Hochzeit
Roadtrip durch Transsilvanien

Dracula und die Hochzeit

Jetzt wird es spannend! Lange stand es auf meiner Wunschliste; vielleicht eher auf meiner geheimen Wunschliste. Aber ohne Grund ist es dann doch etwas umständlich. Wieso eigentlich? Ich habe keine Ahnung…in der Theorie wird es blutig, lustig und definitiv spannend! Es geht nach Transsilvanien!

Die Geschichte des Gebietes ist schwerer zu erklären als Quantenphysik. Wieso ich das behaupten darf? Ich habe beides im Ansatz verstanden, aber jedes Mal, wenn ich hinter die nächste Ecke schaue, ist sie wieder anders. Wer wirklich was über die Region erfahren möchte, muss schon selbst reisen, sich fachkundliche Reiseführer besorgen und viel Zeit mitbringen. Ich habe gefühlt nichts von beiden. Eine Woche in Transsilvanien auch genannt Siebenbürgen, Ardeal, Erdély und Siweberjen ist viel zu kurz und dabei ist das Gebiet nicht so groß; dafür unheimlich abwechslungsreich, fotogen und die Geschichte ist spannend. Damit alles etwas mehr Sinn ergibt und um dieses Wirrwarr etwas zu entknoten, habe ich die Geschichte in Kurzform aufgearbeitet. Sicher habe ich etwas vergessen, unterschlagen oder vereinfacht.

Pilze in den Bergen

Das ungarische Erdély übersetzt sich mit „jenseits des Waldes“, das rumänische Ardeal und das oft verwendete Transsilvanien sind eine Übersetzung. Hingegen ist der deutsche Begriff Siebenbürgen nicht klar zuzuordnen. Der mystische Wald war die Grenze zwischen dem Haupteinflußbereich der Ungarn und Transsilvanien. Nachdem die Römer sich zurückzogen, siedelten in dem Gebiet verschiedenste Stämme, darunter die Goten, Hunnen und Slawen. Die Magyaren, also die Ungarn, übernahmen das Land 895 und siedelten in der weiteren Geschichte im Grenzgebiet kleinere Völker an, darunter die Szekler. Später wurden die Szekler etwas weiter nach Osten umgesiedelt, um die neue östlichere Grenze zu sichern und deutsche Bauern und Handwerker wurden angesiedelt. Diese belebten die Wirtschaft. Sie wurden bekannt als die „Siebenbürger Sachsen“; Sachsen als stereotype Bezeichnung für westliche Siedler. Bis heute sind die Siedlungen Siebenbürgens, darunter Hermannstadt, Kronstadt, Klausenburg, Mühlbach, Schäßburg, Mediasch und Bistritz die wichtigsten Städte der Region.

Wasserfälle Vărșag

Das Land fiel nach der Niederlage der Ungarn gegen die Osmanen unter türkische Besatzung, blieb aber weitgehend unabhängig. Nach der Verdrängung der Osmanen wurde das Gebiet österreich-ungarisch, später dann rein ungarisch. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde das Gebiet dann Rumänien zugeschrieben. Was aber die ungarische Minderheit der Szekler nicht davon abhielt, weiterhin in der Region zu leben. Während die deutsche Minderheit seit 1990 stark schwindet, ist die ungarische Minderheit in einigen Regionen in der Mehrheit.

2000 Jahre Geschichte abzukürzen ist nicht einfach, sie zu erleben dafür umso interessanter. Und was macht Transsilvanien legendär? Dracula?

Die Spur zu Dracula

Wieso springe ich überhaupt auf die Nummer mit Dracula auf? Vielleicht weil ich dem allgemeinen und populären Ruf Transsilvaniens folgen muss? Gibt es den hier nicht noch mehr als einen blutsaugenden Burgherren? Definitiv! Die Entdeckungsreise beginnt in Sighișoara oder auf deutsch auch Schäßburg genannt. Die Stadt wurde von deutschen Einwanderern im 12. Jahrhundert gegründet und wuchs auf eine stattliche Größe an. Die Altstadt ist von Festungsmauern umgeben und thront über dem Fluss und der Umgebung. Die historischen Gebäude, das Kopfsteinpflaster und auch die verschiedenen Verteidigungstürme der einzelnen Zünfte prägen den historischen Kern.

Stundturm in Schäßburg

Der „Stundturm“ zur Stadtseite hin ist das Wahrzeichen der Stadt. Von der Spitze aus blicke ich weit über die Landschaft. In Wurfweite liegt das „Draculahaus“. Hier wurde angeblich Vlad III. Drăculea geboren. Bram Stoker nahm seine Geschichte zur Grundlage seines Romans „Dracula“ aus dem Jahre 1897. Historische Belege für den Geburtsort gibt es aber nicht. Daher bleibt es eine Legende, die aber bis heute viele Touristen anzieht. Auch ohne Dracula ist Schäßburg einen Besuch wert. Folgt man der hölzernen Schülertreppe weiter den Berg hinauf, erreicht man die Bergkirche und den deutschen Friedhof, der von der langen deutschen Geschichte erzählt.

Altstadt von Schäßburg
Schülertreppe in Schäßburg

Der Marktplatz der Altstadt ist gesäumt von prachtvollen Gebäuden und rundet das Stadtbild ab. Auch ohne den legendären Dracula ist diese farbenfrohe Stadt ein ausgezeichneter Ausgangspunkt für weitere Erkundungen in der Region.

Schäßburg Stadtansicht

Zuhause bei den Szeklern

Alleine auf den Straßen Transsilvaniens unterwegs zu sein ist ein Abenteuer der anderen Art. Manche Schlaglöcher sind nur schwer zu erkennen, die volle Aufmerksamkeit wird hier vom Fahrer gefordert. Die hügelige Landschaft wechselt oft ihr Gesicht. Aus Wäldern werden offene Flächen, aus verwundenen Überlandstraßen werden oft kleine Ortsstraßen, die auch gerne mal durch Kühe eine Art natürliche Geschwindigkeitsbegrenzung bekommen. Dafür sind Geschwindigkeitsbegrenzungen eine grobe Richtlinie, die es nicht zu unterschreiten gilt. Meine „angepasste“ Fahrweise wird oft mit waghalsigen Überholmanövern und Lichthupe kommentiert.

Störche in Transsilvanien

Dafür entlohnen die Orte mit ihrem ursprünglichen Charakter und hier und da mit Störchen, die auf den Strommasten leben. Die Fahrt führt von Schäßburg über Oderhellen nach Satu Mare. Dieser kleine Ort zeigt sich von seiner schönsten Seite und präsentiert vor jedem Haus eins der berühmten Szeklertore. Hier ist der ungarische Einfluss und auch die Mehrheit der Nachkommen der Szekler deutlich zu spüren. Jedes Tor ist handgeschnitzt und bis ins letzte Detail verziert.

Szeklertor in Satu Mare

Ausflug in der Karpaten

Der Weg führt weiter nach Bălan. Von hier aus starte ich meine erste Wanderung in die Karpaten. Sie führt bis zur Hütte „Piatra Singuratică“. Der Weg ist gut markiert und führt in ungefähr zwei Stunden bis auf die Alm des „Einsamen Steins“. Eine wundervolle Aussicht über die ersten Ausläufer der Karpaten eröffnet sich. Leider währt die Freude nur kurz, dunkle Wolken am Horizont kündigen ein Gewitter und schlechtere Tage an. Aber dafür gibt es ja den Ursu See in Sowata. Durch seinen hohen Salzgehalt bleibt er das ganze Jahr an der Oberfläche warm, sodass sich auch bei kalten Wetter die Schwimmer ins Wasser trauen. Der Naturschutzpark rundherum bietet aber auch für Wasserscheue ein schönes Wanderrevier.

Hütte Piatra Singuratică in Bălan

Etwas traurig und wenig überwältigt stehe ich wenige Stunden später in der Salzmine von Praid. Es ist ein riesiger Spielplatz Untertage. Mit einem Picknickkoffer und etwas mehr Bargeld in meiner Tasche hätte ich sicher noch etwas aus dem Kletterpark machen können und etwas mehr gechillt. Aber so beeindruckt mich die Mine nicht. Im Gegensatz dazu erfreut mich die Gastfreundschaft in Corund, nur wenige Kilometer weiter. Corund ist eigentlich für seine kleinen Läden und die Töpfereien bekannt, ich suche aber einen kleinen Naturpark auf. Das „Dealul melcului“ ist ein kleiner Lehrpfad durch die Geologie der Region und verbindet dies mit einem kleinen Schwimmbad. Etwas muss ich es schon suchen, aber es lohnt sich.

Hütte Piatra Singuratică in Bălan
Karpaten

Dracula – schon wieder?

Schon wieder Dracula – so kann es nicht weitergehen. Doch! Etwas südlich von Brașov, auch Kronstadt genannt, liegt Bran. Wenn man etwas touristisches in Rumänien und Transsilvanien sucht, dann ist man hier genau richtig. Bran, wie auch schon Schäßburg, behauptet, den legendären Vlad III beherbergt zu haben. Die Burg befindet sich an einer Talstelle des Königsbergs und diente den Ungarn als Zoll- und Grenzburg.

Draculaschloss Bran

Unter Touristen ist sie auch als Draculaschloss bekannt. Die Stadt ist voll darauf eingestellt und die Menschen kommen, um sich die Burg anzuschauen. Über eine lange Rampe geht es hinauf zum Schloss. Nach einigen weiteren Stufen ist man schon fast im Innenhof. Von hier aus werde ich regelrecht durch die engen Flure und Treppen geschoben und „erkunde“ das ganze Schloss, seine Geschichte. Nur wer es bis in den letzten Zipfel des Bergfriedes schafft wird über die Legende Draculas aufgeklärt.

Draculaschloss Bran Innenhof

Von hier aus trete ich die die Rückfahrt in Richtung Oderhellen an. Aber nicht ohne Brașov einen Besuch abzustatten. Die Stadt hat den Charme, direkt von Bergen umgeben zu sein. Die Altstadt besonders. Sie liegt eingezwängt zwischen Bergrücken, die auch gleichzeitig der Stadtbefestigung dienten. Die Siebenbürger Sachsens waren lange Zeit die größte Volksgruppe in der Stadt. Die Schwarze Kirche, das alte Rathaus und die umgebenden Häuser aus dem Spätmittelalter festigen die Charmeoffensive der Stadt. Auch wenn ich mittlerweile etwas an Reizüberflutung leide und lieber wieder in die Natur möchte, so gefällt mir die Stadt.

Rathaus von Brașov
Altstadt von Brașov

Der Spaß beginnt

Aber jetzt nichts wie zurück nach Oderhellen. Hier ist es eher angemessen den ungarischen Namen zu zitieren „Székelyudvarhely“. Wer dieses Wort aussprechen kann: Respekt! Und hier liegt auch der wahre Grund meiner Reise: eine Hochzeit. Ich bin auf eine ungarische Hochzeit in Rumänien eingeladen. Ich lege also meinen Reiserucksack zur Seite und schlüpfe in einen schicken Anzug. Dieser passt, vielleicht auch dank der vielen Touren der letzten Tage, vorzüglich.

Hochzeit

Die Feierlichkeiten beginnen am Haus der Braut, wo beide Familien und Freundeskreise aufeinander treffen und der zukünftige Ehemann die Braut abholt. Etwas abgelegen in den Bergen findet am Nachmittag dann die Trauung statt, bevor die Festlichkeiten Fahrt aufnehmen. Es mangelt an nichts. Die Vorspeise verwechsle ich auf Anhieb mit dem Hauptgang, der nur wenig später den ersten Knopf an meiner Hose in Bredouille bringt. Wieso es danach gleich wieder Essen gibt und das Ganze nicht mehr aufhört? Ich weiß es nicht. Aber als dann gegen Mitternacht die Hochzeitstorte angeschnitten wird, will ich eigentlich nicht mehr. Palinka, der ungarische Schnaps, wird auf dem Tisch wie Wasser gereicht und schneller nachgefüllt, als wir schauen können. Im Tanz verlieren sich dann die Gedanken an diese Reise…

Transsilvanien ist definitiv lustig und spannend zugleich!

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