Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit

Es riecht nach süß­li­chem Feu­er, denn über­all wird immer gera­de etwas abge­fa­ckelt oder es wird drau­ßen gekocht. Ich sehe viel grün; wacke­li­ge Ver­kaufs­stän­de mit dem hier so typi­schen Zucker­brot; win­ken­de Kin­der; Men­schen, die am Stra­ßen­rand ihre Not­durft ver­rich­ten; Far­ben über Far­ben; ein Geis­tes­kran­ker, den ich noch öfter auf der Stra­ße sehen soll­te – ver­las­sen, von der Gesell­schaft ver­sto­ßen und auf sich allein gestellt; strah­len­de Men­schen; den all­ge­gen­wär­ti­gen auf­ge­wir­bel­ten roten Staub in der Luft; nach Unfäl­len lie­gen­ge­blie­be­ne Autos; Well­blech­hüt­ten; Schlag­lö­cher; präch­ti­ge Pal­men auf der einen Sei­te und abge­stor­be­ne Pal­men, ihrer präch­ti­gen Kro­nen ent­raubt ‑nur noch Baum­stäm­me- auf der ande­ren Sei­te; stau­bi­ge Stra­ßen; Dör­fer, die einer ein­zi­gen Voda­fone oder wahl­wei­se Omo-Wasch­mit­tel Wer­bung glei­chen, da alle Häus­chen ent­spre­chend der Fir­men­far­ben und Logos gestal­tet sind.

Mit im Auto sit­zen Ines, Claus und ihre vier­jäh­ri­ge Toch­ter Jolene. In der Nacht zuvor waren Ines, Jolene und ich in Accra gelan­det. Das ist die Hote­liers Fami­lie, deren Auf­ruf ich gefolgt bin, als sie Unter­stüt­zung im Manage­ment ihres NGO betrie­be­nen Ank­o­bra Beach Resorts nahe Axim in der Wes­tern Regi­on von Gha­na gesucht haben. Zu der Zeit steck­te ich noch in einem Bord­ein­satz auf einem Kreuz­fahrt­schiff. Der Schiffs­ver­trag, der mein letz­ter sein soll­te, neig­te sich dem Ende zu. Nach ins­ge­samt fast sechs Jah­ren Arbeit auf Schif­fen, spür­te ich, dass jetzt der Moment gekom­men war, einen Schluss­strich unter die­sen Lebens­ab­schnitt zu zie­hen. Einen letz­ten Aus­bruch aus dem Gewöhn­li­chen brauch­te ich aber doch noch, bevor ich das Aben­teu­er «sess­haft wer­den» ange­hen woll­te. Als ich die Anzei­ge des Ank­o­bra Beach Resorts sah, war es gleich um mich gesche­hen. Das Feu­er war ent­facht. Es gab kei­ne Dis­kus­sio­nen mehr. Auch nicht, als mein Umfeld wie erwar­tet geschockt reagier­te. All die Vor­ur­tei­le, basie­rend auf nichts als Hören­sa­gen spu­ken allen in den Köp­fen her­um und so schnellt ihnen bei die­sem Gedan­ken nichts ande­res in den Kopf als «Bist du denn voll­kom­men ver­rückt? Und dann auch noch allein? Als Frau? Das ist viel zu gefähr­lich!» Dazu gehör­ten Fami­lie, Freun­de und mein Tro­pen­arzt natür­lich. Letz­te­rer ver­pass­te mir aller­lei Imp­fun­gen und riet mir ein­dring­lich dazu die Mala­ria Pro­phy­la­xe zu neh­men, denn «alles ande­re sei Selbst­mord». Selbst­mord? Das klang in mei­nen Ohren schon etwas über­trie­ben. Aber natür­lich mach­te ich mir auch Sor­gen und wuss­te nicht so recht was tun. Gelei­tet von dem unbän­di­gen Ent­schluss, den ich gefasst hat­te und all den nega­ti­ven Stim­men auf der ande­ren Sei­te, geriet ich etwas ins Wan­ken. Was, wenn sie doch alle recht haben und ich irgend­wo mit­ten im Busch elen­dig an Mala­ria ver­re­cke? Ist das rea­lis­tisch oder fin­det das gera­de doch nur in mei­nem Kopf statt? Zum Glück gab es bei einem Tele­fo­nat mit Ines Auf­klä­rung zu die­sem The­ma. Sie riet mir von der Pro­phy­la­xe ab. In all den Jah­ren, die sie in Gha­na lebt, ist sie selbst schon mehr­fach an Mala­ria erkrankt. Mit den rich­ti­gen Medi­ka­men­ten zur Hand, ist es ein Leich­tes die Krank­heit, die man an den ers­ten Grip­pe Sym­pto­men erkennt, im Keim zu ersti­cken. Sie erzähl­te mir von den hor­ren­den Neben­wir­kun­gen der Pro­phy­la­xe Tablet­ten. Von einem bel­gi­schen Kol­le­gen eini­ge Kilo­me­ter ent­fernt, der im Psy­cho­wahn, den die­se Tablet­ten aus­lö­sen kön­nen, fast sei­ne Fami­lie und sich selbst umge­bracht hat­te. Ich ent­schied also für mich, dass die Neben­wir­kun­gen weit­aus schlim­mer waren. Als wir in Accra ange­kom­men waren, habe ich mir gleich die ent­spre­chen­den Medi­ka­men­te besorgt und war beru­higt. In den vier Mona­ten, die ich in Gha­na ver­brach­te, wur­de ich übri­gens kein ein­zi­ges Mal krank.

All die­se Gedan­ken schwirr­ten mir, neben der Kulis­se, die an mir vor­bei­zog, im Kopf her­um. Ein über­wäl­ti­gen­der Mix aus Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und die unmit­tel­ba­re Zukunft, die mich erwar­te­te, über­kam mich. Ein schö­nes Gefühl. Es ist so herr­lich unge­wiss.


Akwaa­ba

So wur­de ich von strah­len­den Gesich­tern begrüßt, als wir nach etwa sie­ben Stun­den ruck­li­ger Fahrt end­lich das Ank­o­bra Beach Resort erreich­ten. Das Resort ist abseits der Haupt­stra­ße mit­ten im Dschun­gel und direkt am Atlan­tik. Ein klei­nes Para­dies, das mit einer Flä­che von ins­ge­samt 45 ha Land gar nicht so klein ist. Der Weg ins Para­dies ist aller­dings nicht so ein­fach. Es gibt kei­ne Stra­ße. Ohne Gelän­de­wa­gen ist es kaum mög­lich dahin­zu­kom­men. Was mich schon vor mei­ner Rei­se fas­zi­niert hat, war die­ser natür­li­che Kreis­lauf und die Sinn­haf­tig­keit, mit der das Resort betrie­ben wur­de. Für mich hieß es «end­lich weg vom Mas­sen­tou­ris­mus und die­ser unsäg­li­chen Ober­fläch­lich­keit der Men­schen», die für mich so uner­träg­lich gewor­den war. Ines und Claus leis­ten in viel­fäl­tigs­ter Wei­se einen enor­men Bei­trag für die Com­mu­ni­ty sowie das Umwelt­be­wusst­sein vor Ort. Sie beschäf­ti­gen nur Ein­hei­mi­sche und sor­gen für siche­re Arbeits­plät­ze. Die gesam­te Gestal­tung der Arbeits­ab­läu­fe rich­tet sich har­mo­nisch nach dem Kreis­lauf, der von der Natur vor­ge­ge­ben ist. Umwelt­be­wusst­sein ist hier nicht nur Gere­de, son­dern geleb­te Pra­xis. Das Gemü­se wird selbst ange­baut, der Müll wird ent­sorgt und nicht ver­brannt. Das sind nur eini­ge Bei­spie­le. Selbst wenn man all das vor­her nicht wuss­te, man erkennt es gleich.

«Ob Gha­na ein Kul­tur­schock für mich sei», frag­te Claus mich irgend­wann. Doch tat­säch­lich emp­fand ich es nicht so. Viel­leicht war ich selbst ein wenig über­rascht dar­über. Das Kli­ma, die Gerü­che, die Pflan­zen­welt, die Strän­de – vie­les erin­ner­te mich in gewis­ser Wei­se an Cos­ta Rica. Ich lieb­te es. Das Durch­ein­an­der, die unge­wöhn­li­chen Gerü­che – ich fühl­te mich gleich «ange­kom­men». Die offe­ne Art der Men­schen, die raue Natur, der wil­de Atlan­tik, der natür­li­che Kreis­lauf. Es klingt sehr kit­schig, aber es fühl­te sich ein­fach rich­tig an.

Es ist alles in mei­nem Kopf

Etwa 500 m vom weit­läu­fi­gen Beach Resort mit den 8 Gäs­te Lodges ent­fernt, befand sich das so genann­te «Workers Vil­la­ge». Hier ste­hen die selbst gebau­ten Lehm­hüt­ten inmit­ten eines wun­der­schö­nen wil­den Gar­tens mit Ana­nassträu­chern und Kokos­pal­men. Hier gibt es auch zwei Gemein­schafts­nass­zel­len (Toi­let­ten und Duschen), eine für Frau­en und eine für Män­ner. Am Ende des Workers Vil­la­ges befand sich mei­ne Hüt­te: eine klei­ne Trep­pe führ­te hin­auf zu einem ein­fa­chen Zim­mer mit Bett und Schrank. Es gab Fens­ter­ein­las­sun­gen, aber kei­ne Fens­ter. Statt­des­sen Mos­ki­to­net­ze. Per­fekt. Denn mit der Lage am Meer hat­te man so die bes­te und natür­lichs­te Kli­ma­an­la­ge der Welt. Jedoch hebt es die ver­trau­te Abgren­zung von drin­nen und drau­ßen auf.

Mei­ne ers­te Nacht. Es ist 22 Uhr. Ich lie­ge im Bett. Alle Sin­ne sind auf Emp­fang und ich höre zu. Die Tier­welt ist laut. Die meis­ten Lau­te kann ich nicht zuord­nen. Das macht mir in gewis­ser Wei­se Angst und macht mich ner­vös. Irgend­wann jedoch wie­gen sie mich zusam­men mit dem Rau­schen des Mee­res in einen tie­fen Schlaf. Die­ser wird von einem Urbe­dürf­nis unter­bro­chen. Ich muss nach drau­ßen zur Toi­let­te gehen. Durch den afri­ka­ni­schen Dschun­gel – unter dem sich alles ver­ber­gen kann – inklu­si­ve mei­ner Fan­ta­sie. Beson­ders die­se. Alles Mög­li­che rast mir durch den Kopf. Was oder wer kann durch mei­ne Schrit­te auf­ge­schreckt und womög­lich in den Ver­tei­di­gungs­mo­dus ver­setzt wer­den? Eine Vogel­spin­ne, eine Green oder doch eine Black Mam­ba? Alle kom­men sie hier vor. Die nächs­te Gegen­do­sis für das Schlan­gen­gift befin­det sich etwa eine Stun­de ent­fernt. Bei der Gold­mi­ne, für die eini­ge unse­rer Dau­er­gäs­te tätig sind – zumeist Expats aus Groß­bri­tan­ni­en, Kana­da und Süd­afri­ka. Eigent­lich ist das Mam­ba Pro­blem kein so gro­ßes mehr. Vor eini­ger Zeit waren sie ein­fach über­all. Sie jag­ten den Gäs­ten unter ande­rem im offe­nen Restau­rant einen Schre­cken ein, indem sie auf ein­mal von der Decke run­ter­bau­mel­ten oder indem sie heim­lich in die Lodges kro­chen. Um dem ent­ge­gen­zu­wir­ken brach­te Ines einen Kater mit – Maxi. Der küm­mer­te sich rasch um die Mäu­se und Rat­ten, was den Schlan­gen sogleich ihre Nah­rungs­grund­la­ge nahm und sie ent­fern­ten sich. Nicht voll­stän­dig, aber sie begeg­ne­ten einem nicht mehr so häu­fig. Eigent­lich. Wie dem auch sei. Der Drang ist schließ­lich grö­ßer als die Angst und ich wage mich raus. Aber erst­mal mit Anti Mücken Spray voll­ne­beln bis ich fast ersti­cke. Schließ­lich lau­ern auch die Mala­ria Mücken da drau­ßen. Los geht’s. Mit einer Taschen­lam­pe bewaff­net, die nach den ers­ten drei Schrit­ten den Geist auf­gibt. Mein Herz rast, es ist stock­dus­ter. Mei­ne Augen brau­chen ein biss­chen bis sie sich an «stock­dus­ter» gewöhnt haben. Ich kann nur Umris­se erken­nen. Weder das Vil­la­ge noch der Weg dort­hin sind beleuch­tet. Angst­schweiß fließt mir kalt den Rücken run­ter. Es ist alles in mei­nem Kopf. Die Sze­nen, die sich in mei­nem Kopf abspie­len, könn­ten aben­teu­er­li­cher nicht sein. Lang­sam set­ze ich zitt­rig einen Fuß vor den ande­ren. Mit jedem Schritt knackt etwas unter mei­nen Füßen. Tief durch­at­men. Schließ­lich schaf­fe ich es irgend­wie zur Toi­let­te und wie­der zurück und das ohne unheim­li­che Begeg­nun­gen. Puh, «über­lebt». So geht das in den Gewöh­nungs­wo­chen fast jede Nacht – anstren­gend. Bis es ganz nor­mal ist und ich nicht ein­mal mehr das Mücken­spray benut­ze.


Ihr Euro­pä­er habt die Uhr, wir haben die Zeit

Am nächs­ten Mor­gen wur­de ich gegen 6 Uhr von dem Krä­hen der Häh­ne geweckt. Kurz dar­auf hör­te ich ver­ein­zelt Stim­men und die­sen gleich­mä­ßi­gen Klang des Fegens. Die Frau­en feg­ten gleich nach Son­nen­auf­gang in gebück­ter Hal­tung als ers­tes den Staub vor ihren Hüt­ten weg. Dazu benutz­ten sie selbst gemach­te kur­ze Besen, für die sie fes­te Sträu­cher zusam­men­ge­bun­den hat­ten. Ines hat­te ihnen mal „rücken­freund­li­che“ Besen besorgt, wie wir sie in Deutsch­land haben, aber die gefie­len ihnen nicht. Davon bra­chen sie den lan­gen Stock ab und feg­ten, wie sie es gewohnt waren.

Bei all dem Trei­ben da drau­ßen konn­te ich nicht lie­gen­blei­ben. Wie­so auch? Es ist wesent­lich natür­li­cher sich dem Rhyth­mus anzu­pas­sen. Um 18 Uhr wird es dun­kel und der Tag neigt sich dem Ende zu. Um 6 Uhr mor­gens beginnt der Tag mit dem Weck­ruf der Häh­ne.

Im Restau­rant fin­de ich mich mit Ines und Claus ein. Mei­ne Auf­ga­be soll­te dar­in bestehen sie in ihrem All­tag zu unter­stüt­zen – in allen Berei­chen. Beson­ders aber was Mit­ar­bei­ter­schu­lun­gen und all­ge­mei­ne Mit­ar­bei­ter­füh­rung anging. Das klang alles sehr span­nend und ich war dank­bar für ihr Ver­trau­en.

Was ich jedoch unbe­dingt als Ers­tes ange­hen woll­te, war die Sau­ber­keit der Toi­let­ten- und Dusch­räu­me. Für jeman­den, der etwas emp­find­lich mit Spin­nen­net­zen und allem was kriecht oder an der Decke hängt, ist – ein Muss. Ich über­zeug­te die «Crew» davon, gemein­sam zu put­zen. Da mach­te ich selbst natür­lich auch mit, aber in mei­ner über­trie­be­nen Panik mit einem gro­ßen Hut, viel zu gro­ßen Gum­mi­stie­feln und vol­ler Mon­tur. So hat­ten auch alle was zu lachen und ich muss­te nicht befürch­ten, dass beim Säu­bern der Decke die Spin­nen in mei­nem Kra­gen lan­de­ten. Die Wei­ße putzt mit und sieht dabei auch noch so lus­tig aus. Als befürch­te sie, die Spin­nen­net­ze wür­den sie gleich ein­fan­gen und ver­schlin­gen. Sei es drum. Es war eine ver­gnüg­li­che Akti­on – Team­buil­ding mal anders. Wir haben gemein­sam viel gelacht und am Ende fühl­ten sich alle mit einem sau­be­ren Dusch- und Toi­let­ten­raum gleich viel bes­ser. Zumin­dest bil­de­te ich mir das erfolg­reich ein. Noch etwas, das wohl nur in mei­nem Kopf so war. Wer weiß. Aber sogar die Män­ner folg­ten dem Bei­spiel und rei­nig­ten ihren Bereich.

Jetzt konn­te es also los­ge­hen. Ich reor­ga­ni­sier­te das Front Office mit Rezep­tio­nis­tin Jea­nette. Das ging auch ohne Com­pu­ter – mit einem gro­ßen Buch, auf dem wir die Aus­las­tung dar­stell­ten. Check In und Check Out ging auch so pro­blem­los.

Mit dem House­kee­ping Team dreh­te ich mei­ne täg­li­chen Run­den. Wir berei­te­ten die Lodges für Anrei­sen vor und pfleg­ten die der Dau­er­gäs­te. Wenn sich mal wie­der ein Ter­mi­ten­hü­gel auf­tat, muss­te einer der Gärt­ner ran. Die stän­di­ge Mee­res­bri­se, so schön sie auch war – zugleich war sie eine gro­ße Her­aus­for­de­rung für Sau­ber­keit und Instand­hal­tung. Ins­be­son­de­re elek­tro­ni­sche Gerä­te hat­ten unter ihr zu lei­den und gaben in regel­mä­ßi­gen Abstän­den den Geist auf.

Mit dem Restau­rant- und Bar Team mach­te ich Trai­nings zum The­ma „Tische ein­de­cken“, „Rich­tig bedie­nen“, etc. Ein auf­ge­weck­tes Team jun­ger Män­ner und Frau­en, die Freu­de an ihrer Arbeit hat­ten und dar­an Neu­es aus­zu­pro­bie­ren. Tie­fen­ent­spannt waren sie auch. Wenn sich der Tou­ris­mus­mi­nis­ter des Lan­des mal wie­der zum Essen ankün­dig­te, brach eine gro­ße Hek­tik aus. Naja, bei Ines, Claus und mir zumin­dest. Wenn wir da so rum­wu­sel­ten und rum­stress­ten ern­te­ten wir nicht sel­ten ver­ständ­nis­lo­se, aber auch amü­sier­te Bli­cke. Erin­ner­ten wir sie dann dar­an, dass es jetzt aber wirk­lich an der Zeit ist, dies und das fer­tig zu haben, blick­te der Ober­kell­ner – ein gestan­de­ner, stol­zer und attrak­ti­ver Mann – uns freund­lich an und sag­te nur: „Ihr Euro­pä­er habt die Uhr, wir haben die Zeit.“ Was will man dem ent­geg­nen. Wo er recht hat, hat er recht. Ich hat­te mir in den Jah­ren zuvor in der Zusam­men­ar­beit mit Mexi­ka­nern schon abge­wöhnt auf mein deut­sches „das muss jetzt sofort erle­digt wer­den!“ zu behar­ren. So wie das „maña­na“ der Mexi­ka­ner, zau­ber­te mir auch so manch ein Spruch der Gha­na­er ein Lächeln ins Gesicht. Nach wie vor bewun­de­re ich das und es holt mich in gewis­ser Wei­se run­ter. Die Welt dreht sich auch mor­gen noch wei­ter.

„Becau­se of rain“

Ein wei­te­rer Klas­si­ker. Das war die Stan­dard­ant­wort der Mit­ar­bei­ter, die ich bekam, wenn es reg­ne­te und sie meh­re­re Stun­den zu spät zur Arbeit kamen. Ich kann mich dar­über nicht auf­re­gen. Es ist ja nichts pas­siert. Das Leben ver­zö­gert sich hier gene­rell, wenn es reg­net. Die Gäs­te sind genau­so spät dran. Wenn ich mich mal dar­über auf­reg­te dann war es wohl eher ein gewis­ser Neid. Wie ger­ne wür­de ich die­se Ant­wort immer dann geben, wenn ich bei schlech­tem Wet­ter nicht aus dem Haus will. Das kann ich in „mei­ner“ Welt aber nicht. Oder ist das auch nur in mei­nem Kopf? Viel­leicht kann ich ja doch. Ich habe es nur nie gewagt. Es gibt auch „becau­se of heat“ und zwar immer dann, wenn die Mit­tags­son­ne gna­den­los auf uns her­ab­schien und die Mee­res­bri­se ruhig war. Eini­ge Mit­ar­bei­ter leg­ten sich dann in den Schat­ten und unter­bra­chen ihre Arbeit. Eigent­lich ver­ständ­lich. Nicht aber in der mir gewohn­ten Welt.

Wenn mal kei­ne Trai­nings anstan­den ent­wi­ckel­te ich ein Hos­pi­ta­li­ty Schu­lungs­kon­zept für die locals. Schu­lun­gen, die in der Tagungs­lodge des Resorts statt­fin­den soll­ten. Finan­ziert wer­den soll­te das gan­ze von einer enga­gier­ten nie­der­län­di­schen NGO. Auch das war ein span­nen­des Pro­jekt für mich, für das ich brann­te.

Tag­täg­lich spür­te ich eine Ent­wick­lung in mir. Von der pin­ge­li­gen Euro­päe­rin zu einer ent­spann­ten Per­sön­lich­keit, die nichts aus der Ruhe brin­gen kann. Ich begann das Drum­her­um zu genie­ßen – in vol­len Zügen. So weit weg waren all die Vor­ur­tei­le der ande­ren daheim und die unbe­wuss­ten Ängs­te, die ich selbst noch in den ers­ten Tagen hat­te.

Die Zusam­men­ar­beit und die gemein­sa­me Zeit mit dem Team, hat mir unge­mein viel gege­ben. Eine Berei­che­rung, die ich auf kei­nen Fall mis­sen möch­te. Mir bleibt zu hof­fen, dass sie es umge­kehrt auch nur ansatz­wei­se ähn­lich emp­fun­den haben.

“Hide yours­elf the­re” – Kuma­si

Die­ses fast schon unwirk­lich para­dies­ar­ti­ge Idyll. Mit dem Reh „Bam­bi“, das frei leb­te und fast täg­lich im Beach Resort vor­bei­kam, dem Kater Maxi, der Hün­din Lucy, dem Eich­hörn­chen, der fami­liä­ren Atmo­sphä­re, dem guten Essen, dem 6 km lan­gen Strand, der ange­neh­men Tro­pen­bri­se und dem tol­len Mit­ein­an­der. All das ließ ich bei mei­nem Trip ins Lan­des­in­ne­re, nach Kuma­si, hin­ter mir. Neue Aben­teu­er, Neue Ein­drü­cke, Neue Men­schen, Neue Begeg­nun­gen, Neue Erfah­run­gen – dar­auf freu­te ich mich wahn­sin­nig. Kwo­fie brach­te mich zum gro­ßen Umschlags­platz für Rei­sen in alle Rich­tun­gen, nach Tako­ra­di, etwa 65 km vom Resort ent­fernt. Tako­ra­di kann­te ich bereits von den monat­li­chen Shop­ping Trips für den Hotel­be­trieb. Dort gab es einen rich­ti­gen Super­markt, wo Claus Fleisch besorg­te, das hier gekühlt war. Fri­sches Gemü­se kauf­ten wir auf dem Markt ein. Der Markt war ein Erleb­nis für sich. Men­schen, die sich um uns dräng­ten. Die Früch­te­viel­falt auf der einen und das Fleisch, das offen in der Hit­ze aus­lag auf der ande­ren Sei­te. Dazu der abge­stan­de­ne Geruch des Pfüt­zen­was­sers und der Müll über­all.
Jetzt war ich aber am, sagen wir ZOB. Ein schier undurch­schau­ba­res Durch­ein­an­der. Meh­re­re Tro­Tros – typi­sche Trans­port­mit­tel in Gha­na – reih­ten sich neben­ein­an­der auf. Dane­ben meh­re­re Pkws und gro­ße Rei­se­bus­se. Alle ohne Beschrif­tung. Hier tob­te das Leben. Über­all um mich her­um geschäf­ti­ges Trei­ben. Die Händ­ler, die allen ihre klei­nen Hand­tü­cher oder Essen ins Gesicht streck­ten, das sie ver­kau­fen woll­ten. Lau­tes Gere­de von allen Sei­ten. Der rote Staub in der Luft. Die feuch­te Hit­ze. Die lau­fen­den Moto­ren. Fami­li­en, die sich zwi­schen die Tro­Tros drän­gel­ten, Frau­en mit Babys auf ihrem Rücken und Gepäck auf ihren Köp­fen. Mir wur­de fast schwind­lig. Es war aber auch unfass­bar span­nend. Zum Glück hat­te ich Kwo­fie noch bei mir. Er frag­te sich für mich durch, um zu erfah­ren, wie man mich denn jetzt am bes­ten nach Kuma­si bekommt. Ich war ihm unend­lich dank­bar. Schließ­lich gab es ein Gefährt und es konn­te los­ge­hen. Nicht ganz sofort. Fahr­plä­ne gibt es kei­ne. Es wird los­ge­fah­ren, sobald das Vehi­kel rest­los voll­ge­stopft ist. Die Fahrt nach Kuma­si dau­ert in der Regel etwa acht Stun­den. Nach etwa drei Stun­den gab es eine Toi­let­ten­pau­se. Ohne Toi­let­ten. Der Fah­rer sieht mich an und sagt „Hide yours­elf the­re“. Er zeig­te auf die Grün­flä­che mit eini­gen Büschen neben der Stra­ße. Das taten nur in dem Moment schon alle und mit „hide“ war nicht mehr viel. So beschloss ich, bis zu mei­ner Ankunft abzu­war­ten.

Spät am Abend erreich­te ich das Hotel in Kuma­si. Ein­ge­la­den hat­te mich der liba­ne­si­sche Besit­zer des Hotels, zu dem ich zuvor Kon­takt auf­ge­nom­men hat­te. In Gha­na ist Mund zu Mund Pro­pa­gan­da und Emp­feh­lung essen­ti­ell. So war mein Ziel eine Zusam­men­ar­beit zwi­schen unse­rem Resort an der Küs­te und sei­nem Hotel in der Königs­stadt Kuma­si. Wir emp­feh­len unse­ren Gäs­ten sein Hotel im Lan­des­in­ne­ren und er emp­fiehlt sei­nen Gäs­ten unse­res an der West­küs­te. Schrift­li­che Über­ein­künf­te oder Kon­tak­te zäh­len aller­dings nicht als eben sol­che. Nicht bis man sich per­sön­lich ken­nen­ge­lernt hat. Am Abend lud er mich gleich zum Fami­li­en­es­sen auf der Hotel­ter­ras­se mit sei­nen Brü­dern und sei­nen Kin­dern ein. Ver­rückt. „Litt­le Leba­non“ in Gha­na. Es gab Shi­sha, Fal­a­fel und Tab­bou­leh. Eine Kul­tur, die ich bereits kann­te und lieb­te. Ich fühl­te mich also gleich wohl. Von Berüh­rungs­ängs­ten kei­ne Spur. Das wäre eini­ge Jah­re vor­her noch mit mei­ner ver­schüch­ter­ten Art undenk­bar gewe­sen.

Am nächs­ten Tag ging ich zum Markt, von dem mir alle vor­ge­schwärmt hat­ten. Er war rie­sig und groß­ar­tig. All die Far­ben, das Gemü­se, die Stof­fe, die Haus­halts­wa­ren, die Früch­te, die Men­schen, die klei­nen Schuh­werk­stät­ten. Die­se far­ben­fro­hen Stof­fe sind eine Wohl­tat fürs Auge. Ich kauf­te mir eini­ge. Zurück in Axim wür­de ich sie zur Schnei­de­rin brin­gen und mir etwas nähen las­sen. In Euro­pa ist irgend­wie alles so grau. Hier über­haupt nicht. Ich bin mir sicher, dass die Far­ben sich auch auf das Gemüt aus­wir­ken. Viel­leicht kein wesent­li­cher Teil, aber ganz sicher hat das auch eine Aus­wir­kung auf die fröh­li­che Art hier­zu­lan­de. In Gedan­ken ver­tieft, mer­ke ich auf ein­mal, dass alle mich anse­hen. Da wur­de mir bewusst, dass ich weit und breit die ein­zig hell­häu­ti­ge Per­son war. Eini­ge Frau­en berühr­ten mei­nen Arm mit ihrem Fin­ger und lächel­ten dabei ver­schmitzt. Ich erfuhr, dass sie glaub­ten, dass es Glück bringt. Erstaun­li­cher­wei­se mach­te mir all das nichts aus. In kei­ner Sekun­de habe ich mich in die­sem Land je unsi­cher gefühlt. Die Art, wie die Men­schen einen anse­hen, ist in keins­ter Wei­se unan­ge­nehm, anzüg­lich oder beläs­ti­gend. Im Gegen­teil, es ist ein freund­li­ches Inter­es­se. Wie­der etwas über mich gelernt. Inter­es­sant.
Im Lau­fe mei­nes Trips ging es in Muse­en über die Königs­fa­mi­li­en, in den trau­rigs­ten Zoo, den ich jemals gese­hen hat­te, in ein Natur­schutz­ge­biet und auf einen Trip mit dem Hotel­fah­rer Geor­ge. Geor­ge erzähl­te mir viel über das Leben und die Kul­tur. Über die Men­schen, die in den abge­le­gens­ten Dör­fern mit­ten im Dschun­gel leben. Hier gab es kei­ne moder­ne Ablen­kung, kei­ne Fern­se­her. Sie muss­ten sich mit­ein­an­der beschäf­ti­gen. Daher, so Geor­ge, sei es nicht ver­wun­der­lich, dass sie so vie­le Kin­der bekom­men. Ein gro­ßes Pro­blem sind für sie aber natür­lich Krank­heits­fäl­le. Selbst heil­ba­re Krank­hei­ten ende­ten oft töd­lich, weil der nächs­te Ort mit Medi­ka­men­ten und Ärz­ten zu weit weg ist. Irgend­wann erreich­ten wir ein klit­ze­klei­nes Dorf, wo es einen Voo­doo Tem­pel gab und wo einer der wich­ti­gen Chiefs leb­te. Im Voo­doo Tem­pel war nichts außer ein paar Blut­sprit­zer der gest­ri­gen Zere­mo­nie. Da war auch ein Mann in einer Ecke, der nicht glück­lich dar­über schien mich dort zu sehen. Er begann auf Twi, der Spra­che, die man in der Ashan­ti Regi­on spricht, zu schimp­fen. In mei­ne Rich­tung. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Da ging die Fan­ta­sie­welt – geprägt von unbe­wuss­ten Vor­ur­tei­len – in mei­nem Kopf wie­der an. Was geschieht in die­sen Tem­peln? Wer­de ich als nächs­tes geop­fert? Wei­ße Men­schen­op­fer zie­hen sicher die Gunst der Göt­ter eher an als die übli­chen Hüh­ner. Wie soll­te ich reagie­ren? Ich sah mich um. Außer dem auf­ge­brach­ten Mann und mir war nie­mand da. Er kam auf mich zu. Er wur­de immer lau­ter. Ich konn­te ihn nicht ver­ste­hen. Da erblick­te ich end­lich Geor­ge. Er rede­te sogleich auf den Herrn ein. Es stell­te sich her­aus, dass Frem­den­be­such an die­sem Tag nicht gern gese­hen war. Geor­ge gelei­te­te mich raus. Also mal wie­der alles nur in mei­nem Kopf. Ich spre­che meh­re­re Spra­chen und kom­me im Aus­land für gewöhn­lich super zurecht. Ich bin es nicht gewohnt nicht selbst kom­mu­ni­zie­ren zu kön­nen. Wahr­schein­lich hat mich genau das in die­sem Moment über­for­dert und die­se wil­de Fan­ta­sie von mir als Men­schen­op­fer ent­facht. Ich muss lachen.

Mei­ne Gedan­ken­gän­ge wer­den von Geor­ge unter­bro­chen. Mit etwas Glück pro­phe­zei­te er mir, kön­nen wir eine Audi­enz beim Chief bekom­men. Ich sol­le nur schau­en, ob ich Bar­geld für den Chief in der Tasche habe. Chiefs sind qua­si Köni­ge ihrer Stäm­me und haben das Sagen. Wir beka­men das OK und betra­ten ein ein­fa­ches wei­ßes Lehm­haus. Außer einem Sofa und zwei Ses­seln gab es kei­ne Ein­rich­tung. Drin­nen die Fami­lie und der Chief höchst­per­sön­lich. Ein gro­ßer bäri­ger Mann, des­sen Beklei­dung ein lan­ges fes­tes blau­es Tuch mit Mus­tern war, das über eine Schul­ter gelegt war. Es gibt Momen­te im Leben, da hat man das Gefühl neben sich zu ste­hen. Als wäre man aus sei­nem Kör­per her­aus­ge­fah­ren und betrach­te­te die Sze­ne­rie von außen. Wie einen Film. Einen unwirk­li­chen Film. Dies war so ein Moment. Da saßen wir jetzt also. Alle zusam­men. Die obli­ga­to­ri­sche Fra­ge nach mei­ner Her­kunft. Dann Schwei­gen. Wir sahen ein­an­der ein­fach nur an. Ein paar Minu­ten, die mir wie eine Ewig­keit vor­ka­men. Irgend­wann bedeu­te­te Geor­ge mir das Zei­chen für den Geld­schein. Ich hat­te USD 20 und soll­te die­se fei­er­lich über­ge­ben. Es wur­den Fotos gemacht. In mei­ner Welt absur­de Fotos. Ich soll­te das eine Ende des Scheins hal­ten wäh­rend der Chief das ande­re Ende hielt. Smi­le! Es war lus­tig und unfass­bar befremd­lich zugleich. Ist das gera­de wirk­lich pas­siert? Mit einem komi­schen Gefühl ver­las­se ich das Häus­chen und es geht zurück. Wow, all das muss ich erst­mal ver­ar­bei­ten. Das geschieht nicht bewusst, aber es geschieht. Immer wie­der, im Lau­fe der Zeit. Wenn ich allein mit mei­nen Gedan­ken bin und den Erin­ne­rungs­fet­zen, die sich plötz­lich auf­tun.

Im Tro­T­ro ging es zurück nach Ank­o­bra. Das Tro­T­ro kann man sich als klei­nen Lie­fer­wa­gen vor­stel­len, der mit Sitz­bän­ken und Stüh­len aus­ge­stat­tet ist. Nor­ma­ler­wei­se wür­den 10 Per­so­nen Platz fin­den. Wir waren mit 20 drin plus Babys und Taschen. Die Hit­ze und die­se unge­wohn­te Nähe waren für mich kaum zu ertra­gen. Durch all das Gepäck der Men­schen, die unter ande­rem Okra und Mani­ok trans­por­tier­ten, wur­de das Gefährt zudem dop­pelt so hoch. Im Schleich­tem­po quäl­te sich das Tro­T­ro durch die Stra­ßen und die Schlag­lö­cher. Die Fahrt dau­er­te etwa vier Stun­den län­ger als sonst. Die­ses befrei­en­de Gefühl als ich mit­ten in der Nacht ankam, war unbe­schreib­lich. Luft. Wie­der atmen. Eini­ge Wochen spä­ter bekam ich eine Shi­sha zuge­schickt – ein Geschenk der liba­ne­si­schen Geschäfts­part­ner. Eine schö­ne Über­ra­schung. Noch schö­ner waren die Nach­mit­ta­ge, die ich damit ver­brach­te den Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen das Shi­sha Rau­chen bei­zu­brin­gen. Ich erin­ne­re mich an ihre lachen­den Gesich­ter und wie komisch sie es fan­den. So etwas hat­ten sie nie zuvor gese­hen, geschwei­ge denn pro­biert.

Erfah­rung besiegt Angst und wird zu Nost­al­gie

Nach vier Mona­ten war es an der Zeit Abschied zu neh­men. Ich hät­te nicht gedacht, dass es mir so schwer­fal­len wür­de. Erst als ich den Kloß in mei­nem Hals spür­te und die Trä­nen in den Augen der Fami­lie, der Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen sah, wur­de mir bewusst, dass ech­te Freund­schaf­ten ent­stan­den sind. Gemein­sa­me Erleb­nis­se, die wir nicht mehr mis­sen möch­ten. Wir haben viel zusam­men gelacht. Wir gewähr­ten ein­an­der Ein­bli­cke in unse­re so unter­schied­li­chen Wel­ten. Immer vol­ler Respekt und Lie­be.

Zurück in Lipp­stadt. Ich lie­ge im Bett und es ist mucks­mäus­chen­still. Die Stil­le macht mir Angst. Wit­zig, vor ein paar Mona­ten war es noch genau umge­kehrt. Ich kann mei­nen Kopf nicht abschal­ten. Ich habe die Gerü­che in mei­ner Nase, den Geschmack von Ground Nut Soup auf mei­ner Zun­ge, das Lachen der Men­schen und das Fegen in mei­nen Ohren und all die­se Far­ben vor mei­nem geis­ti­gen Auge. Ich den­ke an Ines und die tief­grün­di­gen Gesprä­che, die wir mit­ein­an­der führ­ten. An den ers­ten Joint mei­nes Lebens, den ich am Strand mit ihr rauch­te. Sie ist eine so star­ke Frau. Natür­lich den­ke ich auch an Jolene, die mir so unfass­bar ans Herz gewach­sen ist. Die­ses süße blon­de klei­ne Dschun­gel­mäd­chen, das so auf­ge­weckt und selbst­be­wusst war und flie­ßend Eng­lisch sprach – mit dem afri­ka­ni­schen Akzent. Zugleich aber auch Prin­zes­sin, die das Sagen hat­te. Mit ihrer Hün­din Lucy, die ihr auf Schritt und Tritt folg­te. Ich wer­de sie ver­mis­sen. Ich erin­ne­re mich an den Mann, der ein neu­es Pass­fo­to von mir gemacht hat, das ich für die Ver­län­ge­rung des Visums brauch­te. Hei­ra­ten wol­le er mich. Mit mir nach Euro­pa gehen. Euro­pa muss so viel bes­ser sein als Gha­na. Lächelnd ver­nein­te ich alle drei Aus­sa­gen. Es gibt kein bes­ser oder schlech­ter. Nur anders. Was bes­ser ist, obliegt der indi­vi­du­el­len Ein­schät­zung jedes Ein­zel­nen. Unwill­kür­lich den­ke ich an den Beam­ten der Ein­wan­de­rungs­be­hör­de, der mei­nen Pass nicht aner­ken­nen woll­te als er fest­stell­te, dass es ein ita­lie­ni­scher Pass und kein deut­scher war. Still­schwei­gend nahm ich hin, für die­se «Schan­de» das dop­pel­te zu zah­len. Die Behör­den haben die Macht. Mit der Kor­rup­ti­on muss­te man sich in Gha­na anfreun­den, wenn man hier leben woll­te. Dann den­ke ich an unse­re ita­lie­ni­sche Part­ner NGO, die in den com­mu­ni­ties mit den Kin­dern Plas­tik­müll ein­sam­mel­te und Taschen dar­aus mach­te, die sie dann für einen guten Zweck ver­kauf­ten. Die bun­ten Fischer­boo­te in Axim. Die Eis­creme, die man aus einer Plas­tik­tü­te auf­sog. Die Fufu stamp­fen­de Mag­da­li­ne. Das Stilt Vil­la­ge – das Dorf auf Stel­zen. Die Man­gro­ven. Die Gür­tel­tie­re. Bam­bi. Maxi. Der wun­der­schö­ne Lake Bosumtwi, der ein­zi­ge Bin­nen­see Gha­nas. Er liegt in einem Meteo­ri­ten­kra­ter. Abso­lut fas­zi­nie­rend. Dann der alte Mann, der uns durch das Fort St. Ant­o­ny, der zweit­äl­tes­ten Skla­ven­hoch­burg des Lan­des führ­te. Die unfass­ba­re Beklem­mung und das Ent­set­zen. Der Mann, wie er plötz­lich Jolene am Arm packt, sich ganz nah zu ihr her­un­ter­beugt und zu ihr sagt «Siehst du! Siehst du, was dei­ne Vor­fah­ren mit uns gemacht haben!» Alte Skla­ven­bur­gen habe ich wäh­rend mei­nes Auf­ent­hal­tes vie­le gese­hen. «Als SM Resort wären die­se Fes­tun­gen sicher immer aus­ge­bucht», so Ines. So maka­ber das klin­gen mag. Abwe­gig ist es kei­nes­falls. Dar­auf fol­gen Bil­der die­ser unfass­ba­ren tro­pi­schen Natur. Der wil­de Atlan­tik, aus dem man nach einem Bad nie unlä­diert wie­der her­aus­kam. Die Mädels, die Angst vor dem Meer hat­ten. Die Fischer, die jeden Mor­gen mit ihrem fri­schen Fang vor­bei­ka­men. Das Krä­hen der Häh­ne. Die Flug­hun­de, die sich zum Son­nen­un­ter­gang gen Him­mel empor­schwan­gen. Wow, was die­se Zeit mit mir gemacht hat. Es ist über­wäl­ti­gend. Ohne es zu bemer­ken, habe ich eine unglaub­li­che Ent­wick­lung durch­ge­macht. Von all den unbe­wuss­ten Vor­ur­tei­len kei­ne Spur mehr. Selbst mei­ne Mut­ter ist stolz und erzählt ger­ne, dass ihre Toch­ter im wun­der­schö­nen Gha­na war, das über­haupt nicht gefähr­lich ist. Mit einem über­wäl­ti­gen­den Mix aus Emo­tio­nen und Bil­dern, schla­fe ich irgend­wann ein. Die Melo­die in mei­nem Kopf hat die Stil­le da drau­ßen besiegt.

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Antworten

  1. Avatar von Freiwilligenarbeit im Ausland

    Lie­be Miche­la,
    dan­ke für dei­nen infor­ma­ti­ven Bericht. Erwar­te immer das Uner­war­te­te. Gha­na ist ein so tol­les Land und an jeder Ecke wirst du von neu­en Ein­drü­cken über­rascht. Du bekommst einen völ­lig neu­en Blick auf dein eige­nes Leben.

    1. Avatar von Michela

      Das ist so wahr…

  2. Avatar von Lisa
    Lisa

    Ein span­nen­der Bei­trag, der einen gefühlt »haut­nah« an dei­ner Erfah­rung teil­ha­ben lässt und Lust auf Gha­na macht.
    Schön beschrie­ben sind auch die Vor­ur­tei­le und Ängs­te, die unauf­halt­sam in uns schlum­mern oder durch unser Umfeld mit­ge­ge­ben wer­den. Der Weg aus der Angst führt durch sie hin­durch. Schön, dass du immer wie­der den Sprung ins kal­te Was­ser wagst und dei­ne Leser teil­ha­ben lässt.

    1. Avatar von Michela

      Vie­len Dank für dei­ne Wor­te lie­be Lisa. Da hast du voll­kom­men recht. Schön, dass mei­ne Geschich­te dir gefal­len und dich berührt hat. Mehr Geschich­ten gibt es unter http://www.gitalian.world 🙂 und hier auf der Sei­te sind natür­lich auch noch vie­le span­nen­de Bei­trä­ge aus aller Welt.
      Lie­be Grü­ße, Miche­la

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