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36 Stunden zwischen Müll und Schüssen

Sonn­tage sind per­fekt, um den Staat zu erpres­sen. Viele Men­schen wol­len zu oder weg von ihren Fami­lien und sind auf Perus berühm­tes­ter Auto­bahn  unter­wegs. Wenn man ein gewöhn­li­cher Minen­ar­bei­ter ist, unzu­frie­den mit sei­nen Arbeits­be­din­gun­gen – den nied­ri­gen Löh­nen, den feh­len­den Sicher­heits­stan­dards und dem Umstand, dass drei Kol­le­gen in einer Mine umge­kom­men sind – dann ruft man seine paar hun­dert Kum­pel zusam­men und streikt. 

Gemein­sam errich­tet man kur­zer­hand mor­gens um vier eine Bar­ri­kade auf der Pan­ame­ri­cana, der wich­tigs­ten Nord-Süd-Ver­bin­dung Süd­ame­ri­kas, kurz vor Chala auf dem hal­ben Weg zwi­schen Are­quipa und Lima.

Was zunächst nach einem kur­zen Streik aus­sieht, dau­ert. Stun­den. Es bil­det sich ein Stau über meh­rere Dut­zende Kilo­me­ter. Die Poli­zei ist recht schnell da, aber die Presse lässt etwas auf sich war­ten. Die ist wich­tig. Denn was bringt schon ein Pro­test, wenn kei­ner was davon mitbekommt?

Die ers­ten bei­den Stun­den schla­fen wir ein­fach. Der Tumult drau­ßen geht uns nichts an. Um acht gibt’s Früh­stück im Bus. Die Stim­mung ist noch ent­spannt. Erst als die drü­ckende Mit­tags­hitze lang­sam über die Hügel kriecht und sich immer noch nichts tut, wer­den einige unge­dul­dig. Das erste Kind quengelt.

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In der Ferne sehen wir die Haupt­ver­kehrs­straße von Chala, die ein­zige Ver­bin­dung nach Lima. Mitt­ler­weile ist es elf. Men­schen rot­ten sich zusam­men, Armee­fahr­zeuge pre­schen ins Zen­trum. Heli­ko­pter krei­sen über der Stadt. Schüsse. Die Ers­ten kämp­fen sich mit Sack und Pack zu Fuß Rich­tung Süden, auf unse­rer Seite der Stadt. Ein alter Mann, der kit­schi­ger­weise sein klei­nes Kätz­chen in sei­ner Rei­se­ta­sche mit sich trägt, berich­tet von zwei Toten. Im Radio spre­chen sie erst von sie­ben, dann von acht. Mehr Infor­ma­tion gibt es nicht.

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Die Stim­mung kippt und es pas­siert, was in Kri­sen­si­tua­tio­nen immer pas­siert: Men­schen wer­den ner­vös und einer schwingt sich zum Anfüh­rer auf. In unse­rem Fall eine Frau um die vier­zig im hell­blauen Polo und mit sträh­ni­gem Haar. Sie lamen­tiert laut, strei­tet sich mit LKW-Fah­rern und sam­melt Unter­schrif­ten von allen, die zurück nach Are­quipa wol­len. Eine Fahrt von mehr als acht Stun­den. Die andere Hälfte, so auch ich, denkt gar nicht daran umzu­dre­hen. Wir wol­len weiter.

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Der Rück­weg ist dicht. Angeb­lich ver­sper­ren Bar­ri­ka­den in eini­gen Ort­schaf­ten hin­ter uns die Stra­ßen. Nach Lima sind es noch acht Stun­den. Was dort los ist, wis­sen wir nicht. Nazca, rund zwei Stun­den nörd­lich von Chala, soll auch unpas­sier­bar sein. Viel­leicht aber auch nicht. Die ers­ten Frauen rufen unter Trä­nen die Poli­zei. Kin­der seien im Bus, Schwangere.

Wir fah­ren zur Sicher­heit in ein nahe­ge­le­ge­nes Restau­rant in den Ber­gen. Laut eines Perua­ners ein bekann­ter Umschlag­platz für Gold, das die Arbei­ter schwarz aus den Minen holen. Rund 20 Rei­se­busse und dut­zende Last­wa­gen war­ten schon dort. 1000 Men­schen wol­len essen und trin­ken. Das Restau­rant ist schnell aus­ver­kauft. Um acht gibt es nichts mehr. Schlan­ge­ste­hen für ein biss­chen Wasser.

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Am nächs­ten Mor­gen keh­ren viele Busse um – zurück nach Are­quipa. Zu unbe­stän­dig sei die Situa­tion. Viele fah­ren mit, einige hof­fen auf eine schnelle Lösung und blei­ben. Angeb­lich sol­len Regie­rungs­ge­sandte kom­men, die im besetz­ten Chala schnell Ord­nung schaf­fen. So lange wol­len wir nicht warten.

Die Bewoh­ner von Chala wit­tern gutes Geld und rich­ten Shut­tles ein. Für 20 Sol trans­por­tie­ren sie Tou­ris­ten, die nach Lima wol­len, an eine sichere Stelle im Ort – gleich neben dem Friedhof.

Ein Schwei­zer Ent­wick­lungs­hel­fer und ich nut­zen die Chance und fah­ren mit. Wir lau­fen in Glut­hitze durch die Straße Cha­las, wo sich ges­tern noch wütende Arbei­ter zusam­men­ge­rot­tet haben und Schüsse gefal­len sind. Vor­bei an aus­ge­laug­ten Pro­test­lern, die auf zer­fetz­ten Decken unter Last­wa­gen Schutz vor der bren­nen­den Sonne suchen. Sie haben ihre blauen Min­e­ros-Helme tief ins Gesicht gezo­gen. Ihre trü­ben Augen spie­geln die Erschöp­fung der letz­ten 36 Stun­den wie­der. Der Geruch von ver­brann­tem Gummi liegt in der Luft.

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Vor einem Lebens­mit­tel­la­den sam­melt sich ein Pulk derer, die noch nicht auf­ge­ge­ben haben. “Mor­gen zie­hen wir nach Lima”, ruft einer zu der Menge. Von der Regie­rung ist noch nie­mand gekom­men. Zu unwich­tig ist der kleine Ort, an dem gerade heute zufäl­lig nichts mehr geht. Was mit den 200 Men­schen in den Ber­gen pas­siert, die immer noch dar­auf war­ten, wei­ter zu kom­men, inter­es­sie­ren nicht. Der Staat lässt sich nicht so leicht erpressen.

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Wir hat­ten Glück und haben auf der ande­ren Seite von Charla einen Bus gefun­den, der nach Lima umge­kehrt ist. Mit 44 Stun­den Ver­spä­tung kom­men wir in der Haupt­stadt an. Ent­ge­gen aller Behaup­tun­gen war unser Weg frei.

Cate­go­riesPeru
Pia Röder

Es beginnt mit einem Kribbeln in den Kniekehlen. Es wandert die Waden hinab zu den Füßen. Sie krampfen und zittern, sie bitzeln bis in den kleinen Zeh. Das sind die ersten Symptome von Fernweh. Bei manchen ist es akut, bei Pia chronisch. Es packt sie und sie muss wieder los. Ihr Leiden hat sie bisher monatelang durch ihre zweite Heimat Argentinien geführt, hoch bis nach Caracas getrieben und blind über den Atlantik segeln lassen. Es zwang sie nachts in der jordanischen Wüste zum Beduinen-BBQ und peitschte sie tausende Kilometer durch Osteuropa. Aber sie will nicht jammern. Sie leidet an der schönsten Krankheit der Welt – und schreibt über ihre Methoden zur Fernwehbewältigung.

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  2. Andre says:

    Genia­ler Bericht. Habe 5 Jahre lang in Are­quipa gelebt und kann bestä­ti­gen, dass die­ser Art des Pro­test zum All­tag gehört. Manch­mal strei­ken die Minen­ar­bei­ter, manch­mal die Leh­ler dann wie­der die Taxi­fah­rer. Alle Streiks haben eines gemein­sam: die wich­tigs­ten Ver­kehrs­adern der Stadt zu blo­ckie­ren. Steine wer­den auf die Straße gelegt, so dass Autos diese nicht pas­sie­ren kön­nen. Da ich in Peru Rei­sen orga­ni­siere wur­den wir immer wie­der vor die Her­aus­for­de­rung gestellt, wie wir auf die andere Seite kom­men. Die Lösung – die du auch genom­men hast: Aus­stei­gen, Gepäck mit­neh­men, die Strei­ken­den pas­sie­ren (das sind oft die Momente, die sich in einem Peru Urlaub dann für immer ein­prä­gen) und auf der ande­ren Seite in einen ande­ren Bus ein­stei­gen. Ner­ven­auf­rei­bend aber so gut wie nie gefähr­lich (nur bei poli­ti­schen Streiks kann es mei­ner Erfah­rung nach gewalt­tä­tig werden).

  3. Oli says:

    Sehr ein­drucks­volle Geschichte, super geschrie­ben! Die genannte Stre­cke von Lima nach Are­quipa steht auch noch auf mei­ner Liste, ich bin gespannt ob sich in der Region in nächs­ter Zeit etwas tut.

    Viele Grüße,
    Oli

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