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Aschenbrödels Märchenschloss

Etli­che Male läuft „Drei Hasel­nüsse für Aschen­brö­del“ um die Weih­nachts­zeit im Fern­se­hen. Min­des­tens ein­mal bleibe auch ich daran hän­gen, fast jedes Jahr, seit ich den­ken kann.

Die tsche­chisch-ost­deut­sche Kopro­duk­tion von 1973 liegt mir am Her­zen, und das nicht etwa, weil ich Fan von kit­schi­gen Mär­chen­fil­men bin oder mich die Geschichte des Mäd­chens, das buch­stäb­lich wie Phö­nix aus der Asche steigt, so sehr rührt – dafür habe ich sie viel zu oft gese­hen. Der Grund ist ein ande­rer: Der Film ver­bin­det mich auf wun­der­same Weise mit mei­ner Familie.

„Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (oder auch: „Hasenbrödel“)

Wenn „Drei Hasel­nüsse für Aschen­brö­del“ läuft, bin ich wie­der zehn Jahre alt und sitze mit den Frauen der Fami­lie auf dem Sofa im Wohn­zim­mer mei­ner Groß­el­tern in Greifs­wald. Im Schein der Lich­ter­kette am sorg­fäl­tig mit Blei­la­metta geschmück­ten Weih­nachts­baum schauen wir zu, wie Aschen­brö­del das Herz des Prin­zen gewinnt und das Gute über das Böse siegt. Meine Oma, meine Mut­ter und meine Tante haben den Film schon zu Ost­zei­ten geliebt und lächeln seelig.

Mein Opa kommt durch die Tür, sein Blick fällt auf den Röh­ren­fern­se­her. „Och nee, guckt ihr schon wie­der Hasen­brö­del?“, sagt er in gespiel­ter Ent­rüs­tung. Und dann lässt er sich doch in den Ses­sel fal­len und ein­lul­len von den Bil­dern die­ses Mär­chens. Und von sei­ner Musik.

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„Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ – die Ausstellung

Diese Melo­die, die einen nicht mehr los­lässt, sie erklingt auch in den Räu­men und Gän­gen auf Schloss Moritz­burg. Das baro­cke Jagd­schloss ist einer von vier Dreh­or­ten von „Drei Hasel­nüsse für Aschen­brö­del“. Jedes Jahr im Win­ter wid­met das Schloss dem Kult­film eine Aus­stel­lung. Ich habe sie gleich am Eröff­nungs­tag besucht, an einem Sams­tag Mitte Novem­ber, als der Wind die letz­ten Blät­ter von den Bäu­men holte.

Viele der Gäste kamen aus Tsche­chien, wo „Drei Hasel­nüsse für Aschen­brö­del“ min­des­tens genau so beliebt ist wie hier. Kon­se­quent sind die Erklä­run­gen auf allen Schil­dern deutsch und tsche­chisch. Zu sehen gibt es Sze­nen-Nach­bil­dun­gen, Ori­gi­nal­kos­tüme und Repli­kate, Requi­si­ten und Film­pla­kate und an ver­schie­de­nen Stel­len begeg­net einem Aschen­brö­dels Rätsel:

Die Wan­gen sind mit Asche beschmutzt, aber der Schorn­stein­fe­ger ist es nicht.
Ein Hüt­chen mit Federn, die Arm­brust über der Schul­ter, aber ein Jäger ist es nicht.
Ein sil­ber­ge­wirk­tes Kleid mit Schleppe zum Ball, aber eine Prin­zes­sin ist es nicht. Wer ist das?

Dazu ist die Aus­stel­lung reich an Infos zur Ent­ste­hungs­ge­schichte und Anek­do­ten zum Dreh des Mär­chen­films. Und die sind mit­un­ter ernüch­ternd: Zum Bei­spiel lag damals, genau wie am Tag mei­nes Besuchs, noch über­haupt kein Schnee. Im klei­nen schloss­ei­ge­nen Kino­saal erzählt Haupt­dar­stel­ler Pavel Tráv­ní­ček auf der Lein­wand, dass die wei­ßen Land­schaf­ten im Film aus Kunst­schnee und Sty­ro­por bestehen – und man diverse Sze­nen wie­der­ho­len musste, wenn der Wind letz­te­ren durcheinanderwirbelte.

Schloss Moritzburg: Der Drehort stinkt, der Ballsaal ist woanders

Auch Fisch­mehl wurde als Schnee­er­satz ver­wen­det – mit dem Ergeb­nis, dass es auf Schloss Moritz­burg wie Hulle stank.

Die Ball­szene wurde nicht im Schloss gedreht, son­dern in den Babels­ber­ger Film­stu­dios in Pots­dam. Und wer genau hin­sieht, wird fest­stel­len, dass es sich bei Niko­laus nicht durch­ge­hend um das­selbe Pferd han­delt: Ungüns­ti­ger­weise brach wäh­rend des Drehs die Maul- und Klau­en­seu­che aus, des­halb durfte die Crew den Ori­gi­nal-Niko­laus nicht über die tsche­chi­sche-deut­sche Grenze brin­gen und musste ein ande­res Pferd beschaffen.

Nach dem Rund­gang lan­det man schließ­lich vor der Treppe, auf der sich die Schlüs­sel­szene des Mär­chens abspielt: Die, auf der Aschen­brö­del beim über­stürz­ten Ver­las­sen des Balls ihren Schuh ver­liert. An die­ser Stelle steht heute eine bron­zene Skulp­tur des Schuhs, dahin­ter ein hüft­ho­hes Gelän­der, das unacht­same Besu­cher davor schützt, drü­ber zu stolpern.

Wer jetzt noch nicht genug hat, kann Schloss Moritz­burg in einer Kut­sche umrun­den. Oder ein­fach den Film zu Weih­nach­ten zu Hause schauen. Er läuft übri­gens auch rund um die Uhr bei Netflix.

 

Cate­go­riesDeutsch­land
Susanne Helmer

Journalistin aus Hamburg, die es immer wieder in die Welt hinauszieht. Gern auch für etwas länger. Am Ende jeder Reise stand bislang immer dasselbe Fazit: Kaum etwas im Leben euphorisiert und bereichert sie so sehr wie das Anderswosein. Und: Reisen verändert.

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