La Palma

Außerirdisch schön – Der Roque de los Muchachos

Wo bin ich hier gelandet: Auf Chroma oder David Bowies Wüstenplanet? Es ist wie im Science Fiction: 15 Spiegelteleskope sind hier seit 1984 installiert worden, darunter das Größte Europas…

Überall auf der Insel findet man abstrus anmutende Wegweiser: Polaris – 4:077.483.636.167.800 km steht da zum Beispiel und weist Interessierten den Blickwinkel direkt zum Polarstein. Ehrlich gesagt bin ich kein Astronomie-Fan. Ich genieße den Sternenhimmel am liebsten mit einer Flasche Vega Norte, guck einfach sinnfrei in den Himmel und freue mich über jede Sternschnuppe – und man sieht viel davon auf der Isla Bonita. Aber das Firmament über La Palma macht schon neugierig. Mit einer Sternen-App lassen sich schnell Venus und Mars finden – der rote Planet ist hier wirklich rot-orange,– und irgendwann will man mehr.

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Ich fasse den Plan, noch näher an die Sterne zu kommen: Ich will auf dem Roque de Los Muchachos fahren, mit 2.426 Metern die höchste Erhebung der Insel. Dort gibt es eins der größten Observatorien der Welt. Ähnliches findet man nur noch auf Hawaii und in Chile. Mein ursprünglicher Plan: Ich will dort den Sonnenuntergang genießen und dann bei einem Picknick auf die Herrlichkeit des Himmels warten. Aber die Strecke ist lang und kurvig. Also beschließe ich, erst mal am Tag dort hinauf zu fahren. Die Aussicht soll nicht so schlecht sein.

The long and winding road

Vom herrlichen Strand von Tazacorte im Westen La Palmas plane ich ca. 90 Minuten ein. Der Tag ist sonnig, es sind jetzt im November um die 24 Grad, ideales Wanderwetter. Die Bergstrecke beginnt. Spitzkehre folgt auf Spitzkehre. Die Aussicht ist grandios. Die Laune ist euphorisch – solange man keinen Bus vor der Stoßstange hat. Es geht durch ausgedehnte Bananenplantagen, kleine Dörfer, Pinienwälder. Aber es dauert! Und die Kurverei kann einem schon mal auf den Magen schlagen Bei Tijarafe brauche ich eine Pause, gucke mir den romantischen Kirchplatz an und esse die letzten Mandelkekse aus Fuencaliente – nirgendwo gibt es bessere! Hinter Puntagorda geht es ab in die Walachei.

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Die Straßen werden schmaler. Plötzlich Stau: Die Straße ist mit einer Schranke gesperrt. Steinschläge haben die Straße verschüttet. Steinschläge sind durch das Hochgebirgsklima hier nichts ungewöhnliches, höre ich von wartenden Insidern, aber eigentlich eher im Frühjahr, wenn das Eis schmilzt. Was tun? Abziehen oder bleiben? Irgendjemand will gehört haben, dass die Straße um 11.30 Uhr wieder geöffnet wird. Also plaudern und warten. Gegen 12 Uhr drehen die ersten um und fahren ab. Als ich gerade auch aufgeben will, kommen einige zurück: Der Inspektor ist im Anmarsch. Und wirklich: 10 Minuten später wird die Schranke hochgeklappt und die Blechkarawane setzt sich wieder in Bewegung Richtung Roque-Gipfel.

Jetzt wird es wirklich steil: Mehr als der zweite Gang geht gar nicht mehr. Die Bäume werden seltener, Schneefelder tauchen am Straßenrand auf, und plötzlich bin ich mitten in einer Science Fiction Landschaft: Riesige Parabolspiegel, kugelförmig verspiegelte Gebilde, Brücken in Gebäude, die wie gigantische Milchcontainer aussehen. Vor mir liegt das ORM, das Observatorio del Roque de los Muchachos.

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Science Fiction World

Wo bin ich hier gelandet: Auf Chroma oder David Bowies Wüstenplanet? Es ist wie im Science Fiction: 15 Spiegelteleskope sind hier seit 1984 installiert worden, darunter das Größte Europas, das Gran Telscopio Canarias. Brian May von Queen, selbst mal ein alter Astrophysiker, soll eine Eröffnungshymne verfasst haben. Das riesige Spiegelteleskop mittendrin doppelt die Landschaft auf irreale Weise. Es dient der Erforschung der Gammastrahlen; Deutsche Wissenschaftler forschen hier zusammen mit Kollegen aus 19 Nationen. Aber ich komme nicht rein. Ich weiß auch gar nicht so recht zu sagen, was jetzt Teleskop und was Verwaltungs- oder Visitorgebäude ist. Ein verzweigtes Wegesystem tut sich auf, aber überall ist mir als Nicht-Wissenschaftler der Zutritt verwehrt.

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Ich muss sehr verloren wirken, denn ein besorgtes Paar spricht mich an. Eva und Michael waren schon häufiger hier und klären mich auf: Führungen sind möglich, aber nur nach Voranmeldung übers Internet. Ich frage, ob man denn auch an die Riesenfernrohre herankommt. Eva lacht über meine Retrovorstellungen: Man sehe eigentlich hauptsächlich Computerbildschirme mit Aufzeichnungen und Messergebnissen. Da muss man schon Ahnung haben. Hab ich nicht, und damit ist das Projekt professionelles Sternengucken für mich erst mal gestorben.

Außerirdisch schön

Aber warum zu den Sternen greifen? Der Roque selbst ist außerirdisch schön. Neben einem gut begehbaren und gesicherten Höhengrad klafft die Caldera de Taburiente, ein gigantischer Vulkankessel mit bizarren Felsformationen. Die Luft ist so klar wie nur an wenigen Orten auf der Welt, deshalb haben sich hier die professionellen Sternengucker niedergelassen.

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Der Himmel ist postkartenblau und wolkenlos, denn die Wolken wabern unter mir durch den 1.500 Meter tiefen Canyon. Mal ziehen sie sich zu, dann reißen sie wieder auf und präsentieren atemberaubende Blicke in die Tiefe – ein wahres Wolkentheater. Da gibt es viel zu gucken – hinter den Wolken zeichnet sich der Teide auf Teneriffa ab. Die Sonne wärmt angenehm. Dabei ist die Grundtemperatur hier oben 3°. Ich bin froh über meine Winterjacke und gucke mitleidig auf Mittouristen, die in Flip-Flops und kurzen Hosen diesen grandiosen Ort mehr erleiden als erleben. Die gucken mitleidig auf mich, der ich meine Kekse schon auf der Anreise gegessen habe und jetzt nichts für ein Picknick einsetzen kann. Zu kaufen oder einzukehren gibt es hier nichts. Ich bin hier an einem durch und durch touristischen Ort, der vollkommen natürlich gehalten worden ist.

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Direkt neben mir landet ein Kolkrabe auf der Mauer und betrachtet mich prüfend. Ich blicke zurück auf den Pfad, den ich gekommen bin: Wie auf einer Ameisenstraße ziehen die Besucher darauf über den Roque. Ich fühle mich sehr klein und grandios zugleich. Als ich mich umdrehe, sind die Nachbarinseln im Nebel verschwunden. Der Rabe hebt wieder ab. Das hier ist eindeutig nicht ganz von dieser Welt.

Sonnenuntergang

Am Abend sitze ich mit Vega Norte auf meiner Terrasse bei Todoque und genieße den Sonnenuntergang. Und irgendwann kommen sie wieder – die Abermillionen Sterne, von denen wieder der Mars deutlich rot schimmert. Ich überlege, ob ich Evas Tipp folgen soll. Es gibt geführte Sternenbeobachtungen, hat sie erzählt, mit Fernrohren und ohne Computer in Englisch und Spanisch. Vielleicht wäre es reizvoll einmal mehr als den Mars zu erkennen.

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Richard Hofer

Mit 16 das erste Mal Interrail von Amsterdam bis Marokko, vorm Studium ein halbes Jahr Indien, danach auch mal Indologie studiert um eine fremde rätselhafte Welt besser zu begreifen. Immer wieder raus in die Welt, neugierig auf Neues, Packendes, Inspirierendes, auf Landschaften, Menschen, ein gutes Glas Wein. Als Reisejournalist fürs Fernsehen die Leidenschaft zum Beruf gemacht, immer auf der Suche nach der guten Geschichte. Die findet man im Bayerischen Wald genauso wie in Kuba. Und es gibt noch so viel zu entdecken - und zu berichten.

  1. Hallo Richard,
    danke für den tollen Artikel!
    Ich kann Deine Sehnsüchte, Gedanken und Erlebnisse genau nachvollziehen.
    Super, dass du uns daran teilhaben lässt :)
    Welches war denn dein unerwartetes Highlight? Welches war einer dieser Momente mit denen du nicht gerechnet hättest?
    Liebe Grüße

    Lenni

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