Mein Blick verliert sich in einem endlosen Meer aus Farben. Ich staune und ringe gleichzeitig darum, zu begreifen, was ich da sehe. Eine Szenerie, so intensiv, dass sie beinahe surreal wirkt.
Der legendäre Indian Summer in New England, war mir bisher nur aus Magazinen und Dokumentationen bekannt. Jetzt stehe ich mittendrin. Für mich als Landschaftsfotograf ist es ein Traum, diese Farbgewalt einzufangen. Und als Vater und Ehemann ein Geschenk, dieses Erlebnis mit meiner Familie zu teilen. Doch beginnen wir von vorn.
Boston – Der Charme einer historischen Küstenstadt

Unsere Reise beginnt in Boston. Einer Stadt, die sich elegant zwischen Geschichte und Gegenwart bewegt. Hier, an der Ostküste, mischen sich Kopfsteinpflaster, rote Backsteinfassaden und die Spuren der amerikanischen Revolution mit modernem Leben, kreativer Offenheit und internationalem Flair.
Wir spazieren entlang des Freedom Trail, vorbei an historischen Schauplätzen, die vom Aufbruch eines Landes erzählen und von jenen dunklen Kapiteln, die oft im Schatten liegen. Auch die Geschichte der Sklaverei hat hier ihre Spuren hinterlassen, etwa im Old State House oder rund um die Faneuil Hall, einst Marktplatz und Versammlungsort. Es ist ein merkwürdiges Gefühl: Mitten in einer vibrierenden, offenen Stadt auf Pflastersteinen zu stehen, die zugleich Zeugen von Freiheit und Unfreiheit sind.
Besonders lebendig wird es rund um die Faneuil Hall. Das historische Gebäude und die umliegenden Markthallen mit ihren Backsteinfassaden strahlen nicht nur Geschichte aus, sondern auch Leben. Strassenmusiker füllen die Plätze mit Musik. Es duftet nach Streetfood, Menschen flanieren zwischen Shops, Künstlerständen und kleinen Bühnen. Für einen Moment fühlt es sich an wie eine Reise durch die Zeit. Und gleichzeitig mitten hinein ins bunte, moderne Amerika. Die Kinder lassen sich vom Rhythmus mitreissen, tanzen und klatschen. Wir beobachten, geniessen und verlieren uns für eine Weile im Trubel.
Die Aussicht auf die Stadt vom Wasser aus, während einer Whale-Watching-Tour, ist ebenso eindrucksvoll. Vom Deck aus wirkt Boston fast noch weitläufiger und ruhiger. Und während wir nach Walen Ausschau halten, wird uns bewusst, wie viele verschiedene Perspektiven diese Stadt zulässt. Das Meer ist etwas wild und nach gut vier Stunden sind wir froh, wieder festen Boden unter den Füssen zu haben. Den restlichen Nachmittag verbringen wir rund um den Boston Harbor, wo eindrucksvolle Yachten gemächlich ein- und auslaufen. Die Stimmung ist entspannt und einmal mehr sorgt ein Strassenmusiker für ein schon fast kitschiges Ambiente.
Generell nehmen wir Boston keineswegs als hektische Stadt wahr. Und wem es in den belebten Strassen doch etwas zuviel wird, kann es sich im Boston Common, der grünen Lunge der Stadt, irgendwo unter einem Baum gemütlich machen und die Zeit dahinfliegen lassen.
Wie schön muss es hier auch im Winter sein, wenn sich der Frog Pond, ein Teich der im Sommer als Wasserspielplatz dient, in eine Freilufteisbahn verwandelt?
Schon hier, mitten in der Stadt, beginnt der Herbst sich zu zeigen. Einzelne Bäume zwischen den Häusern leuchten in satten Gelb- und Rottönen. Ein leiser Vorgeschmack auf das, was noch kommen soll.
Boston vereint Gegensätze auf eine ruhige Art: Geschichte und Gegenwart, Natur und Urbanität, Reflexion und Leichtigkeit. Für uns ist die Stadt der perfekte Auftakt. Sanft, lebendig, inspirierend. Doch je mehr der Herbst sich in den Farben zeigt, desto stärker zieht es uns weiter. Raus aus der Stadt, hinein in die Landschaft Neuenglands.
Durch die Wildnis von New Hampshire – Berge, Seen und endlose Farbenpracht
Je weiter wir nach Norden fahren, desto intensiver wird das Farbenspiel. Die Strassen schlängeln sich durch dichte Wälder, deren Laub in leuchtenden Rottönen flackert, als stünde die Landschaft in Flammen. In Bartlett, einem kleinen Ort mitten in den White Mountains, finden wir eine Ruhe, die in starkem Kontrast zur lebendigen Stadt steht, die wir gerade verlassen haben.
Es ist still, beinahe verschlafen. Und genau das fühlt sich richtig an. Die Nacht ist längst hereingebrochen, als wir ankommen. Nur wenige Lichter brennen, der Wind rauscht durch die Bäume. Eine andere Welt.
Am nächsten Morgen zeigt sich, warum dieser Ort der perfekte Ausgangspunkt ist: Der Kancamagus Highway, er gilt als einer der schönsten Panoramastrassen der USA, liegt direkt vor uns. Schon nach wenigen Kilometern begreifen wir, warum er so berühmt ist. Die Farben der Wälder explodieren förmlich im Morgenlicht. Rot, Orange, Gelb. Ein Schauspiel, das sich ständig verändert. Jede Kurve offenbart eine neue Komposition. Was diese Landschaft mit uns macht, ist mehr als visuelle Faszination. Es ist ein Gefühl von Weite, von Atemholen. Von Stille, die nicht leer ist, sondern erfüllt.

Für unsere Kinder sind es vor allem die kleinen Entdeckungen am Wegesrand, die diese Tage so besonders machen: Eichhörnchen auf Futtersuche, knisternde Blätter unter den Stiefeln, ein zufälliger Blick auf einen Weiher, in dem sich der Wald spiegelt. Spielplätze braucht es hier ausnahmsweise mal nicht.
Kurz vor unserer Weiterreise treffe ich während einer frühen Fototour an einem abgelegenen Bachlauf auf Mike, einen einheimischen Fotografen. Wir kommen schnell ins Gespräch, teilen unsere Leidenschaft für das Licht, die Natur, das Draussensein. Überraschend erwähnt er, dass er die Schweiz kennt. Ein unerwarteter Anknüpfungspunkt, mitten im Nirgendwo Neuenglands. Der einsetzende Regen beendet unsere Unterhaltung etwas vorzeitig. Ich hätte Mike gerne ein paar Tage früher getroffen. Er scheint die Gegend wie seine Westentasche zu kennen und hätte sicher ein paar spannende Tipps für mich. Sind es doch solche Begegnungen, die eine Reise zusätzlich bereichern. Aber für uns heisst es, Auto beladen und weiterziehen. Ein neuer Abschnitt unserer Reise beginnt.
Glitzernde Seen und goldene Ufer – die Lakes Region
Nach den wilden, herbstlich gefärbten Wäldern der White Mountains zieht es uns in die etwas südlicher gelegene Lakes Region. Genauer gesagt in die Ortschaft Laconia am Ufer des Lake Winnisquam. Glitzernde Seen, sanfte Hügel und eine friedliche Weite prägen diese Landschaft, die ihren ganz eigenen Rhythmus zu haben scheint.
Im Vergleich zur Abgeschiedenheit der Berge wirkt hier alles etwas lebendiger. Als würde der Herbst nur leicht auf die Bremse treten. Ein Hauch von Urbanität liegt in der Luft und man spürt, dass hier im Sommer das Leben pulsiert. Boote auf dem Wasser, Kinderlachen am Ufer, Grillfeuer am Abend. Wir können uns gut vorstellen, wie diese Region in den warmen Monaten ein fast mediterranes Lebensgefühl verströmt.
„Das Reisen mit Kindern ist kein Hindernis, sondern ein Geschenk.“
Doch auch im Herbst liegt ein besonderer Zauber über den ruhigen Seen und goldenen Uferwäldern. Die Stimmung ist gelassen, fast poetisch. Perfekt, um durchzuatmen, zu reflektieren und das Licht einzufangen, das über das Wasser tanzt. Ich fotografiere weniger und beobachte mehr. Wir unternehmen ausgedehnte Spaziergänge und unsere Kinder balancieren über alte Baumstämme, sammeln Steine und tanzen durchs Laub, als gäbe es kein Morgen. Es sind diese Momente, in denen ich spüre: Das Reisen mit Kindern ist kein Hindernis, sondern ein Geschenk. Sie zeigen uns die Welt noch einmal von vorne.

Regentage in Burlington – und die Kunst, das Einfache zu geniessen
Nach den grossartigen Eindrücken in New Hampshire führt uns der Weg zum Abschluss unserer Reise nach Burlington im Bundesstaat Vermont. Eine Stadt, die für uns mehr bedeutet als nur ein Reiseziel. Es ist nicht das erste Mal, dass wir hier sind. Für meine Frau bedeutet Burlington ein Stück Heimat. Sie verbrachte hier vor zwanzig Jahren als Au Pair ein prägendes Jahr ihres Lebens. Umso schöner ist es, nun zum ersten Mal mit unseren Kindern zurückzukehren und ein paar ruhige Tage bei Ihren Gasteltern zu verbringen.
Vermont ist bekannt für seine endlosen Wälder, malerischen Dörfer und die berühmten Ahornbäume, die im Herbst in einem satten Rot erstrahlen. Das Wetter zeigt sich in diesen Tagen jedoch von seiner grauen Seite. Ständiger Regen und dichte Wolken verhindern ausgiebige Fototouren und Outdoor-Abenteuer. Und dennoch liegt genau darin eine besondere Ruhe. Statt ständig unterwegs zu sein, bleiben wir öfter stehen, schauen hinaus auf den mystisch verhüllten Lake Champlain, trinken Kaffee, führen lange Gespräche und geniessen einfach das Hier und Jetzt.

Es ist kurz vor den Präsidentschaftswahlen und eine gewisse Anspannung liegt in der Luft. Onkel Alan und Tante Dale, so dürfen unsere Kinder unsere Gastgeber nennen, erzählen von ihren Hoffnungen, aber auch von ihren Sorgen. Über das Land, über Zusammenhalt, über das, was kommen mag. Wir merken, wie sehr diese Gespräche unsere Reise vertiefen. Wir sind nicht nur zu Besuch, wir tauchen ein. In ein Leben, das so anders ist und uns doch so vertraut vorkommt.
Burlington ist die grösste Stadt Vermonts, und doch fühlt sie sich bescheiden und herzlich an. Eingebettet zwischen Wasser und Hügel, kreativ, offen und umgeben von einer beeindruckenden Natur. Selbst bei Regen entfaltet die Stadt ihren eigenen Charme, mit historischen Backsteinbauten, kleinen Läden und dem sanften Rhythmus eines Ortes, der weiss, wie man die einfachen Dinge zelebriert. Und doch habe ich das Gefühl, dass seit unserem letzten Besuch vermehrt Menschen zu sehen sind, die offenbar kein Zuhause haben. Ich frage mich, ob ich dies beim letzten Mal einfach übersehen habe, oder ob sich die Welt tatsächlich schneller dreht, als manche Menschen mithalten können. Es ist ein kurzer Gedanke. Aber er bleibt.
Abschied vom Indian Summer
Nach zwei Wochen in der farbenprächtigen Natur Neuenglands heisst es Abschied nehmen. Nicht nur von einem Ort, sondern auch von einer besonderen Zeit. Einer Zeit, in der wir als Familie das Leben in einem ruhigeren Takt gespürt, den Blick für Details geschärft und Momente mit allen Sinnen aufgenommen haben. Die Erlebnisse dieser Reise haben sich tief eingebrannt. Die frische Herbstluft auf der Haut, das Rascheln der Blätter unter den Füssen, die stille Magie des Nebels über einem erwachenden See. Die Kinder, wie sie lachen, fragen und entdecken. Vielleicht liegt die wahre Schönheit dieser Reise nicht nur in den Farben. Sondern im gemeinsamen Staunen darüber.




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