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Meine Reise zum heiligen Berg

Seit mei­ner ers­ten Asi­en­reise vor über zehn Jah­ren, auf der ich, Dank eines Geträn­kes mit „loka­len“ Eis­wür­feln, tat­säch­lich mal zwei Tage flach­lag, besitze ich einen Sau­ma­gen, wie man in der Hei­mat sagen würde. Kein Street­food­stand zwi­schen Kuala Lum­pur und Man­da­lay konnte mir in den letz­ten Jah­ren etwas anha­ben, aber am Vor­abend mei­nes ers­ten gro­ßen Treks, holt mich das Schick­sal dann doch noch ein. Aktu­ell möchte ich die Spinat-Käse-Momo’s der letz­ten Nacht am liebs­ten ein­fach nur ver­ges­sen und kon­zen­triere mich Stufe um Stufe aufs Vor­an­kom­men. Die im Zenith ste­hende Sonne und der Fakt, dass ich den Inhalt mei­nes Magens, der ohne­hin nur noch aus Was­ser und Galle besteht, alle paar Minu­ten in irgend­ei­nem nepa­le­si­schen Gebüsch ent­leere, machen mir dies alles andere als leicht. „Thik Cha, Dhai!“. Mein krampf­haft bemüh­tes Lächeln scheint Rhameshs Zwei­fel nicht aus der Welt zu schaf­fen und er deu­tet mir mit einer Hand­be­we­gung an, mich in den Schat­ten zu set­zen. “Fivemi­nit, Bhai, fivemi­nit“, und schon hüpft er wie eine Gazelle den schma­len Trep­pen­steig, den wir uns seit zwei Stun­den hoch­ge­kämpft haben, wie­der hin­un­ter. Rhamesh, ein orts­an­säs­si­ger Nepa­lese, war mir von einem guten Freund als Guide emp­foh­len wor­den. Wie viele Nepa­le­sen, in und um die Trek­king­ge­biete Kath­man­dus und Pok­ha­ras, freut der schmale, Mitte Drei­ßig Jäh­rige Man sich über jeden Kun­den, der ihm pri­vat ver­mit­telt wird, da ein Groß­teil der zwan­zig bis drei­ßig Dol­lar, die er pro Tag ver­dient, sonst bei einer der zahl­rei­chen Ver­mitt­lungs­agen­tu­ren hän­gen­blei­ben würde. Über Face­book hat­ten wir uns am gest­ri­gen Mit­tag zum Lunch ver­ab­re­det und mein etwas ver­le­gen, aber gleich­zei­tig schel­misch lächeln­der Gegen­über war mir sofort sym­pa­thisch. Dass ich fit sei und mit der Höhe sicher kein Pro­blem haben werde, habe ich ihm in einer Mischung aus mei­nen quasi nicht vor­han­de­nen Nepa­le­sisch-Kennt­nis­sen und simp­lem Eng­lisch noch mit auf dem Weg gege­ben. „Thik Cha, Bhai, seey­ou­to­mor­row, eigh­toclock“. Das war ges­tern und vor mei­ner Momo-Ver­gif­tung. Nur mei­ner bescheu­er­ten Stur­heit habe ich es zu ver­dan­ken, dass ich jetzt hier kot­zend und dem Zusam­men­bruch nahe auf einem Stein sitze, denn Rhamesh hatte mir bereits am Mor­gen, wohl etwas geschockt von mei­nem Anblick, davon abge­ra­ten, den Trek heute zu star­ten. Bevor ich genug Zeit habe, mich selbst für meine Blöd­heit zu ver­flu­chen, steht die Gazelle plötz­lich schon wie­der vor mir, in der Hand ein Pul­ver, das aus­sieht wie fei­ner Salz. „You­take, hyd­radte“, und ich folge sei­ner Anwei­sung. Tat­säch­lich merke ich, wie der gefühlte Wir­bel­sturm in mei­nem Bauch sich etwa fünf­zehn Minu­ten spä­ter zu legen beginnt. „Thik Cha, Bhai?“. „Thik Cha, Dhai!“, ent­gegne ich, nun auch selbst etwas enthu­si­as­ti­scher. „Yam, yam, letgo, Tea-House one­hour, Bhai“. 

Das „Bhai-Dhai-Spiel“ habe ich nach mei­ner Ankunft in Nepal, vor etwa einem Monat, recht schnell durch­schaut. „Bhai“ ist der kleine, „Dhai“ der große Bru­der und da die Nepa­le­sen wie ich glaube, oft selbst keine Ahnung haben, ob ihr Gegen­über Ganesh oder Purna heißt, ist es sehr ver­brei­tet. „Thik Cha“ ist das Equi­va­lent zu unse­rem „Alles klar“ und kann sowohl als Frage, wie auch als Ant­wort ver­wen­det wer­den. Allein diese bei­den Flos­keln kön­nen einem im Kon­takt mit Locals schon etli­che Türen öff­nen und so hatte ich Rhamesh gebe­ten, mir im Ver­lauf unse­rer sechs­tä­gi­gen Wan­de­rung, doch bitte etwas nepa­le­sisch bei­zu­brin­gen. Dass er freu­de­strah­lend zustimmte, brau­che ich wohl kaum zu erwäh­nen, denn seine Eng­lisch­kennt­nisse stam­men wohl eher aus auf­ge­schnapp­ten Wor­ten von Tou­ris­ten, als von jah­re­lan­gem Unter­richt. Das Land, in dem ich mich befinde, zählt immer­noch zu den fünf ärms­ten der Welt (außer­halb Afri­kas) und Schul­bil­dung ist hier alles andere als eine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Wäh­rend mein Ruck­sack und ich, Stufe um Stufe, die in Stein gehaue­nen Trep­pen hin­auf­stei­gen, merke ich, wie lang­sam etwas Kraft in meine Beine zurück­kehrt und tat­säch­lich errei­chen wir etwa eine Stunde spä­ter das ver­hei­ßene Tea-House. Ab einer gewis­sen Höhe, gibt es in den Ber­gen nur noch ver­ein­zelte die­ser Stu­ben, die als ein­fa­ches Restau­rant mit ange­schlos­se­nen Über­nach­tungs­mög­lich­kei­ten fun­gie­ren, Rhameshs Auf­gabe ist es mich zu die­sen zu gui­den und mir einen Schlaf­platz zu ver­schaf­fen. Da wir außer­halb der Trek­king-Sai­son unter­wegs sind, sollte dies für ihn kein all zu gro­ßes Pro­blem dar­stel­len und in dem ers­ten Tea-House sind wir zumin­dest schon­mal die ein­zi­gen Gäste. „Dhalbat, Bhai? Will­gi­vey­ou­power, Bhai!“, und auch wenn ich mich nicht wirk­lich nach dem Ver­zehr einer Mahl­zeit fühle, mit dem Natio­nal­ge­richt der Nepa­lis kann man eigent­lich nie etwas falsch machen. Zu erschöpft, habe ich mich bei Ankunft ein­fach auf einen der zahl­rei­chen Plas­ik­stühle im Schat­ten fal­len las­sen und bemerke erst jetzt, dass Rhamesh mir andeu­tet, mal den Kopf zu dre­hen. Mich trifft fast der Schlag, als ich der Bewe­gung sei­ner Hand folge, denn hin­ter uns erstreckt sich bereits ein Teil des Anna­purna-Mas­sivs, das wäh­rend des schlucht­ar­ti­gen Auf­stiegs auf circa zwei­tau­send-zwei­hun­dert Meter, noch ver­bor­gen war. Noch nie habe ich sol­che Berg­for­ma­tio­nen aus solch einer Nähe gese­hen und auch wäh­rend der, aus Reis, ver­schien­de­nen Lin­sen­cur­ries, Kar­tof­feln und Gemüse bestehen­den Mahl­zeit, schaffe ich es kaum, meine Augen abzuwenden. 

Zwei Masala-Tees mit fri­scher Büf­fel­milch spä­ter, geht es mir bereits wie­der so gut, dass ich auf Rhameshs Frage: „Stay­he­re­fort­he­night, Bhai?“, ent­gegne, dass wir es doch bestimmt auch zur nächs­ten Tee­stube, unse­rem geplan­ten Tages­ziel, schaf­fen wer­den. Und so setzt sich unsere kleine Zwei-Mann-Kara­vane wie­der in Bewe­gung. Ziel ist das Mardi Himal Base­camp, gele­gen auf knapp vier­tau­send-sechs­hun­dert Metern, von denen wir nun gute Vier­hun­dert unter uns zurück­ge­las­sen haben. Gestar­tet auf ein­tau­send-acht­hun­dert Metern in einem klei­nen Dorf namens Khande, das wir von Pok­hara aus per Local-Bus gegen halb Zehn erreich­ten, lie­gen also noch gute zwei­tau­send-vier­hun­dert Höhen­me­ter vor uns. Der tan­nen­ar­tige Wald, durch den sich unser klei­ner Pfad jetzt etwas gemäch­li­cher den Berg hin­auf­schlän­gelt, gibt hin und wie­der eine kurze Vor­schau, auf das was uns erwar­tet, wenn wir die Baum­grenze über­schrei­ten. Ich atme glas­klare Luft und die Tem­pe­ra­tur liegt etwa bei Zwan­zig Grad, her­vor­ra­gende Wan­der­be­din­gun­gen also. Manch­mal bleibt Rhamesh für eine Lek­tion in Pflan­zen­kunde ste­hen, genau­ge­nom­men zeigt er nur kurz auf eine der zahl­rei­chen bun­ten und in jeg­li­chen For­men vor­kom­men­den Blu­men und Pflan­zen am Weges­rand und sagt etwas auf nepa­le­sisch, schät­zungs­weise den Namen des Gewäch­ses. Rie­sige Orchi­deen und Rho­do­den­dron, die Natio­nal­pflanze des Nepa­le­sen, aus der tra­di­tio­nelle Kränze für Fei­er­lich­kei­ten gefloch­ten wer­den, beglei­ten unse­ren Auf­stieg. „Ramro Cha!“. Das ist schön. 

Gegen fünf­ze­hen Uhr errei­chen wir das „For­rest Camp“ und Rhamesh klopft mir aner­ken­nend auf die Schul­ter, weil er nach dem heu­ti­gen Start wohl das Schlimmste befürch­tet hat und nun eben­falls sehr erfreut ist, dass es mir deut­lich bes­ser geht und wir gut vor­an­ge­kom­men sind. Bis jetzt sind keine ande­ren Wan­de­rer im Camp und so setz­ten wir uns zu der Fami­lie, die das Tea-House betreibt und die Rhamesh wohl schon lange kennt. Jeden­falls wird viel gescherzt und ich lache ein­fach mit, als würde ich Witze und Anek­do­den aus mei­ner Kind­heit hören. Nach kur­zer Zeit packt der Älteste der Runde ein Holz­brett aus, auf das ein Mühle-ähn­li­ches Spiel­feld auf­ge­malt ist und for­dert mei­nen Guide zum Duell. „Bagh Chal, Bhai, Bagh Chal“, erklärt mir Rhamesh, wäh­rend er kleine Steine und Stö­cke, die als Spiel­fi­gu­ren die­nen, vom Boden auf­liest. Vier Stö­cke kämp­fen gegen Zwan­zig Steine, mehr kann ich aus dem hek­ti­schen Spiel­ver­lauf nicht schlie­ßen, das Ganze sieht jeden­falls nach einem span­nen­den Stra­te­gie­spiel aus und der Alte gewinnt, wor­auf­hin ihm Rhamesh eine Ziga­rette gibt. Komisch, bis jetzt habe ich ihn nicht rau­chen sehen, aller­dings über­kommt mich nun selbst die Lust auf einen Glimm­stän­gel und ich krame eine halb­volle Packung „Surya“ (zu Deutsch: Sonne) aus mei­nen Ruck­sack. Die ihm ange­bo­tene Kippe lehnt Rhamesh ab und so ist nur der Alte mein Part­ner in Crime. Nach und nach errei­chen ein paar andere Wan­de­rer das Camp, unter ande­rem eine sechs­köp­fige, chi­ne­si­sche Gruppe mit Gui­des und Sher­pas, ein Pär­chen aus Kanada, plus Guide, eine Bel­gie­rin, eben­falls mit Guide und zwei Ame­ri­ka­ner, die alleine unter­wegs sind. Gemein­sam schauen wir uns den spek­ta­ku­lä­ren Unter­gang der Sonne, die hin­ter einem der Gip­fel des Anna­purna-Mas­sivs ver­sinkt, an und alle schwei­gen bedächtig. 

Nur Sekun­den nach die­sem wun­der­vol­len Schau­spiel wird es kalt. Und zwar nicht kalt, im Sinne eines kur­zen Wind­zu­ges, son­dern wirk­lich kalt. Alle ren­nen sofort in die win­zi­gen Stein­hüt­ten, die als Unter­kunft die­nen und Shorts und T‑Shirt wer­den gegen lange Unter­hose, Ther­mo­hose, Fleece-Long­s­leeve und Dau­nen­ja­cke getauscht. Vor­al­lem die Gruppe der chi­ne­si­schen Wan­de­rer sieht aus, als wäre sie soeben einem Jack Wolfs­kin Kata­log ent­sprun­gen, neben ihren, wahr­schein­lich im vier­stel­li­gen Eurobe­reich lie­gen­den Out­fits, komme ich mir mit mei­ner alten Jog­ging­hose und den zer­schlis­se­nen Nike Free’s fast etwas fehl am Platz vor. Die Lodge, das Haupt­haus des Camps, das auch als Restau­rant dient, wird mit einem uralten Holz­ofen geheizt und da es drau­ßen mitt­ler­weile nur noch fünf Grad hat, sind alle Anwe­sen­den froh über die gemüt­li­che Wärme. Neben ein einer Hand voll lan­des­ty­pi­schen Gerich­ten, ent­hält die Spei­se­karte auch ein paar Über­ra­a­schun­gen wie (Tief­kühl-) Pizza, oder Pan­ca­kes und auch das Ange­bot an alko­ho­li­schen Geträn­ken ist erstaun­lich groß.

Nach dem Essen bestelle ich eine Runde des güns­ti­gen, da vor Ort pro­du­zier­ten Raskis für die Sher­pas, die im Neben­raum spei­sen und geselle mich zu ihnen. Der aus Hirse und wei­te­ren Zuta­ten selbst­ge­brannte Schnaps, ist bereits ein bewähr­tes Mit­tel um das Eis zu bre­chen. Die teil­weise nicht mal voll­jäh­ri­gen Män­ner, deren Auf­gabe sich auf das Schlep­pen des Gepäcks (bis zu zwan­zig Kilo­gram) beschränkt, wir­ken erst etwas ver­stört und schüch­tern, tauen dann aber recht schnell auf, als ich meine, den Tag über erlern­ten Nepa­le­sisch-Kennt­nisse zum Bes­ten gebe. „Khu­shi lagyo“, “glück­lich füh­len”, ist neu in mei­nem Repor­toire und spie­gelt mei­ne­nen aktu­el­len Gemüts­zu­stand sehr gut wieder.

Nächs­ter Mor­gen, halb sechs. Geweckt von einem zag­haf­ten Klop­fen und lei­sen „Bhai“-Rufen, stre­cke ich mei­nen Kopf aus der Tür der klei­nen Hütte und erbli­cke Rhameshs brei­tes Grin­sen. „Surya, Bhai, Surya“, flüs­tert er und deu­tet mir an, ihm zu fol­gen. Etwa zehn Minu­ten spä­ter errei­chen wir einen klei­nen Fels­vor­sprung, noch ein­mal zehn Minu­ten spä­ter erlebe ich einen der spek­tak­lärs­ten Son­nen­auf­gänge mei­nes Lebens. Wir früh­stü­cken eine heiße Brühe mit Nudeln und trin­ken Milch­tee, es wird keine Zeit ver­lo­ren, denn heute haben wir eine grö­ßere Etappe vor uns als ges­tern, wie Rhamesh mir erklärt. Ich habe fast zehn Stun­den geschla­fen, fühle mich aus­ge­ruht und fit und als ich den Ruck­sack mit mei­nen Hab­see­lig­kei­ten auf­schnalle, merke ich, dass es mir deut­lich leich­ter fällt als am Vor­tag. Wir ver­ab­schie­den uns von den Gast­ge­bern, las­sen ein paar hun­dert Rupies für Kost und Logie da und schon fol­gen wir wie­der einem der zahl­rei­chen klei­nen Pfade, die uns näher an den Macha­puch­are, den hei­li­gen Berg bringen. 

In den nächs­ten drei Tagen wie­der­holt sich die­ses Spiel. Mein Guide, der immer mehr zu einem „Sathi“, einem Freund wird, weckt mich früh, nach dem Son­nen­auf­gang lau­fen wir los und kom­men meist am frü­hen Nach­mit­tag im nächs­ten Camp an. Der „Mardi Himal-Trek“ ist noch rela­tiv neu unter sei­nen gro­ßen Geschwis­tern, wie dem „Anna­purna Base­camp“, oder „Poon Hill“ und da wir uns außer­halb der Haupt­sais­sion befin­den, tref­fen wir tags­über, abge­se­hen von ein paar Yak-Hütern, auf keine Men­schen­seele. Wenn Rhamesh mir nicht gerade neues Voka­bu­lar bei­bringt, oder Flora und Fauna erklärt, höre ich nepa­le­si­sche Klas­si­ker, die ich mir in einer Spo­tify-Play­list zusam­men­ge­stellt habe, oder genieße ein­fach den Fluß mei­ner Gedan­ken. Wenn die ein­zi­gen bei­den Bedürf­nisse ein Schlaf­platz und Nah­rung sind, bleibt viel Frei­raum für ande­res im Kopf, wie ich fest­ge­stellt habe. Ich fühle mich aus­ge­gli­chen, denke über Dinge nach, die mein Unter­be­wußt­sein lange aus­ge­scho­ben hat und ertappe mich oft mit einem Dau­er­g­rin­sen auf den Lip­pen. Die Vege­ta­tion um uns ver­än­dert sich stünd­lich und spä­tes­tens als wir die Baum­grenze über­schrit­ten haben, lässt sich die Schön­heit der vor uns lie­gen­den Berg­land­schaft eigent­lich nicht mehr in Worte fas­sen. Die Abende in der Lodge sind aus­ge­las­sen und der Raski hilft gegen die Eises­kälte bei Nacht. Durch meine Gesprä­che mit Rhamesh und die Abende mit den ande­ren Gui­des und Sher­pas ver­bes­sert sich mein nepa­le­sisch ste­tig. Wenn wohl auch nicht gram­ma­ti­ka­lisch kor­rekt, kann ich mitt­ler­weile viele Gefühls­zu­stände zwi­schen hung­rig („bhok lagyo“) und betrun­ken („raksi lagyo“) aus­drü­cken, sowie mit hei­mi­schen Weis­hei­ten à la „rato mato, chiplo bato“ (Eine rote Straße ist immer rut­schig), für Geläch­ter sor­gen. Pfan­zen­kunde und Geschichte ste­hen täg­lich auf dem Plan, unter ande­rem erfahre ich, dass der Gip­fel des Macha­puch­are bis heute noch nie bestie­gen wurde, da auf sei­ner Spitze Shiva, einer der gro­ßen hin­du­is­ti­schen Gott­hei­ten sitzt und die Nepa­le­sen beob­ach­tet. Angeb­lich raucht er dabei viel Haschisch, wie mir Rhamesh erklärt. Bis jetzt haben mir weder Kälte noch Höhe groß­ar­tige Pro­bleme berei­tet und ich genieße mein Trek­king-Aben­teuer in vol­len Zügen. 

Am Nach­mit­tag des fünf­ten Tages errei­chen wir, wie­der mal lange vor den ande­ren Grup­pen, das “High Camp”, auf etwa drei­tau­send-sechs­hun­dert Metern. Die strah­lende Sonne fühlt sich zum Grei­fen nah an und ich bau­mele in einer Hän­ge­matte mit Pan­ora­ma­blick, als Rhameshs Grin­sen vor mir auf­taucht. „Yous­moke, Bhai?“. Da er mich bereits die ein, oder andere Ziga­rette rau­chen hat sehen, ver­wun­dert mich diese Frage zuerst, sein schel­mi­scher Gesichts­aus­druck lässt mich dann aber recht schnell erah­nen, wor­auf er hin­aus will. Noch etwas über­rascht, folge ich ihm zu sei­nen Kol­le­gen, die es sich hin­ter dem Haus in der Sonne auf Plas­tik­stüh­len gemüt­lich gemacht haben. Nach­dem alle Bhais und Dhais begrüßt wor­den sind, bekomme ich unver­mit­telt einen Tisch­ten­nis­ball-gro­ßen Klum­pen Haschisch in die Hand gedrückt und werde auf­ge­for­dert, eine Tüte zu rol­len. Wie bereits vor­her beob­ach­tet, ent­lee­ren die Nepa­le­sen meist ein­fach den Tabak einer Ziga­rette, mischen ihn mit fein­ge­brö­sel­tem Haschisch und fül­len die Mischung dann wie­der vor­sich­tig in die leere Hülse. Da ich nicht zum ers­ten Mal vor einer sol­chen Auf­gabe stehe und mir augen­blick­lich ein­fällt, dass ich noch eine Packung Long­pa­pers in mei­nem Ruck­sack habe, deute ich mei­nen Brü­dern an, kurz zu war­ten. Mit gro­ßen Augen und sicht­lich beein­druckt, sehen mir etwa zehn nepa­le­si­sche Augen­paare dabei zu, wie ich einen Joint drehe, nach Voll­endung mei­nes Wer­kes wird begeis­tert applau­diert. Spä­tes­tens ab die­sem Moment sind die letz­ten klei­nen Eis­schol­len gebro­chen, es wird noch aus­ge­las­se­ner gelacht als sonst, was höchst­wahr­schein­lich auch mit dem Kon­sum des star­ken, nepa­le­si­schen Haschischs zu tun hat. 

Da heute der letzte gemein­same Abend vor Errei­chen des Base Camps und des dar­auf­hin fol­gen­den Abstiegs ist, wird jetzt gefei­ert, erklärt mir Ayush, ein älte­rer Dhai. Wie auf Knopf­druck packt er eine kleine Uku­lele aus, einer der Jungs taucht nur Sekun­den spä­ter mit einer tra­di­tio­nel­len Holz­f­löte auf und schon ist die Party in vol­lem Gange. Es bil­det sich ein Kreis aus klat­schen­den Män­nern und natür­lich werde ich auf­ge­for­dert in der Mitte zu tan­zen. Ich ver­su­che unge­fähr alles, was ich in diver­sen Bol­ly­wood-Fil­men auf­ge­schnappt habe in einem Tanz zu ver­ei­nen und ernte dafür reich­lich Geläch­ter und Schul­ter­klop­fen. Ange­lockt von dem Spek­ta­kel, gesel­len sich auch die ande­ren Wan­ders­leut zu uns und wir begin­nen uns gemein­sam zu den frem­den Klän­gen zu bewe­gen. Meh­rere Tänze und Raksis spä­ter, werde ich dann auch noch laut­stark dazu auf­ge­for­dert, einen „Ger­man Song“ dar­zu­bie­ten und zwi­schen „Alle meine Ent­chen“ und „Atem­los“, fällt meine Wahl auf ein Lied, an das ich schon lange nicht mehr gedacht habe, das mir gleich­zei­tig aber mehr als pas­send erscheint. „Die Gedan­ken sind frei, wer kann sie erra­ten“, beglei­tet vom rhyt­mi­schen Klat­schen nepa­le­si­cher, bel­gi­scher, chi­ne­si­scher, kana­di­scher und ame­ri­ka­ni­scher Hände. 

Obwohl Rhamesh mich vor­ge­warnt hatte, dass wir früh los müs­sen, da das Vor­an­kom­men auf einer Höhe von über vier­tau­send Metern deut­lich anstren­gen­der sein wird, fühlt sich sein mor­gent­li­ches Klop­fen dies­mal nicht zart, son­dern eher wie ein Vor­schlag­ham­mer an. Schlag­ar­tig wird mir bewusst, dass ich am gest­ri­gen Abend, lange nach­dem meine Wan­der­kum­pa­nen schon in ihren Stein­hüt­ten ver­schwun­den waren, noch mit einer hand­voll Sher­pas, einer krei­sen­den Fla­sche Raski und diver­sen Haschisch­zi­ga­ret­ten um das tückisch wär­mende Feuer saß. Jeden­falls geht es mir selbst nach dem Milch­tee und einem Pan­cake mit Honig, nicht wirk­lich gut, trotz­dem bre­chen wir noch in der Dun­kel­heit, bewaff­net mit Taschen­lam­pen auf, um (auf mei­nen Wunsch hin) die Ers­ten am Base Camp zu sein. Mir ist eis­kalt, doch unter mei­nem Wind­brea­ker und der Fleece­ja­cke läuft mir der Schweiß in Strö­men am Kör­per hin­un­ter. Da ich mir etwas blöd vor­komme, Rhameshs Rat nicht befolgt zu haben, ver­su­che ich mir davon aller­dings mög­lichst wenig anmer­ken zu las­sen und kämpfe mich tap­fer hin­ter mei­nem Guide über immer stei­ler wer­dende Fels­pfade den Berg hin­auf. Zwi­schen High- und Base Camp lie­gen noch fast tau­send Höhen­me­ter, die es zu über­win­den gilt. Wie­der ein­mal ver­flu­che ich mich für meine Blöd­heit und mei­nen Leicht­sinn, denn wie Rhamesh pro­phe­zeit hat, wird die Luft von Meter zu Meter spür­bar dün­ner und das ruhige Atmen fällt mir immer schwe­rer. Meh­rere Male muss ich mich set­zen, ver­neine die Frage, ob wir nicht lie­ber umkeh­ren sol­len, aber jedes Mal. Die Sonne steht bereits fast im Zenith, als Rhamesh mein, dem Zusam­men­bruch nahes Ich, ein letz­tes Mal moti­viert: „Yam, yam, Bhai, base­camp­ver­y­near“. Und tat­säch­lich, nur wenige hun­dert Meter vor uns, las­sen sich die im Wind tan­zen­den Pray­er­flags, für Nepal typi­sche bunte Gebets­fah­nen, erah­nen. Ich mobi­li­siere die letz­ten Kraft­re­ser­ven in mei­nen bren­nen­den Bei­nen und Schritt für Schritt nähern wir uns dem höchs­ten Punkt unse­rer Wan­de­rung, auf fast vier­tau­send-sechs­hun­dert Metern. „Mardi Himal Base Camp“. Die bunte Schrift auf dem Holz­brett, spie­gelt sich dezent im knö­chel­ho­hen Schnee. Nach­dem ich Rhamesh in die Arme gefal­len bin und wir ein obli­ga­to­ri­sches Sel­fie zusam­men gemacht haben, lasse ich mich erschöpft, aber über­glück­lich auf einer klei­nen Holz­bank nie­der. Der hei­lige Berg liegt gefühlt nur wenige hun­dert Meter ent­fernt und ich stelle mir vor, wie Shiva von oben auf mich her­un­ter­sieht und mit einem ver­schmitz­ten Lächeln leise sagt: “Thik Cha, Bhai”. 

Kushi lagyo

Cate­go­riesNepal
Tobias Braun

Tobias Braun, geboren 1987 in Mainz am Rhein, ist seit über zehn Jahren, vorwiegend im Süd-Ost-asiatischen Raum unterwegs. Auf zahlreichen Reisen wurden Streetfood-Stände zwischen Indonesien und Myanmar ausgetestet, Berggipfel in Vietnam oder Nepal erklommen und das ein-, oder andere Inselparadies von Thailand bis Sri Lanka, erforscht. Die daraus resultierenden Geschichten, versucht der Autor authentisch in seinen, mal skurrilen, mal melancholischen Texten zu verarbeiten und für sich und die Nachwelt zu bewahren.

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