Verzaubert von Irlands Regenwäldern

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Wer die Regenwälder Irlands besucht, taucht in die faszi­nie­rende Natur, Geschichte und Sagenwelt der Insel ein.

Einst bedeckte Regenwald die Hälfte Irlands. In Tälern und an den Hängen, die sich dem Atlantik entge­gen­stre­cken, standen uralte Eichen und Eschen. An ihren knorrigen Ästen hingen leuch­tend grüne Flechten wie Bärte. Im mild-feuchten Klima wuchsen selbst auf Felsen Moosteppiche und Farne. Heute ist der sogenannte gemäßigte oder kelti­sche Regenwald einer der seltensten Lebensräume in Europa. Auf der abgele­genen Beara-Halbinsel sowie im Killarney National-Park im Südwesten des Landes lässt sich die ursprüng­liche Natur finden und die faszi­nie­rende Kultur Irlands entde­cken.

Irlands Regenwald auf der Beara-Halbinsel

Es ist Juni. Ein Schauer wandert über den Lough Inchiquin auf Beara. Wind reißt die Wolken über dem See auf, zu dem ein Weg vorbei an Mooren und Schafweiden führt. Auf einem Hügel steht ein Steinkreis. Ein Ort, an dem Menschen in der Bronzezeit wohl Sonne, Mond und Erde huldigten. Hinter den Steinen glänzt das Wasser, darüber erhebt sich an einem Berghang der Wald von Uragh. „So sah es auf der Halbinsel früher überall aus. Aber es ist wenig geblieben“, sagt Eoghan Daltun. Seit Menschen hier leben, roden sie Bäume für Baumaterial, Feuer und Viehzucht. Nur ein Prozent der alten irischen Wälder würden noch stehen, sagt der 59jährige Naturschützer.

Farne aus der Zeit der Dinosaurier

Der ehema­lige Bildhauer zog 2009 von der Hauptstadt Dublin nach Beara, kaufte eine 30 Hektar große Farm mit Blick auf den Atlantik und lässt seither das Gelände verwil­dern. Im Wald von Uragh lernt er, was schadet. „Man muss zerstö­re­ri­sche Kräfte besei­tigen“, sagt Daltun und zeigt auf den Kot von Sikas. Die Hirsche stammen aus Asien, entkamen vor Jahrzehnten aus Privatzoos und fressen nun Baumtriebe ab. „Dieser Wald kann sich kaum regene­rieren“, erläu­tert Daltun, der sein Land mit Zäunen schützt und nicht­hei­mi­sche Pflanzen wie Rhododendron ausreißt.

Eoghan Daltun renaturiert eine ehemalige Farm in einen atlantischen Regenwald (© Matthias Kutzscher)
Eoghan Daltun renatu­riert eine ehema­lige Farm in einen atlan­ti­schen Regenwald (© Matthias Kutzscher)

Der Autor mehrerer Bücher über die Regenwälder Irlands entdeckt einen finger­langen Hautfarn, der auf einem bemoosten Eichenstamm zu schweben scheint. Zu hoch für die gefrä­ßigen Sika-Hirsche und wilde Ziegen. Licht schim­mert durch die Wedel, die wie Smaragde leuchten. Den Farn gab schon vor 230 Millionen Jahren, als die ersten Dinosaurier über die Erde zogen. In den Urwäldern der Beara-Halbinsel bei Uragh, Gleninchaquin, Glengarriff und Dromgarriff lebt diese Welt noch. Und in den Sagen, die die Iren bis heute erzählen.

„Die Geschichten handeln von Wildnis, Tieren und Verwandlung. Schon in der Schule lernen unsere Kinder die Mythen und ihre Helden kennen“, sagt Ann McNally. Wie den starken und weisen Fionn mc Cumhaill, der die Natur einem höfischen Leben vorzieht. Oder Tuan mac Cairill, der die Gestalt eines Ebers und Falken annimmt. Ich wandere mit der ehema­ligen Lehrerin über Dursey. Auf dem Felsen im Atlantik brachen die Engländer 1602 den Widerstand der Lords von Beara. Fünf Jahre später zerfiel die gälische Macht endgültig. Erst 1949 wurde aus der Kolonie Irland eine unabhän­gige Republik. In einer Gondel schweben wir über den Dursey Sound zum Eiland hinüber, von dem aus sich Wale, Delphine und seltene Alpenkrähen beobachten lassen. Nur sechs Menschen wohnen ständig auf Dursey.

Irlands einzige Seilbahn verbindet die Halbinsel Beara mit der Insel Dursey (© Matthias Kutzscher)
Irlands einzige Seilbahn verbindet die Halbinsel Beara mit der Insel Dursey (© Matthias Kutzscher)

Einsame Inseln und karge Berge

Ann McNelly lebt in Allihies. Das Dorf duckt sich zwischen Schafsweiden, kahlen Bergen und Meer. Die Häuser und Pubs sind Rosa, Gelb, Grün gestri­chen. Ein Statement gegen den häufigen Nebel und Nieselregen. Über dem Ort ragen Spuren des Kupferbergbaus auf. Verlassene Maschinenhäuser, Schächte und Mauern erinnern an eine Zeit Mitte des 19. Jahrhunderts, als Allihies eine der größten Kupferminen Europas war. Tonnenweise ließen die engli­schen Besitzer Holz aus den Wäldern der Westküste holen, um Schächte zu stützen. Zeitweise arbei­teten 1.600 Leute in dem Bergwerk, das bereits 1884 wieder schloss. Die Erzadern waren ausge­beutet. Heute wirken die Ruinen fast surreal: eine Industriekulisse in einsamer Landschaft.

Beara drängt sich nicht auf. Kaum eine Region liegt weiter weg von Dublin, gut fünf Stunden dauert es mit dem Auto. Und wer auf der Halbinsel unter­wegs ist, braucht Geduld. Auf den engen, kurvigen Straßen müssen Autos oft auswei­chen. „Für einen kurzen Fotostopp sind wir zu abgelegen“, bestä­tigt Brian O’Driscoll, dem eine Pension in Castletownbere gehört. Der Hafen ist die perfekte Basis für Wanderungen auf dem über 200 Kilometer langen „Beara Way“ oder für Boots- und Angeltouren. An der einzigen Hauptstraße servieren urige Pubs Lammeintopf sowie Fisch, der direkt von den Trawlern kommt.

Ann McNelly von „Baoi Tours“ führt über die Beara-Halbinsel (© Matthias Kutzscher)
Ann McNelly von „Baoi Tours“ führt über die Beara-Halbinsel (© Matthias Kutzscher)

Das Wunder Regenwald

Ich fahre weiter in den Killarney-Nationalpark. Am „Muckross Lake“ und dem „Torc Mountain“ stehe noch alte Wildnis, hatte Eoghan Daltun erzählt. Ich wandere um den See und tauche ein in das Gehölz mit ihren Lebensräumen, die sich wie Schichten stapeln: An Bächen und auf Steinen wachsen Farne und Sauerklee. Meterhoch vermo­dern Äste. Es riecht erdig, leicht sauer. Stechpalmen und Haseln bilden dichte Strauchinseln. Darüber filtern windge­bückte Eichen das Licht. Die Luft ist feucht, die Felsen sind dunkel, die Wurzeln rutschig. Fischotter sollen hier jagen und Baummarder.

Wo sich Rhododendron ausbreitet, stirbt der Wald jedoch. „Die immer­grüne Pflanze aus dem Himalaya nimmt dem Boden die Sonne und erstickt alles andere“, erklärt Eoghan Daltun. Der Experte kriti­siert die Nationalpark-Verwaltung schon lange, dass sie den größten kelti­schen Regenwald der Insel nicht inten­siver schützt. Wer das Gebiet genau betrachtet, erkennt: Das ist kein roman­ti­sches Relikt, sondern ein magischer Ort, der gerettet werden muss.

Der Killarney-Nationalpark wurde 1932 gegründet und ist das älteste Schutzgebiet Irlands (© Matthias Kutzscher)
Der Killarney-Nationalpark wurde 1932 gegründet und ist das älteste Schutzgebiet Irlands (© Matthias Kutzscher)

Reisetipps für Beara und Killarney

  • Anreise: mit Eurowings, Air Lingus oder Ryanair nach Dublin fliegen, weiter per Mietwagen
  • Übernachten: stilvoll geht es im Eccles Hotel in Glengarriff zu, familiär im B&B Harbour View in Castletownbere
  • Essen und Trinken: gute Fischgerichte servieren Murphy´s, das Old Bakery und Breens Lobster Bar in Castletownbere; unbedingt die Fischeintöpfe, Guiness und Whiskey in MacCarthy’s Bar testen
  • Touren: Gruppen- und Einzeltouren bieten „Beara Baoi Tours“ und „Dursey Boat Trips“
  • Musik: das „Michael Dwyer Traditional Music & Arts Festival“ in Allihies ist ein Geheimtipp für Folk-Fans

Hinweis: Die Reise wurde von Tourism Ireland unter­stützt

In den keltischen Regenwäldern ducken sich uralte Eichen unter dem Atlantikwind (© Matthias Kutzscher)
In den kelti­schen Regenwäldern ducken sich uralte Eichen unter dem Atlantikwind (© Matthias Kutzscher)

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