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Ein Oktobertag in Dresden

Vom Leben und Lieben an der Elbe

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Lang ist es her und schnell fühlt es sich nach Reise an. Vor allem weil alle weiter fahren, nach Prag, ins Ausland! Da steigt die Euphorie. Nicht von Braunschweig nach Hannover. Berlin – Prag, zwei Hauptstädte, da wird die Autobahn zur Hauptschlagader, und der kastenförmige Mietwagen kurzzeitig zum Orient-Express. Entsprechend ausgelassen ist die Stimmung, es wird Tee in Plastikbechern konsumiert und Lutschbonbons sich hinter die Backenzähne geschoben. Letzte Nacht kaum eine Auge zugedrückt, nachgedacht, gekritzelt und doch guter Dinge und kommunikativ.

Der Fahrer Viktor kommt aus Russland, seine freundliche Frau Susan auch. Viktor ist Informatiker und erinnert mich an einen guten Freund und ein bischen an Kafka, in Schwarz-Weiß. Viktor aber in Farbe, mit Brille, grünem Wollpulli, darunter ein Hemd, und bemüht ein Gespräch zu führen. Susan und er arbeiten bei einer großen Online-Partnervermittlung. Haupt- und einziger Sitz ist Berlin, 300 Mitarbeiter, 15 Mio. Kunden! Fast pruste ich meinen Tee an die Innenseite der Windschutzscheibe. In Tschechien leben immerhin 10 Mio. Menschen. Parship ist es nicht, die, wie ich später in Dresden bemerken soll, an allen Haltestellen der Stadt das Glück der Zweisamkeit propagieren. Alle elf Minuten verliebt sich jemand bei denen, so steht es da in fetten großern Lettern. Das liest sich butterweich weg, aber wenn man mal richtig darüber nachdenkt: LIEBEN. Das ist ne große Nummer, und wie sieht das dann aus, wenn die sich verlieben, vor ihrer Rechnern? Ich meine, wer mißt das, wer kann darüber entscheiden? Überwacht da jemand Kaffee trinkend und Käsebrot mampfend die virtuelle Unterhaltung zwei sich beinahe Liebender und drückt dann bei der zweiten Tasse Kaffee den roten, herzförmigen Knopf?
Lieben also, wenn Worte zu leeren Hüllen werden. Viktor spielt Tracy Chapman, aber das wirkt schwer, und in den Bechern dümpelt Tee und nicht Rotwein. Was neues muss her: die Doors. Schon besser, der zweite Mitfahrer, Peter, neben mir, nickt ein, während „Back Door Man“ aus den Lautsprechern dröhnt und in mir viel zu früh die Lust nach einem langen Holztresen weckt. Im Orient-Express wäre das kein Problem gewesen. Susan schenkt Tee nach, die Stimmbänder somit befeuchtet, um weiter Unterhaltung zu führen. Schwarzbraun schwabbt er zu den Bodenwellen im Becher hin und her. Am Grund schweben kleine schwarze Blätter und während ich da so drauf starre, wird mir wieder klar, wie müde ich eigentlich bin.

Jetzt singt Tina Turner, musikalische Reise ins 20. Jahrhundert. Das erinnert mich an die CD-Sammlung meiner Frau Mama. Lässt man die Finger über die CD Hüllen wandern, über den Dirty Dancing Soundtrack, Ich und ich, – beinahe muss ich zum zweiten mal meinen Mundinhalt in das Autoinnere entleeren -,  erwartet einen ganz am Ende Barry White. An dieser Reihenfolge wird sich nie etwas ändern. Der läuft jetzt aber nicht, noch nicht. Ich wage zu behaupten, dass der als nächstes dran gewesen wäre. Vielleicht sind Susan und meine Mutter ja am gleichen Tag geboren.

Ich komme mit Peter ins Gespräch, der eine Ausbildung als Kameramann in Babelsberg macht und derzeit mit Kollegen eine Webserie dreht: „Helden der Hauptstadt“ nennt die sich, wird in Neukoelln gedreht und ist Anfang nächsten Jahres auf youtube zu sehen und soll zur Berlinale in Lichtspielhäusern im Kiez uraufgeführt werden. Interessant, da unter anderem ehemalige Wrestler mitspielen. Ausrangiert, da zu alt, die Idee stammt vom Regisseur. Und das klingt erst mal engagiert, nicht wie in anderen Hauptstadtserien „Kamera läuft, bitte streiten!“ und sich das Leben schwerer machen, als es ohnehin schon ist.

Draußen fliegt Sachsen an uns vorbei, die Plastiktassen dampfen, wie die Kühltürme von Atomkraftwerken. Riesige Windräder schieben sich an uns vorbei, der Morgennebel löst sich auf, und auch mein Kopf wird immer klarer, als gäbe es da eine Verbindung. In Sichtweite drei Rehe auf einem Feld, Hellbraun schimmert ihr Fell. Frühaufsteher, eins passt auf. Schön sind sie ja, aber immer schreckhaft und auf der Hut. Anstrengend stelle ich mir das vor, immer wegrennen, sobald jemand am Horizont auftaucht.
Ankunft in Dresden, ich lasse mich an der Elbe absetzen, sehe aus der Ferne die Semperoper und die Elbterassen. Goldener Empfang bei maximalem Sonnenschein, die Elbe wie gegossenes Blei, silberfarbend und dickflüssig wie ein Lavastrom, trennt sie die Alt- von der Neustadt. Wieviele Blicke sie in diesem Gewand heute wohl schon auf sich gezogen hat?  Welche Gedanken sie in sich trägt, die den Menschen bei ihrem Anblick durch die Köpfe gegangen sind, das bleibt ihr Geheimnis. Ein wahre Schatztruhe.
Und zu Ostzeiten –  der Strom als Flucht vor der Realität. Wäre ich hier aufgewachsen, ich hätte oft hier gesessen und mir ein Leben in Freiheit vorgestellt – die Flussmündung in der Nordsee als heiligen Ort, das hätte mir niemand nehmen können, diesen Gedanken – und an einer Rezeptur hätte ich gebastelt, mich vollkommen in Wasser auflösen zu können.

Ich lasse mich treiben, am Wochenende platzt Dresden aus allen Nähten, die Frauenkirche und der sie umgebende Platz ist Dreh- und Angelpunkt, hier trifft Historie auf Disneylandkitsch. Später spielt vor dem Lutherdenkmal ein Klavierspieler „Mad World“. Wie vorher Tracy Chapman passt auch das gar nicht zur Stimmung. Jim Morrison wäre hier zwar ähnlich deplaziert aber sicherlich die bessere Wahl.

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Ein paar Schritte weiter der Zwinger, direkt daneben die Semperoper und noch mehr altes Gemäuer, zu Tode fotografiert. Da jemand mit Handy- und Digitalkamera gleichzeitig.
Viele Familien, aber es dominiert Silber-Graues Haar, passend zum Erscheinungsbild der Elbe heute. Grau- und Pastelltöne geben Auskunft über das gehobene Durchschnittsalter der Tagesausflügler.

Am Wurststand dieser beißende sächsische Dialekt. Die Spanische Touristin versucht sich im Englisch, der Mann hinterm Grill versteht und scherzt, dass er alle Sprachen könne. Nur sprechen tut er in seiner Muttersprache. Im Starbucks stehen sie Schlange, im MC Donalds auch, die traditionellen Kaffeehäuser dagegen eher leer.

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In der Haupteinkaufsstraße propagiert ein älterer Mann mit Sowjetflagge Vergangenheit, das scheint hier kaum jemanden zu interessieren. Der Stern auf der Flagge stand einst für die Vereinigung aller Länder der fünf Kontinente, unter der Idee des Kommunismus. Jetzt prostet man sich zu „Mad World“, Melancholie heuchelnd,  mit Starbucks-Bechern zu.

Ich schlage mich zum Hauptbahnhof durch, der Kopf ist voll. Die letzten Meter sind von 90er Jahre Neu- oder großspurigen DDR Plattenbauten flankiert und schlagen eine Schneise zwischen historischer Altstadt und dem Bahnhofsviertel.

Mein Freund aus Argentinien wartet schon am Eingang zum Hauptbahnhof, mit meinem handgepäckgroßen Koffer,  den ich nach längerem Aufenthalt in Buenos Aires zurücklassen musste. Wir trinken einen Kaffee, er muss los, hat heute noch einen Flug nach Süd Amerika. Wir verabschieden uns mit festem Händedruck, gefolgt von einer Umarmung und versprechen einander Kontakt zu halten. Da steht er nun vor mir, der verlorene Sohn. Beinahe wie Weihnachten fühlt sich das an, denn so recht kann ich mich nicht mehr daran erinnern, was ich da vor einem halben Jahr zusammen gesammelt habe. Heute Abend in Berlin dann Bescherung. Jetzt noch eine Stunde am Bahnhof Zeit tot schlagen und dann via Mitfahrgelegenheit zurück nach Berlin.

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Die Heimreise, erneut im Auto, ist wenig spektakulär. Es wird nicht geredet, die Namen der Mitreisenden sind mir unbekannt. Der Beifahrer spielt ein Strategiespiel auf seinem Smartphone. Ich schlafe ein, öffne die Augen und erkenne müde blinzelnd den Berliner Fernsehturm. Die blinkenden Lichter verraten ihn, konstanter Puls und ewiger Fels in der Brandung. Ob er später in der Nacht stärker ausschlägt, wenn Berlin sein anderes Gesicht zeigt, oder zwei Suchende sich per Knopfdruck die Liebe gestehen?

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3 Kommentare

  1. Jo, am

    Ich hab auch schon mal jemandem einen Rucksack hinterhergebracht. Am Ende bin ich dann da geblieben wo ich den Rucksack an seinen Besitzer übergeben habe, in Spanien :)

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