"Vom Glück zu Reisen" - das Vorwort von Philipp Laage

Warum das Reisen uns begeistert – trotz Massentourismus und Selfie-Wahnsinn

Was zeichnet eine Reise wirklich aus? Welcher Ort macht mich glücklich? Wie finde ich unterwegs zu mir selbst? Was muss ich gesehen haben? Und welchen Einfluss hat Social Media auf meine Erwartungen und Erlebnisse?
Das Vorwort von „Vom Glück zu reisen“.

Das Reisen war noch nie so voller Widersprüche. Wir suchen die letzten authentischen Orte, um sie für alle Welt zu inszenieren. Die Sehnsucht nach Schönheit produziert zunehmend Unschönes, weil zu viele Menschen sie teilen müssen – Lärm, Müll, Kommerz. Wir wollen die größten Individualisten sein, aber prüfen skeptisch, wie all die anderen unser Hotel im Internet bewertet haben. Das Abenteuer lässt sich überall vorbuchen. Alles ist möglich, aber die Zeit reicht nie. Fear of missing out – die Angst, immer etwas zu verpassen. Das Reisen ist so einfach und rasant geworden, aber die Gedanken bleiben langsam.

Man könnte meinen, zum Reisen wäre alles gesagt. Aber das stimmt nicht. Erst recht nicht in diesen Zeiten. Die Ferne rückt näher, die Welt scheint zu schrumpfen, doch sie kommt uns trotzdem immer unübersichtlicher vor. Die großen Fragen stellen sich neu oder anders: Warum hierhin und nicht dorthin? Was zeichnet eine Reise wirklich aus? Welche Sehenswürdigkeiten kann man sich besser sparen? An welchem Ort wartet das Paradies? Wer ist ein echter Abenteurer? Wo ist es noch ursprünglich? Und warum sieht der Strand auf Instagram immer schöner aus als in Wirklichkeit?

Denn eines hat sich nicht verändert: die sagenhafte Energie des Reisens, eine Kraft, die das eigene Leben, wenn man will, einmal durchschüttelt und neu auf die Füße stellt. Nie hörte man von einem, der sagte, er habe seine Zeit mit Reisen vergeudet. Reisen als universelles Bedürfnis des Menschen, als Freiheitsversprechen, romantische Idealwelt, als Abkehr von der Alltäglichkeit des Lebens, als Versuch sich selbst zu finden oder ein anderer zu werden – aber auch als Milliardengeschäft und ultimatives Statussymbol. Wir schultern riesige Erwartungen ans Reisen und brechen auf mit weichen Knien.

Urlaub, Tourismus, Reisen: Wenig ist so stark mit positiven Assoziationen aufgeladen. Wird davon erzählt, war meist alles schön, aufregend und spannend. Was meist fehlt in den Berichten: die Reibung, das Scheitern, Scham und Tragik. Reisen ist toll, jeder mag es und fast jeder macht es. Was gibt es da groß zu berichten, außer dem ewig gleichen Geschwurbel von Schönheit und Exotik? Reiseunternehmen und Influencer zeigen uns Traumbilder, denen wir nachjagen, obwohl wir spüren, dass sie fake sind. Doch Reisen ist viel mehr als diese Wohlfühlwelt aus hohlen Kulissen. Es bedrängt uns mit dem Wesent­lichen, weil wir ganz auf uns selbst zurückgeworfen sind. Was ist anzufangen mit der Zeit, die wir haben, bis wir sterben? Und wie sieht es aus, das gute Leben? Wie könnte es gelingen?

Konventionelle Reiseführer erklären, wohin man fahren soll. Dieses Reisehandbuch will nachspüren, wie man das Unterwegssein grundsätzlich anstellen könnte – und warum. Ein Buch für jeden Ort und viele Gemütslagen: für brennende Euphorie, lethargischen Schwermut, nagende Zweifel, tiefe Verbundenheit. Für rastlose Einsteiger, die noch einiges vorhaben, und für Könner, die schon viel kennen, aber genau wissen, dass sie niemals satt sein werden, niemals fertig mit dieser wundervollen, erstaunlichen, bestürzenden Welt. Es geht nicht darum, Länder abzuhaken. Was zählt, ist die innere Einstellung.

Die Welt ist entdeckt? Mag sein. Aber das ist zweitrangig. Wichtiger ist doch, wie wir die Welt entdecken – und schluss­endlich: die Welt ins uns. Denn das eine ist, was dort draußen vor unseren Augen passiert, und das andere, was dadurch mit uns geschieht. Beides lässt sich nicht voneinander trennen. Denn eine Reise ist immer beides zugleich: Bildung und Herzensbildung.

In diesem Buch steht nicht die eine Wahrheit über das Reisen. Es sind meine Erfahrungen und Einsichten, und jeder möge sich davon mitnehmen, was ihm wertvoll erscheint. Ich schreibe mit der Brille eines wohlhabenden Mitteleuropäers. Es ist die einzige, die ich habe, und ich will aufrichtig sein bei einer so persönlichen Angelegenheit wie dem Reisen. Meiner Perspektive sind blinde Flecken und Unzulänglichkeiten geschuldet, die ich versucht habe, zu reflektieren. Wo mir das nicht gelungen ist, tut es mir leid.

Beginnen wir nun die Reise, von Deutschland nach Paris, Beirut und Dakar, in die Ortler Alpen und in den Großen Kaukasus, zu finnischen Seen und in den Regenwald des Kongobeckens, auf Schienen durch Europa und zu Fuß auf den heiligen Berg Japans.

Es gibt viel zu erzählen.

Vom Glück zu Reisen – Ein Reisehandbuch
Wo liegt das Paradies? Bin ich ein echter Abenteurer? Warum ist der Strand auf Instagram immer schöner?
Hardcover, 304 Seiten

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  1. Kaufe ich gern – aber nur als eBook. Woraus sich die Frage speist: Wird es das als eBook geben und wenn ja: wann, wo, wie (Kindle (Mist, aber besser als nichts), PDF, ePub, ..)? Gedruckt auf Papier mag ich nur noch für die großen Bildbände. Die funktionieren als eBook nicht. Lesestoff ist digital einfach ungleich komfortabler.

    • Ich schließe mich Guido an, nicht nur weil ich es praktischer finde, sondern auch weil unser Platz begrenzt ist.

    • Hi Guido, ich muss dich enttäuschen – wir haben uns generell gegen eBooks entschieden, da wir zuviel mit Bildern, Illustrationen und Karten arbeiten. Das ist einfach digital nicht schön umgesetzt bisher, und wir sind überzeugt, dass ein schönes, hochwertiges gedrucktes Buch einfach toll ist :)
      Vielleicht gibst du diesem Buch trotzdem eine Chance? Wir sind gespannt auf deine Meinung dazu!

    • Hallo Johannes,
      bei EPub u.ä. Formaten kann ich den Einwand verstehen. Da werden Layout, Hintergründe, Seitenumbrüche etc. je nach App und deren Einstellungen ggf. arg zerschossen. Wenn man viel Arbeit in Layout, Illustrationen usw. gesteckt hat, sieht das in so einer Reader-App häufig zum Heulen aus. Aber dann veröffentlicht doch als PDF? Das da das Layout 1:1 erhalten bleibt, brauche ich Dir als Grafiker ja nicht zu erklären. Ihr müsstet nicht mal neu layouten, sondern die PDF-Druckvorlage quasi nur mal ohne Anschnitt generieren. Bei einem Buchformat von nur 18x12cm bleibt der Text auf heutigen Smartphones mit ihren hochauflösenden >5.5-Zoll-Displays auch gut lesbar und auf einem Tablet passt es perfekt.

      Die sind in Sachen Layout keine Offenbarung, aber Lonely Planet, Reise Knowhow und andere Reiseverlage veröffentlichen auch als PDF. Lässt sich am Smartphone problemlos nutzen.

  2. Kluge Worte vom wohlhabenden Mitteleuropäer. Bin gespannt, was er zu erzählen hat.

  3. ,,Das Reisen ist so einfach und rasant geworden, aber die Gedanken bleiben langsam.“
    Ein grandioser, kleiner Satz, mit dem doch alles gesagt ist!
    Hört sich nach einem wundervollen Buch an!

  4. Ui, wie ich mich auf’s Lesen freue :-)

  5. Marlene Unterhofer

    Ich mag Laages Beiträge auf dieser Seite prinzipiell sehr gerne. Hat keine Angst, auch mal Unschönes anzusprechen. Das hier vorliegende Vorwort ist mir dann aber doch zu aufgesetzt metaphysisch. Sorry, aber es erinnert an diese schrecklichen Einführungsmonologe von Markus Lanz, der bei Adam und Eva beginnt, die Quadratur des Kreises verspricht, Fragen über Fragen über Fragen aufwirft und am Ende wenig bis gar nichts Brauchbares liefert. Keep it real, Phillip. Mark Twain war deshalb so gut, weil er eben kein Platon sein wollte.

    • Markus Lanz und Mark Twain innerhalb von drei Sätzen, ei. Mein Vorschlag: Vielleicht lesen Sie ja das Buch und finden dort etwas „Brauchbares“? Schöne Grüße!

  6. Michael Werner

    Hallo allerseits,
    ich habe das Buch letzte Woche fast am Stück gelesen, was eigentlich nicht meine Art ist, da ich keine „Leseratte“ bin. Das alleine zeigt, wie fesselnd und nachdenklich zugleich das Werk für mich ist. Die ausgewogene Kombination aus Branchen-/Selbstkritik, praktischen Tipps, persönlichen Reiseberichten und realistischer Einordnung des Reisen in das heutige Internet-Zeitalter machen es für mich zu einem sehr nützlichen Nachschlagewerk im Rahmen meiner Beratung. Vielen Dank für ein sehr inspirierendes Buch, das durch die sehr kluge Kapitel-Aufteilung nicht von vorne bis hinten am Stück gelesen werden muss. Man kann springen, was mir als „Wühlmaus“ eher entgegenkommt. :-)

  7. Es freut mich, dass Ihnen das Buch so gefällt!

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