Lom­bok lag als Ziel schon län­ger vor mei­nem inne­ren Auge. Drei­ein­halb Jahre zuvor hatte ich am Strand von Gili Tra­wan­gan gele­gen und sehn­süch­tig auf die Insel geblickt, die vom Vul­kan­mas­siv des Rin­jani gekrönt wird. Doch meine Reise war damals kurz vor ihrem Ende. Es war wie so oft: Ich musste zurück, obwohl ich noch so viel mehr sehen wollte, und schwor mir, wiederzukommen.

 

Als ich Lom­bok erreichte, lagen sechs Monate in Indien hin­ter mir, vier­ein­halb davon hatte ich im Hima­laya ver­bracht. Ich hatte Pässe bezwun­gen, war in ent­le­gene Win­kel vor­ge­sto­ßen und hatte end­lose Bus­fahr­ten auf mich genom­men. Ich hatte Ein­sam­keit aus­ge­stan­den und immer neue Gren­zen ein­ge­ris­sen. In Vara­nasi hatte mich die Mail von Abdul erreicht, der über­legte, mich in Asien zu besu­chen. Ich stellte ihm Sri Lanka, die Phil­ip­pi­nen und Indo­ne­sien zur Wahl. Seine Wahl fiel auf Indo­ne­sien. Die ver­blie­be­nen 10 Tage nutzte ich, um die über 4000 Kilo­me­ter bis nach Kerala im Süden Indi­ens vor­zu­sto­ßen und einen für mich ganz wich­ti­gen Ort in Goa zu besu­chen. Lange Zeit war dies mein Ankerplatz:

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Nun war ich auf der Suche nach einem neuen Hafen.

Der Mani­ker borgt vom Mor­gen, sagte mir kürz­lich ein Freund. Als ich Bali erreichte, hatte ich bereits einen gehö­ri­gen Kre­dit auf­ge­nom­men; was nun fol­gen sollte, knüpfte genau da an. Eigent­lich sprach alles dafür, alle viere von mir zu stre­cken und mir eine wohl­ver­diente Aus­zeit an einem Pal­men­strand zu gön­nen. Dage­gen spra­chen 14 Tage. So lange wür­den Abdul und mir gemein­sam blei­ben. Also fuh­ren wir direkt mit der Fähre von Pad­ang­bai nach Lem­bar an der Süd­west­küste Lom­boks. Von dort aus reis­ten wir wei­ter nach Kuta, ganz im Süden der Insel. Ich nahm den Ort zunächst nur auf der Durch­reise wahr. Die zwei Tage ver­gin­gen wie im Flug. Wir erkun­de­ten die Küs­ten­stra­ßen öst­lich und west­lich auf Scoo­tern und waren über­zeugt, dass es sich loh­nen musste, allein hier zwei Wochen zu verbringen.

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Oli und ich in Mawun Beach

Abdul blickt ver­son­nen auf die zau­ber­hafte Bucht von Mawun; der Baba steht Kopf…

 

Ich wollte noch ein­mal zurück­keh­ren, um die­ses wun­der­bare Fleck­chen Erde aus­gie­big zu erkun­den. So ließ ich mei­nen gro­ßen Ruck­sack in unse­rem gemüt­li­chen Homes­tay. Meine Intui­tion sollte mich nicht im Stich lassen.

Die 14 Tage hat­ten wir genutzt, um den Rin­jani zu bestei­gen und eine epi­sche Boots­fahrt nach Sum­bawa, Komodo, Rinca und Flo­res zu unter­neh­men. Wir hat­ten die zwei Wochen voll­stän­dig aus­ge­reizt. Nach einem wei­te­ren Abste­cher auf Gili Tra­wan­gan, war ich glück­lich dar­über, wie­der nach Lom­bok zurück­zu­keh­ren. Alle Welt fuhr nach Tra­wan­gan, um es für Neu­jahr rich­tig kra­chen zu las­sen. Ich schien der ein­zige Tou­rist zu sein, der die Insel ver­ließ. Der Gedanke gefiel mir. End­lich kroch ich wie­der aus dem Tou­ris­ten­ko­kon heraus.

Meine Rück­kehr zum Diyah Homes­tay sorgte zunächst für etwas Kon­fu­sion. Nach­dem ich mich der lan­gen Haare und des Bar­tes ent­le­digt hatte, war ich nicht wie­der­zu­er­ken­nen. Erst ein Foto von mir in alter Pracht sorgte für Klarheit.

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Den Sil­ves­ter­abend ver­brachte ich zu aus­ge­zeich­ne­ter Musik in einer klei­nen Bar am Strand. Ich begrüßte das neue Jahr tan­zend. Ich bereute keine Sekunde, Tra­wan­gan ver­las­sen zu haben. Ich mochte im Moment ein wenig ein­sam sein. Aber ich fühlte mich befreit. Ich konnte atmen. Es roch nach Abenteuer.

Von Anfang an begeis­ter­ten mich die Freund­lich­keit der Sasak und die rei­che Natur der Insel. Die täg­li­chen Fahr­ten auf dem Scoo­ter ver­setz­ten mich in einen Rausch. Durch den Dschun­gel und ent­lang der wun­der­schö­nen Buch­ten und Strän­den zu fah­ren, die von wil­den, fel­si­gen Steil­küs­ten ein­ge­rahmt wer­den, war nie­mals ermüdend.

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Ich genoss die totale Frei­heit, dort­hin zu fah­ren, wo immer es mir beliebte. Häu­fig erkun­dete ich neue Stre­cken, wagte mich auf tücki­sche Pis­ten. Ich folgte nur mei­nem Instinkt. Manch­mal hörte ich Musik oder sang aus vol­lem Her­zen. Ich habe mich nie­mals so wild und frei gefühlt wie in den Wochen auf die­sem atem­be­rau­ben­den Eiland, das von der Macht der Vul­kane, der Urge­walt des Oze­ans, den rauen Stür­men und dem Mon­sun immer neu geformt wird. Die Insel ist reich an Res­sour­cen, Kunst­hand­werk, edlen Stof­fen, Mine­ra­lien, Früch­ten und Gewür­zen. Im Inse­lin­nern gedeiht der Dschun­gel. Was­ser­büf­fel zie­hen noch immer die meis­ten Pflüge. Mit aus­ge­klü­gel­ter Land­schafts­ar­chi­tek­tur haben die Sasak Reis­kul­tu­ren geschaf­fen, die in ihrer Pracht der natür­li­chen Schön­heit der Insel kaum nachstehen.

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Die Sur­fer­boys

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Die erste Zeit im Homes­tay war ziem­lich irri­tie­rend. Das lag an den Sur­fer­boys, die hier mit ihren aus­län­di­schen Freun­din­nen abge­stie­gen waren. Sie stamm­ten aus Lom­bok oder waren von Bali aus über­ge­sie­delt. Dort sind die Kuta-Cow­boys, die den völ­lig über­lau­fe­nen Kuta Beach bespie­len, zu einem bekann­ten Phä­no­men gewor­den. Die Szene in Kuta auf Lom­bok ist wesent­lich überschaubarer.

Zunächst sah ich sie jeden Abend in gro­ßer Runde zusam­men­sit­zen und dachte mir nichts wei­ter dabei. Zu lau­ter Musik betran­ken sie sich in Win­des­eile. Bil­li­ger Reis­wein als Getränk der Wahl. Alle tei­len sich ein Glas – bes­ser kann man Grup­pen­druck nicht erzeu­gen. Jeder war­tet auf den nächs­ten Shot. Ex und hopp. Manch­mal besor­gen die Frauen Wodka oder Rum. Sel­ten gehö­ren auch Magic-Mushroom-Shakes zum Pro­gramm. Danach geht es zu einer der Bars im Ort. Irgendwo wird immer eine Party gefeiert.

Die Jungs arbei­ten in Surf­shops, ver­lei­hen Boards und bie­ten Tou­ris­ten ihre Dienste als Sur­f­leh­rer an, bevor­zugt Frauen. In der nähe­ren Umge­bung fin­den sich eine ganze Reihe her­vor­ra­gen­der Surf­s­pots. Der Ein­stieg ist harm­los. Sur­fen ist für jeden eine inten­sive Erfah­rung. Die Fahr­ten zu den Buch­ten sind von Traum­ku­lis­sen ver­edelt, die Jungs sind total locker, rei­ßen Witze. Sie ken­nen die schöns­ten Ecken der Insel.

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Am Abend sit­zen sie zusam­men. Viele Frauen las­sen im Rausch alle Hem­mun­gen fal­len. Sie füh­len sich begehrt – die Jungs sind echte Män­ner. Viele sind täto­wiert. Sie gerie­ren sich als Out­laws. Tupac bombt aus den Bäs­sen. Nichts erin­nert an das Ghetto. Und doch ist ein tie­fer Gra­ben spür­bar. Einige Jungs haben gelernt, selbst Musik zu pro­du­zie­ren. Stolz prä­sen­tie­ren sie ihre eige­nen Krea­tio­nen. Es gibt sogar eine eigene Hymne für die Reg­gae-Kul­tur der Insel: „Lom­bok I love you“. Die Jun­gen fah­ren Skate­board. Die Alten geben sich hart. Jeder ver­fügt über ein Reper­toire flot­ter Sprü­che. Vom knall­har­ten Typen bis zum roman­ti­schen Gitar­ren­spie­ler ist alles dabei. Die Frauen sit­zen fas­zi­niert in der Runde. Hier gibt es das Aben­teuer, von dem sie gehört haben. Die Jungs set­zen auf Kom­pli­mente, dann wie­der auf las­zive Anzüg­lich­kei­ten. Sie haben offen­bar eine lockere Ein­stel­lung zum Leben: man lebt nur ein­mal. Sie erfül­len den Frauen jeden Wunsch. Im Par­ty­rausch ent­wi­ckelt sich oft mehr dar­aus. Manch­mal bleibt es beim One-Night-Stand, nicht sel­ten ent­steht eine Bezie­hung für den Urlaub oder noch mehr.

Am Mor­gen war­ten wie­der die Wel­len. Am Abend die nächste Erobe­rung, die nächste Party, der nächste Rausch. Ein wil­des, anstren­gen­des Leben. Ein schma­ler Grat. Das war es, was mich mit ihnen ver­band. Auch wenn sich mein Draht­seil­akt ganz anders aus­drückt. Sie streb­ten zur west­li­chen (Sub)Kultur; ich suchte nach dem, was sie hin­ter sich las­sen woll­ten: einem ein­fa­chen, natur­na­hen Leben. Doch eigent­lich galt es die gol­dene Mitte zwi­schen bei­dem zu finden.

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Gele­gent­lich folgte ich ihrer Ein­la­dung und setzte mich für eine Stunde dazu. So auch an die­sem Abend vor einem Surf­shop in Kuta. Was dann geschah, ließ mich auf Distanz gehen: Ein schmäch­ti­ger Junge tanzte völ­lig über­dreht vor der Gruppe und machte seine Späße. Im nächs­ten Moment sackte er ohne Kör­per­span­nung in sich zusam­men. Ver­mut­lich war er völ­lig betrun­ken. Ich weiß nicht, ob er zuvor etwas Belei­di­gen­des gesagt hatte. In jedem Fall hatte er die Wut eines fins­ter drein­bli­cken­den Kol­le­gen auf sich gezo­gen. Der war deut­lich älter und kräf­te­mä­ßig haus­hoch über­le­gen. Der Mus­ku­löse rannte auf ihn zu und rammte dem Wehr­lo­sen bru­tal und mit vol­ler Wucht die Faust ins Gesicht. Der Junge ver­lor sofort das Bewusst­sein. Er blu­tete wie ein Schwein. Erst nach Minu­ten kam er wie­der lang­sam zu sich. Der Schlag hätte ihm für immer die Lich­ter aus­bla­sen kön­nen. Es kam zu einem Tumult. Unkon­trol­liert ergoss sich das Adre­na­lin. Rudel­bil­dung. Archai­sche Gewalt lag in der Luft. Blut kochte hoch. Für einige gab es kein Limit. Sie wür­den sich tot­schla­gen, wenn kei­ner dazwi­schen ging. Es gab keine Chance für mich, als Außen­ste­hen­der zu ver­mit­teln. Hätte ich es noch wei­ter drauf ange­legt, hätte ich nur alle Aggres­sio­nen auf mich gelenkt. Mit Mühe konn­ten die halb­wegs Ver­nünf­ti­gen die Schlä­ger davon abhal­ten, dass alles im Wahn versank.

Ich hörte fortan immer wie­der von Schlä­ge­reien. Meis­tens geht es dabei um Frauen. Denn die Jungs sind nicht so unschul­dig, wie es manch­mal scheint, wenn sie sich mit Bob-Mar­ley-Flos­keln die Zeit ver­trei­ben. Was als harm­lo­ser Spaß mit den Frauen beginnt, ent­wi­ckelt sich oft zu gegen­sei­ti­ger Abhän­gig­keit. Die Frauen keh­ren wie­der, sie machen Geschenke, sie bezah­len Unter­kunft, Essen, Alko­hol. Sie haben Macht. Sie erzäh­len ihren Freun­din­nen von ihren Erleb­nis­sen. Seit es Direkt­ver­bin­dun­gen aus Aus­tra­lien gibt, kom­men man­che nur für das Wochen­ende. Die Jungs rich­ten sich in die­sem Leben ein. Es ist ein Leben im Jetzt. Was mor­gen ist, scheint egal. Ein Leben, das gie­rig macht.

Sie wer­den immer pro­fes­sio­nel­ler. Sie fan­gen an, gezielt nach Frauen zu suchen, die ihnen ein bes­se­res Leben ermög­li­chen und holen sie mit dem Auto und pum­pen­den Bäs­sen am Flug­ha­fen ab. Bald sind es meh­rere Frauen. Es wird schwie­ri­ger, die Besu­che zu koor­di­nie­ren, es ent­ste­hen ver­schie­dene Iden­ti­tä­ten. Sie ler­nen es, sich per­fekt auf die jewei­lige Frau ein­zu­stel­len, pfle­gen Kon­takte über Handy und soziale Netz­werke. Sie ste­hen in immer stär­ke­rer Kon­kur­renz zuein­an­der. Die Frauen auch. Zu Hause war­ten ihre Ehe­frauen, mit denen sie häu­fig viel zu früh ver­hei­ra­tet wur­den. Liebe spielte sel­ten eine Rolle. Eine Schei­dung würde für beide die gesell­schaft­li­che Äch­tung bedeuten.

Das Frau­en­bild auf der Insel unter­schei­det sich mas­siv von dem, was die Frauen aus der west­li­chen Welt ver­kör­pern. Die Ehe­frauen sind durch Tra­di­tion und Reli­gion auf eine Rolle fest­ge­legt, aus der sie kaum aus­bre­chen kön­nen. Sie kön­nen es sich gesell­schaft­lich kaum leis­ten, auf eine die­ser Par­tys zu gehen. Ich habe eine ein­zige Frau ken­nen gelernt, die einen ähn­li­chen Lebens­wan­del pflegte wie die Jungs. Die Tou­ris­tin­nen könn­ten gegen­sätz­li­cher kaum sein. Sie füh­len sich wie im Para­dies. Sie haben Urlaub und sind auf indi­vi­du­el­les Ver­gnü­gen aus. Sie kön­nen ihre Sexua­li­tät aus­le­ben. Sie haben Geld. Sie sind unfass­bar frei und selbst­be­wusst. Ent­spre­chend groß ist ihre Attrak­ti­vi­tät. Den Ehe­frauen geht es ganz anders: Sie müs­sen mit­an­se­hen, wie sie betro­gen wer­den und kön­nen nichts dage­gen tun. Sie erfül­len ihre Pflich­ten und wis­sen, dass sich ihre Ehe­män­ner mit ande­ren Frauen austoben.

Natür­lich kann man nicht alle in einen Topf wer­fen. Manch­mal ver­lie­ben sich die Jungs tat­säch­lich. Das Glei­che gilt für die Frauen. Für viele ist es nicht mehr als ein Spiel, andere mei­nen es ernst. Eines die­ser Paare lernte ich ken­nen: sie war schon lange mit ihm zusam­men und kannte seine Schat­ten­sei­ten ganz genau. Sie hatte sich immer wie­der erwei­chen las­sen, immer neues Geld gelie­hen, Sei­ten­sprünge ver­zie­hen, neues Ver­trauen geschenkt. Auch er ver­suchte das Unmög­li­che – das Leben als Gigolo an den Nagel zu hän­gen. Zumin­dest ein Teil von ihm. Der andere sabo­tierte jeden Ver­such. Es war unend­lich schwer. Schließ­lich gab ihm die Gruppe Halt. In gewis­ser Weise war sie seine Fami­lie, in der klare Hier­ar­chien herr­schen. Es gibt kei­nen leich­ten Weg her­aus. Er war kein schlech­ter Mensch. Ich fand ihn sogar sym­pa­thisch, obwohl ich wusste, dass zwei sehr gegen­sätz­li­che Sei­ten in ihm steck­ten. Ich konnte beide Pole ver­ste­hen. Sie waren Ergeb­nis sei­ner Sozia­li­sa­tion. Und die Ver­su­chun­gen lau­er­ten über­all: fal­sche Freunde, Dro­gen, Pro­vo­ka­tio­nen, Ex-Freun­din­nen, die sich neh­men, was sie wol­len, die wis­sen, wie man mani­pu­liert. Dar­aus ent­stand eine Bezie­hung vol­ler Extreme: furcht­bare Ent­täu­schun­gen, bedin­gungs­lose Liebe, Zwei­fel, Wut, Hass, Trauer, Schmerz. Ich bewun­derte ihren unbe­ding­ten Wil­len und die Kraft, wie­der­keh­rende Ent­täu­schun­gen und Miss­trauen aus­zu­hal­ten und ihm immer wie­der zu ver­zei­hen; doch genauso unver­ständ­lich erschien mir, warum sie an ihm fest­hielt, nach­dem er ihr so viel Schmerz zuge­fügt hatte. Hatte sie nicht etwas Bes­se­res ver­dient? Aber sie liebte ihn.

Sie war seine Chance auf ein ande­res Leben. Das jet­zige würde er nicht mehr lange durch­hal­ten kön­nen. Sie wur­den beide stän­dig über ihre Gren­zen hin­aus­ge­führt. Auch sie tat ihm weh. Manch­mal waren rich­tig glück­lich zusam­men, doch oft befan­den sie sich in einer sado­ma­so­chis­ti­schen Bezie­hung, die sie beide kaputt machte. Ruhe­pha­sen kann­ten sie kaum. Es ging vom Him­mel in die Hölle und wie­der zurück. Noch immer kämp­fen sie – ich hoffe, dass sie dafür belohnt werden!

Es gibt andere Jungs, die tief in Gewalt und Dro­gen abge­rutscht sind und denen ich nicht zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort begeg­nen wollte. Manch­mal konnte ich kaum fas­sen, dass Frauen solch schä­bige Typen aus­hiel­ten. Ich will sie nicht als Täter oder Opfer sti­li­sie­ren. Wahr­schein­lich sind sie bei­des. Ich bin nicht in ihren Schu­hen gelau­fen. Ich kann nur erah­nen, woher sie kom­men und wel­chen Reiz die moderne Welt auf sie aus­üben muss. Ist erst mal eine gewisse Grenze über­schrit­ten, gibt es kaum ein Zurück. Sie haben mit den tra­dier­ten Regeln radi­kal gebro­chen. Wer gehört hat, wel­che Straf­ak­tio­nen Punks in Aceh erdul­den muss­ten, bekommt eine Ahnung davon, welch mäch­tige Feinde man sich mit solch einem Lebens­stil beim Staat und unter Streng­gläu­bi­gen machen kann. Und nicht zuletzt kamen die Ver­lo­ckun­gen von außen: Dro­gen. Tou­ris­tin­nen. Rap. Life­style. Wer­bung. Geld. Das sind heim­tü­cki­sche Ver­su­chun­gen. Bis heute will ich mir kein abschlie­ßen­des Urteil anma­ßen. Ich mag bedau­ern, dass Tra­di­tio­nen ver­lo­ren­ge­hen, aber ich kann die Jungs nicht ver­ur­tei­len. Am Ende gibt es trotz aller Dif­fe­ren­zen Züge an ihnen, die auch mich prä­gen. Sie wol­len selbst­be­stimmt leben und lie­ben. Dass sie dabei oft völ­lig übers Ziel hin­aus­schie­ßen, ist ein ande­res Thema.

Manch­mal habe ich die Jungs gese­hen, wenn die Frauen wie­der abge­reist waren und man ihre ganze Erschöp­fung und Trauer sehen konnte. Viele waren nicht die har­ten Typen, als die sie sich gaben. Sie woll­ten glück­lich sein und wuss­ten nicht wie. Wie so viele von uns Jun­gen, die ange­sichts der rasan­ten Ver­än­de­run­gen unse­rer Zeit mehr denn je zwi­schen alter und neuer Welt zer­ris­sen sind.

Doch diese Ent­wick­lung ist höchs­tens ein Vor­bote einer gewal­ti­gen Welle, die auf Lom­bok zurollt.

 

Ojang und die Hochzeiten

 

Nach einer Woche kehrte im Homes­tay wie­der mehr Ruhe ein. Die meis­ten Sur­fer­boys waren wei­ter gezo­gen. Ich begann, ein inni­ges Ver­hält­nis zu mei­ner Gast­fa­mi­lie auf­zu­bauen – beson­ders zu Ojang. Das war umso erstaun­li­cher, weil er zwar ein paar Bro­cken Eng­lisch sprach, davon aber wenig Gebrauch machte und über­haupt nicht inter­es­siert war, sich den Tou­ris­ten anzu­pas­sen. Umso erfreu­ter war er, dass ich mich ernst­haft für die Kul­tur der Sasak interessierte.

Von Beginn an klei­dete ich mich in tra­di­tio­nel­len Sarongs. Ich grüßte die Ein­hei­mi­schen mit einem „salam aley­kum!“. Das sogte zwar bis­wei­len für etwas Irri­ta­tion, wurde jedoch nie­mals als des­pik­tier­lich aufgefaßt.

Als Ojang mich nach einer Woche ein­lud, an einer Hoch­zeit sei­nes Clans teil­zu­neh­men, war ich begeistert.

Am spä­ten Vor­mit­tag fuhr Ojang mit mir zu dem Teil sei­ner Fami­lie, der wei­ter im Lan­des­in­ne­ren wohnt. Er fuhr im Schne­cken­tempo. Offen­bar war ich ein Ehren­gast, und es machte ihm ebenso viel Freude wie mir, die posi­ti­ven Reak­tio­nen auf den Falang in tra­di­tio­nel­ler Fei­er­tracht aufzunehmen.

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Wir erreich­ten das kleine Dorf über eine schmale Straße. In der Regen­zeit ver­wan­del­ten sich diese nicht asphal­tier­ten Wege in wahre Schlammpisten.

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An den Reak­tio­nen der Dorf­be­woh­ner ließ sich able­sen, dass ich einer der weni­gen west­li­chen Besu­cher war, die je hier­her­ge­lang­ten. Im Haus der Fami­lie wur­den mir Tee, Kaf­fee, unglaub­lich schar­fes, aber ebenso schmack­haf­tes Essen und Tabak von den Fel­dern ange­bo­ten. Trotz der Sprach­bar­riere und der Tat­sa­che, dass mir abge­se­hen von ein paar ver­trau­ten Gesich­tern alle fremd waren, fühlte ich mich gut.

In einem rie­si­gen Fass wur­den Unmen­gen von Reis zube­rei­tet, zum Rüh­ren wurde eine Schau­fel benutzt.

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Die Frauen waren flei­ßig damit beschäf­tigt, immer neue Lecke­reien zuzu­be­rei­ten. Die impro­vi­sierte Bühne für das Braut­paar war schon reich geschmückt. Es wurde für den spä­ten Nach­mit­tag erwartet.

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Kaum waren wir ange­kom­men, begann es wie aus Eimern zu schüt­ten. Uner­müd­li­che Hel­fer befrei­ten die auf­ge­spann­ten Plas­tik­pla­nen vom Was­ser, bevor sie rissen.

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Ojang ver­trieb sich die Zeit mit einem Nicker­chen. Die ganze Hoch­zeits­ge­sell­schaft war­tete nun auf das Ende des Regens und die Ankunft des Braut­paars. Mein Freund Wahab, des­sen Schwes­ter ver­hei­ra­tet wurde, küm­merte sich um die gewal­tige Musik­an­lage, die in einer ohren­be­täu­ben­den Laut­stärke schep­pernd tra­di­tio­nelle Musik abspielte.

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Ich war für die Gäste ein Fas­zi­no­sum. Doch kei­ner schien den Gedan­ken zu hegen, dass ich hier fehl am Platz war. Das Star­ren war pure Neu­gier. Ich war glück­lich, end­lich ein­mal einer Hoch­zeit in Asien beizuwohnen.

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Nun folgte der Höhe­punkt. Wahab plat­zierte mich inmit­ten sei­ner männ­li­chen Fami­li­en­mit­glie­der. Alle waren fest­lich geschmückt. Die meis­ten tru­gen neben dem Sarong einen schwar­zen Frack und eine Gebets­mütze. Wahab gab mir seine. Da saß ich nun in ange­mes­se­ner Fest­klei­dung inmit­ten der gläu­bi­gen Mus­lime und fragte mich, ob ich wirk­lich hier­her gehörte.

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Die Fami­lie des Bräu­ti­gams erschien und nahm auf der Straße Auf­stel­lung. Nach­dem sie ein­ge­la­den wor­den war, setz­ten sie sich unse­rer Gruppe gegen­über. Es begann eine Art ritu­el­ler Dia­log zwi­schen den Patri­ar­chen der bei­den Fami­lien. Nach und nach ging es in ein Scha­chern um den Braut­preis über. Eine Holz­truhe mit wert­vol­len Stof­fen, ein klei­nes Holz­schwert und Bar­geld wech­sel­ten von der Fami­lie des Bräu­ti­gams zur Fami­lie der Braut. Ich hatte den Ein­druck, dass die genaue Geld­summe schon vor­her aus­ge­macht wor­den war. Trotz­dem wan­derte Geld hin und her, Ent­täu­schung zum Aus­druck gebracht, nach­ver­han­delt, wei­te­res Geld über­reicht und teil­weise wie­der zurück­ge­ge­ben. Am Ende waren alle zufrieden.

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Ich war beein­druckt, dass man mich unmit­tel­bar an der Über­gabe der Mit­gift teil­neh­men ließ. Die Hoch­zeit war zwar ein mus­li­mi­sches Fest, doch viele Ele­mente zeig­ten andere Ein­flüsse. Dafür spra­chen Far­ben, Tanz, Musik und Aus­ge­las­sen­heit. Der Dress des Braut­paars wies hin­du­is­ti­sche Züge auf, die von Bali hier­her geschwappt sein mussten.

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Tra­di­tion schien immer noch stär­ker als Ortho­do­xie zu sein. Ein­zig Alko­hol war Tabu. Nach­dem die Mit­gift aus­ge­han­delt wor­den war, erschien eine Musik­ka­pelle. Die Tromm­ler befan­den sich in Trance und spiel­ten mit­rei­ßende Rhythmen.

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Das Braut­paar posierte mit Gäs­ten auf der bereit­ge­stell­ten Bühne.

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So plötz­lich der Höhe­punkt des Fes­tes erreicht war, so schnell ver­ebbte er wie­der. Ich kehrte mit Ojang zum Homes­tay zurück. Auf der Rück­fahrt war ich immer noch sehr gerührt. Ich konnte nicht fas­sen, was ich da gerade erle­ben durfte.

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Die Insel war lange Zeit von einer ganz beson­de­ren Misch­re­li­gion bestimmt: Ihre Anhän­ger sind die Waktu (Wetu) Telu. In die­ser Reli­gion, die es aus­schließ­lich auf Lom­bok gibt, mischen sich Natur­re­li­gion, hin­du­is­ti­sche Glau­bens­vor­stel­lun­gen mit dem Sufis­mus, einer mys­ti­schen und tole­ran­ten Strö­mung des Islam. Ihr Enste­hen wird auf die Mis­sio­nie­rung durch Sufis aus Ost­java mit Beginn des 16. Jahr­hun­derts zurück­ge­führt. Die Sufis sind die isla­mi­schen Mys­ti­ker. Sie stre­ben danach, die Kluft zwi­schen sich und Gott zu über­brü­cken; sie sind das Gegen­stück zum Dogma des ortho­do­xen Islam, der zen­tral auf die unüber­wind­bare Distanz zwi­schen Mensch und Gott baut.

Die Waktu Lima sol­len um die Wende zum 17. Jahr­hun­dert in einer zwei­ten Welle von Mis­sio­na­ren aus Sula­wesi zum Islam bekehrt wor­den sein. Wäh­rend die Waku Telu haupt­säch­lich im Nor­den, Wes­ten und Süden der Insel leb­ten, war ihr Sied­lungs­ge­biet im Zen­trum und Osten der Insel. Mit den Sasa Boda gibt es auf Lom­bok noch eine sehr kleine dritte Gruppe von bud­dhis­ti­schen Sasak, die nie­mals mis­sio­niert wurden.

Mitte der 1960er Jahre began­nen sich die Gegen­sätze zwi­schen Waktu Telu und Waktu Lima zu ver­schär­fen. Die Telu hat­ten sich zum Des­po­ten Sukarno bekannt, der natio­na­lis­ti­sche, reli­giöse und kom­mu­nis­ti­sche Ideale mit­ein­an­der ver­mengte. Nach der Macht­über­nahme durch Prä­si­dent Suhato 1965 stan­den die Waktu Telu mit ihrer Sym­pa­thien für weit­rei­chende Land­re­for­men auf der fal­schen Seite. Wie so häu­fig, wenn ein Des­pot gestürzt wird, tra­ten die reli­giö­sen, sozia­len und eth­ni­schen Kon­flikte wie­der deut­lich zu Tage. Waktu Lima-Anhän­ger sahen nun die Hei­ra­ten der Waktu Telu nicht mehr als gül­tig an, wei­ger­ten sich, von ihnen geschlach­te­tes Fleisch zu essen und brand­mark­ten sie als Kom­mu­nis­ten und „Ungläu­bige“. Viele ihrer Moscheen wur­den abge­brannt und viele kon­ver­tier­ten aus Angst vor wei­te­ren Übergriffen.

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Der Tem­pel in Ling­sar ist ein­zig­ar­tig. Es gibt sowohl einen für Hin­dus als auch für Waktu Telu hei­li­gen Bereich.

 

Heute bezeich­net sich kaum noch ein Sasak öffent­lich als Waktu Telu, obwohl die Ein­flüsse unver­kenn­bar sind. Die auf wenige tau­send Beken­nende zurück­ge­gan­ge­nen Gemein­schaft lebt haupt­säch­lich in Bayan, im Nor­den der Insel und in abge­le­ge­nen Dör­fern in den höher­ge­le­ge­nen Regio­nen um den Rin­jani und in eini­gen Dör­fern im Süden. Sie neh­men weni­ger am wirt­schaft­li­chen Leben teil und glei­chen sich äußer­lich an, indem sie frei­tags in die Moschee gehen. Die Waktu Lima sind heute auf der gesam­ten Insel domi­nie­rend, nur im Wes­ten lebt eine grö­ßere Min­der­heit hin­du­is­ti­scher Balinesen.

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Seit dem 19. Jahr­hun­dert spie­len die „Tuan Guru“ eine ent­schei­dende Rolle bei der Mis­sio­nie­rung der ver­blie­be­nen Waktu Telu. Sie pilger(te)n zur Hadj nach Mekka und viele blie­ben danach noch jah­re­lang im heu­ti­gen Saudi-Ara­bien und Ägyp­ten und tra­fen auf die „reine Lehre des Islam“, die sich erheb­lich von dem unter­schied, was sie aus Lom­bok kann­ten. Nach ihrer Rück­kehr betrach­ten sie beson­ders die Waktu Telu mit ihrer Ahnen- und Natur­ver­eh­rung als einen syn­kre­tis­ti­schen Kult, der besei­tigt oder von unis­la­mi­schen Ele­men­ten gerei­nigt wer­den muss. Die Waktu Telu glau­ben an eine beseelte Geis­ter­welt und an „Dewi Anjani“, die Göt­tin des Vul­kans Rinjani.

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Die „Tuan Guru“ grün­de­ten Pes­an­tren (isla­mi­sche Inter­nate), Madras­sahs (Koran­schu­len) und neue Moscheen und kon­zen­trier­ten sich auf die Mis­sio­nie­rung im Nor­den der Insel. Sie grün­de­ten reli­giöse Netz­werke und wur­den zu einer immer stär­ke­ren poli­ti­schen Größe auf Lom­bok. Ohne ihre Rücken­de­ckung kam kein Poli­ti­ker mehr zu Macht. Gleich­zei­tig eta­blier­ten sie eigene Macht­zir­kel, die Gesund­heits­ver­sor­gung, Bil­dungsr­ein­rich­tun­gen und Sicher­heits­fra­gen inner­halb der loka­len Gemein­schaf­ten in ihre Hand nah­men und nach ihren Vor­stel­lun­gen umsetz­ten. Dabei stütz­ten sie sich auch auf das Adat-Recht, eine Art Gewohn­heits­recht, das in Indo­ne­sien als Par­al­lel­struk­tur neben staat­li­chem Recht und reli­giö­sen Rechts­nor­men besteht und Ein­fluss auf sämt­li­che Berei­che des täg­li­chen und zere­mo­ni­el­len Lebens nimmt.

 

Doch die­ser Pro­zess ist noch lange nicht abge­schlos­sen. Heute ste­hen auch die Waktu Lima unter gro­ßem Druck, ortho­do­xer zu wer­den. Aus den Golf­staa­ten und Saudi-Ara­bien fließt viel Geld nach Lom­bok. Auf der „Insel der tau­send Moscheen“ ent­ste­hen im Moment immer gewal­ti­gere Got­tes­häu­ser. Gerade der Neu­bau in der Haupt­stadt Mattaram ist gigan­tisch. Zum ande­ren spie­len die kos­ten­lo­sen Koran­schu­len eine bedeu­tende Rolle. Der Staat ist kor­rupt, die öffent­li­che Schuld­bil­dung für viele Fami­lien zu teuer. In diese Bre­sche sprin­gen die reli­giös gepräg­ten Schu­len. Die Gefahr einer mas­si­ven Ein­fluss­nahme auf die Wer­te­bil­dung der Kin­der besteht. Gerade die Wah­ha­bi­ten Saudi-Ara­bi­ens pro­pa­gie­ren eine strikte Form des Islam. Sie wol­len die Scha­ria als Rechts­sys­tem. Sie leh­nen die Viel­falt des Islam ab, ins­be­son­dere den (in ihren Augen unis­la­mi­schen) Sufis­mus. Den­noch muss man diese Streng­gläu­bi­gen deut­lich abgren­zen von mili­tan­ten Grup­pen wie Boko Haram, Abu Sajaf, Al Quaida oder dem IS. Ande­rer­seits ist unstrit­tig, dass radi­kale Grup­pie­run­gen von Saudi-Ara­bien und den Golf­staa­ten unter­stützt werden.

Der Begriff „Dschi­had“ wird unter­schied­lich aus­ge­legt. Er kann den mili­tä­ri­schen Kampf gegen Anders­gläu­bige mei­nen, aber genauso den inne­ren Kampf gegen die eige­nen Ver­su­chun­gen, vom Pfad der „rei­nen“ Lehre abzukommen.

Es wäre sehr bedau­er­lich, wenn den Men­schen auf Lom­bok ihre Tole­ranz ein­bü­ßen soll­ten. Noch kann man davon frei­lich nicht spre­chen. Doch es gibt andere Regio­nen Indo­ne­si­ens, in denen der Islam bereits deut­lich stren­ger aus­ge­legt wird. In Aceh auf Suma­tra herrscht die Scha­ria. Wir sehen zur­zeit stär­ker denn je, was radi­ka­les Gedan­ken­gut in allen Reli­gio­nen anrich­tet – egal ob es sich um Evan­ge­li­kale, Hindu-Natio­na­lis­ten oder Isla­mis­ten han­delt. Nur in Ver­stän­di­gung zwi­schen den Reli­gio­nen kann Zukunft liegen.

Mir steht die Vor­stel­lung nahe, dass es meh­rere Wege zu Gott gibt – falls es ihn denn gibt. Die­sen Gedan­ken ver­tre­ten auch die Sufis. Häu­fig wurde ich wegen mei­ner mus­li­mi­schen Klei­dung gefragt, ob ich Mos­lem sei. Ich ant­worte, dass es für mich nur einen Weg zu Gott gibt – über das Herz. Der Mys­ti­ker sucht Gott in sich selbst.

Auf der zwei­ten Hoch­zeit setzte ich mich für einige Zeit zu einer Gruppe, die etwas abseits saß; eine beson­ders fröh­li­che Dame kannte ich schon von mei­nem letz­ten Besuch, als sie mich immer zum Tan­zen ani­mie­ren wollte.

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Mir schien als würde die kleine Gruppe von den ande­ren miß­trau­isch beäugt. Als ein­zige kau­ten sie eine Mischung aus Betel­nuß, Kalk und Tabak. Da ich in Indien aus uner­find­li­chen Grün­deln nie­mals „pani“ pro­biert hatte, wollte ich mir die Erfah­rung nicht ent­ge­hen las­sen, was zu Belus­ti­gung und eini­ger Irri­ta­tion bei den ande­ren Hoch­zeits­gäs­ten führte – als hätte ich mich mit den „Ewig­gest­ri­gen“ zusam­men­ge­tan. Ein Mann aus der Gruppe, ein­deu­tig in der Tra­di­tion der Sufis ste­hend, zog mich Rich­tung Tanzfläche.

Nach eini­ger Über­re­dungs­kunst wagte ich mich ans Tan­zen. Zunächst im Ver­such, die aus­ge­klü­gel­ten Tanz­be­we­gun­gen mei­nes „Part­ners“ zu imi­tie­ren, bis er mir die Tanz­flä­che mit den enga­gier­ten Tän­ze­rin­nen über­ließ. Aller­dings ist es unmög­lich, tra­di­tio­nelle Tänze zu erler­nen, wenn man sich an Nie­man­den ori­en­tie­ren kann und dabei 100 Augen­paare jeden Schritt unter die Lupe neh­men. Das kos­tete mich gehö­rige Über­win­dung und meine wil­den Auf­tritte wur­den mit einer Mischung aus Belus­ti­gung und Respekt aufgenommen.

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Ein beson­de­res Kapi­tel sind die Musik­ka­pel­len, die von einer Hoch­zeit zur ande­ren tin­geln. Zu ihnen gehö­ren junge Tän­ze­rin­nen, die in ihren abge­schnit­te­nen Jeans, auf­rei­zen­den Blu­sen und stark geschminkt, inmit­ten der tra­di­tio­nell geklei­de­ten Hoch­zeits­gäste, gera­dezu por­no­gra­phisch wir­ken. Die Musik weist immer noch viele tra­di­tio­nelle Ele­mente auf, doch je mehr Geld der Hoch­zeits­ge­sell­schaft zur Ver­fü­gung steht, desto moder­ner wird die Musik. Reg­gae- und Disco-Anklänge sind durch­aus erwünscht. Das erzeugt bis­wei­len einen schar­fen Kon­trast: auf der einen Seite die junge Kapelle mit den auf­rei­zen­den Tän­ze­rin­nen und dem unver­meid­li­chen Bob Mar­ley als Deko auf der Trom­mel – auf der ande­ren Sei­ten die Hoch­zeits­gäste in ihren tra­di­tio­nel­len Gewändern.

Auf der letz­ten Hoch­zeit blo­ckier­ten wir mit 150 Hoch­zeits­teil­neh­mern den High­way. Lau­ter eupho­ri­sierte Men­schen auf Scoo­tern und Motor­rä­dern, ange­führt vom Braut­paar in einem Jeep und einem Trans­por­ter, auf dem eine gigan­ti­sche Musik­an­lage mit Live­mu­si­kern unser Kom­men ankün­digte. Die Poli­zei konnte nur das aller­größte Chaos ver­hin­dern; hier herrschte der Clan. Ange­sichts sol­cher Erfah­run­gen wähnte ich mich manch­mal wie in einem Traum.

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In den nächs­ten Wochen kaufte ich mir regel­mä­ßig neue Sarongs. Die Frauen, die Sarongs ver­kauf­ten, beka­men schon leuch­tende Augen, wenn sie mich sahen. Einer ist aus schwar­zer Seide mit einem Gold­rand, der nur bei Hoch­zei­ten getra­gen wird – dazu erstand ich den dazu­ge­hö­ri­gen tra­di­tio­nel­len Frack, eine Art Schärpe und Tücher, die kunst­voll als Kopf­be­de­ckung gebun­den wer­den und lieh mir einen Dolch. Ich wurde nun bei jeder Gele­gen­heit zu Hoch­zei­ten ein­ge­la­den. Am Ende wollte man auch mich ver­kup­peln. Ein wenig fühlte ich mich schon wie ein Teil der Familie.

Ich lebte in die­sen Tagen im Jetzt. Mit jedem Tag fühlte ich mich in mei­nem Homes­tay mehr zu Hause. Das Homes­tay war Anzie­hungs­punkt für viele span­nende Rei­sende. Sel­ten in mei­nem Leben habe ich der­ma­ßen viele gute Men­schen ken­nen­ge­lernt, so gute Gesprä­che geführt und fand so leicht zu den unter­schied­lichs­ten Arten von Men­schen. Ich war durch­läs­sig wie ein Schwamm und sog alles in mich hin­ein. Ich war oft über­dreht, manch­mal drohte meine Stim­mung zu kip­pen, doch es gelang mir, ein fra­gi­les Gleich­ge­wicht zu hal­ten. Ich war glück­lich wie selten.

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Ich ver­traute mei­ner Intui­tion und zeigte meine Gefühle offen. Mein Haupt­be­zugs­punkt blieb die Gast­fa­mi­lie. Ich war in einen Raum direkt neben der Fami­lie gezo­gen und war nun mit­ten im Gesche­hen. Schon am Mor­gen zogen mich die strah­len­den Gesich­ter in den Tag.

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Ich wurde für meine Ver­hält­nisse zu einem Früh­auf­ste­her. Doch wenn ich gegen acht Uhr das Licht des Tages erblickte, war die Fami­lie schon seit Stun­den auf den Bei­nen. Sie erwachte mit dem Ruf des Muez­zins um 4.30 Uhr. Mit dem Son­nen­auf­gang machte sich an die Arbeit auf dem Feld oder ums Haus. Wenn ich vor das Homes­tay trat, um die Nach­barn zu begrü­ßen, hatte jeder ein Lächeln für mich übrig. Die Fami­lie staunte über die Atmo­sphäre, die ich mir in mei­nem Zuhause schuf.

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Nach­dem man mich gele­gent­lich bei ein­fa­chen Yoga­übun­gen gesich­tet hat­ten, nann­ten sie mich „Yoga“. Manch­mal ver­trau­ten sie mir ein Baby an. Als ich zwi­schen­zeit­lich meine Kre­dit­karte ver­lo­ren hatte, stand ich nach vier Wochen mit der kom­plet­ten Miete für das Zim­mer und den Scoo­ter in der Kreide. Obwohl es sich schwie­rig gestal­tete, an neues Geld zu gelan­gen, über­raschte mich Ojang nach einem Besuch in der Stadt mit einer kom­plet­ten Gar­ni­tur neuer Klei­dung – als Geschenk. Da sie wuss­ten, dass ich kaum Bar­geld hatte, durfte ich mich an ihrem Essen bedie­nen, wann immer ich wollte. Es waren sol­che Ges­ten, die mich fast zu Trä­nen rühr­ten. So komisch es klingt: Neben kur­zen Abste­chern zum Schwim­men ver­brachte ich gerade mal drei halbe Tage am Strand. Zu sehr genoss das sel­tene Gefühl, mich hei­misch zu füh­len. Ich hatte mich rich­tig schön ein­ge­rich­tet. Mein Pracht­stück war ein wun­der­schö­ner Gane­sha (der Hindu-Gott mit dem Ele­fan­ten­kopf), der aus einem Baum­stamm geschnitzt wor­den war.

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Nun hatte ich neben mei­ner Biblio­thek und dem Koch­ge­schirr sogar mei­nen eige­nen Tem­pel. Mor­gens aß ich mei­nen obli­ga­to­ri­schen Pfann­ku­chen und sam­melte Hibis­kus­blü­ten für mei­nen Tem­pel. Den Tisch vor mei­nem Zim­mer hatte ich außer­dem mit Muscheln, Ker­zen, Post­kar­ten und eini­gen Sarongs deko­riert. Ich ent­zün­dete Räu­cher­stäb­chen, abends brann­ten Ker­zen und immer lief Musik. Abends rich­tete ich für den Hund der Fami­lie ein Nacht­la­ger her.

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Wie­der ein­mal wurde deut­lich, was für Ener­gie in mir steckt, wenn es mir gelingt, das Gedan­ken­ka­rus­sell in mei­nem Kopf zum Still­stand zu brin­gen und den Kampf zwi­schen den ver­schie­de­nen Antei­len in mir zeit­wei­lig zu befrieden.

Gele­gent­lich begab ich mich auf psy­che­de­li­sche Rei­sen. Die Pilze wach­sen wäh­rend der Regen­zeit in rauen Men­gen. Die Zeit im Hima­laya und die Erfah­run­gen am Rin­jani und wäh­rend unse­res Boott­rips waren für mich stark spi­ri­tu­ell geprägt. Ich fühlte mich der Natur so nahe wie lange nicht mehr. Ich emp­fand tiefe Lebens­freude. Die Trips waren keine Par­ty­lau­nen, son­dern tiefe, bis­wei­len mys­ti­sche Erfah­run­gen, Rituale. Es war meine Art, mich für das zu bedan­ken, was mir auf die­ser Reise an Gutem wider­fah­ren war, und dass es mir end­lich gelang, Liebe anzu­neh­men und an andere zu ver­schen­ken, ohne irgend­eine Gegen­leis­tung zu erwar­ten. Die­ses Bedürf­nis kam aus mei­nem Inners­ten. Ich erin­nerte mich der Toten, die ich geliebt hatte und ließ eine Kerze für sie bren­nen. Manch­mal saß ich wäh­rend die­ser Astral­rei­sen auf mei­nem gemüt­li­chen Lager, das ich mir jedes Mal neu vor mei­nem Zim­mer arran­gierte, und fühlte mich in der Glut­hitze der tro­pi­schen Nacht und der Ker­zen wie ein Scha­mane. Auch inner­lich glühte ich. Der Baba in mir jauchzte.

Manch­mal betrach­tete ich den tro­pi­schen Him­mel und fühlte mich in der Zeit zurück­ver­setzt, in einen Erfah­rungs­ho­ri­zont, der Bestand hatte, bevor uns die Wis­sen­schaf­ten die Welt schein­bar erklärt haben, und den wir ver­lo­ren hat­ten. Ich ver­suchte mich in meine Vor­fah­ren hin­ein­zu­ver­set­zen, die gerade aus ihrer Höhle tra­ten. Die Gewalt der Ele­mente berauschte und ängs­tigte sie. Ein Zustand jen­seits des Den­kens. Pures Sein. Dann fiel es mir leicht zu ver­ges­sen, wie sehr wir uns von unse­rem natür­li­chen Seins­zu­stand ent­fernt haben. Dort­hin zog es mich zurück.

 

Expe­di­tio­nen

 

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Beson­dere Erfah­run­gen waren auch meine Aus­flüge in den Süd­wes­ten der Insel. Es waren Expe­di­tio­nen ins Unbe­kannte, Grenz­über­schrei­tun­gen im bes­ten Sinne. Nur wenige Kilo­me­ter ost­wärts endet das tou­ris­tisch erschlos­sene Lombok.

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Jen­seits gab es noch drei Surf­s­pots, die gele­gent­lich von aben­teu­er­lus­ti­gen Sur­fern ange­steu­ert wur­den, und eine Hand­voll teu­rer Resorts. Es war schwie­rig, Eng­lisch spre­chende Ein­hei­mi­sche zu fin­den. Es gibt reich­lich Gele­gen­heit, sich zu ver­fah­ren. Gleich bei mei­ner ers­ten Tour ver­lor ich radi­kal die Ori­en­tie­rung und lan­dete am Ende an zwei atem­be­rau­ben­den Orten, an denen ich der ein­zige Mensch weit und breit war.

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Manch­mal fuhr ich 10 Stun­den auf dem Scoo­ter. Immer wei­ter. Keine Limits. Dann musste ich stun­den­lang in der Dun­kel­heit zurück fah­ren. Es war ein Draht­seil­akt. Auf der einen Seite ergriff mich ein Gefühl der Fremde, das ich in die­ser Inten­si­tät sel­ten gespürt hatte, ande­rer­seits war es das Aus­le­ben mei­nes Ent­de­cker­triebs, was mich in einen wah­ren Freu­den­tau­mel versetzte.

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Auf einer Tour gelangte ich in ein Dorf, das so abge­le­gen war, dass hier seit Jah­ren kein Aus­län­der mehr vor­bei­ge­kom­men war. Ent­spre­chend waren die Reak­tio­nen der Kinder.Sie umring­ten mich und ich bedau­erte, kein Indo­ne­sisch zu sprechen.

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An einem ein­sa­men Strand sah ich Ein­hei­mi­schen beim Ver­la­den von Sea­weed zu:

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Dann wie­der wurde ich von Hir­ten am Strand auf einen Wein ein­ge­la­den. In der Regen­zeit konnte sich das Wet­ter inner­halb kür­zes­ter Zeit radi­kal ver­än­dern und hef­tige Regen­güsse und Stürme feg­ten mich fast von der Straße. Oft konnte ich mich gerade noch irgendwo unter­stel­len. Wenn es gar nicht auf­hörte zu reg­nen, blieb mir nur im strö­men­den Regen zurück­zu­fah­ren. Mil­lio­nen von Frö­schen waren plötz­lich auf den Stra­ßen. Ich fuhr fast wie blind.

 

Der Ozean

 

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Ein paar Mal ging ich Body­sur­fen. Ich weiß genau, wie schnell ich dem Surf-Sport ver­fal­len würde. Ein­mal in den Wogen, kriegt mich kei­ner mehr aus dem Was­ser. Wel­len sind mein Ele­ment. Die Urge­walt des auf­ge­peitsch­ten Oze­ans hat mich schon immer fas­zi­niert. Es gibt kaum etwas, das mich so sehr berauscht wie das Spiel mit der Bran­dung; ein Spiel, das jeder­zeit kip­pen kann. Ein Gefühl, das mir meine Leben­dig­keit inten­siv ver­ge­gen­wär­tigt: Der Kick zwi­schen Ekstase und Panik, der pure Gegen­wart und Kon­zen­tra­tion erzwingt. Der Ver­stand steht still. Pures Sein. Ich liebe es, mich gegen den Sog der Welle zu stel­len und pfeil­schnell auf dem Kamm der Welle dem Strand ent­ge­gen zu rasen. Die Stun­den ver­ge­hen wie im Flug. In einer Sekunde fühle ich mich völ­lig erschöpft, im nächs­ten von Ener­gie durch­strömt. Das gehört zu den macht­volls­ten und zugleich demü­tigs­ten Emp­fin­dun­gen, die ich kenne.

Die Lek­tio­nen waren ein­drück­lich: Ich brauchte allein 45 Minu­ten, um zu der Welle zu gelan­gen. Alle ande­ren waren mit dem Board drau­ßen und blick­ten ver­wun­dert auf den komi­schen Kerl ohne Brett. Direkt vor dem Riff musste ich kämp­fen, um nicht von der Bran­dung auf dem Riff zer­schmet­tert zu wer­den – bis zur völ­li­gen Erschöp­fung. Erst die Krämpfe zogen mich zum Strand zurück.

 

Dunkle Schat­ten am Horizont

 

Die Lebens­be­din­gun­gen der Men­schen ver­än­dern sich vie­ler­orts in einer atem­be­rau­ben­den Geschwin­dig­keit. Mit dem Tou­ris­mus hat auch die Gier auf der Insel Ein­zug gehal­ten. Land­be­sit­zer in den tou­ris­tisch erschlos­se­nen Gebie­ten kön­nen der Ver­su­chung kaum wider­ste­hen, ihr Land zu ver­kau­fen. Die Preise haben sich ver­viel­facht – und ein Ende des Real-Estate-Booms ist nicht in Sicht. In Sen­gigi an der West­küste ist die­ser Pro­zess weit­ge­hend abge­schlos­sen. An der Süd­küste hat der Aus­ver­kauf längst ein­ge­setzt. Im Hin­ter­land der Küste ent­ste­hen luxu­riöse Vil­len. Auf mei­nen Erkun­dungs­fahr­ten sind mir immer wie­der rei­che Rus­sen, Japa­ner, Aus­tra­lier oder US-Ame­ri­ka­ner begeg­net, die nach einem Ort suchen, um ihren Traum zu ver­wirk­li­chen. Das schafft natür­lich Neid bei denen, die nicht davon pro­fi­tie­ren und sich diese Ent­wick­lung aus der Ferne anse­hen müssen.

Erst nach mei­ner Rück­kehr habe ich die Pläne zur Erschlie­ßung des Are­als zwi­schen Kuta und Geru­puk recher­chiert und bin auf den Man­da­lika-Mas­ter­plan gesto­ßen. Mit Ent­set­zen musste ich fest­stel­len, dass die detail­lier­ten Pläne meine schlim­men Befürch­tun­gen noch über­stei­gen. Wie­der wird ein exklu­si­ver Traum für eine kleine Schicht von Rei­chen ver­wirk­licht. Mit Golf­platz, dem Feri­en­club Med, Luxus­re­sorts, eige­nem Sicher­heits­dienst und pri­va­ten Vil­las. Es war der­selbe Wahn, der Kam­bo­dschas Küste mit sei­nen Inseln bald in ein exklu­si­ves Para­dies ver­wan­deln würde. Inklu­sive Casi­nos, Ten­nis­plät­zen und Direkt­ver­bin­dun­gen in die gro­ßen Metro­po­len. Würde es für immer so wei­ter­ge­hen und am Ende alles auf dem Altar des Kom­mer­zes geop­fert wer­den? Es würde wie immer sein: ein klei­ner Teil der Ein­hei­mi­schen würde pro­fi­tie­ren und der Rest würde seine Hei­mat in Zukunft fast wie Fremde betrach­ten. Was für eine Ambi­va­lenz: Die „West­ler“ zer­stö­ren mit­tel­fris­tig das, was sie suchen – ein erst vor Jah­ren erschlos­se­nes Para­dies; viele Ein­hei­mi­schen nei­den genau das, was sie zerstört.

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Die Preise für Bau­ma­te­ria­lien haben deut­lich ange­zo­gen. Beson­ders hart getrof­fen hat das die Besit­zer der klei­nen Restau­rants und Geschäfte, die sich am Strand von Kuta ange­sie­delt hat­ten. Sie waren ent­eig­net wor­den; man hatte ihre Exis­tenz mit dem Bag­ger ver­nich­tet und ihnen deut­lich schlech­te­res Bau­land zuge­wie­sen – sonst gab es keine Ent­schä­di­gung. Für viele war es schwie­rig oder unmög­lich, die Kos­ten für ein neues Gebäude auf­zu­brin­gen. Genau hier würde die „par­king area“ für das nächste Dis­ney­land entstehen.

Die Men­schen wen­den sich immer stär­ker mate­ri­el­len Wer­ten zu. Sta­tus­sym­bole wer­den immer wich­ti­ger. Es ist kein Zufall, dass sich viele mei­ner jun­gen Freunde mit Geld und Han­dys auf ihren Pro­fil­bil­dern in sozia­len Netz­wer­ken zeigen.

Ein­mal besuchte ich einen Antique Shop am Rande von Kuta – ange­zo­gen von den schö­nen Expo­na­ten vor dem Geschäft. Die Preise waren für ver­mö­gende Tou­ris­ten und Aus­stei­ger aus­ge­legt. Ich kam mit dem Besit­zer ins Gespräch. Die Gier sprang ihm fast aus den Augen. In sei­nem Mund glit­zer­ten Gold­zähne. Ich wollte gerade gehen, als mir ein Bild über sei­nem Schreib­tisch auf­fiel. Die Land­schaft kam mir sehr bekannt vor. Und ich lag rich­tig. Es war in einer abge­le­ge­nen Region des Süd­wes­tens auf­ge­nom­men wor­den. Der Mann berich­tete mir, dass sein aus­tra­li­scher Chef dort vor 20 Jah­ren Land gekauft hatte, das jetzt ein Ver­mö­gen wert sei. Ich ver­wi­ckelte ihn in ein Gespräch über die Fol­gen die­ser Spe­ku­la­tion mit Land, die viel­leicht ein­zel­nen nut­zen mochte, für die Insel­ge­mein­schaft aber eine Kata­stro­phe war. Den gro­ßen Rei­bach machen meist große Kon­zerne. Oft wer­den dabei Men­schen aus ihrer Hei­mat ver­trie­ben. Die Chance, das Land im Sinne der nächs­ten Genera­tion zu nut­zen, wird immer mehr ver­spielt. Er erzählte mir, dass er selbst große Län­de­reien besaß, die er gerne ver­kauft hätte. Er war sich sogar schon mit einem Inves­tor einig gewor­den. Eine Mil­lion Dol­lar hatte der gebo­ten. Ich konnte die Dol­lar­zei­chen in sei­nen Augen auf­blit­zen sehen. Er hätte so gerne einen gro­ßen Jeep gekauft, all seine Träume ver­wirk­licht. Doch seine Kin­der hat­ten ihr Veto ein­ge­legt und der Ver­kauf war nicht zustande gekom­men. Ich lobte die Kin­der für ihre Weit­sicht. Er schaute ein wenig betre­ten drein, mur­melte, dass sie viel­leicht recht gehabt hat­ten, stieg auf sein edles Motor­rad und brauste davon.

Ich führte viele sol­cher Gesprä­che. Das wirkte zwangs­läu­fig ein wenig skur­ril: Da kommt einer aus der deka­den­ten Ers­ten Welt, nach der so viele stre­ben, und kri­ti­siert die Gier in der Drit­ten. Natür­lich musste das absurd erschei­nen. Aber wir haben bereits gese­hen, wohin die Gier führt. Immer mehr Men­schen erken­nen, dass wir nicht glück­li­cher wer­den, son­dern immer abhän­gi­ger vom schnel­len Glück. Umso wich­ti­ger schien es mir, die­ser Hal­tung Aus­druck zu geben; ganz gleich, wo ich bin. Schließ­lich geht es um glo­bale Fra­gen. Zugleich inter­es­siert mich das Schick­sal der Insel und sei­ner Bewoh­ner sehr. Immer wie­der frage ich mich, was ich und andere den Leu­ten, die über­all das große Rad dre­hen, ent­ge­gen­set­zen können.

Doch noch sind wir nicht genug und die­je­ni­gen, die mit fieb­ri­gen Augen die­sen Fort­schritt begrü­ßen, ken­nen noch nicht das Ende vom Lied. Wenn sie es hören kön­nen, wer­den viele Ent­wick­lun­gen nur noch schwer umkehr­bar sein. Die Pro­fi­teure wer­den sich mit Klauen weh­ren, irgend­et­was von ihren neuen Pfrün­den wie­der her­zu­ge­ben. Die Insel steht vor einer Zer­reiß­probe: auf der einen Seite steht eine rasante Moder­ni­sie­rung und der Ein­zug der Mas­sen­tou­ris­mus; auf der ande­ren ein Erstar­ken eines ortho­do­xen Islam mit aus­ge­spro­chen tra­di­tio­nel­len Wer­ten. Man muss kein Hell­se­her seien, um hef­tige Span­nun­gen auf­kom­men zu sehen. 2002 und 2005 hat­ten sich diese Span­nun­gen in Kuta auf Bali in ver­hee­ren­den Bom­ben­an­schlä­gen ent­la­den. Auch sonst ist die Par­al­lele erschre­ckend. Dies­selbe Firma, die einst Kuta auf Bali „ent­wi­ckelt“ hat, ist wie­der am Werk. Das andere Kuta ist längst zum Inbe­griff des Mas­sen­tou­ris­mus gewor­den. Der Ver­kehrs­in­farkt ist Rea­li­tät, die schma­len Gas­sen wim­meln von auf­dring­li­chen Geschäf­te­ma­chern, die Pro­sti­tu­tion blüht. Ein bun­tes Par­ty­volk tor­kelt im Voll­suff durch die Stra­ßen, wenn sie nicht gerade die all­ge­gen­wär­ti­gen Märkte plün­dern. Die Aus­tra­lier fei­ern hier ihren Spring Break. Man muss schon sehr genau hin­se­hen, um noch irgend­eine Bebau­ungs­lü­cke zu ent­de­cken, auf der nicht gerade ein neues Hotel ent­steht. Das Nacht­le­ben schil­lert in allen Far­ben, Tech­no­bässe vibrie­ren, Auf­putsch­mit­tel wer­den vor den Dis­ko­the­ken ver­kauft. Schrille Pop­mu­sik domi­niert, grelle Leucht­re­kla­men blen­den und die Fast­food-Ket­ten machen Kasse. Hard Rock Café hat sich ange­sie­delt. In jedem klei­nen Super­markt steht ein eige­ner Bankautomat.

Wenn ich dann wie­der an Süd­lom­bok denke, das gerade aus sei­nem Dorn­rös­chen­schlaf erwacht und dem eine vor­sich­tige Ent­wick­lung seine Seele bewah­ren könnte, möchte ich laut schreien. Noch immer kann ich mir nicht vor­stel­len, dass die­ser Ort ver­lo­ren geht, wie so viele vor ihm. Da trös­tet mich auch nicht, dass der Traum viel­leicht irgend­wann aus­ge­träumt sein wird und wie­der Ruhe ein­keh­ren wird. Auch dann würde es nie mehr wer­den, wie es einst war. Warum lässt man den Men­schen nicht die Chance, das Tempo der Ver­än­de­rung mit­zu­be­stim­men? Wer­den diese ver­fluch­ten Hunde denn nie satt? Mir wäre egal was sie tun, wenn sie nicht ande­ren den Raum zum Atmen neh­men würden.

 

Abschied

 

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Mit wel­cher Selbst­ver­ständ­lich­keit Lom­bok mit sei­nen Men­schen mein Herz erobert hat, war atem­be­rau­bend. Ich war über­wäl­tigt, dass es trotz feh­len­der Indo­ne­sisch-Kennt­nisse mög­lich war, so tief in eine lokale Gemein­schaft ein­zu­tau­chen – dem Herz der Insel. Mir wider­fuh­ren jeden Tag her­aus­for­dernde, wun­der­volle und intime Erfah­run­gen. Ich hatte vor Wild­frem­den getanzt, das Unbe­kannte erforscht, war glück­lich, nach­denk­lich, eksta­tisch, melan­cho­lisch, berauscht  – ich hatte das ganze Spek­trum mensch­li­cher Erfah­rung erlebt. Zum Abschied ver­an­stal­tete ich ein klei­nes Grill­fest. Als ich mich über die holp­rige Straße von mei­nem Zuhause weg­be­wegte, war ich trau­rig und glück­lich zugleich. Es war die Zeit mei­nes Lebens. Ich hoffe, ich kann irgend­wann wie­der vor dem Homes­tay ste­hen und mit einem Strah­len auf dem Gesicht unschul­dig nach einem Zim­mer fra­gen. Ich hoffe sehr, dass sich die Insel trotz all die­ser bedroh­li­chen Ent­wick­lun­gen etwas von ihrem Zau­ber erhal­ten kann. Vor allem den Men­schen auf der Insel wün­sche ich das!

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Es war einer die­ser Orte, die mich zum Blei­ben ein­ge­la­den hat­ten. Mir erschien es so, als hätte ich mit all mei­nem Rei­sen, mit all mei­nem Erwar­ten, ja Seh­nen, nichts ande­res im Sinn gehabt, als hier anzu­kom­men, mich zu set­zen und Ruhe zu fin­den. Zugleich war mir bewusst, wie schwie­rig, ja fast unmög­lich mein Wunsch war, so dass Freude und Trauer sich misch­ten. Mir wurde immer deut­li­cher bewusst, wie sehr das gleich­zei­tige Seh­nen nach Auf­bruch und Ruhe an einem Men­schen zer­ren kann, bis er schließ­lich zu zer­rei­ßen droht. Denn noch trieb mich die Mage der Suche immer weiter.

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Die Berichte von den Aben­teu­ern des Babas und Abduls bei der Bestei­gung des Rin­jani und wäh­rend ihrer Boots­tour nach Sum­bawa, Komodo und Flo­res sind eben­falls als Rei­se­de­pe­schen veröffentlicht:

zum Feu­er­gott: die Bestei­gung des Rin­jani auf Lombok

Boots­tour zu den klei­nen Sunda-Inseln: Die Tita­nic, der Pirat und die Drachen

Cate­go­riesIndo­ne­sien
  1. Reisetiger says:

    Schö­ner Arti­kel! Wir waren von Lom­bok auch total begeis­tert und gerade die Strände um Kuta sind mit die schöns­ten die wir in vier Mona­ten in Süd­ost­asien gese­hen haben . Toll, dass du auch so viele unge­wöhn­li­che Erfah­run­gen gemacht hast! Da könnte ich direkt wie­der losreisen…Viel Spaß weiterhin!

    1. Vie­len Dank! Die Süd­küste ist wirk­lich unglaub­lich. Ich ver­misse Lom­bok und seine Men­schen noch immer und träume mich regel­mä­ßig dort­hin. Liebe Grüße! Oleander

  2. Maximilian says:

    Wow, der Arti­kel ist ja ein hal­bes Buch, mit dem Inhalt meh­re­rer Bücher. Man kann ein klein wenig erah­nen, welch inten­sive Erfah­run­gen du gemacht haben musst. Lom­bok steht auch bei mir auf der Liste der noch zu berei­sen­den Ziele, bis Bali bin ich schon gekom­men und auch dort ist es – wenn man sich aus­ser­halb der vie­len Tou­ris­ten­pfade bewegt – fast nicht zu ver­mei­den, die eine oder andere spi­ri­tu­elle Erfah­rung zu machen – sofern man mit sol­chen Din­gen etwas anfan­gen kann. Aller­dings muss man nicht ver­rei­sen um einen spi­ri­tu­el­len Weg ein­zu­schla­gen, man möchte es kaum glau­ben, aber ich mache der­lei Erfah­run­gen oft genug im Auto auf dem Heim­weg von der Arbeit … aber das ist ein ande­res Thema.

    Die gesell­schaft­li­chen Abgründe die du schil­derst, sind so oder so ähn­lich in allen Gesell­schaf­ten zu fin­den, deren meist junge Mit­glie­der mit dem alt­her­ge­brach­ten Lebens­stil bre­chen und dem Aben­teuer fol­gen – oder dem was sie dafür hal­ten. Das ist in Deutsch­land nicht anders als in Indo­ne­sien. Schnell ist der Grat zwi­schen Selbst­fin­dung und Selbst­auf­gabe in die fal­sche Rich­tung über­schrit­ten. Aber das pas­siert auch dem erz­kon­ser­va­ti­ven Ban­ker oder dem Worka­lo­lic. Nur dass deren Absturz mit dem Mode­wort des Bur­nout gesell­schafts­fä­hig gemacht wurde – wer auf Dro­gen abstürzt ist dage­gen ein Assozialer …

    Wie auch immer, Indo­ne­sien ist für mich ein span­nen­des Pflas­ter und auch eines das mir Angst macht. Gerade die reli­giö­sen Span­nun­gen kön­nen sich dort sicher­lich sehr hef­tig ent­la­den. Immer dann wenn Armut und Reich­tum gegen­über­ste­hen und sich skru­pel­lose Macht­hung­rige der Reli­gion bedie­nen um ihren eige­nen Stand zu fes­ti­gen, wird es zwangs­läu­fig hef­tig – in jedem Land.

    Aber Indo­ne­sien wird mich hof­fent­lich bald wie­der­se­hen und auch Lom­bok werde ich dann besu­chen. Bis dahin bleibt mir eine Kom­bi­na­tion aus der google Bild­su­che, Wiki­pe­dia, Wiki­tra­vel, Sunda Spi­rit, Büchern und natür­lich Blogs wie die­sem hier um die größte Sehn­sucht erträg­lich zu machen.

    Liebe Grüße aus dem (erz­kon­ser­va­ti­ven) Voralpenland
    Max

    1. Hallo Max! Ein Hang zur umfang­rei­chen Repor­tage ist mir kaum abzu­spre­chen ;-) Mir war es wich­tig, die Viel­schich­tig­keit der Insel, die ich ken­nen­ler­nen durfte, dar­zu­stel­len, zugleich auf Ent­wick­lun­gen ein­zu­ge­hen, die ich immer wie­der beob­ach­ten konnte/musste. Selbst­ver­sta­end­lich kann man in Bali wei­ter­hin spi­ri­tu­elle Erfah­run­gen machen und ich gebe Dir auch abso­lut recht, dass man kei­nes­wegs in die Ferne zie­hen muss, um sol­che Erfah­run­gen zu machen. Etwas anders sehe ich den Ver­gleich zwi­schen Deutsch­land und Indo­ne­sien. Zwar sind es in der Tat aehn­li­che Ent­wick­lun­gen die ablau­fen, aber der grosse Unter­schied ist doch, in wel­cher Geschwin­dig­keit sich diese Pro­zesse voll­zie­hen. Der gesell­schaft­li­che Wan­del, der sich in Deutsch­land seit den 60ern voll­zo­gen hat, voll­zieht sich in Indo­ne­sien wie eine Erup­tion bin­nen weni­ger Jahre. Und das im Ange­sicht einer erheb­lich koner­va­ti­ve­ren Eltern­ge­nera­tion. In gewis­ser Hin­sicht ist diese Rebel­lion wohl eher mit dem Auf­ein­an­der­pral­len unter­schied­li­cher Wel­ten in Zei­ten der 68er und Hip­pies zu ver­glei­chen, nur dass die moderne Welt sich noch wesent­lich schnel­ler dreht als damals.
      Prin­zi­pi­ell halte ich Indo­ne­sien fuer ein tole­ran­tes mus­li­mi­sches Land, Aus­wu­echse wie in Aceh sind sicher die Aus­nahme. Aber der Ein­fluss aus den Golf­staa­ten und Saudi-Ara­bien machen mir Sorge.
      Den­noch ist wich­tig, das Bild nicht zu ver­zerrt war­zu­neh­men, die Radi­ka­len sind eine Min­der­heit. In Marokko darf ich gerade wie­der einen sehr tole­ran­ten und span­nen­den mus­li­mi­schen Kul­tur­kreis kennenlernen.
      Dir viel Glueck und span­nende Erfah­run­gen auf Dei­nen naechs­ten Rei­sen. Es lebe die Sehnsucht!
      Liebe Gru­esse ins Erz­kon­ser­va­tive :-) Oleander

  3. Sam says:

    Danke für deine aus­führ­li­che Geschichte ole­an­der! Meine Geschichte ver­lief sehr ähn­lich, ich habe in Myan­mar meine spi­ri­tu­elle Seite ent­deckt und in homes­tays in Indo­ne­sien sowie in den Phil­ip­pi­nen wei­ter­ent­wi­ckelt. Sogar das herum expe­ri­men­tie­ren mit Pil­zen ver­lief bei mir sehr ähn­lich. Es fällt mir sehr schwie­rig diese Ent­wick­lung in Worte zu fas­sen, schön das du es geschafft hast. Du sprichst mir echt aus der Seele, groß­ar­tig zu lesen das es ande­ren ähn­lich erging. 

    Gib unbe­dingt bescheid wenn du in der nahe von der Schweiz bist, wäre sicher span­nend sich zu treffen!

    1. Hallo Sam! Vie­len Dank fuer Dei­nen Kom­men­tar! Freut mich sehr, dass Du Dich in der Repor­tage wie­der­ent­de­cken konn­test; ich hoffe, dass ich im Som­mer mal einen Abste­cher in die Schweiz machen kann, wird ohne­hin Zeit, dass ich mich dort wie­der bli­cken lasse. Einst­wei­len liebe Gru­esse aus Marokko! Oleander

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