Mardi Himal

Meine Reise zum heiligen Berg

„Thik Cha, Bhai?“. Rhameshs Frage nach meinem Befinden klingt ernsthaft besorgt und auch ich frage mich, ob mein „I guess it will be okay“, vom heutigen Morgen nicht etwas vorschnell dahingesagt war.

Seit meiner ersten Asienreise vor über zehn Jahren, auf der ich, Dank eines Getränkes mit „lokalen“ Eiswürfeln, tatsächlich mal zwei Tage flachlag, besitze ich einen Saumagen, wie man in der Heimat sagen würde. Kein Streetfoodstand zwischen Kuala Lumpur und Mandalay konnte mir in den letzten Jahren etwas anhaben, aber am Vorabend meines ersten großen Treks, holt mich das Schicksal dann doch noch ein. Aktuell möchte ich die Spinat-Käse-Momo’s der letzten Nacht am liebsten einfach nur vergessen und konzentriere mich Stufe um Stufe aufs Vorankommen. Die im Zenith stehende Sonne und der Fakt, dass ich den Inhalt meines Magens, der ohnehin nur noch aus Wasser und Galle besteht, alle paar Minuten in irgendeinem nepalesischen Gebüsch entleere, machen mir dies alles andere als leicht. „Thik Cha, Dhai!“. Mein krampfhaft bemühtes Lächeln scheint Rhameshs Zweifel nicht aus der Welt zu schaffen und er deutet mir mit einer Handbewegung an, mich in den Schatten zu setzen. “Fiveminit, Bhai, fiveminit“, und schon hüpft er wie eine Gazelle den schmalen Treppensteig, den wir uns seit zwei Stunden hochgekämpft haben, wieder hinunter. Rhamesh, ein ortsansässiger Nepalese, war mir von einem guten Freund als Guide empfohlen worden. Wie viele Nepalesen, in und um die Trekkinggebiete Kathmandus und Pokharas, freut der schmale, Mitte Dreißig Jährige Man sich über jeden Kunden, der ihm privat vermittelt wird, da ein Großteil der zwanzig bis dreißig Dollar, die er pro Tag verdient, sonst bei einer der zahlreichen Vermittlungsagenturen hängenbleiben würde. Über Facebook hatten wir uns am gestrigen Mittag zum Lunch verabredet und mein etwas verlegen, aber gleichzeitig schelmisch lächelnder Gegenüber war mir sofort sympathisch. Dass ich fit sei und mit der Höhe sicher kein Problem haben werde, habe ich ihm in einer Mischung aus meinen quasi nicht vorhandenen Nepalesisch-Kenntnissen und simplem Englisch noch mit auf dem Weg gegeben. „Thik Cha, Bhai, seeyoutomorrow, eightoclock“. Das war gestern und vor meiner Momo-Vergiftung. Nur meiner bescheuerten Sturheit habe ich es zu verdanken, dass ich jetzt hier kotzend und dem Zusammenbruch nahe auf einem Stein sitze, denn Rhamesh hatte mir bereits am Morgen, wohl etwas geschockt von meinem Anblick, davon abgeraten, den Trek heute zu starten. Bevor ich genug Zeit habe, mich selbst für meine Blödheit zu verfluchen, steht die Gazelle plötzlich schon wieder vor mir, in der Hand ein Pulver, das aussieht wie feiner Salz. „Youtake, hydradte“, und ich folge seiner Anweisung. Tatsächlich merke ich, wie der gefühlte Wirbelsturm in meinem Bauch sich etwa fünfzehn Minuten später zu legen beginnt. „Thik Cha, Bhai?“. „Thik Cha, Dhai!“, entgegne ich, nun auch selbst etwas enthusiastischer. „Yam, yam, letgo, Tea-House onehour, Bhai“.

Das „Bhai-Dhai-Spiel“ habe ich nach meiner Ankunft in Nepal, vor etwa einem Monat, recht schnell durchschaut. „Bhai“ ist der kleine, „Dhai“ der große Bruder und da die Nepalesen wie ich glaube, oft selbst keine Ahnung haben, ob ihr Gegenüber Ganesh oder Purna heißt, ist es sehr verbreitet. „Thik Cha“ ist das Equivalent zu unserem „Alles klar“ und kann sowohl als Frage, wie auch als Antwort verwendet werden. Allein diese beiden Floskeln können einem im Kontakt mit Locals schon etliche Türen öffnen und so hatte ich Rhamesh gebeten, mir im Verlauf unserer sechstägigen Wanderung, doch bitte etwas nepalesisch beizubringen. Dass er freudestrahlend zustimmte, brauche ich wohl kaum zu erwähnen, denn seine Englischkenntnisse stammen wohl eher aus aufgeschnappten Worten von Touristen, als von jahrelangem Unterricht. Das Land, in dem ich mich befinde, zählt immernoch zu den fünf ärmsten der Welt (außerhalb Afrikas) und Schulbildung ist hier alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Während mein Rucksack und ich, Stufe um Stufe, die in Stein gehauenen Treppen hinaufsteigen, merke ich, wie langsam etwas Kraft in meine Beine zurückkehrt und tatsächlich erreichen wir etwa eine Stunde später das verheißene Tea-House. Ab einer gewissen Höhe, gibt es in den Bergen nur noch vereinzelte dieser Stuben, die als einfaches Restaurant mit angeschlossenen Übernachtungsmöglichkeiten fungieren, Rhameshs Aufgabe ist es mich zu diesen zu guiden und mir einen Schlafplatz zu verschaffen. Da wir außerhalb der Trekking-Saison unterwegs sind, sollte dies für ihn kein all zu großes Problem darstellen und in dem ersten Tea-House sind wir zumindest schonmal die einzigen Gäste. „Dhalbat, Bhai? Willgiveyoupower, Bhai!“, und auch wenn ich mich nicht wirklich nach dem Verzehr einer Mahlzeit fühle, mit dem Nationalgericht der Nepalis kann man eigentlich nie etwas falsch machen. Zu erschöpft, habe ich mich bei Ankunft einfach auf einen der zahlreichen Plasikstühle im Schatten fallen lassen und bemerke erst jetzt, dass Rhamesh mir andeutet, mal den Kopf zu drehen. Mich trifft fast der Schlag, als ich der Bewegung seiner Hand folge, denn hinter uns erstreckt sich bereits ein Teil des Annapurna-Massivs, das während des schluchtartigen Aufstiegs auf circa zweitausend-zweihundert Meter, noch verborgen war. Noch nie habe ich solche Bergformationen aus solch einer Nähe gesehen und auch während der, aus Reis, verschiendenen Linsencurries, Kartoffeln und Gemüse bestehenden Mahlzeit, schaffe ich es kaum, meine Augen abzuwenden.

Zwei Masala-Tees mit frischer Büffelmilch später, geht es mir bereits wieder so gut, dass ich auf Rhameshs Frage: „Stayhereforthenight, Bhai?“, entgegne, dass wir es doch bestimmt auch zur nächsten Teestube, unserem geplanten Tagesziel, schaffen werden. Und so setzt sich unsere kleine Zwei-Mann-Karavane wieder in Bewegung. Ziel ist das Mardi Himal Basecamp, gelegen auf knapp viertausend-sechshundert Metern, von denen wir nun gute Vierhundert unter uns zurückgelassen haben. Gestartet auf eintausend-achthundert Metern in einem kleinen Dorf namens Khande, das wir von Pokhara aus per Local-Bus gegen halb Zehn erreichten, liegen also noch gute zweitausend-vierhundert Höhenmeter vor uns. Der tannenartige Wald, durch den sich unser kleiner Pfad jetzt etwas gemächlicher den Berg hinaufschlängelt, gibt hin und wieder eine kurze Vorschau, auf das was uns erwartet, wenn wir die Baumgrenze überschreiten. Ich atme glasklare Luft und die Temperatur liegt etwa bei Zwanzig Grad, hervorragende Wanderbedingungen also. Manchmal bleibt Rhamesh für eine Lektion in Pflanzenkunde stehen, genaugenommen zeigt er nur kurz auf eine der zahlreichen bunten und in jeglichen Formen vorkommenden Blumen und Pflanzen am Wegesrand und sagt etwas auf nepalesisch, schätzungsweise den Namen des Gewächses. Riesige Orchideen und Rhododendron, die Nationalpflanze des Nepalesen, aus der traditionelle Kränze für Feierlichkeiten geflochten werden, begleiten unseren Aufstieg. „Ramro Cha!“. Das ist schön.

Gegen fünfzehen Uhr erreichen wir das „Forrest Camp“ und Rhamesh klopft mir anerkennend auf die Schulter, weil er nach dem heutigen Start wohl das Schlimmste befürchtet hat und nun ebenfalls sehr erfreut ist, dass es mir deutlich besser geht und wir gut vorangekommen sind. Bis jetzt sind keine anderen Wanderer im Camp und so setzten wir uns zu der Familie, die das Tea-House betreibt und die Rhamesh wohl schon lange kennt. Jedenfalls wird viel gescherzt und ich lache einfach mit, als würde ich Witze und Anekdoden aus meiner Kindheit hören. Nach kurzer Zeit packt der Älteste der Runde ein Holzbrett aus, auf das ein Mühle-ähnliches Spielfeld aufgemalt ist und fordert meinen Guide zum Duell. „Bagh Chal, Bhai, Bagh Chal“, erklärt mir Rhamesh, während er kleine Steine und Stöcke, die als Spielfiguren dienen, vom Boden aufliest. Vier Stöcke kämpfen gegen Zwanzig Steine, mehr kann ich aus dem hektischen Spielverlauf nicht schließen, das Ganze sieht jedenfalls nach einem spannenden Strategiespiel aus und der Alte gewinnt, woraufhin ihm Rhamesh eine Zigarette gibt. Komisch, bis jetzt habe ich ihn nicht rauchen sehen, allerdings überkommt mich nun selbst die Lust auf einen Glimmstängel und ich krame eine halbvolle Packung „Surya“ (zu Deutsch: Sonne) aus meinen Rucksack. Die ihm angebotene Kippe lehnt Rhamesh ab und so ist nur der Alte mein Partner in Crime. Nach und nach erreichen ein paar andere Wanderer das Camp, unter anderem eine sechsköpfige, chinesische Gruppe mit Guides und Sherpas, ein Pärchen aus Kanada, plus Guide, eine Belgierin, ebenfalls mit Guide und zwei Amerikaner, die alleine unterwegs sind. Gemeinsam schauen wir uns den spektakulären Untergang der Sonne, die hinter einem der Gipfel des Annapurna-Massivs versinkt, an und alle schweigen bedächtig.

Nur Sekunden nach diesem wundervollen Schauspiel wird es kalt. Und zwar nicht kalt, im Sinne eines kurzen Windzuges, sondern wirklich kalt. Alle rennen sofort in die winzigen Steinhütten, die als Unterkunft dienen und Shorts und T-Shirt werden gegen lange Unterhose, Thermohose, Fleece-Longsleeve und Daunenjacke getauscht. Vorallem die Gruppe der chinesischen Wanderer sieht aus, als wäre sie soeben einem Jack Wolfskin Katalog entsprungen, neben ihren, wahrscheinlich im vierstelligen Eurobereich liegenden Outfits, komme ich mir mit meiner alten Jogginghose und den zerschlissenen Nike Free’s fast etwas fehl am Platz vor. Die Lodge, das Haupthaus des Camps, das auch als Restaurant dient, wird mit einem uralten Holzofen geheizt und da es draußen mittlerweile nur noch fünf Grad hat, sind alle Anwesenden froh über die gemütliche Wärme. Neben ein einer Hand voll landestypischen Gerichten, enthält die Speisekarte auch ein paar Überraaschungen wie (Tiefkühl-) Pizza, oder Pancakes und auch das Angebot an alkoholischen Getränken ist erstaunlich groß.

Nach dem Essen bestelle ich eine Runde des günstigen, da vor Ort produzierten Raskis für die Sherpas, die im Nebenraum speisen und geselle mich zu ihnen. Der aus Hirse und weiteren Zutaten selbstgebrannte Schnaps, ist bereits ein bewährtes Mittel um das Eis zu brechen. Die teilweise nicht mal volljährigen Männer, deren Aufgabe sich auf das Schleppen des Gepäcks (bis zu zwanzig Kilogram) beschränkt, wirken erst etwas verstört und schüchtern, tauen dann aber recht schnell auf, als ich meine, den Tag über erlernten Nepalesisch-Kenntnisse zum Besten gebe. „Khushi lagyo“, “glücklich fühlen”, ist neu in meinem Reportoire und spiegelt meinenen aktuellen Gemütszustand sehr gut wieder.

Nächster Morgen, halb sechs. Geweckt von einem zaghaften Klopfen und leisen „Bhai“-Rufen, strecke ich meinen Kopf aus der Tür der kleinen Hütte und erblicke Rhameshs breites Grinsen. „Surya, Bhai, Surya“, flüstert er und deutet mir an, ihm zu folgen. Etwa zehn Minuten später erreichen wir einen kleinen Felsvorsprung, noch einmal zehn Minuten später erlebe ich einen der spektaklärsten Sonnenaufgänge meines Lebens. Wir frühstücken eine heiße Brühe mit Nudeln und trinken Milchtee, es wird keine Zeit verloren, denn heute haben wir eine größere Etappe vor uns als gestern, wie Rhamesh mir erklärt. Ich habe fast zehn Stunden geschlafen, fühle mich ausgeruht und fit und als ich den Rucksack mit meinen Habseeligkeiten aufschnalle, merke ich, dass es mir deutlich leichter fällt als am Vortag. Wir verabschieden uns von den Gastgebern, lassen ein paar hundert Rupies für Kost und Logie da und schon folgen wir wieder einem der zahlreichen kleinen Pfade, die uns näher an den Machapuchare, den heiligen Berg bringen.

In den nächsten drei Tagen wiederholt sich dieses Spiel. Mein Guide, der immer mehr zu einem „Sathi“, einem Freund wird, weckt mich früh, nach dem Sonnenaufgang laufen wir los und kommen meist am frühen Nachmittag im nächsten Camp an. Der „Mardi Himal-Trek“ ist noch relativ neu unter seinen großen Geschwistern, wie dem „Annapurna Basecamp“, oder „Poon Hill“ und da wir uns außerhalb der Hauptsaission befinden, treffen wir tagsüber, abgesehen von ein paar Yak-Hütern, auf keine Menschenseele. Wenn Rhamesh mir nicht gerade neues Vokabular beibringt, oder Flora und Fauna erklärt, höre ich nepalesische Klassiker, die ich mir in einer Spotify-Playlist zusammengestellt habe, oder genieße einfach den Fluß meiner Gedanken. Wenn die einzigen beiden Bedürfnisse ein Schlafplatz und Nahrung sind, bleibt viel Freiraum für anderes im Kopf, wie ich festgestellt habe. Ich fühle mich ausgeglichen, denke über Dinge nach, die mein Unterbewußtsein lange ausgeschoben hat und ertappe mich oft mit einem Dauergrinsen auf den Lippen. Die Vegetation um uns verändert sich stündlich und spätestens als wir die Baumgrenze überschritten haben, lässt sich die Schönheit der vor uns liegenden Berglandschaft eigentlich nicht mehr in Worte fassen. Die Abende in der Lodge sind ausgelassen und der Raski hilft gegen die Eiseskälte bei Nacht. Durch meine Gespräche mit Rhamesh und die Abende mit den anderen Guides und Sherpas verbessert sich mein nepalesisch stetig. Wenn wohl auch nicht grammatikalisch korrekt, kann ich mittlerweile viele Gefühlszustände zwischen hungrig („bhok lagyo“) und betrunken („raksi lagyo“) ausdrücken, sowie mit heimischen Weisheiten a la „rato mato, chiplo bato“ (Eine rote Straße ist immer rutschig), für Gelächter sorgen. Pfanzenkunde und Geschichte stehen täglich auf dem Plan, unter anderem erfahre ich, dass der Gipfel des Machapuchare bis heute noch nie bestiegen wurde, da auf seiner Spitze Shiva, einer der großen hinduistischen Gottheiten sitzt und die Nepalesen beobachtet. Angeblich raucht er dabei viel Haschisch, wie mir Rhamesh erklärt. Bis jetzt haben mir weder Kälte noch Höhe großartige Probleme bereitet und ich genieße mein Trekking-Abenteuer in vollen Zügen.

Am Nachmittag des fünften Tages erreichen wir, wieder mal lange vor den anderen Gruppen, das “High Camp”, auf etwa dreitausend-sechshundert Metern. Die strahlende Sonne fühlt sich zum Greifen nah an und ich baumele in einer Hängematte mit Panoramablick, als Rhameshs Grinsen vor mir auftaucht. „Yousmoke, Bhai?“. Da er mich bereits die ein, oder andere Zigarette rauchen hat sehen, verwundert mich diese Frage zuerst, sein schelmischer Gesichtsausdruck lässt mich dann aber recht schnell erahnen, worauf er hinaus will. Noch etwas überrascht, folge ich ihm zu seinen Kollegen, die es sich hinter dem Haus in der Sonne auf Plastikstühlen gemütlich gemacht haben. Nachdem alle Bhais und Dhais begrüßt worden sind, bekomme ich unvermittelt einen Tischtennisball-großen Klumpen Haschisch in die Hand gedrückt und werde aufgefordert, eine Tüte zu rollen. Wie bereits vorher beobachtet, entleeren die Nepalesen meist einfach den Tabak einer Zigarette, mischen ihn mit feingebröseltem Haschisch und füllen die Mischung dann wieder vorsichtig in die leere Hülse. Da ich nicht zum ersten Mal vor einer solchen Aufgabe stehe und mir augenblicklich einfällt, dass ich noch eine Packung Longpapers in meinem Rucksack habe, deute ich meinen Brüdern an, kurz zu warten. Mit großen Augen und sichtlich beeindruckt, sehen mir etwa zehn nepalesische Augenpaare dabei zu, wie ich einen Joint drehe, nach Vollendung meines Werkes wird begeistert applaudiert. Spätestens ab diesem Moment sind die letzten kleinen Eisschollen gebrochen, es wird noch ausgelassener gelacht als sonst, was höchstwahrscheinlich auch mit dem Konsum des starken, nepalesischen Haschischs zu tun hat.

Da heute der letzte gemeinsame Abend vor Erreichen des Base Camps und des daraufhin folgenden Abstiegs ist, wird jetzt gefeiert, erklärt mir Ayush, ein älterer Dhai. Wie auf Knopfdruck packt er eine kleine Ukulele aus, einer der Jungs taucht nur Sekunden später mit einer traditionellen Holzflöte auf und schon ist die Party in vollem Gange. Es bildet sich ein Kreis aus klatschenden Männern und natürlich werde ich aufgefordert in der Mitte zu tanzen. Ich versuche ungefähr alles, was ich in diversen Bollywood-Filmen aufgeschnappt habe in einem Tanz zu vereinen und ernte dafür reichlich Gelächter und Schulterklopfen. Angelockt von dem Spektakel, gesellen sich auch die anderen Wandersleut zu uns und wir beginnen uns gemeinsam zu den fremden Klängen zu bewegen. Mehrere Tänze und Raksis später, werde ich dann auch noch lautstark dazu aufgefordert, einen „German Song“ darzubieten und zwischen „Alle meine Entchen“ und „Atemlos“, fällt meine Wahl auf ein Lied, an das ich schon lange nicht mehr gedacht habe, das mir gleichzeitig aber mehr als passend erscheint. „Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten“, begleitet vom rhytmischen Klatschen nepalesicher, belgischer, chinesischer, kanadischer und amerikanischer Hände.

Obwohl Rhamesh mich vorgewarnt hatte, dass wir früh los müssen, da das Vorankommen auf einer Höhe von über viertausend Metern deutlich anstrengender sein wird, fühlt sich sein morgentliches Klopfen diesmal nicht zart, sondern eher wie ein Vorschlaghammer an. Schlagartig wird mir bewusst, dass ich am gestrigen Abend, lange nachdem meine Wanderkumpanen schon in ihren Steinhütten verschwunden waren, noch mit einer handvoll Sherpas, einer kreisenden Flasche Raski und diversen Haschischzigaretten um das tückisch wärmende Feuer saß. Jedenfalls geht es mir selbst nach dem Milchtee und einem Pancake mit Honig, nicht wirklich gut, trotzdem brechen wir noch in der Dunkelheit, bewaffnet mit Taschenlampen auf, um (auf meinen Wunsch hin) die Ersten am Base Camp zu sein. Mir ist eiskalt, doch unter meinem Windbreaker und der Fleecejacke läuft mir der Schweiß in Strömen am Körper hinunter. Da ich mir etwas blöd vorkomme, Rhameshs Rat nicht befolgt zu haben, versuche ich mir davon allerdings möglichst wenig anmerken zu lassen und kämpfe mich tapfer hinter meinem Guide über immer steiler werdende Felspfade den Berg hinauf. Zwischen High- und Base Camp liegen noch fast tausend Höhenmeter, die es zu überwinden gilt. Wieder einmal verfluche ich mich für meine Blödheit und meinen Leichtsinn, denn wie Rhamesh prophezeit hat, wird die Luft von Meter zu Meter spürbar dünner und das ruhige Atmen fällt mir immer schwerer. Mehrere Male muss ich mich setzen, verneine die Frage, ob wir nicht lieber umkehren sollen, aber jedes Mal. Die Sonne steht bereits fast im Zenith, als Rhamesh mein, dem Zusammenbruch nahes Ich, ein letztes Mal motiviert: „Yam, yam, Bhai, basecampverynear“. Und tatsächlich, nur wenige hundert Meter vor uns, lassen sich die im Wind tanzenden Prayerflags, für Nepal typische bunte Gebetsfahnen, erahnen. Ich mobilisiere die letzten Kraftreserven in meinen brennenden Beinen und Schritt für Schritt nähern wir uns dem höchsten Punkt unserer Wanderung, auf fast viertausend-sechshundert Metern. „Mardi Himal Base Camp“. Die bunte Schrift auf dem Holzbrett, spiegelt sich dezent im knöchelhohen Schnee. Nachdem ich Rhamesh in die Arme gefallen bin und wir ein obligatorisches Selfie zusammen gemacht haben, lasse ich mich erschöpft, aber überglücklich auf einer kleinen Holzbank nieder. Der heilige Berg liegt gefühlt nur wenige hundert Meter entfernt und ich stelle mir vor, wie Shiva von oben auf mich heruntersieht und mit einem verschmitzten Lächeln leise sagt: “Thik Cha, Bhai”.

Kushi lagyo

Tobias Braun

Tobias Braun, geboren 1987 in Mainz am Rhein, ist seit über zehn Jahren, vorwiegend im Süd-Ost-asiatischen Raum unterwegs. Auf zahlreichen Reisen wurden Streetfood-Stände zwischen Indonesien und Myanmar ausgetestet, Berggipfel in Vietnam oder Nepal erklommen und das ein-, oder andere Inselparadies von Thailand bis Sri Lanka, erforscht. Die daraus resultierenden Geschichten, versucht der Autor authentisch in seinen, mal skurrilen, mal melancholischen Texten zu verarbeiten und für sich und die Nachwelt zu bewahren.

  1. Schön geschrieben

  2. Sehr cool, würde gerne mehr Geschichten vom Autor lesen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.