Der Süden

Weil Kerala „God’s own country“ ist

Auszug aus „111 Gründe, Indien zu lieben“

Kerala – von der indischen Tourismusindustrie als »God’s own ­country« vermarktet – liegt im äußersten Süden der Westküste Indiens und bedeutet »Land der Kokospalmen«. Landschaftlich ist der Bundesstaat, der sich entlang der Südwestküste erstreckt, so traumhaft schön, dass der Slogan kaum übertrieben scheint. Überall kommt man sich vor wie in einem blühenden Garten. Kokospalmen säumen die Küsten und Wasserwege, und die meisten Gewürze stammen von hier.

Das Klima ist tropisch warm mit geringen Temperaturschwankungen über das Jahr. Der Monsun beherrscht zwischen Juni und Oktober das Wetter, und in dieser Zeit regnet es ergiebig. Den Rest des Jahres ist es überwiegend trocken, abgesehen von der ganzjährig hohen Luftfeuchtigkeit.

Kerala besteht aus einem schmalen Küstenstreifen, der sich entlang des Arabischen Meeres zieht und an seiner breitesten Stelle nur 120 Kilometer misst. Im Landesinnern schließt sich hügeliges Land an, das bis zu den bewaldeten Gebirgsketten der Westghats reicht.

In den Hochlagen wurden größere Teeplantagen angelegt. Kerala gehört gemeinsam mit dem Nachbarstaat Tamil Nadu neben Assam, Darjeeling und der Kangra-Region am Fuße des Himalaya zu den wichtigsten Anbaugebieten für (Schwarz-)Tee in Indien. An den Hängen der Hügel und Berge der Westghats findet er genügend Nährstoffe und den richtigen Mix aus Sonne und Monsunregen, um prächtig zu gedeihen. Die Teeproduktion ist neben den Gewürzen und dem boomenden Tourismus mit seinen Ayurveda-Kliniken eine wichtige Einkommensquelle. Wie anderswo in Indien auch geht der Teeanbau in Kerala auf die britische Herrschaft zurück. Natürlich wollten die Briten auch hier nicht auf ihre »Tea time« verzichten. Ähnlich wie im Norden entstanden auch in Kerala »Hill stations« wie Munnar, die sich sonst vor allem im indischen Himalaya – etwa in Dharamsala – finden. An diesen Orten ließen sich auch die extremen Temperaturen in der Trockenzeit aushalten. Noch immer gibt es in Kerala ausgedehnte Waldgebiete, in denen viele Wildtiere leben. Große Flächen wurden als Naturschutzgebiete ausgewiesen.

An den Küsten wird in alter Tradition gefischt © Eva Grossert

Heute spielt der Tourismus eine zunehmend wichtige Rolle. Sechs Millionen Inder aus anderen Bundesstaaten kommen jedes Jahr nach Kerala, und auch die Zahl der ausländischen Besucher steigt sprunghaft an, schließlich locken eine Reihe großartiger Strände.

Impressionen aus der Umgebung von Verkala © Eva Grossert

Ein weiterer Grund für den steigenden Tourismus ist, dass der südliche Teil des Subkontinents deutlich einfacher zu bereisen ist als der oft hektische Norden. Die Infrastruktur ist besser, und es ist deutlich sauberer und organisierter als im Norden. Kerala ist aber auch aus anderen Gründen ein Sonderfall. Zwar sind auch hier die Hindus mit 55 % in der Mehrheit, aber auch Muslime (27 %; der Islam ist mit den arabischen Händlern nach Kerala gelangt) und Christen (18 %) stellen große Anteile der Bevölkerung Keralas. Mit über sechs Millionen Christen leben in Kerala mehr als in jedem anderen Bundesstaat. Abgesehen von der Region um Kannur im Norden des Bundesstaates sind Konflikte unter den Religionen in Kerala selten.

Obwohl Kerala zu den am dichtesten bevölkerten Bundesstaaten gehört, sucht man Slums vergeblich. Er bietet mit 94 % Alphabetisierungsrate gute Bildungschancen für seine Bürger. Der Gesamtdurchschnitt Indiens liegt 20 Prozentpunkte darunter. Dafür sorgen etwa 12.000 Schulen (über 60 % Privatschulen), über 100 Colleges und sieben Universitäten. Auch die Frauen sind weitaus weniger benachteiligt, als das in den meisten anderen Regionen Indiens der Fall ist. Dadurch strahlen sie auch ein ganz anderes Selbstbewusstsein aus. Im Gegensatz zum Großteil Indiens übersteigt die Zahl der Frauen die der Männer, was darauf hindeutet, dass das Abtreiben weiblicher Föten im Gegensatz zu weiten Teilen Indiens nicht weit verbreitet ist.

Die Säuglingssterblichkeit ist stark gesunken und die Lebenserwartung zehn Jahre höher als im Durchschnitt Indiens! Selbst die Korruption spielt in Kerala keine übergeordnete Rolle.

1956 entstand der Bundesstaat in seinen jetzigen Grenzen, ausschlaggebend war die Sprachgrenze des Malayallam, das von fast 97 % der Bevölkerung gesprochen wird. Es gehört zu den dravidischen Sprachen, ist mit dem Tamil verwandt, stark vom Sanskrit beeinflusst und hat auch seine eigene Schrift.

Bei den ersten freien Wahlen 1957 gewann dort die Kommunistische Partei. Bis heute stellt sie im Wechsel mit der Kongresspartei die Regierung in Kerala. Das sorgte dafür, dass die Landreformen, auf die der Großteil der indischen Landbevölkerung vergeblich wartet, dort durchgeführt wurden. So besitzt ein Großteil der Bauern Keralas ein eigenes Stück Land. Diese Sicherheit führte dazu, dass das Bevölkerungswachstum in dem Bundesstaat gestoppt werden konnte und inzwischen ähnlich wie in Westeuropa stagniert. Gleichzeitig entwickelte sich in Kerala eine ausgeprägte Streikkultur mit starken Gewerkschaften, und die dortigen Bewohner lieben den politischen und philosophischen Disput. Für den Wohlstand Keralas sorgt auch die Tatsache, dass viele Arbeit in den Golfstaaten finden und von dem dort Verdienten einen Großteil nach Hause schicken. Grund dafür ist auch die kaum vorhandene Industrie, was zu einer etwas höheren Arbeitslosenquote führt als im Landesschnitt.

Die Frühgeschichte Keralas reicht mindestens 3.000 Jahre zurück. Von der antiken Hafenstadt Muziris sollen die frühen Chera regen Handel mit Ägypten, Babylonien, den Assyrern und später den Römern (unter anderem bei Claudius Ptolomäus und Plinius dem Älteren beschrieben) und Phöniziern betrieben haben. Später wurden die Chinesen und Araber zu den wichtigsten Handelspartnern der Herrscher von Kerala.

Hier war es auch, wo sich die ersten syrischstämmigen Christen auf indischem Boden ansiedelten. Ob der Apostel Thomas tatsächlich bereits 52 n. Chr. dorthin gelangte, ist aber sehr umstritten. Die ersten christlichen Gemeinden sind aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. belegt.

Christliche Kirchen sind ein prägendes Element in Kerala © Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma

Sicher ist, dass in Kerala auch Juden nach dem Fall von Jerusalem Asyl fanden. Sie bildeten eine fruchtbare Symbiose mit den angestammten Händlern und sorgten dafür, dass vor Ort viel Toleranz herrschte (und noch heute herrscht). Heute leben jedoch nur noch wenige Juden in Kerala. Nach der Gründung Israels emigrierten die meisten in das »Gelobte Land«.

Im 11. Jahrhundert entstanden nach dem Fall des späten Chera-­Reichs einzelne Königreiche, von denen die drei wichtigsten Zamorin (heute Calicut) im Norden, Cochin (heute Kochi) im Zentrum und Venad (heute Kollam) im Süden von Kerala waren, die in Rivalität standen. Berichte über die edlen Gewürze der Malabarküste machten in Europa nun erneut die Runde, besonders begehrt waren Pfeffer, Kardamom, Nelken und Vanille. Die Gewürze wurden in Gold aufgewogen.

1498 landete Vasco da Gama an der Küste, doch die Araber und Zamorin witterten Gefahr für ihren Handel und untersagten den Portugiesen, sich niederzulassen. Beim Rivalen in Cochin stießen sie hingegen auf offene Ohren, und ihnen wurde erlaubt, eine Handelsniederlassung zu gründen. 1503 entstand mit Fort Cochin die erste europäische Festungsanlage in Indien. 1524 starb Vasco da Gama auf seiner dritten Indienfahrt in Cochin. Im 16. Jahrhundert eroberten die Portugiesen einen großen Teil der indischen Westküste und kontrollierten damit den extrem lukrativen Handel. 1602 landeten die Holländer in Calicut, 1663 nahmen sie Cochinchina ein und vertrieben die Portugiesen aus Kerala.

1741 wurden die Holländer vom Königreich Travancore besiegt. Doch Travancore geriet schon ab 1764 unter den Druck des Königreichs Mysore. Der Herrscher von Travancore bat die Briten um Hilfe, die Calicut nach der Niederlage der Portugiesen 1664 besetzt hatten. Doch der Preis für Travancore war die Unabhängigkeit. Bis zur Unabhängigkeit vertraten die Fürsten von Travancore die Interessen der britischen Kolonialmacht.

In Kerala gibt es auch eine Reihe von Besonderheiten zu entdecken, etwa den Kampfsport Kalarippayat, der zu den ältesten Kampfkünsten Asiens zählt. Die Bewegungen sind ähnlich denen des klassisch indischen Tanzes. Zugleich sind die Kämpfer auch als Dorfarzt für Ayurveda tätig und beherrschen das Yoga. Manchmal traten zwei Kalarippayat-Kämpfer gegeneinander an, um stellvertretend einen Kampf zwischen zwei Dynastien auszufechten und unnötiges Blutvergießen zu vermeiden.

Abbildung einer Maske aus dem Tanzdrama Kathakali © Eva Grossert

Auch das Kathakali-Tanzdrama ist eine Besonderheit Keralas und wird seit dem 17. Jahrhundert aufgeführt. Es entstand aus noch älteren Tempeltänzen, die 2.000 Jahre alt sind. Mit Masken, Kostümen und Schminke stellen die Tänzer klassische Mythen nach. Das Ritualtheater Teyyam ist eine ähnliche Tradition, in der Vishnu, Shiva und Shakti verehrt werden. In manchen Traditionen dürfen nur Brahmanen die Rollen besetzen. Noch spannender ist die Tradition, bei der sich Dalit mithilfe von Schminke, schweren Masken und tiefer Trance in temporäre Götter verwandeln. Dieselben Menschen, denen im Alltag kaum Achtung entgegengebracht wird, sind während der Aufführungen selbst für die Brahmanen Götter. Auch hier findet, ähnlich wie an Holi, eine vollständige Umkehrung des Alltags statt.

Bei meinem Ausflug nach Kerala habe ich erleben können, wie bessere Bildung, mehr Gleichstellung und Landreformen, auf die ein großer Teil der indischen Bevölkerung noch immer verzweifelt wartet, um endlich ihrer (Schuld-)Knechtschaft zu entkommen, Impulse für eine lebenswerte Zukunft geben können. Besonders spannend an der Entwicklung finde ich, dass Kerala diesen Weg ohne nennenswerte Großindustrien geschafft hat. Es ist für mich ein Modell, das Hoffnung für Indien und die ganze sogenannte Dritte Welt macht.

 

Weil die Backwaters ein einzigartiges
Ökosystem sind

 

Die Backwaters sind eine Landschaft, die die Malabarküste von Kerala und ihr Hinterland zwischen Cochin im Norden und Kollam im Süden entscheidend prägt. Es handelt sich um ein weit verzweigtes Netz von Wasserstraßen mit insgesamt 1.500 Kilometern Länge, das aus natürlichen Wasserläufen (44 Flüsse, die hauptsächlich dem Meer zufließen), künstlich angelegten Kanälen, 29 größeren Seen und Lagunen besteht. Schon immer waren sie bedeutende Verkehrs- und Transportwege.

© Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma

Durchbrochen sind die Kanäle von winzigen Palmeninseln.

Einst war das Ökosystem geprägt von Feucht- und Mangrovenwäldern. Der Mensch hat daraus eine amphibische Gartenlandschaft entwickelt, indem er viele Waldflächen abgeholzt und in Ackerland verwandelt hat, auf dem hauptsächlich Reis, Kautschuk, Kokospalmen, Bananenstauden, Pfeffer, Curryblatt, Chili, Ingwer, Zimt sowie Cashewnuss, Mango und Papaya gedeihen.

Die Fischerei spielt ebenso wie Fisch- und Garnelenzucht eine wichtige Rolle. Außerdem gibt es Muschelsammler und Krabbenjäger. Die Menschen, die sich hier angesiedelt haben, leben zumeist in Holzhütten am Rand der Wasserstraßen.

Vereinzelt finden sich traditionelle chinesische Fischernetze. Sie sind feststehend, und die trapezförmigen Netze werden an Holzarmen abgelassen und später mit Fang wieder eingeholt. Sie wurden von Händlern des Kaisers von China, Kublai Khan, ein Enkel Dschingis Khans, in Kerala eingeführt.

Die größte Rolle für die Backwaters spielt heute der Tourismus. Die traditionellen Lastkähne (Kettuvallam) mit etwa 15 Metern Länge wurden seit Anfang der 90er-Jahre mit Aufbauten in Hausboote verwandelt. Daraus entwickelte sich ein regelrechter Boom, sodass es heute über 1.000 Hausboote gibt.

Prächtig gestaltete Hausboote in den Backwaters © Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma

Vor allem auf den wichtigsten Verbindungen herrscht während der Hauptsaison zwischen Oktober und März großes Gedränge, und es lohnt sich, auf andere Strecken auszuweichen. Billig ist eine Tour mit den Hausbooten ohnehin nicht, sie gehört zu den im Verhältnis teuren Angeboten im indischen Tourismus. Es lohnt sich daher, sich vorab mit anderen Reisenden zusammenzuschließen. Schließlich bekommt man dafür auch einiges geboten: Die Holzaufbauten sind mit schönen Schnitzereien veredelt, das Mobiliar ist aus Rattan oder edlen Tropenhölzern geschnitzt und die Küche Keralas delikat. Eine Besonderheit ist auch, dass viele Konstruktionen komplett ohne Metallnägel auskommen.

© Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma

Das größte Highlight bleibt jedoch die Landschaft, eine Welt aus Grün und Blau, in der sich Kormorane, Eisvögel und Kraniche wohlfühlen. Die Zikaden sorgen für die passende Geräuschkulisse, die Krokodile gelten inzwischen als ausgerottet.

Auch Shikaras (Stakboote, die entfernt venezianischen Gondeln ähneln) sind häufig anzutreffen.

© Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma

Das erinnert an den Dal-See in Kaschmir, der wohl auch Vorbild für die touristische Nutzung war.

Kostengünstige Alternativen zu den Hausbooten bieten die regulären Fähren, die sehr günstig sind und ebenfalls einen Einblick in das einzigartige Ökosystem bieten. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist das Ökosystem auf ein Drittel seiner Fläche geschrumpft, was vor allem durch die Trockenlegung für die Landwirtschaft und das Verschwinden der Wälder bedingt ist, die zuvor Wasser besser speichern konnten.

Ein Ausflug in das Geflecht der Wasserstraßen hinein führt in ein grünes Dschungel-Paradies, das wegen seiner Vollkommenheit fast unwirklich erscheint.

Weil Ayurveda eine der ältesten
Heilkünste der Menschheit ist

 

Das Ayurveda ist eine der ältesten Philosophien und Heilkünste der Menschheit. Es bezeichnet das »Wissen vom langen Leben«. Hauptziel sind ein Leben im Einklang mit den Gesetzen des Kosmos und die Einheit von Körper und Geist.

Die indische Philosophie basiert auf einer zyklischen Vorstellung, in der sich helle und dunkle Zeitalter abwechseln. Nach dieser Vorstellung gab es in vorvedischer Zeit ein »goldenes Zeitalter«, während wir uns aktuell im Kaliyug, dem »dunklen Zeitalter«, befinden.

Als die Menschen begannen, die Natur zu unterwerfen und die Koexistenz einseitig aufzukündigen, sollen die ersten Krankheiten ausgebrochen sein, und die Rishis Indiens, in Meditation und Yoga erfahrene Meister, denen seherische und magische Fähigkeiten zugesprochen wurden, versammelten sich im Himalaya, um sich zu beraten. Durch gemeinsame Meditation brachten sie den Götterkönig Indra dazu, ihnen das Wissen um die Unsterblichkeit zu enthüllen – Indra schickte Dhanvantari als Königssohn in Kashi auf die Erde und mit ihm das Wissen über das Ayurveda.

Noch zentraler ist der Ursprung des Ayurveda innerhalb des Mythos vom »Quirlen des Milchozeans«, den ihr schon im Kapitel über die Kumbh Mela kennengelernt habt. Der »Arzt der Götter« Dhanvantari trug den Krug mit dem Lebensexilir Amrita aus dem Milchozean heraus. Der »Nektar der Unsterblichkeit« symbolisiert auch das Ziel des Ayurveda, ein langes (in mythologischer Sicht unendliches) Leben.

Charaka, der um 78 n. Chr. gelebt haben soll, war der erste bekannte Arzt des Ayurveda und verfasste die Schrift Charaka-Samhita, in der er die Grundlagen des Ayurveda niederlegte. Etwa 200 Jahre später wurde das Wissen um das Sushruta-Samhita erweitert.

Eine besondere Rolle für die Ausbreitung des Wissens um das Ayurveda spielt die Herrschaft Kaiser Ashokas. Wohlhabende Familien ließen Krankenhäuser errichten, und Ärzte sowie Pfleger wurden in dem alten Wissen neu geschult. Damals entstand das erste städtische Gesundheitssystem. Die Armen, Waisen, Witwen, kinderlosen Alten, Kranken und behinderten Menschen wurden hier versorgt. Was für ein Gegensatz zum heutigen Indien, in dem das Gesundheitssystem extrem prekär ist und sich oft nur Reiche eine angemessene medizinische Versorgung leisten können!

Auch für die buddhistischen Mönche wurde das Heilwissen zum Rüstzeug, und mit ihrer Missionierung verbreitete sich die Heilkunst über ganz Indien und in andere Länder Asiens. Schließlich vereinte das im 7. Jahrhundert n. Chr. entstandene Astangahrdaya das Wissen der damaligen Zeit aus Indien, China und Tibet.

Die Theorie und Praxis des Ayurveda war in Indien bis ins 19. Jahr­hundert unangefochten. Erst danach wurde die westliche Schulmedizin durch die Briten verbreitet. Heute bestehen in Indien beide Systeme nebeneinander und werden oft kombiniert. Umgekehrt integriert auch die westliche Medizin zunehmend Erkenntnisse und Elemente aus dem Ayurveda.

Laut der Vorstellung der Ayurveda-Philosophie besteht das Universum aus fünf »Wurzelformen der Materie« (Pancha Bhoota). Diese Elemente sind Feuer, Wind, Erde, Wasser, Äther. Der Mensch ist ein Abbild des Universums und besteht aus derselben Materie. Daraus leiten sich drei Doshas ab: Pita (Hitze/Feuer), Kapha (Erde/Wasser) und Vata (Luft/Äther). Dabei variiert die Verteilung der Elemente, jedes Individuum wird mit einer eigenen Konstitution (Prakriti) geboren. Abhängig ist sie von der Konstitution der Eltern sowie vom Zeitpunkt der Geburt sowie anderen Faktoren.

Ziel des Ayurveda ist es, diesen individuellen Idealzustand wieder zu erreichen, wenn die Doshas aus dem Gleichgewicht geraten sind. Daher steht die Bestimmung des individuellen Gleichgewichts am Anfang der Behandlung. Ayurveda konzentriert sich auf die Ursachen des Ungleichgewichts und nicht auf Symptom-Behandlung.

Gründe für eine Erkrankung sind in erster Linie Giftstoffe, Stress, falsche Ernährung und Bewegungsmangel, die zu Versteifung der Muskeln, zu Schlafstörungen und Müdigkeit und mentalen und körperlichen Überlastungen führen.

Trotz des alten Wissens um das Ayurveda und die passende Ernährung für den jeweiligen Typ sind moderne Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Herz- und Kreislauferkrankungen, Übergewicht und Krebs in Indien massiv auf dem Vormarsch. Gerade die Mittelschicht frequentiert gerne Fastfood-Ketten und genießt überzuckerte Getränke, das Übrige erledigen der Bewegungsmangel (selbst kleinere Strecken werden von vielen nur ungern zu Fuß zurückgelegt) und die neuen Bürojobs. Zu Hause wird die Arbeit im Haushalt häufig von Dienstmädchen erledigt. Gerade für diese neuen Krankheitsbilder ist Ayurveda wie geschaffen.

Besonders wirksam sind Ayurveda-Kuren auch gegen Rheuma, Arthritis, partielle Lähmungen, Rückenschmerzen, Kreislaufprobleme, Migräne, Schlaflosigkeit oder Schuppenflechte. Andere erhoffen sich eine »Verjüngung« oder betreiben regelmäßig Vorsorge. Ideal ist solch eine Behandlung auch nach einem Burn-out. Leider wird im Westen das Ayurveda häufig als Kosmetik, Wellness oder bloßer Trend missverstanden, der sich höchstens im Spa-Bereich durchsetzt.

Ayurveda ist hingegen nur sinnvoll in einer individuellen Zusammenstellung verschiedener Therapien über einige Wochen. Häufig findet sie in einer Klinik statt und beginnt mit einer Darmspülung, die den Körper von Giften reinigen soll. Wichtig ist ein regelmäßiger Tagesablauf, der bereits frühmorgens beginnt. Zu Beginn steht die Entgiftung im Vordergrund. Die Einreibungen mit Öl sollen den Energiefluss verbessern und dem Körper helfen, Schlacken abzutransportieren. Besonders wichtig ist auch die Ernährung (Annayoga – »richtiges Essen«), die individuell auf den jeweiligen Patienten abgestimmt ist. Gerade der Verdauung wird eine zentrale Bedeutung zugemessen. Fleisch, Zucker, Weißmehl und Alkohol oder Drogen sind tabu, auch Tomaten, Kartoffeln und Pilze werden nicht verwendet und Gewürze nur sehr sparsam. Auch Ablenkungen durch Fernsehen, Bücher und Computer sollen vermieden werden.

Bei solchen Ausblicken lässt sich der Alltag (leicht) vergessen © Gitti Müller

Teil der Behandlung ist die Umgebung, die sich möglichst stark vom Alltag des Patienten unterscheiden und auf die sich der Patient möglichst intensiv einlassen soll. In aller Regel sind die Geschlechter bei der Behandlung strikt getrennt.

Besonders angenehm für den Patienten sind die Massagen mit erwärmtem Öl und Essenzen. Häufig erklingt im Hintergrund klassische indische Musik. Die Kombination erzeugt eine tiefe Entspannung, die an sich schon heilsam ist. Die heißen Öle befördern zudem das Schwitzen. Neben der klassischen ayurvedischen Körpermassage gibt es spezielle Tiefen-Massagen, Reflexzonenmassagen an Händen und Füßen oder Kopfmassagen.

Auch der Spaziergang durch den Heilkräutergarten ist eine Wohltat. Hier wachsen  Kräuter und Pflanzen, die sich für die Ayurveda-Behandlung eignen © Gitti Müller

Bei schweren Rückenschmerzen kann der Patient auch mit den Fußsohlen massiert werden. Der Masseur hängt an einem Seil von der Decke und kann so den Druck auf den Patienten ideal dosieren. Bei der Shirodhara-Behandlung werden medizinische Öle auf die Stirn gegossen, was besonders bei Stresserkrankungen, Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen oder Migräne hilft. Pizhichil ist ein medizinisches Ölbad – die Öle werden je nach den Doshas zusammengestellt. Dabei werden die Blutzirkulation und das Nervensystem angeregt. Bei Nasyam werden Öle, Kräutersäfte und medizinischer Puder gemischt und durch die Nase verabreicht, um Kopfschmerzen sowie Stirn- und Nebenhöhlenentzündungen zu behandeln. Es gibt auch spezielle Nacken- und Wirbelsäulenbehandlungen. Ein guter Arzt bespricht mit dem Patienten am Anfang einen individuellen Therapieplan.

Kräuter spielen im Ayurveda eine weitere zentrale Rolle für die innere Anwendung. Sie gedeihen im Klima Keralas, dem Herkunftsland des Ayurveda, hervorragend. Viele andere stammen von den Hängen des Himalaya. Besonders in Kerala sind Ayurveda-Apotheken weit verbreitet, in denen ausschließlich Heilmittel auf pflanzlicher Basis angeboten werden. Nach uralten Rezepten werden hier Kräutermischungen zusammengestellt.

Die Apotheke in einer Ayurveda-Klinik © Gitti Müller

Das Ayurveda-Studium ist äußerst komplex und dauert genau wie das indische Medizinstudium fünfeinhalb Jahre. Zuvor muss ein zweijähriges Grundstudium absolviert werden, und es folgt ein Anerkennungsjahr nach Abschluss. Ayurveda wird an 250 Universitäten gelehrt, dennoch sind die Plätze äußerst umkämpft. Auf 200.000 Bewerber entfallen gerade einmal 3.000 Studienplätze. Im Studium werden inzwischen sowohl schulmedizinische als auch ayurvedische Inhalte intensiv gelehrt, zudem ist die Unterrichtssprache neben Englisch das klassische Sanskrit.

Gerade durch die relative Nähe zu Goa mit seinen Aussteigern wurde die Medizin aus Kerala auch zunehmend im Westen bekannt. In Goa betreiben Ayurveda-Ärzte kleine Therapieeinrichtungen, in denen Massagen, Ölbehandlung und Ernährungsberatung angeboten werden. Dabei gibt es jedoch erhebliche Qualitätsunterschiede. Von erstklassigen Heilern bis zur bösen Touristenfalle findet sich ein großes Spektrum an Angeboten.

Man sollte vorsichtig sein, Ayurveda als »Allheilmittel« zu verstehen, aber es ist ein guter Grundstein für ein Leben in Harmonie und Gleichgewicht. Tatsächlich sieht man den Unterschied nach einer Ayurveda-Kur auf den ersten Blick – viele Patienten sehen nach einer mehrwöchigen Kur zehn Jahre jünger aus.

 

Besonderer Dank für die Erlaubnis zur Verwendung ihrer Bilder geht an meine Kollegen von den Reisedepeschen:

 

Eva Grossert (Hidden Gem)

Gitti Müller (Comeback mit Backpack)

Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma

Morten & Rochssare haben auch auf den Reisedepeschen einen Artikel über die Backwaters veröffentlicht:

Mit dem Hausboot durch die Backwaters von Kerala

 

Es finden sich selbstverständlich viele weitere Gründe im Buch den Süden Indiens zu lieben. Hier eine Auswahl:

 

  • Weil Bombay einen Blick in Indiens Zukunft bietet
  • Weil Indien mit 7000 Kilometern Küste gesegnet ist
  • Weil Goa zu einem Sehnsuchtsort der Hippies wurde
  • Weil die Ruinenstadt Hampi in einer bizarren Felslandschaft liegt
  • Weil in Madurai Tausende Jahre alte Rituale lebendig sind
  • Weil der Einfluss der Chola bis nach Südostasien reichte
  • Weil die Andamanen und Nikobaren einzigartige Inselarchipele sind

 

„111 Gründe, Indien zu lieben“ ist erschienen im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag in Berlin und umfasst 336 Seiten. Premium-Paperback mit zwei farbigen Bildteilen

Bereits zuvor auf den Reisedepeschen erschienen:

 

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