Was mich, die ich sonst gerne indi­vi­du­ell, auch mal mit Zelt und Ruck­sack reise, dazu bewo­gen hat, eine Vor­pre­mie­ren­fahrt – eine Schiffs­reise also, zu buchen? Meine Neu­gierde. Ich will her­aus­fin­den, warum Kreuz­fahr­ten so boo­men, was wohl deren Reiz aus­macht. Meine Vor­ur­teile basie­ren auf den übli­chen Kli­schees: Kreuz­fahr­ten sind – je nach Schiff – steif oder par­ty­las­tig. Bei­des miss­fällt mir. Ich brau­che kein Tam­tam und mag es unge­zwun­gen und leger. Die Kürze der Reise war eben­falls aus­schlag­ge­bend. Vier Tage, ideal zum Schnup­pern. Außer­dem hat mich als glü­hen­der Skan­di­na­vien Fan die Route ange­spro­chen: Kiel-Kopenhagen-Göteborg-Oslo-Hamburg.

Um 18 Uhr läuft die Mein Schiff 4 in Kiel aus. Zum ers­ten Mal in mei­nem Leben ver­lasse ich meine Hei­mat auf dem See­weg. Ich genieße das Spek­ta­kel mit zahl­rei­chen ande­ren Pas­sa­gie­ren auf Deck 12. Im Anschluss gönne ich mir dem Anlass ent­spre­chend ein Glas Cham­pa­gner in der Water­kant-Bar ehe ich im Restau­rant Atlan­tik-Klas­sik diniere. Die Vor­stel­lung, dass wir mor­gen früh bereits in Kopen­ha­gen anle­gen wer­den, macht mich selig. Ich erfahre einen Orts­wech­sel über Nacht, reise ganz ent­spannt von Deutsch­land nach Däne­mark. Ohne läs­ti­ges Kof­fer­pa­cken. Ohne anstren­gende Auto- oder Bahn­fahrt. Mir steht kein stra­pa­ziö­ser Flug auf einem engen Sitz bevor. Statt­des­sen war­tet eine lange, geruh­same Nacht auf mich. Nach dem Auf­ste­hen werde ich in aller Ruhe das Früh­stück in der gemüt­li­chen Back­stube am Anckel­manns­platz auf Deck 12 ein­neh­men. Kopen­ha­gen wird mir aus die­ser Höhe regel­recht zu Füßen lie­gen. Ver­gnüg­li­cher kann man sich einem Ort wohl nicht annähern.

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Über­haupt: Das lang­same Ankom­men in einer Stadt über das Was­ser fas­zi­niert mich vom ers­ten bis zum letz­ten Tag. Alleine des­halb lohnt sich eine Kreuz­fahrt. Ande­rer­seits emp­finde ich auch das Able­gen, was ja streng genom­men ein Abschied ist, als einen fei­er­li­chen Höhe­punkt. Als die Mein Schiff 4 am Abend des drit­ten Tages den Hafen von Oslo in der mil­den Abend­sonne ver­lässt, ziehe ich ernst­haft in Erwä­gung, die Ver­ab­re­dung zum Abend­essen plat­zen zu las­sen. Zu schön sind die Momente, die ich jetzt an Deck erle­ben darf, wäh­rend unser Schiff an zahl­rei­chen klei­nen Schä­ren­in­seln, auf denen bunt gestri­chene Holz­häu­ser ste­hen, vor­bei­schip­pert. Ein klei­nes Glas Wein in der Hand genieße ich die zau­ber­hafte Atmo­sphäre, die ich in einem ama­teur­haf­tem Han­dy­vi­deo ver­su­che für die Ewig­keit zu konservieren.

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Kopen­ha­gen kenne ich bereits ein wenig, wes­halb ich die Stadt auf eigene Faust erkunde und mich einen Tag lang trei­ben lasse. Für Göte­borg aller­dings – ich betrete erst­mals schwe­di­schen Boden – buche ich eine E‑Bike-Tour, die vom Exkur­si­ons­team der Mein Schiff 4 gelei­tet wird. Obwohl es zeit­weise reg­net, macht mir die Fahrt durch die zweit­größte Stadt Schwe­dens rich­tig Spaß. Erst radeln wir auf den Haus­berg von Göte­borg, von wo aus wir einen tol­len Blick auf die City haben. Spä­ter stram­peln wir durch das Stadt­zen­trum und pas­sie­ren zahl­rei­che Sehens­wür­dig­kei­ten, ehe wir durch die ver­win­kel­ten Gas­sen des berühm­ten Haga-Vier­tels fah­ren. Für Oslo, meine abso­lute Lieb­lings­stadt, buche ich eine geführte Wan­de­rung durch Oslos geheime Ecken. Auf dem mehr­stün­di­gen Spa­zier­gang ab Nyda­len ent­lang des Flus­ses Akers­vela staune ich nicht schlecht als wir tosende Was­ser­fälle auf dem Weg ins Stadt­zen­trum pas­sie­ren: So viel Natur mit­ten in der Stadt!

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Der abschlie­ßende Schiffs­tag mit Kurs auf Ham­burg kommt mir, obwohl ich gerne aktiv bin, sehr gele­gen. Ich will einen auf Faul­tier machen, nichts pla­nen, das Schiff mit sei­nen Annehm­lich­kei­ten genie­ßen, viel­leicht im Pool schwim­men, end­lich ein paar Stun­den im SPA rela­xen und und und. Ers­tens kommt es anders und zwei­tens als man denkt.

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Ich lade mir näm­lich die Mein Schiff Web­App inklu­sive mobi­lem Kunst­guide auf mein Smart­phone und tau­sche Sauna gegen Kunst­rund­gang. Dazu muss man wis­sen, dass die Mein Schiff 4 ein schwim­men­des Museum ist. Ganze 6.000 Expo­nate zeit­ge­nös­si­scher Kunst sind, ver­teilt auf Restau­rants, Bars und andere öffent­li­che Plätze, an Bord zu sehen. Ein Teil der Werke sind exklu­sive Auf­trags­ar­bei­ten. Auf mei­nem zwei­stün­di­gen Rund­gang ent­de­cke ich dabei wahre Schätze: Graf­fi­tikünst­ler Mirko Reis­ser etwa hat auf Deck 4, nahe der TUI Bar eine far­ben­frühe drei­di­men­sio­nale Wand­ar­beit gestal­tet. Gran­dios auch die Schwarz­weiß-Fotos der nor­we­gi­schen Foto­gra­fin Mari­anne Lind, wel­che man im Trep­pen­haus B bestau­nen kann. Die sym­pa­thi­schen, dick­bäu­chi­gen Eichen­holz­fi­gu­ren von Jonas Kötz aus Ham­burg sind auf das ganze Schiff ver­teilt. Beim Anblick der pum­me­li­gen Figu­ren mit ihren Knub­bel­na­sen muss ich grinsen.

Sie pas­sen so wun­der­bar auf das Schiff und bil­den – wie ich finde – eine nahe­lie­gende Über­lei­tung zum gro­ßen Thema „Genuss und Kuli­na­rik an Bord“. In vier Tagen ist es natür­lich unmög­lich, die 11 Restau­rants und 13 Bars bzw. Loun­ges an Bord zu tes­ten. Was ich aber sagen kann: Die Viel­falt und Qua­li­tät des Ange­bo­tes beein­dru­cken mich enorm. Außer­dem ver­tei­len sich die Pas­sa­giere auf die unter­schied­li­chen Restau­rants, wes­halb ich – ent­ge­gen mei­ner Befürch­tung – immer ein ruhi­ges Plätz­chen zum Essen finde. Meine größte Sorge, dass ich schon nach vier Tagen aus­sehe wie die dicken Holz­männ­chen von Jonas Kötz, erweist sich Gott­lob als völ­lig unbe­grün­det. Gerade wegen des Über­an­ge­bo­tes fällt es mir erstaun­lich leicht zu ver­zich­ten. Oder bes­ser gesagt: Ich schränke mich ein, genieße ganz bewusst und esse nur noch das, wor­auf ich rich­tig Lust habe. Mit der Frage „Wo esse ich heute was?“ beschäf­tige ich mich daher täg­lich ein­ge­hend. Ein­mal gönne ich mir den Besuch im Surf & Turf-Steak­house, das nicht im Alles Inklu­sive Paket ent­hal­ten ist. Und es lohnt sich. Das Filetsteak vom Wagyu-Rind ist ein Gedicht. Das Däni­sche Rauch­salz, das man mir dazu reicht, gibt dem but­ter­zar­ten Fleisch ein ganz beson­de­res Aroma.

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Anders als auf allen mei­nen bis­he­ri­gen Tou­ren erlebe ich den Höhe­punkt der Reise als sie endet. Für die Hafen­ein­fahrt in Ham­burg stelle ich mir extra den Wecker. Ab 4 Uhr mor­gens stehe ich am höchs­ten Punkt der Mein Schiff 4, dem Aus­guck über Deck 15 und lasse mich von der Sze­ne­rie über­wäl­ti­gen. Wäh­rend sich die frühe Mor­gen­sonne am Him­mel im Was­ser spie­gelt, erkenne ich am Hori­zont die Sil­hou­ette der City. Heim­kom­men war noch nie so zau­ber­haft wie jetzt. Ich bin so rich­tig ange­kom­men, auch auf dem Schiff. Ich werde ein Repeater.

PS.: Hier geht’s zu mei­ner ers­ten Geschichte von die­ser Kreuzfahrt

Die Reise wurde von TUI Crui­ses unterstützt.

Cate­go­riesEuropa
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Johanna Stöckl

Kälte verträgt sie besser als Hitze.
Sie liebt den Winter, mag den Schnee und reist – zum Teil auch beruflich – viel.
Wenn sie sich zwischen einem Wochenende in den Bergen und ein paar Tagen am Strand entscheiden müsste, wäre ihre Wahl klar: Berge!
Johanna lebt und arbeitet in München, wo sie als Journalisten hauptsächlich über Outdoorsport schreibt.

  1. Chris says:

    Natür­lich möchte die Seite hier auch finan­ziert wer­den (ich nehme an auch der Blog­be­trei­ber bekommt hier­für Geld), und ich lese gern ein­fach über die­sen inhalts­lo­sen Bei­trag her­über. Jedoch fühle ich mich nicht gut dabei, beson­ders bei die­sem Thema. Kreuz­fahrt­schiffe sind noch grö­ßere Kli­ma­schän­der (das letzte Wort des Arti­kels, wenn man die Buch­sta­ben ein Wenig ver­dreht ergibt sich da ein fie­ses klei­nes Wort­spiel) als Flug­zeuge und soviel Posi­ti­ves dar­über lässt mir einen kal­ten Schauer über den Rücken fah­ren. Also ich wollte das hier nicht unkom­men­tiert las­sen und mein Unmut musste raus. Wie kommt man nur dar­auf eine Stadt auf ein Boot zu packen und die­ses dann Son­der­müll ver­bren­nend über unsere Meere zu schicken…

    1. Johanna Stöckl says:

      Lie­ber Chris,
      danke für dein auf­merk­sa­mes Lesen der Bei­träge auf die­ser Seite. Danke auch für dein Feed­back, auf das ich als Ver­fas­ser des Arti­kels gerne ant­worte. Nein, ich habe kein Geld für die­sen Blog­bei­trag bekom­men (auch nicht Rei­se­de­pe­schen als ver­öf­fent­li­chen­des Por­tal). Ich war Teil einer Pres­se­reise, das ich rich­tig. Ich habe in einer Ber­li­ner Tages­zei­tung ein Stück über die Deutsch­leh­re­rin an Bord geschrie­ben, des­halb war ich dabei. Die­ser Bei­trag ent­stand aus freien Stücken.
      Deine Beden­ken („Kli­ma­schän­der“) kann ich nach­voll­zie­hen, sehe mich daher ver­pflich­tet, dar­auf ein­zu­ge­hen. Gerade aus die­sem Grund hatte ich an Bord auch eine Ver­ab­re­dung mit dem ers­ten Umwelt­of­fi­zier, Milos Grgic aus Ser­bien. In einer 2‑stündigen Füh­rung habe ich mir einen (rela­tiv beru­hi­gen­den) Über­blick über Müll, Abwas­ser, Ener­gie­ver­sor­gung an Bord etc. ver­schaf­fen kön­nen. Gerade diese Ree­de­rei ver­sucht mit gro­ßer Anstren­gung sich die­sem Thema kon­struk­tiv zu stel­len. Die Com­pany Richt­li­nien Umwelt­schutz betref­fend sind jeden­falls deut­lich stren­ger und nach­hal­ti­ger als die inter­na­tio­na­len Stan­dards der Schifffahrt. 

      Hier ein paar wei­ter­füh­rende Links dazu. 

      https://tuicruises.com/faq/nachhaltigkeit/

      https://tuicruises.com/nachhaltigkeit/umweltmanagement/klimaschutz/

      Lie­ben Gruß,
      Johanna

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