I

Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit

Es riecht nach süß­li­chem Feuer, denn über­all wird immer gerade etwas abge­fa­ckelt oder es wird drau­ßen gekocht. Ich sehe viel grün; wacke­lige Ver­kaufs­stände mit dem hier so typi­schen Zucker­brot; win­kende Kin­der; Men­schen, die am Stra­ßen­rand ihre Not­durft ver­rich­ten; Far­ben über Far­ben; ein Geis­tes­kran­ker, den ich noch öfter auf der Straße sehen sollte – ver­las­sen, von der Gesell­schaft ver­sto­ßen und auf sich allein gestellt; strah­lende Men­schen; den all­ge­gen­wär­ti­gen auf­ge­wir­bel­ten roten Staub in der Luft; nach Unfäl­len lie­gen­ge­blie­bene Autos; Well­blech­hüt­ten; Schlag­lö­cher; präch­tige Pal­men auf der einen Seite und abge­stor­bene Pal­men, ihrer präch­ti­gen Kro­nen ent­raubt ‑nur noch Baum­stämme- auf der ande­ren Seite; stau­bige Stra­ßen; Dör­fer, die einer ein­zi­gen Voda­fone oder wahl­weise Omo-Wasch­mit­tel Wer­bung glei­chen, da alle Häus­chen ent­spre­chend der Fir­men­far­ben und Logos gestal­tet sind.

Mit im Auto sit­zen Ines, Claus und ihre vier­jäh­rige Toch­ter Jolene. In der Nacht zuvor waren Ines, Jolene und ich in Accra gelan­det. Das ist die Hote­liers Fami­lie, deren Auf­ruf ich gefolgt bin, als sie Unter­stüt­zung im Manage­ment ihres NGO betrie­be­nen Anko­bra Beach Resorts nahe Axim in der Wes­tern Region von Ghana gesucht haben. Zu der Zeit steckte ich noch in einem Bord­ein­satz auf einem Kreuz­fahrt­schiff. Der Schiffs­ver­trag, der mein letz­ter sein sollte, neigte sich dem Ende zu. Nach ins­ge­samt fast sechs Jah­ren Arbeit auf Schif­fen, spürte ich, dass jetzt der Moment gekom­men war, einen Schluss­strich unter die­sen Lebens­ab­schnitt zu zie­hen. Einen letz­ten Aus­bruch aus dem Gewöhn­li­chen brauchte ich aber doch noch, bevor ich das Aben­teuer «sess­haft wer­den» ange­hen wollte. Als ich die Anzeige des Anko­bra Beach Resorts sah, war es gleich um mich gesche­hen. Das Feuer war ent­facht. Es gab keine Dis­kus­sio­nen mehr. Auch nicht, als mein Umfeld wie erwar­tet geschockt reagierte. All die Vor­ur­teile, basie­rend auf nichts als Hören­sa­gen spu­ken allen in den Köp­fen herum und so schnellt ihnen bei die­sem Gedan­ken nichts ande­res in den Kopf als «Bist du denn voll­kom­men ver­rückt? Und dann auch noch allein? Als Frau? Das ist viel zu gefähr­lich!» Dazu gehör­ten Fami­lie, Freunde und mein Tro­pen­arzt natür­lich. Letz­te­rer ver­passte mir aller­lei Imp­fun­gen und riet mir ein­dring­lich dazu die Mala­ria Pro­phy­laxe zu neh­men, denn «alles andere sei Selbst­mord». Selbst­mord? Das klang in mei­nen Ohren schon etwas über­trie­ben. Aber natür­lich machte ich mir auch Sor­gen und wusste nicht so recht was tun. Gelei­tet von dem unbän­di­gen Ent­schluss, den ich gefasst hatte und all den nega­ti­ven Stim­men auf der ande­ren Seite, geriet ich etwas ins Wan­ken. Was, wenn sie doch alle recht haben und ich irgendwo mit­ten im Busch elen­dig an Mala­ria ver­re­cke? Ist das rea­lis­tisch oder fin­det das gerade doch nur in mei­nem Kopf statt? Zum Glück gab es bei einem Tele­fo­nat mit Ines Auf­klä­rung zu die­sem Thema. Sie riet mir von der Pro­phy­laxe ab. In all den Jah­ren, die sie in Ghana lebt, ist sie selbst schon mehr­fach an Mala­ria erkrankt. Mit den rich­ti­gen Medi­ka­men­ten zur Hand, ist es ein Leich­tes die Krank­heit, die man an den ers­ten Grippe Sym­pto­men erkennt, im Keim zu ersti­cken. Sie erzählte mir von den hor­ren­den Neben­wir­kun­gen der Pro­phy­laxe Tablet­ten. Von einem bel­gi­schen Kol­le­gen einige Kilo­me­ter ent­fernt, der im Psy­cho­wahn, den diese Tablet­ten aus­lö­sen kön­nen, fast seine Fami­lie und sich selbst umge­bracht hatte. Ich ent­schied also für mich, dass die Neben­wir­kun­gen weit­aus schlim­mer waren. Als wir in Accra ange­kom­men waren, habe ich mir gleich die ent­spre­chen­den Medi­ka­mente besorgt und war beru­higt. In den vier Mona­ten, die ich in Ghana ver­brachte, wurde ich übri­gens kein ein­zi­ges Mal krank.

All diese Gedan­ken schwirr­ten mir, neben der Kulisse, die an mir vor­bei­zog, im Kopf herum. Ein über­wäl­ti­gen­der Mix aus Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und die unmit­tel­bare Zukunft, die mich erwar­tete, über­kam mich. Ein schö­nes Gefühl. Es ist so herr­lich ungewiss.


Akwaaba

So wurde ich von strah­len­den Gesich­tern begrüßt, als wir nach etwa sie­ben Stun­den ruck­li­ger Fahrt end­lich das Anko­bra Beach Resort erreich­ten. Das Resort ist abseits der Haupt­straße mit­ten im Dschun­gel und direkt am Atlan­tik. Ein klei­nes Para­dies, das mit einer Flä­che von ins­ge­samt 45 ha Land gar nicht so klein ist. Der Weg ins Para­dies ist aller­dings nicht so ein­fach. Es gibt keine Straße. Ohne Gelän­de­wa­gen ist es kaum mög­lich dahin­zu­kom­men. Was mich schon vor mei­ner Reise fas­zi­niert hat, war die­ser natür­li­che Kreis­lauf und die Sinn­haf­tig­keit, mit der das Resort betrie­ben wurde. Für mich hieß es «end­lich weg vom Mas­sen­tou­ris­mus und die­ser unsäg­li­chen Ober­fläch­lich­keit der Men­schen», die für mich so uner­träg­lich gewor­den war. Ines und Claus leis­ten in viel­fäl­tigs­ter Weise einen enor­men Bei­trag für die Com­mu­nity sowie das Umwelt­be­wusst­sein vor Ort. Sie beschäf­ti­gen nur Ein­hei­mi­sche und sor­gen für sichere Arbeits­plätze. Die gesamte Gestal­tung der Arbeits­ab­läufe rich­tet sich har­mo­nisch nach dem Kreis­lauf, der von der Natur vor­ge­ge­ben ist. Umwelt­be­wusst­sein ist hier nicht nur Gerede, son­dern gelebte Pra­xis. Das Gemüse wird selbst ange­baut, der Müll wird ent­sorgt und nicht ver­brannt. Das sind nur einige Bei­spiele. Selbst wenn man all das vor­her nicht wusste, man erkennt es gleich.

«Ob Ghana ein Kul­tur­schock für mich sei», fragte Claus mich irgend­wann. Doch tat­säch­lich emp­fand ich es nicht so. Viel­leicht war ich selbst ein wenig über­rascht dar­über. Das Klima, die Gerü­che, die Pflan­zen­welt, die Strände – vie­les erin­nerte mich in gewis­ser Weise an Costa Rica. Ich liebte es. Das Durch­ein­an­der, die unge­wöhn­li­chen Gerü­che – ich fühlte mich gleich «ange­kom­men». Die offene Art der Men­schen, die raue Natur, der wilde Atlan­tik, der natür­li­che Kreis­lauf. Es klingt sehr kit­schig, aber es fühlte sich ein­fach rich­tig an.

Es ist alles in mei­nem Kopf

Etwa 500 m vom weit­läu­fi­gen Beach Resort mit den 8 Gäste Lod­ges ent­fernt, befand sich das so genannte «Workers Vil­lage». Hier ste­hen die selbst gebau­ten Lehm­hüt­ten inmit­ten eines wun­der­schö­nen wil­den Gar­tens mit Ana­nas­sträu­chern und Kokos­pal­men. Hier gibt es auch zwei Gemein­schafts­nass­zel­len (Toi­let­ten und Duschen), eine für Frauen und eine für Män­ner. Am Ende des Workers Vil­la­ges befand sich meine Hütte: eine kleine Treppe führte hin­auf zu einem ein­fa­chen Zim­mer mit Bett und Schrank. Es gab Fens­te­r­ein­las­sun­gen, aber keine Fens­ter. Statt­des­sen Mos­ki­to­netze. Per­fekt. Denn mit der Lage am Meer hatte man so die beste und natür­lichste Kli­ma­an­lage der Welt. Jedoch hebt es die ver­traute Abgren­zung von drin­nen und drau­ßen auf.

Meine erste Nacht. Es ist 22 Uhr. Ich liege im Bett. Alle Sinne sind auf Emp­fang und ich höre zu. Die Tier­welt ist laut. Die meis­ten Laute kann ich nicht zuord­nen. Das macht mir in gewis­ser Weise Angst und macht mich ner­vös. Irgend­wann jedoch wie­gen sie mich zusam­men mit dem Rau­schen des Mee­res in einen tie­fen Schlaf. Die­ser wird von einem Urbe­dürf­nis unter­bro­chen. Ich muss nach drau­ßen zur Toi­lette gehen. Durch den afri­ka­ni­schen Dschun­gel – unter dem sich alles ver­ber­gen kann – inklu­sive mei­ner Fan­ta­sie. Beson­ders diese. Alles Mög­li­che rast mir durch den Kopf. Was oder wer kann durch meine Schritte auf­ge­schreckt und womög­lich in den Ver­tei­di­gungs­mo­dus ver­setzt wer­den? Eine Vogel­spinne, eine Green oder doch eine Black Mamba? Alle kom­men sie hier vor. Die nächste Gegen­do­sis für das Schlan­gen­gift befin­det sich etwa eine Stunde ent­fernt. Bei der Gold­mine, für die einige unse­rer Dau­er­gäste tätig sind – zumeist Expats aus Groß­bri­tan­nien, Kanada und Süd­afrika. Eigent­lich ist das Mamba Pro­blem kein so gro­ßes mehr. Vor eini­ger Zeit waren sie ein­fach über­all. Sie jag­ten den Gäs­ten unter ande­rem im offe­nen Restau­rant einen Schre­cken ein, indem sie auf ein­mal von der Decke run­ter­bau­mel­ten oder indem sie heim­lich in die Lod­ges kro­chen. Um dem ent­ge­gen­zu­wir­ken brachte Ines einen Kater mit – Maxi. Der küm­merte sich rasch um die Mäuse und Rat­ten, was den Schlan­gen sogleich ihre Nah­rungs­grund­lage nahm und sie ent­fern­ten sich. Nicht voll­stän­dig, aber sie begeg­ne­ten einem nicht mehr so häu­fig. Eigent­lich. Wie dem auch sei. Der Drang ist schließ­lich grö­ßer als die Angst und ich wage mich raus. Aber erst­mal mit Anti Mücken Spray voll­ne­beln bis ich fast ersti­cke. Schließ­lich lau­ern auch die Mala­ria Mücken da drau­ßen. Los geht’s. Mit einer Taschen­lampe bewaff­net, die nach den ers­ten drei Schrit­ten den Geist auf­gibt. Mein Herz rast, es ist stock­dus­ter. Meine Augen brau­chen ein biss­chen bis sie sich an «stock­dus­ter» gewöhnt haben. Ich kann nur Umrisse erken­nen. Weder das Vil­lage noch der Weg dort­hin sind beleuch­tet. Angst­schweiß fließt mir kalt den Rücken run­ter. Es ist alles in mei­nem Kopf. Die Sze­nen, die sich in mei­nem Kopf abspie­len, könn­ten aben­teu­er­li­cher nicht sein. Lang­sam setze ich zitt­rig einen Fuß vor den ande­ren. Mit jedem Schritt knackt etwas unter mei­nen Füßen. Tief durch­at­men. Schließ­lich schaffe ich es irgend­wie zur Toi­lette und wie­der zurück und das ohne unheim­li­che Begeg­nun­gen. Puh, «über­lebt». So geht das in den Gewöh­nungs­wo­chen fast jede Nacht – anstren­gend. Bis es ganz nor­mal ist und ich nicht ein­mal mehr das Mücken­spray benutze.


Ihr Euro­päer habt die Uhr, wir haben die Zeit

Am nächs­ten Mor­gen wurde ich gegen 6 Uhr von dem Krä­hen der Hähne geweckt. Kurz dar­auf hörte ich ver­ein­zelt Stim­men und die­sen gleich­mä­ßi­gen Klang des Fegens. Die Frauen feg­ten gleich nach Son­nen­auf­gang in gebück­ter Hal­tung als ers­tes den Staub vor ihren Hüt­ten weg. Dazu benutz­ten sie selbst gemachte kurze Besen, für die sie feste Sträu­cher zusam­men­ge­bun­den hat­ten. Ines hatte ihnen mal „rücken­freund­li­che“ Besen besorgt, wie wir sie in Deutsch­land haben, aber die gefie­len ihnen nicht. Davon bra­chen sie den lan­gen Stock ab und feg­ten, wie sie es gewohnt waren.

Bei all dem Trei­ben da drau­ßen konnte ich nicht lie­gen­blei­ben. Wieso auch? Es ist wesent­lich natür­li­cher sich dem Rhyth­mus anzu­pas­sen. Um 18 Uhr wird es dun­kel und der Tag neigt sich dem Ende zu. Um 6 Uhr mor­gens beginnt der Tag mit dem Weck­ruf der Hähne.

Im Restau­rant finde ich mich mit Ines und Claus ein. Meine Auf­gabe sollte darin bestehen sie in ihrem All­tag zu unter­stüt­zen – in allen Berei­chen. Beson­ders aber was Mit­ar­bei­ter­schu­lun­gen und all­ge­meine Mit­ar­bei­ter­füh­rung anging. Das klang alles sehr span­nend und ich war dank­bar für ihr Vertrauen.

Was ich jedoch unbe­dingt als Ers­tes ange­hen wollte, war die Sau­ber­keit der Toi­let­ten- und Dusch­räume. Für jeman­den, der etwas emp­find­lich mit Spin­nen­net­zen und allem was kriecht oder an der Decke hängt, ist – ein Muss. Ich über­zeugte die «Crew» davon, gemein­sam zu put­zen. Da machte ich selbst natür­lich auch mit, aber in mei­ner über­trie­be­nen Panik mit einem gro­ßen Hut, viel zu gro­ßen Gum­mi­stie­feln und vol­ler Mon­tur. So hat­ten auch alle was zu lachen und ich musste nicht befürch­ten, dass beim Säu­bern der Decke die Spin­nen in mei­nem Kra­gen lan­de­ten. Die Weiße putzt mit und sieht dabei auch noch so lus­tig aus. Als befürchte sie, die Spin­nen­netze wür­den sie gleich ein­fan­gen und ver­schlin­gen. Sei es drum. Es war eine ver­gnüg­li­che Aktion – Team­buil­ding mal anders. Wir haben gemein­sam viel gelacht und am Ende fühl­ten sich alle mit einem sau­be­ren Dusch- und Toi­let­ten­raum gleich viel bes­ser. Zumin­dest bil­dete ich mir das erfolg­reich ein. Noch etwas, das wohl nur in mei­nem Kopf so war. Wer weiß. Aber sogar die Män­ner folg­ten dem Bei­spiel und rei­nig­ten ihren Bereich.

Jetzt konnte es also los­ge­hen. Ich reor­ga­ni­sierte das Front Office mit Rezep­tio­nis­tin Jea­nette. Das ging auch ohne Com­pu­ter – mit einem gro­ßen Buch, auf dem wir die Aus­las­tung dar­stell­ten. Check In und Check Out ging auch so problemlos.

Mit dem House­kee­ping Team drehte ich meine täg­li­chen Run­den. Wir berei­te­ten die Lod­ges für Anrei­sen vor und pfleg­ten die der Dau­er­gäste. Wenn sich mal wie­der ein Ter­mi­ten­hü­gel auf­tat, musste einer der Gärt­ner ran. Die stän­dige Mee­res­brise, so schön sie auch war – zugleich war sie eine große Her­aus­for­de­rung für Sau­ber­keit und Instand­hal­tung. Ins­be­son­dere elek­tro­ni­sche Geräte hat­ten unter ihr zu lei­den und gaben in regel­mä­ßi­gen Abstän­den den Geist auf.

Mit dem Restau­rant- und Bar Team machte ich Trai­nings zum Thema „Tische ein­de­cken“, „Rich­tig bedie­nen“, etc. Ein auf­ge­weck­tes Team jun­ger Män­ner und Frauen, die Freude an ihrer Arbeit hat­ten und daran Neues aus­zu­pro­bie­ren. Tiefen­ent­spannt waren sie auch. Wenn sich der Tou­ris­mus­mi­nis­ter des Lan­des mal wie­der zum Essen ankün­digte, brach eine große Hek­tik aus. Naja, bei Ines, Claus und mir zumin­dest. Wenn wir da so rum­wu­sel­ten und rum­stress­ten ern­te­ten wir nicht sel­ten ver­ständ­nis­lose, aber auch amü­sierte Bli­cke. Erin­ner­ten wir sie dann daran, dass es jetzt aber wirk­lich an der Zeit ist, dies und das fer­tig zu haben, blickte der Ober­kell­ner – ein gestan­de­ner, stol­zer und attrak­ti­ver Mann – uns freund­lich an und sagte nur: „Ihr Euro­päer habt die Uhr, wir haben die Zeit.“ Was will man dem ent­geg­nen. Wo er recht hat, hat er recht. Ich hatte mir in den Jah­ren zuvor in der Zusam­men­ar­beit mit Mexi­ka­nern schon abge­wöhnt auf mein deut­sches „das muss jetzt sofort erle­digt wer­den!“ zu behar­ren. So wie das „mañana“ der Mexi­ka­ner, zau­berte mir auch so manch ein Spruch der Gha­naer ein Lächeln ins Gesicht. Nach wie vor bewun­dere ich das und es holt mich in gewis­ser Weise run­ter. Die Welt dreht sich auch mor­gen noch weiter.

„Because of rain“

Ein wei­te­rer Klas­si­ker. Das war die Stan­dard­ant­wort der Mit­ar­bei­ter, die ich bekam, wenn es reg­nete und sie meh­rere Stun­den zu spät zur Arbeit kamen. Ich kann mich dar­über nicht auf­re­gen. Es ist ja nichts pas­siert. Das Leben ver­zö­gert sich hier gene­rell, wenn es reg­net. Die Gäste sind genauso spät dran. Wenn ich mich mal dar­über auf­regte dann war es wohl eher ein gewis­ser Neid. Wie gerne würde ich diese Ant­wort immer dann geben, wenn ich bei schlech­tem Wet­ter nicht aus dem Haus will. Das kann ich in „mei­ner“ Welt aber nicht. Oder ist das auch nur in mei­nem Kopf? Viel­leicht kann ich ja doch. Ich habe es nur nie gewagt. Es gibt auch „because of heat“ und zwar immer dann, wenn die Mit­tags­sonne gna­den­los auf uns her­ab­schien und die Mee­res­brise ruhig war. Einige Mit­ar­bei­ter leg­ten sich dann in den Schat­ten und unter­bra­chen ihre Arbeit. Eigent­lich ver­ständ­lich. Nicht aber in der mir gewohn­ten Welt.

Wenn mal keine Trai­nings anstan­den ent­wi­ckelte ich ein Hos­pi­ta­lity Schu­lungs­kon­zept für die locals. Schu­lun­gen, die in der Tagungs­lodge des Resorts statt­fin­den soll­ten. Finan­ziert wer­den sollte das ganze von einer enga­gier­ten nie­der­län­di­schen NGO. Auch das war ein span­nen­des Pro­jekt für mich, für das ich brannte.

Tag­täg­lich spürte ich eine Ent­wick­lung in mir. Von der pin­ge­li­gen Euro­päe­rin zu einer ent­spann­ten Per­sön­lich­keit, die nichts aus der Ruhe brin­gen kann. Ich begann das Drum­herum zu genie­ßen – in vol­len Zügen. So weit weg waren all die Vor­ur­teile der ande­ren daheim und die unbe­wuss­ten Ängste, die ich selbst noch in den ers­ten Tagen hatte.

Die Zusam­men­ar­beit und die gemein­same Zeit mit dem Team, hat mir unge­mein viel gege­ben. Eine Berei­che­rung, die ich auf kei­nen Fall mis­sen möchte. Mir bleibt zu hof­fen, dass sie es umge­kehrt auch nur ansatz­weise ähn­lich emp­fun­den haben.

“Hide yourself there” – Kumasi

Die­ses fast schon unwirk­lich para­dies­ar­tige Idyll. Mit dem Reh „Bambi“, das frei lebte und fast täg­lich im Beach Resort vor­bei­kam, dem Kater Maxi, der Hün­din Lucy, dem Eich­hörn­chen, der fami­liä­ren Atmo­sphäre, dem guten Essen, dem 6 km lan­gen Strand, der ange­neh­men Tro­pen­brise und dem tol­len Mit­ein­an­der. All das ließ ich bei mei­nem Trip ins Lan­des­in­nere, nach Kumasi, hin­ter mir. Neue Aben­teuer, Neue Ein­drü­cke, Neue Men­schen, Neue Begeg­nun­gen, Neue Erfah­run­gen – dar­auf freute ich mich wahn­sin­nig. Kwo­fie brachte mich zum gro­ßen Umschlags­platz für Rei­sen in alle Rich­tun­gen, nach Tako­radi, etwa 65 km vom Resort ent­fernt. Tako­radi kannte ich bereits von den monat­li­chen Shop­ping Trips für den Hotel­be­trieb. Dort gab es einen rich­ti­gen Super­markt, wo Claus Fleisch besorgte, das hier gekühlt war. Fri­sches Gemüse kauf­ten wir auf dem Markt ein. Der Markt war ein Erleb­nis für sich. Men­schen, die sich um uns dräng­ten. Die Früch­te­viel­falt auf der einen und das Fleisch, das offen in der Hitze aus­lag auf der ande­ren Seite. Dazu der abge­stan­dene Geruch des Pfüt­zen­was­sers und der Müll überall.
Jetzt war ich aber am, sagen wir ZOB. Ein schier undurch­schau­ba­res Durch­ein­an­der. Meh­rere Tro­Tros – typi­sche Trans­port­mit­tel in Ghana – reih­ten sich neben­ein­an­der auf. Dane­ben meh­rere Pkws und große Rei­se­busse. Alle ohne Beschrif­tung. Hier tobte das Leben. Über­all um mich herum geschäf­ti­ges Trei­ben. Die Händ­ler, die allen ihre klei­nen Hand­tü­cher oder Essen ins Gesicht streck­ten, das sie ver­kau­fen woll­ten. Lau­tes Gerede von allen Sei­ten. Der rote Staub in der Luft. Die feuchte Hitze. Die lau­fen­den Moto­ren. Fami­lien, die sich zwi­schen die Tro­Tros drän­gel­ten, Frauen mit Babys auf ihrem Rücken und Gepäck auf ihren Köp­fen. Mir wurde fast schwind­lig. Es war aber auch unfass­bar span­nend. Zum Glück hatte ich Kwo­fie noch bei mir. Er fragte sich für mich durch, um zu erfah­ren, wie man mich denn jetzt am bes­ten nach Kumasi bekommt. Ich war ihm unend­lich dank­bar. Schließ­lich gab es ein Gefährt und es konnte los­ge­hen. Nicht ganz sofort. Fahr­pläne gibt es keine. Es wird los­ge­fah­ren, sobald das Vehi­kel rest­los voll­ge­stopft ist. Die Fahrt nach Kumasi dau­ert in der Regel etwa acht Stun­den. Nach etwa drei Stun­den gab es eine Toi­let­ten­pause. Ohne Toi­let­ten. Der Fah­rer sieht mich an und sagt „Hide yourself there“. Er zeigte auf die Grün­flä­che mit eini­gen Büschen neben der Straße. Das taten nur in dem Moment schon alle und mit „hide“ war nicht mehr viel. So beschloss ich, bis zu mei­ner Ankunft abzuwarten.

Spät am Abend erreichte ich das Hotel in Kumasi. Ein­ge­la­den hatte mich der liba­ne­si­sche Besit­zer des Hotels, zu dem ich zuvor Kon­takt auf­ge­nom­men hatte. In Ghana ist Mund zu Mund Pro­pa­ganda und Emp­feh­lung essen­ti­ell. So war mein Ziel eine Zusam­men­ar­beit zwi­schen unse­rem Resort an der Küste und sei­nem Hotel in der Königs­stadt Kumasi. Wir emp­feh­len unse­ren Gäs­ten sein Hotel im Lan­des­in­ne­ren und er emp­fiehlt sei­nen Gäs­ten unse­res an der West­küste. Schrift­li­che Über­ein­künfte oder Kon­takte zäh­len aller­dings nicht als eben sol­che. Nicht bis man sich per­sön­lich ken­nen­ge­lernt hat. Am Abend lud er mich gleich zum Fami­li­en­es­sen auf der Hotel­ter­rasse mit sei­nen Brü­dern und sei­nen Kin­dern ein. Ver­rückt. „Little Leba­non“ in Ghana. Es gab Shi­sha, Fala­fel und Tab­bou­leh. Eine Kul­tur, die ich bereits kannte und liebte. Ich fühlte mich also gleich wohl. Von Berüh­rungs­ängs­ten keine Spur. Das wäre einige Jahre vor­her noch mit mei­ner ver­schüch­ter­ten Art undenk­bar gewesen.

Am nächs­ten Tag ging ich zum Markt, von dem mir alle vor­ge­schwärmt hat­ten. Er war rie­sig und groß­ar­tig. All die Far­ben, das Gemüse, die Stoffe, die Haus­halts­wa­ren, die Früchte, die Men­schen, die klei­nen Schuh­werk­stät­ten. Diese far­ben­fro­hen Stoffe sind eine Wohl­tat fürs Auge. Ich kaufte mir einige. Zurück in Axim würde ich sie zur Schnei­de­rin brin­gen und mir etwas nähen las­sen. In Europa ist irgend­wie alles so grau. Hier über­haupt nicht. Ich bin mir sicher, dass die Far­ben sich auch auf das Gemüt aus­wir­ken. Viel­leicht kein wesent­li­cher Teil, aber ganz sicher hat das auch eine Aus­wir­kung auf die fröh­li­che Art hier­zu­lande. In Gedan­ken ver­tieft, merke ich auf ein­mal, dass alle mich anse­hen. Da wurde mir bewusst, dass ich weit und breit die ein­zig hell­häu­tige Per­son war. Einige Frauen berühr­ten mei­nen Arm mit ihrem Fin­ger und lächel­ten dabei ver­schmitzt. Ich erfuhr, dass sie glaub­ten, dass es Glück bringt. Erstaun­li­cher­weise machte mir all das nichts aus. In kei­ner Sekunde habe ich mich in die­sem Land je unsi­cher gefühlt. Die Art, wie die Men­schen einen anse­hen, ist in keins­ter Weise unan­ge­nehm, anzüg­lich oder beläs­ti­gend. Im Gegen­teil, es ist ein freund­li­ches Inter­esse. Wie­der etwas über mich gelernt. Interessant.
Im Laufe mei­nes Trips ging es in Museen über die Königs­fa­mi­lien, in den trau­rigs­ten Zoo, den ich jemals gese­hen hatte, in ein Natur­schutz­ge­biet und auf einen Trip mit dem Hotel­fah­rer George. George erzählte mir viel über das Leben und die Kul­tur. Über die Men­schen, die in den abge­le­gens­ten Dör­fern mit­ten im Dschun­gel leben. Hier gab es keine moderne Ablen­kung, keine Fern­se­her. Sie muss­ten sich mit­ein­an­der beschäf­ti­gen. Daher, so George, sei es nicht ver­wun­der­lich, dass sie so viele Kin­der bekom­men. Ein gro­ßes Pro­blem sind für sie aber natür­lich Krank­heits­fälle. Selbst heil­bare Krank­hei­ten ende­ten oft töd­lich, weil der nächste Ort mit Medi­ka­men­ten und Ärz­ten zu weit weg ist. Irgend­wann erreich­ten wir ein klit­ze­klei­nes Dorf, wo es einen Voo­doo Tem­pel gab und wo einer der wich­ti­gen Chiefs lebte. Im Voo­doo Tem­pel war nichts außer ein paar Blut­sprit­zer der gest­ri­gen Zere­mo­nie. Da war auch ein Mann in einer Ecke, der nicht glück­lich dar­über schien mich dort zu sehen. Er begann auf Twi, der Spra­che, die man in der Ashanti Region spricht, zu schimp­fen. In meine Rich­tung. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Da ging die Fan­ta­sie­welt – geprägt von unbe­wuss­ten Vor­ur­tei­len – in mei­nem Kopf wie­der an. Was geschieht in die­sen Tem­peln? Werde ich als nächs­tes geop­fert? Weiße Men­schen­op­fer zie­hen sicher die Gunst der Göt­ter eher an als die übli­chen Hüh­ner. Wie sollte ich reagie­ren? Ich sah mich um. Außer dem auf­ge­brach­ten Mann und mir war nie­mand da. Er kam auf mich zu. Er wurde immer lau­ter. Ich konnte ihn nicht ver­ste­hen. Da erblickte ich end­lich George. Er redete sogleich auf den Herrn ein. Es stellte sich her­aus, dass Frem­den­be­such an die­sem Tag nicht gern gese­hen war. George gelei­tete mich raus. Also mal wie­der alles nur in mei­nem Kopf. Ich spre­che meh­rere Spra­chen und komme im Aus­land für gewöhn­lich super zurecht. Ich bin es nicht gewohnt nicht selbst kom­mu­ni­zie­ren zu kön­nen. Wahr­schein­lich hat mich genau das in die­sem Moment über­for­dert und diese wilde Fan­ta­sie von mir als Men­schen­op­fer ent­facht. Ich muss lachen.

Meine Gedan­ken­gänge wer­den von George unter­bro­chen. Mit etwas Glück pro­phe­zeite er mir, kön­nen wir eine Audi­enz beim Chief bekom­men. Ich solle nur schauen, ob ich Bar­geld für den Chief in der Tasche habe. Chiefs sind quasi Könige ihrer Stämme und haben das Sagen. Wir beka­men das OK und betra­ten ein ein­fa­ches wei­ßes Lehm­haus. Außer einem Sofa und zwei Ses­seln gab es keine Ein­rich­tung. Drin­nen die Fami­lie und der Chief höchst­per­sön­lich. Ein gro­ßer bäri­ger Mann, des­sen Beklei­dung ein lan­ges fes­tes blaues Tuch mit Mus­tern war, das über eine Schul­ter gelegt war. Es gibt Momente im Leben, da hat man das Gefühl neben sich zu ste­hen. Als wäre man aus sei­nem Kör­per her­aus­ge­fah­ren und betrach­tete die Sze­ne­rie von außen. Wie einen Film. Einen unwirk­li­chen Film. Dies war so ein Moment. Da saßen wir jetzt also. Alle zusam­men. Die obli­ga­to­ri­sche Frage nach mei­ner Her­kunft. Dann Schwei­gen. Wir sahen ein­an­der ein­fach nur an. Ein paar Minu­ten, die mir wie eine Ewig­keit vor­ka­men. Irgend­wann bedeu­tete George mir das Zei­chen für den Geld­schein. Ich hatte USD 20 und sollte diese fei­er­lich über­ge­ben. Es wur­den Fotos gemacht. In mei­ner Welt absurde Fotos. Ich sollte das eine Ende des Scheins hal­ten wäh­rend der Chief das andere Ende hielt. Smile! Es war lus­tig und unfass­bar befremd­lich zugleich. Ist das gerade wirk­lich pas­siert? Mit einem komi­schen Gefühl ver­lasse ich das Häus­chen und es geht zurück. Wow, all das muss ich erst­mal ver­ar­bei­ten. Das geschieht nicht bewusst, aber es geschieht. Immer wie­der, im Laufe der Zeit. Wenn ich allein mit mei­nen Gedan­ken bin und den Erin­ne­rungs­fet­zen, die sich plötz­lich auftun.

Im Tro­Tro ging es zurück nach Anko­bra. Das Tro­Tro kann man sich als klei­nen Lie­fer­wa­gen vor­stel­len, der mit Sitz­bän­ken und Stüh­len aus­ge­stat­tet ist. Nor­ma­ler­weise wür­den 10 Per­so­nen Platz fin­den. Wir waren mit 20 drin plus Babys und Taschen. Die Hitze und diese unge­wohnte Nähe waren für mich kaum zu ertra­gen. Durch all das Gepäck der Men­schen, die unter ande­rem Okra und Maniok trans­por­tier­ten, wurde das Gefährt zudem dop­pelt so hoch. Im Schleichtempo quälte sich das Tro­Tro durch die Stra­ßen und die Schlag­lö­cher. Die Fahrt dau­erte etwa vier Stun­den län­ger als sonst. Die­ses befrei­ende Gefühl als ich mit­ten in der Nacht ankam, war unbe­schreib­lich. Luft. Wie­der atmen. Einige Wochen spä­ter bekam ich eine Shi­sha zuge­schickt – ein Geschenk der liba­ne­si­schen Geschäfts­part­ner. Eine schöne Über­ra­schung. Noch schö­ner waren die Nach­mit­tage, die ich damit ver­brachte den Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen das Shi­sha Rau­chen bei­zu­brin­gen. Ich erin­nere mich an ihre lachen­den Gesich­ter und wie komisch sie es fan­den. So etwas hat­ten sie nie zuvor gese­hen, geschweige denn probiert.

Erfah­rung besiegt Angst und wird zu Nostalgie

Nach vier Mona­ten war es an der Zeit Abschied zu neh­men. Ich hätte nicht gedacht, dass es mir so schwer­fal­len würde. Erst als ich den Kloß in mei­nem Hals spürte und die Trä­nen in den Augen der Fami­lie, der Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen sah, wurde mir bewusst, dass echte Freund­schaf­ten ent­stan­den sind. Gemein­same Erleb­nisse, die wir nicht mehr mis­sen möch­ten. Wir haben viel zusam­men gelacht. Wir gewähr­ten ein­an­der Ein­bli­cke in unsere so unter­schied­li­chen Wel­ten. Immer vol­ler Respekt und Liebe.

Zurück in Lipp­stadt. Ich liege im Bett und es ist mucks­mäus­chen­still. Die Stille macht mir Angst. Wit­zig, vor ein paar Mona­ten war es noch genau umge­kehrt. Ich kann mei­nen Kopf nicht abschal­ten. Ich habe die Gerü­che in mei­ner Nase, den Geschmack von Ground Nut Soup auf mei­ner Zunge, das Lachen der Men­schen und das Fegen in mei­nen Ohren und all diese Far­ben vor mei­nem geis­ti­gen Auge. Ich denke an Ines und die tief­grün­di­gen Gesprä­che, die wir mit­ein­an­der führ­ten. An den ers­ten Joint mei­nes Lebens, den ich am Strand mit ihr rauchte. Sie ist eine so starke Frau. Natür­lich denke ich auch an Jolene, die mir so unfass­bar ans Herz gewach­sen ist. Die­ses süße blonde kleine Dschun­gel­mäd­chen, das so auf­ge­weckt und selbst­be­wusst war und flie­ßend Eng­lisch sprach – mit dem afri­ka­ni­schen Akzent. Zugleich aber auch Prin­zes­sin, die das Sagen hatte. Mit ihrer Hün­din Lucy, die ihr auf Schritt und Tritt folgte. Ich werde sie ver­mis­sen. Ich erin­nere mich an den Mann, der ein neues Pass­foto von mir gemacht hat, das ich für die Ver­län­ge­rung des Visums brauchte. Hei­ra­ten wolle er mich. Mit mir nach Europa gehen. Europa muss so viel bes­ser sein als Ghana. Lächelnd ver­neinte ich alle drei Aus­sa­gen. Es gibt kein bes­ser oder schlech­ter. Nur anders. Was bes­ser ist, obliegt der indi­vi­du­el­len Ein­schät­zung jedes Ein­zel­nen. Unwill­kür­lich denke ich an den Beam­ten der Ein­wan­de­rungs­be­hörde, der mei­nen Pass nicht aner­ken­nen wollte als er fest­stellte, dass es ein ita­lie­ni­scher Pass und kein deut­scher war. Still­schwei­gend nahm ich hin, für diese «Schande» das dop­pelte zu zah­len. Die Behör­den haben die Macht. Mit der Kor­rup­tion musste man sich in Ghana anfreun­den, wenn man hier leben wollte. Dann denke ich an unsere ita­lie­ni­sche Part­ner NGO, die in den com­mu­nities mit den Kin­dern Plas­tik­müll ein­sam­melte und Taschen dar­aus machte, die sie dann für einen guten Zweck ver­kauf­ten. Die bun­ten Fischer­boote in Axim. Die Eis­creme, die man aus einer Plas­tik­tüte auf­sog. Die Fufu stamp­fende Mag­da­line. Das Stilt Vil­lage – das Dorf auf Stel­zen. Die Man­gro­ven. Die Gür­tel­tiere. Bambi. Maxi. Der wun­der­schöne Lake Bos­um­twi, der ein­zige Bin­nen­see Gha­nas. Er liegt in einem Meteo­ri­ten­kra­ter. Abso­lut fas­zi­nie­rend. Dann der alte Mann, der uns durch das Fort St. Ant­ony, der zweit­äl­tes­ten Skla­ven­hoch­burg des Lan­des führte. Die unfass­bare Beklem­mung und das Ent­set­zen. Der Mann, wie er plötz­lich Jolene am Arm packt, sich ganz nah zu ihr her­un­ter­beugt und zu ihr sagt «Siehst du! Siehst du, was deine Vor­fah­ren mit uns gemacht haben!» Alte Skla­ven­bur­gen habe ich wäh­rend mei­nes Auf­ent­hal­tes viele gese­hen. «Als SM Resort wären diese Fes­tun­gen sicher immer aus­ge­bucht», so Ines. So maka­ber das klin­gen mag. Abwe­gig ist es kei­nes­falls. Dar­auf fol­gen Bil­der die­ser unfass­ba­ren tro­pi­schen Natur. Der wilde Atlan­tik, aus dem man nach einem Bad nie unlä­diert wie­der her­aus­kam. Die Mädels, die Angst vor dem Meer hat­ten. Die Fischer, die jeden Mor­gen mit ihrem fri­schen Fang vor­bei­ka­men. Das Krä­hen der Hähne. Die Flug­hunde, die sich zum Son­nen­un­ter­gang gen Him­mel empor­schwan­gen. Wow, was diese Zeit mit mir gemacht hat. Es ist über­wäl­ti­gend. Ohne es zu bemer­ken, habe ich eine unglaub­li­che Ent­wick­lung durch­ge­macht. Von all den unbe­wuss­ten Vor­ur­tei­len keine Spur mehr. Selbst meine Mut­ter ist stolz und erzählt gerne, dass ihre Toch­ter im wun­der­schö­nen Ghana war, das über­haupt nicht gefähr­lich ist. Mit einem über­wäl­ti­gen­den Mix aus Emo­tio­nen und Bil­dern, schlafe ich irgend­wann ein. Die Melo­die in mei­nem Kopf hat die Stille da drau­ßen besiegt.

Cate­go­riesGhana
Michela Ivano

«Wenn ich groß bin, möchte ich die ganze Welt bereisen und am Ende bleiben, wo es mir am besten gefällt». Insgesamt 70 Länder hat Michela inzwischen bereist. In einigen davon hat sie auch gelebt. Für den einzig wahren Ort entscheiden, konnte sie sich aber noch nicht. So simpel ist es dann doch nicht. Sie ist immer noch auf der Suche und fragt sich selbst wonach. Süchtig ist sie nach dem Ungewissen, dem Unbekannten und nach echten menschlichen Begegnungen. Menschen, die sie in ihre Welt einladen und ihren Horizont erweitern. Etwas Schöneres kann sie sich nicht vorstellen und vielleicht hat sie damit schon gefunden, wonach sie sucht.

  1. Liebe Michela,
    danke für dei­nen infor­ma­ti­ven Bericht. Erwarte immer das Uner­war­tete. Ghana ist ein so tol­les Land und an jeder Ecke wirst du von neuen Ein­drü­cken über­rascht. Du bekommst einen völ­lig neuen Blick auf dein eige­nes Leben.

  2. Lisa says:

    Ein span­nen­der Bei­trag, der einen gefühlt „haut­nah“ an dei­ner Erfah­rung teil­ha­ben lässt und Lust auf Ghana macht.
    Schön beschrie­ben sind auch die Vor­ur­teile und Ängste, die unauf­halt­sam in uns schlum­mern oder durch unser Umfeld mit­ge­ge­ben wer­den. Der Weg aus der Angst führt durch sie hin­durch. Schön, dass du immer wie­der den Sprung ins kalte Was­ser wagst und deine Leser teil­ha­ben lässt.

    1. Michela says:

      Vie­len Dank für deine Worte liebe Lisa. Da hast du voll­kom­men recht. Schön, dass meine Geschichte dir gefal­len und dich berührt hat. Mehr Geschich­ten gibt es unter http://www.gitalian.world :) und hier auf der Seite sind natür­lich auch noch viele span­nende Bei­träge aus aller Welt.
      Liebe Grüße, Michela

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