Rumänien – wie nett!

Kontinente und Länder › Europa › Rumänien › Rumänien – wie nett!
Rumänien – wie nett!

Rumänien – das ist doch die Heimat von Dieben und Sozialschmarotzern, die zu uns nach Deutschland kommen um Hartz IV und Kindergeld zu beantragen um es dann durch Ladendiebstahl aufzu­bes­sern. Vorurteile sind dazu da um abgebaut zu werden und glaubt man Mark Twain ist Reisen für sie tödlich. Und so hatte ich eine Mission für meine Fahrt durch Rumänien.

 

IMG_5613

 Ein kleines rumäni­sches Dorf an der Donau

 

Stell dir vor, du bist der Besitzer einer Touristenpension in einem kleinen rumäni­schen Dorf am Ufer der Donau. Wie die meisten Pensionen der Gegend ist deine Unterkunft eher für besser betuchte Gäste ausge­legt. Zusammen mit deinen Angestellten berei­test du jetzt am frühen Nachmittag deinen Speiseraum für eine grosse Feier heute Abend in geschlos­sener Gesellschaft vor, als ein verschwitzter junger Mann mit Fahrradhelm eintritt. Der Radfahrer kommt aus Deutschland, dem wohlha­benden Land in Mitteleuropa, wo so mancher Politiker vor einer Flut krimi­neller und sozial­schma­rot­zender Rumänen warnt, spricht kein rumänisch, seine lange schwarze Hose ist voller brauner Schlammflecken und anhand des Geruchs, der dir entge­gen­schlägt vermu­test du, dass er schon seit einigen Tagen ungeduscht ist. Er sucht eine Unterkunft für die Nacht, doch als du ihm deinen Preis für ein Einzelzimmer nennst, erkennst du an seiner Reaktion, dass diese Summe den Rahmen seines Reisebudgets um mehr als nur ein paar rumäni­sche Lei übersteigt. Du könntest den verdreckten Bengel nun besten Gewissens mit einem entschul­di­genden Achselzucken zurück nach draussen schicken und dich wieder um die viel wichti­geren Party-Vorbereitungen kümmern. Stattdessen kramst du dein Handy hervor und rufst ein halbes Dutzend Pensionen in der Nähe an, um zu fragen ob sie ein Zimmer in der Pfennigfuchser-Preisklasse anzubieten haben. Haben sie nicht. Den Radfahrer, der von der Hartnäckigkeit mit der du ihm zu helfen versuchst etwas überrascht scheint, kompli­men­tierst du aber auch jetzt noch nicht nach draussen, sondern lässt ihm statt­dessen ein kosten­loses Glas Cola servieren und rufst ein Ehepaar aus dem Dorf an, von dem du weisst, dass sie regel­mässig durch­rei­sende Radfahrer bei sich aufnehmen.

Auf diese Weise lernte ich Maria und George kennen. Als ich vor ihrem kleinen Häuschen nahe des Dorfzentrums ankam, sass George gerade auf seiner Veranda beim Kartenspielen in grosser Runde. Er war ein relativ klein­ge­wach­sener, glatz­köp­figer Mann ende 50 mit freund­li­chem Gesicht und fröhli­chen Augen. Freudig begrüsste er mich auf Englisch und führte mich durch die Haustür in das direkt dahin­ter­lie­gende Wohnzimmer: »Please feel like at home. You can sleep on the couch or you can camp in the garden. We often have cyclists here, they can stay as long as they want and never pay anything«, verkün­dete er stolz. Ich wurde noch vor den vier Hunden gewarnt die hinter der Wohnzimmertür von mir fernge­halten wurden, weshalb ich das Badezimmer lieber erst später benutzen sollte (»They are very good dogs!«), und dann musste George schnell zurück zum Kartenspielen.

IMG_5617

Maria und George

 

Von seiner Frau Maria erfuhr ich später, dass George in den Achzigern einige Jahre in Australien gelebt hat. Sie selbst hatte Englisch von ihm und während eines mehrmo­na­tigen Aufenthalts in England gelernt. Maria war zehn Jahre jünger als George und arbei­tete im Auftrag der Regierung als Sozialarbeiterin in dem Dorf. Sie erzählte mir von den Problemen des Landes wie Korruption, Bürokratie und schlechten Arbeitslöhnen. Für ihren Vollzeitjobs verdiente Maria umgerechnet etwa 200 Euro im Monat. Es seien diese niedrigen Löhne in ihrer Heimat und nicht die Absicht fremde Sozialsysteme zu parasi­tieren, die viele ihrer Landsleute dazu veran­lassten in Ländern wie Deutschland nach Arbeit zu suchen.

Als er mit seinem Kartenspiel fertig war, hatte dann auch George Zeit, mir aus seinem bewegten Leben zu erzählen: nach Australien war er vor über 30 Jahren vor dem Kommunismus geflohen. In einer kalten Nacht im November 1980 war er in die Donau gesprungen, mit der Absicht Jugoslawien am anderen Ufer schwim­mend zu errei­chen. »The border soldiers would shoot you when they saw you swimming. They don´t ask, just shoot.« Nach ein paar Metern war er wieder umgekehrt – das Wasser war einfach zu kalt. Wenige Tage später hatte er seinen Körper gegen die Kälte mit Öl einge­schmiert und es erneut versucht. Diesmal schaffte er es zum rettenden Ufer und landete in Jugoslawien erstmal im Gefängnis. Er verbrachte ein paar Tage im Knast bis er das Angebot bekam nach Australien abgeschoben zu werden, wo er als Arbeitskraft willkommen war. So landete George in Sydney und kehrte erst 1989 nach Ende des Kommunismus in seine Heimat zurück. Während ich dieser Geschichte lauschte, kam mir meine eigene Reise wie ein kitschiges Walt Disney Abenteuer vor.

IMG_5621

Die Donau zwischen Rumänien und Serbien

 

Ich verbrachte die Nacht auf der Couch im Wohnzimmer. Das Wetter war umgeschlagen und für die Nacht und die nächsten Tagen viel Regen voraus­ge­sagt. Auf besseres Wetter zu warten schien weitge­hend hoffnungslos und so schob ich mein Fahrrad am nächsten Morgen aus Maria und Georges Wohnzimmer hinaus in den Regen. Mir stand ein gräss­li­cher Tag bevor, mit viel Regen und einer Gepäckträgerpanne, die ich im strömenden Regen am Strassenrand reparierte, während ich meine Tour verfluchte. Teilweise entschä­digt wurde ich in den Momenten, in denen sich die Wolkenwand öffnete und den Blick auf die grandiosen Schluchten freimachte, durch die sich die Donau zwischen Rumänien und Serbien windet.

IMG_5627
IMG_5638
IMG_5644
IMG_5648
IMG_5653

 Hartes Regenwetter an der Donau

 

Ein paar Tage später war ich im Süden Rumäniens und mittler­weile dem aller­schlimmsten Regenwetter entkommen. Je weiter nach Süden richtung bulga­ri­scher Grenze ich kam, desto mehr gewannen auf den Strassen Pferdekarren die Oberhand über Autos, LKWs und Traktoren. In den vielen kleinen Dörfern sassen die Leute auf den Bänken vor ihren Gärten und beobach­teten entweder still die an ihnen auf der Strasse vorbei­zie­hende Welt, die ihnen an diesem Tag einen schwer bepackten deutschen Radfahrer vorbei­schickte, oder unter­hielten sich in Grüppchen. Ich stellte fest, dass sich diese Grüppchen in den verschie­denen Dörfern glichen. Da waren die alten Frauen mit langen Röcken und Kopftüchern die mir freund­lich zunickten, die Teenager-Jungs mit lässigem Gehabe, die kichernden Teenagerinnen, die mal mehr oder weniger frechen Kinder die mir beim Vorbeifahren »high-five« geben wollten, die alten Ehepaare die schwei­gend neben­ein­ander auf ihrer Bank sassen und still einen Arm zum Gruss erhoben wenn ich vorbei­fuhr und natür­lich meine grössten Fans, die älteren Männer, von denen ich in fast jedem Dorf lautstark gegrüsst und angefeuert wurde.

Es war herrlich durch Rumänien zu radeln. Die sozial­schma­rot­zenden und stehlenden Bewohner des Landes haben sich jeden­falls gut vor mir versteckt.

IMG_5660
IMG_5677
IMG_5678
IMG_5679

Ländliche Idylle im Süden Rumäniens

 

 


Kommentare

  1. Avatar von Anna
    Anna

    Hallöchen!
    Ich bin selbst in Rumänien gewesen und mir wurde von Einheimischen sehr viel gezeigt. Es war mitten im Sommer und viel wärmer als bei uns in Deutschland. Das waren zwei ganz wunder­bare Wochen in einem so ganz anderen, wunder­schönen Land. Schön, wenn auch andere es so sehen und ein wenig »Werbung« machen. 🙂
    Viele Grüße
    Anna

  2. Avatar von Christian | theTRAVELR

    Toller Bericht und tolle Fotos! Für uns geht es nächstes Jahr nach Rumänien… Ich bin sehr gespannt, wie sich das Land uns in den ländli­cheren Gebieten präsen­tieren wird.

    1. Avatar von Sebastian

      Nach meinen Erfahrungen koennt ihr euch auf ein herzli­ches Willkommen freuen 🙂

  3. Avatar von Sebastian Haas

    Hi Patric,
    ich hoffe doch sehr, dass man den ironisch bis sarkas­ti­schen Unterton, mit dem ich auf die Klischees und Vorurteile gegen­ueber Rumaenen eingehe, heraus­lesen kann. In diesem Sinne darfst du sie gerne als litera­ri­schen Aufhaenger betrachten und beruhigt sein, dass fuer mich persoen­lich nur sehr wenige Vorurteile durch diese Reise abgebaut werden mussten. Die »Mission« von der ich am Anfang spreche bezieht sich dementspre­chend eher auf die spaeter erwaehnten deutschen »Politiker« und ihrer Anhaenger, die – ich gebe dir Recht – einen sehr kleinen Anteil der Reisedepeschen-Leserschaft ausma­chen duerften. Doch ich hoffe, dass die Gegenueberstellung von Klischee und Wirklichkeit auch fuer vorur­teils­freie Leser ein positives Lesererlebnis ergibt.
    Viele Gruesse
    Sebastian

  4. Avatar von Patric

    Wow, wenn du noch immer mit solchen Vorurteilen hantierst, dann aber los »auf die Strasse« und gen› Osten! Und falls du diesen Aufhänger nur als »guten« Aufhänger litera­risch verwendet hast, dann … naja .. die wenigen Leute »zu hause«, die diesem Klischee nachei­fei­fern, sind wohl kaum dieje­nigen, welche die Berichte auf »Reisedepeschen« lesen.
    Trotzdem liebe Grüsse
    Traveling_​pat

  5. Avatar von Madeleine
    Madeleine

    Hey!!! Ein wirklich schöner Bericht! Werde nächste Woche mit meinem Freund nach Rumänien zu einer Hochzeit fliegen. Die freien Tage werden wir dafür nutzen, Land und Leute etwas näher kennen­zu­lernen!

    Liebe Grüße aus Hamburg

    Madeleine

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert