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Mit dem Kanu durch den Amazonas – Teil 2

Der Yasuni Natio­nal­park ist einer der arten­reichs­ten Gebiete auf unse­rer Erde. Auf einem ein­zi­gen Baum leben teil­weise mehr Insek­ten­ar­ten, als in ganz Europa zusam­men. Neben etli­chen Vogel‑, Reptilien‑, Amphibien‑, und Pflan­zen­ar­ten, leben hier auch acht­zig ver­schie­dene Fle­der­maus­ar­ten, dar­un­ter die Vam­pir­fle­der­maus. Zum Glück erging es uns nicht so, wie dem Aben­teu­rer Fritz W. Up de Graff, der Ende des 19. Jahr­hun­derts den Yasuni ent­lang reiste und in sei­nem Buch erzählt, wie er nachts von der Vam­pir­fle­der­maus ange­zapft wurde. Die Fle­der­maus saugt ihren schla­fen­den Opfern so viel Blut aus, dass sie am nächs­ten Mor­gen schlaff und schwin­de­lig aufwachen.

 

Für ein klei­nes Stück­chen beglei­tet uns Isabella.

Fünf Stun­den lang kämp­fen wir uns Meter für Meter müh­se­lig gegen den Strom fluss­auf­wärts, als wir am rech­ten Ufer eine Hütte sehen. „Yasuni Natio­nal­park“, steht auf einem höl­zer­nen Schild geschrie­ben. Zwei Män­ner – wahr­schein­lich die Wach­pos­ten des Parks – sit­zen auf der Veranda und sind in ein Gespräch ver­tieft. Als sie uns bemer­ken hal­ten sie inne und star­ren uns an, als wären wir Erschei­nun­gen aus einer ande­ren Welt. „Was macht ihr denn hier? Und wie seid ihr bitte hier her gekom­men?“ fragt uns der eine, nach­dem er seine Spra­che wie­der­ge­fun­den hat.

Wir erzäh­len den bei­den unsere Geschichte. Obwohl sie uns immer noch ungläu­big anstar­ren, wir­ken sie bald ein biss­chen ruhi­ger. Zum Schutz der Zone (und uns), dür­fen wir aber ohne Guide nicht wei­ter pad­deln, erklä­ren sie. Da es schon anfängt zu däm­mern, schla­gen wir in der Nähe der Hütte unser Zelt auf, um am nächs­ten Mor­gen dann wie­der zurück zum Rio Napo zu paddeln.

Die töd­li­che Gier nach dem schwar­zen Gold

Mir fällt eine Karte auf, die hin­ter den bei­den an der Holz­wand hängt. Auf dem abge­bil­de­ten Gebiet des Natio­nal­parks kle­ben lau­ter kleine rote Punkte. „Was bedeu­ten die Mar­kie­run­gen?“, frage ich. „Dort sind die Stel­len im Park ein­ge­zeich­net, an denen inner­halb der letz­ten Jahre Men­schen getö­tet wor­den sind.“

Seit­dem die Ölkon­zerne ohne Rück­sicht immer wei­ter in die Gebiete der Indi­ge­nen ein­drin­gen, und das Ter­ri­to­rium zum Jagen und Leben immer klei­ner wird, herrscht zwi­schen den ver­schie­de­nen Stam­mes­grup­pen in der Gegend ein erbit­ter­ter Kampf. Die Taro­menane und Tagaeri wer­fen ande­ren Grup­pen vor, mit den Ölfir­men zu koope­rie­ren. Mit Spee­ren ver­su­chen sie nun ihr Gebiet zu verteidigen.

 

Es wird ange­nom­men, dass die meis­ten unkon­tak­tier­ten Völ­ker Nach­kom­men von Stäm­men sind, die tief in den Wald geflo­hen sind, um vor den Grau­sam­kei­ten des dama­li­gen Kau­tschuk­booms zu flüchten.

„Zwar ist das Gebiet von der UNESCO zur Schutz­zone erklärt wor­den, aber Regeln wer­den halt nicht ein­ge­hal­ten, wenn’s ums Geld geht.“ erklärt der Park­wäch­ter mit einem Ach­sel­zu­cken. „Die Gier ist lei­der stär­ker. Ver­mut­lich wer­den die Taro­menane und Tagaeri in ein paar Jah­ren ver­schwun­den sein.“

Die Geheim­nisse des Dschungels

Am nächs­ten Mor­gen sit­zen wir bereits im Kanu, als der Tag gerade anbricht. Die weni­gen Son­nen­strah­len, die durch das Dickicht drin­gen, zeich­nen lange, oran­gene Strei­fen in das schwarze Was­ser. Ab und zu flitzt ein Fisch an uns vor­bei und leuch­tet im Licht­strahl kurz auf.

Im Gegen­satz zu Ges­tern, kön­nen wir uns heute, fluss­ab­wärts, ein­fach mit der Strö­mung trei­ben las­sen. So haben wir nun auch Augen für die wilde Schön­heit drum­herum. Plötz­lich raschelt in dem dich­ten Gestrüpp über unse­ren Köp­fen. Eine Fami­lie Toten­kopfäff­chen springt  krei­schend von Ast zu Ast.

In den klei­ne­ren Zuflüs­sen und Sei­ten­ar­men gibt der Dschun­gel mehr von sich preis, als auf den grö­ße­ren Strö­men. Hier ist die Chance auf Affen zu sto­ßen nicht nur viel höher, auch Piran­has, Kai­mane und Otter las­sen sich hier leich­ter beob­ach­ten. Wenn wir Glück haben, sehen wir im Ufer­di­ckicht manch­mal sogar den sel­te­nen, prä­his­to­risch anmu­ten­den „Hoatzin“, ein gro­ßer, bizar­rer Vogel der nur hier in den tro­pi­schen Regen­wäl­dern des Ama­zo­nas lebt.

 

An den meis­ten Tagen umgibt uns der Dschun­gel als eine grüne, undurch­dring­li­che Wand. Die Viel­falt der Pflan­zen ver­mischt sich zu einem ein­zig dif­fu­sen Grün, hin­ter dem auch die meis­ten Tiere unsicht­bar blei­ben. Wir pad­deln mit­ten durch und trotz­dem offen­bart sich uns nur ein Bruch­teil die­ser Welt. Der Dschun­gel bleibt ein Geheimnis.
Wenn wir kein Regen­was­ser fin­den oder auf­fan­gen kön­nen, trin­ken wir das Was­ser aus den klei­nen Zuflüs­sen. Die soge­nann­ten Schwarz­was­ser­flüsse sind zwar nähr­stoff­arm aber dafür um eini­ges sau­be­rer als die gro­ßen Ströme. Das Was­ser sieht wegen der Humin­säure aus wie dün­ner Kaf­fee und in unse­rer durch­sich­ti­gen Plas­tik­fla­sche nicht beson­ders appetitlich.
Dusche zwi­schen Man­gro­ven. Die Zuflüsse mit ihrem sau­be­ren Was­ser und der dich­ten Ufer­we­ge­ta­tion bie­ten sich auch per­fekt für aus­gie­bige Duschen an. Aller­dings nur vom Boot aus, denn hier ist die Chance auf Kai­mane zu sto­ßen beson­ders hoch.

Am Abend kom­men wir in dem Fluss­dörf­chen Pan­toja an. Isa­bella wird von hier aus mor­gen mit einem alten Fluss­damp­fer Rich­tung Iqui­tos wei­ter fah­ren. Das Schiff liegt bereits am schlam­mi­gen Ufer der Sied­lung und wird gerade bela­den. Die an das Schiff gelehnte pro­vi­so­ri­sche Holz­rampe krächzt unter dem Gewicht der Män­ner, die volle Kis­ten, Kar­tons und Säcke auf das Schiff tra­gen. Nah­rungs­mit­tel, Ein­rich­tungs­ge­gen­stände, Post, Hüh­ner, Gänse, sogar ein Schwein wird über die schmale Blanke ins Boot navi­giert und an Bord ver­staut. Die Pas­sa­giere kön­nen sich mit ihren mit­ge­brach­ten Hän­ge­mat­ten einen Platz auf den zwei offe­nen Stock­wer­ken des Schiffs suchen.

 

An der Grenze Ecua­dor/Peru
Meist sind so viele Pas­sa­giere an Bord, dass sich ihre Hän­ge­mat­ten gegen­sei­tig berüh­ren. Die Schiffs­rei­sen kön­nen, je nach Stre­cke, ein paar Tage oder Wochen dau­ern. Hier auf den Flüs­sen, die sich wie ein rie­si­ges Kapil­lar­sys­tem über ein Gebiet so groß wie Europa zie­hen, ist die Reise mit Boo­ten und Schif­fen meist die ein­zige Mög­lich­keit sich fort zu bewegen

Der rosa Del­phin und die Unterwasserstadt

Gemein­sam mit dem Fluss­damp­fer bre­chen wir am nächs­ten Mor­gen auf. Das große Schiff wirkt neben unse­rem klei­nen Kanu fast bedroh­lich. Wir win­ken Isa­bella, die an Deck des Schif­fes steht, zu: „Schön, dass du uns ein Stück beglei­tet hast! Bis bald.“ Wenige Minu­ten spä­ter ist sie bereits mit dem Damp­fer in dem wei­ßen Nichts des Mor­gen­ne­bels verschwunden. 

Wir las­sen uns in der Strö­mung trei­ben. Jetzt sind wir also wie­der alleine…eingehüllt im Nebel, umge­ben von Stille. In der Ferne hören wir die mor­gend­li­chen Rufe der Brüll­af­fen, ein Ara­pär­chen fliegt über unsere Köpfe hin­weg. Dem Mor­gen hier am Fluss haf­tet immer etwas magi­sches an, auch wenn die schwüle, kleb­rige Luft schon jetzt die kom­mende Hitze des Tages ankün­digt. Wir legen uns ins Zeug, denn bevor es zu heiß ist, wol­len wir noch Stre­cke zurück legen.

Es kön­nen Stun­den ver­ge­hen, in denen wir nicht mehr tun, als zu pad­deln und unse­ren Gedan­ken nach­zu­hän­gen. Ab und zu reißt uns dann für einen kur­zen Moment das plötz­li­che Auf­at­men eines Fluss­del­phins aus der Paddeltrance.

Anders als ihre Ver­wand­ten aus dem Meer, sind die pin­ken Fluss­del­phine der Ama­zo­nas­re­gion sehr schüch­tern und zei­gen sich nur sel­ten. Sie sehen ein biss­chen aus, wie kleine, schwim­mende Schweine. Wahr­schein­lich ran­ken sich des­we­gen hier eine menge Mythen und Geschich­ten, um die­ses rät­sel­hafte Lebewesen.

Obwohl wir oft die plötz­li­chen Atem­stöße der Tiere hören und ihre rosa Rücken für Sekun­den zu sehen sind, lässt sich kein Del­phin mit der Kamera „ein­fan­gen“. Sie kön­nen bis zu drei Meter lang und bis zu 125 Kilo­gramm schwer wer­den. Viele Frauen in den Fluss­ge­mein­schaf­ten ver­las­sen nach Son­nen­un­ter­gang nicht mehr die Hütte, denn es heißt, dass der Del­phin bei Dun­kel­heit das Was­ser ver­lässt, sich in einen attrak­ti­ven Mann ver­wan­delt und die Frauen schwän­gert. Manch­mal nimmt er sie dann mit in die Unter­was­ser­stadt „Encante“.

Hof­fent­lich kein Malaria

Die Sonne brennt heute beson­ders erbar­mungs­los auf uns herab. Des­halb wun­dert es mich auch erst nicht, als Julia plötz­lich über starke Kopf­schmer­zen klagt. Merk­wür­dig wird es erst, als auch noch Glie­der­schmer­zen dazu kom­men und sie sich vor Schwä­che kaum mehr bewe­gen kann. Die nächste kleine Kran­ken­sta­tion in dem Ört­chen Mazan, ist mehr als fünf Stun­den von hier ent­fernt. Wir bauen Julia hin­ten im Boot einen klei­nen Son­nen­schutz, wor­un­ter sie sich halb­wegs aus­ge­streckt hin­le­gen kann. Ich paddle was das Zeug hält und hoffe nur, dass sie sich kein Mala­ria ein­ge­fan­gen hat.

Am Abend errei­chen wir end­lich Mazan. Julia ist völ­lig am Ende, sie hat fast vier­zig Grad Fie­ber. Ich besorge uns ein Zim­mer in einer Absteige am Ufer – eine der weni­gen Gäs­te­häu­ser hier – und mache mich auf die Suche nach dem Dorfarzt.

Das Ergeb­nis des Mala­ria­tests steht am fol­gen­den Mor­gen fest: Negativ.

Puhh…Erleichtert legen wir einen wei­te­ren Ruhe­tag in Mazan ein. Als es Julia bes­ser geht, bre­chen wir Rich­tung Iqui­tios auf, wo wir für den nächs­ten Stre­cken­ab­schnitt unse­rer Vor­räte auf­sto­cken wollen.

Iqui­tos

Iqui­tos – die perua­ni­sche Metro­pole mit­ten im Dschungel

Iqui­tos ist die größte Stadt der Welt, die nur per Schiff oder Flug­zeug erreich­bar ist. Die schil­lernd-düs­tere Geschichte der chao­ti­schen Metro­pole, geht auf das 18. Jahr­hun­derts zurück, als ein paar Jesui­ten eine kleine Mis­sio­nie­rungs­sied­lung grün­de­ten. Von hier aus zogen die Chris­ten in die umlie­gen­den Gebiete um die „wil­den Indios“ auf den „rich­ti­gen Weg“ zu brin­gen. Mit Fol­ter und Erpres­sung wur­den auch die hart­nä­ckigs­ten „Ungläu­bi­gen“ irgend­wann vom Chris­ten­tum überzeugt.

Der Kau­tschuk­boom im 19. und 20. Jahr­hun­dert ver­schaffte der Stadt einen unge­ahn­ten Auf­schwung. Iqui­tos wurde zu Perus wirt­schaft­lich wich­tigs­ten Metro­pole im Han­del mit dem Roh­stoff der vor allem für die Auto­in­dus­trie von beson­de­rer Bedeu­tung war. Der Gewinn aber floss fast aus­schließ­lich in die Taschen wei­ßer, meist euro­päi­scher Kau­tschuk­ba­ro­nen, die sich in der Stadt nie­der lie­ßen und Prunk­bau­ten nach euro­päi­schem Vor­bild errich­te­ten. Die Län­de­reien der Urein­woh­ner teil­ten sie sich unge­niert unter­ein­an­der auf.

Wäh­rend man sich in Europa über die neu­ge­won­nene Frei­heit – die das Auto brachte – freute, muss­ten im Ama­zo­nas tau­sende Indi­gene für die Her­stel­lung der Rei­fen mit ihrem Leben bezah­len. In ihrer uner­sätt­li­chen Gier gin­gen die Kau­tschuk­ba­ro­nen mit grau­sa­men Metho­den vor. Sie ermor­de­ten, ver­trie­ben, fol­ter­ten und ver­sklav­ten die Urein­woh­ner. Die Gräu­el­ta­ten der Euro­päer und ein­ge­schleppte Krank­hei­ten lösch­ten damals inner­halb kür­zes­ter Zeit einen Groß­teil der indi­ge­nen Bevöl­ke­rung aus.

Von dem Prunk des dama­li­gen Wirt­schafts­booms ist heute in Iqui­tos nicht mehr viel zu sehen. Skur­rile Ideen zur För­de­rung der Wirt­schaft, wie die Kom­mer­zia­li­sie­rung eines tro­pi­schen Pflan­zen­gifts, wel­ches die Bewoh­ner seit Jahr­hun­der­ten zum Fisch­fang benut­zen und nun als Insek­ti­zid expor­tiert wer­den sollte oder das Ver­kau­fen exo­ti­scher Tiere ins Aus­land, wur­den glück­li­cher­weise nicht durch­ge­setzt. Heute lebt Iqui­tos haupt­säch­lich vom Tourismus.

Das heu­tige Iqui­tos ist eine Mischung aus Chaos, Kon­tras­ten und Kurio­si­tä­ten. Eine Stadt, in der Rea­li­tä­ten auf­ein­an­der­tref­fen, die unter­schied­li­cher nicht sein könn­ten. Ein­hei­mi­sche, Aben­teu­rer, Freaks, Mis­sio­nare, Scha­ma­nen, Dro­gen­schmugg­ler, Eis­ver­käu­fer, Aya­huasca-Tou­ris­ten, Wis­sen­schaft­ler, Gold­su­cher, Bett­ler, Ölar­bei­ter, Fischer, Hip­pies, Hotel­be­sit­zer koexis­tie­ren auf engs­tem Raum.

Zwar hat die Stadt irgend­wie ihren Charme, aber wir seh­nen uns nach der Ruhe und der Lang­sam­keit unse­res Boots­all­tags auf dem Fluss zurück. Als wir alle Besor­gun­gen erle­digt haben, las­sen wir die Dschun­gel­me­tro­pole hin­ter uns.

 

End­lich wie­der drau­ßen. Erschöpft vom Tag lasse ich mich rück­wärts in den wei­chen Sand fal­len, müde aber erfüllt.
Die Frö­sche geben ihr nächt­li­ches Kon­zert, kleine Lich­ter schwir­ren durch das Schilf und neben mir knis­tert das Lager­feuer. Über mir öff­net sich der magi­sche Nacht­him­mel des Dschun­gels, die Milch­straße und die magel­lan­schen Spi­ral­ga­la­xien tre­ten aus der Dun­kel­heit her­vor. Es fühlt sich an, als würde ich inmit­ten der Sterne liegen.

Am Rande der Komfortzone

Nur noch wenige Kilo­me­ter bis zur Mün­dung des Napo in den Ama­zo­nas. Wir sind gespannt wie es sich anfüh­len wird, auf die­sem gigan­ti­schen Fluss zu pad­deln. Als die ers­ten Euro­päer – die Expe­di­ti­ons­flotte von Orel­lana – im Jahr 1541 die selbe Mün­dung erreich­ten, glaub­ten sie zunächst sich dem Ozean zu nähern, denn mit die­sen gigan­ti­schen Aus­ma­ßen hat­ten sie nicht gerechnet.

Aber bis dahin müs­sen wir noch ein biss­chen Stre­cke zurück legen. In der Ferne hören wir ein bedroh­li­ches, dunk­les Grol­len. Lange bevor schwere Regen­wol­ken zu sehen sind, kün­di­gen sich die tro­pi­schen Regen­fälle meist mit einem lau­ten, tie­fen Grol­len an. Für uns ist das ein wich­ti­ger Vor­teil, denn so haben wir genug Zeit, um uns unsere Regen­män­tel über zu wer­fen und unser Gepäck unter der Plas­tik­fo­lie zu ver­stauen. Selbst wenn wir alles gewis­sen­haft ver­pa­cken um es vor dem Regen zu schüt­zen, ist es aber unmög­lich, die Feuch­tig­keit zu ver­mei­den, die in jeden Win­kel kriecht. 

In den letz­ten Tagen waren die Regen­schauer so häu­fig, dass wir unsere Sachen kaum tro­cken hal­ten kön­nen. Alles ist schim­me­lig und ver­fault. Mein Ruck­sack ist mit einem grün­lich blauen Pelz bedeckt und mein Schlaf­sack ist innen so mod­rig, dass ich wegen des wider­li­chen Geruchs nachts kaum schla­fen kann. Selbst unsere Füße blei­ben nicht ver­schont: wegen der stän­di­gen Feuch­tig­keit hat sich ein offe­nes, schmerz­haf­tes Ekzem zwi­schen unse­ren Zehen ausgebreitet.

Es ist eine Reise der Extreme. Wenn es nicht reg­net, ver­brennt uns die heißt Tro­pen­so­nne. Die Mos­ki­tos küm­mern sich erst gar nicht darum ob es reg­net oder nicht, sie sind omni­prä­sent, unsere stän­di­gen Beglei­ter. Wir schmie­ren die Son­nen­creme auf unsere ver­brannte, schweiß­nasse Haut und die Mos­ki­to­creme dar­über. Aber die Mos­ki­tos ste­chen trotz­dem und die Sonne ver­brennt uns weiter…

Ja, das ist der Dschun­gel, wun­der­schön und erbar­mungs­los zugleich. Leben, Tod, Geburt und Ver­we­sung exis­tie­ren hier in har­mo­ni­schem Ein­klang nebeneinander.

Die Leute hier neh­men die Mos­ki­tos gelas­sen hin. Wäh­rend ich ner­vös um mich herum schlage und mich die klei­nen Vie­cher an den Rande des Wahn­sinns brin­gen, sit­zen die Kin­der gelas­sen neben uns am Feuer. Manch­mal sam­meln sich mehr als zwan­zig Mücken auf ihren nack­ten Bei­nen, den Armen und Gesicht. Ab und zu drü­cken sie die ein oder andere Mücke mit ihren Fin­ger­chen platt und zup­fen die zer­matsch­ten Kör­per von ihrer Haut. Kleine Blut­fle­cken blei­ben zurück, von Ner­vo­si­tät keine Spur…

Aber viel­leicht sind es gerade diese Momente, Momente des Unbe­ha­gens und der Ent­beh­rung, Momente jen­seits der Kom­fort­zone, die uns so viel leh­ren kön­nen. Ich liebe den Moment nicht, ich fühle mich nicht wohl und den­noch wird die Ent­beh­rung plötz­lich zur Freun­din, die Sehn­sucht zur Bera­te­rin, die Melan­cho­lie zur Ver­bün­de­ten. Plötz­lich weiß ich, warum ich all das tue. Es ist die Grenz­erfah­rung, die mir etwas Ver­bor­ge­nes zeigt, mir Ein­sich­ten erlaubt, die mir sonst ver­schlos­sen geblie­ben wären. Es ent­hüllt mir die Welt als sol­che, befreit mich von Vor­ur­tei­len und Angst, zeigt mir neue Wege und Mög­lich­kei­ten. Plötz­lich ist so vie­les möglich.

Spä­tes­tens wenn wir an man­chen Aben­den in den Dör­fern ankom­men, dort mit einer rie­si­gen Schüs­sel Chicha (einem alko­hol­hal­ti­gen Getränk aus der Mani­ok­wur­zel) emp­fan­gen wer­den, uns die Kin­der beim Aus­räu­men des Boo­tes hel­fen und dabei so glück­lich drein­schauen, als hät­ten sie nie was schö­ne­res getan, wir mit der gan­zen Dorf­ba­gage in der Däm­me­rung Fuß­ball spie­len oder das letzte Licht aus­nut­zen, um gemein­sam im Fluss zu baden, sind end­gül­tig alle Stra­pa­zen der Reise vergessen.
Olga am Abend zuvor: „Bevor ihr mor­gen früh wei­ter fahrt, müsst ihr zu mir früh­stü­cken kom­men!“ Als wir am Mor­gen an der Hütte von Olga ankom­men, tref­fen wir am Ein­gang auf ihre Toch­ter mit einer schnat­tern­den Gans in der Hand. Wir ahnen Böses. Das wird bestimmt unser Früh­stück. Und wir haben Recht, nur wenige Minu­ten spä­ter liegt sie ohne Federn bereits im kochen­den Wasser.
Wir haben den Ama­zo­nas erreicht! Und tat­säch­lich, der Fluss ist so rie­sig, dass wir kaum das andere Ufer aus­ma­chen können.

Die meis­ten Leute hal­ten euch für Gesichtsschälerinnen“

Zwar wer­den wir von den Fluss­be­woh­ne­rIn­nen meist mit offe­nen Armen und Neu­gier emp­fan­gen, in den klei­ne­ren Sied­lun­gen aber begeg­nen uns die Men­schen manch­mal mit einem gewis­sen Abstand und Miss­trauen. Lange haben wir gedacht, dass es mit der grau­sa­men Geschichte zu tun hat, die unsere Vor­fah­ren hier geschrie­ben haben. Aber „Geschichte“ bedeu­tet nicht zwangs­läu­fig Vergangenheit…

Als wir über den Dorf­platz einer Fluss­ge­mein­schaft lau­fen, spricht uns ein Kind ganz direkt an: „Seit ihr Pela Caras?“ Julia und ich schauen uns fra­gend an. Pela heißt über­setzt Schä­len und cara Gesicht. „Was meinst du damit?“, fra­gen wir zurück. Aber bevor das kleine Mäd­chen ant­wor­tet, ist sie mit den ande­ren Kin­dern schon weggerannt.

Beim Abend­essen erklärt uns die Dorf­leh­re­rin was es mit der Geschichte auf sich hat: „Pela Caras sind Leute von Drau­ßen, die hier ille­gale und grau­same Geschäfte trei­ben. Sie han­deln mit Men­schen, Orga­nen, Dro­gen, Holz und Tie­ren. Um sich unauf­fäl­li­ger bewe­gen zu kön­nen, schnei­den sie den Men­schen ihre Gesichts­haut ab und befes­ti­gen diese auf ihrem eige­nen Gesicht. “ Mir läuft ein eis­kal­ter Schau­der den Rücken hin­un­ter. „Die meis­ten Leute hier am Fluss wer­den Euch erst mal für Pela Caras hal­ten, weil ihr weiß seid und euch abseits der übli­chen Tou­ris­ten­pfa­den bewegt.“

Manch­mal ist es schwie­rig, Mythos von Wahr­heit zu unter­schei­den. Aber ganz gleich ob die Geschichte im Detail wahr ist oder nicht, Fakt ist, dass hier im Ama­zo­nas, die Aus­wüchse des Kapi­ta­lis­mus per­vers auf die Spitze getrie­ben sind. Die Angst vor uns Grin­gos exis­tiert auch in der Gegen­wart nicht ohne Grund. Neben den Schmugg­ler­ban­den, gibt es auch zahl­rei­che große Fir­men, die für die Pro­fit­ma­xi­mie­rung buch­stäb­lich über Lei­chen gehen. Soge­nannte „pis­to­le­ros“ zie­hen durch die Wäl­der und löschen ganze Stam­mes­fa­mi­lien aus, um das Land für den ille­ga­len Holz­ein­schlag oder Gold­ab­bau zu räumen.

Rund 80 % des expor­tier­ten Tro­pen­hol­zes aus dem Ama­zo­nas kommt aus ille­ga­lem Holz­ein­schlag. Nicht nur die Natur muss dafür bezah­len, auch hun­derte von Men­schen wer­den jähr­lich ver­jagt oder getötet.
Eine gefähr­li­che und fra­gile Welt, hei­kel balan­cie­rend zwi­schen Wer­ten; Kon­ser­vie­rung und Kon­sum, Tra­di­tion und Moderne.
In einer Dorf­ge­mein­schaft am Fluss ler­nen wir Jolanda ken­nen, Hei­le­rin und Wäch­te­rin der Gerech­tig­keits­zelle (siehe nächs­tes Foto). Wir besu­chen die blinde 95-Jäh­rige in ihrer abseits gele­ge­nen Hütte wo sie ihren All­tag immer noch alleine meis­tert. Die Erzäh­lun­gen aus ihrem Leben unter­bricht sie gele­gent­lich, um kurze Gebete zu spre­chen und hei­len­den Tabak­rauch auf mei­nen Rücken zu pus­ten. Ich hatte ihr zuvor von mei­nen Rücken­schmer­zen erzählt, die mich seit ein paar Tagen begleiten.

Im Reich der Flusspiraten

Je näher wir dem Län­der­drei­eck Peru, Kolum­bien, Bra­si­lien kom­men, desto häu­fi­ger wer­den die War­nun­gen vor den Fluss­pi­ra­ten. Je häu­fi­ger die War­nun­gen wer­den, desto ernst­haf­ter müs­sen wir uns fra­gen, ob wir nicht ein zu hohes Risiko ein­ge­hen, wenn wir wei­ter rudern. Die Ent­schei­dung, ob wir die Tour abbre­chen oder nicht, wol­len wir davon abhän­gig machen, wel­che Aus­kunft uns die Poli­zei in dem nächs­ten grö­ße­ren Dorf San Pablo geben wird.

Zwi­schen San Pablo und hier liegt aller­dings ein Stre­cken­ab­schnitt, den die Ein­hei­mi­schen „silen­cio“ (Stille) nen­nen. Die silen­cios sind kaum besie­delte Abschnitte, wo die Chance auf Pira­ten zu sto­ßen, beson­ders hoch ist.

Seit­dem die kolum­bia­ni­sche Gue­rilla Gruppe der FARC, die 70 % des Dro­gen­han­dels im Land kon­trol­lierte, sich im Rah­men der Frie­dens­pro­zesse aus dem Koka­in­ge­schäft zurück gezo­gen hat, fin­det in Süd­ame­rika eine geo­po­li­ti­sche Neu­ord­nung der Dro­gen­rou­ten statt. Die Haupt­schmug­gel­route nach Europa führt jetzt über die zahl­rei­chen Flüsse des Amazonasgebiets.

Kurz vor dem besag­ten Stre­cken­ab­schnitt stop­pen wir in einer Sied­lung, um uns den Rat des Dorf­äl­tes­ten zu holen. Er bestä­tigt die Erzäh­lun­gen der ande­ren: „Ja, wir fah­ren immer nur in grö­ße­ren Grup­pen run­ter nach San Pablo, sonst ist es zu gefähr­lich. Aber mor­gen früh fah­ren ein paar Leute zu einer Bespre­chung run­ter, da könnt ihr bestimmt mitfahren.“

Die Stre­cke von der Gemein­schaft bis nach San Pablo las­sen wir unser Boot abschlep­pen weil wir im Kon­voi siche­rer vor Pira­ten­an­grif­fen sind als alleine.

In der ehe­ma­li­gen Leprakolonie 

Am frü­hen Mor­gen errei­chen wir San Pablo. Wir bedan­ken uns bei Edu­ardo und den ande­ren, legen unser Kanu an einer der schwim­men­den Hüt­ten an und gehen schnur­stracks zur Poli­zei­sta­tion. Der Offi­zier bit­tet uns in sein Büro. Ent­ge­gen aller Erwar­tun­gen sagt er uns, dass in den letz­ten Mona­ten nichts besorg­nis­er­re­gen­des gesche­hen ist. Tags­über könn­ten wir ohne Sorge über den Fluss paddeln.

Sol­len wir die eine Aus­sage den vie­len andern Stim­men vor­zie­hen, nur weil sie aus dem Munde eines Poli­zei­be­am­ten kommt? Wir sind ver­un­si­chert. Da sich seine Aus­sage aller­dings nicht, wie die ande­ren, auf irgend­wel­che Erzäh­lun­gen stützt, son­dern auf offi­zi­elle Zah­len, ent­schei­den wir uns erst mal wei­ter zu paddeln.

Der Künst­ler Pablo ist von Lepra gezeich­net; Mit­ten im Dschun­gel wurde 1925 die Kolo­nie San Pablo gegrün­det, um alle Lepra­kran­ken aus Peru dort hin zu ver­ban­nen. Pablo, kam in den fünf­zi­ger Jah­ren in die Kolo­nie und lebt heute haupt­säch­lich vom Ver­kauf sei­ner Schnitzfiguren.
„Die Umstände hier waren grau­en­voll. Wir waren Aus­sät­zige und so wur­den wir auch behan­delt. Es gab keine Mög­lich­keit zu ent­kom­men. Die Sied­lung war umge­ben von bewach­ten Zäu­nen und Grä­ben. Aber wohin hätte wir auch flie­hen sol­len, hier mit­ten im Dschungel…1952 besuchte uns der junge Che Gue­vara und arbei­tete hier für ein paar Tage als Arzt. Ich erin­nere mich noch gut daran, wie er mit uns allen Fuß­ball spielte. Wir haben ihm zu Ehren eine Sta­tue auf dem Dorf­platz errichtet.“

Das Ende des „Lan­gen Wegs“

1500 Kilo­me­ter und sechs Wochen lie­gen hin­ter uns, als wir die Grenze zu Bra­si­lien und damit die Hälfte unse­rer Route nach Man­aus errei­chen. Wie an jeder Grenze müs­sen wir unsere Pässe stem­peln las­sen und den Grenz­über­gang mit dem Kanu bei der Marine melden.

Dann kommt die große Über­ra­schung: Uns bleibt die Wei­ter­reise mit unse­rem Kanu wegen „ille­ga­ler Durch­que­rung natio­na­ler Gewäs­ser“ ver­wehrt. Wider­spruch ist zweck­los. Die Beam­ten an der ecua­do­ria­nisch-perua­ni­schen Grenze hat­ten uns ohne schrift­li­che Erlaub­nis durch gewun­ken. Jetzt, ohne diese, haben wir buch­stäb­lich nichts in der Hand

Bevor wir pro­tes­tie­ren kön­nen, ist das Kanu schon tro­cken gelegt.

Viel­leicht war es ein Wink des Schick­sals. Jeden­falls bleibt uns nichts ande­res übrig als unsere Aus­rüs­tung zu ver­kau­fen und den nächs­ten Fluss­damp­fer zu bestei­gen, der uns nach Man­aus brin­gen wird. Weh­mü­tig ver­ab­schie­den wir uns von unse­rem Kanu „Lan­ger Weg“ und den­ken zurück an die unver­gess­li­che Zeit im Amazonas.

Cate­go­riesBra­si­lien
Lisa & Julia Hermes

"Reisen ist unsere Leidenschaft. Vor allem langsam zu reisen: wenn wir uns trampend, radelnd oder zu Fuß von Ort zu Ort bewegen, haben wir das Gefühl, die Länder, die Menschen und Kulturen unmittelbarer erleben zu können." Gemeinsam reisen die zwei Schwestern seit Juli 2017 ohne Flugzeug um die Welt.

  1. Wow, was für ein Aben­teuer! Hut ab.

    Ich selbst war nur ein paar Tage in den Aus­läu­fern des Ama­zo­nas in Boli­vien, und das hat mir gereicht. Das schwüle Klima, die Insek­ten­sti­che, die gan­zen Tiere und Pflan­zen, die einen auf­fres­sen wol­len, das ist nichts für mich, habe ich schnell herausgefunden.

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