An den Fuß des Everest II

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An den Fuß des Everest II

Das zweite Stück meiner Wanderung an den Fuß des Everest führte mich mit einem neuge­wonnen Freund ins Hochgebirge. Nach dem Frieden des ersten Teilstücks, befanden wir uns nun auf einem wahren Highway. 

 

Von einem Moment auf den anderen war es mit dem himmli­schen Frieden vorbei. Es schien uns, als wären wir auf einem Rummelplatz gelandet; der ungewohnte Lärmpegel war sehr befremd­lich: Stimmen schnat­terten durch­ein­ander, grelles Lachen ertönte, die unver­meid­li­chen Teleskopstangen klackerten im Takt auf den Boden, und aus einem Gasthaus dröhnte grauen­volle Popmusik. Drinnen saß ein Mann von solch volumi­nösem Körperumfang, dass wir uns fragten, ob man die Hütte um ihn herum errichtet hatte. Wie war er nur hierher­ge­langt? Ein Blick auf die Tafel verriet, dass sich die Preise inner­halb weniger hundert Meter verdop­pelt hatten. Von nun an stiegen die Preise buchstäb­lich mit jedem Kilometer.

Wir erblickten Wanderer, die vollaus­ge­stattet in ihrer Funktionskleidung aussahen, als stünden sie im Begriff, eine Mondmission in Angriff zu nehmen. Träger schleppten Unmengen an Gepäckstücken hinterher. Einige Touristen mühten sich redlich, um mit der Videokamera nur ja keinen Schritt für die Nachwelt undoku­men­tiert zu lassen. Wir waren gerade einmal eine Woche am Rande der Zivilisation gewan­dert und fühlten uns wie Autisten in einem 3‑D-Kino. Wie hatten wohl die Synapsen getanzt, als Mogli die Lichter der Stadt erblickt hatte?

In der nächsten Ortschaft konkur­rierten mehrere Läden mit Poolbillard. Seit einer Woche hatten wir keinerlei Kühlschränke gesehen – nun waren sie prall gefüllt mit den Verheißungen der Konsumindustrie – Softdrinks und Schokoriegel in allen Variationen lachten uns von weitem an. Von einem klugen Mann las ich einmal, welch großer Unterschied zwischen Verzicht und einem erloschenen Verlangen besteht. Das traf es gut: Die Konsumgüter reizten uns noch immer, und wir delirierten scherz­haft über einen Überfall auf einen der prall gefüllten Kühlschränke. Auf dem ersten Teil der Wanderung hatte sich das Angebot an Luxusgütern auf ein paar verstaubte Dosen Cola in einem Bretterverschlag beschränkt – wenn überhaupt.

Doch wir beschlossen, bei unserem einfa­chen Leben zu bleiben und uns weiter in Verzicht zu üben. Wir wollten der Gier, die uns die Suggestion der Werbung seit Ewigkeiten eintrich­terte, auf dieser Wanderung bewusst entsagen. Wir schöpften unser Trinkwasser weiter aus den Flüssen. Das war besser, als drei oder vier Plastikflaschen am Tag zu hinter­lassen. Die Folgen waren deutlich sichtbar. Es war tröst­lich, dass wir das Befremden ob des Treibens um uns herum teilten. So schufen wir unseren eigenen Kosmos, orien­tierten uns weiter an der Natur und ignorierten die blinkenden Lichter oder machten unsere Scherze darüber. Unsere Ernährung bestand ausschließ­lich aus verschie­denen Variationen von Kartoffeln, Reis, Gemüse, Eiern und Schwarz‑, Masala‑, Ingwer- oder Pfefferminztee.

Am Abend fanden wir ein Gasthaus, dessen gemüt­li­cher Aufenthaltsraum von einem Kamin beheizt wurde. Seit längerem wurden die Knochen mal wieder richtig warm. Das war wirkli­cher Luxus.

 

Der Anstieg nach Namche war anspruchs­voll. Die gerade in Lukla gestar­teten Wanderer taten uns fast leid. Ich musste weiter auf die Zähne beißen, doch Johannes drosselte sein Tempo ein wenig, so dass ich Schritt halten konnte. Immerhin waren die Schmerzen bergauf kleiner. Unterwegs begeg­nete uns eine ungewöhn­liche Erscheinung. Da liefen wir schwer atmend den Berg hinauf und wurden plötz­lich von einer jungen Frau überholt, die locker an uns vorbei­schwebte. Am nächsten Rastplatz vollführte sie ein Aerobic-Programm, das mich an unsäg­liche Videos aus den 80ern erinnerte. Trotz der Kälte trug sie ein bauch­freies Top, und wir bemerkten boshaft, dass ihr Gepäck nur aus einem Vorrat an Lippenstift zu bestehen schien. Sie hätte deutlich besser an einen Partystrand oder in eine Diskothek gepasst. In dieser Umgebung wirkte sie reich­lich deplat­ziert – als käme sie von einem anderen Stern. Sie erschien seltsam entrückt.

Kurz vor unserem Ziel hatten wir eine weitere Vision: aus dem Nichts tauchte ein Wanderer in Badehose, Badelatschen und Zipfelmütze auf – ein unerwar­tetes Bild. John kam aus Schweden und war auch sonst ein amüsanter Bursche. Gemeinsam bezogen wir ein Gasthaus.

Namche liegt auf 3400 Metern und ist wie ein Amphitheater in den Hang gebaut. Diese spezi­elle Lage verleiht dem Ort einen gewissen Charme. Gleichzeitig bestä­tigte sich, was wir gehört hatten: Der Ort war auf grausame Weise kommer­zia­li­siert. Neben zahllosen Ausrüstungsläden, Restaurants und riesigen Lodges waren es die Supermärkte mit ihrer beacht­li­chen Auswahl an Luxusgütern, die uns am meisten irritierten. Schließlich musste alles mühsam hier hochge­tragen werden. Und wer um alles in der Welt konnte nicht wenigs­tens hier oben auf den ganzen Quatsch verzichten? Offensichtlich die Wenigsten. Sie scheinen nicht begriffen zu haben, in welch fragilem Ökosystem sie sich befinden. Ein Abenteuer ohne Verantwortung. Es bedarf einer deutli­chen Steigerung des Bewusstseins, damit auch folgende Generationen die Wunder der Natur erleben können.

 

­­­­­­Ab Namche mussten wir zur weiteren Höhenanpassung langsamer werden. Dennoch beschlossen wir dort keinen Rasttag einzu­legen – wir wollten so schnell wie möglich wieder weg.

Der angeb­liche Geldautomat ist ein Phantom, obwohl er in allen Reiseführern beschrieben wird. Daher hatten wir geplant, unsere Devisen hier aufzu­fri­schen. Ich war bis auf umgerechnet 10 Euro blank. Doch wir erfuhren, dass der Geldautomat fast nie funktio­niert. Es gibt einige Anhaltspunkte, dass dieser Umstand kein Zufall ist. Denn seine Dysfunktion schafft ein ganz eigenes Geschäftsfeld, nur über eine Kreditkarte konnte man an Geld zu kommen. Bevor wir uns näher darüber infor­miert hatten, streiften wir durch ein Ausrüstungsgeschäft. Ich bat den Verkäufer, einige Kleinigkeiten zurück­zu­legen, da wir zunächst Geld besorgen müssten. Doch er wusste selbst Rat. Er könne uns gegen die übliche Servicegebühr von 10 Prozent eine überhöhte Rechnung schreiben und uns die Differenz auszahlen. So nahm das kuriose Schauspiel seinen Lauf: Der Mann tätigte einen kurzen Anruf und keine zehn Minuten später betrat ein Mann mit zwei Plastiktüten den Laden. Aus der einen zog er einen abgezählten Stapel nepale­si­scher Rupien, aus der anderen ein Kreditkartenlesegerät. Wir staunten nicht schlecht. Wo mochte wohl der geheime Ort liegen, an dem all diese Barreserven lagerten?

Da ich mit meiner auflad­baren Kreditkarte nur Geld für den Rückflug von Lukla einkal­ku­liert hatte, würde es für mich sehr eng werden. So kaufte ich mir nur einen einzelnen Teleskopstock zur Unterstützung für das Knie. Aus finan­zi­ellen Gründen war das sinnvoll, aus Balancegründen keines­wegs.

 

Als wir Namche am nächsten Morgen verließen, stapften wir unter finsterem Himmel bergan. Das Wetter wurde immer trost­loser. Schließlich begann es in Strömen zu regnen. Wir retteten uns in eine Lodge. Der Besitzer wollte uns davon überzeugen, dort abzusteigen. Wir wollten abwarten, ob sich das Wetter nicht doch noch besserte.

Ein völlig abgehetzter und schwer nach Luft schnap­pender Japaner erschien in der Lodge. Da wir gerade über eine Landkarte gebeugt waren, zeigte er uns, welche Route er in den letzten Tagen absol­viert hatte. Er hatte riesige Strecken in kürzester Zeit zurück­ge­legt und an Höhenakklimatisation kaum Gedanken verschwendet. Er setzte vollständig auf die prophy­lak­ti­sche Einnahme von Diamox – einem Medikament, das die Produktion von roten Blutkörperchen beschleu­nigt. Das senkte das Risiko, doch es blieb ein Spiel mit dem Feuer. Die Höhenkrankheit kann von Schwindel, Übelkeit, Gleichgewichtsstörungen über schwere Verwirrtheit bis hin zum Tode durch ein Hirnödem führen. Die Symptome treten mit Verzögerung auf; wenn man sie bemerkt, ist es manchmal schon zu spät. Doch wir hatten Geschichten von Touristen gehört, die sich per Hubschrauber nach Namche einfliegen lassen, um sich direkt auf einem Pferd noch höher bringen zu lassen. Gerade Japaner, die ihre kurzen Urlaube optimal ausnutzen wollen, riskieren alles. Es verging kein Tag mehr, an dem wir nicht Helikopter hörten, die Touristen in tiefere Lagen ausfliegen mussten. Höher, schneller, weiter.

Wir erfuhren, dass bald eine größere Gruppe von Koreanern erwartet wurde. Die Inhaber der Lodge begannen, Schirme aufzu­spannen und teure Souvenirs auszu­legen. Wir ergriffen die Flucht. Diese Reisegruppe hatten wir schon unter­wegs gesehen; sie filmte ihren ganzen Trip ununter­bro­chen. Rette sich, wer kann!

So stiegen wir bei weiter schlechtem Wetter nach Tengboche auf. In endlosen Serpentinen schraubte sich der Pfad nach oben. Ich fühlte mich wie eine alters­schwache Dampflok, die Kette raucht. Unterwegs begeg­neten wir einem Russen, der uns schon aufge­fallen war, als er, mit einer Videokamera bewaffnet, wahllos in Gast- und Privathäuser hinein­ge­stol­pert war, um alles zu filmen, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Womöglich wähnte er sich in einer Fassadenstadt und hatte nicht verstanden, dass hier wirklich Menschen wohnten. Eine schwer zu schla­gende Ignoranz. Es schien ein wenig, als hielte er sich mit der Kamera die Realität auf Distanz. Auf seinem breiten Kreuz trug er einen gewal­tigen 120-Liter-Rucksack. Als er außer Hörweite war, klagte uns sein Führer sein Leid. Es war offen­sicht­lich kein Zuckerschlecken, mit diesem kantigen, wortkargen Brummbär unter­wegs zu sein. Laut seinen Schilderungen besaß er die Empathie eines Stahlrohrs. Als wir den jungen Führer am nächsten Tag wieder trafen, waren wir erstaunt zu erfahren, dass er seinen ungeliebten Auftraggeber unter einem Vorwand stehen gelassen hatte. Er verzich­tete lieber auf das Geld, anstatt in den Wahnsinn getrieben zu werden.

Plötzlich riss die Wolkendecke auf, die Sonne brach durch und gab inner­halb weniger Augenblicke die Sicht auf die Umgebung frei, die wir zuvor nicht mal erahnen konnten.

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Staunend standen wir vor dem Panorama. Meine Versuche, Worte zu finden, versan­deten in sinnlosem Geplapper. Die Zeit stand still. Nachdem wir die letzten hundert Meter des Aufstiegs hinter uns gebracht hatten, war es endgültig um uns geschehen. Der Wind hatte die Wolken davon­ge­blasen. Vom Plateau, auf dem das buddhis­ti­sche Kloster Tengboche liegt, bot sich ein Blick in alle Himmelsrichtungen. Zum ersten Mal konnten wir die ganze Majestät der Berge vor uns liegen sehen. Der Ama Dablam glänzte im Abendlicht der Sonne.

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Wir genossen den Anblick, bis die Sonne unter­ge­gangen war und die Kälte unerträg­lich wurde. In einem angenehm abseits stehenden Gasthaus fanden wir das letzte freie Zimmer.

Kaum hatten wir uns in den Gastraum gesetzt, als ein klein­wüch­siger Mann den Raum betrat. Für seine Körpergröße trug er einen völlig überdi­men­sio­nierten Rucksack. Sein Kopf war hochrot, als würde er gleich platzen. Er japste nach Luft. Doch anstatt sich hinzu­setzen und auszu­ruhen, lief er wie Rumpelstilzchen durch den Raum. Seine Unruhe schien nicht kleiner zu werden. Manchmal fragten wir uns, ob die Leute wirklich wussten, was sie hier oben taten. Als ich ihn Tage später fast tausend Meter höher wiedersah, war ich verwun­dert, dass er durch­ge­halten hatte.

Außerdem bevöl­kerten zwei Liverpooler den Raum, die ein wenig durch­ge­knallt wirkten. Sie verkün­deten uns stolz, sie seien die langsamsten Wanderer aller Zeiten. Das hing wohl nicht unwesent­lich mit ihrem erheb­li­chen Marihuanakonsum zusammen. Es schien, als seien sie direkt aus den 60ern hierher telepor­tiert; rein optisch hätten sie sofort bei den Beatles mitspielen können. Ich habe noch nie Menschen zugehört, bei denen „dude“, „Hey, man“ und ähnliche Floskeln so essen­ti­elle Bestandteile der Kommunikation waren…

Abends saßen wir draußen auf einer Holzbank hinter dem Gasthaus oberhalb eines jähen Abgrunds. Wir betrach­teten die vom Mondlicht silbrig erleuch­teten Berge, die in ihrer kontu­ren­haften Zeichnung noch eindrück­li­cher wirkten. Über uns zeigten sich Tausende Sterne in ihrer ganzen Pracht. Die Milchstraße war deutlich zu erkennen. Selten war uns der Himmel so nah erschienen.

In Tengboche mussten wir endgültig eine Pause zur Höhenanpassung einlegen. Inzwischen war ich 12 Tage am Stück gelaufen. Johannes war seit zehn Tagen unter­wegs. Wir freuten uns über die verdiente Pause.

Unser Hippieleben hatte auch seine Schattenseiten. Heißes Wasser für eine Dusche kostete hier oben drei Dollar und die wollten wir uns sparen. Wir baten den Hausherrn um einen Eimer kaltes Wasser – der war umsonst. Er war ausge­spro­chen amüsiert – das kam wohl selten vor. Ich bestieg den klapp­rigen Bretterverschlag, in dem mir schon so arsch­kalt war. In dem Bottich schwammen Eisklumpen. Während sich Johannes im Anschluss mit drei Litern Wasser für die Körperwäsche begnügen würde, verstand ich das als Wettbewerb zweier Idioten und jagte mir 40 Liter des eiskalten Nass Becher für Becher über den Körper. Ich empfand ein fürch­ter­li­ches Ziehen am Hinterkopf; mein Körper versuchte verzwei­felt, die Körperoberfläche zu verrin­gern. Ich fühlte mich, als müsste ich sterben.

Wenigstens schien seit einer gefühlten Ewigkeit wieder die Sonne, so dass wir gleich wieder trocken waren. Die warme Höhensonne war eine Wohltat. Als wir uns ein wenig die Beine vertraten, stießen wir auf John, der gerade den Ort erreichte. Auch er fand einen Platz in unserem Gasthaus und würde sich uns anschließen.

Wir mussten dringend waschen; kein anderer Mensch hätte freiwillig unser Zimmer betreten. Johannes, John und ich wuschen wie die Waschweiber unsere Kleider an einer offenen Wasserleitung. Die Nepali, die uns als Begleiter verschie­dener Reisegruppen passierten, amüsierten sich prächtig über uns. In den organi­sierten Trecks musste man sich um nichts kümmern. Männer, die ihre Wäsche selbst wuschen, passten nicht ins Bild. Dummerweise begann es bald wieder zu regnen, und so blieben unsere Sachen klatsch­nass.

Am nächsten Morgen packten wir die nassen Klamotten wieder ein und machten uns auf den Weg. Mir war nur ein T‑Shirt geblieben, doch Johannes lieh mir seine Fleece-Jacke. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, in den nächsten Tagen einige harte Routen zu gehen, und wollte sich für die kernigen Pässe abhärten. Kurz nach der nächsten Ortschaft überquerten wir die Baumgrenze. Nur noch einzelne Sträucher fanden sich am Wegesrand. Schließlich ging die Landschaft in karge Geröllfelder über. Es wurde extrem neblig, so dass wir kaum die Hand vor Augen erkennen konnten. Es war, als tasteten wir uns auf einem Terrain entlang, das jenseits dieser Welt lag. Es hätte auch ein Traum sein können. Bald hatten wir keine Ahnung mehr, ob wir in die richtige Richtung gingen. Schließlich wurde es wieder klarer, und wir erreichten Dingboche auf 4400 Metern. Dort mussten wir dann einen weiteren Ruhetag einlegen. Wir spielten schließ­lich kein russi­sches Roulette wie die Japaner.

Hier schloss sich Hughan aus Schottland unserer Gruppe an. Inzwischen fiel es mir schwer, etwas Vernünftiges nieder­zu­schreiben. Oft fühlte ich mich ein wenig benommen. Das fühlte sich jedoch selten unange­nehm an, eher wie ein leichter Rausch; meine Gedanken fühlten sich leicht an. Ich konnte mich ganz auf die unmit­tel­bare Naturerfahrung einlassen. Über uns thronte der imposante Ama Dablam. In der Höhensonne las ich ein gutes Buch und schwelgte in dem Anblick.

Johannes und ich hielten uns konse­quent an Daal Bhat – das Nationalgericht der Nepali aus Reis und Linsensuppe. Je nach Zubereitung gehören auch Kartoffeln und/​oder Gemüse dazu. Es war das einzige Gericht, bei dem man eine zweite Portion erhielt, und wir aßen, bis wir zu platzen drohten. Wir verbrannten Unmengen an Energie – entspre­chend groß war der Hunger nach Kalorien. John hatte eine andere Taktik und trug eine Großpackung Schokoriegel mit sich. Er hatte auf der Wanderung bereits eine regel­rechte Sucht entwi­ckelt.

Johannes hatte große Pläne: Am nächsten Morgen würde er nach Chukung aufbre­chen, um den Chukung Ri zu besteigen. Dann wollte er über einen hölli­schen Pass auf die Everest-Route zurück­ge­langen und nach dem Besuch des Base Camps über einen weiteren kernigen Pass zu den Seen von Gokyo gelangen. Ich hätte ihn gerne begleitet, doch das war mit dem lädierten Knie utopisch. Ich konnte mir den Schmerzen einfach nicht schnell genug gehen; ohne High-Tech-Ausrüstung war eine drohende Übernachtung auf einem der Pässe lebens­ge­fähr­lich. So würde ich mich mit Hughan und John auf die Route zum Kala Patar beschränken.

Johannes und ich waren uns in der Kürze der Zeit richtig ans Herz gewachsen. Wir hatten viel zusammen gelacht und einige beson­dere Momente mitein­ander geteilt. Diese Begegnung war ein Glücksfall und hatte der Wanderung eine beson­dere Tiefe gegeben. Er drückte mir einen 50-Euro-Schein in die Hand, damit ich auf jeden Fall zurande kam. Ich bat ihn, auf sich aufzu­passen; ich wusste, wie sehr er das Risiko liebte.

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John war die letzten Monate durch Südostasien gereist. Er war auf den Backpackerstraßen in Thailand, Laos, Kambodscha und Malaysia unter­wegs gewesen. Mit seinen 20 Jahren war er ein unbeküm­merter, offener und lockerer Typ – ein angenehmer und lustiger Reisebegleiter. Hughan war ein völlig anderer Typ. Er war Mitte 30, ernst­hafter, aber genauso abenteu­er­lustig. Er gehörte zu den Reisenden, die in kürzester Zeit möglichst viel sehen möchten. Er lebte im Moment in Abu Dhabi. Als passio­nierter Gleitschirm-Flieger bot ihm die Wüste perfekte thermi­sche Bedingungen.

 

Nachdem wir den Grat hinter Dingboche erklommen hatten, bot sich hinter uns erneut ein imposanter Anblick auf den Ama Dablam – für mich der schönste Berg in der Region.

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Nach einem flacheren Abschnitt wurde der Weg extrem steil. Wir erreichten einen weiteren Pass, an dem aufge­türmte Steine und ein kleines Mahnmal an die tödlich verun­glückten Menschen erinnerten. Im dichten Nebel hatten die tibeti­schen Gebetsfahnen über den Geröllfeldern etwas Gespenstisches. Es schien, als wollte das Wetter unter­strei­chen, wie ungeeignet dieser Ort für uns Menschen war. Immer wieder kam ich mir angesichts der übermäch­tigen Kulisse wie ein Eindringling in eine fremde Welt vor. Das hatte etwas Furchteinflößendes und zugleich etwas zutiefst Tröstliches. Dies war ein Ort, den wir uns niemals untertan machen würden. Angesichts der alles beherr­schenden Natur wird man sich der eigenen Winzigkeit unmit­telbar bewusst.

Natürlich gibt es Menschen, die meinen, sie könnten die Natur bezwingen. So gilt die Besteigung des Mount Everest manchem als reine Mutprobe. Als Heldentat. Doch was man wirklich lernen kann, ist Demut. Vielfach wurde der Hochmut bitter bestraft. Die zuneh­mende Kommerzialisierung zerstört die ursprüng­liche Magie des Bergsteigens. Längst gehören Staus zum Alltag bei der Besteigung. Jeder, der die 60 000 Euro für die Besteigung aufbringt, kann es heute nach oben schaffen. Es bleibt natür­lich eine unglaub­liche körper­liche Anstrengung, aber den Großteil der Arbeit machen die Sherpas.

 

Am letzten Aufstieg nach Lobuche schien die Luft mit jedem Schritt dünner zu werden. Selbst während der Pausen schlug mir das Herz bis zum Hals. Auf 5000 Metern wird der Sauerstoff nur noch mit halbem Druck in die Lungenbläschen gepresst. Daher braucht man mehr Atemzüge, um den notwen­digen Sauerstoff aufzu­nehmen. Die Sherpas haben den Vorteil, dass sie von Geburt an die Verhältnisse gewöhnt sind und in ihrem Körper mehr rote Blutkörperchen produ­zieren. Das schmä­lert meine Bewunderung für die Träger in keiner Weise. Fasziniert betrach­tete ich, wie sie auf dem Steilstück schwere Holzelemente in die Höhe wuchteten. Die Lasten sind mit Stirngurten befes­tigt und die Träger beherr­schen eine ganz beson­dere Tragetechnik, die ein hohes Gleichgewicht voraus­setzt. Sie sind unglaub­lich zäh: ihre Sehnen müssen aus Stahl sein. Die meisten tragen eine Art Schemel bei sich, auf dem sie ihre Last immer wieder abstützen und viele kurze Pausen einlegen – dafür marschieren sie den ganzen Tag. Konzentration und Anstrengung stehen ihnen ins Gesicht geschrieben und dennoch habe ich sie oft lächeln sehen. Sie werden meist anhand des Gewichts bezahlt, das sie tragen. Bei einigen sind das über 100 kg. Einmal durfte ich das Gepäck eines Sherpas einige Meter tragen. Es schien mir unglaub­lich, dass sie dauer­haft ein solches Gewicht stemmen können. Über mein Gewicht hätten sie herzlich gelacht.

 

Längst hatte sich die Landschaft in eine einzige Steinwüste verwan­delt. Nur der Schnee und das bläulich schim­mernde Eis boten eine farbliche Abwechslung. Schließlich erreichten wir Lobuche auf etwa 4900 Metern. Der Ort war geradezu absto­ßend und bestand aus riesigen Lodges – ein wahres Touristen-Ghetto. Wir fanden ein Dreibettzimmer. Unsere russi­schen Zimmernachbarn vertrieben sich den Abend mit Wodka und Krakeelen.

Ich bekam heftige Kopfschmerzen – eine eisige Kralle hatte sich in mein Hirn gebohrt. Hughan hatte für den Notfall Diamox dabei und ich nahm vorsichts­halber eine Tablette. Sie brachte Linderung, hatte aber den Nachteil, dass ich nachts noch öfter in die Eiseskälte hinaus musste. Ohnehin fühlte man sich bei den Flüssigkeitsmengen, die man in sich hinein­schütten musste, wie ein nieren­krankes Pferd.

Am Morgen fühlte ich mich deutlich besser, dafür fühlte sich John, als wäre er über Nacht seekrank geworden. Er war kurzatmig und bekam ebenfalls starke Kopfschmerzen. Die letzte Etappe lag vor uns. Wir fühlten uns zuneh­mend berauscht angesichts des nahen Ziels. Von den Kuppen der auf- und abstei­genden Geröllfelder sahen wir immer wieder die mächtigen Berge, deret­wegen wir uns auf den Weg gemacht hatten. Wir konnten es kaum noch erwarten. Schließlich erreichten wir die letzte Ortschaft – Gorak Shep auf etwa 5100 Metern. Der Ort besteht aus einer Handvoll Lodges und einem Internetcafé. Ich frage mich bis heute, welche geltungs­süch­tigen Idioten sich hier bei Facebook einloggen, um der Welt zu verkünden, dass sie nun den Everest sehen können. In Tengboche hatte das Internetcafé gar mit Business Conferencing geworben. Dekadenter geht es wohl nicht mehr.

 

Da das Wetter ziemlich gut war, deponierten wir unsere Rucksäcke und machten uns gleich daran, den Kala Pattar zu besteigen. Aus der Ferne erscheint er nur wie ein kleiner Hügel, doch das stimmt nur in der Relation.

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John fühlte sich inzwi­schen richtig mies. Hughan schien die Höhe weniger auszu­ma­chen. Ich war ziemlich am Limit. Es erschien mir, als wäre der Sauerstoff fast vollständig aus der Luft gewichen. Es war kaum noch möglich, sich auf den Weg zu konzen­trieren, da die Kulisse mit jedem Meter eindrück­li­cher wurde. Endlich erreichten wir den Gipfel auf 5675 Metern. All die Strapazen waren in diesem Moment vergessen; der Blick auf die in gleißendes Sonnenlicht getauchten Berge war atembe­rau­bend. Wir hatten ein gutes Zeitfenster erwischt und konnten eine halbe Stunde lang einen fast ungetrübten Blick auf den Everest und die umgebenden Berge genießen. Der Wind wehte in kräftigen Böen. Sein Pfeifen übertönte alle anderen Geräusche.

Nun waren wir schon so hoch gestiegen und noch immer blickten wir auf Giganten, die wie Wände vor uns standen. Es war leicht, sich vorzu­stellen, warum die umlie­genden Berge als Wohnsitz der Götter gelten. Der Everest heißt bei den Nepali Sagarmantha – „Stirn des Himmels“ – die Tibeter nennen ihn Qomalangma – „Mutter des Universums“.

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Doch leider ist Respekt nicht allen Menschen zu Eigen. Trotz der Gebetsfahnen, die diesen Ort als heilig kennzeichnen, nutzte ein 50-jähriger Russe die Gelegenheit, um seine deutlich jüngere Freundin oben ohne vor dieser Kulisse abzulichten. Sichtbar stolz auf die Reize seiner Gefährtin, erklärte er mir, dies wäre sein Hobby. Sie hätten ähnliche Fotos auf allen Kontinenten gemacht. Manche Leute wissen wohl wirklich nicht, was sie mit ihrem übermä­ßigen Reichtum anfangen sollen!

Ich war glück­lich, dass ich bis zum Schluss durch­ge­halten hatte. Da saß ich nun, umgeben von beängs­ti­genden Abgründen auf allen Seiten, blickte auf gigan­ti­sche Berge, Gletscher und Seen und versuchte die Atmosphäre tief in mich einzu­saugen. Ich war berauscht. Höher würde ich in meinem Leben vielleicht niemals kommen – meine Höhenangst hatte ich auch mit einer Reihe von Rosskuren nicht verrin­gern können. Im Gegenteil. Also schied Bergsteigen aus.

Schließlich war es ein beson­deres Schauspiel zu beobachten, wie sich die Wolkenwände blitz­schnell aus dem Tal nach oben bewegten und die Berge verhüllten.

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Auf dem Weg zurück ins Tal schwebte ich fast.

 

Hughan und John brachen nach der Rückkehr zum Base Camp auf. Da mich der Besuch dort wenig reizte, machte ich mich deutlich später auf den Weg, um zumin­dest einen Blick auf den Khumbu-Gletscher zu werfen, der sich vom Everest hinab­zieht. Der tosende Lärm, wenn Spalten vom Gletscher abbra­chen, war ohren­be­täu­bend. An manchen Stellen hatten sich kleine Seen gebildet; das schim­mernde Hellblau bestimmter Eisschichten wirkte unwirk­lich. Einige hundert Meter vor dem Base Camp machte ich kehrt. Später sah ich in einem Museum in Pokhara Aufnahmen verschie­dener Gletscher, 40 Jahre alte Bilder vergli­chen mit aktuellen. Ich war schockiert zu sehen, dass der Kumbhu-Gletscher in diesem Zeitraum die Hälfte seiner einstigen Größe einge­büßt hat. Wenn man bedenkt, dass der Himalaya mit seinen Gletschern das Wasserreservoir für große Teile Asiens und Lebensgrundlage für über eine Milliarde Menschen darstellt, muss man sich große Sorgen machen. An wenigen Orten kann man so deutlich die Klimaveränderungen erkennen, die sich gerade vollziehen.

 

Nachts war die Temperatur im Zimmer unter dem Gefrierpunkt; im Bart setzte sich Eis fest.

Am nächsten Morgen hatten wir klares Wetter. Nach der Kälte der Nacht wurde es in der Sonne richtig heiß. Ich genoss einen letzten Blick auf das unglaub­liche Naturschauspiel. Dann machten wir uns wieder an den Abstieg. Schon nach wenigen Kilometern wurde offen­sicht­lich, dass ich den beiden nicht folgen konnte. Sie hatten sich vorge­nommen, den ganzen Weg bis nach Namche in einem Stück zu laufen. Doch bergab kam ich nur langsam voran. Ich verab­schie­dete mich herzlich von ihnen. Für einen Moment war ich betrübt. Doch schnell wurde mir klar, dass ich im Grunde ganz froh war, niemand mehr hinter­her­he­cheln zu müssen und mein eigenes Tempo zu gehen. Außerdem erschien es unsinnig zu hetzen. Warum sollte ich die tolle Wanderung nicht gemäch­lich ausklingen lassen? So fokus­sierte ich mich auf das einma­lige Panorama.

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Mit jedem Kilometer strömte mehr Luft in meine Lungen. Der Treck endete wie er begonnen hatte – alleine. Doch ich war voller neuer Kraft. Das Kämpferherz hatte den Schmerz besiegt.

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Kommentare

  1. Avatar von Ahihogodav
    Ahihogodav

    lus clomid identical or fraternal twins clomid start day 6

  2. Avatar von Jozef
    Jozef

    Danke Oleander fur dein toller bericht, aus dem herzen geschrieben. Wir haben deinen story genossen und werden in marz 2017 die strecke Jiri-bis Gokyo-Jiri zu fuss machen.

    1. Avatar von Oleander Auffarth

      Lieber Jozef! Freut mich sehr, dass Euch meine Geschichte gefallen hat und Ihr sie mit dem Herzen lesen konntet. Ich wünsche Euch unver­gess­liche Eindrücke auf Eurer Wanderung. Von den Gokyo-Seen habe ich leider nur Bilder von meinem Freund gesehen, aber sie sind definitiv ein beson­ders schönes Ziel.
      Alles Gute für Euch! Liebe Grüße! Oleander

  3. Avatar von Aylin

    Oleander, es ist immer ein Genuss, über Deine Abenteuer zu lesen!

    1. Avatar von Oleander Auffarth

      Vielen herzli­chen Dank, Aylin! Da freue ich mich tierisch! Ganz liebe Grüße, Oleander

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