Wangerooge im Winter

Wan­ger­oo­ge – im Win­ter? Ich sehe fra­gen­de Augen und eine gerun­zel­te Stirn, hin­ter der sich ein­deu­tig der Gedan­ke „Du bist ja ver­rückt!“ formt. Dabei gibt es gut 1.300 Insel­be­woh­ner, die in der kal­ten Jah­res­zeit brav auf der See­pferd­chen-för­mi­gen Insel im Her­zen des Wat­ten­mee­res aus­har­ren. Und dann gibt es tat­säch­lich auch Men­schen, die betre­ten im Win­ter frei­wil­lig in Harle­si­el die Fäh­re und las­sen sich acht Kilo­me­ter spä­ter auf dem knapp fünf Qua­drat­ki­lo­me­ter gro­ßen Eiland wie­der aus­spu­cken. Um sorg­los über die Stra­ße zu lau­fen, denn Autos gibt es nicht. Um sich von Wind und Regen Gas­si füh­ren zu las­sen. Um zu begrei­fen, dass eine nas­se Jacke ein fai­rer Tausch für einen frei­en Kopf ist. Für „Thalas­so“, die Heil­kraft des Mee­res. Um Insu­la­nern zu lau­schen, die vie­le Geschich­ten auf Lager haben. Geschich­ten von ver­schwun­de­nen Strän­den und Leucht­tür­men, von Krieg und Wie­der­auf­bau, von Hoff­nung, Vögeln und dem Watt. Und nicht zuletzt vom Lebe­we­sen mit dem längs­ten Penis der Welt.

Ech­ter Frie­sen­geist

„Gott schuf die Zeit, von Eile hat er nichts gesagt.“ Auch wenn man das Wan­ger­oo­ger Mot­to bei der Ankunft noch nicht kennt, spürt man es. Von dem Moment, als die Fäh­re andockt und sich die weni­gen Win­ter­be­su­cher in den Wag­gons der Insel­bahn ver­tei­len, die in etwa 15 Minu­ten mit 20 km/​h durch Salz­wie­sen bis zum Haupt­ort zuckelt – mit­ten durchs Meer. Zumin­dest kommt es mir so vor, als ich auf bei­den Sei­ten Wel­len sehe, als wären die Schie­nen auf Was­ser gebaut. Die ers­ten bei­den Tür­me der „Insel der drei Tür­me“ ragen im Wes­ten empor, der West­turm und der Neue Leucht­turm, der drit­te, der Alte Leucht­turm, zeich­net sich zwi­schen Häu­sern am Hori­zont ab.

Etwas, das zu Hau­se all­ge­gen­wär­tig ist, fehlt: das stän­di­ge Hin­ter­grund­ge­räusch von Moto­ren, Brem­sen und Hupen. Die ein­zi­gen Ben­zi­ner, die auf Wan­ger­oo­ge ver­keh­ren, sind Ret­tungs­fahr­zeu­ge, dane­ben fah­ren ein paar Elek­tro­wa­gen, die Gepäck trans­por­tie­ren oder Gäs­te von A nach B brin­gen. Wäh­rend ich durch sanft beleuch­te­te Stra­ßen spa­zie­re, an denen sich Läden und Wohn­häu­ser anein­an­der­rei­hen, kann ich mir bild­lich vor­stel­len, was mir eine Wan­ger­oo­ger Bekann­te, Ramo­na Engel­mei­er, 28, die nach eini­gen Aus­bil­dungs­jah­ren auf dem Fest­land auf die Insel zurück­kehr­te und bei der Kur­ver­wal­tung arbei­tet, erzählt hat: „Das Bes­te war unse­re Kind­heit auf Wan­ger­oo­ge, wir hat­ten so viel Frei­heit, konn­ten auf der Stra­ße spie­len und muss­ten nicht zu bestimm­ter Zeit zu Hau­se sein. Immer­hin kann­ten sich alle unter­ein­an­der.“

Ich den­ke dar­an, wie lan­ge ich als Kind brauch­te, mich mit dem Fahr­rad in den Ver­kehr zu wagen. Scha­de nur, dass es mitt­ler­wei­le kaum noch Kin­der auf Wan­ger­oo­ge gibt: Obwohl eine Grund­schu­le besteht und eine wei­ter­füh­ren­de, die Haupt- und Real­schu­le sowie Gym­na­si­um unter einem Dach ver­eint, besu­chen aktu­ell nur noch rund 80 Kin­der die ers­te bis zehn­te Klas­se. Und wer nicht gera­de Hotel­fach, Ein­zel­han­del, Büro­kauf­frau- oder mann oder weni­ge wei­te­re auf der Insel ange­bo­te­ne Aus­bil­dungs­zwei­ge wählt, ist gezwun­gen, nach der Schu­le aufs Fest­land zu zie­hen. Wo sich die Insu­la­ner dann über etwas freu­en, das für den Groß­stadt­bür­ger nor­mal ist – den Piz­za­ser­vice anzu­ru­fen oder ins Kino zu gehen. In Wan­ger­oo­ges ein­zi­gem Insel­ki­no wird ein Film näm­lich nur ange­schmis­sen, wenn min­des­tens fünf Leu­te im Saal sit­zen. Wer nicht selbst kochen will, geht ins Restau­rant, wo am Nach­bar­tisch der Onkel oder Kol­le­gen sit­zen. Und wo der Kell­ner bei jedem geor­der­ten Frie­sen­geist den Schnaps anzün­det und zur Flam­me einen Trink­spruch auf­sagt: „Wie Irr­licht im Moor, flackert’s empor, lösch aus, trink aus, genie­ße lei­se auf ech­te Frie­sen­wei­se, den Frie­sen zur Ehr vom Frie­sen­geist mehr.“

Der längs­te Penis der Welt

Eigent­lich soll­te bei der früh­mor­gend­li­chen Watt­wan­de­rung die Son­ne auf­ge­hen. Doch das Ein­zi­ge, was an die­sem Tag auf­geht, ist der Him­mel, um neu­en Regen aus­zu­schüt­ten. Was Watt­füh­re­rin Inga Blan­ke, eine Hacke über der Schul­ter und warm in Regen­klei­dung ein­ge­packt, nicht stört. Es geht raus aus den Schu­hen und rein in die Gum­mi­stie­fel, denn immer­hin befin­det sich Wan­ger­oo­ge genau in der Mit­te des Wat­ten­meers, das sich auf 500 Kilo­me­tern von Esbjerg in Däne­mark bis nach Den Hel­der in den Nie­der­lan­den erstreckt. Und das 2019 sei­nen zehn­ten UNESCO-Welt­erbe-Geburts­tag fei­ert, denn die UNESCO-Auf­nah­me erfolg­te im Juni 2009. Schon seit Lan­gem fas­zi­niert es mich, die­ses Meer, das Pflan­zen, Tie­ren und Men­schen sei­nen Gezei­ten-Rhyth­mus auf­zwingt und das in sei­ner jet­zi­gen Form an die 2.000 Jah­re als sein soll.

„Man soll­te grund­sätz­lich nur mit Watt­füh­rer ins Watt gehen“, ermahnt mich Inga, denn immer wie­der gibt es Besu­cher, die dem Was­ser in die Fer­ne fol­gen und nie wie­der­ge­se­hen wer­den. Weil sie glau­ben, sie hät­ten sechs Stun­den Zeit, bis das Was­ser wie­der­kommt. Und das Fest­land ist ja nur schlap­pe acht Kilo­me­ter ent­fernt. Inga, die Müt­ze tief ins Gesicht gezo­gen, hat trotz rot­ge­fro­re­ner Wan­gen ein Dau­er­lä­cheln auf den Lip­pen und gräbt mit eben­so rot­ge­fro­re­nen Hän­den immer wie­der im schlam­mi­gen Mee­res­bo­den, um klei­ne Wun­der an die Ober­flä­che zu zau­bern. Nur der Gabel­tang zeigt sich an die­sem Mor­gen frei­wil­lig, braun-röt­li­che Spros­sen, die sogar ess­bar sind. Bereits bei mei­ner ers­ten Watt­wan­de­rung war ich erstaunt, wie ein schlam­mi­ger, meer­lo­ser Mee­res­bo­den so fas­zi­nie­rend sein kann. Etwas, das auf den ers­ten Blick leb­los wirkt, steckt vol­ler Leben: Da sind die Watt­schne­cken, vier bis sechs Mil­li­me­ter groß, die das wäss­ri­ge Schlick­watt lie­ben. Die Schne­cken haben sogar etwas mit Kühen gemein, denn sie gra­sen am Boden Algen und die dar­auf leben­den Bak­te­ri­en ab und zäh­len damit zu den Wei­de­gän­gern.

Inga stu­diert die vie­len Sand-Spa­ghet­tih­au­fen mit Löchern in unmit­tel­ba­rer Nähe und nickt. „Hier ver­steckt sich ein Watt­wurm. Das Loch ist der Kopf, und hin­ten, am Po, schei­det er den gerei­nig­ten Sand als Häuf­chen aus.“ Bald hält sie einen sich ver­stört krin­geln­den Wurm auf der Hand. „Die­se Wür­mer haben eine beson­de­re Fähig­keit – sie kön­nen ihren Po abwer­fen, wenn zum Bei­spiel eine Möwe ihn in den Schna­bel bekommt.“ Und dann? Ohne Po kein Klo? Von wegen! „Der Po kann gan­ze 33 Mal nach­wach­sen. Und wuss­test du, dass wir Men­schen und die­se Wür­mer eine gro­ße Gemein­sam­keit haben?“ In der Fan­ta­sie durch­wüh­le ich Men­schen, die ich öfter mit Wür­mern ver­glei­che, doch Inga winkt ab. „Watt­wür­mer haben den glei­chen Blut­farb­stoff wie wir, Hämo­glo­bin!“ Das sei Uni­ver­sal­blut für Men­schen und man den­ke dar­an, Watt­wür­mer absicht­lich zu Blut­über­tra­gungs­zwe­cken zu züch­ten.

Inga liest ein Algen­ge­strüpp vom Boden auf. Dar­an hän­gen Mies­mu­scheln – denen zu Ehren im Sep­tem­ber 2018 erst­mals das „Wan­ger­oo­ger Mies­mu­schel­fest“ mit vie­len Ver­kaufs­stän­den star­te­te, das wegen des gro­ßen Erfolgs 2019 erneut statt­fin­den soll – sowie graue Stei­ne. „Das sind kei­ne Stei­ne, das sind See­po­cken, klei­ne Kreb­se!“ Ich kann kei­nen Krebs aus­ma­chen. „Die See­po­cken hef­ten sich an und kön­nen sich dann nicht mehr vom Unter­grund lösen. Sie rei­sen als blin­der Pas­sa­gier auf Muscheln, Krab­ben, Walen oder auch an Boo­ten durch die Welt.“ Als ob das nicht Luxus genug wäre, haben die Vie­cher noch mehr zu bie­ten: „Die See­po­cken haben den längs­ten Penis der Welt im Ver­gleich zur Kör­per­grö­ße!“ Was ich für einen Scherz hal­te, soll tat­säch­lich stim­men. „Um sich fort­zu­pflan­zen, müs­sen die Penis­se eine wei­te Reich­wei­te haben, denn die See­po­cken kön­nen sich ja nicht mehr bewe­gen. Und so fah­ren sie die Geschlechts­tei­le aus, bis sie ein Weib­chen errei­chen.“

Wer wie ich bei Schiet­wet­ter auf Wan­ger­oo­ge ist und eine Stun­de lang Sturm und Regen im Watt trotzt, fin­det alle wei­te­ren Infor­ma­tio­nen dazu im Natio­nal­park­haus – vor dem seit 2016 ein ech­tes Pott­wal­ske­lett, aller­dings ohne Zäh­ne, steht. Im Janu­ar 2016 stran­de­ten 29 männ­li­che Pott­wa­le an der Nord­see­küs­te, zwei davon ver­en­de­ten auf Wan­ger­oo­ge. Das Ske­lett eines der Tie­re, 13 Meter lang, wur­de prä­pa­riert und 2017 vor dem Natio­nal­park­haus auf­ge­baut.

Das Wan­ger­oo­ger Watt, das den Walen zum Ver­häng­nis wur­de, ist dage­gen für die Zug­vö­gel im Herbst ein Schla­raf­fen­land: Das Wat­ten­meer zählt zu den belieb­tes­ten Rast­plät­zen der Zug­vö­gel, denn dort kön­nen Sie sich an Muscheln, Watt­wür­mern und lan­gen Penis­sen satt­fut­tern. „Jeden Herbst fin­den bei uns die Zug­vo­gel­ta­ge statt“, erfah­re ich spä­ter von Ramo­na. „In den Tagen gibt es einen Wett­be­werb, den Avi­a­th­lon, auf wel­cher Insel die meis­ten ver­schie­de­nen Zug­vö­gel gesich­tet wer­den.“ Auch Insel­be­su­cher könn­ten mit­ma­chen und gesich­te­te Vögel mel­den. Eine Sie­ger­ur­kun­de von 2016 ziert die Wand, als auf Wan­ger­oo­ge in einer Okto­ber­wo­che 138 Vogel­ar­ten gesich­tet wur­den. Außer­dem star­tet wäh­rend die­ser beson­de­ren Tage der „Vogel­zug zu den Zug­vö­geln“, wobei die Insel­bahn lang­sam durch die Salz­wie­sen tuckert und man die Vögel in ihrem Lebens­raum durchs Fern­glas beob­ach­ten kann.

Urge­stei­ne Wan­ger­oo­ges

Nicht nur die See­po­cken hef­ten sich an den Unter­grund und bewe­gen sich nie wie­der fort – auch eini­ge der älte­ren Bewoh­ner Wan­ger­oo­ges zei­gen die­se Ten­denz. Eine davon ist Hei­ke Han­ken, 1940 gebo­ren, die ab und zu einen Dorf­bum­mel für Besu­cher anbie­tet und dabei Geschich­ten und Anek­do­ten zum Bes­ten gibt. Auf mei­ne Fra­ge, ob sie auf der Insel gebo­ren wor­den sei, schüt­telt sie belus­tigt den Kopf. „Offi­zi­ell wird nie­mand hier gebo­ren, wir haben näm­lich kein Kran­ken­haus!“ Es gäbe aber Hub­schrau­ber, die wer­den­de Müt­ter schnell ans Fest­land bräch­ten, zum Bei­spiel nach Wil­helms­ha­ven. Ein­mal sei ein Baby aller­dings auf Hel­go­land zur Welt gekom­men, weil der Hub­schrau­ber wegen Nebels nicht auf dem Fest­land lan­den konn­te.

„Das ers­te Dorf Wan­ger­oo­ges stand am West­strand mit dem West­turm, wur­de aber an Neu­jahr zwi­schen 1854 und 1855 von einer Sturm­flut zer­stört.“ Dar­auf­hin sei­en zwei Drit­tel der Bevöl­ke­rung aufs Fest­land gezo­gen und nur 80 Bewoh­ner geblie­ben. Sie hät­ten das heu­ti­ge Wan­ger­oo­ger Dorf gegrün­det, das bes­ser zu schüt­zen war. Hei­ke führt mich in eine Sei­ten­stra­ße rechts vom Haupt­platz, die den Namen „Rob­ben­stra­ße“ trägt und wo 1863 die ers­ten Häu­ser ent­stan­den. „Dies war die ers­te Dorf­stra­ße. Sie trägt die­sen Namen, weil hier ein Rob­ben­jä­ger leb­te, der die Tie­re vor sei­nem Haus zer­leg­te. Des­we­gen stank es bes­tia­lisch nach Tran.“ Aus dem Tran habe man auch Ker­zen gemacht, die gedämpf­tes Licht abga­ben – wor­aus sich der Begriff „tran­fun­zig“ ent­wi­ckel­te.

Vor Hei­kes Eltern­haus blei­ben wir ste­hen, neben dem Café Famoos, das die ein­zi­ge Ampel auf Wan­ger­oo­ge beher­bergt – um mög­li­chen Gäs­ten schon von Wei­tem anzu­zei­gen, ob es geöff­net oder geschlos­sen ist. Immer­hin befin­det es sich auf einem Hügel von bestimmt drei Höhen­me­tern. „Mein Eltern­haus ist das ältes­te Haus im Dorf.“ Über­se­hen kann man es auch nicht – dank den bunt deko­rier­ten Zaun­lat­ten und bun­ten Kugeln im kah­len Baum vor dem Haus. Hei­ke zeigt auf das Haus, wo der Grün­der des Insel­ho­tels Han­ken groß wur­de. Auch sie selbst habe einen Han­ken gehei­ra­tet. „Wenn man auf einer Insel lebt, hat man kei­ne gro­ße Aus­wahl.“ Sie lacht. Am Ende der Stra­ße thront der Alte Leucht­turm, 1856 in Betrieb genom­men, nach­dem der West­küs­ten-Leucht­turm von der Sturm­flut beschä­digt wur­de. Wer genau hin­schaut, erkennt auf der Turm­spit­ze die guss­ei­ser­ne Zahl 1926. „1926 wur­de der Leucht­turm um fünf Meter auf­ge­stockt, denn die Hotels an der Pro­me­na­de waren so hoch gewor­den, dass die Schif­fe den Turm nicht mehr sahen!“ Hei­ke schaut nost­al­gisch zurück zu ihrem Eltern­haus. „1962 hat­ten wir wie­der eine schlim­me Sturm­flut, da ver­salz­ten sogar die Brun­nen im Gar­ten, aus denen wir Trink­was­ser gewan­nen.“ Dar­auf­hin habe Wan­ger­oo­ge als ein­zi­ge Ost­frie­si­sche Insel eine Was­ser­lei­tung unterm Meer bekom­men.

Wir tre­ten in die evan­ge­li­sche St.Nikolai-Kirche, dem Schutz­pa­tron der See­fah­rer und Han­dels­leu­te gewid­met. Dort hängt ein gro­ßes Holz­boot, wie sie oft in Küs­ten­kir­chen zu sehen sind. „Das sind Votiv­schif­fe, sie wur­den von See­leu­ten nach Vor­bil­dern ech­ter Schif­fe gebaut. Sie schenk­ten sie den Kir­chen ihrer Hei­mat­dör­fer zum Dank dafür, dass sie auf See über­lebt hat­ten.“

Etwa drei Vier­tel der Insu­la­ner sei­en evan­ge­lisch, ein Vier­tel katho­lisch. „Wir haben auch eine katho­li­sche Kir­che, die wur­de 1965 fer­tig. Ein sehr moder­ner Bau mit einem nach Nor­den steil abfal­len­den Dach.“ Die Insu­la­ner hät­ten sich gegen den unschö­nen Bau gewehrt. „Wir nann­ten sie die See­len­ab­schuss­ram­pe.“ Aber mitt­ler­wei­le habe man sie akzep­tiert. „Unser altes Dorf hat­te gar kei­ne Kir­che, nur einen Turm, der als Land­mar­ke dien­te. Des­we­gen wur­de im zwei­ten Stock ein Kir­chen­raum ein­ge­rich­tet.“ Rich­tig inter­es­sant sei­en die drit­te und vier­te Eta­ge gewe­sen, wo man Strand­gut sam­mel­te – eine ille­ga­le Ein­nah­me­quel­le für arme Insu­la­ner, da gefun­de­nes Strand­gut in Deutsch­land offi­zi­ell abge­ge­ben und ver­nich­tet wer­den müs­se. „Damals bete­te sogar der Pas­tor für einen geseg­ne­ten Strand, und wenn man sah, dass ein Schiff auf eine Sand­bank auf­lief, freu­te man sich dar­auf, weni­ge Tage spä­ter Strand­gut zu bekom­men.“ Zu Beginn des Ers­ten Welt­kriegs habe man den Turm jedoch gesprengt. Hin­ter der Kir­che eröff­net sich eine klei­ne Grün­flä­che, der alte Dorf­platz. „Hier steht das drit­te Hotel, das auf der Insel gebaut wur­de. Man warb damit, dass die Leu­te hier ruhig schla­fen konn­ten, ohne vom Mee­res­rau­schen gestört zu wer­den.“

Eine ähn­li­che Aus­sa­ge könn­te auch von dem etwa 14 Jah­re älte­ren Hans-Jür­gen Jür­gens stam­men, Jahr­gang 1926, der abge­se­hen von einer Leh­re zum Hotel­fach­mann, Zeit auf See und an der Ost­front den Groß­teil sei­nes Lebens auf der Insel ver­bracht hat. Der alte Mann hat wache Augen, aber die Mund­win­kel zei­gen nach unten. Wirk­lich Lust zu reden hat er nicht, und den­noch tut er es – wäh­rend wir die selbst­ge­ba­cke­nen Plätz­chen sei­ner Frau fut­tern und dazu Ost­frie­sen­tee mit Klunt­je und Wulk­je trin­ken – mit Kan­dis­zu­cker, der beim Ein­gie­ßen des Tees springt und zu dem ein Sah­ne­wölk­chen gehört.

Hans-Jür­gen Jür­gens spricht von sei­nem Vater, der nicht woll­te, dass die Kin­der auf der Insel blei­ben, son­dern, dass sie auf dem Fest­land ein bes­se­res Leben fan­den. Und von sei­nen Büchern. Auf dem Weg ins Wohn­zim­mer streift mein Blick einen Raum, der bis an die Decke dicht ist mit voll­ge­stopf­ten Akten- und Bücher­re­ga­len. Etwa so stel­le ich mir das Haus eines berühm­ten Schrift­stel­lers zu Zei­ten vor, bevor man begann, Recher­chen über Inter­net zu betrei­ben und Tex­te am Com­pu­ter zu tip­pen. Hans-Jür­gen Jür­gens recher­chiert und schreibt sein Leben lang. Dabei her­aus­ge­kom­men sind nicht zuletzt eine Wan­ger­oo­ger Chro­nik und ein Kriegs­ta­ge­buch mit dem Titel „Zeug­nis­se aus unheil­vol­ler Zeit“. „Dafür habe ich zehn Jah­re recher­chiert und zehn Jah­re dar­an geschrie­ben“, erzählt er. Und wie hat er geschrie­ben? „Am Com­pu­ter, den ich als Schreib­ma­schi­ne benut­ze. Sonst habe ich mit Com­pu­tern nichts am Hut, damit ver­lie­re ich nur Zeit.“

Diens­tags und frei­tags bie­tet der 92-jäh­ri­ge Bun­ker­füh­run­gen an. Denn auch wenn er die vie­len Ver­än­de­run­gen, die er auf der Insel mit­er­lebt hat, nicht alle begrüßt, liegt ihm sei­ne Insel doch am Her­zen: „Ich habe ins­ge­samt 60 Maß­nah­men für Wan­ger­oo­ge ergrif­fen.“ In einem Notiz­buch hat er sämt­li­che Zei­tungs­ar­ti­kel dar­über sowie Recher­che­er­geb­nis­se ein­ge­klebt. Eine sei­ner größ­ten Errun­gen­schaf­ten war, dass der Alte Leucht­turm erhal­ten und nicht etwa in einen Nacht­club umge­wan­delt oder abge­ris­sen wur­de. Er war es, der für die Glo­cke der evan­ge­li­schen Kir­che Geld sam­mel­te, Bäu­me pflanz­te, sich für den Erhalt der Klin­ker an Häu­sern ein­setz­te und der für die in den Dünen­schutz­ge­bie­ten auf­ge­stell­ten As ohne Mit­tel­strich sorg­te, um Schutz­ge­bie­te zu mar­kie­ren.

Nach­dem ich mit Hans-Jür­gen Jür­gens gespro­chen habe, sehe ich Wan­ger­oo­ge mit ande­ren Augen. Sehe Details, die nur einem Men­schen, der mit der Insel ver­wach­sen ist, wich­tig sein kön­nen und über die vie­le ande­re hin­weg­se­hen. „Die Leu­te sol­len her­kom­men und kei­nen Stress haben, sie sol­len in aller Ruhe über die Stra­ße gehen und kei­nen Beton sehen“, gibt er mir mit auf den Weg.

Das Meer – Räu­ber und The­ra­peut

Schon oft habe ich auf Inseln davon gehört, dass Stür­me und die See die Strän­de mit der Zeit abtra­gen, habe sogar schon strand­lo­se Inseln besucht. Doch erst­mals ler­ne ich mit Wan­ger­oo­ge eine Insel ken­nen, wo sich die Bewoh­ner jeden Früh­ling den Strand zurück­ho­len. „Bis Febru­ar gibt es Sturm, ab März begin­nen wir dann mit den Sand­auf­fahr­maß­nah­men“, erzählt Ramo­na von der Kur­ver­wal­tung. Die­se dau­er­ten etwa bis Ende April oder Anfang Mai. „Wir trom­meln Teams von zehn Strand­wär­tern zusam­men, die in Schich­ten bei Nied­rig­was­ser arbei­ten.“ Und woher kommt der Sand? Aus dem Osten, wo der Strand weni­ger strö­mungs­ge­fähr­det ist und von wo vom Fest­land impor­tier­te Dum­per den Sand zum Haupt­strand kar­ren. Doch das Meer ist nicht nur ein Strand­räu­ber, son­dern auch ein rich­tig güns­ti­ger The­ra­peut. Mit Thalas­so-Diplom von 2014, denn da wur­de Wan­ger­oo­ge als zer­ti­fi­zier­tes Thalas­so-Nord­see­heil­bad zuge­las­sen. „Thalas­sa“ kommt aus dem Grie­chi­schen, bedeu­tet „Meer“, wäh­rend „Thalas­so“ die Heil­kraft des Mee­res beschreibt. Zunächst dach­te ich dabei an teu­re Mas­sa­gen, Meer­was­ser­bä­der und Augen­pa­ckun­gen aus Algen – was es im Gesund­heits­zen­trum oder im Meer­was­ser-Erleb­nis­bad an der Pro­me­na­de eben­falls gibt, aber man kann „Thalas­so“ auch genie­ßen, ohne einen Cent aus­zu­ge­ben.

Im Grun­de reicht See­luft aus, um Atem­we­ge zu befrei­en. Die stei­fe Bri­se, die Ankömm­lin­gen Müt­zen und Kapu­zen vom Kopf reißt, ist dabei nicht etwa ein win­ter­li­ches Ärger­nis der Insel, son­dern kann hel­fen, das Immun­sys­tem in Schuss zu brin­gen und das Kreis­lauf­sys­tem zu stär­ken. Wer auf eige­ne Faust vom Nord­see-Reiz­kli­ma pro­fi­tie­ren möch­te, fin­det eine Rei­he vor­ge­schla­ge­ner Thalas­so-The­ra­pie­we­ge rund um den Bade- und Bur­gen­strand, bei denen die Reiz­in­ten­si­tät genau ange­ge­ben ist und sich dar­an ori­en­tiert, ob man am offe­nen Meer läuft oder von Dei­chen und Häu­sern geschützt ist. „Wenn zum Bei­spiel jemand aus Bay­ern kommt, soll­te er es ruhig ange­hen las­sen. Er ist die­ses Kli­ma gar nicht gewöhnt und schon nach zwei Stun­den hun­de­mü­de und immer hung­rig“, ler­ne ich. Gute Wege auch für Bay­ern sind die Stra­ße oder der Fuß­weg zum Wes­ten, die par­al­lel zuein­an­der in Rich­tung Wes­ten ver­lau­fen.

Dort ver­bin­den sich Meer und Insel­ge­schich­te: Weni­ge Meter hin­term Dorf erin­nert ein Denk­mal mit gro­ßem Kreuz und Namens­ta­fel an einen Laza­rett­bun­ker, in dem am 25. April 1945 kurz vor Ende des Zwei­ten Welt­kriegs 20 jun­ge Leu­te star­ben. Sie hat­ten sich bei einem Bom­ben­an­griff ver­schanzt, als die Bom­be den Bun­ker traf und alle töte­te. Denn ja, Wan­ger­oo­ge spiel­te auch im Krieg eine Rol­le, waren dort doch eini­ge Geschütz­bat­te­rien auf­ge­stellt zur Ver­tei­di­gung gegen Über­grif­fe von See­sei­te und Kano­nen zur Luft­ver­tei­di­gung. Gegen Ende des Krie­ges galt Wan­ger­oo­ge sogar als Fes­tung und soll­te eine mög­li­che Inva­si­on abweh­ren.

Einen kur­zen Spa­zier­gang wei­ter bie­tet sich eine sehr viel rosi­ge­re – oder an die­sem Tag weni­ger graue – Aus­sicht: Hin­term soge­nann­ten Bie­le­feld-Haus füh­ren Stu­fen hoch zum Aus­sichts­punkt, an dem sich Insu­la­ner und Besu­cher bei schö­nem Wet­ter zum Son­nen­un­ter­gang anein­an­der kuscheln. Bei Sturm und Regen habe ich den Ort für mich. Ste­he über den tosen­den Wel­len, direkt neben dem Dünen­schutz­ge­biet, mar­kiert von einem A ohne Strich in der Mit­te, für das sich Hans-Jür­gen Jür­gens ein­ge­setzt hat. Rechts bli­cke ich über das Dorf Wan­ger­oo­ge, links erhe­ben sich aus dem Wol­ken­grau die zwei Tür­me des Wes­tens, schräg gegen­über liegt der Fähr­an­le­ger ver­las­sen da.

An mei­nem Win­ter­wo­chen­en­de auf Wan­ger­oo­ge sehe ich die Son­ne ein ein­zi­ges Mal. Für etwa drei Minu­ten. Doch ich las­se mich immer wie­der vom Wind an der Lei­ne neh­men, trot­ze dem Regen, der mir waa­ge­recht ent­ge­gen­peitscht. Ste­he mehr­mals am Tag vor den Wel­len, spü­re die Gischt auf dem Gesicht. Und mit ihr eine unglaub­li­che Kraft. Es ist zu nass und zu stür­misch, um Kar­ten aus der Tasche zu zie­hen und vor­ge­ge­be­nen Thalas­so-Wegen zu fol­gen. Doch die brau­che ich auch gar nicht. Kei­ne Kar­ten und kein Geld sind nötig, um sie mit jeder Pore zu spü­ren, die­se Heil­kraft des Mee­res. Mei­ner Mei­nung nach ohne­hin der effek­tivs­te The­ra­peut, den es gibt. Denn egal, ob ich fünf Minu­ten oder fünf Stun­den oder fünf Tage am Meer sit­ze, danach füh­le ich mich immer wie neu gebo­ren. Also kann es schon stim­men, das Wan­ger­oo­ger Insel­mot­to: „Erho­lung ist eine Insel“.

Die­se Rei­se wur­de unter­stützt von Tou­ris­mus Wan­ger­oo­ge.

Emp­feh­lens­wer­te Unter­künf­te:

Vil­la Marie mit wun­der­schö­nen Zim­mern und Apart­ments

Hotel Han­ken

Net­te Restau­rants & Cafés:

Hotel Han­ken: Fisch- und wei­te­re regio­na­le Gerich­te in der Haupt­stra­ße

Unser Boot: sehr lecke­re Fleisch­ge­rich­te am Haupt­platz

Strand­Lust Wan­ger­oo­ge: Fisch- und wei­te­re regio­na­le Gerich­te, auch sehr geeig­net für eine typisch ost­frie­si­sche Tee­zeit mit Mee­res­blick

Dig­gers Strand­bar: Tol­les Cafés zum Chil­len direkt auf der Pro­me­na­de, bei gutem Wet­ter mit schö­ner Ter­ras­se

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