Fukushima heute: Besuch im Atomkraftwerk und der Sperrzone

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2011 gin­gen die Bil­der der explo­die­ren­den Reak­tor­ge­bäu­de von Fuku­shi­ma um die Welt. Nach einem schwe­ren Erd­be­ben und dem fol­gen­den Tsu­na­mi fie­len im Atom­kraft­werk Fuku­shi­ma Dai­i­chi zen­tra­le Sicher­heits­sys­te­me aus. Es kam zur schwers­ten Nukle­ar­ka­ta­stro­phe seit Tscher­no­byl 1986.

Mehr als 150.000 Men­schen muss­ten ihre Hei­mat ver­las­sen. Man­che kön­nen bis heu­te wegen der Strah­len­be­las­tung nicht zurück­keh­ren. Andern­orts haben die seit 15 Jah­ren andau­ern­den Auf­räum­ar­bei­ten Wir­kung gezeigt und das Leben ist lang­sam zurück­ge­kehrt – doch es wer­den noch Jahr­zehn­te ver­ge­hen, bis die Arbei­ten abge­schlos­sen sind.

Ich habe auf einer beglei­te­ten Tour zum Atom­kraft­werk Fuku­shi­ma Dai­i­chi und durch die ver­sehr­ten Gebie­te das Erbe der Kata­stro­phe und die Bemü­hun­gen des Wie­der­auf­baus mit eige­nen Augen gese­hen – und du kannst das auf dei­ner Japan­rei­se auch.

Die Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011

Wenn du das Wort Fuku­shi­ma hörst, wor­an denkst du zuerst? Vor 2011 hät­ten die meis­ten Deut­schen auf die­se Fra­ge sicher etwas geant­wor­tet wie „Was soll das sein?“, wäh­rend vie­le Japa­ner die gleich­na­mi­ge Prä­fek­tur nörd­lich von Tokio erwähnt hät­ten, die für die Samu­rai­stadt Aizu-Wakamatsu und den hoch­wer­ti­gen Fisch bekannt ist, der vor ihrer Küs­te gefan­gen wird.

Doch dann kam der 11. März 2011 und die Ant­wort auf die­se Fra­ge ver­än­der­te sich welt­weit – und für Gene­ra­tio­nen. An die­sem Frei­tag geschah im Atom­kraft­werk Fuku­shi­ma Dai­i­chi die schwers­te nuklea­re Kata­stro­phe seit Tscher­no­byl 1986. Das Kraft­werk, das direkt an der Pazi­fik­küs­te errich­tet wur­de, wur­de zunächst von einem schwe­ren See­be­ben erschüt­tert und dann vom Tsu­na­mi getrof­fen, den das Beben erzeug­te.

Erdbeben, Tsunami und der Ausfall der Kühlsysteme

Durch die­sen Dop­pel­schlag ver­sag­te die Strom­ver­sor­gung: Wäh­rend das Beben zunächst die exter­ne Strom­ver­sor­gung kapp­te, setz­te der Tsu­na­mi einen Groß­teil der Not­strom­ver­sor­gung außer Betrieb. Dadurch konn­ten die Reak­to­ren nicht mehr aus­rei­chend gekühlt wer­den.

In den fol­gen­den Tagen kam es in den Reak­to­ren 1 bis 3 zu Kern­schmel­zen. Was­ser­stoff­ex­plo­sio­nen zer­stör­ten Tei­le der Reak­tor­ge­bäu­de 1, 3 und 4.

Japan und die gan­ze Welt konn­ten in den ers­ten Tagen der Kata­stro­phe nur hilf­los zuse­hen. Durch das Beben und den Tsu­na­mi war das Atom­kraft­werk Fuku­shi­ma Dai­i­chi weit­ge­hend von der Außen­welt abge­schnit­ten. Die Mit­ar­bei­ter und Ret­tungs­kräf­te vor Ort waren zunächst auf sich gestellt und ver­such­ten, noch Schlim­me­res zu ver­hin­dern. Erst ab dem 16. März gelang­ten zuneh­mend Hel­fer von außen zum Kraft­werk, um die Situa­ti­on zu sta­bi­li­sie­ren.

Glück im Unglück: Warum Fukushima noch schlimmer hätte enden können

Die Reak­to­ren wur­den nun auf jede ver­füg­ba­re Wei­se gekühlt. Es wur­de sogar per Hub­schrau­ber Was­ser über den betrof­fe­nen Anla­gen abge­wor­fen. Nach und nach konn­te die Strom­ver­sor­gung wie­der­her­ge­stellt wer­den. Doch es dau­er­te bis Dezem­ber 2011, bis die japa­ni­sche Regie­rung offi­zi­ell bekannt­gab, dass die Reak­to­ren einen sta­bi­len Zustand erreicht hat­ten.

So gra­vie­rend die Fol­gen der Fuku­shi­ma-Kata­stro­phe waren – sie hät­te noch schlim­mer enden kön­nen.

Auch der Wind spiel­te dabei eine wich­ti­ge Rol­le. In der kri­ti­schen Pha­se muss­te aus den beschä­dig­ten Reak­to­ren mehr­mals Druck abge­las­sen wer­den, wodurch radio­ak­ti­ve Stof­fe frei­ge­setzt wur­den. Ein gro­ßer Teil davon wur­de vom Wind über den Pazi­fik getra­gen. Zeit­wei­se weh­te der Wind jedoch auch ins Lan­des­in­ne­re – und genau dort ent­stan­den eini­ge der beson­ders stark kon­ta­mi­nier­ten Gebie­te, die spä­ter eva­ku­iert wur­den.

Die Kata­stro­phe ist im Umland des Atom­kraft­werks auch heu­te noch gegen­wär­tig – nicht nur auf die­ser Uhr, die zum Zeit­punkt des ers­ten See­be­bens ste­hen blieb

Fukushima heute: Zwischen Sperrzone und Wiederaufbau

Obwohl das Unglück von Fuku­shi­ma inzwi­schen 15 Jah­re her ist, ist es auch heu­te in der Regi­on rund um das Atom­kraft­werk Fuku­shi­ma Dai­i­chi all­ge­gen­wär­tig. Eini­ge Gebie­te in der Nähe des Kraft­werks sind wei­ter­hin so stark kon­ta­mi­niert, dass eine Rück­kehr dort nicht mög­lich ist.

Und auch am Ort der Kata­stro­phe ist vie­les noch sicht­bar: Die Reak­to­ren 1 bis 4 des Kern­kraft­werks Fuku­shi­ma, die von den Kern­schmel­zen und Explo­sio­nen betrof­fen waren, ste­hen wei­ter­hin an Ort und Stel­le. Seit dem Unfall wur­den umfang­rei­che Sicherungs‑, Ber­gungs- und Rück­bau­ar­bei­ten begon­nen.

Der Rückbau von Fukushima Daiichi wird noch Jahrzehnte dauern

Die radio­ak­ti­ven Hin­ter­las­sen­schaf­ten befin­den sich wei­ter­hin in den beschä­dig­ten Anla­gen. In bestimm­ten Berei­chen ist die Strah­lung so hoch, dass Men­schen dort nicht arbei­ten kön­nen.

Des­halb müs­sen für vie­le Auf­ga­ben spe­zia­li­sier­te Robo­ter ein­ge­setzt wer­den. Eini­ge davon wur­den eigens dafür ent­wi­ckelt, das Inne­re der zer­stör­ten Reak­to­ren zu unter­su­chen und lang­fris­tig radio­ak­ti­ves Mate­ri­al zu ber­gen.

Die Ber­gungs- und Rück­bau­ar­bei­ten rund um das Atom­kraft­werk Fuku­shi­ma Dai­i­chi wer­den noch Jahr­zehn­te dau­ern. Gleich­zei­tig kehrt in weni­ger belas­te­te und wie­der frei­ge­ge­be­ne Gebie­te rund um das Kraft­werk das Leben zurück – und mit ihm eini­ge der Men­schen, die vor 15 Jah­ren eva­ku­iert wur­den.

Wie das Leben rund um Fukushima zurückkehrt

Die Rück­keh­rer wün­schen sich, dass die Fra­ge nach Fuku­shi­ma eines Tages wie­der ande­re Asso­zia­tio­nen her­vor­ruft als die nuklea­re Kata­stro­phe – dass sich Men­schen wie­der zuerst an das his­to­ri­sche Erbe, die Mee­res­früch­te und den Sake erin­nern, für wel­che die Prä­fek­tur einst bekannt war.

Kei­ner macht sich Illu­sio­nen: Bis dahin ist es ein wei­ter Weg. Doch eini­ge Ein­woh­ner die­ser Regi­on wol­len Besu­chern zei­gen, wel­che Schrit­te sie seit der Kata­stro­phe bereits gegan­gen sind.

Aus die­sem Grund wur­den Tou­ren durch die betrof­fe­ne Regi­on ins Leben geru­fen. Sie füh­ren Besu­cher zum Atom­kraft­werk, durch Gebie­te rund um die Sperr­zo­ne und in Orte, in die das Leben bereits zurück­ge­kehrt ist.

Ich habe an einer sol­chen Tour teil­ge­nom­men.

Tour durch Fukushima: Besuch im Atomkraftwerk und der Sperrzone

Der Beginn: Anreise nach Tomioka

08:00 Uhr, Tomio­ka, Prä­fek­tur Fuku­shi­ma

Frei­tag­mor­gen, der 27. Febru­ar 2026. Wir ver­las­sen das Tomio­ka Hotel in der gleich­na­mi­gen Klein­stadt am Ran­de des Kata­stro­phen­ge­biets. Ich bin ges­tern zusam­men mit einem Freund von Tokio mit dem Zug hier­her gereist, um an der Tour teil­zu­neh­men. Die Fahrt aus Tokio dau­er­te nur drei Stun­den – das Atom­kraft­werk liegt nicht all­zu weit von Japans größ­tem Bal­lungs­raum ent­fernt.

Hin­ter uns lie­gen Wochen der Pla­nung. Wir haben die Tour mit dem Anbie­ter Real Fuku­shi­ma gebucht. Sie wird gelei­tet von Karin und Shu­zo, zwei Ein­hei­mi­schen, die nach der Nukle­ar­ka­ta­stro­phe in ihre Hei­mat zurück­kehr­ten, um Besu­chern die Fol­gen des Unglücks und den Wie­der­auf­bau der Regi­on zu zei­gen.

Die Tour fin­det ein­mal pro Monat statt und die Anmel­dung ist zwei Mona­te im Vor­aus mög­lich. Zwi­schen der Anmel­dung und dem Tag der Tour hat­ten wir viel Kor­re­spon­denz mit Karin – vor allem, um die Sicher­heits­frei­ga­be für den Besuch im Atom­kraft­werk zu bekom­men. Der Betrei­ber TEPCO for­dert von jedem Teil­neh­mer detail­lier­te per­sön­li­che Anga­ben, die wir ihm über das Team von Real Fuku­shi­ma zukom­men lie­ßen.

Außer­dem ver­sorg­te das Real-Fuku­shi­ma-Team uns mit sämt­li­chen Infor­ma­tio­nen, die wir brauch­ten, damit wir heu­te recht­zei­tig hier ste­hen kön­nen. Anrei­se­tipps, Hotel­emp­feh­lun­gen, Zeit­plan – wir wur­den gut vor­be­rei­tet. Und das für 10.000 Yen (gut 50 Euro) pro Per­son.

Und so machen wir uns an die­sem bewölk­ten Febru­ar­mor­gen auf den Weg vom Hotel zum Decom­mis­sio­ning Archi­ve Cen­ter von TEPCO, wo unse­re Tour beginnt. Von unse­rem Hotel sind es nur zehn Minu­ten zu Fuß und zu die­ser Uhr­zeit sind wir die ein­zi­gen Men­schen auf den Stra­ßen.

Real Fuku­shi­ma – Fuku­shi­ma Dai­i­chi Nuclear Power Plant Tour

Brie­fing-Raum im TEPCO Decom­mis­sio­ning Archi­ve Cen­ter

Das Briefing für die Fukushima-Daiichi-Tour

09:00 Uhr, TEPCO Decom­mis­sio­ning Archi­ve Cen­ter

Wir sind recht­zei­tig im Zen­trum ange­kom­men und die ande­ren Teil­neh­mer unse­rer Tour tru­deln nach und nach ein. Zum Start machen unse­re Gui­des eine kur­ze Vor­stel­lungs­run­de. Dabei bemer­ken wir zwei Din­ge: Die Teil­neh­mer sind aus der gan­zen Welt, von Chi­le bis Chi­na. Und vie­le haben einen wis­sen­schaft­li­chen Hin­ter­grund. In unse­rer zwölf­köp­fi­gen Grup­pe sind gan­ze zwei Dok­to­ren der Nukle­ar­phy­sik plus zahl­rei­che wei­te­re Natur­wis­sen­schaft­ler.

Mein Freund und ich hin­ge­gen sind ein­fach dar­an inter­es­siert, den Ort der Kata­stro­phe mit eige­nen Augen zu sehen und mehr dar­über zu erfah­ren, was seit­dem in der Regi­on pas­siert ist. Wir sind ein biss­chen besorgt, dass die Tour zu wis­sen­schaft­lich für uns sein könn­te.

Die­se Sor­ge ver­schwin­det aber schnell, als wir die ers­ten Infor­ma­tio­nen vom TEP­CO-Team vor Ort erhal­ten. Unse­re Tour­gui­des von Real Fuku­shi­ma über­set­zen sie für uns ins Eng­li­sche. Es geht dar­um, was wir uns heu­te genau anse­hen wer­den, und wir erhal­ten Infor­ma­tio­nen über die radio­ak­ti­ve Strah­lung, der wir aus­ge­setzt sein wer­den.

Wäh­rend der Tour wer­den wir laut Brie­fing vor­aus­sicht­lich einer zusätz­li­chen Strah­len­do­sis von etwa 7 Mikro­sie­vert aus­ge­setzt sein. Außer­dem wur­den wir im Vor­feld dazu ein­ge­la­den, eige­ne Gei­ger­zäh­ler mit­zu­brin­gen, falls wir die Strah­lungs­wer­te selbst über­prü­fen möch­ten.

Nach dem Brie­fing geht es raus auf den Park­platz, wo ein TEP­CO-Bus war­tet, der uns zum Atom­kraft­werk Fuku­shi­ma Dai­i­chi brin­gen wird. Spä­tes­tens als wir unse­re Besu­cher-Bad­ges in die Hand gedrückt bekom­men und in den Bus stei­gen, fühlt sich das Kraft­werk auf ein­mal ganz nah an.

Die Vorbereitung auf den Besuch im Atomkraftwerk Fukushima

10:30 Uhr, Atom­kraft­werk Fuku­shi­ma Dai­i­chi

Wir sit­zen in einem Mee­ting­raum auf dem Gelän­de des Kraft­werks. Unser Tour­lei­ter von TEPCO, der die Besich­ti­gung des Kraft­werks füh­ren wird, prä­sen­tiert uns die Inhal­te der Arbeits­map­pe, die jeder Teil­neh­mer erhal­ten hat. Sie besteht aus meh­re­ren Sei­ten, auf denen vie­le ziem­lich tech­ni­sche Details über den Her­gang der Kata­stro­phe und die ver­blei­ben­de Strah­lung zu lesen sind.

Schon der Weg ins Kraft­werk war ein­drucks­voll und ein biss­chen beklem­mend. Wäh­rend der Bus­fahrt pas­sier­ten wir Land­stri­che, in denen immer noch Auf­räum­ar­bei­ten statt­fan­den, und abge­rie­gel­te Area­le, auf denen kon­ta­mi­nier­tes Mate­ri­al gela­gert wur­de. Über den Land­stra­ßen hän­gen in regel­mä­ßi­gen Abstän­den gro­ße Dis­plays, die Auto­fah­rern die aktu­el­le Strah­len­be­las­tung anzei­gen.

Bei der Ankunft im Kraft­werk stopp­te der Bus vor einem gro­ßen Büro­kom­plex auf dem Gelän­de. Im Inne­ren des Gebäu­des muss­ten wir zuerst unse­re Schu­he aus­zie­hen, alle unse­re Wert­sa­chen abge­ben und Sicher­heits­kon­trol­len pas­sie­ren, bevor wir unse­re Besu­cher­aus­rüs­tung beka­men. Die bestand aus einer leich­ten Schutz­wes­te mit Strah­lungs­mes­ser und Badge.

Foto­gra­fie­ren und Fil­men ist auf dem Gelän­de strengs­tens ver­bo­ten. Unse­re Tour bekommt einen Beglei­ter von TEPCO, der eini­ge Fotos von uns schie­ßen wird, die wir im Nach­gang zuge­sen­det bekom­men.

Nun erhal­ten wir im Mee­ting­raum die letz­ten Infor­ma­tio­nen, bevor wir das Gebäu­de ver­las­sen und zurück in den Bus stei­gen. Unser nächs­tes Ziel sind die Reak­to­ren 1 bis 4.

Die zerstörten Reaktoren 1 bis 4 von Fukushima Daiichi

11:30 Uhr, in der Nähe der Reak­to­ren 1–4

Es ist ein beson­de­res Gefühl, an einem Ort zu ste­hen, des­sen Bil­der sich ins kol­lek­ti­ve Gedächt­nis ein­ge­brannt haben. Ein Gefühl der his­to­ri­schen Bedeut­sam­keit – und der Tra­gik. So geht es zumin­dest mir, als unse­re Tour­grup­pe die Aus­sichts­platt­form erreicht, die ober­halb der Reak­to­ren 1 bis 4 liegt.

Hier liegt das Zen­trum der Kata­stro­phe. Aus den beschä­dig­ten Anla­gen trat radio­ak­ti­ves Mate­ri­al aus. Und wir ste­hen nur knapp 100 Meter ent­fernt.

Kei­ner der vier Reak­tor­blö­cke sieht heu­te noch so aus wie vor der Kata­stro­phe. Einst hat­ten die Gebäu­de eine ähn­li­che qua­dra­ti­sche Form. Nach dem Unglück wur­den unter­schied­li­che Siche­rungs- und Rück­bau­maß­nah­men vor­ge­nom­men, die ihr Erschei­nungs­bild ver­än­dert haben.

Die Strah­lung in Tei­len der Anla­gen ist wei­ter­hin extrem hoch, da sich noch gro­ße Men­gen radio­ak­ti­ven Mate­ri­als in den beschä­dig­ten Reak­to­ren befin­den. Vom Aus­sichts­punkt kön­nen wir Arbei­ter in Schutz­aus­rüs­tung sehen, die an den Anla­gen beschäf­tigt sind.

Uns wird erzählt, dass die Auf­ent­halts­dau­er der Arbei­ter in stär­ker belas­te­ten Berei­chen genau begrenzt wird, um ihre Strah­len­do­sis zu kon­trol­lie­ren. Auch bei unse­rer Grup­pe wird das Strah­lungs­le­vel genau über­wacht. Nach etwa zehn Minu­ten müs­sen wir die Aus­sichts­platt­form wie­der ver­las­sen und in den Bus stei­gen.

Reak­tor 5 von Fuku­shi­ma Dai­i­chi

Die Reaktoren 5 und 6 von Fukushima Daiichi

11:50 Uhr, vor den Reak­to­ren 5 und 6

Nach einer kur­zen Fahrt über das Kraft­werks­ge­län­de, vor­bei an Büro­ge­bäu­den und Lager­plät­zen, errei­chen wir die Reak­to­ren 5 und 6. Die­se ste­hen nörd­lich der Reak­to­ren 1 bis 4 und waren zum Zeit­punkt des Erd­be­bens wegen War­tungs­ar­bei­ten außer Betrieb.

Anders als in den Reak­to­ren 1 bis 4 konn­te hier nach dem Tsu­na­mi eine Strom­ver­sor­gung auf­recht­erhal­ten bezie­hungs­wei­se wie­der­her­ge­stellt wer­den. Dadurch gelang es, die Anla­gen zu küh­len und eine wei­te­re Eska­la­ti­on zu ver­hin­dern.

Heu­te sind bei­de Reak­to­ren still­ge­legt.

Eine Stra­ße in der Red Zone – die Häu­ser links und rechts sind seit 2011 ver­las­sen

Durch die Sperrzone von Fukushima

13:30 Uhr, in der Red Zone

Unser Rei­se­bus rum­pelt über eine ver­las­se­ne Stra­ße. Links und rechts ste­hen über­wu­cher­te Häu­ser, in denen schon seit 15 Jah­ren nie­mand mehr wohnt. Wir befin­den uns in einem der Gebie­te nahe Fuku­shi­ma Dai­i­chi, das beim Unglück beson­ders stark kon­ta­mi­niert wur­de.

Der Wind in den Tagen der Kata­stro­phe spiel­te hier­bei eine zen­tra­le Rol­le. Wäh­rend er einen gro­ßen Teil der frei­ge­setz­ten radio­ak­ti­ven Stof­fe aufs Meer hin­aus­trug, weh­te er zeit­wei­se auch in die Gegen­rich­tung. Dadurch wur­den Gebie­te nord­west­lich des Kraft­werks beson­ders stark belas­tet.

Bis heu­te gibt es Gebie­te, in die nie­mand dau­er­haft zurück­keh­ren darf. Hier lie­gen Wäl­der, Ber­ge und klei­ne Sied­lun­gen, die bis­her nicht oder nur teil­wei­se dekon­ta­mi­niert wur­den. Ande­re Berei­che – dar­un­ter Orte mit wich­ti­ger Infra­struk­tur wie Bahn­hö­fen und Schu­len – wur­den dekon­ta­mi­niert und wie­der zugäng­lich gemacht, um eine Rück­kehr zu ermög­li­chen.

Doch die Rück­kehr geht nur lang­sam vor­an. Vie­le Eva­ku­ier­te haben sich in den Jah­ren seit der Kata­stro­phe an ihren neu­en Wohn­or­ten neue Exis­ten­zen auf­ge­baut und wol­len nicht mehr zurück­keh­ren. Ande­re sind wei­ter­hin wegen der Strah­lung besorgt.

An die­sem Tag im Febru­ar 2026 wirkt die Regi­on um das Kraft­werk auf mich noch immer wie eine Land­schaft aus klei­nen Inseln der Zivi­li­sa­ti­on zwi­schen ver­las­se­nen Gebie­ten, in denen hei­mat­ver­bun­de­ne Rück­keh­rer wie Karin und Shu­zo den Wie­der­auf­bau Schritt für Schritt vor­an­trei­ben.

Ein Poké­mon-the­med Spiel­platz an der Michin­oe­ki Namie-Rast­stät­te

Namie: Wie das Leben nach Fukushima zurückkehrt

14:00 Uhr, Michin­oe­ki Namie

Ich sit­ze in einer Rast­stät­te an der Land­stra­ße und esse Yak­iso­ba. Das ist der Mit­tags­stopp unse­rer Tour. Die Rast­stät­te liegt am Ran­de von Namie, einer Klein­stadt in einem der stark von der Kata­stro­phe betrof­fe­nen Gebie­te.

Namie ist einer der Orte, der in den Tagen der Kata­stro­phe Pech mit dem Wind hat­te. Auf­grund der hohen Strah­len­be­las­tung wur­den die Ein­woh­ner eva­ku­iert.

Sechs Jah­re spä­ter, im März 2017, wur­de der Eva­ku­ie­rungs­be­fehl für Tei­le von Namie auf­ge­ho­ben und die Men­schen durf­ten dort­hin zurück­keh­ren. Doch nur ein Teil der ehe­ma­li­gen Bevöl­ke­rung kam zurück.

Gleich­zei­tig sieht man: Die Men­schen geben sich Mühe, ihrer Hei­mat eine neue Zukunft zu schen­ken und das Bes­te aus den Umstän­den zu machen, wel­che die Nukle­ar­ka­ta­stro­phe hin­ter­las­sen hat.

Die Rast­stät­te ist ein Bei­spiel dafür. Das Gebäu­de wur­de neu gebaut, loka­le Pro­duk­te wer­den ver­kauft und die Regi­on ver­sucht, wie­der Besu­cher anzu­zie­hen.

Auch im Rest der Klein­stadt sind ähn­li­che Ent­wick­lun­gen sicht­bar: neue Cafés, reno­vier­te Häu­ser – das Leben kehrt zurück. Doch bevor die Tour endet, stei­gen wir erneut in den Bus und fah­ren an einen Ort, der bis heu­te ein Sym­bol der Kata­stro­phe geblie­ben ist.

Blick aufs Meer aus den Res­ten der Uke­do Ele­men­ta­ry School
Der Tsu­na­mi riss im Erd­ge­schoss der Grund­schu­le auch die Wän­de her­aus
Der Ein­gangs­be­reich der ehe­ma­li­gen Grund­schu­le

Ukedo Elementary School: Zeugin des Tsunamis

15:00 Uhr, vor der Uke­do Ele­men­ta­ry School in Namie

Der letz­te Stopp unse­rer Tour ist heu­te ein beson­de­rer. Eigent­lich stoppt die Real-Fuku­shi­ma-Tour noch am Gre­at East Japan Ear­th­qua­ke and Nuclear Dis­as­ter Memo­ri­al Muse­um in der nahe­ge­le­ge­nen Klein­stadt Futa­ba, doch das Muse­um war am Tag unse­rer Tour wegen Arbei­ten geschlos­sen.

Des­halb fah­ren wir mit dem Bus an die Küs­te von Namie, an der ein neu gebau­ter Tsu­na­mi-Schutz­wall die Klein­stadt künf­tig vor Flut­wel­len schüt­zen soll.

Unser Ziel liegt ein Stück hin­ter dem Schutz­wall. Es han­delt sich um die Uke­do Ele­men­ta­ry School – eine Grund­schu­le, die zu einer Art Zeit­zeu­gin der Kata­stro­phe von 2011 wur­de.

Nach­dem das Erd­be­ben vom 11. März nach­ließ, eva­ku­ier­ten die Lehr­kräf­te umge­hend die gan­ze Schu­le, da sie einen fol­gen­den Tsu­na­mi befürch­te­ten. Und sie hat­ten recht: Die anschlie­ßen­de Flut­wel­le zer­stör­te das Erd­ge­schoss des Schul­ge­bäu­des.

Doch die Schü­le­rin­nen, Schü­ler und Lehr­kräf­te hat­ten sich zu die­sem Zeit­punkt bereits in Sicher­heit gebracht. Das Schul­ge­bäu­de blieb trotz der Was­ser­mas­sen ste­hen – im Gegen­satz zu vie­len ande­ren Gebäu­den in Namie, die zer­stört wur­den.

Zehn Jah­re nach dem Erd­be­ben eröff­ne­te die Uke­do Ele­men­ta­ry School als Gedenk­stät­te, die an die Kata­stro­phe erin­nern soll. Das vom Was­ser zer­stör­te Erd­ge­schoss wur­de weit­ge­hend in sei­nem dama­li­gen Zustand belas­sen. Ver­bo­ge­ne Metall­stre­ben, auf­ge­ris­se­ne Wän­de und zer­stör­te Räu­me zei­gen die Kraft des Tsu­na­mis unmit­tel­ba­rer, als es eine Aus­stel­lung könn­te.

Lohnt sich eine Tour nach Fukushima Daiichi?

16:30 Uhr, Futa­ba Sta­ti­on

Wir ste­hen am JR-Bahn­hof in der Klein­stadt Futa­ba und war­ten auf unse­ren Zug zurück nach Tokio.

Hin­ter uns liegt ein Tag, der noch lan­ge in Erin­ne­rung blei­ben wird. Ich glau­be nicht, dass wir die Geschich­te der Kata­stro­phe von Fuku­shi­ma auf irgend­ei­ne Wei­se unmit­tel­ba­rer hät­ten erle­ben kön­nen als durch die­se Tour.

Die zer­stör­ten Reak­to­ren aus knapp 100 Metern Ent­fer­nung zu sehen, durch ver­las­se­ne Orte zu fah­ren und gleich­zei­tig Men­schen ken­nen­zu­ler­nen, die ver­su­chen, ihrer Hei­mat eine Zukunft zu geben, ver­än­dert den Blick auf Fuku­shi­ma.

Wer sich für die Nukle­ar­ka­ta­stro­phe von Fuku­shi­ma inter­es­siert und aus ers­ter Hand erfah­ren möch­te, was seit­dem in der Regi­on pas­siert ist, kann auf einer sol­chen Tour einen Ort ken­nen­ler­nen, den man sonst fast aus­schließ­lich von Bil­dern aus den Nach­rich­ten kennt.

Fukushima-Tour planen: Anbieter, Kosten und Anmeldung

Wir haben unse­re Tour bei Real Fuku­shi­ma gebucht. Zum Zeit­punkt unse­rer Rei­se im Febru­ar 2026 kos­te­te die Teil­nah­me 10.000 Yen pro Per­son.

Für den Besuch des Kraft­werks Fuku­shi­ma Dai­i­chi war eine vor­he­ri­ge Anmel­dung erfor­der­lich. Dabei muss­ten wir per­sön­li­che Daten für die Sicher­heits­frei­ga­be durch den Betrei­ber TEPCO über­mit­teln. Das lief über Real Fuku­shi­ma.

Die Tou­ren fin­den nur zu bestimm­ten Ter­mi­nen statt. Wer Fuku­shi­ma Dai­i­chi besu­chen möch­te, soll­te des­halb früh­zei­tig pla­nen und die aktu­el­len Ter­mi­ne, Vor­aus­set­zun­gen und Prei­se direkt beim Anbie­ter prü­fen.

Von Tokio reis­ten wir mit dem Zug nach Tomio­ka. Die Fahrt dau­er­te unge­fähr drei Stun­den. Wir über­nach­te­ten dort und star­te­ten am nächs­ten Mor­gen mit der Tour.

Infor­ma­tio­nen zur Fuku­shi­ma-Dai­i­chi-Tour bei Real Fuku­shi­ma

Vorbereitung auf Fukushima: „The Days“

Unse­re Tour­gui­des haben uns emp­foh­len, vor der Rei­se die japa­ni­sche Net­flix-Serie „The Days“ anzu­se­hen. Sie erzählt von den Ereig­nis­sen im Atom­kraft­werk Fuku­shi­ma Dai­i­chi in den Tagen nach Erd­be­ben und Tsu­na­mi.

Ich habe mir „The Days“ vor der Tour ange­se­hen und wür­de die Serie eben­falls zur Vor­be­rei­tung emp­feh­len. Dadurch konn­te ich die Abläu­fe im Kraft­werk und vie­le der Orte und Ereig­nis­se, von denen wäh­rend der Tour die Rede war, deut­lich bes­ser ein­ord­nen.

„The Days“ auf Net­flix


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