Wunderheilung in Udaipur

Kontinente und Länder › Asien › Indien › Wunderheilung in Udaipur
Wunderheilung in Udaipur

Vier Tage schon habe ich nichts Richtiges mehr gegessen. Nichts Richtiges heißt: nichts außer Bananen und Ingwertee. Mir ist schlecht. Eine penetrante und nicht los zu werdende Übelkeit begleitet mich schon meinen gesamten Aufenthalt in Udaipur, wo ich Diwali, das indische Lichterfest mitfeiern möchte.

Nun gut, Übelkeit ist nervig und steigert nicht zwingend das Wohlbefinden, aber sie hält mich auch nicht ans Bett gefes­selt. Was dazu führt, dass ich auf der westli­chen Seite des Sees Pichola in Udaipur zu unver­hofftem Ruhm gelange.

Udaipur_Indien-2790

Wie das geht? Europäerin trifft auf eine Horde noch nicht gänzlich puber­tie­render indischer Jungs in einem nicht so touris­ti­schen indischen Stadtviertel: „What‘s your name, madam? What‘s your name?“

Und was antworte ich? Die Wahrheit natür­lich: „Marianna, nice to meet you.“

Das war ein Fehler; den ich im Übrigen auch nur dieses eine Mal begehe, merken! Denn diese netten, niedli­chen Jungs haben nun einen ungeheuer großen Spaß dabei ständig hinter mir her zu laufen, meinen Namen schreiend.

Udaipur_Indien-2772

Am nächsten Tag grüßen mich also alle umlie­genden Händler mit „Hey Marianna, how are you?“, „Marianna, we have very beautiful Pashminas here“, „Marianna, look at my shop and have a tea.“

Das ist nett – keine Frage. Und ein Problem. Denn ich kann ja schlecht Menschen, die mich mit meinem Namen anspre­chen ignorieren, auch wenn es weit über ein Dutzend sind. Ich verstehe jetzt wie sich Brangelina fühlen und warum sie ständig unerkannt das Haus verlassen wollen; man hat halt nicht immer Lust mit jedem zu reden.

Udaipur_Indien-2809
Udaipur_Indien-2810
Udaipur_Indien-2815

Und außerdem ist mir ja auch noch schlecht. An Tag Nummer drei hab ich wieder so einen Ehrlichkeitsanfall und antworte dem ayuver­di­schen Masseur auf sein „Marianna, how are you?“ mit einem „not good“.

Er kann mich heilen, ist seine prompte Reaktion. Er muss sich nur meine Füße anschauen. Kostenlos natür­lich. Man kann alles an den Füßen erkennen. 
Ich weiß nicht mehr ob ich Widerstand leistete, aber ein paar Minuten später sitzt ich da und ein indischer Guru schaut sich meine Füße an und sagt, das sei ganz klar, dass es mir nicht gut geht, meine großen Zehen sind ungleich lang. Meine Organe sind nicht im Gleichgewicht. Wie thera­piert man so was? Einfach kräftig an den beiden großen Zehen ziehen bis sie wieder gleich lang sind. Schwups, sind die Organe wieder zurecht gerückt. Er will tatsäch­lich kein Geld dafür.

Ich geh weiter meiner Wege, durch diese Begegnung so abgelenkt, dass ich die Übelkeit ein paar Minuten nicht mehr zur Kenntnis nehme.

Udaipur_Indien-2827
Udaipur_Indien-2904

Auf dem Rückweg erkun­digt er sich höflich nach meinem Wohlbefinden und ich antworte ihm höflich die Wahrheit: „Das an den Zehen ziehen“ hätte nur ein paar Minuten Wirkung gezeigt. Entsetzen in seinem Gesicht. Er muss sich das noch mal anschauen, das kann nicht sein, hab ich denn inzwi­schen was gegessen? „Nein.“ Aha, deshalb. Ich hätte was essen müssen!

Also nochmal.

Ja, ich seh’s auch, meine Zehen sind tatsäch­lich ungleich lang. Diesmal wickelt er nach dem wirklich sehr kräftig dran ziehen – aua – noch ein rotes Wollband um jeden der beiden großen Zehen (soll unbedingt ein paar Tage dran bleiben) und zwingt mich in seiner Anwesenheit noch was zu essen, um meine Heilung live mit zu erleben. Er will wieder kein Geld.

Ich nehme die Bänder nach einem Tag ab, irgendwie schnüren sie mir das Blut ab, und ich komme mir unglaub­lich albern vor, mit roten Wollbändern um die Zehen gewickelt um her zu wandern.

Mir ist schlecht.

Udaipur_Indien-2923
Udaipur_Indien-2966

Kommentare

  1. Avatar von Florian

    Wunder-schön geschrieben!

    1. Avatar von Marianna Hillmer

      Ganz lieben Dank! Freut mich.

  2. Avatar von Herwig Rollmann
    Herwig Rollmann

    Danke.
    Wieder erstklassig getextet und fotogra­fiert.
    .…und mit gleich langen Zehen hat man einfach bessere Chancen.

    1. Avatar von Marianna Hillmer

      Lieben Dank!

      Ich trau mich nicht zu schauen, ob meine Zehen mittler­weile wieder gleich­lang sind. Was mach ich denn wenn nicht? 😉

  3. Avatar von Johannes Klaus

    Konntest du diese fatale Zehenproblematik eigent­lich lösen?

    1. Avatar von Marianna Hillmer

      Ja, wie man’s nimmt. Einen Tag nach dem ich die Bänder abgemacht, hab ich dann erfahren, wie es sich anfühlt, wenn Körper- und Außentemperatur bei jeweils 40Grad liegen. Vielleicht hätte ich die Bänder dran lassen sollen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert