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Mehr Sternschnuppen als Wünsche

01.10.2011 – Es geht jetzt ums Fort­kom­men, ums Wei­ter­kom­men, der Repor­ter kann nicht noch eine Woche in Bakau blei­ben und am Meer sit­zen und in den wol­ken­ver­han­ge­nen Him­mel schauen. Abfahrt um 5 Uhr, zurück zur Grenze. Der Taxi­fah­rer will 300 Dalasi bis Ban­jul, der Repor­ter for­dert 200, am Ende sind es 250. Alles wie immer. Das Auto erreicht den Hafen, es ist noch dun­kel. Nach einer hal­ben Stunde legt die erste Fähre ab und bewegt sich in Zeit­lu­pen­ge­schwin­dig­keit über den Fluss. Run­ter vom Schiff, rein in ein Taxi, ab zur Grenzstation.

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Im immi­gra­tion office hockt der Chef-Gren­zer auf sei­nem Stuhl. Er erkennt den Repor­ter wie­der, dem er vor zwei Tagen den Stem­pel in den Pass gedrückt hat, den er dar­auf hin­ge­wie­sen hat, dass für ihn ab hier die gam­bi­schen Gesetze gel­ten. Die­ser Chef-Gren­zer muss jetzt natür­lich erst ein­mal das Gepäck kon­trol­lie­ren: War klar. „Can I have a look?“ – „Sure.“ „Will I find some­thing I don’t want to find?“ Okay, Ansage.

Was wird er zu dem Notiz­blick sagen, fragt sich der Repor­ter. Wird er sich die Fotos anschauen, die Spei­cher­karte kon­fis­zie­ren, oder – im schlimms­ten Fall – irgend­wel­che sub­ver­si­ven, staats­zer­set­zen­den Absich­ten unter­stel­len und hier einen Rie­sen­zir­kus aufführen?

Ein fes­ter Blick in die Augen, ein Lächeln. „You can look what’s inside, no pro­blem.“ Der Chef-Gren­zer hat jetzt keine Lust mehr, wei­ter zu suchen. Der Repor­ter ist zurück im Sene­gal.

Ein Sept-Place in Rich­tung Dakar ist schnell gefun­den. Der Repor­ter stu­diert die Karte: Für die zweite Geschichte muss er die Haupt­straße ver­las­sen in Ndi­os­mone, irgendwo zwi­schen Fatick und Mbour. Die zweite Geschichte soll über das Saloum-Delta sein, ein rie­si­ges Feucht­ge­biet an der sene­ga­le­si­schen Atlan­tik­küste, wo es viele Vogel­ar­ten gibt und Man­gro­ven­wäl­der und kleine Boote, Fische, Muscheln, Sand­bänke und Lagu­nen, wo es sich also abso­lut lohnt, als Tou­rist hin­zu­fah­ren, wenn man im Sene­gal ist. 

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Ndi­os­mone ist kaum zu erken­nen: paar Bret­ter­bu­den, eine Kreu­zung. Mit einem über­la­de­nen Bus wei­ter nach Fimela, dann nach Ndan­gane. Man muss sich von einem Dorf zum nächs­ten vor­ar­bei­ten. Das Rei­sen außer­halb der Groß­städte hat etwas Land­strei­cher­haf­tes, denkt der Repor­ter. Er sitzt hin­ten auf einem zer­ris­se­nen Pols­ter. Irgend­wann geht der Motor aus und springt nicht wie­der an, alle müs­sen umstei­gen in einen ande­ren Bus. Irgend­wann kommt Ndangane.

Die Auberge Bouffe: Man biegt ab von der Haupt­straße, fährt über eine Lehm­piste, und dann sieht man, direkt vor dem Fluss, sie­ben Bun­ga­lows auf der lin­ken Seite. Auf der Ter­rasse vor der Bar, die auch die Rezep­tion ist, trifft der Repor­ter in der tro­pi­schen Bul­len­hitze Afri­kas zwei Schwei­zer: Bruno und Bar­bara, die Besit­zer der Pension. 

Sie trägt das Haar kurz gescho­ren, er eine Art Schlaf­an­zug. Erst mal hin­set­zen auf der Veranda, ein biss­chen erzäh­len, was trin­ken. Bruno macht Kaf­fee. Er redet so schön in die­ser Schwei­zer Mund­art: ein biss­chen nied­lich, immer ernst­haft. Der Repor­ter fühlt sich gleich sehr wohl an die­sem Ort. Bar­bara und Bruno, da ist wie­der das Repor­ter­glück, ken­nen sich aus in der Region. Vor vier Jah­ren sind sie in den Sene­gal aus­ge­wan­dert, davor hat­ten sie zehn Jahre ein Hotel an der ita­lie­ni­schen Adria-Küste.

Der Repor­ter fragt sich nun die berech­tigte Frage: Sitzt er hier mög­li­cher­weise vor zwei Hip­pies, die sich einen Aus­stei­ger-Film fah­ren? Irr­tum: Wenn du im Sene­gal ein Gäs­te­haus am Lau­fen hast, kannst du kein Hedo­nist sein, der den gan­zen Tag nur herumkifft.

„Du lernst kochen auf dem Markt, bei den Fischern“, sagt Bar­bara. Sie kaufe nur fri­sche Zuta­ten aus der Umge­bung, der Fisch kommt aus dem Fluss in die Pfanne. „Nach Mbour fah­ren wir nur für das Kat­zen­fut­ter.“ Meist schick­ten sie einen Ange­stell­ten der Pen­sion mit einer Liste los, wenn es etwas nicht gibt in Ndan­gane. In Ndan­gane, erfährt der Repor­ter, gibt es aber eigent­lich alles. Auch Medi­zin? Vie­les lie­fert die Natur, sagt Bar­bara: „Bao­bab statt Imodium.“

Der Repor­ter erzählt nun, dass er eine Geschichte über das Delta schrei­ben will und schil­dert die Situa­tion: dass er lei­der wenig Zeit hat, nur die­sen Nach­mit­tag und mor­gen früh, weil er abends wie­der in Dakar sein muss, dass im Prin­zip also nur zwei halbe Tage blei­ben für eine Story. Es fädelt nun Bar­bara, die hier seit vier Jah­ren lebt und arbei­tet, die in Ndan­gane jeden kennt und die eine Frau ist, die Dinge erle­digt kriegt, fol­gen­den Deal ein: Der Repor­ter möge mit Abu, einem guten Bekann­ten, auf das Delta raus­fah­ren, heute und mor­gen früh, da bekomme er genug zu sehen für seine Geschichte: die Man­gro­ven, die Vögel, einen Got­tes­dienst, ein Aus­tern-Pick­nick, das alles gegen einen Fest­preis von 50 000 CFA-Francs.

Nicht so güns­tig, denkt der Repor­ter. Ande­rer­seits: Er will auch nicht den unent­spann­ten Tra­vel­ler raus­hän­gen las­sen, der aus einem zwei­fel­haf­ten Selbst­ver­ständ­nis her­aus alle Preise gna­den­los zu drü­cken ver­sucht. Orts­un­kun­dig einen güns­ti­ge­ren Boots­fah­rer auf­zu­trei­ben kos­tet außer­dem Zeit. Und am wich­tigs­ten: Die gute Geschichte liegt hier auf der Hand – also abgemacht.

Es ist Spät­nach­mit­tag, als die Piroge vom Steg neben der Her­berge ablegt. Das Boot ist blau gestri­chen, die Farbe platzt über­all ab. Wol­ken hän­gen über dem Saloum-Delta, dahin­ter scheint die Sonne, das sieht man. Der Mich­gla­shim­mel zieht die Sät­ti­gung aus der Land­schaft: schlecht für die Bil­der. Abu steu­ert das Fischer­boot über den Strom, durch die Man­gro­ven, um Sand­bänke herum. Sene­ga­le­si­sche Tou­ris­ten sind an Bord, sie tra­gen oran­gene Schwimm­wes­ten und haben Fern­glä­ser. Auf einem T‑Shirt steht: „Avec Jesus res­sus­cite, soyons arti­san d’un monde mei­lleur.“ Der Repor­ter sieht Fla­min­gos, Peli­kane, Stör­che; Vögel, die er noch nie gese­hen hat. Das glei­ßende Licht spie­gelt sich im Wasser.

Die Sonne steht jetzt so tief, dass sie unter den Wol­ken her­vor­scheint: Das Grün der Man­gro­ven leuch­tet, dar­über der graue Him­mel. Es gibt nichts Schö­ne­res in der Natur als diese Ver­bin­dung aus Grün und Grau, die immer ent­steht, wenn es in der Nähe gewit­tert und von irgendwo anders her die Sonne scheint. Warum? Schwer zu sagen. Viel­leicht wegen der Gleich­zei­tig­keit der Gegen­sätze: das Beschwer­li­che und das Leichte, Angst und Zuver­sicht, Glück und Tra­gik. So sind die Dinge. Furcht­bar pathe­tisch, denkt der Repor­ter, das kann man nicht in eine Zei­tung schreiben.

Abu macht den Motor aus, es wird still. Über den Man­gro­ven spannt sich ein Regen­bo­gen auf. In der Ferne, an der Grenze zwi­schen Delta und Ozean, don­nert es. Als die Piroge Ndan­gane erreicht, ist es dunkel.

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Abends im Saloum-Delta. Bei Bruno und Bar­bara scheint Licht auf der Veranda. Fritzl, die Katze, jagt Horn­kä­fer, die von den Lam­pen an der Decke auf den Boden stür­zen. Da sit­zen die zwei Schwei­zer und haben Krab­ben­mus, Dorade in Honig­soße und Man­go­sor­bet auf­ge­tischt: unschlag­bar. Es ist heiß, die Haut klebt unter dem Hemd. In der Ferne zucken Blitze, über dem Ozean gewit­tert es. 

Ruhig wie in einem Vakuum werde es dort, an der Grenze zum Atlan­tik, wenn ein Sturm auf­zieht, sagt Bruno. „In der Regen­zeit fegen Tro­pen­stürme von Kao­lack aus über das Delta“, erzählt Bar­bara. Dann fange hier alles an zu schim­meln, sogar das Geld im Porte­mon­naie. Die Feuch­tig­keit sei ein Pro­blem, aber sie hät­ten einen guten Hand­wer­ker, der unheim­lich viel kifft, der im Prin­zip durch­ge­hend kifft, aber die Flach­dä­cher der Bun­ga­lows erstaun­lich gut repa­riert und tro­cken hält. „Wir haben uns immer gefragt, warum der so fröh­lich ist“, sagt Bruno.

Nach dem Essen will der Repor­ter noch ein­mal dem Wesen des Lan­des auf die Spur kom­men: Was kann man über den Sene­gal erzäh­len? „Die Begrü­ßung ist hier ganz wich­tig, der Abschied geht ein­fach so.“ Bob Mar­ley ist ein Volks­held. Mos­lems und Chris­ten leben fried­lich zusam­men. Es ist wie­der so, als könne man die Hitze hören, wie einen Tin­ni­tus. Blick in den Him­mel: „Wir haben gar nicht so viele Wün­sche, wie wir Stern­schnup­pen haben“, sagt Bar­bara, und das ist ein Satz, in dem viel zu fin­den ist, denkt der Reporter.

Früh­stück in der Auberge Bouffe: Kaf­fee als Sehn­suchts­mo­ment in der Ferne. Ein Tisch ist gedeckt, Bruno und Bar­bara sind nicht da. Ruck­sack packen, Auf­bruch um 9 Uhr. Es ist nicht Abu, der den Repor­ter heute Vor­mit­tag mit auf das Delta neh­men wird, son­dern sein Bekann­ter Alpha, 25, und des­sen 11-jäh­ri­ger Bru­der Sekou: auch gut.

Alpha, stellt sich her­aus, spricht etwas bes­se­res Eng­lisch als Abu, man wird also mit­ein­an­der reden kön­nen. Die fol­gen­den Stun­den bis zum frü­hen Nach­mit­tag brin­gen wie erhofft die Geschichte: Ein Got­tes­dienst auf Mar Lodj, hei­lige Bäume, an denen Milch und Kuh­blut geop­fert wer­den, eine ver­wit­terte Kir­che, 150 Jahre alt, Muscheln im Zement, Piro­gen und Man­gro­ven, Vögel und ein Kai­man, Pick­nick auf einer Sand­bank, es gibt natür­lich wie­der Fisch. Ein Grill, eine Decke, drei Dora­den. Der Wunsch, bes­se­res Fran­zö­sisch zu sprechen.

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Es reg­net etwas auf der ver­las­se­nen Insel, aber nicht lange. Der Tag ist bunt und grau, die Sonne scheint von Süden, über dem Meer im Wes­ten lie­gen schwere Wol­ken. Der Repor­ter würde gerne bis zum Früh­ling unter den Bäu­men im Sand lie­gen, aber er muss zur Eile mah­nen, weil die afri­ka­ni­sche Grund­re­gel, dass das, was heute nicht pas­siert, eben mor­gen statt­fin­det, nicht greift, wenn man ein Flug­zeug zu erwi­schen hat, das mor­gen Abend von Dakar aus fliegt.

Sekou steu­ert also zurück nach Ndan­gane, und Alpha berei­tet in der schwim­men­den Piroge stark gezu­cker­ten Tee zu. Heiße Asche aus dem klei­nen Grill lan­det auf dem Arm des Repor­ters, er muss laut schreien. Sekou fängt an zu lachen und hört auch nicht auf, als der Repor­ter her­über­schaut, und dann lacht der Repor­ter auch, weil er das ent­spannt fin­det, dass Sekou so unver­fro­ren lacht und viel­leicht auch des­halb, weil das mit der zwei­ten Geschichte so gut geklappt hat, weil er alles dafür bei­sam­men hat.

Cate­go­riesSene­gal
  1. markus says:

    regen, regen, regen. dies­mal: war­ten, war­ten, war­ten. dass wie­der was wächst. schwere, pralle wol­ken­hau­ben überm delta, ja, klar – gabs. der lachende repor­ter malt das herz vom sene­gal. fabel­haft die far­ben, bunt und grau. danke, p.

  2. nicole says:

    Ich war auch gerade im Sene­gal und habe Deine Geschichte natür­lich ver­schlun­gen. Lei­der war ich nur eine Woche da und hatte nicht genü­gend Zeit viel durch die Gegend zu gur­ken. Für die­ses erste Mal hab ich mich auf die Inseln in der Nähe von Dakar beschränkt, aber beim nächs­ten Mal werde ich mit hof­fent­lich mehr Zeit auch Casa­mance, Sant Louis und ‑seit ich jetzt Dei­nen Bericht gele­sen habe‑, wohl auch das Saloum Delta angucken!
    Liebe Grüße!

  3. Mir gefällt die Selbst­be­trach­tung des Herrn Repor­ter sehr gut. Inter­es­sant etwas über Deine Arbeits­weise zu erfah­ren. Wäre wirk­lich schade, wenn diese Zwi­schen­töne unter den Tisch fal­len wür­den. Und zu einem Rei­se­be­richt gehört unbe­dingt ein biss­chen Pathos! Gerade diese Zei­len mag ich beson­ders gerne…

  4. Tabitha says:

    Wow! Einen sehr tol­len Schreib­stil hast Du!
    Und die Bild­kom­po­si­tion aus grün und grau fängt eine ganz wun­der­bare Stim­mung ein.

  5. Reiner Beck via Facebook says:

    Senegal..steht auch immer auf der Wunsch-Liste… wobei die Sicher­heits­lage oft nicht als ganz unkri­tisch dar­ge­stellt wird…wie waren die Erfah­run­gen vor Ort?

    1. Und hier die Ant­wort noch mal außer­halb von Face­book: Ich konnte mich frei bewe­gen und hatte weder Pro­bleme mit den Behör­den noch mit Die­ben / Räu­bern etc.

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