Auf Fahrradtour in Luxemburg

Luxemburg sehen und sterben

Luxemburg – das beudetet hervorragende Fahrradwege und vorzüglichen Wein. Und, was ich nicht wusste: Auch ein echtes Abenteuer.

Es gibt Länder, bei denen klickt man zeitgleich mit dem Buchen-Knopf auch auf Abenteuer und Gefahren. Man hat im Hinterkopf, dass irgendwas passieren könnte. Überfälle. Sonstige Angriffe. Entführung. Betrug. Unfälle bei wilden Touren. Luxemburg gehört nicht zu diesen Ländern. Und doch wäre ich von dort fast nicht zurückgekehrt.

Eine dreitägige Fahrradpressereise durch Luxemburg steht mir bevor, mit sieben Männern, von denen die meisten schon ein paar Jährchen älter sind als ich. Harmloser geht es kaum. Denke ich mir. Es ist über zehn Jahre her, dass ich das letzte Mal in dem kleinen Land war und ich freue mich auf das Wiedersehen.

Eine internationale City

Die Hauptstadt Luxemburg begrüßt uns mit Sturzregen: Mich, zwei Deutsche, drei ältere Niederländer sowie Felix und Valerio, die Organisatoren von der luxemburgischen Tourismusbehörde. Mittagessen gibt es bei Andy Schleck höchstpersönlich. Oder zumindest in dem Fahrradladen, den er eröffnet hat. Andy Schleck? Zugegeben, ich hatte zuvor auch noch nie von ihm gehört. Dabei ist er ein bekannter Rennradfahrer, gewann sogar 2010 die Tour de France. Das Gelbe Trikot hängt noch heute in seinem Laden und wir bleiben bewundernd davor stehen. In seinem Shop gibt es neben superteuren Rennrädern auch jede Menge Fahrradklamotten- und Zubehör für Mann und Frau. Andy selbst wirkt wie der Kumpel von nebenan. Mit einem offenen, etwas lausbubenartigen Ausdruck und beiden Füßen auf dem Boden. Auch die Schnittchen und Eclairs, die er und seine Leute für uns vorbereitet haben, kann man essen.

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Im Regen geht es auf dem Fahrrad durch die Hauptstadt, geführt von Monique, einer Frau mittleren Alters, deren Augen leuchten, wenn sie über das schöne Luxemburg spricht. Ein Land, in dem nur gut 53% Einheimische sind und knapp 47% Ausländer mit 170 verschiedenen Nationalitäten, darunter viele Portugiesen, Franzosen, Italiener, Belgier und Deutsche – in Luxemburg Stadt sollen sogar um die 70% der Einwohner Ausländer sein. Viele von ihnen pendeln täglich aus drei Nachbarländern – Deutschland, Belgien und Frankreich – in die Hauptstadt und wieder zurück. Ich staune immer wieder, wenn ich diese Zahlen höre. Natürlich muss Luxemburg als einer der Verwaltungssitze der EU besonders international sein, aber was das nun konkret für das Leben vor Ort bedeutet, darüber habe ich mir noch nie bewusst Gedanken gemacht.

Um dem ständigen Strom an Pendlern Herr zu werden, wird immer wieder viel in die Infrastruktur investiert. Eine neue Brücke wird gebaut. Und ein neuer Lift. Wer vor Ort wohnt, greift gerne zum Drahtesel, um zur Arbeit zu kommen, und auch das wurde bedacht: Ein brandneuer, 2016 fertiggestellter Aufzug von der Unter- in die Oberstadt kann nicht nur Fußgänger, sondern auch zahlreiche Fahrräder transportieren. Innerhalb von Sekunden schießt das komplett gläserne Gefährt hoch und wieder runter. Der Weitblick über die gesamte Innenstadt überzeugt sogar bei Regen.

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Er schweift über die Kasematten, in die Felsen gehauene Höhlen, die einst Teil der Festung Luxemburgs waren, über Kirchen, gemütliche Wohnhäuser und verwinkelte Gassen. Die Unterstadt sieht von oben aus wie eine Oase, so grün ist sie mit vielen Bäumen, Parks und Gärten. Außer uns sind wenige Leute unterwegs zu den verschiedenen Aussichtspunkten und durch die kopfsteingepflasterten, manchmal etwas rutschigen Altstadtstraßen. Bloß nicht ausrutschen, sage ich mir immer wieder und fahre besonders vorsichtig und – wie immer – natürlich helmlos.  Luxemburg Stadt ist genauso, wie ich sie in Erinnerung habe: sauber, irgendwie urig. Ein lebenswerter Ort, wo man noch durchatmen kann. Und das trotz der ganzen Pendelei und Bedeutung für die Politik.

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Im Casino in Luxemburg

Erst, als wir im Wagen sitzen und Richtung Mondorf-les-Bains fahren, wird klar, dass es in Luxemburg tatsächlich eine ganze Menge Menschen gibt, davon viele mit Autos. Wir stehen in einer Blechschlange, brauchen gefühlte zwei Stunden bis zum Casino 2000, das gleichzeitig als Hotel fungiert. Das kleine Mondorf ist nur wegen des einzigen Spielcasinos des Landes sowie seines Thermalbads bekannt. Von hier aus startet am nächsten Morgen ein heiß ersehntes Fahrradrennen, der ‚Schleck Granfondo‘, ins Leben gerufen von Andy Schlecks Bruder Fränk, der ebenfalls lange als Rennradfahrer aktiv war. Schon am Vorabend versammeln sich hier Menschentrauben in der großen Empfangshalle, dekoriert mit Rennrädern und Trikots, um beim Meet & Greet mit Fränk Schleck dabei zu sein.

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Alles in dem Casino ist farbenfroh und aus dem Bereich der Spielautomaten funkelt und klimpert es schon am Nachmittag wie in einem Mini-Las-Vegas. Am Abend schaue ich mir das Ganze mit Felix und dem Deutschen Martin mal genauer an. Auch nach einer halben Stunde verstehe ich noch immer keine der Spielregeln, doch die Männer wollen mal beim Roulette ihr Glück probieren. Heraus springt ein Gewinn von 20€ bei einem Einsatz von 50€ – das reicht zumindest für einen Cocktail pro Kopf. Zu dem für ein Casino erstaunlich günstigen Drink erzählt uns Felix, wie es sich in Luxemburg so lebt. Wie alle Einheimischen, ist er dreisprachig aufgewachsen, mit Luxemburgisch, Französisch und Deutsch, und ebenso wie alle Einheimischen ist er ständig bereit, sich auf die Sprachbedürfnisse der großen Nachbarn einzustellen. Er selbst wohne nicht in der Hauptstadt, sondern auf dem Land, pendle aber jeden Tag fast eine Stunde zur Arbeit in die Stadt. Wahrscheinlich Normalzustand für viele Luxemburger, für die die City selbst zu teuer geworden ist.

Luxemburg gleich Fahrradland

Bis zu diesem Luxemburg-Trip wusste ich nicht, dass das kleine Land ein Paradies für Radler ist mit 600 Kilometern Radstrecken, 800 weiteren im Bau und 700 Kilometern Mountainbikepfaden. Ich wusste auch nicht, wie verrückt die Luxemburger nach Radfahren sind. Zu meiner Schande war mir nicht mal bewusst, dass auch ein paar Etappen der Tour de France durch Luxemburg führen.

Natürlich müssen auch wir am nächsten Morgen wieder auf den Sattel. Pünktlich für unseren Trip von Mondorf-les-Bains bis ins berühmte Schengen, durch Weinanbaugebiete und entlang der Mosel, hat der Regen aufgehört. Wir bekommen einen Guide speziell für diese Tour – Norbert, vielleicht um die 60, der in seinen schwarzen Leggings, mit Sonnenbrille und Rennrad fitter aussieht als irgendeiner von uns. In meinem Fahrradkörbchen liegt ein Helm, den ich gleich wieder zurückgebe. Es gebe keine Helmpflicht für Fahrradfahrer, bestätigt Norbert, und ich finde haareplättende Helme aller Art schon immer doof. Gestürzt bin ich seit dem Teenageralter auch nicht mehr.

Die Fahrradstrecke entlang des ersten Teils auf der Velo Route SaarLorLux ist so, wie man sich den perfekten Radweg für jedermann vorstellt: größtenteils flach, kaum befahren, idyllisch. Es geht durch postkartenraugliche Weinfelder an sanften Hügeln.

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Hier und dort taucht mal ein Dorf am Abhang auf, und bald erspähen wir die Mosel. Auf einem Aussichtspunkt, wo uns ein großes Schild in der Stadt Remich willkommen heißt, machen wir Halt. Daneben versuchen sich ein paar junge Luxemburger beim Grillen. Kaum ist das Feuer mit viel Mühe entfacht, werden die Würste auf den Grill geworfen – und sind nach 30 Sekunden pechschwarz. Nein, das sei keine typisch luxemburgische Grilltechnik, schwören Felix und Valentino.

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Der liebe Wein

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Natürlich wäre kein Besuch einer Luxemburger Weingegend vollständig ohne Einkehr bei einem Winzer. Uns verschlägt es zum Ehepaar Kox, das neben einem gemütlichen Wohnhaus in Remich ein Weingut hat – eines der angesehensten der Luxemburger Mosel. Die ersten Flaschen sind für uns geöffnet, die bereitstehenden Gläser bleiben nicht lange leer. Davon, dass man den verkosteten Wein eigentlich bald wieder ausspucken sollte, hat anscheinend noch keiner von uns gehört. Ich habe von Wein so viel Ahnung wie von Fahrradrennen und lasse es mir einfach schmecken. Vor allem der weiße, sprudelnde ist vorzüglich. Schon schenkt mir Laurent Kox nach.

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Alle geben genussvolle Geräusche von sich, während wir an Apparaten und Fließbändern, die man wohl zur Weinproduktion braucht, vorbeischlendern. Dann die schönste Überraschung: Winzerfrau Rita Kox hat extra für uns aufgetischt, denn normalerweise bieten die Kox keine Restauration an. Es gibt luxemburgischen Salat mit lila Blümchen darin, die man mitessen kann, hiesigen Käse und Schinken, frisches Gemüse, frisches Brot und zum krönenden Abschluss noch warmen Rhabarberkuchen. Dazu fließt weiter der Wein, rot und weiß. Alle sind glücklich. Luxemburg ist fantastisch. Zum Abschied bekommen wir jeder eine blaue Flasche Weißwein mit der Aufschrift Kox geschenkt. Ich bette meine in den Rucksack vorne im Fahrradkörbchen.

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Ob wir mal eine bisschen abenteuerlichere Strecke angehen wollten, fragt der sonnenbebrillte Norbert, sein Rennrad bereits in Startposition. Ein paar der älteren Männer stöhnen, ich bin begeistert. Auf vollen Magen und abgefüllt  mit Wein ist etwas Action höchst willkommen. Schon der kleine Abhang hinein in das Waldstück, Norberts angeblichen Lieblingsort, ist für manche in der Gruppe eine Herausforderung. Wir sollten absteigen, wenn es zu gefährlich werde, ruft Norbert hinter sich, während er davonbraust. Ich hänge mich an ihn dran. Diese Strecke fahre er öfter mit seinen Freunden, ruft mir Norbert zu, als es mit Schwung auf die erste Brücke geht, die über einen etwa zwei Meter tiefen Graben führt. Die nächste Brücke besteht aus zwei notdürftig zusammengeschusterten, vom Regen des Vortages noch glitschigen Brettern. Ich gebe Gas. Der Wald gefällt mir, wirkt ein wenig verwunschen. Abgesehen von Norberts Geplauder und dem Lachen hinter mir ist es absolut still. Sonnenstrahlen fallen durch die üppig grünen Baumkronen, es riecht nach Frühling.

Schon taucht die nächste Brücke über einen ebenso tiefen Graben vor uns auf. Norbert tritt in die Pedale, ich tue es ihm gleich. Zu spät sehe ich den Spalt, der sich in der Mitte der morschen Holzplatten auftut. Mein Vorderreifen bleibt in voller Fahrt stecken. Das Nächste, was ich spüre, ist, wie mein Hinterkopf aufschlägt. „Scheiße!“, denke ich nur, und wie ein Geistesblitz trifft es mich, dass ich keinen Helm trage. Aber es ist ja nichts passiert. Ich setze mich schnell auf und sehe in die tiefbesorgten Gesichter der Männer um mich herum. Einige faseln etwas von einem dumpfen Aufprall, von Angst, ich habe mein Genick gebrochen, von Tod. Alles Quatsch! Ich lächle und lasse mich aus dem Matsch hochziehen. „Ist die Weinflasche heile geblieben?“, ist meine einzige Sorge, als ich auch meinen Rucksack im Schlamm liegen sehe. Die Männer starren mich an. Ich sei zwei bis drei Meter tief gefallen, ob es mir wirklich gutginge, wollen sie immer wieder wissen. Norbert ist kreidebleich. „Warum bist du denn nicht abgestiegen?“

Ich winke ab, glücklich, dass die Kox-Weinflasche heile ist, und schiebe dieses Mal wie alle anderen das Fahrrad durch den Rest des Waldstücks. Schmerzen habe ich keine – und auch noch keinerlei Bewusstsein, was da gerade passiert ist.

Schengen, das Winzerdorf

Bald geht es zurück zum Moselufer, geradewegs auf Schengen zu.

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Lange Zeit habe ich den Namen immer nur mit einem Vertrag in Verbindung gebracht, der vielen von uns in Europa mehr Freiheit schenkt. Darüber, dass das Schengener Abkommen in einem Winzerort unterschrieben und nach diesem benannt wurde, nach einem 4800-Seelendorf an der luxemburgisch-deutschen Grenze, habe ich nie nachgedacht. Jetzt radeln wir geradewegs auf das Ortsschild zu und hinein ins Dorf, wo schon 1985 das erste Schengener Abkommen unterzeichnet wurde – auf einem Boot auf der Mosel. Von Personen, die eigentlich nicht wirklich wichtig waren, nämlich den Staatssekretären von Deutschland, Frankreich und den Benelux-Staaten, da sich nicht einmal die Außenminister selbst aufraffen konnten, zu erscheinen. So gingen zehn weitere Jahre ins Land, bis überhaupt jemand richtig Notiz von dem Abkommen nahm und es 1995 in Kraft trat.

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Heute erinnert das Ufer Schengens an diesen historischen Moment: Gedenktafeln mit Fotos von für Europa wichtigen politischen Treffen dekorieren die Mosel an diesem Flussabschnitt, nur das Schiff, die Princesse-Marie-Astrid, ist mittlerweile verschwunden. An ihrer Stelle thronen auf einer Plattform drei rechteckige Latten aus nicht rostfreiem Stahl, die stolz sechs Sterne für die sechs Gründerstaaten der EU tragen.

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Im Museum kurz dahinter gibt es Informationsmaterial rund um die EU, doch was mich besonders fasziniert ist der Platz davor. Hier wehen  die Flaggen eines jeden Schengen-Mitgliedsstaates auf dem Boden, und daneben haben Künstler Säulen errichtet: Auf jeder befinden sich zahlreiche Sterne, darauf wiederum Miniaturnachbauten von bekannten Gebäuden oder anderen Merkmalen des jeweiligen Landes – für Deutschland unter anderem das Brandenburger Tor, der Kölner Dom und ein Gartenzwerg. Erst seit 2015 stehen am Ufer auch zwei Originalstücke der Berliner Mauer, die Schengen gespendet wurden.

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Zurück nach Remich geht es per Moselboot. Mittlerweile habe ich Steißschmerzen, und der Kopf tut auch weh. Alle sind dafür, dass ich doch der Vorsicht halber mal in ein Krankenhaus fahre, um mich untersuchen zu lassen.

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In der Notaufnahme – das wahre Luxemburg 

Valerio fährt mich den langen Weg nach Luxemburg Stadt zurück, zur Notaufnahme. Zumindest könnte ich keinen besseren Ort für einen Fahrradunfall gewählt haben. Alles ist einfach, fast jeder spricht Deutsch, meine EU-Krankenkassenkarte wird problemlos akzeptiert. Nie habe ich mich Schengen und der EU verbundener gefühlt als an diesem Tag. Im Wartesaal lerne ich endlich das Luxemburg kennen, das ich bisher nur aus Zahlen erahnt habe. Neben mir wird Spanisch gesprochen, gegenüber Portugiesisch, an der Ecke schluchzt eine Frau in Französisch in ein Handy, Englisch ertönt auch von irgendwo. Valerio grinst. „Ich bin hier wohl der Einzige, der auch Luxemburgisch spricht!“ Dabei hat er selbst Wurzeln im Balkan und in Italien. Eine Portugiesin sieht genauso aus wie ich und verzieht beim Kontakt ihres Allerwertesten mit der harten Bank schmerzvoll das Gesicht. Die Spanierin hat ihren Liebsten und drei Freundinnen im Schlepptau, die beruhigend auf sie einreden. Ich fühle mich plötzlich nicht mehr ganz wohl. Realisiere auf einmal, was mir eigentlich passiert ist. Ein Sturz aus gut zwei Metern Höhe. Ein heftiger Schlag auf den Hinterkopf. Was, wenn da gerade ein Stein statt Schlamm gelegen hätte? Was, wenn doch irgendwas in meinem Schädel kaputtgegangen ist?

Ich verbringe die stundenlange Wartezeit so gut wie möglich damit, dass ich die Menschen um mich herum beobachte und über die Internationalität Luxemburgs nachdenke, wo ich als Ausländerin weniger auffalle als ein Einheimischer. Als ich nach fast drei Stunden endlich dran bin, treffe ich natürlich auf den sicher einzigen Arzt, der nur Französisch spricht. Auch das noch! Er reißt die Augen weit auf, als ich ihm von der Höhe meines Falls erzähle. Er ordnet sofort einen Kopfscan an und eine Krankenschwester verfrachtet mich gemeinsam mit einem Mann im Rollstuhl auf einen anderen, vollkommen leeren Flur. Ich lande in einer Röhre. Muss an Reisende denken, denen sowas in der Wildnis in Afrika, Südostasien, Lateinamerika oder anderen Teilen der Welt geschieht, wo die medizinische Versorgung nicht die der ersten Welt ist. Ich habe echt Glück gehabt!

Weiteres Warten folgt, Valerio hat mir Schokoriegel mitgebracht. Die Spanier sind mittlerweile weg, die Portugiesen haben andere Portugiesen getroffen, mit denen sie lauthals plaudern. Fast komme ich mir vor, als wäre ich in einer geselligen Bar. Wenn nicht die Wände so nackt wären und der Stuhl so hart. Aber da bin ich auch schon wider dran. Der Arzt sieht mich komisch an. „Bei dem Sturz ist nichts passiert, alles gut!“ Ich atme auf, will gehen. „Aber setz dich bitte einen Moment.“ O nein! Sich setzen ist doch nie gut beim Arzt. In meinem Kopf und meinem Hintern pocht es im Kanon. Der Arzt setzt sich auch, rückt seine Brille zurecht, schaut auf ein Papier. Es gäbe da noch etwas in meinem Kopf, das ich daheim untersuchen lassen müsse. Ich höre etwas von „Verdacht auf Meningeom.“ Das ist doch ein Gehirntumor! Der Sekundenzeiger an der Wanduhr bewegt sich sehr, sehr langsam. Ich bin eindeutig im falschen Film gelandet. Frage nochmal nach. Französisch war ja noch nie so meine Sprache.

„Nein, nein, du hast keinen Gehirntumor!“, beteuert der Arzt, während er auf einen Punkt hinter mir starrt. Auf dem Zettel, der jetzt vor mir liegt, steht der Verdacht aber Schwarz auf Weiß. Irgendwann gehe ich raus. Valerio fährt mich zu unserem nächsten Hotel in Mullerthal, ein B&B speziell für Radfahrer mit einem eigenen Fahrradraum am Eingang. Es ist schlicht aber gemütlich, und doch kann ich nicht schlafen. Ich denke über das Reisen nach und wie viel ich schon gemacht habe. Und trotzdem will ich mehr, immer mehr, werde immer hungriger auf die Welt, je mehr ich davon schmecke. Dafür, dass ich den Sturz unbeschadet überstanden habe, bin ich dankbar. Und egal was kommt, ich werde das schon irgendwie schaffen.

Abschluss in der ältesten Stadt Luxemburgs

Am nächsten Morgen wollen Felix und Valerio wissen, ob ich an dem letzten Tag unserer Tour noch weiterfahren will. Ich will. Mit haareplättendem Helm. Da die für uns bestellten E-Bikes nicht kommen, müssen wir uns wieder mit normalen Drahteseln zufriedengeben. Einer der Niederländer hat keine Lust mehr, und so geht es statt wie geplant durch das schöne Mullerthal bis zum größten Wasserfall Luxemburgs, dem Schiessentümpel, geradewegs nach Echternach. Zuerst brausen wir bergab, durch ein asphaltiertes Waldstück. Ich spüre die morgendliche Kühle auf dem Gesicht und auf den Armen und fühle mich lebendig wie lange nicht mehr. Noch dazu scheint die Sonne praller vom Himmel als an den Vortagen. Ich schaffe es, sogar meinen protestierenden Steiß zu ignorieren. Die Männer behandeln mich wie eine Porzellanpuppe, radeln immer wieder neben mich, um nach meinem Befinden zu fragen. Ich überlege zum ersten Mal, warum es eigentlich keine männlichen Harems gibt.

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Echternach ist Luxemburgs älteste Stadt und gilt auch als die schönste. Mir gefällt der idyllische Ortskern mit einem Marktplatz, einem Römerpalast und der Pfarrkirche Peter und Paul, auf Anhieb. Noch dazu gibt es zum Mittagessen frischen Spargel in der Sonne. Ich fühle mich mit Luxemburg versöhnt. Und mit dem Leben.

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Die Reise wurde unterstützt und organisiert von Luxembourg for Tourism, www.visitluxembourg.com

Originalpost: http://www.bernadette-olderdissen.org/2017/06/28/luxemburg-sehen-und-sterben/
Bernadette Olderdissen

Bernadette Olderdissen ist eine Geschichtensammlerin- und schreiberin. Schon in jungen Jahren verstand sie, dass ganz so viel Fantasie zum Schreiben gar nicht nötig war, denn die besten Geschichten schenkte ihr das Leben umsonst. Schenkten ihr die Menschen um sie herum. Als sie viele Geschichten gehört hatte, zog sie weiter. Sperrte die Ohren auf und schrieb alles nieder, was ihr die Menschen zu erzählen hatten. So trieb es sie immer weiter durch die Welt, mit ungesättigter Neugier und in der Gewissheit, dass sich die Menschen zwar überall auf der Welt verdammt ähnlich sind, jedoch keine zwei Geschichten identisch. Dieser Umstand ist schuld daran, dass sie noch immer nichts für die Rente gespart hat, sondern das Geld immer nur für die nächsten Reisen reicht. Und das findet sie auch gank okay so.

  1. Obwohl man Luxemburg als sehr klein empfindet, vermittelt dein Beitrag den Eindruck einer unendlichen Weite. Dass das kleine Land so attraktiv für Radfahrer ist, hätte ich nicht gedacht. Viele neue Facetten, die einen Abstecher lohnenswert machen… danke dafür! :-)

  2. Hallo!

    Vielen Dank für den tollen Artikel! Ich wusste gar nicht, dass Luxemburg so schön ist. Habe es zwar oft gehört, aber die Bilder haben es definitiv bewiesen!

    Vielen Dank für den tollen Tipp! Vor allem für Fahrradfreaks, wie ich es bin, ist das ein toller Trip!

    Gruß
    Martin

    • Bernadette

      Vielen Dank für dein nettes Feedback, Martin. Luxemburg ist wirklich ein tolles kleines Land und besonders zum Radeln auch sehr zu empfehlen :) Viel Spaß dort!

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