Berliner Streifzüge

Durch den Kiez mit Max Beckmann

Am Donnerstag den 10. Februar 1944 schreibt der Deutsche Maler Max Beckmann in sein Tagebuch:
„Unzweifelhaft beschäftigt man sich zu viel mit sich selber, vielleicht habe ich das ganze Leben ja zu ernst genommen – na, jeder nach seinem Talent – wir sprechen noch drüber.“

An dieser Stelle klappe ich das Buch zu, wir sprechen noch drüber… denke ich mir und werfe einen Blick aus dem Fenster.

Berliner Hinterhof, vierter Stock, den Himmel kann ich also noch aus der Tiefe des Zimmers beobachten. Anfang Oktober, nicht eine Wolke ist zu sehen und ich beschließe eine Runde zu drehen. Später Nachmittag, und wie ich es schon mit den letzten Rundgängen gehalten habe, wird es auch dieses mal nichts mit einem kurzen Ausflug, rastlos und neugierig wie mich der Sommer dem ungeduldigen Herbst in die Arme getrieben hat.

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Aus der Haustür tretend, muss ich die Augen zusammen kneifen, Altweibersonne. Die überdimensionale Zahnbürste der Praxis im Schaufenster gegenüber hat wie immer zuerst meine Aufmerksamkeit, dann halte ich nach menschlichem Leben Ausschau. Als wäre jeder Tag ein Sonntag und ganz Deutschland muss Tatort schauen, um den Biorythmus auf den Montag einzustimmen, ist die Strasse wie gewohnt leer. Es gibt jetzt nur links oder rechts, ich entscheide mich für Letzteres.

Boule

Dann verliere ich mich in den ewig gleichen Straßenzügen. Wie Kino schauen, nur ist der Eintritt frei und den Bildausschnitt muss ich selber setzen. Am Platz, um die Ecke, die Boulespieler: In den Hosentaschen haben sie lässig ihre Stofftaschentücher stecken, um die Kugeln vom Staub zu befreien, die Schiebermütze schräg im Gesicht, Kippen paffend, der eine lässig die Hand in die Hüfte gestämmt. Da ist Frankreich nicht weit, und die warme Herbstsonne heuchelt südländisches Idyll. Das Licht golden und angenehm wärmend, ein kurzer Moment nur, in dem mein Kinorahmen und ihre Selbstwahrehmung verschmelzen. Menschen auf den Bänken mit Smartphones, kleiner Rahmen, denke ich mir, was die kümmerliche Körperhaltung bestätigt.
Laut Beckmann sei das Anstrengendste im Leben wohl die Langeweile. Der Grund warum sich die Herren hier heute zusammengefunden haben, warum man um die Welt segelt und … warum der Mensch nicht mit sich im Reinen ist und mit gewetzten Messern aufeinander zurennt, liegt es mir auf der Zunge.

Für ihn war es die Malerei „die dieses recht schwierige und manchmal recht kümmerliche Dasein einigermaßen interessant“ machte. Für mich neben vielen anderen Dingen dieses orientierungslose Navigieren durch meine Nachbarschaft. Von rechts fliegt eine Boulekugel in mein Bild, während zeitgleich von links zwei Männer eintreten, in beiden Händen Tüten, voll mit leeren Pfandflaschen.

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Ein paar Straßen weiter, auf der Schönhauser Allee, spült es mich in eine kleine Galerie. Eine Künstlerin präsentiert in französischem Akzent ihr Fotoprojekt. Fünf Stuhlreihen sind voll besetzt. Sie hat die Fassaden verschiedener Berliner Clubs fotografiert, unter der Woche, bei Tageslicht. Keine Türsteher, die den Eingang verraten könnten, auch sonst sind kaum Menschen auf den Aufnahmen zu sehen, normaler Berufsverkehr. Die Stärke der Arbeit liegt in der Serie. Ein Amerikaner merkt etwas an, und dann sprechen sie schnell aneinander vorbei.
Sie sei keine Partyauskunft. Dabei hat er nur gefragt, in wie weit neue Orte hinzu gekommen seien, man von einem Wandel oder einer Verlagerung sprechen könne. Amerikaner und Franzosen waren für mich schon immer schwer zusammen zu bringen. Da muss ich an turnschuhbesohlte Gringos unterm Eifelturm denken.

In einer Schubkarre vor mir sehe ich Friedrich Engels, geköpft und in seine Einzelteile zerlegt. Neuinterpretation von Denkmälern, darum geht es hier unter anderem. Niedergang des kommunistischen Manifests, aber auch an die Taliban erinnert das, wenn sie denkmalgleiche Kulturstätten in die Luft sprengen. So wie es auch Bilder jüngster Gräueltaten von Extremisten in mir wachruft.
Während ich weiter auf den aus Pappmaché überzeugend nachgebauten Engelskopf starre, wie er da vom Torso getrennt in der Schubkarre liegt, wandern meine Gedanken wieder zu Beckmann. In einem Bildband habe ich dieses Foto von ihm entdeckt. Irgendwo am Strand in Holland, sonnenbadend im Exil, eine weißgerahmte Brille mit runden Gläsern im Gesicht, wohl möglich von seiner Frau Quappi, schaut er direkt in die Kamera. Hut, Zigarre und ein Badetuch lässig über die Schultern geworfen.
Die gleiche Sonne die auch heute mein Gesicht wärmte, durch das Schaufenster sehe ich wie sie den schon verlorenen Kampf gegen die Berliner Dachgibel führt und die Abenddämmerung einläutet.

Engels

In Europa tobt zu jener Zeit der zweite Weltkrieg. 1933, mit der Machtergreifung, wurde ihm seine Professur an der Kunsthochschule in Frankfurt aberkannt. Auf ihn hatten sie es abgesehen. „Entarterter“ war kaum ein anderer Deutscher Künstler. Und doch sehe ich hier, trotz der Ohnmacht, die Europa zur dieser Zeit im Griff hat, einen entgegen des Eingangs erwähnten Tagebucheintrages zu Späßen aufgelegten Max Beckmann. Die Ketten nationalsozialistischer Unterdrückung gesprengt, wie er sich in einem Bild auch selbst porträtierte.

Die Unwirklichkeit von eigener Realität und bewaffneten Konflikten in der Ferne, die gab es damals auch. Natürlich sind die Medien intensiver geworden, per Knopfdruck ins Wohnzimmer wenn man will.
Aber diese Unvereinbarkeit ist doch irgendwie geblieben. Und dass wir trotz jener Ohnmacht in unserem unmittelbaren Umfeld die Fahne hochhalten müssen, den Humor wahren müssen, dafür ist die Aufnahme auch ein Zeugnis, ohne dabei die Geschehnisse da Draußen aus den Augen zu verlieren. Auch der demontierte Engels vereint diese zwei Weltsichten.

Der Amerikaner und die Französin haben immer noch nicht zueinander gefunden, ich verlasse die Galerie, es ist schon dunkel und die Strassenszene nun abendlich, großstädtisch. Leuchtreklamen, grelle Autoscheinwerfer, in denen die Insassen nicht weiter auszumachen sind, verbinden sich zu einer Filmkulisse. Nieselregeln stellt sich ein. Dann fällt mir der Kiosk auf, ich lehne mich an eine Hauswand, setze meinen Rahmen und verharre so eine Weile. Ein willkommenes Farbenspiel, mit der Dunkelheit der herbei eilenden Nacht brechend.

Kiosk

Aus Niesel wird Regen, die Gehwege reflektieren die Laternenlichter und unter meinen Schritten ein Teppich matschiger Laubblätter. Ich entschließe mich spontan den Heimweg abzukürzen und springe in die Bahn. Wie nicht anders zu erwarten, Menschen mit Telefonen, als hätte man plötzlich ein Großraumbüro betreten oder wäre ihnen in ihre eigenen vier Wände gefolgt. Manchmal wünsche ich mir alle würden durcheinander reden, gemeinsam ein Lied anstimmen oder ein aufgescheuchtes Huhn durch den Gang flattern und dem kollektiven Schweigen Einhalt gebieten.

An der nächsten Station steige ich aus und verlasse zwei Blöcke Richtung Alex laufend die Hauptstrasse. Die Zahnbürste, im nun erleuchteten Schaufenster, gibt mir in der Dunkelheit die Gewissheit, auch wirklich zu Hause zu sein.

 

 

Philipp Boos

Widergeboren in Mitteleuropa. In einem anderen Leben als Lastenträger für Alexander von Humboldt gedient, was die Affinität zu Süd Amerika erklärt. Nach einem doppelten Espresso öffnet sich bei Philipp zeitverzögert das dritte Auge, womit er die Welt bereist und in Depeschen festhält.

  1. …sehr schöne Art zu schreiben, Philipp! Da würde ich gerne noch mehr lesen. Ich wünschte es gäbe mehr solche Artikel (oder habe ich sie nur noch nicht entdeckt?), in denen sich Kunst, Kunstgeschichte und Reisebericht vermischen. Danke!

  2. Toll geschrieben, bitte mehr davon!

  3. Toller Artikel, bin ein felißiger Leser von euch.

  4. Ich,als waschechte Berlinerin bin begeistert von diesem Artikel! Bitte mehr davon!

  5. Pingback: Warum wir alle mehr durch Deutschland reisen sollten - heldenwetter

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