Meine wichtigste Erkenntnis über das Reisen

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Meine wichtigste Erkenntnis über das Reisen

Reisen macht nicht glück­lich. Das ist die wichtigste Erkenntnis über das Reisen, die ich im vergan­genen Lebensjahr gewonnen habe. Es klingt ziemlich negativ, das so zu sagen. Dabei ist es gar nicht so gemeint.

Ich bin vergan­genes Jahr viel gereist: in den Libanon, nach Südamerika, nach Japan und Südkorea, nach Finnland oder Sierra Leone. Ich hatte die Möglichkeiten dazu. Je öfter man reist, umso selbst­ver­ständ­li­cher wird es. Das ist ganz natür­lich. Das gilt für alles, was man im Leben tut.

Ich habe mir in der sogenannten Travel-Blogger-Szene einen Namen erschrieben. Das ist schön, weil es zeigt, dass man irgendwie mit dem voran­kommt, was man gerne macht. Man fühlt sich bestä­tigt in dem, was man tut.

Aber was macht es für einen Unterschied?

In einem Interview mit Spiegel Online habe ich erklärt: »Das Unterwegs-Sein wird gerne als Sehnsuchtszustand verklärt. Nur die prakti­schen Reiseabläufe sind oft ermüdend und ernüch­ternd. Man stellt fest, das Reisen per se auch kein dauer­haftes Glück bedeutet, weil die eupho­ri­schen Momente wie sonst auch im Leben nur punktuell auftreten.«

Genau so ist es.

Für viele mag das depri­mie­rend klingen. Wenn ich Leuten von meinen Reisen erzähle oder wenn sie davon im Internet lesen, dann folgen oft Kommentare wie »Beneidenswert« oder »Wahnsinn, wo du immer unter­wegs bist«.

Das stimmt einer­seits.

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Andererseits habe ich mich auf Reisen oft schon ziemlich einsam gefühlt. Ich wusste an den schönsten Orten der Welt nichts mit mir anzufangen. Ich habe mir über das Für und Wider dieses oder jenes Lebensstils, dieser oder jener Entscheidung den Kopf zerbro­chen statt einfach den Moment zu genießen.

Im besten Fall habe ich das Reisen wie im Rausch erlebt. Ich habe mich nicht mit mir selbst, sondern mit der Welt beschäf­tigt und dem, was sie zu bieten hat.

Aber nach fast jeder Reise kam irgend­wann der Moment, in dem ich in meinem Zimmer in Berlin saß und mich gefragt habe: Was hat sich eigent­lich verän­dert?

Diese Frage wurde nach meiner Reise nach Peru immer größer. Die Geschichte darüber handelt von diesem Widerspruch aus Erwartung und Enttäuschung.

In der Ferne, beim Sich-Treiben-Lassen spürt man nämlich sehr stark die Energie des Lebens. Zuhause am Abend in der eigenen Wohnung schrumpft die große Welt wieder zusammen. Als sei man nie wirklich weg gewesen.

Wie kann das sein?

Ich bin überzeugt, dass es ein Irrglaube ist zu meinen, das Reisen lade einen mit einer positiven Energie auf, mit der man sein Leben dauer­haft ändern kann. Das mag gelingen, wenn man wirklich lange fortgeht und sich in existen­zi­elle Extreme begibt – ein halbes Jahr in ein Kloster in Asien, Wochen allein durch die Wüste, mit dem Segelboot über den Atlantik, eine Expedition auf einen hohen Berg.

Aber das gewöhn­liche, zeitlich beschränkte Reisen macht aus dir keinen besseren oder glück­li­cheren Menschen. Es ändert meist auch nur wenig an deiner Haltung. Man trägt seine Sorgen und seine großen Fragen an das Leben im Rucksack durch die Welt. Im besten Fall vergisst man sie eine Weile. Aber sie verschwinden nicht.

Das ist eine ernüch­ternde Erkenntnis. Aber zumin­dest für mich trifft sie zu.

Die Möglichkeit, in ein Flugzeug zu steigen und wegfliegen zu können, verän­dert überhaupt nichts.

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Diese Feststellung ist keines­falls so negativ, wie sie vielleicht klingt. Im Gegenteil – sie ist von einem Bewusstsein getragen, das am Ende zu viel mehr Zufriedenheit führen kann als jeder Selbstfindungstrip in Südostasien.

Ebenso wenig wie die große Backpacking-Tour ein life changer ist, sind es andere einzelne heraus­ra­gende Erlebnisse wie zum Beispiel ein Bungee-Sprung, das lang ersehnte Auslandssemester in Soundso oder ein Sportwagen.

Es sind die Dinge, die wir jeden Tag tun, die den größten Unterschied in unserem Leben machen. Und die wirklich langfristig zu einer größeren Zufriedenheit mit unserem für sich genommen unfassbar privi­le­gierten Leben beitragen.

Es ist nicht das einma­lige Erlebnis, das Außergewöhnliche, das Extrem. Sondern die Beständigkeit, das Alltägliche, die konstante Arbeit an sich selbst.

Es geht vor allem darum, negative Routinen abzustellen und Gewohnheiten zu entwi­ckeln, die positiv zum tägli­chen Wohlbefinden beitragen. Meist sind das ganz profane Dinge: früher aufstehen, häufiger Menschen anspre­chen, besser zuhören, sich immer nur einer einzelnen Sache mit voller Konzentration widmen.

Es geht darum, im Kleinen und Stück für Stück an seinen Interessen und Potenzialen zu arbeiten, um den sogenannten großen Zielen näher zu kommen.

Dinge als richtig erkennen und sie dann umsetzen.

Es geht also um den gesamten state of mind, um die Haltung, die man gegen­über den Dingen entwi­ckelt und die Art und Weise, mit der man den Alltag lebt. In jedem Moment.

Das formt den Charakter. Alles andere ist Attitüde.

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Aber was ist nun mit dem Reisen anzustellen, wenn es langfristig gar kein so großer Glücksbringer ist?

Das Reisen zu lernen, heißt das Leben zu lernen. Es gibt keinen Unterschied.

Am Anfang schrieb ich: Reisen macht nicht glück­lich. Man müsste vielleicht sagen: Die Möglichkeit, reisen zu können, macht nicht glück­li­cher als das normale Leben.

Natürlich, Reisen ist oft spekta­ku­lärer als der Alltag. Jede Form von Abwechslung und ungewohntem Erlebnis hinter­lässt stärkere Erinnerungen als die monotone Abfolge von Aufstehen, Arbeiten, Essen und Schlafen.

Wahrscheinlich muss jeder die Frage, warum er irgendwo hinreist und nicht woanders hin oder eben überhaupt nicht, für sich selbst beant­worten.

Ich kann nur für mich sprechen: Ich sehe Reisen als wertvolle Bereicherung meiner Erfahrungswelt.

Das geschieht auf ganz unter­schied­liche Art und Weise. Das Motiv einer Reise kann das Interesse an der Lebenswirklichkeit eines bestimmten Kulturkreises sein. Eine journa­lis­ti­sche Recherche. Der Reiz, über körper­liche Grenzen zu gehen. Das Bedürfnis nach Entspannung und Kontemplation. Der Wunsch, sich der Welt zu entziehen. Der Versuch, sich selbst zu finden (oder wieder­zu­finden).

Ich denke, das sind gute Gründe.

Aber das Reisen sollte nicht zum Sehnsuchtszustand verklärt und zur Glücksphantasie erhoben werden.

Wahrscheinlich sollte man jeden Tag beginnen wie die große Reise, von der man sich so vieles erhofft.

So funktio­niert es vielleicht irgend­wann, gelas­sener und gleich­zeitig fokus­sierter durch das Leben zu gehen. Mit wachem Verstand und offenem Herz statt mit Desinteresse und Zynismus. Seine eigene Bedeutung zurück­zu­stellen vor der Größe und Fülle der Dinge, die einen jeden Tag umgeben. Mehr zu genießen statt in Endlosschleifen der Reflektion über sich selbst zu verharren.

Das gelingt mir noch lange nicht so oft, wie ich mir das wünsche.

Aber es fällt eben nicht mit einer Reise vom Himmel. Es ist ein langer Weg.


Kommentare

  1. Avatar von jens

    Hallo, sehr guter Artikel. Ob Reisen verän­dert kann ich so nicht sagen.
    Ich habe meine erste Fernreise auf eigene Faust mit 40 Jahren unter­nommen,
    vorher war nie Zeit ( genommen ) für das Reisen.
    Nach der Reise habe ich mein Leben Komplet verän­dert.
    Ich würde sagen die Reise hat mir die Zeit gegeben um alles zu überdenken.
    Grüße aus dem Schwarzwald Jens.

  2. Avatar von Yadgar
    Yadgar

    »steigt regel­mäßig in Flugzeuge, um sein Fernweh zu mildern«

    Die Ökobilanz muss verhee­rend sein!

    Für mich war schon 1983, mit gerade mal 14 Jahren klar: wenn reisen, dann nur unmoto­ri­siert! Gerne auch über inter­kon­ti­nen­tale Entfernungen (mein absolutes Sehnsuchtsziel war immer Afghanistan, dicht gefolgt von Indien), aber nie schneller als in Fahrrad- oder gar Fußgängergeschwindigkeit…

    …was zur Folge hatte, dass ich bis heute eigent­lich nichts von der Welt gesehen habe, schon gar nicht Indien, geschweige denn Afghanistan!

  3. Avatar von Claudia

    Hallo Philipp,
    ein toller Artikel! Eigentlich gibt es viel zu wenige über Reise- und Lebensphilosophie und darüber, was das Reisen eigent­lich bedeutet (für jeden einzelnen).
    Trotzdem stimme ich dir nicht in allen Punkten zu. Ich bin seit fünf Monaten von einer einjäh­rigen Weltreise über vier Kontinente durch 20 Länder zurück. Oberflächlich betrachtet bin ich einfach zurück ins alte Leben: alte Wohnung, alter Job usw. Tatsächlich haben sich bei mir aber ganz viele kleine Dinge verän­dert, einfach weil mein Blick sich durch die Reise so sehr geweitet hat. Ich verfolge ganz andere Ziele, treffe andere Leute, mache andere Pläne. Die Energie,die mir das gibt, ist mit meinem Vorreiseenergiepegel in keiner Weise zu verglei­chen. Keine Ahnung, wohin mich das führt. Aber es fühlt sich gut an, und ich werden den Pfad einfach mal weiter­gehen 🙂
    In diesem Sinne, viele Grüße aus Hamburg
    Claudia

    1. Avatar von Philipp Laage

      Hallo Claudia,

      vielleicht braucht man das Reisen manchmal einfach als Anstoß, Dinge zuhause zu verän­dern. Weil man plötz­lich sieht, dass es auch anders geht. Einigen wir uns auf: Reisen ist nicht Glück, aber ein Weg dorthin 😉

      Viele Grüße aus Berlin!

  4. Avatar von Nadja Münchenhagen
    Nadja Münchenhagen

    Danke und nochmals danke für die anregenden und klugen Geschichten.
    Es ist ein Genuss, sie zu lesen. Und nochmals zu lesen.

  5. Avatar von Cecilia

    Herzlichen Dank für den tollen Beitrag! Ich musste ihn gleich zweimal lesen! 🙂

  6. Avatar von Lisa
    Lisa

    Hallo. Ich bin ein Jahr durch Australien gereist und seit dem habe ich immer das Gefühl, dasd ich nicht mehr glück­lich bin. Ich renne dem Glücks Gefühl hinterher und ich kann es einfach nicht mehr finden im normalen leben. Was macht man wenn man nicht mehr weiß wie das normale Leben eigent­lich ist?!

  7. Avatar von Heiko
    Heiko

    Danke für die wunder­baren Anregungen. Heiko

  8. Avatar von Timo
    Timo

    DANKE für deine klaren Worte und Gedanken!

  9. Avatar von Verena

    Ein sehr gelun­gener Artikel! Danke an den Autor!
    Reisen allein ist sicher­lich nicht die Medizin für ein glück­li­ches Leben, sondern wie du so schön geschrieben hast, das konti­nu­ier­liche Tuning an seinem charak­ter­li­chen Selbst. Reisen kann einem dabei aber sehr gut helfen: Durch das Unterwegs-sein habe ich z.B. erst gelernt wirklich offen gegen­über neuen Menschen und Kulturen zu sein; und wie viel Glück dieser Wesenszug einem bringen kann.

    Gruß nach Berlin,
    Verena

    1. Avatar von Philipp Laage

      Darum: Reisen lernen, heißt leben lernen.

  10. Avatar von Anna Flo
    Anna Flo

    Super Artikel, wirklich toll geschrieben.
    Kann ich voll nachvoll­ziehen.
    War für einen Monat in Brasilien und dachte mein Leben danach verän­dert sich völlig, weil man sooo viel erlebt/​gesehen/​gelernt hat.
    Heute, eine Jahr danach, kommt mir die ganze Reise als ein Traum vor und die gesamme Gefühle verblassen.
    AF

    1. Avatar von Philipp Laage

      Kann das exakt nachvoll­ziehen, Anna.

  11. Avatar von Janas Reisefieber

    Danke für den tollen Artikel.

    Wenn man mit offenen Augen durch die Welt reist und das eine oder andere Abenteuer erlebt, kehrt man um einiges an Erfahrung reicher nach Hause zurück. Klar, macht es einen Unterschied, ob ich 1 Woche mit Freunden am Ballermann verbringe oder 3 Monate lang allein um die halbe Welt reise. Ich denke, wenn man offen für Neues ist, mit allen Sinnen reist und etwas Selbstreflektion betreibt, kann Reisen vieles bewegen und durchaus glück­lich machen. Die neuen Erfahrungen und Sichtweisen verän­dern einen und wirken auch noch zu Hause nach, was sich wiederum positiv auf den Alltag auswirken kann. Aber bekannt­lich ist jeder selbst seines Glückes Schmied.

  12. Avatar von Chrissi
    Chrissi

    Moin Philipp,

    vielen Dank für diesen Beitrag! Endlich hat jemand meine Gedanken über das »Reisen« bestä­tigt. Was nicht heißt, dass ich selbst gern unter­wegs bin und mir die Welt anschaue, so lange ich noch dazu in der Lage bin. Aber einen Ort zu haben, an dem man zu Hause ist, ist auch sehr schön. Und es kann durchaus auch »berau­schend« sein, wenn man es schafft sich nicht von den Widrigkeiten des Alltages unter­kriegen zu lassen und das, was man auf den Reisen so von sich selbst lernt, dann im normalen Trott auch anwendet. Das ist meiner Meinung nach die eigent­liche Herausforderung!

    Lieben Gruß, Chrissi

  13. Avatar von Ulrike

    Hallo,
    beein­dru­ckend und mir ganz aus der Seele geschrieben. Danke
    Beste Grüße
    Ulrike

  14. Avatar von Antje

    Interessante Gedanken! Ja, auch ich kann mich sehr gut an schreck­lich einsame Momente im vermeint­li­chen Paradies erinnern, an Orte, die so gar nicht den Erwartungen entspra­chen und an plötz­liche Reiseunlust mitten auf der Reise.
    Aber natür­lich kommt es auch darauf an, wie oft und lange man auf Reisen ist, und was man von der Reise erwartet. Wenn das Reisen zum Dauerzustand wird, kann es durchaus seinen Reiz verlieren und man stellt vor allem fest, dass auch an den begeh­rens­wer­testen Orten der Welt den Alltagstrott, Stress und Probleme gibt.

    1. Avatar von Philipp Laage

      Denn warum sollten Stress und Probleme an anderen Orten auch verschwinden?

  15. Avatar von Christina

    Hey Philipp, Dein Artikel wäre die perfekte Ergänzung zu meiner bis 1.4.14 laufenden Blogparade »Was macht glück­lich auf Reisen!« (http://www.reisemeisterei.de/aufruf-zur-blogparade-was-macht-gluecklich-auf-reisen/)

    So, Werbebanner erledigt, jetzt meine Gedanken zu Deinem Artikel.

    Nein, Reisen macht nicht DURCHGÄNGIG glück­lich. Ich erinnere mich gut an Situationen wie eine durch­wachte Nacht in Kopenhagen, als das Kind partout nicht zur Ruhe kommen wollte und wir uns fragten, wie bescheuert man eigent­lich sein muss, als Familie einen Roadtrip einmal um die Ostsee zu machen. An einen Streit mit meiner Freundin mitten in der austra­li­schen Wüste. An den Gedanken »na, so toll ist das auch nicht, warum sind alle anderen so begeis­tert« am White Heaven Beach. An verreg­nete Städtetrips ohne rechte Lust aufs Reisen.

    Verklärung ist wohl bei begeis­terten Reiseberichten immer dabei, vor allem nach einer langen Reise, die dann auch zum Alltag wird.

    Dennoch gibt es unter­wegs Glücksmomente, die ich im Alltag nicht habe.
    Und die verkläre ich gern – bewusst -, denn auch das – ja, genau – macht glück­lich.

    Guter Artikel!

    Christina

    1. Avatar von Philipp Laage

      Stimmt schon, Christina. Ich verkläre auch, im Nachhinein. Allzu mensch­lich, denke ich. 😉

  16. Avatar von Erik

    Phillipp,

    … das klingt voll positiv. Ja sehr geil, wenn jeder reisen würde und keiner Projekte starten, Kinder erziehen und ein Vorbild sein für andere Menschen, dann würden wir ja in kürzester Zeit verkommen 🙂 Neben dem Mind changing impact, den Reisen hat, ist es doch nichts wertvol­leres zu erkennen, dass man überall ankommen kann. Überall glück­lich sein.

    Wenn man die richtigen Voraussetzungen in seinem eigenen Denken, Handeln und Mindset etablieren kann.

    »Es klingt ziemlich negativ, das so zu sagen. Dabei ist es gar nicht so gemeint«

    … schöner Artikel nochmal 😉

    Auf bald,
    Erik

    1. Avatar von Philipp Laage

      Danke, Erik! Ja, stell dir mal vor, niemand würde mehr in Krankenhäusern, auf dem Flughafen, bei der Polizei, in den Gerichten und Werkshallen arbeiten, und alle wären auf Reisen. Chaos! 😉

  17. Avatar von Mathilde

    Jaja, reisen hat auf jeden Fall auch lästige Momente. Das wird in vielen Reiseberichten unter­schlagen. Und: Reisen schenkt viele Freiheiten, zum Beispiel die den eigenen Aufenthaltsort immer wieder neu zu bestimmen, aber es nimmt auch einige. So fürch­ter­lich frei habe ich mich schwit­zend einge­quetscht auf dem Plastiksitz eines lokalen Busses dann oft doch nicht gefühlt.
    Bloß mit Deinem Satz, »Die Möglichkeit, reisen zu können, macht nicht glück­li­cher als das normale Leben.« komme ich nicht mit. Ich nehme an, die meisten Bewohner der damaligen DDR haben das anders gesehen. Und mir geht es auch so: Die Möglichkeit, es tun zu können, macht mich ein kleines bisschen glück­lich, auch wenn ich nicht reise.
    Überhaupt: Ich finde Reisen ist immer noch meistens toll. Es berei­chert mein Leben, es schenkt mir neue Begegnungen, Orte und Bilder. Aber man sollte es nicht überhöhen.
    Martin, ich bin genauso gespannt auf Deine Überlegungen.

    1. Avatar von Philipp Laage

      Ich sehe es ähnlich wie du, Mathilde. Wenn ich mich entscheiden müsste – reisen oder nicht reisen – ich würde mich immer für das Reisen entscheiden.

  18. Avatar von Johannes Klaus

    „Den Himmelsstrich, nicht ihr Innerstes wechseln, die das Meer überschiffen.“
    Hat schon Horaz angemerkt. Aber vermut­lich muss man manche Dinge erst einmal getan haben, um sie einordnen zu können.
    Und um eine Perspektive für die Welt und das eigene kleine Leben darin zu entwi­ckeln, ist so eine Reise (und vor allem eine mit viel Zeit) eine tolle Gelegenheit.

    1. Avatar von Philipp Laage

      Stichwort: genüg­samer werden.

  19. Avatar von Harald
    Harald

    danke für diesen bericht. der wichtigste satz für mich: wahrschein­lich sollte man jeden tag beginnen wie die große reise, von der man sich soviel erhofft. daß wir auch die wunder vor der eigenen haustüre sehen, auch hier fremde menschen anspre­chen, offen­herzig, neugierig und uns hier aushalten, das größte abenteuer wartet
    in uns.

    1. Avatar von Philipp Laage

      Ich schalte leider viel zu oft wieder in den »Alltagsmodus«, sobald ich zuhause bin.

  20. Avatar von Ole Helmhausen

    Lieber Philipp,

    vielen Dank für diesen Bericht. Klasse. Deshalb verbringe ich die schönste Zeit des Jahres in meinem Garten. In der Hollywoodschaukel, den Grill vis à vis, und mit netten Nachbarn am Zaun. Nordamerika ist mein Büro. Ein tolles, zugegeben, aber halt ein Büro, in dem gearbeitet werden und Geld verdient werden muss. Mein Traum: Irgendwann einmal ganz ohne Produktionsdruck und Terminkalender die Klamotten ins Auto zu schmeissen und ohne Plan loszu­fahren. Wer weiss: Vielleicht schaffe ich das noch einmal .. 🙂

    Lieben Gruß aus Kanada, Ole

    1. Avatar von Philipp Laage

      Was spricht gegen deinen Plan? Schöne Grüße nach Kanada!

  21. Avatar von Silke
    Silke

    Vielen Dank für deine wahren Worte! Es ist zwar der erste Artikel den ich von dir lese (ein Freund hat ihn bei facebook geteilt), aber ich kann deine Gedanken sehr gut nachemp­finden!

    1. Avatar von Philipp Laage

      Gerne auch die anderen Artikel lesen… 😉

  22. Avatar von Guido
    Guido

    Ich mag solche reflek­tierten Denkanstöße. Aber natür­lich ist jetzt ein »Aber« unver­meid­lich 😉

    Du schreibst «Ich sehe Reisen als wertvolle Bereicherung meiner Erfahrungswelt.» So ist es. Du lässt hier z.B. nebenbei die Erkenntnis fallen, dass wir ein «unfassbar privi­le­giertes Leben» führen. Richtig. Diese Erkenntnis bekommt man aber eben erst durch das Reisen. Natürlich kann man viel dazu lesen oder TV-Sendungen angucken, aber etwas selbst zu sehen, zu erleben und zu spüren, ist tausend­fach inten­siver in der Wirkung und verän­dert einen deshalb eher.

    Man kann mit dem Mehr an Erfahrungen dann immer noch ganz viel falsch machen, aber das mehr an Erfahrungen erhöht norma­ler­weise die Wahrscheinlichkeit, die richtigen Prioritäten zu setzen und die richtigen, glück­lich machenden Entscheidungen zu treffen.

    1. Avatar von Philipp Laage

      Da stimme ich dir vollkommen zu, Guido.

  23. Avatar von Jürgen
    Jürgen

    Was mir auf Reisen Zufriedenheit gibt, und mich freier und glück­li­cher macht schreib ich oft dem glück­li­chen Zustand zu dass ich keine Erwartungshaltungen an meine Person zu erfüllen habe.
    Ich kann tun was immer ich möchte, zu dem Zeitpunkt der für mich passend erscheint.

    1. Avatar von Philipp Laage

      Guter Punkt. Vielleicht wird die Wahrnehmung, die andere von einem haben könnten, weitge­hend egal.

  24. Avatar von Chris
    Chris

    Eine absolut gute Sichtweise: Sich dem Reise- und Selbstfindungshype mal auf diese Weise zu nähern, und zwar von jemandem, der wirklich Erfahrungswerte aufweist. Aber du schreibst: »Ebenso wenig wie die große Backpacking-Tour ein life changer ist, sind es andere einzelne heraus­ra­gende Erlebnisse wie zum Beispiel ein Bungee-Sprung, das lang ersehnte Auslandssemester in Soundso oder ein Sportwagen.« Der Sportwagen ist es sicher nicht, die Backpacking-Tour kann es und ein Auslandssemester ist es dagegen sehr oft: der life-changer. Bei mir war es so und bei sehr vielen meiner damaligen Kommilitonen ebenfalls. Man bricht zum ersten Mal richtig aus dem vorge­ge­benen Alltag von Schule, Familie, Freundesleben und Uni aus und danach bekommt das Leben oft eine andere Richtung. Trennungen, Umzüge, neue Liebe, andere Jobs. Mein Leben hat sich einmal komplett gedreht und wäre nie so in der Richtung verlaufen, hätte ich nicht das übliche Unijahr damals mit Auslandssemestern unter­bro­chen. Das ist auch dem Alter geschuldet (zwischen 20–30 ändert sich vieles funda­mental) und ich bin sicher auch gegen eine Verherrlichung solcher­maßen aufge­la­dener Lebensentwürfe. Aber doch und ja: Es kann sich alles ändern.

    1. Avatar von Philipp Laage

      Chris, du hast Recht. Das mit dem Auslandssemester ist etwas unfair. Ich kenne auch Leute, für die dieses halbe Jahr ein »life changer« war. Das will ich ja auch auf gar keinen Fall jemandem abspre­chen!

      Auch meinem Leben haben bestimmte Reisen schon eine bedeu­tende Wendung gegeben. Ich habe zum Beispiel jemanden kennen­ge­lernt, in den ich mich später zuhause verliebt habe.

      Der Punkt ist vielleicht: Jedes Erlebnis, jede Reise KANN ein »life changer« sein – aber das hat oft nichts mit der Reise an sich zu tun, sondern mit dem eigenen Verhalten. Was natür­lich durch eine Reise oder ein Jahr im Ausland verän­dert werden kann. Aber sollte man darauf setzen? Oder lieber schauen, wie man besser durch jeden Tag kommt – egal wo.

  25. Avatar von Andreas Simon

    Auch von mir: toller Beitrag, sehr reflek­tiert und auf den Punkt.

    Grundsätzlich denke ich, muss man unter­scheiden und sich die Frage stellen: »Warum will ich reisen?« Will ich was erleben? Lauf ich vor irgendwas davon? Will ich es, weil es alle machen, weil es cool ist?

    Ich kann mich noch an meine erste Reise erinnern, nach Neuseeland, allein, ohne Plan, konnte kein Englisch. Hab dort dann erstmals vom Konzept von Backpacker Hostels erfahren. Die gab’s nämlich damals nur in Ozeanien und noch ne Handvoll in Nordamerika.

    Nicht so wie heute, kurz Google anschmeissen und mit ein paar Klcks bei 10 Leuten Couchsurfen können. Ohne Internet war das ne ganz andere Nummer – eigent­lich besser, denn man hat mehr erlebt und noch selbst entdeckt anstatt vorher zu googlen um zu entscheiden ob etwas den Aufwand wert ist. Und weil das ziemlich viele machen, hängen natür­lich fast alle an den immer gleichen Orten ab. Dabei ist das echte Abenteuer, das Unbekannte, die spontane Begegnung und das Authentische vielleicht schon hinter der nächsten Ecke.

    Die Steigerung des Ganzen ist natür­lich, wenn man sich bewusst der Welt auslie­fert, egal ob man trampt, Rad fährt, läuft, kayakt oder rudert. Das ist auch die Grundidee einer Pilgerreise. Die Grundidee ist nämlich nicht bequem mit dem Flieger, Aircon-Bus oder 4WD zu einem religiös, spiri­tuell oder wie auch immer als wichtig erach­teten Ort zu gelangen um dort rituelle Handlungen zu vollführen, sondern sich auf dem Weg dahin der Welt »auszu­setzen«, durch­zu­halten, Dinge zu erleben und schwie­rige Situationen zu meistern. Früher ging das eigent­lich nur zu Fuß, heute geht das auch auf andere Art. So ist jede mit der richtigen Einstellung unter­nom­mene Reise eine Art Pilgerreise und es ist die innere Haltung die den (Weisheit-) Suchenden vom Langzeittouristen unter­scheidet.

    1. Avatar von Philipp Laage

      Die Sache mit dem Internet und dem omniprä­senten Wifi ist noch einmal ein ganz anderes Thema. Bei dem ich dir in deinen Ausführungen vollkommen zustimme.

      »Sich der Welt aussetzen«, das ist für mich auch so der Modus, der eine Reise dann lange nachwirken lässt.

  26. Avatar von Stefan
    Stefan

    Für mich einer der stärksten Texte auf Reisedepeschen. Danke dafür.

  27. Avatar von Tina Heuler via Facebook
    Tina Heuler via Facebook

    Besser kann man es nicht ausdrü­cken, danke für den Artikel!

  28. Avatar von Katharina

    Interessant, dass für dich das Reisen sofort »nichtig« wird, wenn du wieder in deinen eigenen vier Wänden bist. Bei mir ist das anders. Nicht nur die Fotos, die ich mitge­bracht habe, dienen als Erinnerung, sondern vielmehr die vielen Geschichten & Menschen, die mein Leben berei­chert haben. Und hierzu muss ich nicht monate­lang unter­wegs gewesen sein, sondern es können auch 4 Tage London gewesen sein, die mich dann weiter für das tagtäg­liche Leben und auch meine Arbeit inspi­rieren. Deswegen ist bei mir das Reisen ja auch so essen­tiell, da ich mir vor allem daraus meine Energie und Inspiration für den Alltag rausziehe. Aber ja: Wahrscheinlich sollte man auch in der (selbst­ge­wählten) Heimat versu­chen, jeden Tag zu leben, als wäre es eine Weltreise. Darum bin ich im Moment auch dran, ein Reisebuch über die Steiermark zu schreiben 🙂

    1. Avatar von Philipp Laage

      »Nichtig« ist vielleicht das falsche Wort. Aber oft ist es so, dass man auf Reisen aufmerk­samer, kommu­ni­ka­tiver, offener, mutiger, spontaner und gelas­sener ist als im sogenannten Alltag – alles Dinge, die auf lange Sicht zufrieden machen, aber eben oft nur während der Reise »gelebt« werden.

      Ein Beispiel: In einem fremden Land habe ich viel weniger Hemmungen, fremde Menschen anzuspre­chen und ein zwang­loses Gespräch zu beginnen als zuhause in Deutschland. Ist doch irgendwie seltsam.

  29. Avatar von Alex

    Wow, Respekt! Großer Text, der mir absolut aus der Seele spricht.

    Beste Grüße

    geschrieben mit licht

    http://geschriebenmitlicht.wordpress.com/

    1. Avatar von Philipp Laage

      Freut mich, danke! Viele Grüße!

  30. Avatar von Martin

    Hallo Philipp,

    ein toller Beitrag, der sympa­thisch mit ein paar Erwartungen an das Reisen und dessen Wirkung aufräumt. Bzw mit der Überhöhung des Reisens als Heilsbringer und univer­seller Pfad zu Glück und Ausgewogenheit. Ich bin schon kurz davor mal einen Rand zum Thema »Ich reise um frei zu sein/​endlich Freiheit« zu schreiben. Aber ich ringe noch mit den richtigen Worten und sprach­li­chen Bildern. 😉
    In jedem Fall hat mir Dein Beitrag neues Gehirnfutter gegeben. Danke.

    Gruß,
    martin

    1. Avatar von Philipp Laage

      Hallo Martin,

      so einen Artikel, wie du ihn planst, würde ich irre gerne lesen! Also bitte dranbleiben. 🙂

      Schönen Gruß, Philipp

  31. Avatar von Dela Biehl via Facebook
    Dela Biehl via Facebook

    Sehr gut!

  32. Avatar von Hans-Dieter Knebel
    Hans-Dieter Knebel

    So isses,
    herrlich die »Endlosschleife der Reflexion« (vorrangig bei »Berufstöchtern«).
    hdk

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