Tolbachik

Kamtschatka

Ich besuchte das Dorf Kozerevsk zweimal, auf dem Hin- und auf dem Rückweg.

Beide Male reiste ich gedanklich zurück in das Jahr 1989. Damals war ich 6 Jahre alt.
Es war das Jahr, in welchem die Berliner Mauer fiel. Es war ein Jahr meines kindlichen Lebens. Ich wollte spielen.

Die Hälfte meiner Kindheit wuchs ich auf dem Bauernhof meiner Großeltern auf. Sie haben 14 Hektar Land, 2 Hunde, 17 Katzen, Rinder, Milchkühe, Bullen und Schweine. Mein Großvater war der Herr des Hofes. Er trieb damals die Rinder und Kühe mit einem Stock auf die Weide. Die Milch tranken wir Kinder direkt von der Kuh, und wir spielten im nahen Wald mit den Hunden. Wir bauten uns Baumhäuser, fingen Fische und spielten Verstecken. Wir halfen bei der Heu- und Strohernte, aßen die Maiskolben direkt vom Halm, bis wir platzten und die Pflaumen von den Sträuchern, bis wir Durchfall bekamen.

Irgendwie ist dieser kleine russische Ort am Ende der Welt ein Trigger meiner Erinnerungen: Kozerevsk ist wie der Bauernhof in 1989, bis auf die Tatsache, dass es ein ganzes Dorf ist. In Kozerevsk laufen die Kühe auf dem Fußballfeld der Schule herum, und Hunde streunen hinter jedem Besucher her, wovon es hier nicht viele gibt. In Kozerevsk ist keine Straße asphaltiert, es gibt keine Bürgersteige, und nichts lässt daran denken, dass hier irgendwann eines Tages mal die Zukunft der Architektur und Infrastruktur ankommen wird. Der Weg ist einfach zu weit, das Material zu teuer, der Wille der Menschen auf Veränderung zu gering. Blickt man sich in Kozerevsk um, so ist unweit der Fluss „die Kamtschatka“, welcher als Lebensader dient. Es gibt Fisch und noch mehr Fisch. Blickt man in die Gärten der Bewohner, so entdeckt man Felder mit Kartoffeln, Kohl, Zucchini, Kräuter, Blumen und alles, was sonst noch wachsen kann, in diesem Dorf wächst es. Die Häuser sind aus Holz gebaut. Holz ist auch das Brennmaterial für den heimischen Ofen. Es riecht nach Blumen, nach Hitze, der Staub liegt auf unseren Lippen und verklebt unsere Augen. Stellt man sich vor eines der kleinen Holzhäuser, so ragt im Hintergrund die vulkanische Landschaft auf. Der Kamen, der Kljutschewskaja Sopka und der Tolbachik. Die höchsten Vulkane Kamtschatkas mit fast 5000m Höhe.

Wenn ich mir diese Szenerie so ansehe, beginne ich zu träumen. Auch wir haben zu Hause unsere Idee der Selbstversorgung begonnen. Zusammen mit unserem Nachbarn bauen wir Tomaten, Melonen, Kürbis, Zucchini, Gurken, Kräuter, Chilis, Paprika und bald auch Kartoffeln an. Im Garten wachsen wilde Erdbeeren, Himbeeren, Preiselbeeren und Äpfel. Wir planen gerade den Umbau des Gartens, sodass wir Hühner halten können und backen unser Brot selber. Dieses Dorf beflügelt meine Vision, sich noch mehr Fähigkeiten anzueignen, um sich selber zu versorgen. Wir wollen weiter weg vom Konsum, weit weg vom Plastik, wollen anders mit der Erde umgehen als bisher. Es steckt in den Kinderschuhen bei uns, und in Kozerevsk ist es nie anders gewesen. „Diese Schuhe auf dem Weg der natürlichen Lebensweise müssten demnach ausgelatscht sein.“ Doch das merkt hier niemand, denn die Schuhe halten ewig, solange man seine Umwelt versteht und zu schätzen weiß.

Wir sind die einzigen Gäste. 10 Menschen von sehr weit her sind gekommen, um einem der drei Ladenbesitzer das Geschäft seines Lebens zu bereiten. Wir kaufen pro Kopf drei Flaschen Wodka, 3 Liter Bier, andere kaufen Zigaretten, Berge von Schokolade und was sonst noch zu finden ist. Der Ladenbesitzer kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. Für uns ist es Vorrat in der Wildnis, für ihn bedeutet es Feierabend – genug verdient. Er sagt: „Bitte, kommt später nochmal wieder.“

Mit diesen Gedanken, Eindrücken und vollgepackt mit unserem Equipment verlassen wir das kleine Dorf in Richtung der Vulkane. Mit unserem Kamaz („Der beste Geländewagen“, sagen alle Russen) durchqueren wir Wälder, reißende Flüsse und kommen letztendlich nach fünf Stunden wackeliger Fahrt auf der Höhe des ersten Vulkankegels des Tolbachik an.

Das Areal ist eine leere Ebene und erinnert sofort an den Mond, auch wenn keiner von uns jemals dort oben war. Nicht umsonst wurde hier für die Raumfahrt geübt. Wir entscheiden uns, eine kleine Tour auf die naheliegenden Vulkankegel von nur 300m Höhe zu laufen und sehen Mineralien in allen Farben. Neugeborene Erde in Blau, Rot, Gelb und Grün offenbart sich direkt vor uns, und wir fühlen uns lebendiger denn je. „Wenn wir den Tolbachik besteigen, können wir ins Herz der Welt sehen…“, denke ich. Langsam schreiten wir voran und überblicken von dem Gipfel des Kraters das weite Feld der Lavaströme aus 1975.Wir können uns das Ausmaß der Zerstörung kaum vorstellen und sind begeistert von der Vielfalt dieser Landschaft. Für einige Zeit bleiben wir einfach stehen und staunen. Mehr bedarf es auch nicht. Auf dem Weg hinunter beginnt es zu regnen, und wir setzen unseren Weg zu Fuß fort in Richtung des einzigen Camps. Unser Truck ist bereits vorausgefahren. Während wir durch die Schönheit der Monotonie wandern, taucht vor uns ein Wald auf. Stille erfüllt nun den Raum, Kälte zieht in unsere Glieder. Die Bäume flammten beim damaligen Ausbruch des Vulkans auf wie Streichhölzer, und so steht das unfruchtbare Gerippe des Waldes noch heute da und wird für lange Zeit nicht zum Leben erweckt. Nicht umsonst wird dieser Wald „Dead Forest“ genannt. Wie in einem Horrorfilm laufen wir durch eine Welt ohne uns, eine Welt nach uns. Wenn jedes Leben erlischt, bleibt nur das hier zurück – „Staub und Knochen.“ Wenn man Ehrfurcht vor dem Leben tanken will, dann hier im toten Wald. Doch so sehr die Atmosphäre erdrückend wirkt, kommen wir nach einer Weile zurück in üppige Vegetation. Unser Camp, das wir bald erreichen, liegt zwar immer noch im toten Wald, aber hier scheinen sich die ersten Sträucher und Büsche heimisch zu fühlen. Losungen von Rentieren und Bären sind gleich nebenan. Das Leben kehrt zurück. In einem gewaltigen Tornado von Mücken bauen wir unsere Zelte auf und schleichen dann ins Küchenzelt zum Abendessen.

„Morgen ist es also soweit“, sage ich zur Reisegruppe. „Wir wollen den Tolbachik erklimmen. 3085m reiner Vulkan. Bis zum Krater hinauf, um in das Herz der Welt zu blicken. Dafür klingelt der Wecker um 4:30 Uhr. Stellt euch auf einen langen Tag ein.“ Noch schnell ein oder zwei Gläser Wodka, dann klettern wir alle in unsere Zelte. Die Nacht ist kurz, die Geräusche ungewohnt, aber dennoch bekommen wir ein paar Stunden Schlaf. Zu Anfang schläft man auf Kamtschatka schlecht, doch man gewöhnt sich daran, und später schläft man wie ein Babybär.

Um 4:30 Uhr werden wir alle unsanft aus dem Schlaf gerissen. Ausgestattet mit Lunchpaket und Wasser geht es los zum Ausgangspunkt. Die Welt Kamtschatkas liegt in dickem Nebel. Wir sehen rein gar nichts. Langsam rollt der Kamaz über die Piste aus vulkanischem Sand. Nach 45 Minuten Fahrt erreichen wir das Ziel. Das Basislager am Tolbachik auf 1400m Höhe. Hier reihen sich Zelte aneinander, denn von hier aus sind viele Bergtouren möglich.

„Wir werden ca. sechs Stunden für den Aufstieg benötigen und ca. drei hinunter!“, so heißt es seitens des russischen Bergführers Alexey. Ich bespreche mich kurz mit ihm, und schnell werden wir uns einig, dass wir Sascha (ein zweiter Bergführer) auch mitnehmen werden, falls jemand nicht mehr weiter laufen kann oder es unterwegs Komplikationen gibt. Ausgestattet mit Satellitentelefon, Bärenspray und heißem Tee wandern wir in die nebelige Suppe hinein. Die Sicht liegt bei Null. Man erzählt sich, dass eine Reise nach Kamtschatka Geduld erfordert. Wenn die Wolken sich lösen, dann offenbart sich die geballte Schönheit des Landes. Doch in dieser trüben Atmosphäre zu wandern, schafft wenig Hoffnung auf Besserung des Wetters. Schroff, schwarz und bizarr erstreckt sich der Lavastrom neben uns. Wir wandern ins Ungewisse hinein und bleiben dicht zusammen, denn bald werden wir das Lavafeld queren müssen. Immer weiter zieht sich der Weg durch braune, rötliche, und gelbe Erdstücke hindurch, über kleine Hügel und Kegel. Immer wieder steigt Dampf aus der Erde auf. Wenn mich nicht alles täuscht, befinden wir uns auf direktem Weg in die Hölle. Jedenfalls stelle ich mir so jegliche Endzeitszenarien vor.
Plötzlich bleibt unser Bergführer stehen und zeigt in Richtung des Himmels. Und dann, langsam, verschwindet der Nebel und legt ihn frei….den Tolbachik! Mit Schneehaube steigt er vor uns empor, wirkt immer größer bei jedem Schritt, und langsam verstehen wir, dass dies kein einfacher und kurzer Marsch wird.

Wir schreiten voran in eine Welt voller Leere, ohne auch nur eine Pflanze entlang des Weges zu entdecken. Das „Nichts“ ist nun unser Zuhause. Immer tiefer schreiten wir in die vom Wind umpeitschte Ebene, hinauf auf die erste Anhöhe.

Es sind gerade mal zwei Stunden vergangen. Bereits nach diesem ersten Teil melden sich drei Teilnehmer ab. Sie wollen nicht mehr weiter. Dieser Weg scheint ihnen zu gewaltig. Sascha muss umkehren. Jetzt hängt alles von unserem Bergführer und mir ab. Wenn noch ein Teilnehmer zurück möchte, müssen wir alle umkehren, denn „Sicherheit geht vor Sightseeing.“ Wir pausieren kurz, dann zieht sich unser Weg weiter der Ebene Zwei entgegen. Wir sprechen kaum, laufen konzentriert, Meter um Meter, Stunde um Stunde. Kein Anzeichen eines Aufstiegs, kein Anzeichen, dass wir dem Tolbachik näher kommen. Doch dafür gibt es nun immer mehr Sonne und immer mehr Hitze. Wir fangen an, unsere Ausrüstung umzufunktionieren, trinken mehr, und mit jeder Etappe wächst der Hunger. Schnell stelle ich fest, dass mein Lunchpaket nicht reichen wird, so auch nicht mein Wasser. Das Problem ist, dass es hier kaum trinkbares Wasser gibt, außer Schnee, den wir schmelzen könnten.

Hier draußen sind wir vollkommen auf uns und unsere Fähigkeiten gestellt. Es gibt keine Hilfe von außerhalb. Wenn es einen Notfall gibt, haben wir einen fast unerreichbaren Weg ins nächste Krankenhaus vor uns. Das Areal um den Tolbachik ist die Krone der Unfruchtbarkeit. Vulkanischer Sand und Staub hüllt uns ein. Uns bleibt nichts anderes übrig als zu laufen und immer wieder eine Pause einzulegen. Uns nützt kein kreativer Gedanke, kein Ideenreichtum, um etwas anderes aus unserer Situation zu entwickeln. Dies hier ist nun unser Schicksal, geprägt von Fatalität in reinster Form.
Nach weiteren Metern, weiteren Stunden sind wir auf Ebene Zwei angekommen. Der Berg rückt näher, der Schnee nimmt wieder zu,Wind kommt auf. Wieder pausieren wir, wieder essen wir. „Von nun an werden sich die Pausen häufen, wir sind nun bei rund 2500m angekommen“, sagt unser Bergführer „Ach“, denke ich, „das wird sicher klappen“. Doch nun nimmt der Wind zu, und die Kälte kriecht mit jedem Schritt durch jede Ritze unserer Kleidung. Das Problem der Tour ist nicht, dass wir keine Erfahrung haben oder der Weg gefährlich ist. Nein. Sondern der Weg zieht sich wie ein Kaugummi fort und erfordert Durchhaltevermögen, ohne den Gedanken an den Rückweg, denn dann kehrt man sofort um. Und sollte man nun doch diese Gedanken im Kopf haben, dann ist die oberste Aufgabe sich zu erinnern, wo man hier gerade ist:

„Am Ende der Welt!
Dort, wo es die meisten aktiven Vulkane gibt!
Und ich habe das Privileg, einen solchen zu erklimmen!
Nicht auf Sizilien, nicht auf Hawaii, nicht auf Island!
Das hier ist fucking Kamtschatka verdammt nochmal!
Es ist egal, wie sehr man schwitzt, friert oder wie weit man läuft!
Diese Reise teilen bisweilen nur wenige Menschen auf der Welt mit uns!
Also, los geht’s!“

Es gibt nur eine Richtung: Aufwärts!

Und so steigen wir weiter. Mit der einen oder anderen Teepause schaffen wir es bis 100m an den Kraterrand heran. Da wollen die nächsten Teilnehmer aufgeben. Er erscheint einfach so unglaublich weit. So unerreichbar. Ich sage zu Alexey, dass wir die Sache vielleicht unterschätzt haben. Während unseres Gespräches donnert plötzlich wie aus dem Nichts Wind mit 70kmh auf uns herab und lässt uns, im Schotter stehend, den Halt verlieren. Wenn daraus ein Sturm auf dem Gipfel entsteht, dann war´s das. Zudem kommen immer mehr Wolken. Was sollen wir tun, wenn das Wetter dreht? Es gibt hier keinen Unterschlupf. Wir sind in absolut ungeschütztem und offenem Gelände.

Ich sage: „ Ich bleibe unterhalb des Kraters zurück mit den anderen.“ Doch Alexey erklärt-, dass es nicht möglich ist. „Wir können die Gruppe nicht trennen, auch keine 100m voneinander“. Da ich immer auf Einheimische höre, denn sie kennen sich am besten aus, rufe ich nochmal zu letzten Reserven auf. „100m! Kommt schon!“

Und tatsächlich, wir schaffen es.

3085m pure vulkanische Macht. Wir liegen uns in den Armen.

Vor uns ist der Krater des Tolbachik, den ich bislang nur aus wenigen Büchern kannte, aus wenigen Berichten von ihm erfahren konnte. Der Blick in den Krater ist mit nichts zu vergleichen. Hier wird Erde geschaffen! Hier ist der Herzschlag, die Geburt der Welt! Das hier ist Fernost! Wir alle machen Fotos, lachen, frieren. Alexey verteilt Tee und Plätzchen an uns. Wir versuchen, so viel von diesen Einblicken aufzusaugen, wie wir nur können. Es ist ein Moment der Einmaligkeit. Ein Erlebnis, von welchem wir noch lange zehren werden. Dieser Moment wird für immer in unseren Erinnerungen wohnen. Rote und schwarze Farben wechseln sich ab und umzingeln uns mit ihrer gewaltigen Schönheit. Ich stecke meine Hand in den warmen Boden und fahre mit den Fingern durch die lebendige Erde. Es fühlt sich gut an, bei allen negativen Nachrichten in der Welt, zu wissen, dass der Planet hier neu entsteht, auch wenn er woanders vielleicht gerade zerstört wird. Dieses Gebiet hier in Kamtschatka ist so groß, dass es mich beruhigt zu wissen, dass die Erde immer weiterleben wird, egal wie sehr wie ihr womöglich schaden.

„Dennis?“ ruft Alexey. „Wir müssen absteigen. Das Wetter nix gut. Zu gefährlich hier oben.“ Einige bekommen Kopfschmerzen von den vulkanischen Dämpfen, andere vielleicht schon von der Höhe oder dem schnellen Aufstieg. (In Kamtschatka ist das Empfinden von Höhe anders als in den Alpen oder dem Himalaya. Das Gefühl der Höhenveränderung ist hier wesentlich schneller und somit kommt hier die Höhenkrankheit viel schneller und auf niedrigerem Terrain vor, als woanders auf der Welt.)
Um den Kopfschmerz zu bekämpfen, hilft nur eins: Tee trinken und absteigen! Somit ist der Erfolg des Aufstiegs zum Krater nach nur wenigen Minuten vorbei.

Es war ein unvergleichlicher Augenblick des Triumphs, und zusammen konnten wir diesen miteinander teilen.

Langsam zieht sich unsere Gruppe den Krater hinunter in Richtung Tal, das nun mit Wolken verhangen ist. Auch der Nebel ist zurück. Der Wind schiebt uns von hinten an. Wir können nichts sehen. Nur Nebel und Schnee, über den wir laufen. Langsam geht es weiter, Schritt für Schritt. Was wir noch nicht ahnen, ist, dass es ein zermürbender Marsch werden wird.

Meter um Meter, Stunde um Stunde geht es hinab, doch wird sind viel langsamer als beim Aufstieg. Immer wieder müssen wir pausieren. Einigen schmerzen die Füsse, andere haben sich vollkommen überschätzt. Sie bleiben immer wieder stehen, lassen die Köpfe hängen, setzen sich hin. Das Ende der Wanderung ist nicht abzuschätzen. Wir sind gefangen im Reich des riesigen Vulkans. Nach nur wenigen Metern unterhalb des Kraters beginnt der Verlust unserer Kräfte. Die Kondition schwindet dahin. Der Wind saugt unsere Energie auf, der Mangel an Flüssigkeit lähmt unsere Glieder. Das Einzige was wir tun können, ist laufen. Gut, ich muss sagen, ich bin es gewohnt bis ans Äußerste zu gehen. Lange Zeit hielt ich mich in Grönland und Alaska auf, kenne Kälte, Stürme und verzweifelte Situationen. Bereits zwei Mal steckte ich im Eisstrom Grönlands fest und war beide Male bereit, zu Fuß Hilfe holen, während andere im Notfallcamp blieben. Ich kann quasi im Laufen sterben, wenn es sei muss; daher fühle ich die Anstrengung weniger. Ich bin oft monatelang in der Wildnis und kenne nichts anderes als Laufen und Schleppen, deswegen ist es ein anderes Gefühl, doch ich kann die Teilnehmer verstehen. Sie sind hergekommen, um die Reise genießen zu können und nicht, um sich vor Erschöpfung ausfliegen zu lassen. Ich fange an, meine letzten Snacks zu verteilen. Unser Bergführer gibt seine Wasserreserven an andere weiter. „Wir werden schon wieder zum Camp kommen, es ist einfach ein langer Weg, denke ich.“ Unsere Gesichter sind rot und verbrannt von der Sonne, die Haut trocken von dem Wassermangel, unsere Zungen trocken, doch wir müssen weiter absteigen. Mit jedem Meter sind wir näher am Ziel. Wie durch eine endlose Wüste aus Eis und Staub zieht sich unsere Menschenschlange, die letzten Fünf der Gruppe. Keiner spricht mehr für Stunden, niemand hat etwas zu sagen. Wenn man so durch die Einöde läuft, kann man auch schnell Abneigungen gegen eine Landschaft entwickeln. Man fragt sich: „Warum tue ich mir das an? Warum muss ich mich immer wieder in solche Gebiete begeben?“ Das Komische ist, dass man sich solche Fragen zu Beginn der Reise nicht stellt. Es heißt ja auch: Die besten Reisen beantworten Fragen, die man sich zu Beginn der Reise gar nicht gestellt hat. Es ist eher die Herausforderung der Landschaft, welche uns zeigt: „Wir Menschen sind so klein und die Natur ist so mächtig.“ Die Braunbären müssen das gleiche denken, wenn sie hier von Tal zu Tal wandern. Ich kann mir vorstellen, dass auch die genervt sind und fluchen werden.

Ehe wir uns versehen, taucht vor uns ein frisches Häufchen Bärenkot auf. Alexey ruft zur Wachsamkeit auf, doch inzwischen laufen wir alle in solcher Trance, dass wir jegliche Begegnung mit den mächtigen Tieren wahrscheinlich nicht mal realisieren würden. „In solchen Höhen laufen Bären umher?“, frage ich. „Ja, ist Bergsteigerbär!“, antwortet Alexey. „Sie wandern von Vegetation zu Vegetation, dazwischen liegt das Reich des Tolbachik. Also müssen sie hier entlang.“

Danach dreht er sich wieder um, und weiter wandern wir durch unsere gewohnte Wüstenstille. Während wir so durch den geräuschfreien Raum schreiten, vermisse ich langsam den Moment, einer anderen Gruppe Menschen, Touristen und einem Ranger zu begegnen. Für Stunden nun sehen wir nichts als roten Sand, Eis und Felsen und zwischendurch mal ein wenig in die Ferne. Sind wir schon auf dem Mars angekommen? Die bizarren Felsformationen beginnen, mir etwas vorzugaukeln. Immer wieder sehe ich eine Gestalt in den Umrandungen der Felsen, frage mich ständig, ob sich etwas bewegt hat oder ob dort jemand ist. „Konzentriere dich, Dennis!“, rufe ich mir ins Gedächtnis. Ich muss an vergangene Reisen denken. Wie oft war ich nun schon weit draußen? Wie oft in der Natur und wie oft schon in ihr gefangen? Welche Wege ich schon beschreiten musste, um das hier machen zu können. Mir kommt es so vor, als sei jede Reise nur ein Training gewesen für das, was ich hier gerade erlebe.

Wie weit ich schon durch die schottischen Highlands, durch das isländische Hochland oder den Himalaya gelaufen bin! Ich bin kein Bergsteiger, ich bin Wanderer. Wie weit mich der Beruf als Reiseleiter schon getragen hat! In das Eis der Arktis, in die Wüste Arabiens, in die Karpaten Osteuropas, bis zum Annapurna in Nepal, und jedes Mal bringe ich eine neue Erkenntnis mit nach Hause und teile immer wieder die gleiche Ansicht. Ja, die Wege sind weit! Ja, es ist irgendwann anstrengend aber dennoch – es ist mein Leben, und ich liebe es! Genau hier, genau jetzt, genau so!

Während ich so hinter der Gruppe hertrotte, an kaltes Bier denke und mir vorstelle wie wohltuend jetzt ein Swimmingpool wäre, höre ich plötzlich aus der Ferne ein „Konnichiwa!“ In Gedanken versunken blicke ich auf und sehe eine Gruppe Japaner, wie sie auf uns zukommt und in die Landschaft hineinläuft. Es ist, als würde die Wüste zum Leben erweckt, und erst jetzt realisieren wir, dass unser Kamaz in Sicht ist. Ich blicke auf die Uhr und finde heraus, dass es nun knapp 14 Stunden waren, die wir gelaufen sind.

Als wir am Kamaz ankommen, freuen sich die anderen Mitreisenden über unseren Erfolg. Wir liegen uns in den Armen. Das war ein langer Ritt!

Im Camp angekommen, verziehen sich manche direkt ins Bett; andere sitzen zusammen und trinken ein Bier auf unseren Erfolg. Es war ein langer Tag und wir alle sind müde; aber dennoch war es ein unvergessliches Erlebnis. Während wir uns über den Aufstieg unterhalten, denke ich nochmals an den Abstieg. Als wir durch die Endlosigkeit liefen, konnte man in der Ferne zwischendurch die Richtung nach Kozerevsk erkennen. Ich bin mir sicher, dass die Leute dort gerade froh sind, ihre Kartoffeln zu ernten und den Fisch zu räuchern Sie freuen sich des Lebens, und so freuen wir uns auch.

 

Dennis Hartke

Reiseleitung ist sein Leben. Doch ihn unterwegs zu besuchen ist schwierig. Die meisten Tage im Jahr zeltet er am Rande des grönländischen Eises oder streitet mit Bären in Kamtschatka um Lachse oder fährt Reisende mit einem Bus durch Alaska oder läuft auf Schneeschuhen durch Spitzbergen. Und wenn er Zeit hat, dann schreibt er das Erlebte auf: http://dennishartke.blogspot.com.

  1. Sehr fesselnd und spannend geschrieben :)

    Kamtschatka steht auch noch weit oben auf meiner Liste, mal sehen wann sich das realisieren lässt. Die Natur und diese Abgeschiedenheit muss einfach traumhaft sein! Dein Bericht hat meine Vorfreude noch einmal gesteigert ;)

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