Leitplanken an steilen Abhängen vorbei. Als uns der LKW entgegen kommt, ger…
Die unbefes­tigte, enge Hochlandstraße führt ohne Leitplanken an steilen Abhängen vorbei. Als uns der LKW entgegen kommt, gerate ich kurz in Todesangst.

Endlich errei­chen wir La Paz in Bolivien. Eine magische Stadt, wie von einem anderen Planeten. Auf etwa viertau­send Meter Höhe liegt sie einge­bettet zwischen spitzen, grauen Berghängen. Am ersten Tag bin ich wie ausge­knockt: die Höhe, das Chaos, die Kälte, die Hektik.

Ich muss erst mal ankommen in dieser neuen Szenerie.

La Paz: die Höchstgelegene Verwaltungshauptschadt der Welt.
La Paz: die Höchstgelegene Verwaltungshauptschadt der Welt.
Auf mehr als 4000 Meter Höhe über dem Meeresspiegel liegt der Stadtteil „El Alto“. Hier befindet sich einer der größten Märk…
Auf mehr als 4000 Meter Höhe über dem Meeresspiegel liegt der Stadtteil „El Alto“. Hier befindet sich einer der größten Märkte der Welt.

Nur ein paar Tage bleibe ich in dem kleinen Land. Denn eigent­lich will ich weiter nach Buenos Aires. Unterwegs hatten wir gehört, dass es dort eine kleine Gemeinschaft in der Nähe der Uni geben soll: Velatropa.

Also trampe ich weiter über die Grenze durch den Norden Argentiniens, vorbei an meter­hohen Kakteen, bunten „siete colores“ Bergen, am Pfeiler der den Wendekreis des Steinbocks markiert und weiter durch scheinbar unend­lich weitläu­figes Land.

Weitläufige, bergige Landschaft im Norden Argentiniens.
Weitläufige, bergige Landschaft im Norden Argentiniens.
Magisch und scheinbar wie gemalt ragen die bunten Berge aus dem trockenen, kargen Umland heraus.
Magisch und scheinbar wie gemalt ragen die bunten Berge aus dem trockenen, kargen Umland heraus.

In fast jedem Auto werde ich von den FahrerInnen auf einen „Mate“ einge­laden. Mate-Tee besteht aus klein geschnit­tenen Blättern, die in einem Trinkgefäß (ursprüng­lich die ausge­höhlte und getrock­nete Hülle eines Kürbisses) mit heißem Wasser aufge­schüttet und durch einen metal­lenen Strohhalm getrunken werden. Das Getränkt ist hier so unver­zichtbar wie in Italien der Café.

Ganz beliebt sind hier im Norden neben dem Mate auch Kokablätter, die in höher gelegenen Regionen vor allem gegen die Symptome der Höhenkrankheit gekaut werden. Eduardo, in dessen LKW ich seit ein paar Stunden unter­wegs bin, hat eine ganze Tüte unter seinem Sitz verstaut und greift regel­mäßig hinein, um sich eine neue Portion in die Backen zu stecken. „Willste auch mal probieren?“ fragt er und streckt mir eine handvoll Blätter entgegen. „Du musst die Blätter zerkauen und dann in deiner Backe lassen. Hält wach und unter­drückt das Hungergefühl.“

Später gesteht er mir, dass unter seiner offizi­ellen Ladung einige Kilo Kokablätter versteckt liegen, die er weiter im Süden verkaufen will, um sein spärli­ches Gehalt aufzu­sto­cken. Kokablätter für den Eigenkonsum sind hier erlaubt, Mengen die darüber hinaus gehen sind jedoch illegal. Gelassen hält er der Polizei seine Papiere hin, als wir in eine Kontrolle geraten. Mit einem Grinsen im Gesicht fährt er weiter als die Polizei ihn durch­winkt. „Die merken nie was. Keine Sorge…“

Auf dem Weg nach Buenos Aires mache ich einen Stopp in San Marcos Sierras. Das kleine Dorf ist dadurch bekannt, dass sich in…
Auf dem Weg nach Buenos Aires mache ich einen Stopp in San Marcos Sierras. Das kleine Dorf ist dadurch bekannt, dass sich in den 1940er Jahren hier AussteigerInnen und Hippies angesie­delt und dem Dorf seither einen eigenen Charakter verliehen haben. Im Dorfeigenen „Hippie-Musem“ kann man mehr über die Geschichte des Dorfes und die Hippiekultur erfahren.

Insgesamt fünf Tag brauche ich von der bolivianisch/​ argen­ti­ni­schen Grenze bis nach Buenos Aires. Abends schlage ich irgendwo an einem geeig­neten Ort mein Zelt auf und trampe erst morgens, bei Tageslicht weiter.

Willkommen im Velatropaland- ein kleines Universum mitten in Buenos Aires

Velatropa: Ein kleines Universum auf dem Universitätsgelände mitten in der 14-Millionen Metropole Buenos Aires. Wo jetzt Menschen leben und die Natur sich wieder frei entfalten kann, war vor ein paar Jahren noch ein grauer, trister Betonplatz. Restmüll, Bauschutt und städti­scher Abfall wurde hier abgeladen, bis eine Gruppe von Studierenden den Platz vom Müll befreit und eine grüne Oase geschaffen hat. Aus einem Teil der Gruppe ist die Gemeinschaft „Velatropa“ entstanden. Seit mehr als zehn Jahren leben hier nun Studierende, KünsterInnen, Reisende…. Es ist ein Ort zum Lernen, Leben und experi­men­tieren.

Die offene Küche und das kleine Häuschen auf dem Hauptplatz: hier treffen sich alle zum Essen, Musikmachen usw.
Die offene Küche und das kleine Häuschen auf dem Hauptplatz: hier treffen sich alle zum Essen, Musikmachen usw.
Die zahlreichen kleinen Baumstecklinge und Ableger warten auf den bevorstehenden Frühling. Dann werden sie entweder auf dem…
Die zahlrei­chen kleinen Baumstecklinge und Ableger warten auf den bevor­ste­henden Frühling. Dann werden sie entweder auf dem Velatropa- Gelände oder in dem nahe gelegenen Naturschutzgebiet einge­pflanzt.

Als ich in den Gemeinschaft ankomme ist es schon Nachmittag. Ein paar Leute haben sich zum Plenum auf dem Hauptplatz um das Feuer herum versam­melt. Ich werd mit herzli­chen Umarmungen begrüßt und einge­laden, mich in die Runde dazu zu setzen. Agustin streckt mir einen Mate entgegen und wir kommen schnell ins Gespräch. Er erzählt mir, dass Velatropa gerade in einer schwie­rigen Situation ist: „Die Uni will, dass wir den Platz räumen. Die wollen hier einen Parkplatz bauen. Dass wir als Studierende hier einen Ort haben, an dem wir unser Wissen direkt im Garten oder im Wald anwenden können, dass wir hier Lebensraum für Tiere, Pflanzen und Menschen geschaffen haben, inter­es­siert die nicht.“ Das ist heute auch das große Thema im Plenum: Wie soll es weiter­gehen? Was, wenn die Polizei anrückt, um den Platz zu räumen?

Gemeinsames Frühstück vor dem „Tempel“.
Gemeinsames Frühstück vor dem „Tempel“.

Nach dem Plenum zeigt mir Dani in dem kleinen Waldstück neben dem Garten, eine Stelle an der ich mein Zelt aufschlagen kann. Hier stehen, versteckt zwischen dem dichten Grün der Bäume, auch die anderen Zelte in denen einige der VelatropianerInnen leben. Ansonsten gibt es auf dem Gelände noch ein paar bewohnte, aus Naturmaterialien oder Sperrmüll gebaute Häuschen. Zum Beispiel der sogenannte „Tempel“, eine Konstruktion im Eingangsbereich, die komplett aus alten Holzbalken, Fenstern, Autoreifen, Kotflügel, Türen besteht – alles, was in der Stadt sonst auf der Müllhalde gelandet wäre.

Alte Fensterrahmen, Holzbalken und alles was man sonst noch so auf dem Sperrmüll finden kann dienen als Baumaterial für die…
Alte Fensterrahmen, Holzbalken und alles was man sonst noch so auf dem Sperrmüll finden kann dienen als Baumaterial für die kleinen Häuschen.
Weil niemand hier ein Auto hat, ziehen wir das „Baumaterial“ mit einem umfunktionierten Einkaufswagen durch die Stadt.
Weil niemand hier ein Auto hat, ziehen wir das „Baumaterial“ mit einem umfunk­tio­nierten Einkaufswagen durch die Stadt.
Die „casita de techo verde“ – das Haus mit dem grünen Dach besthet aus recyceltem Holz, Glasflaschen, Stroh, Steinen und Leh…
Die „casita de techo verde“ – das Haus mit dem grünen Dach besthet aus recyceltem Holz, Glasflaschen, Stroh, Steinen und Lehm.

Am nächsten Tag krieche noch etwas verschlafen aus dem Schlafsack und mache mich auf den Weg zur Küche. Die „Küche“ ist eigent­lich eher ein offener, mit Wellblech überdachter Platz mit zwei Feuerstellen – das Herz der Gemeinschaft. Hier treffen sich alle zum gemein­samen Frühstück, Mittagessen, zum Matetrinken, zum Plenum oder zum Musikmachen am Abend.

Gestern am Lagerfeuer hatte ich mich mit Cesar kurz über die Organisation von tägli­chen Aufgaben wie kochen, Holz sammeln etc. unter­halten. Weil Velatropa sich als hierar­chie­freier Ort, ohne Führungsperson, Hierarchien oder festen Regeln versteht, gilt einfach das Motto „Wenn du eine Aufgabe siehst, ist es Deine!“

Gemeinsam bereiten wir das Mittagessen zu. Es gibt keine festen Pläne oder Aufgabenverteilung. Wer gerade vorbei kommt, schl…
Gemeinsam bereiten wir das Mittagessen zu. Es gibt keine festen Pläne oder Aufgabenverteilung. Wer gerade vorbei kommt, schließt sich an und hilft mit.
Frischer Kräutersalat aus dem Garten. Die Mehrheit der VelatropianerInnen ernährt sich vegetarisch und in der Küche wird kei…
Frischer Kräutersalat aus dem Garten. Die Mehrheit der VelatropianerInnen ernährt sich vegeta­risch und in der Küche wird kein Fleisch zubereitet. Wer Fleisch essen oder Alkohol trinken möchte, macht das außer­halb der Gemeinschaftsbereiche.

Ich geselle mich zu der kleinen Gruppe, die um die Feuerstelle herum steht und das Frühstück zubereitet. Leyda kündigt gerade einen Workshop zum Thema Permakultur an, zu dem er uns für Freitag einlädt. Vor allem am Wochenende finden hier Workshops und Aktivitäten statt, z.B. gemein­same Gartenarbeit, Yoga, Herstellung von Naturfarben oder Kurse zum Thema ökolo­gi­sches Bauen und erneu­er­baren Energien.

„Julia, hast du Lust gleich mit mir ein paar T‑shirts und Stoffe zu bedru­cken?“ fragt mich Maca, die ihr Siebdruckmaterial bereits auf einem Tisch ausge­breitet hat. Cesar schlägt vor, dass wir uns vorher noch in der Nähe vom Fluss zum Yoga zu treffen.

So läuft das hier: Am Morgen weißt du nicht, was dich erwartet. Alles fließt, alles kreiert sich in dem Moment, in dem es entsteht.

Siebdruck mit Maca
Siebdruck mit Maca
Lucy ist ein paar Tag ein der Gemeinschaft zu Besuch und bietet spontan eine Agroyogastunde am Nachmittag an
Lucy ist ein paar Tag ein der Gemeinschaft zu Besuch und bietet spontan eine Agroyogastunde am Nachmittag an

Mit der Zeit lerne ich die BewohnerInnen näher kennen und fange an, in das bunte Velatropauniversum einzu­tau­chen. Hier leben im Moment um die fünfund­zwanzig Menschen, die zwischen 18 und 45 Jahre alt sind. Alle mit der gleichen Vision: Einen Ort schaffen, an dem sich Natur und Menschen frei entfalten können, wo ein bewusstes, nachhal­tiges Leben gelebt wird. Ein Leben frei von Ausbeutung, Zwängen, Autoritäten und Konsumzwang. Velatropa ist ein Ort zum experi­men­tieren: mit erneu­er­baren Energien, Permakultur, Gartenbau, nachhal­tigen Bauweisen, Musik, Kunst und dem Leben in Gemeinschaft.

In dem kleinen Gewächshäuschen werden Samen gezogen und kleine Jungpflanzen aufbewahrt, bis sie in den Garten eingepflanzt w…
In dem kleinen Gewächshäuschen werden Samen gezogen und kleine Jungpflanzen aufbe­wahrt, bis sie in den Garten einge­pflanzt werden. Zu dem Permakultur Konzept der Gemeinschaft gehört auch, dass auf chemi­sche Düngemittel verzichtet wird und die Pflanzen so angepflanzt werden, dass sie sich gegen­seitig unter­stützen können.
Regelmäßig finden Workshops, Kurse und Vorträge u.a. zu den Themen Gartenbau, Permakultur und nachhaltiger Landwirtschaft st…
Regelmäßig finden Workshops, Kurse und Vorträge u.a. zu den Themen Gartenbau, Permakultur und nachhal­tiger Landwirtschaft statt.

„Ihr habt das Geld, aber wir die Fantasie!!“

Am Nachmittag lädt Velatropa zum Varieté: KünstlerInnen, MusikerInnen, Clowns und JongleurInnen kommen vorbei. Francisco hat eine menge bunter Acrylfarben auf dem Boden ausge­breitet und malt unsere Gesichter an.

Dröhnend fliegen die Flugzeuge über uns hinweg. Am Tag sind es mehr als fünfzig, die im Landeanflug zum nahe gelegenen Flughafen sind. Es fällt mir schwer, mich an den Krach zu gewöhnen.

Vorne, auf der kleinen Bühne baut sich der Clown auch ein Flugzeug zusammen, aller­dings aus Holz und einem Hulahupreifen. Er schreit den großen stählernen Vögeln mit der erhobenen Hand hinterher: „Ihr habt das Geld, aber wir die Fantasie!“. Alle Lachen. Ja, wir haben die Fantasie. – dadurch lebt dieser Ort. Hier pulsiert das Leben in bunten Farben. Der Moment ist alles. Und jeder Moment ist eine neue Überraschung.

Abends, kurz bevor die Geschäfte schließen, gehen wir in die Stadt und fragen in den Geschäften nach, ob heute etwas übrig geblieben ist, was sonst im Müll landen würde: Obst, Gemüse, Brot, Kuchen, Gekochtes. Jedes Mal gibt es etwas. Manchmal mehr, manchmal weniger. An manchen Abenden kommen wir mit einem ganzen Einkaufswagen voll mit „recyceltem“ Essen zurück in die Gemeinschaft. Weil nicht viel gekauft werden muss bezahlen wir nur 100 Pesos pro Person, das sind etwas mehr als zwei Euro pro Woche, in die kollek­tive Lebensmittelkasse ein.

Wir, mehr als fünfund­zwanzig Menschen, ernähren uns von dem, was andere in die Mülltonne schmeißen würden.

Ein Einkaufswagen voll mit containertem Obst und Gemüse. Sobald die Tomate, der Kohl oder Apfel eine kleine schimmelige oder…
Ein Einkaufswagen voll mit contai­nertem Obst und Gemüse. Sobald die Tomate, der Kohl oder Apfel eine kleine schim­me­lige oder braune Stelle hat, sind sie nicht mehr für den Verkauf geeignet und landen norma­ler­weise im Müll.

Als wir wieder zurück­kommen sitzen ein paar Leute um das Feuer herum, spielen Gitarre. Währenddessen wird über die Frage disku­tiert, wer denn eigent­lich in den Häuschen wohnen soll, von denen es fünf Stück auf dem gesamten Gelände gibt. Weil Velatropa sich als hierar­chie­freier und selbst­or­ga­ni­sierter Ort versteht, werden Entscheidungen im Plenum auf der Basis von Konsensus getroffen, das erfor­dert Zeit und Geduld. Wir disku­tieren viel über diese Frage, kommen zu keinem Ergebnis. Irgendwann wird die Gruppe eine Lösung finden, nach einigen Diskussionen, Reunionen, Plenaren..

Das Leben in Gemeinschaft erfor­dert Geduld, Ehrlichkeit – vor allem mit sich Selbst- gegen­sei­tiges Verständnis und noch einiges mehr, dass Zeit braucht, um sich zu entwi­ckeln. Velatropa ist ein Experiment. Nicht nur, um zu beobachten und zu experi­men­tieren, wie die Natur sich langsam wieder einen Betonplatz zurück­holt. Sondern auch, um sich als Individuum mit sich und dem Leben in Gemeinschaft ausein­an­der­zu­setzen.

Bis ans Ende der Welt: Auf geht’s nach Patagonien!

Die Zeit scheint zu fliegen. Lisa ist vor ein paar Tagen in Velatropa angekommen und heute steht der elfte September im Kalender, der Tag an dem unsere Schwester Michelle hier in Argentinien besuchen und ein paar Wochen gemeinsam mit uns reisen wird.

Schweren Herzens, aber mir Vorfreude auf die kommende Zeit, verab­schiede ich mich von Velatropa und wir machen uns auf den Weg Richtung Süden, nach Patagonien….

 

 

 

 

 


Kommentar

  1. Avatar von Miranda
    Miranda

    Dschungel verbinde ich mit Freiheit!

    LG,
    Miranda
    Blog

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