Mit dem Zug bis zu den Wolken

Kontinente und Länder › Südamerika › Argentinien › Mit dem Zug bis zu den Wolken
Mit dem Zug bis zu den Wolken

„Der Zug fährt zunächst durch die Vororte Saltas. Bitte schließen Sie die Sicherheitsgitter vor den Fernstern, da es bereits zu Übergriffen gekommen ist und die Kinder der Viertel den Zug häufig mit Steinen bewerfen.“

Diese Zugfahrt scheint viele Besonderheiten in sich zu bergen. Schon am Vortag wird uns ans Herz gelegt, viel zu trinken, ausrei­chend zu schlafen und auf Alkohol, Sex sowie auf rotes Fleisch zu verzichten.

Es ist 6.45 Uhr und wir sitzen im Tren a las nubes – Im Zug zu den Wolken. Ein befremd­li­ches Gefühl besteigt mich, in dem hellen, mit Neonlicht ausge­leuch­tetem Zugabteil mit weißen Sitzen und den massiven, jedoch strah­lend weißen Sicherheitsgittern vor den Fenstern. Draußen ist es noch stock­dunkel, niemand im Abteil spricht – dafür ist es wahrschein­lich noch zu früh. Nur das leise Knattern des Zuges ist zu hören. Ich denke an den fenster­losen Güterwaggon Günter Eichs, rechne jedoch auch jeder­zeit mit einem auf den Zug einpras­selnden Steinregen.

P10200930834_1500x844

In unserem Abteil befinden sich zwei Krankenschwestern, die im Notfall zur Verfügung stehen. Zudem dient ein komplettes Abteil im Zug der medizi­ni­schen Versorgung im Ernstfall. Sauerstoff steht überall bereit. Im Moment befinden wir uns noch in Salta, auf einer Höhe von knapp 1200 Metern – unser Ziel ist jedoch das Viadukt La Polvorilla auf einer Höhe von 4200 Metern. Auf der vergleichs­weise kurzen Strecke von knapp 200 Km wird entspre­chend ein Höhenunterschied von 3000 Metern überwunden.

Auf der Fahrt schlän­gelt sich der Tren a las Nubes, einer der vier höchsten Züge der Welt, durch die atembe­rau­benden Anden. Eine Strecke, die von frucht­baren grünen Tälern bis hinauf ins trockene Puna-Hochland führt. Der Zug passiert dabei 29 Brücken, 21 Tunnel, 13 Viadukte, 2 Spiralen und 2 Zigzags. Der eigent­lich benötigte Zahnantrieb, der verwendet wird, um große Höhenunterschiede zu bewäl­tigen, konnte aus Geldmangel nicht beschafft werden. Die Ingenieure kamen jedoch auf die Idee, durch das System der Zigzags, jeweils in Form eines „N“ oder eines „Z“ auf kürzestem Raum, bei möglichst geringer Steigung, mehr als 50 Meter an Höhe zu gewinnen.

P10200860833_1500x1125

Die Sonne geht über den weiten Tabakfeldern auf, die wir durch­queren. Wir fahren durch das grüne Lerma Tal, das Tor zu den Anden, und durch­queren dann die Toro-Schlucht. Der Zug gewinnt hier immer mehr an Höhe, das Klima ändert sich und mit ihm auch die Vegetation. Das satte Grün des Tals verebbt, wandelt sich hin zu trockenen Sträuchern. Die Wände der engen Toro-Schlucht werden immer höher, bis auch die Sträucher verschwinden und nur noch meter­hohe Kakteen und kahle Felswände zu sehen sind.

P10200050825_1500x1125
P10201200839_1500x844

Die freund­lich lächelnde Dame, die eben noch den Kaffee reichte, streift nun wie selbst­ver­ständ­lich durch die Gänge und reicht jedem Passagier eine Handvoll grüner Koka – Blätter. Die Blätter der Pflanze, die für viele Konflikte auf der Welt verant­wort­lich ist, sollen hier helfen, die unange­nehmen Nebenerscheinungen in diesen Höhen zu lindern. Wir rollen die Blätter zu einer golfball­ku­gel­großen Menge zusammen und behalten diese im Mund. Die Stimmung im Abteil steigt merklich. Die gut betuchte Frau in der Mitte des Waggons, die eben noch überlegte, ob sie Sauerstoff verab­reicht bekommen möchte, grinst bis über beide Ohren.

P10201430843_1500x1125
P10201460844_1500x1125

Die grauen Felswände zeigen nun ihre verschie­den­far­bigen Gesteinsschichten. Bald schon haben die Berge eine verschneite Kuppel. Wir steigen immer weiter, bis wir durch San Antonio de los Cobres fahren – die höchste Stadt Argentiniens auf 3775 Metern Höhe – und errei­chen dann den Endpunkt unserer Fahrt. Das Viadukt la Polvorilla ist über 60 Meter hoch und 220 Meter lang. Allein für die Berechnungen der Steigungen und Wölbungen des Viadukts brauchten die Ingenieure drei Jahre, bevor der ebenfalls dreijäh­rige Bau begann.

P10200680829_1500x1125
P10201530845_1500x844
P10202430855_1500x1125

Insgesamt dauerte der Bau der gesamten Zugstrecke, die bis auf die andere Seite der Anden in Chile reicht, 27 Jahre und wird bis heute noch als techni­sche Meisterleistung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gefeiert.

P10202500856_1500x1125
P10202570857_1500x1125
P10202590858_1440x1125
P10202690860_1500x1125
P10202700861_1500x1125
P10202840863_1500x1125

Kommentare

  1. Avatar von markus

    gerade freue ich mich noch mehr auf meinen suedame­rika trip! danke fuer die bilder!

    1. Avatar von Morten & Rochssare

      VIel Spass und eine aufre­gende Reise wünschen wir. Alles richtig gemacht. Südamerika ist Bombe 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert