Auf zwei Rädern, zwei und vier Beinen durch Jordanien

„Wenn du in Eile bist, mach einen Umweg“, lau­tet eine japa­ni­sche Weis­heit. Von der die meis­ten Jor­da­ni­en-Rei­sen­den, die schnur­stracks von der Haupt­stadt Amman ins his­to­ri­sche Petra, in die Wüs­te Wadi Rum sowie ans Tote oder ans Rote Meer het­zen, noch nichts gehört haben. Ich ent­de­cke ein klei­nes Stück Jor­da­ni­en auf dem lang­sa­men Weg – vom Sat­tel eines Moun­tain­bikes aus, auf mei­nen eige­nen Bei­nen und zwi­schen den Höckern eines Kamels. Was schnel­lem Vor­an­kom­men und dem flot­ten Abha­ken der Must-sees nicht gera­de för­der­lich ist. Aber dem Ankom­men. Ankom­men inmit­ten einer Schafs­her­de. Bei Bedui­nen­kin­dern, die aus ihren Zel­ten her­bei­ei­len, um einer exo­ti­schen Rad­le­rin ‚High Five‘ zu geben. Auf einem Bedui­nen­weg in Rich­tung Petra. Auf allen Vie­ren auf Wadi Rums Sand­stein­fel­sen. Und bei Ahmad in Aqa­ba.

Ein Tag in der Haupt­stadt

Meis­tens fängt eine Rei­se von dem Moment, wenn mei­ne Plä­ne kaputt­ge­hen, an, gut zu wer­den. In Amman bereits in den ers­ten Minu­ten am Flug­ha­fen. Die Idee, über Uber ein güns­ti­ges Taxi zu rufen, schei­tert, als mir der Fah­rer mit­teilt, er kön­ne wegen Poli­zei­kon­trol­len nicht kom­men. Es ist spät, ich habe Hun­ger, will zur Unter­kunft. Ein älte­rer Mann in der Ankunfts­hal­le wit­tert das. „Taxi? Nur 25 jor­da­ni­sche Dinar ins Zen­trum!“ Gut 31 Euro, na toll. Dass Jor­da­ni­en kein Bil­lig­rei­se­land ist, habe ich schon bei der Rei­se­vor­be­rei­tung begrif­fen. Wäh­rend ich dem alten Mann miss­mu­tig fol­ge, fällt mir Ankomm-Regel Num­mer eins ein – mich nie­mals von einem Wild­frem­den, der sich als Taxi­fah­rer aus­gibt, abschlep­pen zu las­sen. Natür­lich hat der Wagen kein Taxi­schild. Aber er glänzt Wasch­an­la­gen-frisch und riecht, als hät­te vor mir noch nie­mand drin­geses­sen. „Hun­ger?“ Der Fah­rer reicht mir einen Apfel. Eng­lisch spricht er genau­so viel wie ich Ara­bisch, etwa vier Wör­ter, aber wir unter­hal­ten uns wun­der­bar: Er spricht auf Ara­bisch in eine App, die den Text für mich ins Eng­li­sche über­setzt und mei­ne Ant­wort zurück ins Ara­bi­sche. Am Ende der Fahrt weiß ich über alle Sehens­wür­dig­kei­ten von Amman Bescheid und ein wenig über mei­nen Fah­rer Ali, ein Bedui­ne. „Ich lebe seit über zehn Jah­ren in Amman, aber es gefällt mir nicht. Ich mag Pfer­de, Scha­fe und Kame­le.“

Ich auch, fin­de mich aber an die­sem Abend auf der Suche nach etwas Ess­ba­rem auf Stra­ßen mit 95% neu­gie­rig schau­en­den Män­nern und ein paar ver­streu­ten Frau­en wie­der. Mir ist komisch zumu­te – bis sich der ers­te neu­gie­ri­ge Blick in einen wohl­wol­len­den ver­wan­delt und ich ein freund­li­ches „Will­kom­men in Jor­da­ni­en“ mit auf den Weg bekom­me. Dem Will­kom­mens­gruß fol­gen wei­te­re, bis mich der Hun­ger ins Tou­ris­ten­ca­fé Pascha treibt, wo qual­men­de Tou­ris­ten zu den Klän­gen von Live-Musik bei­sam­men­sit­zen. „Volaaaaa­re“, grö­len die Sän­ger, beglei­tet von betrun­ke­nen Ita­lie­ne­rin­nen, denn ja – im Pascha wird im Gegen­satz zu den tra­di­tio­nell jor­da­ni­schen Restau­rants Alko­hol ver­kauft.

Wenn ich neu in einer Stadt bin, schaue ich sie mir am liebs­ten aus der Höhe an. Beim Blick von oben wird ein frem­der Ort greif­ba­rer, wie die Welt aus dem Flug­zeug. Ich begin­ne am nächs­ten Mor­gen mit dem Römi­schen Thea­ter, wohl aus der Herr­schafts­zeit von Anto­ni­nus Pius 138 bis 161 nach Chris­tus, das von unten nicht beson­ders groß erscheint, aber von der obers­ten Sitz­rei­he aus wird ver­ständ­lich, dass dort um die 6.000 Per­so­nen Platz fin­den.

Auf dem Hügel gegen­über, über grau­en, Lego­stein-ähn­li­chen Häu­sern, schlän­gelt sich die Mau­er der Zita­del­le über den grü­nen Jebel el-Qala-Hügel, Fes­tungs­hü­gel, einen der höchs­ten der Stadt. Die Zita­del­le ver­spricht den bes­se­ren Weit­blick und eine wei­te­re Geschichts­lek­ti­on, und gespannt mache ich mich auf den Weg. Ver­las­se bald die Asphalt­stra­ße, weil mir ein Schlamm­weg eine geeig­ne­te Abkür­zung scheint. Nach kur­zer Kra­xe­lei ste­he ich inmit­ten einer Schafs­her­de unter­halb der Befes­ti­gungs­mau­ern aus römi­scher Zeit, unge­fähr aus dem 2. Jahr­hun­dert vor Chris­tus. Die Scha­fe und ihre Schä­fe­rin, eine älte­re Frau mit Kopf­tuch, schau­en mich genau­so ver­blüfft an wie ich sie, aber mit kur­zem Lächeln und Kopf­ni­cken wer­de ich akzep­tiert.

Mir feh­len noch ein paar Fels­bro­cken und Stei­ne, um den Zita­del­len­hü­gel zu erklim­men – wobei ich unbe­ab­sich­tigt den offi­zi­el­len Ein­gang samt Kas­se umge­he. Genau­so römisch wie die Mau­ern ist der dem Her­ku­les geweih­te gro­ße Tem­pel, von dem sich heu­te nur noch eini­ge Säu­len auf einem Stein­po­di­um gen Him­mel recken. Von einer einst 13 Meter hohen Sta­tue in Tem­pel­nä­he ist nur noch eine Faust übrig, die ver­lo­ren auf dem Rasen liegt.

Stolz erhebt sich dahin­ter der Omay­ya­den-Palast aus den Rui­nen, eine ara­bi­sche Burg­fes­tung. Ich tre­te ein in den Audi­enz­be­reich der Kali­fen, und obwohl die Wän­de schlicht Grau sind mit aus­ge­ar­bei­te­ten Säu­len und Mus­tern, ver­mit­teln sie einen Ein­druck von Erha­ben­heit.

Ein kal­ter Wind bläst durch die alten Gemäu­er, treibt mich zurück in die Son­ne zu einer Bank, von wo sich das alte Amman zu mei­nen Füßen erstreckt. Das Amman der Souks, wo bun­te Küken in Kar­tons ver­kauft wer­den und Kin­der das Por­trät des Königs her­um­tra­gen, der engen Stra­ßen, in denen sich die Autos durch farb­ar­me Häu­ser­rei­hen quet­schen. Wie eine Häu­ser­wüs­te, aus der Mina­ret­ten stak­sen, wal­zen die Bau­ten auf den Hori­zont zu. Irgend­wo in dem Gewühl aus Kon­sum und Reli­gi­on und Autos schreit jemand durch ein Mega­fon, es wird gehupt, zum Gebet geru­fen. Und doch – von dort oben, wo ich Gras unter den Füßen spü­re, wo ich nichts wol­len und ent­schei­den muss, gefällt mir Amman rich­tig gut.

Der Jor­dan Bike Trail und das kleins­te Hotel der Welt

Mei­ne Rei­se in die Gestein- und Wüs­ten­welt Jor­da­ni­ens beginnt in Dana, einem cir­ca 500 Jah­re alten Dorf im Her­zen West­jor­da­ni­ens, auf etwa hal­ber Stre­cke zwi­schen Amman und Aqa­ba. Dana ist auch der Namens­ge­ber eines 310 Qua­drat­ki­lo­me­ter gro­ßen Natur­re­ser­vats, das größ­te öko­lo­gi­sche Schutz­ge­biet Jor­da­ni­ens. Durch die­se Natur aus Fel­sen, Geröll und ein wenig gedul­de­tem Grün führt das schöns­te Teil­stück des 2015 eröff­ne­ten Jor­dan Trail, ein 650 Kilo­me­ter lan­ger Wan­der­weg quer durch Jor­da­ni­en, von Umm Qais im Nor­den bis nach Aqa­ba am Roten Meer, für den man an die 40 Tage braucht. Dort tritt man teils in die Spu­ren des Wüs­ten­volks der Naba­tä­er.

Der Blick vom hoch gele­ge­nen Dana führt über das Ara­ba Tal, und am liebs­ten wür­de ich gleich drauf­los­lau­fen, hin­ein in die durs­ti­ge Land­schaft, die nichts ver­spricht, und doch Hei­mat des Ara­bi­schen Wol­fes und der Wüs­ten­kat­ze ist und im Win­ter durch den Regen so grün wird, dass die Bedui­nen das Tal als Wei­de­land für ihr Vieh nut­zen. Aber ich soll an die­sem Tag nicht zu Fuß in die­se dem Anschein nach lebens­feind­li­che Wei­te auf­bre­chen, son­dern auf dem Moun­tain­bike und einem wei­te­ren Trail für Akti­ve: dem 730 Kilo­me­ter lan­gen Jor­dan Bike Trail, der eben­falls von Nord nach Süd führt und sich weni­ge Abschnit­te mit dem Jor­dan Wan­der-Trail teilt. Es geht vor­bei an der ehe­ma­li­gen Kreuz­fah­rer­burg Sho­bak, auch bekannt als ‚Mont­re­al‘, deren Rui­nen an der Pil­ger- und Kara­wa­nen­stra­ße von Syri­en nach Ara­bi­en lie­gen – eben­so wie ‚das kleins­te Hotel der Welt‘: Ein Bedui­ne hat an der Stra­ße einen alten, aus­ge­schlach­te­ten VW-Käfer als gemüt­li­che Stu­be her­ge­rich­tet, die er für 60 JOD die Nacht an Besu­cher ver­mie­tet, inklu­si­ve Mahl­zei­ten und Füh­rung durchs Tal. Das Schild 1 Dol­lar ist dabei irre­füh­rend – das sei fürs Foto, erklärt er lachend.

Wer gut auf dem Sat­tel und unbe­fes­tig­te Wege gewohnt ist, kann den Trail im Prin­zip allein bewäl­ti­gen. Mehr Spaß und siche­rer ist es aller­dings mit hei­mi­schem Gui­de, wie mit dem 32-jäh­ri­gen Anas vom loka­len Ver­an­stal­ter Ter­haal, der von 1998 bis 2007 im jor­da­ni­schen Natio­nal­team radel­te und dabei zahl­rei­che Ren­nen gewann. Seit 2011 zeigt er Besu­chern vom Bike aus oder zu Fuß sein Land und ist mit vol­ler Lei­den­schaft dabei. „Pass auf, was du nach den Wor­ten ‚ich bin‘ sagst, denn das defi­niert, wer du bist“, lau­tet sein Wahl­spruch.

An die­sem Nach­mit­tag bin ich vor allem ner­vös, denn mei­ne Moun­tain­bike-Erfah­rung auf unbe­fes­tig­ten Wegen ist über­schau­bar. Die Teil­stre­cke über dem Wadi Ara­ba – wobei Wadi ‚Tal‘ bedeu­tet‘ – bis nach Litt­le Petra gilt als Schwie­rig­keits­stu­fe 3 von 5, doch in den ver­gan­ge­nen Wochen hat der Regen den Boden in ein ver­krus­te­tes Well­blech­dach ver­wan­delt, das nach Fahr­rad­rei­fen lechzt. „Yal­la“, muss Anas die klei­ne Grup­pe immer wie­der anfeu­ern – los! Bei mir sitzt die Erin­ne­rung an einen schlim­men Kopf­sturz mit dem Fahr­rad vor zwei Jah­ren noch tief, die Abfahr­ten berei­ten mir mehr Sor­ge als jeder stei­le Anstieg. Unter uns prä­sen­tiert sich die Natur unge­schminkt in ihren Gelb,- Braun- und Grün­tö­nen.

Und dann, als ich mich end­lich ent­span­ne, bekom­me ich mein ers­tes Jor­da­ni­en-Tat­too, wie es Anas nennt: nicht bei einer der rasan­ten Abfahr­ten, in denen das Bike so schnell übers Geröll fliegt, dass mir das Herz im Hals ste­cken­bleibt. Auch nicht an einer Bach-Über­que­rung. Nein. Ich stei­ge vol­ler Begeis­te­rung über das Pan­ora­ma an einem Hang ab, mein Fuß sucht ver­ge­bens nach dem Boden, und ich flie­ge samt Fahr­rad auf die Stei­ne. Der Schmerz durch­schießt mein ohne­hin mor­sches Knie, eini­ge Minu­ten lang fürch­te ich, nicht wei­ter­fah­ren zu kön­nen. Doch was vor zwei Jah­ren geklappt hat – trotz Sturz wei­te­re Kilo­me­ter auf dem Sat­tel zurück­zu­le­gen – muss auch mit lädier­tem Knie gehen.

Als wir bereits zurück auf dem High­way sind, geht die Son­ne hin­ter den Ber­gen unter, beglei­tet von einem ille­ga­len Para­gli­der. „Hier darf eigent­lich nie­mand flie­gen wegen der Gren­ze zu Isra­el“, erklärt Anas. Den Para­gli­der scheint das nicht zu stö­ren.

Und wir, wir sind dank­bar, als wir end­lich Litt­le Petra errei­chen, das einst ein Kara­wa­nen­rast­platz in einer engen Schlucht war. Dort sind noch heu­te in den Fels­wän­den Wohn­höh­len und Grab­stät­ten aus der Zeit der Naba­tä­er zu sehen. Doch für uns gibt es kei­ne Fels­höh­len, son­dern Zel­te, die der Bedui­ne Abu Luai bei Bedarf für Grup­pen auf­stellt. Das Schlemm-Fest am Lager­feu­er besteht aus einer Sup­pe und einer rie­si­gen Plat­te vol­ler Reis mit Gemü­se, Huhn und Lamm, die uns die Anstren­gun­gen des Tages schnell ver­dau­en las­sen. Wäh­rend die ande­ren noch ums Feu­er sit­zen, lau­fe ich in Rich­tung der Ster­ne. Oder so kommt es mir vor, wenn ich die Taschen­lam­pe aus­schal­te und Schritt für Schritt auf die Dun­kel­heit zuge­he, die nur von Mil­lio­nen win­zi­ger hel­ler Punk­te durch­bro­chen wird. Freu­de ist zu gering für die­ses Gefühl der Dank­bar­keit und des voll­kom­me­nen Daseins im Hier und Jetzt. Glück wür­de es wohl eher tref­fen.

Auf dem Bedui­nen­weg nach Petra

Petra. Mitt­ler­wei­le ist Jor­da­ni­en in den Köp­fen vie­ler syn­onym mit der eins­ti­gen Haupt­stadt der Naba­tä­er, anti­ker Noma­den­stäm­me und Kara­wa­nen­händ­ler aus Nord­west­ara­bi­en. Wahr­schein­lich besie­del­ten die Naba­tä­er die Regi­on um Petra um 550 vor Chris­tus und hiel­ten einen wach­sa­men Blick auf die Han­dels­rou­ten nach Süd­ara­bi­en. Im 4. Jahr­hun­dert vor Chris­tus erlang­ten sie wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Grö­ße, gewan­nen sogar bis nach Syri­en Ein­fluss und grün­de­ten zwi­schen 150 vor und 105 nach Chris­tus das König­reich Naba­taea mit einer Flä­che von der Sinai­halb­in­sel bis nach Nord­ara­bi­en. Ihre Unab­hän­gig­keit brö­ckel­te erst 106 nach Chris­tus unter dem römi­schen Kai­ser Tra­jan, als die Naba­tä­er als Pro­vinz Ara­bia Petraea Teil des Römi­schen Rei­ches wur­den. Heu­te steht die auf­wen­di­ge, 1985 zum UNESCO-Welt­kul­tur­er­be dekla­rier­te Rui­nen­stadt mit ihrer in die Fel­sen gemei­ßel­ten Schatz­kam­mer, dem Klos­ter, den monu­men­ta­len Grab­tem­peln und unzäh­li­gen Höh­len auf der To-see-Lis­te der meis­ten Welt­rei­sen­den. Dabei machen es sich die meis­ten ein­fach, las­sen sich am Haupt­ein­gang abset­zen und spa­zie­ren oder rol­len dann in der Pfer­de­kut­sche in Rich­tung der mil­lio­nen­fach foto­gra­fier­ten Schatz­kam­mer – durch den 1,5 Kilo­me­ter lan­gen Siq, eine mehr als 70 Meter tie­fe Fels­schlucht. Ich habe das Pri­vi­leg, es anders zu machen.

Mit Anas und Tala von Ter­haal wan­dern wir von unse­rem Zelt­la­ger in Bei­da bei Litt­le Petra in Rich­tung des knapp drei Kilo­me­ter ent­fern­ten Klos­ters von Petra, Ad Deir. Der Bedui­nen­pfad, der Teil des Jor­dan Trail ist, führt hoch hin­auf in die Sand­stein­fel­sen­welt, die nur weni­gem Grün Platz lässt. Eine Berg­wüs­te vor der Wüs­te.

Kaum habe ich Stei­ne und Fel­sen unter den Füßen, über­kommt mich Dank­bar­keit für die­se lang­sa­me Art des Rei­sens. Wir möch­ten nach Petra, ja, aber davor zählt die­ser Weg, zäh­len die Aus­bli­cke zum Gre­at Rift Val­ley im Wes­ten, zäh­len die Ein­hei­mi­schen, die Wan­de­rer mit Tee oder klei­nen Mit­bring­seln ver­sor­gen. Wie Moham­med, der auf einem Fels­vor­sprung in einem aus Stei­nen gezim­mer­ten Ofen Min­ze­tee kocht und für einen JOD ver­kauft. Auch klap­pe­ri­ge Stüh­le ste­hen für müde Wan­de­rer bereit, und über dem Abhang weht die jor­da­ni­sche Flag­ge, als hät­te man hier bereits etwas Groß­ar­ti­ges erreicht. Viel­leicht dient sie als klei­ner Denk­an­stoß für alle, die es als selbst­ver­ständ­lich hin­neh­men, dass man in die­sem unru­hi­gen Teil der Welt längs durch ein Land wan­dern kann. Allein oder mit Bedui­nen, die von der Jor­dan Trail Asso­cia­ti­on zu Berg­füh­rern aus­ge­bil­det wer­den. In einem Land, das zwi­schen Syri­en, dem Irak und Sau­di-Ara­bi­en ein­ge­klemmt liegt und in dem wie in einer Oase umge­ben von Wüs­te ver­schie­de­ne Eth­ni­en mit- und neben­ein­an­der leben. Mit Mil­lio­nen von hin­zu­ge­kom­me­nen syri­schen Flücht­lin­gen.

Ein Aus­sichts­punkt jagt den nächs­ten, eine Flag­ge eine wei­te­re, wo die­ses Mal eine alte Frau an einem klei­nen Sou­ve­nir­tisch „Hap­py hour“ hat. Ich beob­ach­te Anas, der minu­ten­lang bewe­gungs­los unter sei­ner Natio­nal­flag­ge sitzt und in die Fer­ne starrt, als wäre er allein an die­sem Ort. Was er wahr­schein­lich auch ist, denn wie ich spä­ter erfah­re, ist er ein Meis­ter der ‚Ich-ver­schwin­de-in-mei­ner-Welt‘ Kunst. „Ich habe heu­te Nacht drau­ßen geschla­fen“, erzählt er nach einer Nacht in Wadi Rum, die bereits im Zelt aus Zie­gen­haar bit­ter­kalt war. „Wenn ich schla­fe, dann schla­fe ich, egal, ob es kalt ist, hagelt oder reg­net.“

Wenn die Son­ne her­vor­lugt, malt sie die gelb­lich-grau­en Fel­sen röt­lich an und lässt an den Grand Can­yon den­ken. Irgend­wann, tief im Tal, hält Tala inne. „Was glaubt ihr, wie weit es noch nach Petra ist?“ Wir haben kei­ne Ahnung, tip­pen auf wei­te­re ein bis zwei Stun­den Fuß­weg. Sie lächelt. „In zehn Minu­ten sind wir da!“ Sie deu­tet auf die Fel­sen in der Fer­ne, und nun sehe auch ich es: Eine Form erhebt sich aus dem Gestein. „Das ist das Klos­ter, Ad Deir.“

Die letz­ten paar Hun­dert Meter des Bedui­nen­we­ges tei­len wir mit einem Hir­ten­jun­gen und einer Schafs­her­de, ande­re Tou­ris­ten gibt es kaum. Wirk­lich? Das soll das berühm­te Petra sein? So men­schen­leer? Spä­ter ver­ste­he ich, war­um das Klos­ter nicht über­lau­fen ist: Wer vom Haupt­ein­gang kommt, muss einen stei­len Auf­stieg über vie­le Trep­pen auf sich neh­men, um zum Klos­ter zu gelan­gen, was vie­le nicht machen. Zum Glück.

Wir sit­zen auf einem Fels­vor­sprung gegen­über die­ses in den Fel­sen geschla­ge­nen Gebäu­des aus dem 1. Jahr­hun­dert nach Chris­tus und lau­schen Tala, die des­sen Geschich­te mit uns teilt. Ein fus­si­ger Kater gesellt sich zu uns und hört gespannt zu.

Erfährt wie wir, dass Ad Deir wohl nicht als Klos­ter gedacht war, auch nicht als Grab­stät­te wie vie­le der ande­ren gefun­de­nen Gebäu­de. Erst 2004 leg­ten Wis­sen­schaft­ler zwei Stein­bän­ke an den Saal­wän­den frei, ein Hin­weis dar­auf, dass Ad Deir das Mau­so­le­um eines Herr­schers gewe­sen sein könn­te. Ich spa­zie­re zu den Fel­sen gegen­über dem Klos­ter, sto­ße auf meh­re­re Höh­len, die frü­her von Ein­sied­lern genutzt wur­den und heu­te teil­wei­se als Zie­gen­stall die­nen. Meh­re­re Tie­re schau­en mich neu­gie­rig über den not­dürf­tig hoch­ge­zo­ge­nen Blech­zaun an.

Danach fol­gen wir dem lan­gen Pro­zes­si­ons­weg der Naba­tä­er nach unten, gesäumt von Sou­ve­nir­stän­den mit Ver­käu­fern, die ganz­tä­gig „Hap­py hour“ ankün­di­gen. Frü­her mag der Pfad durch die Fel­sen etwas Andäch­ti­ges ver­mit­telt haben, heu­te ist er eine Vor­war­nung des­sen, was unten, im Her­zen der Rui­nen­stadt, war­tet: ein Groß­auf­ge­bot an Tou­ris­ten, die mit Kame­ras und Sel­fie-Sticks Rui­nen-hop­ping machen, Poli­zis­ten auf Pfer­den und Esel mit über­ge­wich­ti­gen Tou­ris auf dem Buckel.

Die in die Fel­sen gemei­ßel­ten Gebäu­de sind hier so zahl­reich, dass man gar nicht weiß, wohin man als Ers­tes schau­en soll. Da sind Höh­len und Grä­ber, allen vor­an die 13 gro­ßen Königs­grä­ber unweit des Römi­schen Thea­ters, das einst Platz für 10.000 Zuschau­er gebo­ten haben soll. Über die soge­nann­te Säu­len­stra­ße, die eins­ti­ge Haupt­stra­ße von Petra, geht es wei­ter bis zur Lieb­lings­höh­le von Tala, in der aus­nahms­wei­se nie­mand ist. Die Farb­for­ma­ti­on der Fel­sen war­tet mit sämt­li­chen Kraft­tö­nen eines Insta­gram-rei­fen Son­nen­un­ter­gangs auf, die sich wie Wel­len über das Gestein ver­tei­len. Ich stel­le mir vor, wie hier Men­schen leb­ten, zurück­ge­zo­gen von der glei­ßen­den Son­ne und der stau­bi­gen Erde drau­ßen.

Und dann geht es schnur­stracks auf das eigent­li­che High­light von Petra zu – das soge­nann­te Schatz­haus im hel­le­nis­ti­schen Stil, Khaz­ne al-Firaun, das auf kei­nem Petra-Foto feh­len darf. Fast 40 Meter ist es hoch und 25 breit. Die Bedui­nen nann­ten es ‚das Schatz­haus des Pha­rao‘, dabei war es nur eins von vie­len Fel­sen­grä­bern. Ob es nun im 1. oder 2. Jahr­hun­dert nach Chris­tus ent­stand, dar­über sind sich nicht ein­mal die For­scher einig. Wer genau hin­schaut, erkennt über sechs korin­thi­schen Säu­len einen Rund­tem­pel und auf des­sen Spit­ze Ein­schuss­lö­cher. Angeb­lich ver­such­ten Bedui­nen, den ‚Schatz­be­häl­ter‘ zu spren­gen, muss­ten aber fest­stel­len, dass er eben­falls nur aus Stein bestand. Vor dem Schatz­haus wim­melt es von Tou­ris­ten, ich bin müde, ver­zich­te bewusst dar­auf, wie vie­le ande­re ille­gal an den Fel­sen empor­zu­klet­tern, um das bes­te Sel­fie mit dem Schatz­haus im Hin­ter­grund zu schie­ßen.

Statt­des­sen set­ze ich mich ins Café und stau­ne wie India­na Jones, der im drit­ten Film eben­falls sprach­los die­se Wand anstarr­te. Sprach­los über das Werk, das Men­schen Jahr­tau­sen­de vor uns, ohne die von uns als selbst­ver­ständ­lich ange­se­he­nen tech­no­lo­gi­schen Hilfs­mit­tel, zustan­de brach­ten. Und dann steht die letz­te Etap­pe an, die für die meis­ten Besu­cher die ers­te ist – der Weg durch den Siq zum Haupt­ein­gang. Auf dem man dau­ernd bei­sei­te sprin­gen muss, um nicht von einer der wie wahn­sin­nig durch die Fel­sen getrie­be­nen Pfer­de­kut­schen über den Hau­fen gefah­ren zu wer­den, aus der die Tou­ris­ten joh­len. Ich übe mich in Anas‘ Kunst der men­ta­len Ich-Welt, stel­le mir vor, die Mas­sen wären weg und ich wür­de ganz ent­spannt durch den schat­ti­gen Gang, den Natur und Mensch Hand in Hand gestal­tet haben, spa­zie­ren. Vor­bei an vie­len in die Fel­sen gemei­ßel­ten Aquä­duk­ten, die Petra schon in der Anti­ke eine opti­ma­le Was­ser­ver­sor­gung zusi­cher­ten.

Angeb­lich bestand das Ver­sor­gungs­sys­tem dar­über hin­aus aus Ter­ra­kot­ta­röh­ren und über 200 Zis­ter­nen, die das Was­ser aus sämt­li­chen Was­ser­quel­len in einem Umkreis von 25 Kilo­me­tern zogen. Nach­dem ich mal wie­der knapp dem Pfer­de­kut­schen-Tod ent­gan­gen bin, den­ke ich an die Legen­de, laut der Mose beim Exodus des Vol­kes Isra­el an die­ser Stel­le mit sei­nem Stab schlug und dar­auf­hin eine Quel­le aus den Fel­sen spru­del­te. Was auch erklärt, war­um die Gegend um Petra Wadi Musa heißt, Mose­tal.

Biking durch die Wüs­te

Schon oft habe ich mich gefragt, wie man eigent­lich auf dem Moun­tain­bike durch die Wüs­te fah­ren kann. Nun soll ich eine Ant­wort erhal­ten. Kurz hin­ter Petra geht es über den King’s High­way nach Rafif auf 1.565 Metern, dann run­ter ins Dorf Delag­ha, wo der Off-road-Pfad in die wüs­ten­ähn­li­che Land­schaft beginnt.

Ich habe kei­ne Lust, stän­dig in der Grup­pe zu radeln, pre­sche mal vor­aus, las­se mich mal zurück­fal­len. Atme die Lee­re und Stil­le ein, wäh­rend sich der Staub wie eine Mas­ke auf mein Gesicht legt. Ab und an erhe­ben sich aus der Lee­re Stein­hüt­ten oder Zel­te, manch­mal zie­hen schwarz­ge­klei­de­te Bedui­nen mit ihren gleich­far­bi­gen Scha­fen durchs Geröll. Dass es für die Tie­re auf dem dür­ren Boden etwas zu fut­tern gibt, ist kaum vor­stell­bar. Ein­mal hal­te ich an, um Fotos zu schie­ßen, und Kin­der stür­zen aus einem Bedui­nen­zelt auf mich zu. Sie lachen, geben mir High Five und bewun­dern mein Moun­tain­bike, als han­de­le es sich dabei um ein Raum­schiff.

Immer wei­ter geht es hin­ein ins gro­ße, stei­ni­ge Nichts, bis nach Al Humai­mah, einem alten Rast­platz an der soge­nann­ten Gewürz­rou­te, die frü­her Kara­mel­ka­ra­wa­nen nutz­ten. Dort erwar­tet uns im Bedui­nen­zelt des etwa Sieb­zig­jäh­ri­gen Abo Sab­bah ein Lunch-Buf­fet aus Huhn­fleisch, Salat, Hum­mus und Brot.

Bis nach Al Humai­mah war der Weg rela­tiv leicht, es gab weni­ge Stei­gun­gen oder stei­le Abstie­ge, und der Wüs­ten­bo­den unter den Rädern war stei­nig-hart. Das ändert sich nun, und dass die Rei­fen immer wie­der tief im Sand ver­sin­ken, liegt nicht allein an unse­ren vol­len Bäu­chen. „Du musst vor­aus­schau­en und wenn ein Sand­stück kommt recht­zei­tig schal­ten und den Len­ker ganz fest umfas­sen“, weist mich Anas an, doch es will nicht klap­pen. Immer wie­der stei­ge ich ab, schie­be durch die Sand­gru­ben, stei­ge auf, stei­ge weni­ge Meter wei­ter ab. Nein, Biken und ich, das wird nichts mehr auf die­ser Rei­se.

Bei Salem, dem Kamel­spin­nen-Kämp­fer

Mir geht es ähn­lich wie den meis­ten ande­ren Jor­da­ni­en-Besu­chern – neben Petra möch­te auch ich unbe­dingt nach Wadi Rum, in eine Wüs­te, die so ganz anders wirkt als die dünen­rei­chen Sand­wüs­ten, die ich aus Tune­si­en und dem Oman ken­ne. Unzäh­li­ge Fotos habe ich gese­hen von Wadi Rums röt­li­chen Sand­stein- und Gra­nit­fel­sen, und direkt am Ein­gang thro­nen die ‚sie­ben Säu­len der Weis­heit‘ – benannt nach dem Buch des bri­ti­schen Offi­ziers Tho­mas Edward Law­rence, der dort zur Zeit der Ara­bi­schen Revol­te 1917 und 1918 sta­tio­niert war und des­sen Werk als Grund­la­ge für das Dreh­buch von ‚Law­rence von Ara­bi­en‘ dien­te. T.E. Law­rence fass­te Wadi Rum in drei Wör­tern zusam­men: „weit­läu­fig, ein­sam und gott­ähn­lich“. Direkt hin­ter dem klei­nen Dorf Rum geht es hin­ein in die­se ein­sa­me Stein­welt, in unse­rem Fall nicht mehr auf dem Draht­esel, son­dern auf dem Rücken von Kame­len, die wür­de­voll in Reih und Glied in die Unend­lich­keit schrei­ten.

Das Bedui­nen­camp Rums­hi­nes, in dem wir die nächs­ten zwei Näch­te ver­brin­gen wer­den, liegt 12 Kilo­me­ter tief in der Wüs­te. Seit Tagen freue ich mich auf die Wüs­ten-Zeit, denn seit ich das ers­te Mal 2012 im Oman eine Wüs­te betrat, zieht es mich immer wie­der in die Welt der Lee­re und Stil­le. Im Camp erwar­ten uns gemüt­li­che schwarz-wei­ße Bedui­nen­zel­te aus Zie­gen­haar, aus­ge­stat­tet mit ein­fa­chen Bet­ten und einer Men­ge Decken, die kal­te Näch­te ankün­di­gen. Es gibt sogar west­li­che WCs, betrie­ben mit gesam­mel­tem Regen­was­ser, und ein­fa­che Duschen, deren Was­ser sich in der Son­ne auf­heizt.

Auf mei­nem ers­ten Spa­zier­gang durchs Camp begeg­ne ich Salem Geblan, der Rums­hi­nes 2005 eröff­ne­te. Auf mei­ne Fra­ge nach sei­nem Alter lacht er. „Ich bin etwa 33 Jah­re alt, füh­le mich aber wie 22.“ Er wur­de als einer von sechs Schwes­tern und fünf Brü­dern in einer Fami­lie des etwa 2.500 Mann star­ken Zala­bia-Stam­mes in Wadi Rum gebo­ren, an der Gren­ze zu Sau­di-Ara­bi­en, und ver­brach­te die ers­ten sechs Lebens­jah­re mit sei­ner Fami­lie in der Wüs­te. Sie hät­ten Kame­le, Scha­fe und Zie­gen gezüch­tet. „Danach ging ich ins Dorf in die Schu­le, aber ich war lie­ber immer in der Wüs­te.“ Des­halb habe er das Wüs­ten­camp zusam­men mit einem Bru­der gegrün­det und von den Tou­ris­ten Eng­lisch gelernt. „Nur zwi­schen Mai und August ist es zu heiß für Tou­ris­ten, dann suche ich mit mei­nen Freun­den neue Wege, oder wir zie­hen mit unse­ren Kame­len durch die Wüs­te. Im Som­mer kann man auch gut drau­ßen schla­fen, da gibt es eine natür­li­che Kli­ma­an­la­ge.“ Angst vor Schlan­gen und Skor­pio­nen habe er dabei nicht. „Wir haben eine Tra­di­ti­on. Wenn ein Baby noch klein ist, nimmt die Mut­ter einen Skor­pi­on und kocht ihn in Öl, dann schmie­ren wir das Öl auf die Lip­pen des Babys.“ Das sol­le es sein Leben lang vor Skor­pi­on-Bis­sen schüt­zen. Bei ihm habe es funk­tio­niert, er hät­te kein Pro­blem mit Skor­pio­nen oder Schlan­gen. „Und die hier ist von mei­nem Kampf mit einer Kamel­spin­ne!“ Er zeigt mir eine klei­ne Nar­be auf sei­ner rech­ten Hand, macht vor, wie er der fie­sen Spin­ne, die unter die Haut eines Kamels krie­chen und es töten kann, eins rein­ge­schla­gen hat.

Ich fra­ge Salem nach sei­nen Träu­men. Wie­der lacht er. „Ich schaue nie sehr weit hoch, weil ich dann mei­nen Hals bre­chen könn­te. Und ich schaue auch nicht zu lan­ge nach unten, weil ich dann aufs Gesicht fal­len könn­te.“ Ich las­se mir Salems Ein­stel­lung durch den Kopf gehen, wäh­rend wir uns am köst­li­chen Bedui­nen­mahl sat­tes­sen – Zarb aus Fleisch und Gemü­se, das unter der Asche des Cam­ping­feu­ers gegart wird. Danach sit­zen wir im Gemein­schafts­zelt am offe­nen Feu­er zusam­men, weil es drau­ßen zu kalt ist. Der Rauch steigt in jede Pore von Haut und Kla­mot­ten, es zischt und fackelt, und süßer Min­ze­tee rinnt lang­sam mei­ne Keh­le hin­ab. Immer wie­der ler­ne ich auf Rei­sen Men­schen wie Salem ken­nen, die kei­ne Gedan­ken an die Zukunft ver­schwen­den. Anders als in mei­ner Welt, wo die nächs­ten Wochen, Mona­te und manch­mal sogar Jah­re geplant wer­den müs­sen. Wo sich alles ein­fü­gen muss in einen Ent­wurf, der für eins kei­nen Raum mehr lässt – für das Leben.

Wan­dern im Wadi

Es gibt kei­nen bes­se­ren Mann als Salem, um uns die Wege und Abwe­ge sei­ner Hei­mat zu zei­gen. Wirk­li­cher Wege bedarf es in Wadi Rum nicht, denn die Sand­stein­fel­sen sind bei tro­cke­nem Wet­ter so rutsch­fest, dass man sie nahe­zu senk­recht hoch­lau­fen kann. Unse­re ers­te Wan­de­rung führt nach einer früh­mor­gend­li­chen Fahrt im offe­nen Jeep zum 1.700 Meter hohen Jebel al Hash, einem der höchs­ten Jor­da­ni­ens, nur fünf Kilo­me­ter von der Sau­di-Ara­bi­schen Gren­ze ent­fernt. Dabei bedeu­tet Jebel ‚Berg‘ und Hash ‚zer­brech­lich‘. War­um der Berg zer­brech­lich ist, macht uns Salem vor: Er hebt einen gro­ßen weiß-röt­li­chen Bro­cken vom Boden auf und knallt ihn auf den Boden – wor­auf­hin er zu einem fei­nen Pul­ver zer­fällt, das aus­sieht wie Koka­in.

Salem kennt die Wüs­te wie unser­eins die Rega­le im Lieb­lings­su­per­markt. Immer wie­der hält er an und deu­tet auf Pflan­zen oder Blu­men, die in die­sem Teil des Wadis wie in einem wild wuchern­den Gar­ten aus dem Boden sprie­ßen. „Thy­mi­an und ande­re Pflan­zen sam­meln wir und nut­zen sie zu medi­zi­ni­schen Zwe­cken, zum Bei­spiel bei Magen­schmer­zen“, erklärt er uns. Eine Pflan­ze namens ‚shih‘ eig­net sich dage­gen wun­der­bar für gesund­heits­för­dern­den Tee. Und Salem hat auch Wüs­ten-Trick 17 auf Lager: „Wenn ihr euch mal in der Wüs­te ver­lauft, sucht nach einer Pflan­ze namens ‚tumer‘ und grabt sie aus. Unten hat sie Kar­tof­fel-ähn­li­che Wur­zeln, die könnt ihr essen.“ Zu erken­nen ist sie an klei­nen vio­let­ten Blü­ten.

Als wir eine Rast machen, gibt es zum Snack frisch gebrau­ten Tee. Dazu ent­zün­den Salem und Anas ein klei­nes Feu­er und Salem kramt eine Tee­kan­ne aus sei­nem Ruck­sack. „Wir kochen Tee auch oft auf Koh­len, die nen­nen sich ‚gha­da‘.“ „Auf gha­da-Koh­le zu schla­fen ist ein ara­bi­sches Sprich­wort und bedeu­tet, man ist ver­liebt“, fügt Tala hin­zu. Dar­über gebe es sogar ein Lied, das Salem sofort anstimmt. Wenn wir Salem auf der Wan­de­rung mal aus den Augen ver­lie­ren, kön­nen wir ihn hören, denn er hat immer eine Melo­die auf den Lip­pen.

Obwohl der Blick über Wadi Rum an die­sem Tag ver­han­gen ist, ver­rät die immer mal wie­der durch­blit­zen­de Son­ne die inten­siv röt­li­chen Farb­tö­ne der Sand­stein­fel­sen, die mit Grau und Gelb har­mo­nie­ren.

Bevor wir zu einer zwei­ten Wan­de­rung über Zie­gen­pfa­de in eine Schlucht auf­bre­chen, haben Salems Jungs bei den Jeeps für uns gekocht. Ein über­di­men­sio­na­ler Pick­nick­tep­pich und Sitz­pols­ter lie­gen bereit, dazu kom­men Sar­di­nen aus dem Toten Meer, Thun­fisch, Gur­ken mit Käse, Hum­mus und eine Gemü­se­sup­pe auf die Decke.

Mit vol­lem Bauch durch die schmals­ten Fel­sen zu krie­chen und rauf und run­ter zu klet­tern, gestal­tet sich schwie­rig, und doch gibt es kei­ne schö­ne­re Art und Wei­se, ganz nah an die­ser schrof­fen und doch bald ver­trau­ten Natur dran zu sein. Die uns an die­sem Abend fast eines letz­ten Son­nen­un­ter­gangs hin­term Camp beraubt, in letz­ter Minu­te aber ein gro­ßes Loch in die Wol­ken­de­cke reißt, durch die der Son­nen­ball ver­sinkt – eine klei­ne Vor­schau auf den nächs­ten Tag, als die Son­ne das Wadi lang­sam in all sei­ner natur­far­be­nen Pracht aus­leuch­tet.

Am letz­ten Tag geht es hoch zur Bur­dah Rock Bridge, eine wag­hal­si­ge Klet­ter­tour, die nur den Schwin­del­frei­en vor­be­hal­ten ist. Doch es lohnt sich – für den Weit­blick über ein Meer aus Stei­nen und Fel­sen in den sanf­tes­ten Tönen der Farb­pa­let­te. Teils hän­gen wir an Fels­vor­sprün­gen und müs­sen mit dem Fuß nach dem einen ret­ten­den Stein tas­ten, der den nächs­ten Schritt erlaubt.

Dann erhebt sie sich vor uns – eine ele­gan­te Fels­brü­cke hoch im Berg, wie von Men­schen­hand errich­tet. Eini­ge klet­tern mit Sicher­heits­seil um die Hüf­ten wei­ter, ich gebe mich mit dem Anblick von unten zufrie­den. Habe es auf­ge­ge­ben, immer auf den höchs­ten Gip­fel klet­tern zu müs­sen, wenn es ein Stück­chen wei­ter unten auch schön ist und ich ein­fach mal sein kann statt tun.

Wie­der mal hat es eine Wüs­te geschafft, mich für sich zu gewin­nen, mir die­se Nost­al­gie ein­zu­imp­fen, die mich die Wüs­te schon ver­mis­sen lässt, wenn ich noch in ihrer Mit­te bin.

Bei Ahmad in Aqa­ba

Eigent­lich dre­hen sich mei­ne letz­ten Tage in Jor­da­ni­en um Kon­fe­ren­zen und Tref­fen mit jor­da­ni­schen Tour­anbie­tern im Hyatt Regen­cy Hotel in Aqa­ba, das erst Janu­ar 2019 eröff­ne­te und des­sen Zim­mer so neu rie­chen, als wären wir die ers­ten Gäs­te. Nach den Tagen in der Wüs­te füh­le ich mich erschla­gen vom Luxus, von der anschei­nend gren­zen­lo­sen Ver­füg­bar­keit von Was­ser und Sei­fe und dicken Bade­män­teln. So dank­bar ich auch bin für eine dicke Matrat­ze und lan­ge Dusche – die Wüs­te fehlt mir. Die rote Erde des Wadis steckt mir nicht nur in den Schu­hen, son­dern auch im Her­zen.

Zu mei­nem Glück habe ich bald einen frei­en Nach­mit­tag und will raus – raus aus dem Ghet­to, in dem das Hyatt liegt, im Ayla-Kom­plex, in dem auch rei­che Jor­da­ni­er ihre Häu­ser haben, abge­grenzt vom Rest der Stadt durch eine Schran­ke und Kon­troll­pos­ten. Es zieht mich ans Meer, und beglei­tet von mei­nem neu­en Kum­pel Bru­no von der Jor­da­ni­en-Tour, schwin­gen wir uns in ein Taxi zum South Beach am ande­ren Ende der Stadt. Ob ich an einem öffent­li­chen Strand über­haupt im Biki­ni baden kann? Die Ant­wort liegt in Form von meh­re­ren Tou­ris­tin­nen in Bade­klei­dung vor mir, nur, dass Poli­zis­ten in regel­mä­ßi­gen Abstän­den den Strand abfah­ren und nach dem Rech­ten schau­en.

Die Stun­den am Strand ver­flie­gen, und Bru­no und ich fra­gen uns, ob es nicht einen Bus zurück ins Zen­trum gibt. Hal­te­stel­len sind nicht zu sehen, also fra­gen wir einen Ein­hei­mi­schen, der an einem klei­nen Café im Schat­ten chillt. Der Mann stellt sich als Ahmad Moham­med vor uns lädt uns auf einen Min­ze­tee ein, den uns sein Kum­pel, der Café­be­sit­zer, bringt.

Nach weni­gen Minu­ten plau­dern wir, uns hät­ten wir uns nach lan­ger Zeit end­lich wie­der­ge­trof­fen. Wir erfah­ren, dass der Bedui­ne Ahmad meis­tens in Ägyp­ten lebt und als Tauch- und Kite­l­eh­rer arbei­tet, aber auch als Musi­ker. Und sechs Jah­re in einem Zir­kus in Frank­reich gear­bei­tet hat. „Ich hat­te ein Haus im Wald, am liebs­ten lebe ich aber in einem Zelt am Meer.“ Auf die Fra­ge, ob er Kin­der habe, reckt er die Arme zum Him­mel. „Gott sei Dank nicht! Aber ich küm­me­re mich um die streu­nen­den Hun­de hier an den Strän­den und brin­ge ihnen jeden Abend Fut­ter. Die sind mei­ne Fami­lie.“ Er lädt uns ein, ihn bei die­ser abend­li­chen Füt­te­rung zu beglei­ten.

Ich quet­sche mich auf den Hin­ter­sitz neben Ahmads Oud, Kurz­hals­lau­te, und eine ara­bi­sche Har­fe. Die Hun­de erken­nen den Wagen schon von Wei­tem, sprin­gen freu­dig auf uns zu.

Eigent­lich soll­te uns Ahmad danach im Zen­trum abset­zen, doch wenn wir die jor­da­ni­sche Gast­freund­schaft noch immer nicht begrif­fen haben, füllt Ahmad an die­sem Abend kurz vor Schluss die Lücke. „War­um kommt ihr nicht zu mir zum Essen? Ich kau­fe noch schnell etwas Aqa­ba-Fisch, Obst und Wein.“ Inner­halb von Sekun­den hat uns Ahmad über­zeugt. Wir beglei­ten ihn beim Ein­kauf in den Obst- und dann Fisch­la­den, aber in den Alko­hol­shop möch­te er allein gehen, damit wir auch ja kei­nen Cent zu dem edlen Trop­fen, den er aus­wählt, dazu­ge­ben.

Der Aqa­ba-Fisch wird direkt mit fri­schen Pom­mes und Zitro­nen ein­ge­packt, nun kann es los­ge­hen. Ahmad wohnt in einem Apart­ment hoch über Aqa­ba, mit Blick über die Stadt, die Hügel dahin­ter und das israe­li­sche Eilat auf der ande­ren Küs­ten­sei­te.

Nach­dem wir ange­sto­ßen und von dem fri­schen Fisch gekos­tet haben, zeigt uns Ahmad Vide­os aus Ägyp­ten. Im Hin­ter­grund spielt stets ‚My heart will go on‘ von Celi­ne Dion, Ahmads Lieb­lings­lied. „Das erin­nert mich an mei­ne Exfreun­din!“ Doch jetzt will der fast Fünf­zig­jäh­ri­ge erst­mal frei sein: „Ich lie­be das Leben der Frei­heit, in der Wüs­te oder am Meer, das Drau­ßen­sein.“ Ahmad stimmt ein Lied auf der Oud für uns an. Erst, als von einem nahen Mina­rett zum Gebet geru­fen wird, legt er eine Pau­se ein. „Man sagt mir immer, wenn ich spie­le, wäh­rend wir beten sol­len, ist das Got­tes­läs­te­rung.“ Dafür nimmt er einen gro­ßen Schluck vom Rot­wein. „Mei­ne Fami­lie hält mich für ver­rückt, aber ich will so sein, wie ich bin.“ Bald ist der Gebets­ruf ver­stummt, und wäh­rend die Son­ne hin­ter Isra­el ver­schwin­det und der Him­mel dun­kel wird, spielt und singt Ahmad wei­ter für uns. Wun­der­schö­ne ara­bi­sche Melo­dien, in die er so tief ein­taucht, dass die ihn umge­ben­de Welt ver­sinkt.

Und auch ich ver­schmel­ze mit den Klän­gen der Oud und genie­ße sei­ne tie­fe Stim­me, die mich in Gedan­ken zurück nach Wadi Rum bringt, ans Lager­feu­er. In die wei­te, raue Land­schaft Jor­da­ni­ens, ein Land, wo ich von völ­lig Frem­den mit einem Apfel begrüßt und mit einem Fest­mahl ver­ab­schie­det wer­de.

 

Die­se Rei­se wur­de orga­ni­siert von ATTA Adven­ture Trade Tra­vel Asso­cia­ti­on, eine der füh­ren­den Orga­ni­sa­tio­nen und Part­ner für das Aben­teu­er­rei­se-Gewer­be. Die Tour durch Jor­da­ni­en mit dem loka­len Anbie­ter Ter­haal fand im Rah­men der jähr­li­chen ANext­Ne­arE­ast statt, einem Zusam­men­tref­fen von welt­wei­ten Medi­en­ver­tre­tern und Tour­anbie­tern im Aben­teu­er­be­reich, die hier­bei die Mög­lich­keit haben, Jor­da­ni­en bei ver­schie­de­nen Aben­teu­er-Tou­ren zu ent­de­cken und Kon­tak­te zu ein­hei­mi­schen Anbie­tern zu knüp­fen.

Jor­dan Trail: www.jordantrail.org mit Daten zu ein­zel­nen Etap­pen, emp­feh­lens­wert ist ein Gui­de, bei­spiels­wei­se vom Aktiv­rei­sen-Anbie­ter Ter­haal

Jor­dan Bike Trail: https://jordanbiketrail.com/

Emp­feh­lens­wer­te Unter­künf­te:

Amman: Mar­riott Hotel

Petra: Edom Hotel

Wadi Rum Camp: Rums­hi­nes Camp

Aqa­ba: Hyatt Regen­cy

 

 


Antworten

  1. Avatar von Via Verde Reisen

    Ein schö­ner Arti­kel. Jor­da­ni­en ist ein wun­der­ba­res Rei­se­land. Da krie­gen wir direkt auch wie­der Fern­weh. 🙂 Vie­le Grü­ße Via Ver­de Rei­sen

  2. Avatar von Karin Lochner

    Bis­her reiz­te mich Jor­da­ni­en nicht, Dein Bei­trag hat mir jedoch gro­ße Lust gemacht, die­ses Land, sei­ne Men­schen und die unge­wöhn­li­chen Wüs­ten dort selbst ken­nen­zu­ler­nen. Dan­ke, Ber­na­dette!

    1. Avatar von Bernadette

      Lie­be Karin,
      ganz lie­ben Dank für dei­nen net­ten Kom­men­tar, über den ich mich sehr gefreut habe. Ich wün­sche dir wirk­lich, dass du Jor­da­ni­en bald selbst erle­ben darfst 🙂
      Vie­le Grü­ße
      Ber­na­dette

  3. Avatar von Bernadette

    Vie­len Dank für die­sen net­ten Kom­men­tar, Koray, ich habe mich sehr dar­über gefreut und dass dir der Arti­kel so gut gefal­len hat 🙂

  4. Avatar von Koray
    Koray

    Ein durch und durch wun­der­vol­ler Text und gera­de der letz­te Teil hat mir Gän­se­häu­te beschert! Zwi­schen­zeit­lich dach­te ich echt, dass ich sel­ber vor Ort bin. Ein­fach super Arbeit!

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