Als ich auf­wa­che, ste­hen wir am Stra­ßen­rand. Siva schläft auf dem Fah­rer­sitz, Rekha und Alek­hya unter­hal­ten sich leise. Sebas­tian schläft neben mir. „What hap­pend?“, frage ich Rekha. „Siva got very tired. He nee­ded to sleep. Other­wise it’s so dan­ge­rous.” Ich stimme ihr zu. Auf klei­nen, engen Land­stra­ßen mit­ten in der Nacht durch Ost­in­dien zu fah­ren, ist sowieso keine der bes­ten Ideen. Wenn dann noch der Fah­rer so müde ist, dass er beim Fah­ren fast ein­schläft, dann ist eine Pause tat­säch­lich die beste Entscheidung.

Rekha und Alek­hya dis­ku­tie­ren leise wei­ter. Durch ihre vie­len eng­li­schen Worte ver­stehe ich grob, worum es geht, obwohl sie sich eigent­lich auf Telugu, der regio­na­len Spra­che Andra Pra­deshs, unter­hal­ten. Wir suchen eine Über­nach­tungs­mög­lich­keit. „Lee, I have no idea where a hotel is. I have never been here before. But my uncle told me that we have family here. We will sleep there. Please Lee and Sebas­tian, you have to adjust. Please.” Sebas­tian ist mitt­ler­weile auch auf­ge­wacht und nickt noch etwas benom­men. “Sure we will adjust, no pro­blem“, ant­worte ich Rekha. Immer noch muss ich schmun­zeln, dass sie und Alek­hya mich Lee nen­nen. Mal wie­der ein neuer Name. Sie weckt Siva auf und erklärt ihm den Plan. Wäh­rend wir uns auf die Suche nach ihren Ver­wand­ten machen, berei­tet sie uns auf das Kom­mende vor. „They are maybe a bit poor. I don’t know, how they live. They won’t have such a nice flat like we do. I think they maybe live in a slum.”

“You have to adjust”

Sie leben in einem Slum? Vor mei­nem inne­ren Auge tau­chen Bil­der von klei­nen Ver­schlä­gen mit Well­blech- oder Plas­tik­pla­nen­dä­chern auf, die eng gedrängt direkt an den Bahn­glei­sen ste­hen. Sol­che Behau­sun­gen haben wir in den letz­ten Wochen vom Zug aus immer wie­der sehen kön­nen. Ich kann mir kaum vor­stel­len, dass Rekhas Ver­wandte so woh­nen, aber wenn sie es sagt? Oder was soll „Slum“ sonst bedeuten?

Kon­zen­triert fah­ren wir durch die dunk­len men­schen­lee­ren Stra­ßen, Rekha im Dau­er­te­le­fo­nat mit ihrem Onkel, der ihr den Weg zu den Ver­wand­ten erklärt. Die Stra­ßen wer­den enger, die Häu­ser wer­den klei­ner. Doch wie ein Slum sieht das hier für mich nicht aus.

Plötz­lich hal­ten wir. Sind wir da? Ich bin erleich­tert. Das hier ist kein Slum. Wir befin­den uns in einer nor­ma­len, net­ten Wohn­ge­gend. Die Häu­ser sind gemau­ert und haben zwei Stock­werke. Blu­men ste­hen auf Fens­ter­sim­sen und vor den Haus­ein­gän­gen. Eine der Türen öff­net sich und ein Mann tritt lächelnd her­aus. Rekha und er begrü­ßen sich, Siva und Alek­hya hal­ten erst mal etwas Abstand und auch wir beob­ach­ten die Szene. Doch bald schon wer­den wir vor­ge­stellt. „Lee, Sebas­tian, this is my uncle!“ Lächelnd schüt­teln wir seine Hand und bedan­ken uns, dass wir bei ihm schla­fen dürfen.

Das Haus, wie wir schnell fest­stel­len, ist tat­säch­lich etwas beengt. Es gibt einen win­zi­gen Ein­gangs­be­reich, der dem Onkel auch als Büro zu die­nen scheint. Es schließt sich der ein­zige Wohn­raum der Fami­lie an, in dem lin­ker Hand ein gro­ßes Dop­pel­bett steht, auf dem drei kleine Kin­der in ihren nor­ma­len Kla­mot­ten schla­fen. Auf dem Boden lie­gen dünne Matrat­zen, doch die etwa fünf Erwach­se­nen sind wach. Alle Frauen tra­gen Sari, sie müs­sen sich wohl in ihm schla­fen gelegt haben. Uns bei­den wird das Bett ange­bo­ten, die ande­ren wol­len sich ein Matrat­zen­la­ger auf dem Boden her­rich­ten. Doch der Raum bie­tet nicht genü­gend Platz für so viele lie­gende Men­schen. Wir leh­nen ab.

Zum Glück haben wir unsere Luft­ma­trat­zen und Schlaf­sä­cke zu die­sem Aus­flug ein­ge­packt und zum Glück konn­ten sich Rekha und Siva schon vorab von ihrer Bequem­lich­keit über­zeu­gen. Denn so stim­men sie die­ses Mal schnel­ler zu, als wir sagen, dass wir auf dem Boden im Vor­raum schla­fen wer­den, in den unsere Mat­ten gerade so rein­pas­sen. Die Fami­lie guckt uns inter­es­siert zu, wie wir unsere Schlaf­stätte her­rich­ten und nach­dem wir noch kurz das rus­ti­kale Hock­klo auf­ge­sucht haben, legen wir uns schla­fen. Auch im Neben­zim­mer kehrt Ruhe ein und ich sehe durch die offene Türe, dass sich nun Rekha, Siva und Alek­hya das große Bett tei­len, wäh­rend die Fami­lie auf dem Boden auf den dün­nen Matrat­zen liegt.

Der nächste Tag beginnt früh. „We can’t stay too long, other­wise they have to offer us bre­ak­fast”, begrüßt uns Rekha um sie­ben Uhr mor­gens. Immer­hin konn­ten wir län­ger schla­fen als gedacht, denn ges­tern Abend hieß es noch, wir wür­den bereits um 5 Uhr wei­ter­fah­ren. Da wir erst gegen 2 Uhr ein­ge­schla­fen sind, sind Sebas­tian und ich froh, dass es anders gekom­men ist.

Wir packen unsere Sachen ins Auto, schlür­fen die uns ange­bo­tene Tasse Chai und ver­ab­schie­den uns. Über den grü­nen Wie­sen liegt der Tau der Nacht und noch wabert dicker Nebel über die Fel­der. Wir sind wie­der auf der Straße und nähern uns Bhi­ma­va­ram und Rekhas Fami­lie, bei der wir für die kom­men­den Tage ein­ge­la­den sind.

Sankranthi – von indischer Großfamilie, Hahnenkämpfen und Henna

„Rekha! Siva! Leo! Sebas­tian! Finally you arri­ved!” Wir bie­gen gerade auf einen klei­nen Park­platz ein, da ste­hen auch schon Swa­thi und Vijay vor uns. Begeis­tert begrü­ßen wir uns, denn es ist die­sen bei­den zu ver­dan­ken, dass wir heute über­haupt hier sind. Vor zehn Tagen hat­ten wir das Pär­chen durch Zufall in Hyder­abad ken­nen­ge­lernt und waren uns gleich sym­pa­thisch. Als talen­tierte Künst­ler eröff­ne­ten sie uns einen Zugang zu einem ganz ande­ren Indien und luden uns zum Kunst- und Kul­tur­fes­ti­val Krish­na­kriti ein, das zufäl­lig genau zu unse­rer Zeit in Hyder­abad statt­fand. Sie ver­ab­schie­de­ten sich mit einer Ein­la­dung zu San­k­ran­thi, doch wir waren zu die­sem Zeit­punkt noch nicht sicher. Denn erst mal war unser Farm­auf­ent­halt geplant und wir woll­ten uns noch nicht festlegen.

Doch nun sind wir hier, her gefah­ren mit Rekha, Vijays Schwes­ter, und sind sehr gespannt, was uns die kom­men­den Tage erwar­ten wird.

„First we’ll go to my grandma’s house”, bestimmt Rekha. Wir lau­fen durch eine Gasse und bie­gen in den klei­nen Innen­hof des Hau­ses der Groß­mutter ein. Bestimmt 20 Per­so­nen ste­hen schon bereit und bli­cken uns erwar­tungs­voll an. Nach ein biss­chen Rücken und Schie­ben fin­den alle Platz, nun ste­hen Sebas­tian und ich auf der einen Seite des Hofs und die Fami­lie uns gegenüber.

Was wird von uns erwar­tet? Schon tritt eine kleine, alte Frau auf uns zu – Rekhas und Vijays Oma? In der Hand hält sie eine bron­zene Schale mit Reis und rotem Pul­ver. Wir bekom­men einen roten Punkt zwi­schen die Augen­brauen gesetzt, den Reis wirft sie über uns. Zum Abschluss der Begrü­ßung zün­det sie drei kleine „Stein­chen“ an und wedelt den ent­ste­hen­den Rauch in unsere Gesich­ter. Zum Glück haben wir auf dem Hin­weg noch eine schöne Blume erwor­ben, die wir der alten Dame nun über­ge­ben kön­nen. Ihre Lieb­lings­blume, wie Rekha uns vorab wis­sen ließ.

Die Stim­mung ist posi­tiv, alle lächeln. Als die Groß­mutter ihre Zere­mo­nie been­det hat, tritt Swa­thi auf uns zu und stellt uns die Anwe­sen­den vor. Ob wir wohl ein Foto mit ihnen machen wür­den? Klar, das machen wir gerne. Die nächs­ten Minu­ten neh­men unter­schied­li­che Fami­li­en­kon­stel­la­tio­nen neben uns Auf­stel­lung: Die Kin­der der Fami­lie. Alle Onkel. Die Cou­si­nen und Cou­sins. Ein Onkel mit sei­ner Fami­lie. Wir ver­lie­ren den Über­blick, wer noch­mal wer ist, aber das ist egal. Irgend­wann ist unser Lächeln ein­ge­fro­ren und wir sind froh, als die Foto­ses­sion für been­det erklärt wird.

Zum Früh­stück – es ist immer noch sehr früh – bekom­men wir die süd­in­di­sche Spe­zia­li­tät Idli über­reicht. Keine Ahnung, was das ist, aber es schmeckt. Bei Wiki­pe­dia lese ich später:

„Bei Idli han­delt es sich um weiße, gedämpfte, flach-runde Küch­lein aus einem fer­men­tier­ten Teig auf Basis von Urdboh­nen und Reis. Sie haben eine wei­che, schwamm­ar­tige Kon­sis­tenz und einen säu­er­li­chen Geschmack. Idli wer­den häu­fig als Früh­stück ver­zehrt und tra­di­tio­nell mit Chut­ney, Sam­bar und Vada, einem frit­tier­ten Ring aus einem ähn­li­chen Teig, gereicht.“

Uns bleibt nicht viel Zeit zum Ent­span­nen, denn das Haupte­vent von Makar San­k­ran­thi, dem gro­ßen Hind­ufes­ti­val, das neben sei­ner Bedeu­tung als Art Ern­te­dank­fest zugleich ein Fest für den Sieg des Guten über das Böse ist, steht bevor: Hahnenkämpfe!

„Actually, cock fights are not allo­wed any­more”, erklärt uns Swa­thi, als wir zur klei­nen Arena lau­fen. “But it’s an old tra­di­tion here and poli­ti­ci­ans fear that they will loose the next elec­tions, if they don’t allow cock fights during San­k­ran­thi.” Ob sie sich diese gerne anschaut, möchte ich von ihr wis­sen. Sie ver­neint. Dank uns bei­den beson­de­ren Gäs­ten sind bei die­sem Hah­nen­kampf so viele weib­li­che Zuschauer wie sonst fast nie anwe­send, erklärt sie uns lachend. Hah­nen­kämpfe wären eher etwas für die Män­ner, die das grau­same Spek­ta­kel gespannt ver­fol­gen. Zudem geht es um eine Menge Geld, denn auf die geheg­ten und gepfleg­ten Kampf­hähne wird gewet­tet. Nur für die­sen heu­ti­gen Tag wur­den sie gezüch­tet und mit teu­ren Man­deln gefüt­tert, denn der Kampf geht solange, bis es einen ein­deu­ti­gen Sie­ger gibt. In ande­ren Wor­ten: Der Kampf dau­ert solange, bis einer der Hähne tot ist. Kein Wun­der, dass es an San­k­ran­thi alle mög­li­chen Gerichte mit Hühn­chen zu essen gibt.

Ich weiß nicht, ob ich das wirk­lich sehen möchte. Doch die Erwar­tun­gen der um uns Ste­hen­den sind hoch und so sagen wir zu, uns einen Kampf anzu­schauen. Extra für uns wer­den Plas­tik­stühle her­ge­bracht, obwohl wir lie­ber hin­ter dem schüt­zen­den Holz­zaun gestan­den wären. Sebas­tian wei­gert sich, im Inne­ren des Kampf­be­reichs Platz zu neh­men, doch ich setze mich mit Swa­thi, Vijay, Rekha, Siva und den ande­ren Ver­wand­ten auf die Stühle.

Etwa zehn Män­nern kom­men mit ihren Häh­nen her­ein, was für rie­sige Tiere! Rekha ist ganz wild dar­auf, einen auf den Arm zu neh­men und posiert mit ihm für Fotos. Wäh­rend die Män­ner ihre Hähne gut fest­hal­ten, trägt ein wei­te­rer Mann sei­nen Hahn nahe an den ande­ren vor­bei. Ich ver­mute, es soll das Aggres­si­ons­le­vel der Tiere stei­gern, denn die meis­ten stel­len ihre Nacken­fe­dern wie einen Kamm auf.

Par­al­lel lasse ich mir von Swa­thi erklä­ren, wie so ein Hah­nen­kampf abläuft. Erst jetzt ver­stehe ich, dass die kämp­fen­den Hähne zwei scharfe Klin­gen an das rechte Bein gebun­den krie­gen. Was für eine grau­same Tra­di­tion! Ich bin ner­vös. Was erwar­tet uns?

Mitt­ler­weile befin­den sich nur noch zwei Män­ner mit jeweils einem Hahn auf dem Arm in der klei­nen Arena. Die Menge der Zuschauer ist deut­lich ange­wach­sen, bis auf Rekha und ihre Fami­lie sehe ich keine ande­ren Frauen. Die in der Luft lie­gende Anspan­nung über­trägt sich auf mich, mein Herz beginnt laut zu klop­fen. Der Schieds­rich­ter gibt das Signal, die Män­ner las­sen ihre Hähne frei. Die Menge beginnt zu schreien, feu­ert die Hähne an. Diese umkrei­sen sich mit auf­ge­stell­ten Nacken­fe­dern, noch pas­siert nicht mehr. Die Menge wird unge­dul­dig. Da star­tet der erste Hahn sei­nen Angriff und springt auf den ande­ren. Pickend und mit sei­ner Klinge fuch­telnd geht er auf sei­nen Geg­ner los. Ich schließe die Augen.

Die Menge ist außer Rand und Band und rückt so nahe an die Hähne heran, dass der Schieds­rich­ter den Kampf unter­bricht. Die bei­den Män­ner neh­men ihre Hähne auf den Arm, der Schieds­rich­ter ver­sucht mit viel Geschrei, für Ord­nung zu sor­gen. Doch die Zuschauer schei­nen selbst nicht mehr ganz Herr ihrer Sinne zu sein und dem Schieds­rich­ter bleibt nichts ande­res übrig, als mit einer gro­ßen Peit­sche vor ihre in San­da­len ste­cken­den Füße zu zie­len. Sie sprin­gen zurück, ohne getrof­fen zu wer­den. Als der Kampf­platz end­lich frei ist, sind die Hähne wie­der an der Reihe. Glück­li­cher­weise geht es schnell, einer der bei­den lan­det einen geziel­ten Hieb und der andere Hahn scheint getrof­fen. Als er zu Boden sackt, quillt aus sei­nem Schna­bel eine rote Masse, ich muss die Augen schlie­ßen und spüre trotz­dem einen Wür­ge­reiz. Raus hier, aber schnell!

Unser Pflicht­kampf ist nach etwa fünf Minu­ten vor­bei, end­lich kön­nen wir gehen. Swa­thi schließt sich Sebas­tian und mir dank­bar an, wir ver­las­sen die kleine Arena zügig. Rekha und ihre Fami­lie blei­ben sit­zen und schauen sich noch wei­tere Kämpfe an, doch uns reicht die­ser eine für unser rest­li­ches Leben. Andere Län­der, andere Sit­ten. Aber die­ser kann ich per­sön­lich rein gar nichts abgewinnen.

Wir legen eine Pause ein und machen einen Mit­tags­schlaf. Die ver­gan­gene Nacht war sehr kurz und die Hitze schlägt uns auf den Kreis­lauf. Gegen Nach­mit­tag wer­den wir ein­ge­la­den, mit ins nahe­ge­le­gene Hei­mat­dorf von Rekhas und Vijays Vater zu fah­ren, in dem die bei­den auf­ge­wach­sen sind. Obwohl wir auch hier als die Star­gäste vor­ge­zeigt wer­den, für einige Fotos bereit­ste­hen müs­sen und viele Hände schüt­teln dür­fen, ist es ein schö­ner Aus­flug. Das Dorf ist noch klei­ner als Bhi­ma­va­ram, die Leute sind freund­lich und mit Swa­thi, Vijay, Rekha und Siva kön­nen wir uns toll unterhalten.

„When I was a small girl, Vijay and I had to wash our clothes here in this river”, zeigt uns Rekha ihre frü­here Wasch­stelle, an der auch jetzt noch Frauen sit­zen und ihre Wäsche auf den Stein schla­gen. „On this side of the river you find the houses of Brah­min people. Over there are the houses of the lower casts. And here lives the Indian ‘middle class’.”, erklärt sie uns. Wie sehr das Kas­ten­sys­tem im heu­ti­gen Leben noch eine Rolle spielt, frage ich sie inter­es­siert. Eine sehr große Rolle, ant­wor­ten sie und Alek­hya wie aus einem Mund.

Obwohl das Kas­ten­sys­tem offi­zi­ell abge­schafft ist, spü­ren sie es vor allem beim Thema Hei­rat. Es wird nach wie vor inner­halb der Kaste gehei­ra­tet, kei­ner möchte sich ver­schlech­tern. Doch beson­ders in den Dör­fern erle­ben sie den Ein­fluss immer noch, wenn auch nicht mehr ganz so dra­ma­tisch. Frü­her, so sagen sie, durfte ein „Unbe­rühr­ba­rer“, ein Ange­hö­ri­ger der unters­ten Kaste, nicht mal sei­nen Schat­ten auf einen Brah­ma­nen, einen Ange­hö­ri­gen der höchs­ten Kaste, wer­fen, ohne ihn zu ver­un­rei­ni­gen. Die Nut­zung eines gemein­sa­men Brun­nens war undenk­bar, die Leute leb­ten an ver­schie­de­nen Enden des Dor­fes, um mög­lichst wenig Berüh­rungs­punkte zu haben. Heute in den Städ­ten, so mei­nen sie, ist das alles nicht mehr so streng. Trotz­dem sind das Kas­ten­sys­tem, die Rolle der Frau in Indien und sozia­ler Sta­tus ihre The­men, das merke ich schnell.

Abends tref­fen sich die jun­gen Leute der Fami­lie und einige jung­ge­blie­bene Ältere in der Woh­nung, in der auch wir unser Schlaf­la­ger auf­bauen dür­fen. Gemein­sam wird gespielt und schließ­lich ist es an Sebas­tian, die Zuschauer mit sei­nen Kar­ten­spie­ler­tricks zu unter­hal­ten. Das Publi­kum ist wohl das beste, das man sich wün­schen kann, denn sie fol­gen allen Tricks gebannt und vol­ler Begeis­te­rung und geben nicht auf zu raten, zu über­le­gen und aus­zu­pro­bie­ren, bis sie den Trick ent­hüllt haben und selbst vor­füh­ren können.

Nach einer kur­zen Nacht fah­ren uns Rekha, Siva und Vijay am nächs­ten Mor­gen zum Bus­bahn­hof. Wäh­rend sie spä­ter nach Hyder­abad fah­ren wer­den, um dort noch ein paar Tage zu ver­brin­gen, sind wir ein­ge­la­den, in Rekhas und Sivas Woh­nung in der Hafen­stadt Vizag auf sie zu war­ten. House sit­ting quasi. Für uns ist es wun­der­bar, nach die­sen Tagen vol­ler Ein­drü­cke noch eine Woche lang in einem ech­ten Zuhause nach unse­rem eige­nen Rhyth­mus zu leben, bevor wir unsere letzte Etappe in Indien nach Kal­kutta antre­ten werden.

Cate­go­riesIndien
Leo Sibeth & Sebastian Ohlert

Die beiden Wahl-Augsburger änderten im März 2017 ihr Leben: Jobs und Wohnung haben sie gekündigt, die Möbel verkauft und Persönliches in Kisten verpackt. Mit Bus und Bahn reisten sie 20 Monate lang über Land nach und durch Asien. Mit einem Containerschiff überquerten sie den Pazifik und erkunden nun Mittelamerika. Sie reisen möglichst nachhaltig, langsam und bewusst. Das Flugzeug ist dabei tabu! Wichtig sind ihnen Begegnungen mit Menschen und das Infragestellen ihrer eigenen Bilder und Stereotype.

  1. Felix says:

    Tol­ler Bei­trag! Ich finde es immer wie­der span­nend, was es auf der Welt über­all für tolle Orte gibt. Meis­tens sind es ja doch die Orte, die rich­tige Geheim­tipps sind und wo es nicht nur so vor Tou­ris wim­melt. Gerade Indien hat land­schaft­lich und kul­tu­rell so viel zu bie­ten. Vor drei Jah­ren war ich auch mal in Indien und war ein­fach nur begeis­tert! Ich plane auch noch ein­mal dort hin­zu­fah­ren. Viel­leicht klappt es in zwei Jah­ren wie­der, denn nächs­tes Jahr geht es für uns erst­mal ganz woan­ders hin, näm­lich in ein Hotel in Schenna

    1. Hi Felix,

      freut uns, wenn dir der Bericht gefällt!
      Ja, Indien ist ein rie­si­ges Land und hat wahn­sin­nig viel zu bie­ten. Da fin­det wahr­schein­lich jeder irgendwo einen Fle­cken, an dem es ihm rich­tig gut gefällt.
      Wir drü­cken dir die Dau­men, dass es für dich bald wie­der klappt, ein zwei­tes Mal nach Indien zu reisen!
      Viele Grüße
      Leo & Sebastian

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