„111 Gründe, Indien zu lieben“

Lange galt Indien als Inbe­griff der Mys­tik, ein frem­der Sehn­suchts­ort, der schon immer die Fan­ta­sie von Rei­sen­den, (Sinn-)Suchenden und Schrift­stel­lern beflü­gelt hat.
Indien ist weit mehr als nur ein Land. Auf einer Flä­che fast zehn­mal so groß wie Deutsch­land ist es eher ein eige­ner Kon­ti­nent vol­ler Viel­falt und Gegen­sätze, mit unzäh­li­gen Spra­chen, Völ­kern, Phi­lo­so­phien und Religionen.

Als ich das erste Mal indi­schen Boden betrat, war ich kaum auf das vor­be­rei­tet, was mich erwar­ten würde. Denn Indien ist längst kein Wun­der­land vol­ler erleuch­te­ter Aske­ten und war es wahr­schein­lich auch nie. Der Mythos Indien wurde im Wes­ten immer über­höht, nur über wenige Län­der der Welt haben wir so viele Bil­der im Kopf und wis­sen tat­säch­lich so wenig.
Indien ist eine stän­dige Her­aus­for­de­rung, für den Allein­rei­sen­den manch­mal aus­ge­spro­chen müh­sam zu berei­sen. »Mother India« gibt ihre Schätze nicht auf den ers­ten Blick preis. Der Rei­sende muss erst ler­nen, sich in einer völ­lig anders funk­tio­nie­ren­den Welt zurecht­zu­fin­den, das Chaos zu umar­men, muss seine Geduld erheb­lich aus­deh­nen und Uner­war­te­tem und Skur­ri­lem mit Humor begeg­nen. Erst dem Neu­gie­ri­gen, der sich Indien aus­lie­fert und ver­sucht es zu durch­drin­gen, eröff­net sich zwi­schen Annä­he­rung und Befrem­den ein zwei­ter Blick, der eine instink­tive, manch­mal absurde Liebe für das kon­trast­rei­che Land eröffnet.

In letz­ter Zeit hat sich das Bild Indi­ens in der Welt grund­le­gend geän­dert. Gerade in den letz­ten 25 Jah­ren haben Markt­li­be­ra­li­sie­run­gen dafür gesorgt, dass der Kapi­ta­lis­mus in Indien mit vol­ler Wucht ein­ge­schla­gen und Mate­ria­lis­mus mas­siv an Bedeu­tung gewon­nen hat. Galt Indien kurz­zei­tig als Kon­kur­rent Chi­nas auf des­sen Weg zur Welt­macht, als kom­mende IT-Größe und mit sei­nen Call­cen­tern als Zen­trum des welt­wei­ten Dienst­leis­tungs­sek­tors, hat sich der Fokus in der Welt­öf­fent­lich­keit wie­der stär­ker auf die gro­ßen Pro­bleme Indi­ens ver­la­gert: Die Land­be­völ­ke­rung ­ver­harrt in gro­ßer Armut, aus­blei­bende Land­re­for­men ver­hin­dern die grund­le­gende Ent­wick­lung. So wird die Land­flucht zu einem immer grö­ße­ren Pro­blem. Auf­stiegs­chan­cen sind für viele Men­schen kaum vor­han­den. Das Kasten­system ist offi­zi­ell seit der Staats­grün­dung Indi­ens abge­schafft, wirkt aber mas­siv nach.

Frauen wer­den in der indi­schen Gesell­schaft gra­vie­rend benach­tei­ligt, die alten Tra­di­tio­nen, wie das Kama­su­tra, sind in einer prü­den, patri­ar­cha­li­schen Hal­tung ein­ge­fro­ren, die Gewalt gegen Frauen begüns­tigt oder sogar recht­fer­tigt. Noch immer wer­den weib­li­che Föten abge­trie­ben aus Angst vor den Schul­den, die die Fami­lie als Mit­gift für die Hoch­zeit anspa­ren muss. Vie­len Fami­lien sind daher nur Söhne will­kom­men, nur sie kön­nen die Fami­lie spä­ter unter­stüt­zen. In länd­li­chen Regio­nen, in denen es kaum Toi­let­ten gibt, müs­sen die Frauen vor Son­nen­auf­gang ihre Not­durft am Rand der Fel­der ver­rich­ten. Dabei kommt es immer wie­der zu Ver­ge­wal­ti­gun­gen. Die Benach­tei­li­gung der Frau ist ein zen­tra­les Pro­blem der indi­schen Gesellschaft.

Immer spür­bar ist die enorme Bevöl­ke­rung Indi­ens und wel­che Fol­gen dar­aus ent­ste­hen. Wie gesagt, spie­len noch immer die Kin­der eine große Rolle für die Alters­ver­sor­gung – ein Sozi­al­sys­tem ist kaum ent­wi­ckelt. Allein in den 70 Jah­ren seit der Unab­hän­gig­keit Indi­ens hat sich die Bevöl­ke­rung um annä­hernd eine Mil­li­arde Men­schen erhöht, eine unfass­bare Zahl! Fast jeder Sechste auf die­ser Erde lebende Mensch ist heute ein Inder. Die Bevöl­ke­rungs­dichte liegt damit deut­lich über der Deutsch­lands und knapp unter­halb der Hol­lands. Aller­dings sind Gebiete wie der Hima­laya und die Thar­wüste spär­lich besie­delt. Die Men­schen bal­len sich vor allem in den Städ­ten der Ebe­nen. Durch die hohe Bevöl­ke­rungs­zahl wach­sen auch die öko­lo­gi­schen Pro­bleme unauf­hör­lich. Der Umwelt­schutz kann nicht Schritt hal­ten mit der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung. Die marode Infra­struk­tur ver­hin­dert bis­lang den Auf­stieg zur Weltwirtschaftsmacht.

Es wäre trotz­dem falsch, das Land auf diese Pro­bleme zu redu­zie­ren. Auch wenn es Indien dem Neu­an­kömm­ling nicht ein­fach macht, lohnt es sich, sich ihm aus­zu­set­zen. Denn es gibt unend­lich viel zu ent­de­cken. Wich­tig für den Rei­sen­den ist es, eine Balance zu fin­den und sich nach anstren­gen­den Streif­zü­gen durch die dicht bevöl­ker­ten und reiz­über­flu­te­ten Groß­städte mit ihren aus allen Näh­ten plat­zen­den Stra­ßen und Märk­ten Ruhe an klei­ne­ren Oasen zu gön­nen. Es benö­tigt viel Zeit, das Erlebte zu ver­ar­bei­ten. Ent­span­nung bie­ten die weni­ger besie­del­ten Regio­nen des Hoch­gebirges und die Küs­ten im Süden. So wurde Goa zu einem der Sehn­suchts­orte der Hip­pies, und noch immer lockt das Flair Tou­ris­ten aus aller Welt an die ent­spann­ten Strände. Doch es fin­den sich auch unbe­rührte Fle­cken – kein Wun­der bei einer Küs­ten­länge von über 7.000 Kilometern.

 

 

In Indien las­sen sich Zeug­nisse aus vie­len Epo­chen bewun­dern. Von einer der ers­ten Hoch­kul­tu­ren im Indus-Tal über das bud­dhis­tisch geprägte Ladakh ganz im Nor­den, die Gär­ten und Prunk­bau­ten der Moguln, die Paläste der Maha­ra­dschas, Tem­pel, Kir­chen und Moscheen von Hin­dus, Jaina, Bud­dhis­ten, Par­sen, Chris­ten, Mus­li­men und Sikhs oder die Hin­ter­las­sen­schaf­ten der bri­ti­schen Kolonialherren.

Der kul­tu­relle Höhe­punkt Indi­ens ist sicher­lich die Stadt Vara­nasi am Ufer des Gan­ges. Nir­gendwo reicht der Blick in das Innerste der indi­schen Seele tie­fer. Hier wird das Stre­ben der gläu­bi­gen Hin­dus nach Anhäu­fung von gutem Karma und der Hoff­nung nach Erlö­sung vom Rad der Wie­der­ge­bur­ten und den Ein­gang in Mok­sha (ana­log zu Nir­wana) beson­ders sichtbar.

 

 

Doch meine Erfah­run­gen mit Indien waren zwie­späl­tig. Und so fragte ich mich, als ich das Ange­bot zu die­sem Buch bekam: Liebe ich Indien tat­säch­lich? Kann man Indien über­haupt lie­ben – gerade ange­sichts sei­ner extre­men Kon­traste und der him­mel­schrei­en­den Unge­rech­tig­kei­ten, die noch immer herr­schen? Auch wenn ich das Wort eigent­lich nicht mag: Viel­leicht müsste ich in mei­nem Fall von einer »Hass­liebe« spre­chen. Wie gesagt, Indien ist kein ein­fa­ches Rei­se­land, selbst erfah­rene Rei­sende erle­ben immer wie­der Über­ra­schun­gen. Indien ist völ­lig unbe­re­chen­bar, was viel von sei­nem Reiz aus­macht. Der oft impro­vi­sierte indi­sche All­tag bie­tet reich­lich Skur­ri­les – häu­fig schüt­telte ich den Kopf, dann spielte ein brei­tes Grin­sen über meine Lip­pen, fas­zi­niert von dem irrea­len Gedan­ken, dass das, was sich vor mei­nen Augen abspielte, tat­säch­lich von die­ser Welt sein musste: Ich traf auf Sad­hus, die »hei­li­gen Män­ner«, die mir vol­ler Inbrunst von Bruce Lee erzähl­ten und wie ich den inne­ren Tiger wecken könne, ich fuhr in schrott­rei­fen Bus­sen auf atem­be­rau­ben­den Stra­ßen, die jeder Beschrei­bung spotten.

 

 

 

 

Wo immer ich ankam, war­te­ten Schlep­per, die mich am liebs­ten davon­ge­tra­gen hät­ten. Manch­mal fiel es mir sehr schwer, mich nicht von ihrer Betrieb­sam­keit anste­cken zu las­sen. Auf einer völ­lig über­füll­ten Stra­ßen­kreu­zung in Neu-Delhi sah ich einen gewal­ti­gen Ele­fan­ten majes­tä­tisch über die Straße schrei­ten. Die Aske­ten auf den Stra­ßen sind genauso all­ge­gen­wär­tig wie Feste und reli­giöse Pro­zes­sio­nen: So wird bei­spiels­weise an Diwali das ganze Land mit Ker­zen illu­mi­niert, an Holi wird alles und jeder in Farbe getaucht. Die vie­len eigen­stän­di­gen Regio­nal­kü­chen, die sich erheb­lich von­ein­an­der unter­schei­den, sind ein Teil der Fas­zi­na­tion Indi­ens: Bis heute lässt der Geruch eines frisch zube­rei­te­ten Masala Chai mein Herz höher­schla­gen. Das Leben in Indien bro­delt fort­wäh­rend, es ist kaum zu durch­drin­gen und nur schwer mit Sin­nen zu fas­sen. Indien ist eine süch­tig machende Droge, man sollte sich aber unbe­dingt vor Über­do­sie­rung hüten.

Lange habe ich mit Indien gefrem­delt, es war keine Liebe auf den ers­ten Blick. Es hat mich manch­mal zum Ver­zwei­feln gebracht, im nächs­ten Moment besänf­tigt, und wenig spä­ter wähnte ich mich schon wie­der im schöns­ten und unge­wöhn­lichs­ten Land der Welt.
In mei­nem Fall kam zusätz­li­ches Gewicht in den Ruck­sack: Ich hatte meine Woh­nung gekün­digt und war kom­plett aus­ge­stie­gen, um nach mei­nem eige­nen Weg zu suchen – der Auf­bruch nach Indien war auf­ge­la­den mit Hoff­nun­gen und Ängs­ten und einer exis­ten­zi­el­len Suche nach einem glück­li­chen Leben. Es war manch­mal eine schwie­rige, am Ende aber eine unge­mein lehr­rei­che und horizont­erweiternde Erfahrung.

Auf die­ser ers­ten gro­ßen Reise nach Indien hatte ich ursprüng­lich geplant, gänz­lich auf dem Land­weg zu rei­sen, doch die poten­zi­ell revo­lu­tio­nä­ren Ereig­nisse im Iran 2009 hat­ten meine Pläne durch­kreuzt. Also fuhr ich über Öster­reich, Ita­lien und Grie­chen­land bis nach Istan­bul und musste von dort aus nach Neu-Delhi flie­gen. Eines Tages werde ich die Reise auf dem Land­weg nach Indien aber nachholen.

Gerade meine erste Reise war in vie­ler­lei Hin­sicht ein Desas­ter. Kaum in Indien ange­kom­men, ließ ich mich auf ein win­di­ges Rei­se­büro mit abge­brüh­ten Pro­fis ein, die mich äußerst geschickt zu einer Reise nach Kasch­mir über­re­de­ten. Nach acht Tagen Hor­ror inklu­sive Nöti­gung und Bedro­hung reiste ich ange­spannt und fast schon trau­ma­ti­siert durch Indien, ohne mir die drin­gend benö­tigte Ruhe in einer der Oasen zu gön­nen. Ich fuhr reiz­über­flu­tet in klapp­ri­gen Bus­sen durch die indi­schen Tief­ebe­nen und die über­be­völ­ker­ten Städte, manch­mal fühlte ich mich wie im Tau­mel, als würde ich durch den Sub­kon­ti­nent geschwemmt. Indien war mir zu laut, kam mir zu nah, raubte mir den Schlaf, laugte mich aus und brachte mich manch­mal an den Rand des Ner­ven­zu­sam­men­bruchs. Am Anfang ver­un­si­cherte mich das pene­trante Star­ren, das viele Inder prak­ti­zie­ren, beson­ders. Diese Neu­gier ist Fluch und Segen, sie ermög­licht unkom­pli­zierte Begeg­nung, manch­mal raubt sie einem jede Pri­vat­sphäre. Am bri­ti­schen Tri­umph­bo­gen, dem India Gate in Neu-Delhi, ver­hiel­ten sich die jun­gen Inder wie wahre Papa­razzi und mach­ten unzäh­lige Schnapp­schüsse von mir.

Beson­ders erschüt­tert war ich von der all­ge­gen­wär­ti­gen Armut. Von einem fle­hen­den Bett­ler über län­gere Stre­cken ver­folgt zu wer­den, der an der Klei­dung zieht und sein Leid klagt, ist schwer aus­zu­hal­ten. Jeder muss sei­nen eige­nen Umgang mit dem Elend, der Hoff­nung, der Ver­zweif­lung und dem Gott­ver­trauen der Benach­tei­lig­ten fin­den. Selbst­ver­ständ­lich kann man die Slums als Orte der Hoff­nung begrei­fen; mit der kom­men die Neu­an­kömm­linge vom Land – ange­zo­gen von den weni­gen Erfolgs­ge­schich­ten der Zurück­ge­kehr­ten. Doch man sollte sich bewusst machen, unter welch kata­stro­phal beeng­ten und zwangs­weise unhy­gie­ni­schen Bedin­gun­gen die Men­schen leben müs­sen und dass nur wenige den erhoff­ten Auf­stieg in die Stadt­ge­sell­schaft tat­säch­lich schaf­fen. Es ist nicht ein­fach, sich von dem Elend abzu­gren­zen, ohne igno­rant zu sein. Ent­schei­dend ist es aber, schnell zu ler­nen, deut­lich »Nein« zu sagen und sich Situa­tio­nen zu ent­zie­hen, die einem zu ent­glei­ten dro­hen. Das gelang mir am Anfang nur unzu­rei­chend, dafür musste ich Lehr­geld zahlen.

Sehr betrübt war ich auch ange­sichts der ver­hee­ren­den Umwelt­ver­schmut­zung. Der Smog von Delhi zer­stört die Gesund­heit sei­ner Bewoh­ner, die Indus­trie­ge­biete mit ihren unge­fil­ter­ten Abga­sen spot­ten jeder Beschrei­bung, viele Flüsse sind völ­lig ver­schmutzt und ver­gif­tet, der Müll stinkt zum Him­mel oder lodert am Stra­ßen­rand und ver­teilt von dort den bei­ßen­den Gestank von bren­nen­dem Plas­tik. Die auf­stre­bende indi­sche Wirt­schaft lechzt nach bil­li­ger Kohle. In den Minen in und um Dhan­bad bren­nen seit 100 Jah­ren unkon­trol­lier­bar die Flöze unter den arm­se­li­gen Behau­sun­gen der Minen­ar­bei­ter, die immer in der Gefahr schwe­ben, mit­samt ihrer Exis­tenz sinn­bild­lich in einen Höl­len­schlund hin­ab­ge­ris­sen zu werden.

Das Bewusst­sein der Gesell­schaft für die Umwelt und die kata­stro­pha­len Arbeits­be­din­gun­gen steigt nur lang­sam. Indien befin­det sich in einem rasan­ten Auf­bruch in die Moderne. Den­noch wird ent­schei­dend sein, ob es gelingt, die länd­li­che Bevöl­ke­rung am Wohl­stand zu betei­li­gen und die Land­flucht zu stop­pen. Doch im moder­nen Indien wer­den die Inter­es­sen der Indus­trie häu­fig über die Rechte der ange­stamm­ten Bevöl­ke­rung gestellt. Diese Ent­wick­lung hat zu einem wenig bekann­ten Bür­ger­krieg zwi­schen auf­stän­di­schen Mao­is­ten und der Regie­rung im Osten Indi­ens geführt.

Aber die Begeg­nun­gen mit Ein­hei­mi­schen, Gast­haus­be­sit­zern, Sad­hus, Bett­lern, den Mit­rei­sen­den, den Händ­lern, Beam­ten, selbst­er­nann­ten Füh­rern, auf­stre­ben­den Geschäfts­leu­ten zeig­ten mir unter­schied­li­che Blickwinkel.

 

 

Gerührt folgte ich Ein­la­dun­gen in fremde Wohn­zim­mer und zu Pujas, unter­hielt mich mit Wild­frem­den, wurde wie selbst­ver­ständ­lich auf Rei­sen von Ein­hei­mi­schen ver­kös­tigt, nur sel­ten erlebte ich Abwei­sung. Doch vor allem am Anfang ver­zer­ren die Bau­ern­fän­ger, Nep­per und Gano­ven an den tou­ris­tisch bedeut­sa­men Orten den Ein­druck stark. Eine gesunde Skep­sis und innere Ruhe sind an beleb­ten Orten aus­ge­spro­chen hilf­reich. Beson­ders wich­tig ist, sich immer wie­der zwi­schen­durch Aus­zei­ten an länd­li­chen Orten oder am Meer zu gönnen!

 

 

Und obwohl ich auf mei­ner ers­ten Reise in Indien daran dachte, mei­nen lang ersehn­ten Trip abzu­bre­chen, so war ich zugleich vol­ler Neu­gier, was mich noch erwar­ten mochte. Indien war näm­lich ein Rausch aus Far­ben und Gerü­chen, jeder Win­kel bot Ent­de­ckun­gen, jeder Streif­zug war ein Gang durch die Jahr­hun­derte, nichts schien zu ver­rückt, um nicht wirk­lich zu pas­sie­ren. Alles konnte impro­vi­siert wer­den, ja musste impro­vi­siert wer­den, weil stän­dig irgend­et­was kaputt­ging. Diese unbe­re­chen­bare Kraft hyp­no­ti­sierte mich und öff­nete mir eine völ­lig andere, oft sur­reale Welt, die ich instink­tiv zu lie­ben begann. An jeder Stra­ßen­kreu­zung wollte ich mich Tau­sen­den Impres­sio­nen hin­ge­ben und meine Fan­ta­sie schwei­fen las­sen – würde nicht der indi­sche All­tag aller Auf­merk­sam­keit bedürfen.

Oft habe ich Indien wie einen gro­ßen Spie­gel wahr­ge­nom­men, der meine Über­zeu­gun­gen erschüt­terte und mich zwang, mich noch inten­si­ver mit mir selbst aus­ein­an­der­zu­set­zen. Der Kul­tur­schock, den Indien bei jeder Reise ver­ur­sachte, war gewal­tig. Doch auch bei der jewei­li­gen Rück­kehr nach Deutsch­land ging es mir kaum bes­ser – plötz­lich erschien mir Deutsch­land still, fast ste­ril. So sehr ich Sau­ber­keit auch schätzte, so sehr ver­misste ich die Kühe auf den Stra­ßen und den indi­schen All­tag, der nie­mals still­steht, auch wenn ich das oft als Zumu­tung emp­fun­den hatte. Doch nach der Rück­kehr ver­misste ich die Geräusch­ku­lisse und die Unvor­her­seh­bar­keit des indi­schen Alltags.

So kehrte ich bereits zwei Monate nach mei­ner ers­ten Abreise aus Indien zurück. Es folg­ten auch noch zwei wei­tere Rei­sen, die mich vor allem in die Berg­wel­ten des Nor­dens hin­ein und am Gan­ges ent­lang­führ­ten. Die lan­gen ein­sa­men Wan­de­run­gen in den ent­le­ge­nen Berg­re­gio­nen des Westhi­ma­laya präg­ten mich beson­ders, immer gefolgt von anstren­gen­den Etap­pen in Bus­sen und Zügen durch die Tief­ebe­nen und das Herz des Kon­ti­nents hin zur Erho­lung an den tro­pi­schen Strän­den und schrof­fen Fel­sen des Ara­bi­schen Meers.

 

 

Ich habe ins­ge­samt ein Jahr in Indien ver­bracht und alles gele­sen, was ich in die Fin­ger bekom­men habe, seit ich 2008 die Ent­schei­dung zur Reise nach Indien getrof­fen hatte. Mich inter­es­sierte schon immer vor allem das »alte« Indien. Der unkri­ti­schen Fort­schritts­gläu­big­keit, die sich welt­weit breit­ge­macht hat, stehe ich gene­rell skep­tisch gegen­über. Für man­chen mag mein Blick auf Indien an eini­gen Stel­len ein allzu kri­ti­scher zu sein. Ich hin­ge­gen emp­fände es als Betrug am Leser, mir nur die schö­nen Sei­ten her­aus­zu­pi­cken. Gerade die Wider­sprüch­lich­kei­ten machen Indien doch erst zu einem so span­nen­den Land.

Natür­lich ist es ein gewal­ti­ger Unter­schied, ob man Indien als Teil einer orga­ni­sier­ten Rei­se­gruppe oder als Back­pa­cker erlebt und über wel­ches Bud­get der Rei­sende ver­fügt. Als Teil einer Rei­se­gruppe oder mit kom­pe­ten­tem Füh­rer lässt sich deut­lich ent­spann­ter rei­sen. Mein Blick­win­kel ist jedoch der des Allein- und Indi­vi­du­al­rei­sen­den. Nur sel­ten bin ich in Gesell­schaft gereist, doch manch­mal fand ich einen Ort, an dem ich län­ger blei­ben wollte, und nutzte die Zeit, um mich mit ande­ren Rei­sen­den über die jewei­li­gen Erfah­run­gen in Indien aus­zu­tau­schen. Ansons­ten habe ich mich durch das Land trei­ben las­sen, manch­mal wurde ich mehr getrie­ben. Das ist sicher die anstren­gendste Methode, Indien zu berei­sen, ermög­licht aber auch viele direkte Ein­bli­cke und Begeg­nun­gen, die dem Pau­schal­ur­lau­ber oft ent­ge­hen, ja die vor ihm abge­schirmt werden.

Jedes Mal aufs Neue brau­che ich meine Zeit, um mich wie­der an den ohren­be­täu­ben­den Lärm der Städte und Stra­ßen und die Inten­si­tät des indi­schen All­tags zu gewöh­nen. Dann beginnt mein Kopf wie von selbst auf die indi­sche Art zu »wackeln«.

Ich möchte Euch, liebe Leser, nun mit­neh­men in das Indien, das mich ver­zau­bert, ver­stört, ange­zo­gen und abge­sto­ßen hat, eine Begeg­nung, die mich für den Rest mei­nes Lebens prä­gen wird. Und meine nächste Reise nach Indien ist nur eine Frage der Zeit. Es gibt noch unend­lich viel für mich zu ent­de­cken, vor allem den Osten des Lan­des will ich noch bes­ser ken­nen­ler­nen. Aber im Zen­trum die­ses Buches sol­len die Men­schen, Reli­gio­nen und Kul­tu­ren Indi­ens ste­hen, ergänzt mit eige­nen Erfahrungen.

In den fol­gen­den Wochen stelle ich Euch fünf Gründe vor, Indien zu lie­ben, die mir beson­ders am Her­zen liegen.

„111 Gründe, Indien zu lie­ben“ ist erschie­nen im Schwarz­kopf & Schwarz­kopf Ver­lag in Ber­lin und umfasst 336 Sei­ten. Pre­mium-Paper­back mit zwei far­bi­gen Bildteilen.

 

Cate­go­riesIndien
  1. Otmar D. says:

    Bin gerade auf mei­ner drit­ten Indi­en­reise. Nach Delhi, Agra, Rajasthan, Mum­bai und Goa ist es die­ses­mal Kerala, mit Ban­ga­lore und Mys­ore als kur­zem Vor­spiel. Obwohl Kerala viel ent­spann­ter ist als der Nor­den, kämpfe ich stünd­lich mit den Wider­sprü­chen, die Du in Dei­nem Vor­wort so wun­der­bar beschreibst. Ich habe über 70 Län­der der Erde bereist, kenne aber kei­nes, das mir so viel abver­langt wie Indien, aber auch kei­nes, das mich so inten­siv beschäf­tigt wie Indien. Ein­fach nur nach Indien fah­ren und mal schauen geht nicht. Man muss bereit sein, seine eige­nen Vor­ur­teile, oder die von Freun­den, die vor unse­rer Reise die Nase gerümpft haben, zu ver­ges­sen und bereit sein, sich über­ra­schen zu las­sen. Wir sind auch die­ses­mal wie­der oft und sehr ange­nehm über­rascht wor­den. Danke für Dei­nen wun­der­ba­ren Text. Ich werde mir Dein Buch nach mei­ner Rück­kehr kau­fen. Grüße aus Kerala. Otmar

    1. Lie­ber Otmar! Ich finde auch: Indien ist ein Angriff auf alle Sinne – posi­tiv wie nega­tiv. Man muss sich schon dar­auf ein­las­sen, was immer wie­der neu schwie­rig ist. Aber wie Du so schön beschreibst – es lohnt sich.
      Herz­li­che Grüße!

  2. Florian says:

    ich habe schon sehr oft gehört, es in Indien schöne ecken gibt. Auch die Kul­tur ist wahr­schein­lich die Reise wert. Aber der Müll und die Hygiene wäre glaube ich nichts für mich. Beste Grüße aus Rhe­to­rik Semi­nar Bonn

    1. Indien ist unbe­dingt eine Reise wert, aller­dings muss man Indien auch aus­hal­ten können.
      In der Tat ist der moderne Ver­pa­ckungs­müll in Ver­bin­dung mit man­geln­dem Umwelt­schutz sei­tens der Regie­rung und einem erst wach­sen­den Bewusst­sein in der Bevöl­ke­rung ein Desas­ter für die indi­sche Bevöl­ke­rung. Aller­dings ist die­ses Pro­blem – mei­ner Ansicht nach – in ers­ter Linie hier nur beson­ders gut sicht­bar. Man sollte nicht ver­ges­sen, dass die Indus­trie­staa­ten all­ge­mein kaum Ver­ant­wor­tung tra­gen – trotz „Müll­kon­ti­nent“ im Pazifik.
      Auch beim Thema Hygiene sollte man dif­fe­ren­zie­ren. Tat­säch­lich hatte ich den Ein­druck, dass die Inder beson­dere Auf­merk­sam­keit auf Hygiene legen. In jedem Restau­rant steht ein pro­mi­nen­tes Wasch­be­cken und es gilt als ver­pönt, sich nicht vor und nach dem Essen die Hände zu waschen. In den beeng­ten Slums ohne sani­täre Anla­gen ist es schlicht kaum mög­lich, wirk­lich hygie­nisch zu leben. Außer­dem feh­len noch immer öffent­li­che Toi­let­ten in gro­ßer Zahl.
      Für viele Inder sind das echte Pro­bleme; als Tou­rist ist man davon jedoch nur sel­ten direkt betroffen.

  3. Johanna says:

    Hass­liebe trifft es auf den Punkt! Meine Reise dort­hin liegt mitt­ler­weile auch fast 10 Jahre zurück.
    Viele andere Län­der habe ich seit­dem bereist, aber kei­nes hat mich jemals wie­der so geschockt, erstaunt, ver­wirrt und glei­cher­ma­ßen so fas­zi­niert, inspi­riert und ver­zau­bert wie Indien.
    Vie­len Dank für den Text, der gerade so viele Erin­ne­run­gen geweckt hat – freue mich auf mehr!

    1. Herz­li­chen Dank für Dei­nen Kom­men­tar! Schön, dass Du Dich in mei­ner Schil­de­rung wie­der­fin­den konn­test. Diese Gegen­sätze machen für mich viel von der Fas­zi­na­tion Indien aus. Liebe Grüße! Oleander

  4. Julia Stratmann says:

    Ich musste gerade sehr lachen als ich die For­mu­lie­rung „das Chaos umar­men“ gele­sen habe. Danke für die­ses schöne Stück Text – meine Indi­en­reise ist jetzt schon fast 10 Jahre her – aber gerade fühle ich mich, als wäre ich gerade in Dheli gelan­det. Noch heute muss ich unwill­kür­lich lächeln, wenn mir aus einem Asia­shop oder einem Restau­rant bekannte Gerü­che in die Nase wan­dern – auch wenn diese nur ein müder Abklatsch ihrer indi­schen Ver­wand­ten sind. Mein Punkt, an dem die Anspan­nung, der Stress und die Angst abfie­len, war, als am Abfahrts­ort unse­res Buses von Goa nach Mum­bai ein indi­scher Mit­fah­rer auf meine Frage, wann denn der (schon 1,5 Stun­den) ver­spä­tete Bus end­lich käme, ant­wor­tete: „Der Bus kommt, wenn er kommt!“ und uns auf einen mit­ge­brach­te­ten Chai ein­lud. Ich blickte mich um und sah…alle Inder pick­nick­ten bereits. Danach begann ich das indi­sche Chaos und Tempo und die Gelasen­heit zu lieben.…

    1. Vie­len Dank für Deine Rück­mel­dung! Mir ging es so, dass ich mich immer wie­der neu auf Indien ein­stel­len musste. Aber sobald sich (wie­der) die innere Gelas­sen­heit ein­stellte, ohne die Indien kaum aus­zu­hal­ten ist, war es eine atem­be­rau­bende Erfah­rung und all die schwie­ri­gen Erfah­run­gen ver­ges­sen. Die­ses bro­delnde Leben, die Impro­vi­sa­tion des All­tags, all diese viel­fäl­ti­gen und oft wider­sprüch­li­chen Ein­drü­cke – das wird mich nie mehr ganz los­las­sen. Um ein Stück Indien zurück­zu­ho­len, setze ich auf Räu­cher­stäb­chen, Curry, Musik und eine Tasse „Masala Chai“. Liebe Grüße! Oleander

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