»111 Gründe, Indien zu lieben«

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»111 Gründe, Indien zu lieben«

Lange galt Indien als Inbegriff der Mystik, ein fremder Sehnsuchtsort, der schon immer die Fantasie von Reisenden, (Sinn-)Suchenden und Schriftstellern beflü­gelt hat.
Indien ist weit mehr als nur ein Land. Auf einer Fläche fast zehnmal so groß wie Deutschland ist es eher ein eigener Kontinent voller Vielfalt und Gegensätze, mit unzäh­ligen Sprachen, Völkern, Philosophien und Religionen.

Als ich das erste Mal indischen Boden betrat, war ich kaum auf das vorbe­reitet, was mich erwarten würde. Denn Indien ist längst kein Wunderland voller erleuch­teter Asketen und war es wahrschein­lich auch nie. Der Mythos Indien wurde im Westen immer überhöht, nur über wenige Länder der Welt haben wir so viele Bilder im Kopf und wissen tatsäch­lich so wenig.
Indien ist eine ständige Herausforderung, für den Alleinreisenden manchmal ausge­spro­chen mühsam zu bereisen. »Mother India« gibt ihre Schätze nicht auf den ersten Blick preis. Der Reisende muss erst lernen, sich in einer völlig anders funktio­nie­renden Welt zurecht­zu­finden, das Chaos zu umarmen, muss seine Geduld erheb­lich ausdehnen und Unerwartetem und Skurrilem mit Humor begegnen. Erst dem Neugierigen, der sich Indien auslie­fert und versucht es zu durch­dringen, eröffnet sich zwischen Annäherung und Befremden ein zweiter Blick, der eine instink­tive, manchmal absurde Liebe für das kontrast­reiche Land eröffnet.

In letzter Zeit hat sich das Bild Indiens in der Welt grund­le­gend geändert. Gerade in den letzten 25 Jahren haben Marktliberalisierungen dafür gesorgt, dass der Kapitalismus in Indien mit voller Wucht einge­schlagen und Materialismus massiv an Bedeutung gewonnen hat. Galt Indien kurzzeitig als Konkurrent Chinas auf dessen Weg zur Weltmacht, als kommende IT-Größe und mit seinen Callcentern als Zentrum des weltweiten Dienstleistungssektors, hat sich der Fokus in der Weltöffentlichkeit wieder stärker auf die großen Probleme Indiens verla­gert: Die Landbevölkerung ­verharrt in großer Armut, ausblei­bende Landreformen verhin­dern die grund­le­gende Entwicklung. So wird die Landflucht zu einem immer größeren Problem. Aufstiegschancen sind für viele Menschen kaum vorhanden. Das Kasten­system ist offiziell seit der Staatsgründung Indiens abgeschafft, wirkt aber massiv nach.

Frauen werden in der indischen Gesellschaft gravie­rend benach­tei­ligt, die alten Traditionen, wie das Kamasutra, sind in einer prüden, patri­ar­cha­li­schen Haltung einge­froren, die Gewalt gegen Frauen begüns­tigt oder sogar recht­fer­tigt. Noch immer werden weibliche Föten abgetrieben aus Angst vor den Schulden, die die Familie als Mitgift für die Hochzeit ansparen muss. Vielen Familien sind daher nur Söhne willkommen, nur sie können die Familie später unter­stützen. In ländli­chen Regionen, in denen es kaum Toiletten gibt, müssen die Frauen vor Sonnenaufgang ihre Notdurft am Rand der Felder verrichten. Dabei kommt es immer wieder zu Vergewaltigungen. Die Benachteiligung der Frau ist ein zentrales Problem der indischen Gesellschaft.

Immer spürbar ist die enorme Bevölkerung Indiens und welche Folgen daraus entstehen. Wie gesagt, spielen noch immer die Kinder eine große Rolle für die Altersversorgung – ein Sozialsystem ist kaum entwi­ckelt. Allein in den 70 Jahren seit der Unabhängigkeit Indiens hat sich die Bevölkerung um annähernd eine Milliarde Menschen erhöht, eine unfass­bare Zahl! Fast jeder Sechste auf dieser Erde lebende Mensch ist heute ein Inder. Die Bevölkerungsdichte liegt damit deutlich über der Deutschlands und knapp unter­halb der Hollands. Allerdings sind Gebiete wie der Himalaya und die Tharwüste spärlich besie­delt. Die Menschen ballen sich vor allem in den Städten der Ebenen. Durch die hohe Bevölkerungszahl wachsen auch die ökolo­gi­schen Probleme unauf­hör­lich. Der Umweltschutz kann nicht Schritt halten mit der wirtschaft­li­chen Entwicklung. Die marode Infrastruktur verhin­dert bislang den Aufstieg zur Weltwirtschaftsmacht.

Es wäre trotzdem falsch, das Land auf diese Probleme zu reduzieren. Auch wenn es Indien dem Neuankömmling nicht einfach macht, lohnt es sich, sich ihm auszu­setzen. Denn es gibt unend­lich viel zu entde­cken. Wichtig für den Reisenden ist es, eine Balance zu finden und sich nach anstren­genden Streifzügen durch die dicht bevöl­kerten und reizüber­flu­teten Großstädte mit ihren aus allen Nähten platzenden Straßen und Märkten Ruhe an kleineren Oasen zu gönnen. Es benötigt viel Zeit, das Erlebte zu verar­beiten. Entspannung bieten die weniger besie­delten Regionen des Hoch­gebirges und die Küsten im Süden. So wurde Goa zu einem der Sehnsuchtsorte der Hippies, und noch immer lockt das Flair Touristen aus aller Welt an die entspannten Strände. Doch es finden sich auch unberührte Flecken – kein Wunder bei einer Küstenlänge von über 7.000 Kilometern.

 

 

In Indien lassen sich Zeugnisse aus vielen Epochen bewun­dern. Von einer der ersten Hochkulturen im Indus-Tal über das buddhis­tisch geprägte Ladakh ganz im Norden, die Gärten und Prunkbauten der Moguln, die Paläste der Maharadschas, Tempel, Kirchen und Moscheen von Hindus, Jaina, Buddhisten, Parsen, Christen, Muslimen und Sikhs oder die Hinterlassenschaften der briti­schen Kolonialherren.

Der kultu­relle Höhepunkt Indiens ist sicher­lich die Stadt Varanasi am Ufer des Ganges. Nirgendwo reicht der Blick in das Innerste der indischen Seele tiefer. Hier wird das Streben der gläubigen Hindus nach Anhäufung von gutem Karma und der Hoffnung nach Erlösung vom Rad der Wiedergeburten und den Eingang in Moksha (analog zu Nirwana) beson­ders sichtbar.

 

 

Doch meine Erfahrungen mit Indien waren zwiespältig. Und so fragte ich mich, als ich das Angebot zu diesem Buch bekam: Liebe ich Indien tatsäch­lich? Kann man Indien überhaupt lieben – gerade angesichts seiner extremen Kontraste und der himmel­schrei­enden Ungerechtigkeiten, die noch immer herrschen? Auch wenn ich das Wort eigent­lich nicht mag: Vielleicht müsste ich in meinem Fall von einer »Hassliebe« sprechen. Wie gesagt, Indien ist kein einfa­ches Reiseland, selbst erfah­rene Reisende erleben immer wieder Überraschungen. Indien ist völlig unbere­chenbar, was viel von seinem Reiz ausmacht. Der oft impro­vi­sierte indische Alltag bietet reich­lich Skurriles – häufig schüt­telte ich den Kopf, dann spielte ein breites Grinsen über meine Lippen, faszi­niert von dem irrealen Gedanken, dass das, was sich vor meinen Augen abspielte, tatsäch­lich von dieser Welt sein musste: Ich traf auf Sadhus, die »heiligen Männer«, die mir voller Inbrunst von Bruce Lee erzählten und wie ich den inneren Tiger wecken könne, ich fuhr in schrott­reifen Bussen auf atembe­rau­benden Straßen, die jeder Beschreibung spotten.

 

 

 

 

Wo immer ich ankam, warteten Schlepper, die mich am liebsten davon­ge­tragen hätten. Manchmal fiel es mir sehr schwer, mich nicht von ihrer Betriebsamkeit anste­cken zu lassen. Auf einer völlig überfüllten Straßenkreuzung in Neu-Delhi sah ich einen gewal­tigen Elefanten majes­tä­tisch über die Straße schreiten. Die Asketen auf den Straßen sind genauso allge­gen­wärtig wie Feste und religiöse Prozessionen: So wird beispiels­weise an Diwali das ganze Land mit Kerzen illumi­niert, an Holi wird alles und jeder in Farbe getaucht. Die vielen eigen­stän­digen Regionalküchen, die sich erheb­lich vonein­ander unter­scheiden, sind ein Teil der Faszination Indiens: Bis heute lässt der Geruch eines frisch zuberei­teten Masala Chai mein Herz höher­schlagen. Das Leben in Indien brodelt fortwäh­rend, es ist kaum zu durch­dringen und nur schwer mit Sinnen zu fassen. Indien ist eine süchtig machende Droge, man sollte sich aber unbedingt vor Überdosierung hüten.

Lange habe ich mit Indien gefrem­delt, es war keine Liebe auf den ersten Blick. Es hat mich manchmal zum Verzweifeln gebracht, im nächsten Moment besänf­tigt, und wenig später wähnte ich mich schon wieder im schönsten und ungewöhn­lichsten Land der Welt.
In meinem Fall kam zusätz­li­ches Gewicht in den Rucksack: Ich hatte meine Wohnung gekün­digt und war komplett ausge­stiegen, um nach meinem eigenen Weg zu suchen – der Aufbruch nach Indien war aufge­laden mit Hoffnungen und Ängsten und einer existen­zi­ellen Suche nach einem glück­li­chen Leben. Es war manchmal eine schwie­rige, am Ende aber eine ungemein lehrreiche und horizont­erweiternde Erfahrung.

Auf dieser ersten großen Reise nach Indien hatte ich ursprüng­lich geplant, gänzlich auf dem Landweg zu reisen, doch die poten­ziell revolu­tio­nären Ereignisse im Iran 2009 hatten meine Pläne durch­kreuzt. Also fuhr ich über Österreich, Italien und Griechenland bis nach Istanbul und musste von dort aus nach Neu-Delhi fliegen. Eines Tages werde ich die Reise auf dem Landweg nach Indien aber nachholen.

Gerade meine erste Reise war in vielerlei Hinsicht ein Desaster. Kaum in Indien angekommen, ließ ich mich auf ein windiges Reisebüro mit abgebrühten Profis ein, die mich äußerst geschickt zu einer Reise nach Kaschmir überre­deten. Nach acht Tagen Horror inklu­sive Nötigung und Bedrohung reiste ich angespannt und fast schon trauma­ti­siert durch Indien, ohne mir die dringend benötigte Ruhe in einer der Oasen zu gönnen. Ich fuhr reizüber­flutet in klapp­rigen Bussen durch die indischen Tiefebenen und die überbe­völ­kerten Städte, manchmal fühlte ich mich wie im Taumel, als würde ich durch den Subkontinent geschwemmt. Indien war mir zu laut, kam mir zu nah, raubte mir den Schlaf, laugte mich aus und brachte mich manchmal an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Am Anfang verun­si­cherte mich das penetrante Starren, das viele Inder prakti­zieren, beson­ders. Diese Neugier ist Fluch und Segen, sie ermög­licht unkom­pli­zierte Begegnung, manchmal raubt sie einem jede Privatsphäre. Am briti­schen Triumphbogen, dem India Gate in Neu-Delhi, verhielten sich die jungen Inder wie wahre Paparazzi und machten unzäh­lige Schnappschüsse von mir.

Besonders erschüt­tert war ich von der allge­gen­wär­tigen Armut. Von einem flehenden Bettler über längere Strecken verfolgt zu werden, der an der Kleidung zieht und sein Leid klagt, ist schwer auszu­halten. Jeder muss seinen eigenen Umgang mit dem Elend, der Hoffnung, der Verzweiflung und dem Gottvertrauen der Benachteiligten finden. Selbstverständlich kann man die Slums als Orte der Hoffnung begreifen; mit der kommen die Neuankömmlinge vom Land – angezogen von den wenigen Erfolgsgeschichten der Zurückgekehrten. Doch man sollte sich bewusst machen, unter welch katastro­phal beengten und zwangs­weise unhygie­ni­schen Bedingungen die Menschen leben müssen und dass nur wenige den erhofften Aufstieg in die Stadtgesellschaft tatsäch­lich schaffen. Es ist nicht einfach, sich von dem Elend abzugrenzen, ohne ignorant zu sein. Entscheidend ist es aber, schnell zu lernen, deutlich »Nein« zu sagen und sich Situationen zu entziehen, die einem zu entgleiten drohen. Das gelang mir am Anfang nur unzurei­chend, dafür musste ich Lehrgeld zahlen.

Sehr betrübt war ich auch angesichts der verhee­renden Umweltverschmutzung. Der Smog von Delhi zerstört die Gesundheit seiner Bewohner, die Industriegebiete mit ihren ungefil­terten Abgasen spotten jeder Beschreibung, viele Flüsse sind völlig verschmutzt und vergiftet, der Müll stinkt zum Himmel oder lodert am Straßenrand und verteilt von dort den beißenden Gestank von brennendem Plastik. Die aufstre­bende indische Wirtschaft lechzt nach billiger Kohle. In den Minen in und um Dhanbad brennen seit 100 Jahren unkon­trol­lierbar die Flöze unter den armse­ligen Behausungen der Minenarbeiter, die immer in der Gefahr schweben, mitsamt ihrer Existenz sinnbild­lich in einen Höllenschlund hinab­ge­rissen zu werden.

Das Bewusstsein der Gesellschaft für die Umwelt und die katastro­phalen Arbeitsbedingungen steigt nur langsam. Indien befindet sich in einem rasanten Aufbruch in die Moderne. Dennoch wird entschei­dend sein, ob es gelingt, die ländliche Bevölkerung am Wohlstand zu betei­ligen und die Landflucht zu stoppen. Doch im modernen Indien werden die Interessen der Industrie häufig über die Rechte der angestammten Bevölkerung gestellt. Diese Entwicklung hat zu einem wenig bekannten Bürgerkrieg zwischen aufstän­di­schen Maoisten und der Regierung im Osten Indiens geführt.

Aber die Begegnungen mit Einheimischen, Gasthausbesitzern, Sadhus, Bettlern, den Mitreisenden, den Händlern, Beamten, selbst­er­nannten Führern, aufstre­benden Geschäftsleuten zeigten mir unter­schied­liche Blickwinkel.

 

 

Gerührt folgte ich Einladungen in fremde Wohnzimmer und zu Pujas, unter­hielt mich mit Wildfremden, wurde wie selbst­ver­ständ­lich auf Reisen von Einheimischen verkös­tigt, nur selten erlebte ich Abweisung. Doch vor allem am Anfang verzerren die Bauernfänger, Nepper und Ganoven an den touris­tisch bedeut­samen Orten den Eindruck stark. Eine gesunde Skepsis und innere Ruhe sind an belebten Orten ausge­spro­chen hilfreich. Besonders wichtig ist, sich immer wieder zwischen­durch Auszeiten an ländli­chen Orten oder am Meer zu gönnen!

 

 

Und obwohl ich auf meiner ersten Reise in Indien daran dachte, meinen lang ersehnten Trip abzubre­chen, so war ich zugleich voller Neugier, was mich noch erwarten mochte. Indien war nämlich ein Rausch aus Farben und Gerüchen, jeder Winkel bot Entdeckungen, jeder Streifzug war ein Gang durch die Jahrhunderte, nichts schien zu verrückt, um nicht wirklich zu passieren. Alles konnte impro­vi­siert werden, ja musste impro­vi­siert werden, weil ständig irgend­etwas kaputt­ging. Diese unbere­chen­bare Kraft hypno­ti­sierte mich und öffnete mir eine völlig andere, oft surreale Welt, die ich instinktiv zu lieben begann. An jeder Straßenkreuzung wollte ich mich Tausenden Impressionen hingeben und meine Fantasie schweifen lassen – würde nicht der indische Alltag aller Aufmerksamkeit bedürfen.

Oft habe ich Indien wie einen großen Spiegel wahrge­nommen, der meine Überzeugungen erschüt­terte und mich zwang, mich noch inten­siver mit mir selbst ausein­an­der­zu­setzen. Der Kulturschock, den Indien bei jeder Reise verur­sachte, war gewaltig. Doch auch bei der jewei­ligen Rückkehr nach Deutschland ging es mir kaum besser – plötz­lich erschien mir Deutschland still, fast steril. So sehr ich Sauberkeit auch schätzte, so sehr vermisste ich die Kühe auf den Straßen und den indischen Alltag, der niemals still­steht, auch wenn ich das oft als Zumutung empfunden hatte. Doch nach der Rückkehr vermisste ich die Geräuschkulisse und die Unvorhersehbarkeit des indischen Alltags.

So kehrte ich bereits zwei Monate nach meiner ersten Abreise aus Indien zurück. Es folgten auch noch zwei weitere Reisen, die mich vor allem in die Bergwelten des Nordens hinein und am Ganges entlang­führten. Die langen einsamen Wanderungen in den entle­genen Bergregionen des Westhimalaya prägten mich beson­ders, immer gefolgt von anstren­genden Etappen in Bussen und Zügen durch die Tiefebenen und das Herz des Kontinents hin zur Erholung an den tropi­schen Stränden und schroffen Felsen des Arabischen Meers.

 

 

Ich habe insge­samt ein Jahr in Indien verbracht und alles gelesen, was ich in die Finger bekommen habe, seit ich 2008 die Entscheidung zur Reise nach Indien getroffen hatte. Mich inter­es­sierte schon immer vor allem das »alte« Indien. Der unkri­ti­schen Fortschrittsgläubigkeit, die sich weltweit breit­ge­macht hat, stehe ich generell skeptisch gegen­über. Für manchen mag mein Blick auf Indien an einigen Stellen ein allzu kriti­scher zu sein. Ich hingegen empfände es als Betrug am Leser, mir nur die schönen Seiten heraus­zu­pi­cken. Gerade die Widersprüchlichkeiten machen Indien doch erst zu einem so spannenden Land.

Natürlich ist es ein gewal­tiger Unterschied, ob man Indien als Teil einer organi­sierten Reisegruppe oder als Backpacker erlebt und über welches Budget der Reisende verfügt. Als Teil einer Reisegruppe oder mit kompe­tentem Führer lässt sich deutlich entspannter reisen. Mein Blickwinkel ist jedoch der des Allein- und Individualreisenden. Nur selten bin ich in Gesellschaft gereist, doch manchmal fand ich einen Ort, an dem ich länger bleiben wollte, und nutzte die Zeit, um mich mit anderen Reisenden über die jewei­ligen Erfahrungen in Indien auszu­tau­schen. Ansonsten habe ich mich durch das Land treiben lassen, manchmal wurde ich mehr getrieben. Das ist sicher die anstren­gendste Methode, Indien zu bereisen, ermög­licht aber auch viele direkte Einblicke und Begegnungen, die dem Pauschalurlauber oft entgehen, ja die vor ihm abgeschirmt werden.

Jedes Mal aufs Neue brauche ich meine Zeit, um mich wieder an den ohren­be­täu­benden Lärm der Städte und Straßen und die Intensität des indischen Alltags zu gewöhnen. Dann beginnt mein Kopf wie von selbst auf die indische Art zu »wackeln«.

Ich möchte Euch, liebe Leser, nun mitnehmen in das Indien, das mich verzau­bert, verstört, angezogen und abgestoßen hat, eine Begegnung, die mich für den Rest meines Lebens prägen wird. Und meine nächste Reise nach Indien ist nur eine Frage der Zeit. Es gibt noch unend­lich viel für mich zu entde­cken, vor allem den Osten des Landes will ich noch besser kennen­lernen. Aber im Zentrum dieses Buches sollen die Menschen, Religionen und Kulturen Indiens stehen, ergänzt mit eigenen Erfahrungen.

In den folgenden Wochen stelle ich Euch fünf Gründe vor, Indien zu lieben, die mir beson­ders am Herzen liegen.

»111 Gründe, Indien zu lieben« ist erschienen im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag in Berlin und umfasst 336 Seiten. Premium-Paperback mit zwei farbigen Bildteilen.

 


Kommentare

  1. Avatar von Otmar D.

    Bin gerade auf meiner dritten Indienreise. Nach Delhi, Agra, Rajasthan, Mumbai und Goa ist es diesesmal Kerala, mit Bangalore und Mysore als kurzem Vorspiel. Obwohl Kerala viel entspannter ist als der Norden, kämpfe ich stünd­lich mit den Widersprüchen, die Du in Deinem Vorwort so wunderbar beschreibst. Ich habe über 70 Länder der Erde bereist, kenne aber keines, das mir so viel abver­langt wie Indien, aber auch keines, das mich so intensiv beschäf­tigt wie Indien. Einfach nur nach Indien fahren und mal schauen geht nicht. Man muss bereit sein, seine eigenen Vorurteile, oder die von Freunden, die vor unserer Reise die Nase gerümpft haben, zu vergessen und bereit sein, sich überra­schen zu lassen. Wir sind auch diesesmal wieder oft und sehr angenehm überrascht worden. Danke für Deinen wunder­baren Text. Ich werde mir Dein Buch nach meiner Rückkehr kaufen. Grüße aus Kerala. Otmar

    1. Avatar von Oleander Auffarth

      Lieber Otmar! Ich finde auch: Indien ist ein Angriff auf alle Sinne – positiv wie negativ. Man muss sich schon darauf einlassen, was immer wieder neu schwierig ist. Aber wie Du so schön beschreibst – es lohnt sich.
      Herzliche Grüße!

  2. Avatar von Florian

    ich habe schon sehr oft gehört, es in Indien schöne ecken gibt. Auch die Kultur ist wahrschein­lich die Reise wert. Aber der Müll und die Hygiene wäre glaube ich nichts für mich. Beste Grüße aus Rhetorik Seminar Bonn

    1. Avatar von Oleander Auffarth

      Indien ist unbedingt eine Reise wert, aller­dings muss man Indien auch aushalten können.
      In der Tat ist der moderne Verpackungsmüll in Verbindung mit mangelndem Umweltschutz seitens der Regierung und einem erst wachsenden Bewusstsein in der Bevölkerung ein Desaster für die indische Bevölkerung. Allerdings ist dieses Problem – meiner Ansicht nach – in erster Linie hier nur beson­ders gut sichtbar. Man sollte nicht vergessen, dass die Industriestaaten allge­mein kaum Verantwortung tragen – trotz »Müllkontinent« im Pazifik.
      Auch beim Thema Hygiene sollte man diffe­ren­zieren. Tatsächlich hatte ich den Eindruck, dass die Inder beson­dere Aufmerksamkeit auf Hygiene legen. In jedem Restaurant steht ein promi­nentes Waschbecken und es gilt als verpönt, sich nicht vor und nach dem Essen die Hände zu waschen. In den beengten Slums ohne sanitäre Anlagen ist es schlicht kaum möglich, wirklich hygie­nisch zu leben. Außerdem fehlen noch immer öffent­liche Toiletten in großer Zahl.
      Für viele Inder sind das echte Probleme; als Tourist ist man davon jedoch nur selten direkt betroffen.

  3. Avatar von Johanna
    Johanna

    Hassliebe trifft es auf den Punkt! Meine Reise dorthin liegt mittler­weile auch fast 10 Jahre zurück.
    Viele andere Länder habe ich seitdem bereist, aber keines hat mich jemals wieder so geschockt, erstaunt, verwirrt und gleicher­maßen so faszi­niert, inspi­riert und verzau­bert wie Indien.
    Vielen Dank für den Text, der gerade so viele Erinnerungen geweckt hat – freue mich auf mehr!

    1. Avatar von Oleander Auffarth

      Herzlichen Dank für Deinen Kommentar! Schön, dass Du Dich in meiner Schilderung wieder­finden konntest. Diese Gegensätze machen für mich viel von der Faszination Indien aus. Liebe Grüße! Oleander

  4. Avatar von Julia Stratmann
    Julia Stratmann

    Ich musste gerade sehr lachen als ich die Formulierung »das Chaos umarmen« gelesen habe. Danke für dieses schöne Stück Text – meine Indienreise ist jetzt schon fast 10 Jahre her – aber gerade fühle ich mich, als wäre ich gerade in Dheli gelandet. Noch heute muss ich unwill­kür­lich lächeln, wenn mir aus einem Asiashop oder einem Restaurant bekannte Gerüche in die Nase wandern – auch wenn diese nur ein müder Abklatsch ihrer indischen Verwandten sind. Mein Punkt, an dem die Anspannung, der Stress und die Angst abfielen, war, als am Abfahrtsort unseres Buses von Goa nach Mumbai ein indischer Mitfahrer auf meine Frage, wann denn der (schon 1,5 Stunden) verspä­tete Bus endlich käme, antwor­tete: »Der Bus kommt, wenn er kommt!« und uns auf einen mitge­brach­teten Chai einlud. Ich blickte mich um und sah…alle Inder picknickten bereits. Danach begann ich das indische Chaos und Tempo und die Gelasenheit zu lieben.…

    1. Avatar von Oleander Auffarth

      Vielen Dank für Deine Rückmeldung! Mir ging es so, dass ich mich immer wieder neu auf Indien einstellen musste. Aber sobald sich (wieder) die innere Gelassenheit einstellte, ohne die Indien kaum auszu­halten ist, war es eine atembe­rau­bende Erfahrung und all die schwie­rigen Erfahrungen vergessen. Dieses brodelnde Leben, die Improvisation des Alltags, all diese vielfäl­tigen und oft wider­sprüch­li­chen Eindrücke – das wird mich nie mehr ganz loslassen. Um ein Stück Indien zurück­zu­holen, setze ich auf Räucherstäbchen, Curry, Musik und eine Tasse »Masala Chai«. Liebe Grüße! Oleander

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