Am Rand des Himmels: Den Kasbek (5.054 m) in Georgien besteigen

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Am Rand des Himmels: Den Kasbek (5.054 m) in Georgien besteigen

Mit einer Höhe von 5.047 Metern ist der Kasbek der dritt­höchste Berg Georgiens. Zusammen mit der Gergeter Dreifaltigkeitskirche bildet er ein weltbe­kanntes Postkartenmotiv an der Grenze zu Russland. Im Alleingang unter­wegs zum Gipfel.

„Ich fahre schon mal weiter nach Tiflis und lege im Hotel die Füße hoch.“ Leonie, meine Reisebegleiterin, ist leider nicht für eine Besteigung des Kasbek in Georgien zu motivieren. Knapp eine Woche waren wir zusammen auf einer Fernwanderung von Mestia nach Ushguli unter­wegs, haben viel zusammen gelacht, Betten geteilt, auf Pferden einen Fluss überquert, steile Bergflanken unter die Sohlen genommen und Aussichten genossen. Doch wohin­gegen mich der Kasbek mit seinen 5.054 Metern anzieht wie die Mücken das Licht, sehnt sich Leonie nach Kultur: „Museen und Konzerte in Tiflis, alles was man braucht“, sagt sie.

Ich fühle mich nach einer Woche Wandern gerade erst aufge­wärmt und beim Gedanken, den Kasbek an der Grenze zu Russland zu besteigen, erwachen die Lebensgeister: Ein freudiges Kribbeln durch­zieht meinen Körper. Ich muss da hoch, oder möchte es zumin­dest versu­chen. Georgiens dritt­höchster Berg, ein erloschener Vulkan, gilt als mittel­schwere Hochtour. Auf den letzten Höhenmetern zum Gipfel warten Firn- und Eisflanken mit einer Neigung von bis zu 45 Grad. Vorher überquert man einen spalten­rei­chen Gletscher.

Wir verab­schieden uns. „In einer Woche sehen wir uns in Tiflis“, sage ich. So der Plan. In Stepanzminda, dem Ausgangsort zur Kasbek-Besteigung, stolpere ich aus dem Bus. Der Himmel strahlt azurblau. Über dem Ort thront die georgisch-ortho­doxe Dreifaltigkeitskirche Gergeti, dahinter erhebt sich der Bergriese Kasbek mit seiner Schneekuppe wie ein gigan­ti­scher Zuckerhut aus seinem kargen, ocker­far­benen Umland. Die Sonne knallt auf mich herab als wolle sie sich beweisen. Bergsportler, überwie­gend mittleren Alters, schieben sich in ihrer bunten Kleidung durch die staubigen Straßen. Ich sitze in einem Café, schaue den Berggiganten aus der Ferne an und überlege, wie ich mein Abenteuer im Alleingang am besten angehe. Ein Schaufensterschild lockt mich zu einem Tour-Operator. Spontan eine Gruppe im August zu finden, sei unmög­lich, sagt man mir. Alle geführten Touren sind seit Monaten ausge­bucht. Außerdem beinhaltet die Buchung einer geführten Tour ein umfang­rei­ches Programm zur Akklimatisierung. Ich könnte einen Privat-Guide buchen. Kostenpunkt: läppi­sche 1.500 Euro. Nein, danke. Ich spreche mit anderen Bergsportlern in Stapanzminda und erzähle von meinem Vorhaben. Wie erwartet, ernte ich ungläu­bige Blicke. Niemand möchte eine fremde Person auf einer Hochtour Richtung Gipfel begleiten. Ich kann das gut nachvoll­ziehen, schließ­lich sind viele extra für den Gipfel hierher gereist und möchten ihn errei­chen.

Aufstieg mit acht Männern zum Basislager des Kasbek

Am nächsten Morgen beschließe ich, alleine zum Basislager aufzu­steigen. „Wenn ich erst mal dort oben bin, finden sich sicher Mitstreiter zur Gipfelbesteigung“, schießt es mir durch den Kopf. Mit einem Eispickel, Steigeisen aus Stahl mit Lederriemen, Helm, Eisschrauben, Klettergurt, Karabinern, Prusikschlingen und Bandschlingen verlasse ich den Ausrüstungsverleih. In weiten Kurven geht es am Chkheri-Fluss entlang zur Dreifaltigkeitskirche, wo sich Fahrzeuge von den 1970ern bis heute auf dem gigan­ti­schen Parkplatz anein­ander reihen. Über einen recht gleich­mäßig anstei­genden Bergpfad erreiche ich nach einigen Trinkpausen einen Militärposten. Drei mit Maschinengewehren bewaff­nete Männer stehen vor einer Blechhütte. Zwei Stockbetten aus Metall und ein kleiner Holzofen neben einem Holztisch, das war’s an Interieur. „Die einen leben bewussten Minimalismus, die anderen haben keine Wahl“, denke ich. Ich fülle einen Zettel mit meinen persön­li­chen Daten und meiner geplanten Tour aus. Mein Reisepass wird einkas­siert, um sicher­zu­gehen, dass ich hier, auf der georgi­schen Seite, wieder vorbei­komme, und nicht über den Gipfel nach Russland absteige. Der Kasbek wohnt genau auf der Grenze von beiden Ländern. „Von nun an bin ich nicht nur alleine, sondern auch ohne Papiere unter­wegs“, denke ich. Der Personalausweis, mein zweites Dokument, liegt unten in Stepanzminda beim Ausrüstungsverleih.

Irgendwann blitzt er mir entgegen, der Gergeti-Gletscher, eine spalten­reiche Hürde auf dem Weg zum Basislager. Aus dem Gletschertor sprudelt Wasser. Um zum Basislager zu kommen, muss man ihn überqueren. Alternativen gibt es nicht. Doch im Alleingang ist es wegen der Spaltensturzgefahr zu gefähr­lich. Meine Kehle ist trocken. Ich setze mich auf meinen Rucksack und trinke einen Schluck. „Falls keine Gruppe auftaucht, die mich angeseilt übers Eis begleitet, zelte ich noch mal hier“, denke ich. Es vergeht circa eine halbe Stunde bis acht Männer mittleren Alters aus Russland aufkreuzen. Verbrannte Nasen, dicke Bäuche, breites Grinsen. Sie seilen sich an. Ich stelle mich vor. Keine zehn Minuten später bin ich in ihr Seil einge­klippt. Wir stapfen gleich­mä­ßigen Schrittes übers Eis. Zwischendurch bleiben wir mitten auf den Gletscher sitzen, trinken Wodka und essen Schokolade. Ich verstehe kein Wort, und bin dankbar für die Begleitung.

Und dann liegt es auf einmal vor uns, das Basislager an der Betlemi-Hütte auf circa 3.700 Metern Höhe. Bunte Zelte reihen sich anein­ander. Ich bin erschöpft, esse einen Riegel und stelle mein rotes Zelt irgendwo zwischen die anderen. In der Betlemi-Hütte, einem Gebäude aus der Sowjetzeit, in der es als meteo­ro­lo­gi­sche Station genutzt wurde, dampft Tee aus den Tassen. Die Hütte versprüht einen rusti­kalen, rudimän­tären, sowje­ti­schen Charme. Ein paar wacklige Platikstühle stehen an wackligen Tischen. Teilweise fehlen die Fensterscheiben. Toiletten gibt es keine und im Schlaflager braucht man einen dicken Schlafsack, denn drin herrschen oft Minusgrade. Eine Komposttoilette im Holzhäuschen steht im Basislager. Auch Trinkwasser ist hier vorhanden. Es sprudelt aus einem Gummischlauch, der an eine Quelle angeschlossen ist.

Gekreische vor der Tür. Menschen rennen in alle Richtungen.

Gekreische reißt mich aus meinen Gedanken. Ich schrecke auf und schaue durch den Türrahmen der Betlem-Hütte nach draußen. Menschen rennen aufge­regt in alle Richtungen. Der Hüttenwirt schreit „Go, go, go!!!“. Es dauert keine zehn Sekunden bis gigan­ti­sche Geröllmassen über eine Hangflanke direkt über uns Richtung Tal donnern. Staub wirbelt auf. Mein Puls schnellt hoch. Wurde jemand erwischt? Nach ein paar Minuten klart die Sicht auf. An den Steilflanken des Kasbek – insbe­son­dere an der berüch­tigten Chmaura-Wand – kommt es aufgrund schmel­zenden Eises und auftau­enden Permafrosts im Sommer regel­mäßig zu Felsstürzen und kleinerem Steinschlag, erklärt man mir. Verschüttet oder getroffen wurde zum Glück niemand und auch mein Zelt steht noch. Die Massen bewegten sich knapp am Basislager vorbei. 

Mein Puls hämmert dennoch bis knapp unter die Schädeldecke. Hinter der Betlemi-Hütte schaue ich der Sonne auf einer Holzbank beim Untergehen zu und atme tief durch. Als rosafar­bener Ball versinkt sie hinter dem schnee­be­deckten Gletscher. Hunde, Kaukasische Owtscharkas, und einige Mischlinge, streunen um die Hütte. In der Ferne erblicke ich die kargen, ocker­far­benen Tiefebenen in Armenien und Iran. Zurück im Zelt fallen mir nach wenigen Minuten die Augen zu.

Ein Gipfel, der Magie verströmt

Am nächsten Morgen dampft Instantkaffee aus meiner Tasse. Einige Bergsteiger sind letzte Nacht zum Gipfel aufge­bro­chen. Das Camp ist fast leer. Ich treffe auf Jan und Michael aus Tschechien. Wir essen zusammen Müsli und beschließen, uns gemeinsam zu akkli­ma­ti­sieren. Mit Tagesgepäck laufen wir ein Stück Richtung Gipfel. Schnee knirscht unter unseren Steigeisen. Wieder schnellt mein Puls hoch, doch diesmal vor Anstregung. Der Körper braucht ein paar Tage, um sich an Höhen wie diese anzupassen. Akklimatisierung ist das Stichwort. Ab etwa 3.000 Metern sinkt der Sauerstoffpartialdruck in der Luft spürbar. Ohne Anpassung droht die akute Höhenkrankheit mit Symptomen wie Kopfschmerzen, Schwindel oder Übelkeit. Der Körper braucht Zeit, um mit einer gestei­gerten Atemfrequenz, einem schnel­leren Puls und der vermehrten Bildung roter Blutkörperchen zu reagieren.

Nach rund fünf Stunden sind wir zurück im Basislager. Ich öffne meine Wetter-App und zucke kurz zusammen. Ab morgen rollt eine Gewitterfront auf uns zu, die gestern noch drei Tage später angekün­digt war. Sturm, Schneefall, Kälte-Einbruch. „Deshalb steigen heute und morgen alle ab“, sagt ein Guide. Wir überlegen hin und her. Schauen uns die Windgeschwindigkeiten und die Neuschneehöhen an. Sturmböen mit rund 90 km/​h und 60 cm Schnee sind angekün­digt. Sicht werden wir keine haben. Ein erheb­li­ches Risiko auf einem spalten­rei­chen Gletscher auf dieser Höhe. Akklimatisiert sind wir noch nicht, dafür müssten wir mindes­tens drei weitere Tage hier oben bleiben. Als am nächsten Morgen die letzten Zelte verschwinden, beschließen auch wir, abzusteigen. Die Schlechtwetterfront soll mindes­tens eine Woche anhalten. Wir packen alles zusammen, steigen über den Gletscher ab zur Militärstation, wo ich meinen Pass einsammel. „Ich fahre weiter nach Tiflis und gehe auf Konzerte und in Museen“, sage ich zu den anderen. Leonie wartet auf mich.


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