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Ein Videodreh in Südostafrika

Ein dür­res Mäd­chen mit einem zer­ris­se­nen, alten Hemd klet­tert in der Mit­tags­sonne bar­fuß auf einen der größ­ten Müll­hau­fen Mapu­tos, der Haupt­stadt von Mosam­bik. Der Gestank ist kaum aus­zu­hal­ten. Wäh­rend sie dort nach Essens­res­ten und Klei­dung wühlt, springe ich aus dem Auto und renne ihr mit mei­ner Kamera hin­ter­her um die­sen Moment festzuhalten.

Als sie mich ent­deckt, hal­ten wir beide für einen Moment inne.  Weder das Mäd­chen noch ich wis­sen wie wir reagie­ren sol­len und bei mir mel­det sich lang­sam das schlechte Gewissen.

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Aus die­sem Grund traue ich mich anfangs nur von Wei­tem sol­che Augen­bli­cke zu fil­men. Ich fühle mich unwohl, Men­schen in die­sen extre­men, ernied­ri­gen­den Situa­tio­nen mit der Kamera so nahe zu sein.

Ich habe auf die­ser Reise gelernt, dass ich eine Ver­bin­dung zu den Men­schen vor der Kamera auf­bauen muss. Ab dem Zeit­punkt, zu dem die Kin­der mich mit mei­ner Kamera ent­de­cken, ist die Situa­tion ange­spann­ter und in gewis­ser Weise auch gestellt.

Mir wird bewusst, dass dann eine natür­li­che Moment­auf­nahme nur noch gut gelin­gen kann, wenn ich beginne mit den Kin­dern zu kom­mu­ni­zie­ren und ihnen so die Unsi­cher­heit und Skep­sis nehme.

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Dass die Kin­der kein Eng­lisch spre­chen, macht die ver­bale Kom­mu­ni­ka­tion unmög­lich, aber oft­mals ist schon ein ein­fa­ches Lächeln der erste Schritt, ihnen das unwohle Gefühl, beob­ach­tet zu wer­den, zu nehmen.

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Nach­dem ich mich am zwei­ten Tag der Kame­ra­reise durch die Kin­der­dör­fer Süd­ost­afri­kas end­lich über­wun­den habe eine Gruppe von Kin­dern auf ihrem Schul­weg mit der Kamera zu beglei­ten, ver­fliegt meine Unsi­cher­heit sofort.

Die Kin­der lie­ben die Kamera. Ich habe Pro­bleme, Ein­zel­por­traits auf­zu­neh­men, da immer jeder auf dem Bild sein möchte.

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Immer wie­der ent­ste­hen Situa­tio­nen wie mit dem Mäd­chen, auf das ich am Müll­hau­fen getrof­fen bin. Mir fällt es schwer zu akzep­tie­ren, dass gerade das Fest­hal­ten sol­cher Momente einen sehr wich­ti­gen Teil mei­nes Jobs dar­stellt. Was für mich fremd und unan­ge­nehm erscheint, ist für man­che Men­schen in Afrika nor­ma­ler Alltag.

Trotz­dem muss ich mir immer wie­der selbst sagen, dass ich die Men­schen durch meine Auf­nah­men nicht bloß­stelle. Ich helfe ihnen, indem durch das Publi­zie­ren der Bil­der mehr Spen­den gene­riert wer­den können.

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Nach­dem das Mäd­chen vom Müll­hau­fen und ich uns stumm für einige Sekun­den lang anbli­cken, komme ich auf die Idee, ihr das Video, das ich zuvor von ihr auf­ge­nom­men habe, zu zei­gen. Zunächst ist sie sehr skep­tisch als ich näher komme, doch als sie sich ver­mut­lich das erste Mal in ihrem Leben selbst in einem Video sieht, beginnt sie laut zu lachen, zeigt auf­ge­regt mit ihrem Fin­ger auf das Dis­play und schaut mich mit einem brei­tem Grin­sen an.

Mein Freund, Malik, und ich waren auf einer Reise durch SOS Kin­der­dör­fer in Süd­afrika, Swa­zi­land und Mosam­bik. Die Hilfs­or­ga­ni­sa­tion „SOS Children’s Vil­la­ges Inter­na­tio­nal“ schickte uns beide dort­hin um mög­lichst viele Impres­sio­nen der Kin­derd­öfer auf­zu­neh­men. Wir flo­gen von Frank­furt nach Johan­nes­burg und setz­ten unsere Reise von dort aus mit dem Auto fort.

In Swa­zi­land und Mosam­bik besuch­ten wir ins­ge­samt fünf Kin­der­dör­fer. Wir kamen jeweils in deren eige­nen Gäs­te­häu­sern unter. Aus einem Teil des Film­ma­te­ri­als pro­du­zier­ten wir den Clip „We Grow With You“:

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Wach­sen und ins­be­son­dere das Erwach­sen­wer­den stellt einen Pro­zess dar, bei dem ver­schie­dene Erfah­run­gen gemacht und Erkennt­nisse gesam­melt wer­den. Man durch­lebt unter­schied­li­che Pha­sen, die prä­gen oder stärken.

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Wäh­rend des Her­an­wach­sens wird man sowohl mit posi­ti­ven als auch nega­ti­ven Auf­ga­ben und Situa­tio­nen kon­fron­tiert. Es gibt her­aus­for­dernde und erleich­ternde Momente. Sie alle neh­men Ein­fluss auf die Her­aus­bil­dung einer star­ken und indi­vi­du­el­len Per­sön­lich­keit. In der Zeit die­ser prä­gen­den Pha­sen wird man von Per­so­nen beglei­tet, die einem bei­ste­hen und uns unter­stüt­zen. Nur durch sie ist es mög­lich, ein Gefühl dafür zu ent­wi­ckeln, was „wir“ bedeu­tet und mensch­li­che Werte, die unmit­tel­bar an das Her­an­wach­sen gekop­pelt sind, schät­zen zu lernen.

Zu die­sen Attri­bu­ten gehö­ren unter ande­rem auch Für­sorge, emo­tio­nale Unter­stüt­zung, Liebe und das Gefühl von Geborgenheit.

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All diese Werte, ins­be­son­dere das Gemein­schafts­ge­fühl, kön­nen aber nicht nur durch tat­säch­lich regio­nal anwe­sende Per­so­nen erzeugt wer­den, son­dern auch durch Men­schen, die nicht direkt vor Ort sein kön­nen. Wir alle kön­nen dazu bei­tra­gen, diese Kraft zu erzeu­gen, denn auch wir gehö­ren, zusam­men mit den Men­schen in Afrika zu einer gro­ßen Gemein­schaft. Wir alle kön­nen den Pro­zess des „Gro­wings“ durch finan­zi­elle Unter­stüt­zung for­men und vorantreiben.

Eine gewisse finan­zi­elle Sicher­heit ermög­licht es, dass sich die Kin­der noch mehr selbst ver­wirk­li­chen kön­nen und das Her­an­wach­sen wird in fun­da­men­ta­ler und vor allem posi­ti­ver Weise unterstützt.

Schließ­lich führt das Stär­ken der Gemein­schaft zu einer pul­sie­ren­den und wil­lens­star­ken Kraft, durch die sich die Kin­der in Afrika allen Her­aus­for­de­run­gen, die das Leben dort stellt, mit Lebens­freude und Zuver­sicht wid­men können.

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Marko Roth

Es sind die kurzen Augenblicke, der perfekte Moment, den ich auf meinen Reisen suche. Es sind die Emotionen der Menschen unterschiedlicher Kulturen, die Eindrücke einer immer neuen Welt, die ich mit meiner Linse einfange. Es sind die Details in den Aufnahmen, die meine Filme zu etwas besonderem machen.

  1. Kasia Oberdorf says:

    Groß­ar­tig, dass ihr trotz der Beden­ken, die ich gut ver­ste­hen und nach­voll­zie­hen kann, mit eurer Arbeit (Auf­gabe?) wei­ter macht. Es braucht Men­schen wie euch.
    Lg Kasia

  2. Mikki says:

    Hallo Marko,

    beim Lesen Dei­nes Arti­kels habe ich an den Doku­men­tar­film „white cha­rity“ von Caro­lin Phil­ipp und Timo Kie­sel gedacht. Falls Du ihn nicht schon kennst, kannst Du ihn Dir hier anse­hen. Er dau­ert 48 Minu­ten. http://www.whitecharity.de/index_files/Page917.htm

    Ich stelle mir vor, dass er eine Berei­che­rung für Dich als Film­au­tor, Kame­ra­mann und Foto­graf ist. Aber auch für alle ande­ren. Er beleuch­tet die Bild­spra­che der Wer­be­pla­kate von ent­wick­lungs­po­li­ti­schen Organisationen.

  3. Mel says:

    Ein sehr bewe­gen­der Bericht. Ich kann mir vor­stel­len, dass es wirk­lich schwer war am Anfang, aber schön, dass du dich dann doch eini­ger­ma­ßen ver­stän­di­gen konntest.
    Auch der Clip ist wirk­lich gelungen!

  4. Tol­les Video, schöne Bilder!

    Habe in Kap­stadt einen ame­ri­ka­ni­schen Fil­me­ma­cher getrof­fen. Auch er meinte, das direkte Umschal­ten vom All­tag der Men­schen vor der Kamera zum All­tag des Men­schen dahin­ter sei der schwerste Teil sei­nes Jobs.

    Sicher nicht ver­gleich­bar, aber der Film ‚War Pho­to­gra­pher‘ von James Nachtwey ist in die­sem Kon­text sehens- und empfehlenswert.

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