Durch den per­ma­nen­ten Strom­aus­fall lau­fen die Kühl­schränke nicht rich­tig. Das Bier ist dem­entspre­chend lau­warm. Eric schaut uns an und erklärt uns seine Welt: „Love me. Hate me. Help you. Lea­ving you alone. This is Kibera. This is life.“ Wir lau­schen sei­nen Wor­ten und stel­len ziem­lich schnell fest, dass wir mit unse­ren Fra­gen nach Zie­len und Per­spek­ti­ven nicht weit kom­men. In unse­rer Welt geht es um Erfolg. Um die Zukunft. Um Leis­tung. Um Geld. Um die gro­ßen The­men. Das meiste pas­siert in der Zukunft. Wir arbei­ten, um im hohen Alter unser Leben zu genie­ßen. Es geht immer um den nächs­ten Moment. Eric, der von mir ernannte „King of Kibera“, lächelt uns immer wie­der an. Manch­mal schüt­telt er mit dem Kopf. Die­ser schlak­sige Typ in sei­nem kaput­ten Man­ches­ter United Tri­kot. Da grinst er. Holt wie­der zu einer sei­ner klei­nen Lebens­ge­schich­ten im All­tag aus. Und wir? Anstatt zuzu­hö­ren machen wir immer wie­der das Glei­che. Ver­glei­chen unsere Situa­tion mit sei­ner und fin­den unsere Umstände bes­ser. Füh­len uns ver­pflich­tet. Das Gegen­teil ist der Fall. Das macht mich sehr nach­denk­lich. Auch jetzt noch. Das Ein­fa­che in sei­nen All­tag inte­grie­ren. Ein Unding. Auch vier Wochen spä­ter nach unse­rer Rückreise.




Gehen wir mal gedank­lich ein paar Stun­den zurück. Unsere Taxi­fah­re­rin lässt uns am Kibera raus. Der größte Slum in Ost­afrika. Wir ver­ein­ba­ren, dass wir sie in 1,5 Stun­den anru­fen damit sie uns abho­len kann. Das ist bestimmt ein Ort, von dem wir schnell wie­der weg­wol­len. Wir sind schon im Auf­nah­me­mo­dus. Men­schen ohne Ende. Rote Erde. Staub. Gestank und die Hitze. Wir stop­pen mit dem Taxi. Mit­ten im Gewühle kommt plötz­lich die­ser Typ mit sei­nem schnee­wei­ßen Grin­sen durch die Mas­sen durch­ge­lau­fen. Zwei Sätze auf Sua­heli und dann wird abge­klatscht. Ich kann mir einen Kom­men­tar zu Man­ches­ter United nicht ver­knei­fen. Das Eis ist gebro­chen. Aber eigent­lich gibt es keine Gren­zen. Unsere Lek­tion beginnt hier. Zuerst begeg­nen wir Brian. Foto­graf. Er hat Obama schon vor der Linse gehabt. Brei­tes Grin­sen. Foto gemacht. Wir ste­hen übri­gens auf der für den Stra­ßen­neu­bau pla­nier­ten Flä­che. Hier haben sie meh­rere tau­send Leute umge­sie­delt. Umsie­deln im Sinne von: Aus den Augen, aus dem Sinn. Eric winkt uns wei­ter. Wir über­que­ren die Bahn­gleise, die mit­ten durch den Slum füh­ren. Also wirk­lich mit­ten durch. Hier ein toter Hund. Da ein Müll­berg. Es riecht nach Scheiße und die Hitze brennt uns rote Farbe auf die Haut. Für uns wird 1,70€ Schutz­geld bezahlt. Alles mit einem Lächeln. Die Fra­gen plat­zen nur so aus mir raus. Ich will wis­sen, wie das was ich mir nicht vor­stel­len kann, funk­tio­niert. Hier ste­hen Mos­lems, Juden und Chris­ten neben­ein­an­der an, um in die Kir­che zu gehen. Ras­sis­mus? Eric lacht: „Schaut euch hier mal um. Wir leben hier von 20 Litern Was­ser am Tag. Pro Fami­lie. Meinst du, wir kön­nen uns mit sol­chen Kin­der­gar­ten­pro­ble­men wie Ras­sis­mus rumär­gern? Das ist was für eure Welt!“ Mit jedem Schritt ler­nen wir die­sen Ort mehr ver­ste­hen. An man­chen Stel­len schauen wir uns kurz an und stau­nen. Manch­mal ungläu­big. Manch­mal über­rascht. Wir ste­hen auf einer Brü­cke. Eigent­lich ein schö­ner Anblick. Unter uns der „Fluss“. Eine ekel­hafte braune Suppe. Hier läuft wirk­lich alles rein. Vom öffent­li­chen Klo fliegt dein Kram direkt in den Fluss. Direkt. Die Schweine, die in die­ser Brühe ste­hen, fres­sen die Fäka­lien raus und hän­gen wahr­schein­lich spä­ter beim Metz­ger. Es sind mitt­ler­weile drei Stun­den ver­gan­gen. Wir wer­den ruhi­ger. Die Fra­gen wer­den weni­ger. Wir tau­schen uns eigent­lich nur noch aus. Ich spüre wie mein Wasch­gang im Kopf lang­sam rea­li­siert, dass unsere Welt eine Schein­welt ist. Des einen Freud, ist des ande­ren Leid. Ein Ort, wie die­ser könnte sol­che Weis­hei­ten nicht bes­ser aus­drü­cken. Wir brau­chen Lenk­rad­hei­zun­gen, sozia­li­sie­ren uns bei Insta­gram und fah­ren mit dem SUV zur Kita um die Ecke. So lang wir so leben, wer­den die Men­schen hier so leben. Das hängt lei­der alles mit­ein­an­der zusam­men. Auch wenn dazwi­schen 9.000km lie­gen. Wir sind nur gut im Ver­drän­gen. Weil unsere Pro­bleme nicht exis­ten­zi­ell sind. 20 Liter Was­ser? Schafft jeder von uns! Locker. Am bes­ten sind wir darin uns zu recht­fer­ti­gen. „Ja ich trenne doch mei­nen Müll. Ja, ich achte schon dar­auf immer mal irgend­was weni­ger zu machen. Ich ver­su­che weni­ger Auto zu fah­ren. Außer wenn es kalt ist.“ Wir eini­gen uns dar­auf, dass wir noch ein Bier trin­ken wol­len. Mein Kopf ist platt gewalzt. Meine Gedan­ken sind wirr und ich bin mir nicht sicher wel­che Welt gerade real ist. Baba­yao, Erics Spitz­name auf dem Platz, der Spiel­ma­cher, sagt uns: „Es geht im Leben um den Moment. Jeden Tag legen wir unsere Prü­fun­gen ab. Jeden Tag. Jede Stunde. Jede Minute. Es geht nur darum. Schritt für Schritt. Ich lass es ein­fach irgend­wann meine mick­ri­gen Lebens­weis­hei­ten hier vom Sta­pel zu las­sen. Das, was wir in den letz­ten 5h! erlebt haben. Kann man a) nicht beschrei­ben, über­steigt b) jeg­li­che Vor­stel­lungs­kraft und ist gleich­zei­tig c) das Ein­drück­lichste was ich bis­her erlebt habe.




Wir eini­gen uns dar­auf, dass wir uns noch­mal sehen wer­den. Mor­gen beim Fuss­ball. Es spielt der FC Gor Mahia. Erics Local-Team. Wir als große Fuß­ball­fans fra­gen uns: Was soll jetzt noch kom­men? Eben. Das wis­sen wir noch nicht. Der mor­gige Tag wird uns das schon wis­sen las­sen. Der Witz ist: Der gemein­same Fuss­ball­be­such wird die­ses letzte Wochen­ende hier in Kenya spek­ta­ku­lär abrunden.

Zum Schluss wer­den wir hier von der Kell­ne­rin im Kibera noch beschis­sen. Aber sie macht das nicht mit böser Absicht. Es ist eine Gele­gen­heit für sie. Wir legen das Geld auf den Tisch und gehen. Im Auto erzählt uns unsere Taxi­fah­re­rin, dass sie um 50 € von der kor­rup­ten Poli­zei erleich­tert wurde. Die Rei­fen sind hin­über. TÜV gibt es nicht. Ich schaue aus dem Fens­ter und lass mei­nen rat­lo­sen Blick in Nai­robi zurück. Sie sagt aber, dass es wei­ter­ge­hen muss, sie sich freut uns zu sehen und gibt uns Tipps für die wei­tere Abendplanung.

In zwei Tagen fin­det hier in Nai­robi ein Ter­ror­an­schlag statt.

Cate­go­riesKenia
  1. Pingback:Links am Sonntag, 10.03.2019 – Eigenerweg

  2. Sabina says:

    Ich fühlte mich sofort in die Geschichte hin­ein­ge­zo­gen. Ich fuhr mit der Münch­ner U‑Bahn, und doch war ich mit­ten­drin in Ost­afrika. Bitte mehr sol­che Geschich­ten – wunderbar.

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