Einige haben schon mal das Syd­ney Opera House gese­hen, aber noch nicht auf des­sen Bühne gestan­den. Viele knip­sen die Har­bour Bridge, die meis­ten klet­tern aber nicht drauf. Etli­che träu­men von einer Nacht im Park Hyatt mit Hafen­blick, aber für die meis­ten bleibt es ein Traum. Viele haben von Syd­neys Rot­licht­vier­tel gehört, ahnen aber nichts von Mord und Tot­schlag dort. Ich will mehr wis­sen und erle­ben, schaue mir Syd­ney mal von unten und oben, von hin­ten und vorne an.

Syd­ney von unten

„Never let the truth get in the way of a good story“, lau­tet Kathryn Bend­alls Motto – die Wahr­heit sollte einer guten Geschichte nie­mals im Wege ste­hen. Und recht hat sie, vor allem, wenn es um den berüch­tig­ten Stadt­teil Kings Cross geht. Kathryn Bend­all, eigent­lich Rent­ne­rin, wirkt mit ihrem pep­pi­gen Kurz­haar­schnitt und dem lip­pen­stift­ro­ten Lächeln so schräg wie der Stadt­teil, durch den sie Besu­cher für Urban Adven­tures führt. „Im Grunde ist Syd­ney die Stadt der Kri­mi­nel­len“, klärt Kathryn jeden auf, der noch nie die Nase ins aus­tra­li­sche Geschichts­buch gesteckt hat – 1788 grün­de­ten die Bri­ten näm­lich eine Sträf­lings­ko­lo­nie im heu­ti­gen Sydney.

Die Sonne ist längst unter­ge­gan­gen, wir ste­hen an der Kreu­zung von Dar­ling­hurst Road und Vic­to­ria Street. Ein paar Autos fah­ren, ver­ein­zelte Leute eilen vor­bei. Die Häu­ser der Neben­stra­ßen sind von der Sorte, die man in einen Vor­ort pflanzt und mit dem Ver­spre­chen auf ewi­ges Fami­li­en­glück ver­tickt. Dabei ste­hen wir mit­ten im Rot­licht­vier­tel. Oder zumin­dest boomte dort lange das Geschäft mit der ‚schöns­ten Neben­sa­che der Welt‘. Heute brin­gen nur noch die Glüh­bir­nen hin­ter den in Pink und Rot blin­ken­den Frau­en­fi­gu­ren Höchst­leis­tung, manch ros­tige Schnör­kel­schrift lässt kaum noch die Buch­sta­ben ‚Strip­club‘ aus­ma­chen. „Nach den Lock­out Laws 2014 haben viele Clubs und Bars geschlos­sen, es kom­men 80 Pro­zent weni­ger Leute“, erklärt Kathryn, wieso auch an einem Frei­tag­abend Fried­hofs­stim­mung herrscht. Das Aus­sper­rungs­ge­setz besagt, dass nach 1.30 Uhr nie­mand mehr in eine Bar, wo Alko­hol ver­kauft wird, rein­darf. Alko­hol wird nur bis drei Uhr aus­ge­schenkt, in Geschäf­ten darf er schon ab 22 Uhr nicht mehr über den Tre­sen gehen. Warum? „2012 und 2013 gab es Todes­fälle – zwei junge Män­ner wur­den in Kings Cross getö­tet. Natür­lich vor 22 Uhr!“ Kathryn glaubt bei dem Gesetz nicht an den Schutz ihrer Mit­bür­ger. Sie glaubt, dass der Grund­stücks­ver­kauf mal wie­der in Schwung gebracht wer­den soll.

So lamm­fromm Kings Cross heute wirkt, so heiß war es vor gar nicht lan­ger Zeit. „Wie ent­steht Kri­mi­na­li­tät? Wenn man jeman­dem sagt, er könne etwas nicht haben“, weiß Kathryn. „Schon seit den 1840ern ist die aus­tra­li­sche Marine in Kings Cross ange­sie­delt, des­we­gen ent­wi­ckelte sich das Rot­licht­mi­lieu.“ Bis 1979 sei Pro­sti­tu­tion in der Pro­vinz New South Wales jedoch ille­gal gewe­sen. „Einer, der alles, was nicht erlaubt war, her­vor­ra­gend beherrschte, war Abe Saf­fron.“ Bis dato habe ich nicht von dem Mann gehört, der Down under als ‚Mr. Sin‘ oder ‚Mr. Big of Aus­tra­lian crime‘ gehan­delt wird. Dabei sollte Saf­fron, der ab den 40ern etwa 40 Bars, Clubs und Sex Shops kaufte, eigent­lich in einem Zug mit dem Syd­ney Opern­haus und der Har­bour Bridge genannt wer­den. „Er war ein Char­meur, der sogar Poli­ti­ker und Gou­ver­neure in seine Clubs ein­lud, damit sie ihre sexu­el­len Fan­ta­sien aus­leb­ten. Natür­lich wuss­ten sie nichts von den zwei­sei­ti­gen Spie­geln.“ Kathryn lacht.

„In den 70ern wollte Saf­fron in der Vic­to­ria Street ein Bau­pro­jekt star­ten, Apart­ment-Hoch­häu­ser. Hun­derte von Men­schen wur­den inner­halb eines Monats ille­gal aus ihren Häu­sern gewor­fen.“ Wir blei­ben vor Vic­to­ria Street 202 ste­hen, wo eine Tafel im Boden an Jua­nita Niel­sen erin­nert. „Jua­nita arbei­tete für eine Zei­tung und rebel­lierte gegen diese Maß­nah­men. Man nimmt an, dass sie die Sze­nen foto­gra­fierte und dar­auf auch Poli­zis­ten zu sehen waren, die taten­los zusa­hen. Alle von Abe gekauft.“ Bis Jua­nita im Juli 1975 plötz­lich ver­schwand. „Es ist die längste Ermitt­lung unse­rer Geschichte, ihre Lei­che wurde bis heute nicht gefun­den.“ Aber Kathryn hat eine Theo­rie: „Da hin­ten ste­hen die scheuß­li­chen Hoch­häu­ser, die gebaut wur­den, meine Toch­ter wohnt auch darin. Ich sage ihr immer, sie hat bestimmt Jua­nita Niel­sens Lei­che im Kel­ler.“ Jedoch habe man Abe nie nach­wei­sen kön­nen, dass er in das Ver­schwin­den ver­wi­ckelt gewe­sen sei.

Schräg gegen­über outet sich ein lila ange­leuch­te­tes Haus als ‚The Gol­den Apple‘, einst das berühm­teste Freu­den­haus von Kings Cross. Wäh­rend dort auch heute noch Kör­per zu Geld gemacht wer­den, schla­fen im ehe­ma­li­gen Venus Room, Abes exklu­sivs­tem Club, nur noch Back­pa­cker. Selbst vom Dro­gens­lum, der Kings Cross in den 1960ern gewe­sen sein soll, ist nichts mehr zu sehen. „In den 1960ern kamen viele ame­ri­ka­ni­sche Sol­da­ten aus dem Viet­nam­krieg her, und sie brach­ten Dro­gen mit, Heroin. Abe machte ein Rie­sen­ge­schäft dar­aus, bald waren die Stra­ßen über­sät mit Nadeln und Abhän­gi­gen, zum Teil noch Kin­der.“ Erst dank des metho­dis­ti­schen Pfar­rers Ted Noffs, der eine Stif­tung und Kir­che zur Hilfe der Dro­gen­süch­ti­gen grün­dete, sei wie­der etwas Ord­nung ein­ge­kehrt. „Die Kir­che hatte kein Kru­zi­fix, dafür aber ein Herz mit der Inschrift ‚Love over hate‘“, berich­tet Kathryn. Und heute? Ist das Dro­gen­pro­blem gelöst? Kathryn bleibt vor einem Gebäude in der Nähe der Kings Cross U‑Bahn-Sta­tion mit einer mit­tig undurch­sich­ti­gen Scheibe ste­hen. „Das ist ein Fixer­raum, wo Süch­tige unter Auf­sicht von Pfle­ge­per­so­nal und Ärz­ten fixen dür­fen. Man darf eine gewisse Menge Dro­gen mit sich rum­tra­gen und hier sprit­zen.“ Und was sagen die Anwoh­ner zu den Fixer-Nach­barn? „Die sind froh, dass es nun keine Pro­bleme mehr auf der Straße gibt!“

Kathryn lädt noch auf ein Bier ein. Ins Puff. Bes­ser gesagt ins ehe­ma­lig größte Bor­dell von New South Wales, das Nevada. Heute heißt es World Bar und ist eine ganz manier­li­che Kneipe mit schö­ner Ter­rasse. In einer die­ser Stra­ßen mit den gemüt­li­chen Vor­stadt­häus­chen. Alles so unspek­ta­ku­lär wie der Tod des Gehil­fen vom gro­ßen Gangs­ter Abe, der laut Kathryn an der Vogel­grippe starb, nach­dem ihn ein Papa­gei gebis­sen hatte. Ob das wahr ist? Die Frage bleibt offen, aber eine gute Story ist es allemal.

Syd­ney von oben

Nach mei­nem Aus­flug in die Unter­welt wird es Zeit, mir die City mal bei Hel­lem und von oben anzu­se­hen. Nach­dem mich ein Aus­flug auf 251 Meter Höhe zur Aus­sichts­platt­form des Syd­ney Tower gar nicht über­zeugt hat (zu viele Wol­ken­krat­zer spie­len Pho­to­bom­bing vor Hafen und Opern­haus), muss etwas Bes­se­res her. Und wo ist der Blick dra­ma­ti­scher als von der welt­be­rühm­ten, 1932 eröff­ne­ten Syd­ney Har­bour Brü­cke? Der umfang­reichs­ten – wenn auch nicht längs­ten – Stahl­bo­gen­brü­cke der Welt. Dem Sym­bol Aus­tra­li­ens. Auf das man tat­säch­lich rauf­kra­xeln kann.

Bridge Climb nennt sich das Unter­fan­gen, die 134 Brü­cken­me­ter über Syd­neys Hafen zu erklim­men. Klet­tern darf man seit 1998, seit­dem haben es über 3,5 Mil­lio­nen Men­schen pro­biert und sogar 26 Pär­chen oben gehei­ra­tet. Nicht etwa nur VIPs, jeder darf mit von der Par­tie sein, solange er älter als acht ist, gesund und fit genug, das Stahl­un­ge­tüm zu erobern. Zuge­ge­ben, ganz bil­lig ist der Spaß von etwa 300 AUD nicht, aber was soll’s – schließ­lich macht man nicht jeden Tag den „Climb of a life­time“, wie er sich nennt. Ich stehe vor der Qual der Wahl zwi­schen dem etwa drei­ein­halb­stün­di­gen vol­len Climb und dem Express Climb von nur zwei Stun­den und 15 Minu­ten. Aus Zeit­man­gel wird es der Express – die beste Ent­schei­dung, wie ich bald erfahre. Doch bevor es los­geht, wird die Gruppe genauer geprüft als ein alter PKW beim TÜV.

Jeder füllt einen Bogen mit per­sön­li­chen Infor­ma­tio­nen aus, dar­un­ter Not­kon­takte, dann wird in ein Röhr­chen gebla­sen. Wer mehr als null Pro­mille auf­weist, fliegt raus. Die Gewis­sen­haf­tig­keit und Genau­ig­keit, mit der jeder für den Bridge Climb ver­packt und vor­be­rei­tet wird, erin­nert an deut­sche Steu­er­fahn­der. Jeder Hand­griff sitzt und die Rei­hen­folge, in der wir die nicht gerade figur­schmei­cheln­den Anzüge über­strei­fen, Sicher­heits­gurte anle­gen, Stoff­ta­schen­tuch am Arm und Son­nen­brille sowie Base­ball­mütze am Hals befes­tigt bekom­men, ist streng vor­ge­ge­ben. Nichts, was nicht fest am Kör­per sitzt, darf mit auf die Brü­cke. Nicht mal ein Papier­ta­schen­tuch, von Schmuck, Handy und Foto­ap­pa­rat ganz zu schwei­gen. Fotos, die der Guide schießt, darf man spä­ter kaufen.

End­lich geht es los. Als Ers­tes wird jeder für die nächs­ten Stun­den mit der Brü­cke ver­eint – der Haken am Hüft­gurt ver­bin­det sich mit einem Spe­zi­al­seil am Brü­cken­rand und kann fortan daran ent­lang gezo­gen wer­den. Hier stirbt auch der letzte Traum von einem spek­ta­ku­lä­ren Selbst­mord, wie man sie bei­spiels­weise am Grand Can­yon nach­le­sen kann (dort soll sich jemand beim Hub­schrau­ber­rund­flug aus der Kabine gestürzt haben!). Da man gut zwei Stun­den den­sel­ben Hin­tern vor sich sehen wird, sucht man sicher bes­ser einen attrak­ti­ven aus.

Im Gegen­satz zum län­ge­ren Climb führt der Express quer durch die Brü­cke, über Lauf­stege aus Stahl, an denen jedes Eck­chen und jede Kante, an der man sich sto­ßen könnte, wat­tiert sind. Beu­len am Kopf und gekratzte Ellen­bo­gen Fehl­an­zeige, alles ist mit abso­lu­ter Per­fek­tion durch­dacht und vor­be­rei­tet. Wir klet­tern lang­sam vom inne­ren Bogen auf den äuße­ren, durch Stahl­tü­ren, die hin­ter uns schwer ins Schloss fal­len und nur vom Guide geöff­net wer­den kön­nen. Die Git­ter am Boden las­sen den Ozean in knapp 100 Meter Tiefe durch­blit­zen, rechts strahlt das Opern­haus in der Sonne. Und dann flit­zen genau unter uns Autos über die acht­spu­rige Brü­cken­au­to­bahn. Ein Gefühl wie in einem sur­rea­len 3D-Strei­fen. Mit Höhen­angst würde ich das Spiel nicht mit­ma­chen, und für schwa­che Ner­ven ist wahr­schein­lich selbst das Draht­seil, mit dem wir an die Brü­cke geket­tet sind, nicht stark genug. Nur die Arbei­ter, dank derer wir nun auf der Brü­cke her­um­spa­zie­ren, die muss­ten für ein Pfund pro Tag über die Plan­ken balan­cie­ren. Da grenzt es an ein Wun­der, dass wäh­rend der Kon­struk­tion nur 16 Män­ner ihr Leben gelas­sen haben, davon ledig­lich zwei durch einen Sturz von der Brücke.

End­lich ist es soweit. Nicht der ‚Stair­way to hea­ven‘, dafür aber die Treppe zum Brü­cken­gip­fel öff­net sich. Aus den Tie­fen des Stahl­mons­ters tre­ten wir ins Licht und ste­hen unter ihr – der rie­si­gen, aus­tra­li­schen Flagge, die den höchs­ten Brü­cken­punkt mar­kiert. Das Opern­haus und die Wol­ken­krat­zer der Neu­stadt sind plötz­lich nicht mehr impo­sant, son­dern ver­streut umher­lie­gen­des Spiel­zeug. Das Glück weht mir so bestän­dig um die Nase wie die Brise, wäh­rend einer nach dem ande­ren die Arme in die Luft wer­fen und ein kur­zes Video für die Lie­ben daheim auf­spre­chen darf.

So oft habe ich diese Brü­cke gese­hen, zu Hause auf dem Bild­schirm, meis­tens, wenn über ihr eins der ers­ten gro­ßen Sil­ves­ter­feu­er­werke der Welt in die Luft ging. Jetzt stehe ich nicht vor, son­dern auf ihr. Ich weiß nicht, ob dies wirk­lich mein ‚Climb of a life­time‘ sein wird. Aber ich sor­tiere das Erleb­nis sorg­fäl­tig ein in die Schatz­kiste all derer, die ich mit dem gro­ßen Gefühl von Frei­heit und Dank­bar­keit, dabei gewe­sen zu sein, einordne.

Syd­ney von hinten

Wie­der eins die­ser Wahr­zei­chen, das Wahr­zei­chen von Syd­ney, wie­der ein berühm­tes Gebäude, das angeb­lich vier Mil­li­ar­den Men­schen auf Anhieb erken­nen wür­den. UNESCO-Welt­erbe seit 2007. Das Syd­ney Opern­haus. So extra­va­gant auf­fäl­lig wie ein Nack­ter in der U‑Bahn, nur (all­ge­mein gespro­chen) form­voll­ende­ter. In fünf Sälen wird dem teuer zah­len­den Publi­kum täg­lich all das prä­sen­tiert, was bis zur Per­fek­tion gepaukt wurde, alles, was Ohren und Augen die Misere der Welt kurz ver­ges­sen lässt. Das, was Otto Nor­mal­tou­rist vom Syd­ney Opern­haus zu sehen bekommt, erin­nert mich an eine per­fekt geschminkte und gestylte Frau, die mor­gens in Kos­tüm­chen und Heels aus dem Haus trip­pelt. Doch ich möchte die Frau sehen, die mit zer­zaus­tem Haar, zer­knit­ter­tem Gesicht, fri­schen Pickeln und ver­krus­te­ten Kaja­l­res­ten am Lid auf­wacht. Also mache ich bei einer Opern­haus-Back­stage­tour mit.

Ich kann mir kei­nen bes­se­ren Guide vor­stel­len als den bär­ti­gen Alex, der den Besu­chern gleich mal die Hoff­nung raubt, auch hin­ter der Bühne Glanz und Glo­ria vor­zu­fin­den. Es geht durch eine Halle mit grauem Fuß­bo­den, Gabel­stap­lern und vie­len Kis­ten, die ans Lager­haus beim Bau­markt erin­nert. Nein, das hier hat Köni­gin Eliza­beth II. bestimmt nicht gese­hen, als sie das Opern­haus 1973 ein­weihte. Auch nicht den Mega-Auf­zug, der das schwere Büh­nen­ma­te­rial für die Stü­cke aus drei Stock­wer­ken Tiefe nach oben zerrt. Oder die gigan­ti­schen, her­um­lie­gen­den Eier, aus denen im aktu­el­len Stück ‚Mur­phy‘ Tän­zer her­vor­sprin­gen. „Für jedes Stück brin­gen die Dar­stel­ler ihr eige­nes Mate­rial mit, das wir hier für sie auf­be­wah­ren“, erklärt Alex. Und er hat recht, so rich­tig sexy sieht es dort nir­gends aus. Eher noch wüs­ter als in mei­ner Abstell­kam­mer daheim.

Im Gegen­satz zu die­ser gibt es im Opern­haus aber 12 Fall­tü­ren, man­che groß genug, damit selbst ein Sarg durch­fal­len kann, zum Bei­spiel für Don Gio­vanni. Auch der Orches­ter­gra­ben ist auf­fäl­lig unspek­ta­ku­lär. Auf engs­tem Raum hocken hier bis zu 75 Musi­ker auf­ein­an­der. So heiß und sti­ckig wie bei unse­rer Tour soll es laut Alex nor­ma­ler­weise nicht sein, doch die Kli­ma­an­lage muss peni­bel genau regu­liert wer­den, damit die Instru­mente nicht zu kalt wer­den. Der Hin­tern des Diri­gen­ten ist kei­nen Meter von der ers­ten Zuschau­er­reihe ent­fernt und über den Orches­ter­gra­ben ist ein Netz gespannt. „Es gab mal einen Zwi­schen­fall mit ein paar Hüh­nern wäh­rend einer rus­si­schen Oper“, gesteht Alex. Sie seien ein­fach ins Orches­ter geflo­gen. Damit auch die Musi­ker in der letz­ten Reihe noch einen Blick auf den Diri­gen­ten wer­fen kön­nen, gibt es Moni­tore zwi­schen den Notenständern.

Die ‚Diri­gen­ten­suite‘ sieht aus wie das Zim­mer in einem Bud­get­ho­tel, nur der Flü­gel in der rech­ten Ecke bringt ein wenig Glanz in die Bude. „Ins­ge­samt haben wir hier 29 Kla­viere, die nach Bedarf umge­stellt wer­den.“ Dabei könn­ten die ‚Gäste‘ im Opern­haus vorab Bescheid geben, was sie bräuch­ten. „Ein Diri­gent bestand dar­auf, M&Ms zu bekom­men, aber keine brau­nen!“ Das sei eine Stra­te­gie gewe­sen, um die Auf­merk­sam­keit fürs Detail des Per­so­nals zu schulen.

In einem wei­te­ren Gang rei­hen sich Anklei­de­ka­bi­nen anein­an­der – wobei der jewei­lige Star der Vor­stel­lung am nächs­ten an der Bühne ist. Die Räume sind wenig grö­ßer als Don Gio­van­nis Sarg, und Alex holt uns noch wei­ter run­ter auf den Boden der Rea­li­tät: „Hier ste­hen die dann in Unter­wä­sche oder nackig und war­ten, dass ihnen jemand das pas­sende Kos­tüm über­streift.“ Das brau­chen wir nicht, um an die­sem Mor­gen auf die Bühne zu tre­ten. Da bin ich in Shorts, Socken und einer gel­ben Sicher­heits­weste und will es nicht so rich­tig glau­ben: Ich stehe tat­säch­lich auf einer der berühm­tes­ten Büh­nen der Welt. Vor mir der Zuschau­er­raum mit 2.688 lee­ren Sit­zen, über mir hängt das fle­xi­bel anpass­bare Dach. Wahnsinn!

Alex erklärt unter­des­sen, wie die Farb­schein­wer­fer funk­tio­nie­ren, hält uns ein Buch mit mög­li­chen Filt­erfar­ben unter die Nase, die von Hand aus­ge­wählt und ein­ge­setzt wer­den. „Wir haben hier über 600 Kabel­ki­lo­me­ter, an denen mehr als 6000 Lich­ter hän­gen!“ Das würde wahr­schein­lich für die Strom­ver­sor­gung einer Klein­stadt rei­chen. Im Hin­ter­raum ste­hen Kis­ten des Syd­ney Sym­phony Orches­ters, dann führt uns Alex kurz in wei­tere der fünf Thea­ter, dar­un­ter das Drama Theatre und das mit 364 Sit­zen kleinste Stu­dio Theatre. Wer im Opern­haus spie­len möchte, kann einen Saal mie­ten, was neben unzäh­li­gen Künst­lern wie Pava­rotti auch Arnold Schwar­zen­eg­ger 1980 tat, um sei­nen Mr. Olym­pia Titel zu emp­fan­gen. An die 2.500 Ver­an­stal­tun­gen sol­len pro Jahr in allen Thea­tern des Opern­hau­ses statt­fin­den und rund vier Mil­lio­nen Besu­cher anzie­hen. Kein Wun­der, dass bei so gro­ßem Publi­kum viele Schau­spie­le­rin­nen erst­mal die höl­zerne Wand hin­ter der Bühne küs­sen, was angeb­lich Glück bringt. „Das hier ist von Lisa Minelli“, behaup­tet Alex und wirft einem Lip­pen­paar einen Luft­kuss zu.

Ja, ganz kurz habe ich sie bei die­sem Blick hin­ter die Kulis­sen erspäht, die Unge­schminkte, die sich mor­gens aus dem Kis­sen schält. Und ich mag sie. Ver­stehe nun die Müh­sal und das stän­dige Bestre­ben hin­ter der Per­fek­tion, die das Syd­ney Opern­haus auf den ers­ten Blick aus­strahlt. Aber wirk­lich nur auf den ers­ten Blick.

Syd­ney von vorne

Das Beste kommt zum Schluss. Sagt man. Ich weiß nicht, ob es das Beste ist, aber toll ist es schon. Nor­ma­ler­weise sind die Hotels, in denen ich über­nachte so holz­klas­sig wie meine Flüge. Aber ein­mal im Leben eine Nacht im Park Hyatt Syd­ney ver­brin­gen, einer der exklu­sivs­ten Adres­sen der Stadt, behü­tet zwi­schen Opern­haus und Har­bour Bridge gele­gen, das muss jetzt mal sein. Gut, nicht gleich die Opera Suite für 20.000 AUD die Nacht, eige­ner But­ler inklu­sive, wo auch schon Elton John ins Kis­sen sang. Und auch keine Suite für 12.000 AUD. Über­haupt keine Suite, denn selbst ein King Room mit Hafen­blick ist unter den 155 Zim­mern mehr, als ich mir an edlem Über­nach­ten jemals vor­ge­stellt habe. Alles ist japa­nisch ange­haucht, von den Kunst­ob­jek­ten bis zu den Schie­be­tü­ren, die man zwi­schen Bett und offene, glä­serne Dusche zie­hen kann. Und sogar die aus­ge­klü­gelte Toi­lette mit inte­grier­tem Bidet und stets gewärm­tem Sitz beschwört die schöns­ten Japa­ner­in­ne­run­gen herauf.

Wer sich am Zim­mer satt­ge­se­hen hat, fährt hoch zum Roof­top-Pool, wo man nicht ein­fach nur schwimmt oder in der Sonne brät. Viel­mehr bleibt man erst mal mit offe­nem Mund ste­hen, denn die Har­bour Bridge schräg dar­über scheint so nahe, dass man sie mit den Fin­ger­spit­zen berüh­ren möchte. Eigent­lich mag ich keine gechlor­ten Pools, aber unter der Syd­ney Har­bour Bridge baden ist natür­lich etwas ganz anderes.

Für 17 Uhr sind ‚Amen­ities‘ ange­kün­digt, Höf­lich­kei­ten, bei denen ich mir nicht rich­tig vor­stel­len kann, was das sein soll. Bis ich nach mei­ner Rück­kehr vom Pool eine Fla­sche gekühl­ten Cham­pa­gners und dazu köst­li­che Käse­stück­chen und Knä­cke­brot vor­finde. Der Moment ist gekom­men, frisch geduscht im dicken wei­ßen Bade­man­tel mit Cham­pa­gner und Käse auf dem Bal­kon mit glä­ser­ner Brüs­tung zu sit­zen. Soeben holt ein Kreuz­fahrt­schiff die Lei­nen rein, macht sich bereit für die Fahrt raus auf den Ozean. Ein letz­tes Tuten aus vol­lem Horn zum Abschied. Die Har­bour Bridge liegt in mei­nem Rücken, das Opern­haus blitzt um die Ecke auf und ich sehe die Hafen-Sky­line vor mir wie auf einem rie­si­gen TV-Bild­schirm. Und selbst mit noch cham­pa­gne­r­un­ge­trüb­tem Blick weiß ich es – ich mag es, die­ses Syd­ney, das noch Tau­sende von wei­te­ren Sei­ten verbirgt.

Tipp zum Schluss:

Das Park Hyatt würde doch das Rei­se­bud­get spren­gen? Kein Pro­blem! Als wun­der­bare und sehr viel güns­ti­gere Alter­na­tive emp­fehle ich das YHA Syd­ney Har­bour, das neben Dorms auch geräu­mige Ein­zel- und Dop­pel­zim­mer bie­tet. Das Beste aber: Das YHA befin­det sich über archäo­lo­gi­schen Aus­gra­bun­gen, die noch dem kolo­nia­len Syd­ney ent­stam­men und teils am Ein­gang zu sehen sind. Und natür­lich die große Dach­ter­rasse, die einen der bes­ten Bli­cke auf den Son­nen­auf­gang direkt hin­term Opern­haus gibt. Da lohnt sich frü­hes Aufstehen!

Die Reise nach Aus­tra­lien wurde freund­li­cher­weise unter­stützt von Tou­rism Aus­tra­lia.

Fotos 17, 22, 25, 26, 27, 28 und 29 wur­den von Bridge Climb Syd­ney zur Ver­fü­gung gestellt, Foto 48 von Park Hyatt Sydney.

Cate­go­riesAus­tra­lien
Bernadette Olderdissen

Bernadette Olderdissen ist eine Geschichtensammlerin- und schreiberin. Schon in jungen Jahren verstand sie, dass ganz so viel Fantasie zum Schreiben gar nicht nötig war, denn die besten Geschichten schenkte ihr das Leben umsonst. Schenkten ihr die Menschen um sie herum. Als sie viele Geschichten gehört hatte, zog sie weiter. Sperrte die Ohren auf und schrieb alles nieder, was ihr die Menschen zu erzählen hatten. So trieb es sie immer weiter durch die Welt, mit ungesättigter Neugier und in der Gewissheit, dass sich die Menschen zwar überall auf der Welt verdammt ähnlich sind, jedoch keine zwei Geschichten identisch. Dieser Umstand ist schuld daran, dass sie noch immer nichts für die Rente gespart hat, sondern das Geld immer nur für die nächsten Reisen reicht. Und das findet sie auch gank okay so.

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