Singapur: Ausnahmestadt im Ausnahmezustand

Mr. Lee und seine Kinder

Der Stadtstaat Singapur feiert in diesem Jahr das 50. Jubiläum seiner Unabhängigkeit. Susanne war im März dort. Sie kam einen Tag, bevor Volksheld Lee Kuan Yew starb, an – und erlebte die Stadt sieben Tage lang in Trauer.

Irgendetwas stimmt nicht. Das spüre ich, noch bevor ich den Frühstücksraum meines Hostels in Singapur betrete. Die Stimme einer Nachrichtensprecherin durchdringt die vollkommene Stille, sie kommt aus dem Flachbildfernseher an der Wand. Vor ihm steht die schätzungsweise 60-jährige Angestellte, die mich gestern so überschwänglich begrüßt hat. „Auntie“ nennt sie jeder hier.

Sie ist kaum wiederzuerkennen, die kleine Frau mit den grauen, fransig geschnittenen Haaren und der rot gerahmten Brille. Sich selbst umklammernd starrt sie in den Fernseher, sie hält den Kopf leicht schräg, auf ihrer Stirn eine tiefe Falte, in der Hand ein zerknülltes Taschentuch. Auntie nickt schwach in meine Richtung, als sie mich bemerkt.

Ich setze mich mit einer Schale Müsli an einen der Tische und begreife, was passiert ist: Mr. Lee ist tot. Mit 91 erlag Singapurs Gründervater und erster Premierminister den Folgen einer Lungenentzündung. Er starb in der Nacht unweit von hier im General Hospital. Hunderte haben seitdem Blumen vor dem Krankenhaus niedergelegt.

Sieben Tage Ausnahmezustand

Über den Bildschirm läuft jetzt ein Schwarz-Weiß-Film mit Klaviermusik unterlegt, er zeigt die Höhepunkte aus dem Leben Lee Kuan Yews: Mr. Lee als Student in Cambridge. Mr. Lee beim Händeschütteln mit dem indonesischen Präsidenten. Mr. Lee beim Winken in die Menge. Mehr als dreißig Jahre lang, von 1959 bis 1990, regierte er den Stadtstaat, weitere zwanzig war er Chefberater im Kabinett. Auntie nimmt die Brille ab und tupft die Augen trocken. Die Regierung hat sieben Tage Staatstrauer angekündigt, sagt die Nachrichtensprecherin.

So erlebe ich Singapur, die Ausnahmestadt, im Ausnahmezustand. Überall ist Lee Kuan Yew. Sein Gesicht und sein Name zieren die Bildschirme jedes Geldautomaten und jeder Fahrplananzeige. Die Menschen tragen Aufkleber an ihrer Kleidung: eine schwarz-weiße Schleife mit seiner Silhouette. Zwei Tage nach seinem Tod formt sich die längste Warteschlange, die ich je gesehen habe, kilometerweit führt sie mehrere Runden durch die Innenstadt bis zum Parlament. Hier liegt der Staatsgründer aufgebahrt. Vier Tage lang ist sein Leichnam der Öffentlichkeit rund um die Uhr zugänglich. Vier Tage lang reißt der Andrang nicht ab. Junge, Alte, Paare, Familien mit Kindern – insgesamt 450.000 Singapurer, heißt es später in der Zeitung – stehen bis tief in die Nacht an, um Mr. Lee die letzte Ehre zu erweisen. Wartezeit: bis zu elf Stunden.

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In einer dieser Nächte, während sich die Schlange im Zeitlupentempo durch die Stadt schiebt, stehe ich auf dem Dach des 1-Altitude, eine der höchsten Sky-Bars der Welt. Vom Ausblick habe ich noch weiche Knie, als ich mit Jason ins Gespräch komme. „Von hier oben kann man Indonesien sehen“, sagt er und deutet über das Lichtermeer hinweg auf einen Punkt in der Ferne. Der Grafikdesigner ist 29, er trägt Baggypants und ein übergroßes Basecap, er hat sein ganzes Leben lang in Singapur gelebt. Natürlich kommen wir auf Mr. Lee zu sprechen. „Ich habe größten Respekt vor ihm. Das alles hier würde es ohne ihn nicht geben“, sagt Jason und breitet die Arme aus.

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Ich habe es ja selbst gesehen – die sauberen Straßen, die unzähligen schicken Hochhäuser, das perfekt ausgebaute Metro-Netz mit den hochmodernen Zügen. Erst gestern bin ich mit offenem Mund durch Marina Bay geschlendert, Singapurs jüngsten Stadtteil mit seinem weltberühmten Luxushotel Marina Bay Sands, mit dem Singapore Flyer – dem größten Riesenrad der Welt – ­­und den Gardens by the Bay mit ihren Supertrees – riesige bepflanzten Metallbäume, die nachts in grellen Farben leuchten. Als würde ich durch die Zukunft spazieren, kam ich mir dabei vor.

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Von rückständig zu zukunftsweisend

Aber jetzt spricht Jason von der Vergangenheit, von Singapur vor Mr. Lee. „Die Stadt war bettelarm und von Malaria geplagt, die Arbeitslosigkeit war enorm“, weiß mein Gegenüber. Lee Kuan Yew, der Singapur 1965 in die Unabhängigkeit führte, habe es in kürzester Zeit zu dem gemacht, was es heute ist: ein blühendes Finanzzentrum mit einem der höchsten Lebensstandards der Welt.

Während Jason im Detail erklärt, was der Politiker erreicht hat, kommt mir Auntie in den Sinn. Ich stelle sie mir als Heranwachsende vor, die hautnah erlebt, wie der Wohlstand Einzug hält, wie Kranke versorgt und Schulen geöffnet werden. Vielleicht ist sie ja damals in eines der modernen Wohnhäuser gezogen, die Mr. Lee für die arme Bevölkerung bauen ließ, mit Strom und fließend Wasser. Vielleicht haben ihr Vater oder ihr Bruder endlich wieder Arbeit gefunden, als die Investoren kamen. Dabei fällt mir ein, dass Auntie heute Nachmittag nicht im Hostel war. Gut möglich, dass sie irgendwo da unten in der Schlange steht.

Kein Widerspruch geduldet

Erst am nächsten Tag wird mir klar: Jason hat nur über Mr. Lees Verdienste gesprochen. Nicht aber über deren Preis. Wie hoch der ist, erfahre ich online in den Nachrufen westlicher Medien. Dem Wirtschaftswachstum habe der Nationalheld jeden anderen Wert untergeordnet, Grund- und Menschenrechte eingeschlossen. Von massiv eingeschränkter Presse- und Versammlungsfreiheit lese ich, von mundtot gemachten Journalisten. Oppositionelle habe er einsperren lassen; das Wahlsystem so gestaltet, dass seine Partei immer die Mehrheit gewann.

„Hätte ich in Singapur die absolute Macht und müsste die repräsentierten Bürger nicht fragen, ob sie das, was gemacht wird, mögen, dann könnte ich ohne Zweifel viel effektiver in ihrem Interesse regieren “, hat er einmal gesagt und seinen Führungsstil immer verteidigt: Nur so habe er den Wohlstand herstellen, nur so die Stabilität in dem kleinen Land mit seinen vielen Religionen sichern können. Was das Beste für seine Kinder ist – der Gründervater meinte es zu wissen.

An meinem letzten Abend in Singapur laufe ich am Fullerton-Hotel vorbei. Überlebensgroß ist Mr. Lees Antlitz in gleißend weißem Licht an die Hauswand projiziert. Es ist dasselbe Foto, das derzeit überall in der Stadt zu finden ist. Ein bisschen altersmilde sieht er darauf aus, zufrieden. Unweit von hier säumen Polizisten die Straßen, in denen Zehntausende seit Stunden geduldig warten. Jedem, der abseits steht, weisen sie freundlich einen Platz in der Schlange zu. Mr. Lee hat seine Kinder gut erzogen.

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  1. In Singapur war ich noch nicht – ich komm immer nur bis nach Thailand. Ein Besuch würde sich nach der Lektüre deines Artikel zu urteilen, aber wohl sehr lohnen – Danke für deinen Reisebericht!

    • Hallo Carl, vielen Dank! Ja, Singapur ist faszinierend futuristisch und daher interessant, finde ich. Kann man sich durchaus mal kurz anschauen – und dann weiterreisen.

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