Unter Schafen – der Viehmarkt in Kashgar

Kontinente und Länder › Asien › China › Unter Schafen – der Viehmarkt in Kashgar
Unter Schafen – der Viehmarkt in Kashgar

Wimmernd lag unser Schaf auf der Tragefläche des Vans. Wir hatten ihm die Beine zusam­men­ge­bunden. Aber es auch zu knebeln hatten wir uns nicht getraut. Es war früh am Morgen und wir waren auf dem Rückweg nach Kashgar, wo wir unser Schaf auf dem sonntäg­li­chen Viehmarkt verkaufen wollten. Yaks, Esel, Pferde, Ochsen, Schafe und ab und zu auch Kamele – all das wird jeden Sonntag hier zum Verkauf angeboten. Seit es die Seidenstrasse gibt, ist Kashgar eines der wichtigsten Handelszentren in Zentralasien und mit unserem Schaf wollten wir an dieser Tradition teilhaben.

DSC_0018-2

Das Gewimmel und Gewusel ist scheinbar undurch­dring­lich. Es mäht, muht, gackert von allen Seiten. Die Luft ist dich gefüllt mit Staub und warmem Dunggeruch. Wo aber ist die Schafecke? Wir bahnen uns durch säuber­lich anein­an­der­ge­reihte Ziegenherden, vorbei an unruhigen Pferden und an viel zu potenten Ochsen. Wie an der Börse schreien die Verkäufer mit wilden und wichtigen Gesten in ihre Mobiltelefone und versu­chen, den Preis ihrer heraus­ge­putzten Herde in die Höhe zu treiben. Hier und dort werden letzte Schönheitskorrekturen vorge­nommen, das Schwanzfell zurecht­ge­stutzt, die Pferdemähne gekämmt.

Um die Hauptattraktion des heutigen Tages hat sich bereits eine Menschentraube gebildet. Ich drängle mich vorsichtig in die vorderste Reihe und vor mir steht der mächtigste Ochse, der mir je vor die Augen gekommen ist. Alle um mich herum starren auf die unglaub­liche Potenz, die sich zwischen seinen Beinen präsen­tiert. Ich lasse mich aufklären: der Prachtochse ist bereits verkauft, aber der Käufer unbekannt und nun wird wild speku­liert über den Kaufpreis. Meine uiguri­schen Sprachkenntnisse reichen leider nicht aus, um die Diskussionen weiter zu verfolgen. Überhaupt fällt mir auf, dass sich keine Chinesen unter den Verkäufern befinden und natür­lich ebenso keine Frauen.

DSC_0086-2

Ich überlasse also das Schafsgeschäft getrost meinen männli­chen Reisebegleitern und streife auf der Suche nach etwas Essbarem allein durch das Tierdickicht. Ich finde schließ­lich die Schlachtsektion, aber was ich hier sehe, entspricht leider nicht­wirk­lich meinen Bedürfnissen: Schafskopfsuppe und Innereien erscheinen mir am frühen Morgen nicht sonder­lich verlo­ckend, beson­ders nicht wenn sie direkt neben einem abgetrennten Pferdekopf angeboten werden. Und so entscheide ich mich für das wunder­bare, noch warme uiguri­sche Brot, das überall verkauft wird. Ich nage an meinem Bagel und immer weniger habe ich das Gefühl, dass ich noch in China bin, sondern irgendwo im Mittleren Osten oder Zentralasien.

DSC_0078-2

Als ich meinem Brotbäcker auf chine­sisch verrate, woher ich komme, bricht er in Begeisterung aus. Deutschland sei ein enger Freund der Türkei und die Türkei habe die Uiguren immer schon unter­stützt, also seien wir uns nun auch freund­schaft­lich verbunden. Tatsächlich hat ein Kommentar Erdogans für große Verärgerung bei der chine­si­schen Regierung gesorgt, als er die Unruhen, die hier 2009 ausbra­chen, öffent­lich als Genozid bezeich­nete. Ich kaufe also noch ein paar Bagels und mache mich auf die Suche nach unserem Schaf. Tatsächlich finde ich es, aber es ist bereits in den Händen des neuen Besitzers. Nach anstren­gender Feilscherei haben meine Freunde es tatsäch­lich geschafft, mit Gewinn das Geschäft zu beenden. Zwar haben sie nur 10 Yuan Profit machen können, aber immerhin!

DSC_0089

Kommentare

  1. Avatar von Henriette

    Leider bin ich auch keine Viehspezialistin. Ein Schaf kostete uns um die 300 Kuai. Aber das ist natür­lich alles Verhandlungssache. Ein Esel wird um einiges mehr kosten…
    Das Schaf jeden­falls hatten wir in der Nähe von Kashgar bei einem Viehhirten aufge­trieben. Alles ganz zufällig…

    1. Avatar von Marianna

      Ok. Danke dir!

  2. Avatar von Marianna

    Wieviel kostet denn so ein Schaf? Und ein Esel?
    Und wo hattet ihr denn eurer Schaf überhaupt her?
    Bin neugierig. LG

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert