Oder: Die Lektionen von Australiens Flinders Ranges

Unter den Sternen des Outbacks

Das echte, wilde Australien beginnt dort, wo die Zivilisation aufhört. Im Outback, jenem roten Herzen Australiens. Doch das ist nicht nur synonym mit Uluru/Ayers Rock, wie viele meinen. Wer die rote Wildnis und all ihre Vielseitigkeit ganz für sich haben möchte, ist besser in den Flinders Ranges aufgehoben.

„Einen Lehrer gibt es, wenn wir ihn verstehen; es ist die Natur“, wusste schon Heinrich von Kleist. Ich gebe ihm recht, ist es doch stets in der Einöde, dass ich etwas zu verstehen beginne. Über die Welt, andere Menschen, mich. Immer ist es in der Natur, dass ich Antworten auf Fragen finde, derer ich mir vorher nicht bewusst war. So auch weit draußen in den australischen Flinders Ranges, auf dem Arkaba Walk, einem der Great Walks of Australia.

Von oben ist alles anders

Sie ist so anders, die Perspektive von hoch oben als von dort, wo man mit beiden Füßen mittendrin steht. Egal, wie dieses Mittendrin auch aussieht. Von dem winzigen Flieger aus ist der erste Blick aufs Outback der Abklatsch meiner Fantasie. Rot. Horizontlos. Lebensfeindlich, aber mit unzähligen Narben, die doch von Leben und Gelebtem erzählen. Mittendrin die Flinders Ranges – Flinderskette – ein 500 Kilometer langer Gebirgszug, der den Westen vom Osten teilt, im Norden South Australias. Ein Gebirgszug aus Steinen, die teils eine Milliarde Jahre auf dem Buckel haben. Eine Vorstellung, die jegliches Jammern über das menschliche Altern ins Lächerliche zieht.

Irgendwo im roten Nirgendwo vereint sich der Flieger mit Erde und Staub. „Hawker. Hub of the Flinders“, steht Schwarz auf Weiß vor einer Hütte mit rotem Dach.

In mir kribbelt es, wie es nur an neuen Orten kribbelt, die nicht wie ein ganz weißes, aber dennoch unbeschriebenes Blatt vor mir liegen. Ein Blatt, das sich mit Momenten füllen soll. Meine drei Mitreisenden und ich, zwei Briten und ein Amerikaner, werden von Darlene begrüßt, einer Neuseeländerin, die nach ihrer Kreuzfahrtschiff-Karriere nun seit Jahren als Wanderführerin arbeitet. Sie ist unser Guide für die kommenden Tage auf dem Arkaba Walk. Ian, ein Fahrer, der sich wohl viel deftiges Buschessen reinzieht, begleitet sie.

Nachdem uns Darlene den Arkaba Walk grob erklärt hat – normalerweise eine dreitägige Wanderung mit drei Übernachtungen, vom berühmten Wilpena Pound (ein von der Natur geschaffenes Amphitheater aus Bergen) über die Ausläufer der Elder Range, Red Range und Arkaba Creek, von denen wir aber nur zwei Tage nachwandern. Dabei sind 60.000 Morgen – fast 243 Quadratkilometer – von Arkaba heute in privatem Besitz, nachdem das Gebiet erstmals 1851 von den englischen Browne Brothers besiedelt wurde, und dienen dem Erhalt der Tierwelt und Landschaft. Der Walk wird in den Broschüren als Wanderung durch die Geschichte angepriesen, mit ständig wechselnden Landschaftsbildern und vielen Tieren. Im ersten Moment sind die einzigen Tiere, mit denen wir zu kämpfen haben, Heere von Fliegen, die uns belagern, als wären wir von Misthaufen umgebene Pferde. Eine der kleinen Nebenwirkungen des Outbacks. Mich soll‘s nicht stören – Sonnenbrille auf, Mund zu, Problem gelöst.

Während uns Ian vom Flughafen weg und in die Landschaft hineinfährt, glaube ich das mit den wechselnden Landschaften langsam. Noch habe ich die rote Weite vom Flugzeug auf der Linse, doch wenige Kilometer weiter sprenkeln grüne Farbtupfer die nach Wasser lechzende Landschaft. Was von oben leichenstarr wirkt, steckt in Wirklichkeit voller Leben. Kängurus, so rot wie die Erde, hüpfen auf ihrer Sonnenflucht unter den nächsten Baum. Sie sind größer und kräftiger als die Kängurus, die ich im Süden gesehen habe. „Hier ist jeder kleine Busch und jede Pflanze wichtig, denn viele speichern Wasser, das die Kängurus trinken.“ Ich schaue mir die Triebe am Boden an, über die ich hinwegtrampele. Leben, wohin ich trete und schaue. Nur, dass ich das erst jetzt, wo ich mittendrin stehe, kapiere.

„1.200 Kilometer sind nichts“

Ich wuchs in einer Kleinstadt 15 Kilometer von Köln entfernt auf, und damals erschienen mir 15 Kilometer unendlich viel. Sie bedeuteten eine lange Zugfahrt von 20 Minuten. Später erschienen mir 40 Kilometer Fahrt bis zu meinem ersten Arbeitsplatz viel. Damals hatte ich noch nicht mit Ian gesprochen. „Ich fahre hier drei Mal wöchentlich die Post aus, jeweils auf einer Strecke von über 1.200 Kilometern“, berichtet er. Das wäre ungefähr so, als würde ein deutscher Postbote dreimal wöchentlich von Hamburg nach Mailand fahren, um unterwegs alle Briefkästen zu füllen.

Kurz halten wir am Briefkasten von Farmer Keith, der die Form eines schrill pinken Minijeeps hat. Sonst weit und breit nichts, auch der Bauernhof ist nicht in Sicht. Um seinen Briefkasten zu erreichen, muss Keith wohl selbst in den Jeep steigen.

Ich denke über Entfernungen nach, darüber, was unser Empfinden von Distanz prägt. Normalerweise wohl das, was wir gewohnt sind. Wer in Mitteleuropa aufwächst, empfindet es als normal, dass das eigene Häuschen an dem der Nachbarn klebt oder gar eingequetscht ist zwischen einer Latte identisch aussehender Buden. 10 Kilometer sind eine ganze Menge, 20 erst recht, ab 50 spricht man von einer längeren Fahrt. Und mit der Nähe von Dörfern und Städten wird auch die ständige Nähe anderer Menschen zur Normalität. In Deutschland mehr als in Finnland, in Tokyo oder Seoul mehr als in Deutschlands Städten.

Während uns Darlene fort von der Straße und rein in die Wildnis führt, lasse ich mich zurückfallen. Mir wird schon die Nähe der anderen Vier fast zu viel. Die Natur scheint mir ein immer besserer Zufluchtsort, weil sie so viel Raum bietet. Und den Luxus, nicht reden und nicht zuhören zu müssen. Nicht wie ein Handy oder PC mit ständig angeschaltetem WLAN auf Dauerempfang zu sein und zu senden und zu empfangen, als gäbe es kein Morgen. Ich genieße sie, diese Momente, in denen der Sender auf Aus steht. Nichts geht rein, nichts raus. Ich bin einfach, hier und jetzt.

Auch Bäume haben Pickel

Ich mag, dass in der Natur nichts perfekt und doch alles vollkommen ist. „Früher wurde in Arkaba Bariumzusatz abgebaut, dann begann die Schafhaltung“, erzählt Darlene. Beim Arkaba Homestead, wo wir die zweite Nacht verbringen sollen, gebe es gar eine der ältesten Schurhütten in South Australia. Dass wir kein einziges Schaf sehen, hat einen Grund: Seit 2013 gibt es keine Schafe mehr. Die Regierung wolle auf „carbon farming“ umstellen, subventioniere dabei die hiesigen Bauern. Ich habe noch nie von Kohlenstoff-Landwirtschaft gehört, doch laut Darlene soll diese auch dem Klimawandel entgegenwirken. Damit sich der Kohlenstoff im Boden anreichert, muss dieser vor allem in Ruhe gelassen werden. Zum Anbau werden Samen direkt in die Erde gegeben, damit Wurzeln und Reste vorheriger Ernten organisches Material bilden und die bereits im Boden befindlichen organischen Materien nicht mehr so leicht verkümmern.

Darlene liest etwas vom Boden auf. Etwas, das aussieht wie eine schwarze Zimtschnecke. „Das ist die Ausscheidung eines Emus“, erklärt die Neuseeländerin strahlend, später sollen wir auch über Emu-Eier stolpern. Der Gedanke an ein baldiges Picknick verpufft.

„Die Steine hier sind 560 Millionen Jahre alt“, redet Darlene weiter, als hätte sie nicht gerade Emu-Kacke zwischen den Fingern. „Ihr bewegt euch ständig zwischen verschiedenen Zeitachsen.“ Wir schweigen, gefangen in der Weite der Landschaft, die geröllig und felsig und durstig an der Bergkette am Horizont bricht. Wir müssen sie nur mit umherhüpfenden Kängurus teilen. „Die Tiere denken bestimmt, wie blöd wir sind, in der Sonne rumzulaufen, wenn man bei Hitze doch am besten unterm Baum im Schatten bleibt“, lacht Darlene. Zugegeben, in manchem Moment würde ich gern mit einem Känguru tauschen.

Sobald sie unser Eindringen in ihren Lebensbereich spüren, bleiben sie stehen, beobachten uns. Bleiben sitzen, bis sie die Nähe als bedrohlich empfinden und sich aus dem Staub machen. Richtig aktiv seien sie nur nachts und in den frühen Morgenstunden. Sobald Darlene „Look, a roo!“ ausruft, schnellen unsere Köpfe in die angezeigte Richtung. Dabei ist Roo nicht gleich Roo. Am häufigsten in den Flinders Ranges sind Western Grey Kangaroos, Red Kangaroos, Euros – nein, kein Bargeld aus Europa, dies ist auch eine Känguru-Art – sowie Yellow-footed Rock Wallabys. Am häufigsten scheinen die grauen zu sein, wobei ich sie so richtig nicht zu unterscheiden lerne.

Picknick gibt es nach bestem Känguru-Beispiel im Schatten. „Was ist mit dem Baum los?“, will die Engländerin wissen und deutet auf ein schwarz-braunes Geschwür am hellen Stamm. „Ich sage immer, das ist ein Pickel“, kichert Darlene.

Wie beruhigend, dass sich auch Bäume mit diesem Leiden herumschlagen müssen. Natur halt. Genau wie meine erste Buschtoilette, bei der ich mich beobachtet fühle. Als ich mich umsehe, sitzt es da. Ein Känguru, das hinter einem Felsen hervorlugt und von Privatsphäre anscheinend noch nichts gehört hat. Und wohl auch noch keinen Menschenhintern gesehen.

5-Millionen-Sterne-Hotels rule

Wieso legen wir uns nicht zu Hause im Sommer nachts auf den Balkon, um in den Sternenhimmel hochzuschauen? Warum gehen wir nicht jeden Abend auf eine Wiese und schauen zu, wie das Sternenzelt über uns angeknipst wird? Das sind die Fragen, die ich mir in der kommenden Nacht stellen soll. Aber zuerst einmal erreichen wir gegen 16 Uhr – uns bleiben noch zwei Stunden Sonnenlicht – das Elder Camp. Jenen einfachen und doch einmaligen Ort, mit dem sämtliche australische Urlaubsbroschüren werben. So oft habe ich das Bild angeschaut, auf dem eine langhaarige Frau auf einer Plattform neben ihrem Swag – eine Art besserer Schlafsack mit weicher Unterlage – sitzt und entspannt auf die von der Sonne rot bemalte Gebirgskette schaut. Ich konnte nicht glauben, dass bald ich dort sitzen würde. Langhaarig, entspannt, mitten in der Natur.

Jeder von uns bekommt eine Drei-Minuten-Dusche, geduscht wird mit Blick ins Grüne, fürs Haarewaschen reicht es nicht. Egal.

Die Hütten, falls man die fünf einfachen Bauten für maximal zehn Personen überhaupt so nennen kann, sind offen, nur ein winziges Dach würde Schutz bieten, falls es doch mal regnen sollte. Aber die Gefahr besteht in dieser Nacht nicht, ich ziehe meinen Schlafsack sofort raus auf die ‚Terrasse‘. Spiele die Frau aus der Urlaubsbroschüre. Nur das Glück, das ich live vor Ort verspüre, das konnte das Foto nicht vermitteln.

Darlene entzündet ein Feuer, danach kochen sie und eine Kollegin das Abendessen. Langsam verstehe ich, wieso der Arkaba Walk als Busch-Luxus zählt – man tut so, als ob man campen würde, braucht jedoch keinen Handschlag zu tun. Nun gut, ein paar Tage lang kann man sich auch das mal gönnen. Frischer Käse und Bier oder Wein landen bei uns neben dem Feuer, das Paradies rückt immer näher. Es braucht so wenig, um zufrieden zu sein. Wenn keiner redet, durchbricht nur das Züngeln des Feuers die Stille.

Ich liebe Stille. Komme wie die meisten aus einem Alltag, in dem Klingeln und Piepen und Quatschen den Ton angeben. Und wenn mal nichts davon meine Gehörgänge verstopft, dann stelle ich die Musik laut, so unheimlich ist mir die Stille daheim. Weil sie eben doch nie eine vollkommene Stille ist, besudelt wird vom Hämmern nebenan, von der Sirene eines Krankenwagens, vom vorbeifliegenden Flugzeug. Nein, wahre Stille gibt es bei mir in der City nicht, und ehe dass ich sie halb genieße, mache ich lieber die Musik laut. Die brauche ich hier nicht. Die Stille ist melodisch, beruhigend. Gaukelt mir vor, dass sie mich auffängt, wenn ich mich fallen lasse. Doch dann ist wieder Reden dran. Wenn vier Reisende sich treffen, dann werden Geschichten aus- und neu verpackt. Der Amerikaner hat die Nase vorn, lässt zu jedem Furz die passende Geschichte über eine spannende Reise raus. As und Os folgen an den passenden Stellen. Ich esse stumm. Huhn, Mais, überbackenen Broccoli, Salat. Schokotorte. Darlene und ihre Kollegin haben sich selbst übertroffen. Busch-Luxus.

Als auch der letzte Krümel aufgegessen und das Feuer die sterbenden Funken gesprüht hat, kehrt Stille ein. Ich schlüpfe in den warmen Schlafsack, der Sternenhimmel-Fernseher über mir läuft. Ich habe nicht viel Ahnung von Sternen, doch da ist ganz klar die Milchstraße. Und Millionen weiterer Sterne und Sternchen, befreit von der gewohnten Lichtverschmutzung. Ich möchte die Augen nicht schließen, um nicht eine Sekunde zu verpassen. Um keine Sternschnuppe zu missen. Dabei bin ich doch schon wunschlos glücklich. Die Augenbinde und Ohoropax, mit denen ich normalerweise ins Bett gehe, bleiben auf dem Boden liegen. Irgendwann schließen sich meine Augen. Aber ich wache viele Male auf. Spüre einen Hauch an der Wange, schaue nach oben. Und fühle mich beschützt.

Darwin hatte recht  

Die aufgehende Sonne wirft ihre Scheinwerfer auf die Elder Range gegenüber des Camps, leuchtet sie von allen Seiten in ihrer roten Pracht aus. Ich liege im Schlafsack, schlürfe den Tee, den Darlene gebracht hat. Schaue, staune, genieße.

Es fühlt sich ganz anders an als dieses aus dem Bett Hasten mit dem ersten Weckerklingeln, und auch die Snooze-Taste für die dominanten inneren Schweinehunde ist hier überflüssig. Hier kostet es keine Überwindung, den Morgen zu begrüßen. Die Vorfreude auf den Tag liegt schon oben auf der Lunch-Tupperbox.

Nach einem üppigen Frühstück erklärt Darlene die Strecke, dann geht‘s los, zunächst entlang des Heysen Trails, der in seiner Gesamtlänge 1.200 Kilometer misst. Wie Ians Postweg.

An diesem Tag gibt es statt Weitblick Tiefblick, während wir durch ein ausgetrocknetes Fußbett stapfen. Ich fühle mich wie ein Känguru, das nach dem Schatten eines Baumes lechzt. Davon gibt es wieder reichlich, anders, als der Blick von oben vermuten ließ. Manchmal stoßen wir auf Tierknochen, meistens von Kängurus, ein anderes Mal begleitet uns Verwesungsgestank eines erst kürzlich verendeten Tieres. „Es ist die natürliche Auslese der Natur, the survival of the fittest“, erklärt uns Darlene. „Mit dem Klimawandel müssen auch die Tiere ihren Lebensstil anpassen. Wenn es lange trocken ist, müssen sie sehen, wie sie Nahrung und Wasser finden.“ Obwohl Arkaba überwiegend in Privatbesitz sei, tue man jedoch nichts, um in die Natur einzugreifen, es gebe keine Wasser- oder Futterspender.

„Für Kängurus ist es wichtig, ihre Körpertemperatur möglichst niedrig zu halten. Wenn sie lange gesprungen sind, suchen sie Schatten und lassen den Schweiß trocknen, das kühlt sie runter.“ Ich sehe Ameisenhügel mit so vielen Ameisen wie in der Vornacht Sterne am Himmel, die in alle Richtungen davonwuseln, wenn sich ein Mensch nähert. Dann führt Darlene ein kleines Experiment vor. Mit einer Wasserflasche benässt sie grau in der Hitze dahindürstendes Moos. Das sich sogleich in einen saftig grünen Teppich verwandelt, vor Leben sprüht.

Etliche Bäume tragen noch die Spuren von Feuer an Stamm und Ästen. „Die meisten Buschfeuer werden absichtlich und kontrolliert gelegt.“ Wieso das? „Wenn man das Alte verbrennt, kann etwas Neues wachsen.“ Die Bäume ließen kurz vor der Feuerbrunst Samen fallen, die dann wiederum neue Bäume sprießen lassen. Nichts, was ich bisher von Darlene gehört habe, scheint mir einleuchtender und übertragbarer auf das menschliche Leben. Denn ist es nicht oft, wenn man den Abgrund erreicht hat, dass sich die Synapsen neu verbinden und damit den Grundsamen für etwas anderes legen?

Am besten gefallen mir die Bäume, die schräg und schief gewachsen sind. „Sie haben die interessanteste Geschichte zu erzählen“, liest Darlene meine Gedanken und bleibt vor einem Stamm stehen, der sich wie ein Bierbauch nach vorne wölbt. Ein anderer Baum birgt eine klare Schnittstelle, als hätte jemand versucht, den Stamm zu operieren und vergessen, die äußere Haut- und Fettschicht wieder zuzunähen. „Das ist das Werk von Aborigines. Sie schnitten oft Rinde aus den Bäumen, um diese als Tragegurt für Babys zu benutzen, für Kanus oder andere Nutzgegenstände.“ Dem Baum schade dies jedoch nicht.

Die Natur ist dein Lehrer, nicht dein Freund

Je länger ich in der Wildnis des Outbacks und der Flinders Ranges unterwegs bin, desto mehr Respekt bringe ich der Natur entgegen. Desto mehr wird mir bewusst, dass ich der Eindringling bin, der nur zu Gast sein darf, solange die Natur es mir erlaubt und so lange ich alles bei mir habe, was mein Überleben garantiert.

Mitten aus der Einöde taucht wie eine Oase der Arkaba Homestead auf, ein stylishes Häuschen mit fünf Zimmern, das staubigen und durstigen Wanderern den höchsten Luxus bietet. Sogar Badewannen mit Blick ins Grüne. Wirklich brauchen tut dies keiner von uns, dankbar annehmen tun wir es trotzdem. Doch wenn ich ganz ehrlich bin, würde ich lieber noch eine Nacht unterm Sternenzelt schlafen als wieder unter einer Zimmerdecke.

Diese Nacht ist alles anders. Das Dreigängemenü von Top-Köchen ist noch üppiger, der Alkohol füllt die Gläser so schnell, dass ich mit dem Trinken kaum nachkomme und es ist richtig laut. Rund um den Pool besetzen Hunderte von Schreihälsen die Bäume – Schreihälse mit roten Lätzchen, grauen Flügeln und weißen Kämmen, die aussehen wie in einen Mixer geratene Papageien. Und sich auch so anhören. Gallah schimpfen sich diese Vögel, die ich noch nie zuvor gesehen – oder gehört – habe. Aktiv sind sie nicht nur am Abend, sondern auch am Morgen, als hinter mageren Bäumen die Sonne über den Horizont lugt.

Die Gallahs verschwinden erst, als wir uns auf den Weg zum Wilpena Pound machen, was normalerweise an Tag eins des Arkaba Walks auf dem Programm steht. Das Berg-Amphitheater gilt als Highlight der Flinders Ranges und ist entsprechend gut besucht, doch morgens früh herrscht ruhige Frische. Die Gedanken streichen um die Bäume wie die Brise, doch plötzlich stinkt es. Nach Ziegenkäse Forte. Schon biegt der Verantwortliche um die Ecke – ein dicker schwarzer Ziegenbock, der um ein Haar mit dem Amerikaner zusammenstößt und im letzten Moment doch noch abbiegt, um dem Vielgereisten – und seinen Zuhörern – keine weitere Geschichte zuzumuten. „Normalerweise werden die Ziegen gejagt, sie zerstören viel und klauen den Kängurus das Futter“, weiß Darlene. Also doch ein Eingriff in die Natur.

Der Blick über den Wilpena Pound erklärt, warum dies aller Lieblingsort ist. Zwischen dem Wangara Lookout, wo wir stehen, und den Flinders Ranges am Horizont zieht sich eine wild bewachsene Ebene, teils voller Bäume in herbstlicher Blätterpracht. In der Ferne sticht der St Mary Peak hervor, der mit 1.189 Metern höchste Gipfel der Bergkette. „1959 ging dort ein zehnjähriger Junge bei einer Tour verloren“, beginnt Darlene eine traurige Geschichte. „Er hieß Nicholas Bannon und war der Bruder von John Bannon, der später Premierminister von South Australia wurde.“ Anscheinend versuchte Nicholas, den Gipfel von St Mary Peak auf eigene Faust zu erklimmen, mit nur einem T-Shirt und Shorts am Leib. Ergebnis des Unterfangens waren die Überreste des Kindes, die 18 Monate später gefunden wurden – gemeinsam mit bis dato unentdeckter Felsmalerei der Aborigines.

Ja, die Natur ist nicht unser Freund. Und nirgends ist dies deutlicher zu spüren als im für Menschen oftmals feindlichen Land des australischen Outbacks. Wir gehören nicht hierher. Sind nur kurz geduldet, bis uns die Einsamkeit und Weite von allein ausdörren. Diese Gefahr besteht bei mir nach drei Tagen noch nicht. Noch durste ich nach mehr, doch ich werde die Gastfreundschaft des Outbacks nicht weiter strapazieren. Souvenirs kaufe ich auch im einzigen Shop am Startpunkt der Wilpena-Pound-Wanderung nicht. Nehme nur die Sterne vor Augen und roten Staub unter den Schuhen mit.

 Die Reise wurde unterstützt von Tourism Australia.

Originalpost: http://www.bernadette-olderdissen.org/2018/06/02/unter-den-sternen-des-outbacks/
Bernadette Olderdissen

Bernadette Olderdissen ist eine Geschichtensammlerin- und schreiberin. Schon in jungen Jahren verstand sie, dass ganz so viel Fantasie zum Schreiben gar nicht nötig war, denn die besten Geschichten schenkte ihr das Leben umsonst. Schenkten ihr die Menschen um sie herum. Als sie viele Geschichten gehört hatte, zog sie weiter. Sperrte die Ohren auf und schrieb alles nieder, was ihr die Menschen zu erzählen hatten. So trieb es sie immer weiter durch die Welt, mit ungesättigter Neugier und in der Gewissheit, dass sich die Menschen zwar überall auf der Welt verdammt ähnlich sind, jedoch keine zwei Geschichten identisch. Dieser Umstand ist schuld daran, dass sie noch immer nichts für die Rente gespart hat, sondern das Geld immer nur für die nächsten Reisen reicht. Und das findet sie auch gank okay so.

  1. Kasia Oberdorf

    Wunderschöne, prachtvolle Bilder

  2. Vielen Dank – und in Wirklichkeit war es nich 1000x schöner :)

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