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Ein kanarisches Vulkanfleckchen

Natür­lich sind auch wie immer andere mensch­li­che Gelüste und Genüsse nicht zu kurz gekom­men wie z.B. leckere Tapas und fri­schen Fisch fut­tern, spa­ni­schen Rot­wein schlür­fen, die Wärme auf­sau­gen, zur Ruhe kom­men, Sterne und pech­schwar­zen Nacht­him­mel auf dem Teide gucken, quat­schen und abar­tige Berg­stra­ßen mit x‑Haarnadelkurven fah­ren. Jeden Tag strah­lende Sonne bei rund 21 Grad und blauer Him­mel – mal mit mehr, mal mit weni­ger Wol­ken. Tene­riffa ist immer eine Urlaubs­reise wert. Aber davon berich­ten wir dies­mal nicht. Wir möch­ten uns heute auf vier Schwer­punkte unse­res Inter­es­ses stür­zen und Euch hier­über ein wenig erzäh­len und zeigen.

SECRET PLACES & VERGANGENE ZEITEN

Wer die Auto­bahn vom Flug­ha­fen Tene­riffa-Süd gen Nor­den ent­lang fährt, kommt an ihr nicht vor­bei: Der Geis­ter­stadt von Aba­des. Man sieht von Wei­tem bereits einige der 40 leer­ste­hen­den Gebäude. Sie stam­men aus einer Zeit, als in Europa der 2. Welt­krieg wütete. Wäh­rend die Kana­ren vom Krieg weit­ge­hend ver­schont blie­ben, wei­tete sich hier eine Lepra-Epi­de­mie aus. 1943 sollte hier ein Kran­ken­dorf ent­ste­hen, auch “Sana­to­rio de Abona” genannt, um alle Lepra-Kran­ken hier zusam­men­zu­füh­ren. Denn es lag ein Fluch auf der Insel: Ins­ge­samt 197 Lepra-Tote und Tau­sende Erkrankte hatte Tene­riffa zu ver­zeich­nen. Und nur dort. Die Lösung sollte ein Sana­to­rium und ein Kre­ma­to­rium sein. Ein Dorf, das ganz der Lepra-Kran­ken gewid­met sein sollte. Doch kaum wur­den Mil­lio­nen von Pese­ten inves­tiert, ließ die Krank­heit nach und das Bau­vor­ha­ben wurde zurück­ge­zo­gen. Aba­des wurde sich selbst über­las­sen, eine Geis­ter­stadt ent­stand. Alles verfiel. 

Höhe­punkt einer Besich­ti­gungs­tour dort ist die nie fer­tig­ge­stellte Kir­che im Franco-typi­schen Stil. Ein fal­scher Schritt und zig Tau­ben flie­gen aus der Kir­che, als ob sie sich nicht ent­schei­den kön­nen, ob sie vor der unwirk­li­chen Sze­ne­rie flie­hen oder vor dem Ein­dring­ling, der die bedäch­tige Ruhe stört. Keine mah­nen­den Worte oder Absper­run­gen, die Men­schen davor abhal­ten könn­ten, die­sen unheim­li­chen Ort zu betre­ten. Er soll heute auch Anzie­hungs­punkt für okkulte Rituale und para­nor­male Akti­vi­tä­ten sein – jeden­falls wenn man einer Web­seite aus Tene­riffa Glau­ben schen­ken mag. So wur­den angeb­lich tote Hüh­ner gefun­den, mit Kreide gemalte Sym­bole auf den Fuß­bö­den und vie­les mehr. Es wurde auch über­mit­telt, dass manch­mal sehr selt­same Geräu­sche in der Kir­che und ihrer Umge­bung zu hören sind. Oder ist es doch nur die Fan­ta­sie, die mit einem durchgeht?

Was uns aber mit am meis­ten beein­druckt und in den foto­gra­fi­schen Bann an die­sem Secret Place gezo­gen hat, waren die klei­nen und gro­ßen Licht­ein­fälle und ‑spiele (so haben wir sie genannt) durch zer­bors­tene Fens­ter und Türen der alten, ver­fal­len­den Gebäude hin­durch. Wun­der­bare kleine und große (Triumph)bögen, recht­eckige Öff­nun­gen und Tore, Durch­gänge, runde Fens­ter. Und drau­ßen die glei­ßend helle Sonne, die an die­sem Tag genau aus der rich­ti­gen Rich­tung kam. So ent­stan­den dann Rau­ten, Kreise, Ovale und Recht­ecke auf stau­bi­gen Fuß­bö­den und Wän­den. Hell und leuch­tend. Als hätte man wei­ßes Papier in Groß­for­mat dort hin­ge­legt oder ange­hef­tet. Manch­mal sieht es sogar aus, als hätte das Foto einen Fleck oder Feh­ler. Aber das ist echt nicht so. Es war ein­fach ein Ver­gnü­gen, dort zu sein. Nicht immer ganz so ein­fach, sie ein­zu­fan­gen, ohne kleine Ecken und Run­dun­gen im spä­te­ren Foto dann abge­schnit­ten zu haben. Aber macht Euch doch bitte ein­fach mal selbst ein Bild davon! Der Tag in die­ser Geis­ter­stadt war wie vom ande­ren Stern. Zu kei­nem Zeit­punkt hät­ten wir gedacht, dass wir auf einer bekann­ten Urlaubs­in­sel weilen .…

VERRÜCKTE ARCHITEKTUR

Andrea ist keine aus­ge­wach­sene Archi­tek­tur­fo­to­gra­fin. Linien, For­men, Geo­me­trie, Ord­nung von, in oder auf Gebäu­den, Tür­men oder Hal­len stan­den bis­lang nicht so sehr im Mit­tel­punkt ihrer foto­gra­fi­schen Liebe und ist auch nicht so ihr Ding. Aber in Tene­riffa war es die­ses Mal ein wenig anders als sonst. Erst wollte sie nicht so recht. Näm­lich in die Haupt­stadt der Insel mit Namen Santa Cruz im Nor­den mit dem Auto hin­ein­fah­ren. Aber dann ließ sie sich doch über­zeu­gen. Und ent­täuscht wurde sie nicht. 

Denn Ziel war das „Audi­to­rio de Tene­rife“ am Mee­res­rand direkt neben dem Hafen gele­gen. Es ist eine Kon­gress- und Kon­zert­halle, sie wurde vom spa­ni­schen Archi­tek­ten Sant­iago Calat­rava ent­wor­fen und im Jahr 2003 fer­tig­ge­stellt. Der 60 Meter breite Sockel schwingt sich sichel­för­mig bis 57 Meter hoch und endet nach etwa 100 Metern in einer Spitze über dem hau­ben- oder muschel­för­mi­gen Dach des Gebäu­des. Diese Beton­si­chel hat keine eigent­li­che Funk­tion und wird nur zur Beleuch­tung des Kon­zert­ge­bäu­des von oben genutzt. Die Außen­haut des Gebäu­des ist mit Tren­ca­dís ver­klei­det. Die Mil­lio­nen Bruch­stü­cke wei­ßer Kacheln ver­lei­hen dem Gebäude seine strah­lende Wir­kung. Die Gesamt­wir­kung und die expo­nierte Lage am Hafen erin­nern an das Opern­haus in Syd­ney. Oft wird die Archi­tek­tur des Gebäu­des auch mit einer Welle oder einem Segel­boot in Ver­bin­dung gebracht. Ein Freund hat sogar fol­gende Idee dazu: „Ganz klar, das Haus ist nicht von die­sem Stern. Von vorne sind die Trieb­werke links und rechts doch gut zu sehen!“. Was meint Ihr? Auf jeden Fall fin­det man beim genauen Hin­schauen immer wie­der neue Details und Ein­stell­mög­lich­kei­ten. Und das fast in Schnee­weiß auf blauem (Himmel-)Hintergrund. Echt ein Traum! Das muss man ein­fach gese­hen haben. Also nix wie hin.

Die­ser Archi­tek­tur jedoch noch nicht genug. Wir hat­ten ja noch unsere Leucht­turm­tour vor uns. Ihr denkt jetzt bestimmt, ja ja, die Din­ger ken­nen wir doch. Aber wir müs­sen Euch ent­täu­schen. Nicht alle die­ser Licht­türme sehen gleich aus auf der Welt. So bestimmt nicht der Leucht­turm bei Punta del Hidalgo im Nor­den der Insel. Nichts erin­nert an seine ori­gi­näre Funk­tion, wenn man unmit­tel­bar vor ihm steht und nach oben blickt. Super futu­ris­ti­scher Stil. Sagt selbst?! Und ange­tan hatte es uns auch die­ser süße Leucht­turm: Er gehört unse­rer Mei­nung nach zu den schöns­ten und unge­wöhn­lichs­ten Leucht­tür­men die­ser kana­ri­schen Insel. Wir fin­den ihn end­lich nach einer Art Irr­fahrt durch enge, kleine Gas­sen zwi­schen rie­si­gen Bana­nen­plan­ta­gen hin­durch auf der West­seite des Eilan­des. Direkt am Rande des Ört­chens namens Buen­avista. Der Leucht­turm sieht aus wie eine weiße Rake­ten­start­rampe mit einer über­di­men­sio­ert gro­ßen roten Spi­rale neben dran. Lei­der konn­ten wir die Wen­del­treppe nicht bestei­gen und von oben in die Weite blicken .…

KEINE BANANEN MEHR

Man könnte die­sen Abschnitt des Blogs viel­leicht auch „Die Bana­nen-Plan­ta­gen­geis­ter“ nen­nen. Wir fah­ren von unse­rer Finca nahe Santa Ursula aus in Rich­tung Süd­wes­ten der Insel. Durch das male­ri­sche Gara­chico und Los Silos hin­durch bis nach Buen­avista, wo es einen traum­haf­ten Golf­platz und ein lecke­res Fisch­re­stau­rant direkt am Mee­res­rand namens „El Burg­ado“ gibt. Von dort gibts nur eine ein­zige Zufahrt zum Punta de Teno, dem rot-weiß­ge­streif­ten Leucht­turm auf einem schwar­zen, scharf­kan­ti­gen Lava­fel­sen am Teno-Gebirge. Diese sehr schmale Straße ist für Pri­vat­au­tos nur noch von Mon­tag bis Mitt­woch geöff­net. An sehr stei­len Klip­pen­wän­den ent­lang win­det sich der Weg ent­lang in die Höhe bis man wie­der unten ange­langt in eine Art Ebene kommt, die den Süd­west­zip­fel der kana­ri­schen Insel bil­det. Auf dem Weg zum Leucht­turm müs­sen wir dann jedoch abrupt anhalten.

Zur lin­ken Hand flat­tern zer­ris­sene fein­ma­schige Netze an metal­le­nen Längs- und Quer­stan­gen. In der Sonne schim­mern sie sand­far­ben, manch­mal auch leuch­tend mee­res­grün. Es herrscht Stille. Nie­mand ist zu sehen. Wir fah­ren einen staub­tro­cke­nen Weg hoch, um aus­zu­stei­gen. Es ist ein wenig gespens­tisch. Was war das hier? Wir mei­nen For­men und Figu­ren zu erken­nen, die die fein­ma­schi­gen Netz­fet­zen bil­den. Sie bewe­gen sich leicht im Wind. Durch sie hin­durch fal­len Son­nen­strah­len. Da sind sie die Geis­ter der ehe­ma­li­gen Bana­nen­plan­tage. Andrea foto­gra­fiert drauf los, was das Zeug hält. Jede Menge Fan­ta­sien kom­men einem in den Kopf. Wie in einem End­zeit-Kino­film.…. Es fehlt nur noch Tina Tur­ner, dann ist „Mad Max Tene­riffa“ perfekt! 

Und jetzt muss auch noch unsere Drohne ran. Andrea lässt sie mit geüb­ter Hand nach oben in den son­nen­durch­flu­te­ten, fast dun­kel­blauen Him­mel auf­stei­gen und macht dann Fotos von dem gan­zen Drama. Hier lebt nichts mehr. Keine Staude, keine Banane. Wir fin­den zum Abschluss noch eine Menge ver­ros­te­ter Bewäs­se­rungs­rohre und Maschi­nen. Die Stim­mung ist ein wenig gedrückt als wir in Rich­tung Leucht­turm wie­der losfahren.

WOLKEN & WELLEN

Auf die­ser Tour erle­ben wir zum ers­ten Mal zwei Arten von sen­sa­tio­nel­len Wellen: 

Die ers­ten auf 2.300 m Höhe. Das ist ein Anblick, den du so schnell nicht wie­der ver­gisst. Gegen spä­ten Mit­tag errei­chen wir vom Süden kom­mend die „Las Cana­das“. Das ist das Gebiet des ehe­ma­li­gen rie­si­gen Kra­ters des 3.718 m hohen Vul­kans Teide. Voll­ge­füllt mit rost­ro­ter, schwar­zer und brau­ner erkal­te­ter Lava. Eine unwirt­li­che Gegend. Unnah­bar, nicht für Men­schen gedacht. Mit meh­re­ren 100 m hohen Berg­wän­den sieht das „Pla­teau“ aus wie in einem über­gro­ßen Koch­topf. Wärme, Sonne, wenig Wind. Wir lau­fen in ein eini­ger­ma­ßen begeh­ba­res fla­ches Gelände hin­ein und haben gerade noch unser Sta­tiv plus Kamera auf­ge­stellt. Da geht es schon los. Über die Kra­ter­wände krie­chen von außen schnee­weiße Wol­ken­berge über deren Rand nach innen in die Cal­dera hin­ein. Lang­sam und bedäch­tig. Das ist unglaub­lich! Als würde sie Jemand dort hin­ein­schie­ben. Sie wabern, wer­den klei­ner und wie­der grö­ßer. Als wären es rie­sige Wol­ken-Oze­an­wel­len. Der Wahnsinn!

Die zwei­ten Blick bie­tet unsere treue Mavic Pro 2‑Drohne. Wir befin­den uns auf der Nord­west­seite der Insel direkt an den Vul­kan- und Fels­klip­pen mit wei­tem Blick auf den Atlan­tik. Der Kop­ter macht dank Andrea´s pro­fes­sio­nel­ler Droh­nen­ein­stel­lun­gen wun­der­schöne Fotos von schnee­wei­ßer Wel­len­gischt auf dun­kel­blau-grü­nem Oze­an­was­ser. Gesto­chen scharf. Es spritzt und zischt unab­läs­sig. Und zu guter Letzt dann noch mit super kur­zer Belich­tungs­zeit ange­fer­tigte Bil­der mit dem Tele­ob­jek­tiv. Die Wel­len schim­mern manch­mal voll tür­kis­far­ben. Fast wie in Hawaii. Wir den­ken uns spä­ter, wie traum­haft schön diese Oze­an­stim­mung und deren Wir­kung auf uns war, beruhigend. 

Wahr­schein­lich nicht das letzte Mal!

 
 

Cate­go­riesKana­ri­sche Inseln
Andrea Dublaski

Ich bin leidenschaftliche Fotografin und bin in meinem Leben viel durch die Welt gereist, immer auf der Suche nach Abenteuern und Wegen, um von Kulturen und Menschen zu lernen. Und reise immer noch. Zusammen mit meinem Mann sind wir Spicy Artworks, meine langersehnte, eigene Mischung aus Fotografie, Freiheit und Kunst.

  1. Oliver M. says:

    Ein tol­ler Bericht über eine sehr schöne Insel. Ich habe bis­her Gran Cana­ria, Fuer­te­ven­tura und Tene­riffa besucht – aber Tene­riffa ist bis­lang meine abso­lute Lieb­lings­in­sel. Ich freue mich schon, im Herbst wie­der dort sein zu dürfen.

  2. Marcel says:

    wun­der­schön geschrie­be­ner Bei­trag. Danke. Mach wei­ter so und wei­ter­hin auch viel Glück und Erfolg mit dei­nem Blog :)
    Wün­sche dir noch viele tolle Momente und Rei­sen… Gruß aus Ber­lin, Marcel

    1. Hi Mar­cel, danke für Deine lie­ben Worte, die echt gut tun. Ich bzw. wir wer­den auch wei­ter­hin unser Bes­tes geben. Wir freuen uns natür­lich auch, wenn Du unse­ren „Spi­cys News­let­ter“ abon­nierst (ver­spro­chen ganz ohne Wer­bung!). Ein­fach unsere Web­seite besu­chen und ganz unten sich ein­tra­gen. Dort berich­ten wir immer von unse­ren neu­es­ten Akti­vi­tä­ten und Pro­jek­ten – so 5 bis 6 mal im Jahr. Wäre prima, danke. LG vom Boden­see Andrea & Matthias

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