Wild und frei

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Wild und frei

Lombok lag als Ziel schon länger vor meinem inneren Auge. Dreieinhalb Jahre zuvor hatte ich am Strand von Gili Trawangan gelegen und sehnsüchtig auf die Insel geblickt, die vom Vulkanmassiv des Rinjani gekrönt wird. Doch meine Reise war damals kurz vor ihrem Ende. Es war wie so oft: Ich musste zurück, obwohl ich noch so viel mehr sehen wollte, und schwor mir, wieder­zu­kommen.

 

Als ich Lombok erreichte, lagen sechs Monate in Indien hinter mir, vierein­halb davon hatte ich im Himalaya verbracht. Ich hatte Pässe bezwungen, war in entle­gene Winkel vorge­stoßen und hatte endlose Busfahrten auf mich genommen. Ich hatte Einsamkeit ausge­standen und immer neue Grenzen einge­rissen. In Varanasi hatte mich die Mail von Abdul erreicht, der überlegte, mich in Asien zu besuchen. Ich stellte ihm Sri Lanka, die Philippinen und Indonesien zur Wahl. Seine Wahl fiel auf Indonesien. Die verblie­benen 10 Tage nutzte ich, um die über 4000 Kilometer bis nach Kerala im Süden Indiens vorzu­stoßen und einen für mich ganz wichtigen Ort in Goa zu besuchen. Lange Zeit war dies mein Ankerplatz:

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Nun war ich auf der Suche nach einem neuen Hafen.

Der Maniker borgt vom Morgen, sagte mir kürzlich ein Freund. Als ich Bali erreichte, hatte ich bereits einen gehörigen Kredit aufge­nommen; was nun folgen sollte, knüpfte genau da an. Eigentlich sprach alles dafür, alle viere von mir zu strecken und mir eine wohlver­diente Auszeit an einem Palmenstrand zu gönnen. Dagegen sprachen 14 Tage. So lange würden Abdul und mir gemeinsam bleiben. Also fuhren wir direkt mit der Fähre von Padangbai nach Lembar an der Südwestküste Lomboks. Von dort aus reisten wir weiter nach Kuta, ganz im Süden der Insel. Ich nahm den Ort zunächst nur auf der Durchreise wahr. Die zwei Tage vergingen wie im Flug. Wir erkun­deten die Küstenstraßen östlich und westlich auf Scootern und waren überzeugt, dass es sich lohnen musste, allein hier zwei Wochen zu verbringen.

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Oli und ich in Mawun Beach

Abdul blickt versonnen auf die zauber­hafte Bucht von Mawun; der Baba steht Kopf…

 

Ich wollte noch einmal zurück­kehren, um dieses wunder­bare Fleckchen Erde ausgiebig zu erkunden. So ließ ich meinen großen Rucksack in unserem gemüt­li­chen Homestay. Meine Intuition sollte mich nicht im Stich lassen.

Die 14 Tage hatten wir genutzt, um den Rinjani zu besteigen und eine epische Bootsfahrt nach Sumbawa, Komodo, Rinca und Flores zu unter­nehmen. Wir hatten die zwei Wochen vollständig ausge­reizt. Nach einem weiteren Abstecher auf Gili Trawangan, war ich glück­lich darüber, wieder nach Lombok zurück­zu­kehren. Alle Welt fuhr nach Trawangan, um es für Neujahr richtig krachen zu lassen. Ich schien der einzige Tourist zu sein, der die Insel verließ. Der Gedanke gefiel mir. Endlich kroch ich wieder aus dem Touristenkokon heraus.

Meine Rückkehr zum Diyah Homestay sorgte zunächst für etwas Konfusion. Nachdem ich mich der langen Haare und des Bartes entle­digt hatte, war ich nicht wieder­zu­er­kennen. Erst ein Foto von mir in alter Pracht sorgte für Klarheit.

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Den Silvesterabend verbrachte ich zu ausge­zeich­neter Musik in einer kleinen Bar am Strand. Ich begrüßte das neue Jahr tanzend. Ich bereute keine Sekunde, Trawangan verlassen zu haben. Ich mochte im Moment ein wenig einsam sein. Aber ich fühlte mich befreit. Ich konnte atmen. Es roch nach Abenteuer.

Von Anfang an begeis­terten mich die Freundlichkeit der Sasak und die reiche Natur der Insel. Die tägli­chen Fahrten auf dem Scooter versetzten mich in einen Rausch. Durch den Dschungel und entlang der wunder­schönen Buchten und Stränden zu fahren, die von wilden, felsigen Steilküsten einge­rahmt werden, war niemals ermüdend.

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Ich genoss die totale Freiheit, dorthin zu fahren, wo immer es mir beliebte. Häufig erkun­dete ich neue Strecken, wagte mich auf tücki­sche Pisten. Ich folgte nur meinem Instinkt. Manchmal hörte ich Musik oder sang aus vollem Herzen. Ich habe mich niemals so wild und frei gefühlt wie in den Wochen auf diesem atembe­rau­benden Eiland, das von der Macht der Vulkane, der Urgewalt des Ozeans, den rauen Stürmen und dem Monsun immer neu geformt wird. Die Insel ist reich an Ressourcen, Kunsthandwerk, edlen Stoffen, Mineralien, Früchten und Gewürzen. Im Inselinnern gedeiht der Dschungel. Wasserbüffel ziehen noch immer die meisten Pflüge. Mit ausge­klü­gelter Landschaftsarchitektur haben die Sasak Reiskulturen geschaffen, die in ihrer Pracht der natür­li­chen Schönheit der Insel kaum nachstehen.

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Die Surferboys

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Die erste Zeit im Homestay war ziemlich irritie­rend. Das lag an den Surferboys, die hier mit ihren auslän­di­schen Freundinnen abgestiegen waren. Sie stammten aus Lombok oder waren von Bali aus überge­sie­delt. Dort sind die Kuta-Cowboys, die den völlig überlau­fenen Kuta Beach bespielen, zu einem bekannten Phänomen geworden. Die Szene in Kuta auf Lombok ist wesent­lich überschau­barer.

Zunächst sah ich sie jeden Abend in großer Runde zusam­men­sitzen und dachte mir nichts weiter dabei. Zu lauter Musik betranken sie sich in Windeseile. Billiger Reiswein als Getränk der Wahl. Alle teilen sich ein Glas – besser kann man Gruppendruck nicht erzeugen. Jeder wartet auf den nächsten Shot. Ex und hopp. Manchmal besorgen die Frauen Wodka oder Rum. Selten gehören auch Magic-Mushroom-Shakes zum Programm. Danach geht es zu einer der Bars im Ort. Irgendwo wird immer eine Party gefeiert.

Die Jungs arbeiten in Surfshops, verleihen Boards und bieten Touristen ihre Dienste als Surflehrer an, bevor­zugt Frauen. In der näheren Umgebung finden sich eine ganze Reihe hervor­ra­gender Surfspots. Der Einstieg ist harmlos. Surfen ist für jeden eine inten­sive Erfahrung. Die Fahrten zu den Buchten sind von Traumkulissen veredelt, die Jungs sind total locker, reißen Witze. Sie kennen die schönsten Ecken der Insel.

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Am Abend sitzen sie zusammen. Viele Frauen lassen im Rausch alle Hemmungen fallen. Sie fühlen sich begehrt – die Jungs sind echte Männer. Viele sind tätowiert. Sie gerieren sich als Outlaws. Tupac bombt aus den Bässen. Nichts erinnert an das Ghetto. Und doch ist ein tiefer Graben spürbar. Einige Jungs haben gelernt, selbst Musik zu produ­zieren. Stolz präsen­tieren sie ihre eigenen Kreationen. Es gibt sogar eine eigene Hymne für die Reggae-Kultur der Insel: „Lombok I love you“. Die Jungen fahren Skateboard. Die Alten geben sich hart. Jeder verfügt über ein Repertoire flotter Sprüche. Vom knall­harten Typen bis zum roman­ti­schen Gitarrenspieler ist alles dabei. Die Frauen sitzen faszi­niert in der Runde. Hier gibt es das Abenteuer, von dem sie gehört haben. Die Jungs setzen auf Komplimente, dann wieder auf laszive Anzüglichkeiten. Sie haben offenbar eine lockere Einstellung zum Leben: man lebt nur einmal. Sie erfüllen den Frauen jeden Wunsch. Im Partyrausch entwi­ckelt sich oft mehr daraus. Manchmal bleibt es beim One-Night-Stand, nicht selten entsteht eine Beziehung für den Urlaub oder noch mehr.

Am Morgen warten wieder die Wellen. Am Abend die nächste Eroberung, die nächste Party, der nächste Rausch. Ein wildes, anstren­gendes Leben. Ein schmaler Grat. Das war es, was mich mit ihnen verband. Auch wenn sich mein Drahtseilakt ganz anders ausdrückt. Sie strebten zur westli­chen (Sub)Kultur; ich suchte nach dem, was sie hinter sich lassen wollten: einem einfa­chen, natur­nahen Leben. Doch eigent­lich galt es die goldene Mitte zwischen beidem zu finden.

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Gelegentlich folgte ich ihrer Einladung und setzte mich für eine Stunde dazu. So auch an diesem Abend vor einem Surfshop in Kuta. Was dann geschah, ließ mich auf Distanz gehen: Ein schmäch­tiger Junge tanzte völlig überdreht vor der Gruppe und machte seine Späße. Im nächsten Moment sackte er ohne Körperspannung in sich zusammen. Vermutlich war er völlig betrunken. Ich weiß nicht, ob er zuvor etwas Beleidigendes gesagt hatte. In jedem Fall hatte er die Wut eines finster drein­bli­ckenden Kollegen auf sich gezogen. Der war deutlich älter und kräfte­mäßig haushoch überlegen. Der Muskulöse rannte auf ihn zu und rammte dem Wehrlosen brutal und mit voller Wucht die Faust ins Gesicht. Der Junge verlor sofort das Bewusstsein. Er blutete wie ein Schwein. Erst nach Minuten kam er wieder langsam zu sich. Der Schlag hätte ihm für immer die Lichter ausblasen können. Es kam zu einem Tumult. Unkontrolliert ergoss sich das Adrenalin. Rudelbildung. Archaische Gewalt lag in der Luft. Blut kochte hoch. Für einige gab es kein Limit. Sie würden sich totschlagen, wenn keiner dazwi­schen ging. Es gab keine Chance für mich, als Außenstehender zu vermit­teln. Hätte ich es noch weiter drauf angelegt, hätte ich nur alle Aggressionen auf mich gelenkt. Mit Mühe konnten die halbwegs Vernünftigen die Schläger davon abhalten, dass alles im Wahn versank.

Ich hörte fortan immer wieder von Schlägereien. Meistens geht es dabei um Frauen. Denn die Jungs sind nicht so unschuldig, wie es manchmal scheint, wenn sie sich mit Bob-Marley-Floskeln die Zeit vertreiben. Was als harmloser Spaß mit den Frauen beginnt, entwi­ckelt sich oft zu gegen­sei­tiger Abhängigkeit. Die Frauen kehren wieder, sie machen Geschenke, sie bezahlen Unterkunft, Essen, Alkohol. Sie haben Macht. Sie erzählen ihren Freundinnen von ihren Erlebnissen. Seit es Direktverbindungen aus Australien gibt, kommen manche nur für das Wochenende. Die Jungs richten sich in diesem Leben ein. Es ist ein Leben im Jetzt. Was morgen ist, scheint egal. Ein Leben, das gierig macht.

Sie werden immer profes­sio­neller. Sie fangen an, gezielt nach Frauen zu suchen, die ihnen ein besseres Leben ermög­li­chen und holen sie mit dem Auto und pumpenden Bässen am Flughafen ab. Bald sind es mehrere Frauen. Es wird schwie­riger, die Besuche zu koordi­nieren, es entstehen verschie­dene Identitäten. Sie lernen es, sich perfekt auf die jewei­lige Frau einzu­stellen, pflegen Kontakte über Handy und soziale Netzwerke. Sie stehen in immer stärkerer Konkurrenz zuein­ander. Die Frauen auch. Zu Hause warten ihre Ehefrauen, mit denen sie häufig viel zu früh verhei­ratet wurden. Liebe spielte selten eine Rolle. Eine Scheidung würde für beide die gesell­schaft­liche Ächtung bedeuten.

Das Frauenbild auf der Insel unter­scheidet sich massiv von dem, was die Frauen aus der westli­chen Welt verkör­pern. Die Ehefrauen sind durch Tradition und Religion auf eine Rolle festge­legt, aus der sie kaum ausbre­chen können. Sie können es sich gesell­schaft­lich kaum leisten, auf eine dieser Partys zu gehen. Ich habe eine einzige Frau kennen gelernt, die einen ähnli­chen Lebenswandel pflegte wie die Jungs. Die Touristinnen könnten gegen­sätz­li­cher kaum sein. Sie fühlen sich wie im Paradies. Sie haben Urlaub und sind auf indivi­du­elles Vergnügen aus. Sie können ihre Sexualität ausleben. Sie haben Geld. Sie sind unfassbar frei und selbst­be­wusst. Entsprechend groß ist ihre Attraktivität. Den Ehefrauen geht es ganz anders: Sie müssen mitan­sehen, wie sie betrogen werden und können nichts dagegen tun. Sie erfüllen ihre Pflichten und wissen, dass sich ihre Ehemänner mit anderen Frauen austoben.

Natürlich kann man nicht alle in einen Topf werfen. Manchmal verlieben sich die Jungs tatsäch­lich. Das Gleiche gilt für die Frauen. Für viele ist es nicht mehr als ein Spiel, andere meinen es ernst. Eines dieser Paare lernte ich kennen: sie war schon lange mit ihm zusammen und kannte seine Schattenseiten ganz genau. Sie hatte sich immer wieder erwei­chen lassen, immer neues Geld geliehen, Seitensprünge verziehen, neues Vertrauen geschenkt. Auch er versuchte das Unmögliche – das Leben als Gigolo an den Nagel zu hängen. Zumindest ein Teil von ihm. Der andere sabotierte jeden Versuch. Es war unend­lich schwer. Schließlich gab ihm die Gruppe Halt. In gewisser Weise war sie seine Familie, in der klare Hierarchien herrschen. Es gibt keinen leichten Weg heraus. Er war kein schlechter Mensch. Ich fand ihn sogar sympa­thisch, obwohl ich wusste, dass zwei sehr gegen­sätz­liche Seiten in ihm steckten. Ich konnte beide Pole verstehen. Sie waren Ergebnis seiner Sozialisation. Und die Versuchungen lauerten überall: falsche Freunde, Drogen, Provokationen, Ex-Freundinnen, die sich nehmen, was sie wollen, die wissen, wie man manipu­liert. Daraus entstand eine Beziehung voller Extreme: furcht­bare Enttäuschungen, bedin­gungs­lose Liebe, Zweifel, Wut, Hass, Trauer, Schmerz. Ich bewun­derte ihren unbedingten Willen und die Kraft, wieder­keh­rende Enttäuschungen und Misstrauen auszu­halten und ihm immer wieder zu verzeihen; doch genauso unver­ständ­lich erschien mir, warum sie an ihm festhielt, nachdem er ihr so viel Schmerz zugefügt hatte. Hatte sie nicht etwas Besseres verdient? Aber sie liebte ihn.

Sie war seine Chance auf ein anderes Leben. Das jetzige würde er nicht mehr lange durch­halten können. Sie wurden beide ständig über ihre Grenzen hinaus­ge­führt. Auch sie tat ihm weh. Manchmal waren richtig glück­lich zusammen, doch oft befanden sie sich in einer sadoma­so­chis­ti­schen Beziehung, die sie beide kaputt machte. Ruhephasen kannten sie kaum. Es ging vom Himmel in die Hölle und wieder zurück. Noch immer kämpfen sie – ich hoffe, dass sie dafür belohnt werden!

Es gibt andere Jungs, die tief in Gewalt und Drogen abgerutscht sind und denen ich nicht zur falschen Zeit am falschen Ort begegnen wollte. Manchmal konnte ich kaum fassen, dass Frauen solch schäbige Typen aushielten. Ich will sie nicht als Täter oder Opfer stili­sieren. Wahrscheinlich sind sie beides. Ich bin nicht in ihren Schuhen gelaufen. Ich kann nur erahnen, woher sie kommen und welchen Reiz die moderne Welt auf sie ausüben muss. Ist erst mal eine gewisse Grenze überschritten, gibt es kaum ein Zurück. Sie haben mit den tradierten Regeln radikal gebro­chen. Wer gehört hat, welche Strafaktionen Punks in Aceh erdulden mussten, bekommt eine Ahnung davon, welch mächtige Feinde man sich mit solch einem Lebensstil beim Staat und unter Strenggläubigen machen kann. Und nicht zuletzt kamen die Verlockungen von außen: Drogen. Touristinnen. Rap. Lifestyle. Werbung. Geld. Das sind heimtü­cki­sche Versuchungen. Bis heute will ich mir kein abschlie­ßendes Urteil anmaßen. Ich mag bedauern, dass Traditionen verlo­ren­gehen, aber ich kann die Jungs nicht verur­teilen. Am Ende gibt es trotz aller Differenzen Züge an ihnen, die auch mich prägen. Sie wollen selbst­be­stimmt leben und lieben. Dass sie dabei oft völlig übers Ziel hinaus­schießen, ist ein anderes Thema.

Manchmal habe ich die Jungs gesehen, wenn die Frauen wieder abgereist waren und man ihre ganze Erschöpfung und Trauer sehen konnte. Viele waren nicht die harten Typen, als die sie sich gaben. Sie wollten glück­lich sein und wussten nicht wie. Wie so viele von uns Jungen, die angesichts der rasanten Veränderungen unserer Zeit mehr denn je zwischen alter und neuer Welt zerrissen sind.

Doch diese Entwicklung ist höchs­tens ein Vorbote einer gewal­tigen Welle, die auf Lombok zurollt.

 

Ojang und die Hochzeiten

 

Nach einer Woche kehrte im Homestay wieder mehr Ruhe ein. Die meisten Surferboys waren weiter gezogen. Ich begann, ein inniges Verhältnis zu meiner Gastfamilie aufzu­bauen – beson­ders zu Ojang. Das war umso erstaun­li­cher, weil er zwar ein paar Brocken Englisch sprach, davon aber wenig Gebrauch machte und überhaupt nicht inter­es­siert war, sich den Touristen anzupassen. Umso erfreuter war er, dass ich mich ernst­haft für die Kultur der Sasak inter­es­sierte.

Von Beginn an kleidete ich mich in tradi­tio­nellen Sarongs. Ich grüßte die Einheimischen mit einem »salam aleykum!«. Das sogte zwar bisweilen für etwas Irritation, wurde jedoch niemals als despik­tier­lich aufge­faßt.

Als Ojang mich nach einer Woche einlud, an einer Hochzeit seines Clans teilzu­nehmen, war ich begeis­tert.

Am späten Vormittag fuhr Ojang mit mir zu dem Teil seiner Familie, der weiter im Landesinneren wohnt. Er fuhr im Schneckentempo. Offenbar war ich ein Ehrengast, und es machte ihm ebenso viel Freude wie mir, die positiven Reaktionen auf den Falang in tradi­tio­neller Feiertracht aufzu­nehmen.

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Wir erreichten das kleine Dorf über eine schmale Straße. In der Regenzeit verwan­delten sich diese nicht asphal­tierten Wege in wahre Schlammpisten.

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An den Reaktionen der Dorfbewohner ließ sich ablesen, dass ich einer der wenigen westli­chen Besucher war, die je hierher­ge­langten. Im Haus der Familie wurden mir Tee, Kaffee, unglaub­lich scharfes, aber ebenso schmack­haftes Essen und Tabak von den Feldern angeboten. Trotz der Sprachbarriere und der Tatsache, dass mir abgesehen von ein paar vertrauten Gesichtern alle fremd waren, fühlte ich mich gut.

In einem riesigen Fass wurden Unmengen von Reis zubereitet, zum Rühren wurde eine Schaufel benutzt.

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Die Frauen waren fleißig damit beschäf­tigt, immer neue Leckereien zuzube­reiten. Die impro­vi­sierte Bühne für das Brautpaar war schon reich geschmückt. Es wurde für den späten Nachmittag erwartet.

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Kaum waren wir angekommen, begann es wie aus Eimern zu schütten. Unermüdliche Helfer befreiten die aufge­spannten Plastikplanen vom Wasser, bevor sie rissen.

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Ojang vertrieb sich die Zeit mit einem Nickerchen. Die ganze Hochzeitsgesellschaft wartete nun auf das Ende des Regens und die Ankunft des Brautpaars. Mein Freund Wahab, dessen Schwester verhei­ratet wurde, kümmerte sich um die gewal­tige Musikanlage, die in einer ohren­be­täu­benden Lautstärke schep­pernd tradi­tio­nelle Musik abspielte.

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Ich war für die Gäste ein Faszinosum. Doch keiner schien den Gedanken zu hegen, dass ich hier fehl am Platz war. Das Starren war pure Neugier. Ich war glück­lich, endlich einmal einer Hochzeit in Asien beizu­wohnen.

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Nun folgte der Höhepunkt. Wahab platzierte mich inmitten seiner männli­chen Familienmitglieder. Alle waren festlich geschmückt. Die meisten trugen neben dem Sarong einen schwarzen Frack und eine Gebetsmütze. Wahab gab mir seine. Da saß ich nun in angemes­sener Festkleidung inmitten der gläubigen Muslime und fragte mich, ob ich wirklich hierher gehörte.

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Die Familie des Bräutigams erschien und nahm auf der Straße Aufstellung. Nachdem sie einge­laden worden war, setzten sie sich unserer Gruppe gegen­über. Es begann eine Art ritueller Dialog zwischen den Patriarchen der beiden Familien. Nach und nach ging es in ein Schachern um den Brautpreis über. Eine Holztruhe mit wertvollen Stoffen, ein kleines Holzschwert und Bargeld wechselten von der Familie des Bräutigams zur Familie der Braut. Ich hatte den Eindruck, dass die genaue Geldsumme schon vorher ausge­macht worden war. Trotzdem wanderte Geld hin und her, Enttäuschung zum Ausdruck gebracht, nachver­han­delt, weiteres Geld überreicht und teilweise wieder zurück­ge­geben. Am Ende waren alle zufrieden.

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Ich war beein­druckt, dass man mich unmit­telbar an der Übergabe der Mitgift teilnehmen ließ. Die Hochzeit war zwar ein musli­mi­sches Fest, doch viele Elemente zeigten andere Einflüsse. Dafür sprachen Farben, Tanz, Musik und Ausgelassenheit. Der Dress des Brautpaars wies hindu­is­ti­sche Züge auf, die von Bali hierher geschwappt sein mussten.

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Tradition schien immer noch stärker als Orthodoxie zu sein. Einzig Alkohol war Tabu. Nachdem die Mitgift ausge­han­delt worden war, erschien eine Musikkapelle. Die Trommler befanden sich in Trance und spielten mitrei­ßende Rhythmen.

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Das Brautpaar posierte mit Gästen auf der bereit­ge­stellten Bühne.

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So plötz­lich der Höhepunkt des Festes erreicht war, so schnell verebbte er wieder. Ich kehrte mit Ojang zum Homestay zurück. Auf der Rückfahrt war ich immer noch sehr gerührt. Ich konnte nicht fassen, was ich da gerade erleben durfte.

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Die Insel war lange Zeit von einer ganz beson­deren Mischreligion bestimmt: Ihre Anhänger sind die Waktu (Wetu) Telu. In dieser Religion, die es ausschließ­lich auf Lombok gibt, mischen sich Naturreligion, hindu­is­ti­sche Glaubensvorstellungen mit dem Sufismus, einer mysti­schen und toleranten Strömung des Islam. Ihr Enstehen wird auf die Missionierung durch Sufis aus Ostjava mit Beginn des 16. Jahrhunderts zurück­ge­führt. Die Sufis sind die islami­schen Mystiker. Sie streben danach, die Kluft zwischen sich und Gott zu überbrü­cken; sie sind das Gegenstück zum Dogma des ortho­doxen Islam, der zentral auf die unüber­wind­bare Distanz zwischen Mensch und Gott baut.

Die Waktu Lima sollen um die Wende zum 17. Jahrhundert in einer zweiten Welle von Missionaren aus Sulawesi zum Islam bekehrt worden sein. Während die Waku Telu haupt­säch­lich im Norden, Westen und Süden der Insel lebten, war ihr Siedlungsgebiet im Zentrum und Osten der Insel. Mit den Sasa Boda gibt es auf Lombok noch eine sehr kleine dritte Gruppe von buddhis­ti­schen Sasak, die niemals missio­niert wurden.

Mitte der 1960er Jahre begannen sich die Gegensätze zwischen Waktu Telu und Waktu Lima zu verschärfen. Die Telu hatten sich zum Despoten Sukarno bekannt, der natio­na­lis­ti­sche, religiöse und kommu­nis­ti­sche Ideale mitein­ander vermengte. Nach der Machtübernahme durch Präsident Suhato 1965 standen die Waktu Telu mit ihrer Sympathien für weitrei­chende Landreformen auf der falschen Seite. Wie so häufig, wenn ein Despot gestürzt wird, traten die religiösen, sozialen und ethni­schen Konflikte wieder deutlich zu Tage. Waktu Lima-Anhänger sahen nun die Heiraten der Waktu Telu nicht mehr als gültig an, weigerten sich, von ihnen geschlach­tetes Fleisch zu essen und brand­markten sie als Kommunisten und »Ungläubige«. Viele ihrer Moscheen wurden abgebrannt und viele konver­tierten aus Angst vor weiteren Übergriffen.

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Der Tempel in Lingsar ist einzig­artig. Es gibt sowohl einen für Hindus als auch für Waktu Telu heiligen Bereich.

 

Heute bezeichnet sich kaum noch ein Sasak öffent­lich als Waktu Telu, obwohl die Einflüsse unver­kennbar sind. Die auf wenige tausend Bekennende zurück­ge­gan­genen Gemeinschaft lebt haupt­säch­lich in Bayan, im Norden der Insel und in abgele­genen Dörfern in den höher­ge­le­genen Regionen um den Rinjani und in einigen Dörfern im Süden. Sie nehmen weniger am wirtschaft­li­chen Leben teil und gleichen sich äußer­lich an, indem sie freitags in die Moschee gehen. Die Waktu Lima sind heute auf der gesamten Insel dominie­rend, nur im Westen lebt eine größere Minderheit hindu­is­ti­scher Balinesen.

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Seit dem 19. Jahrhundert spielen die »Tuan Guru« eine entschei­dende Rolle bei der Missionierung der verblie­benen Waktu Telu. Sie pilger(te)n zur Hadj nach Mekka und viele blieben danach noch jahre­lang im heutigen Saudi-Arabien und Ägypten und trafen auf die »reine Lehre des Islam«, die sich erheb­lich von dem unter­schied, was sie aus Lombok kannten. Nach ihrer Rückkehr betrachten sie beson­ders die Waktu Telu mit ihrer Ahnen- und Naturverehrung als einen synkre­tis­ti­schen Kult, der besei­tigt oder von unisla­mi­schen Elementen gerei­nigt werden muss. Die Waktu Telu glauben an eine beseelte Geisterwelt und an »Dewi Anjani«, die Göttin des Vulkans Rinjani.

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Die »Tuan Guru« gründeten Pesantren (islami­sche Internate), Madrassahs (Koranschulen) und neue Moscheen und konzen­trierten sich auf die Missionierung im Norden der Insel. Sie gründeten religiöse Netzwerke und wurden zu einer immer stärkeren politi­schen Größe auf Lombok. Ohne ihre Rückendeckung kam kein Politiker mehr zu Macht. Gleichzeitig etablierten sie eigene Machtzirkel, die Gesundheitsversorgung, Bildungsreinrichtungen und Sicherheitsfragen inner­halb der lokalen Gemeinschaften in ihre Hand nahmen und nach ihren Vorstellungen umsetzten. Dabei stützten sie sich auch auf das Adat-Recht, eine Art Gewohnheitsrecht, das in Indonesien als Parallelstruktur neben staat­li­chem Recht und religiösen Rechtsnormen besteht und Einfluss auf sämtliche Bereiche des tägli­chen und zeremo­ni­ellen Lebens nimmt.

 

Doch dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen. Heute stehen auch die Waktu Lima unter großem Druck, ortho­doxer zu werden. Aus den Golfstaaten und Saudi-Arabien fließt viel Geld nach Lombok. Auf der »Insel der tausend Moscheen« entstehen im Moment immer gewal­ti­gere Gotteshäuser. Gerade der Neubau in der Hauptstadt Mattaram ist gigan­tisch. Zum anderen spielen die kosten­losen Koranschulen eine bedeu­tende Rolle. Der Staat ist korrupt, die öffent­liche Schuldbildung für viele Familien zu teuer. In diese Bresche springen die religiös geprägten Schulen. Die Gefahr einer massiven Einflussnahme auf die Wertebildung der Kinder besteht. Gerade die Wahhabiten Saudi-Arabiens propa­gieren eine strikte Form des Islam. Sie wollen die Scharia als Rechtssystem. Sie lehnen die Vielfalt des Islam ab, insbe­son­dere den (in ihren Augen unisla­mi­schen) Sufismus. Dennoch muss man diese Strenggläubigen deutlich abgrenzen von militanten Gruppen wie Boko Haram, Abu Sajaf, Al Quaida oder dem IS. Andererseits ist unstrittig, dass radikale Gruppierungen von Saudi-Arabien und den Golfstaaten unter­stützt werden.

Der Begriff »Dschihad« wird unter­schied­lich ausge­legt. Er kann den militä­ri­schen Kampf gegen Andersgläubige meinen, aber genauso den inneren Kampf gegen die eigenen Versuchungen, vom Pfad der »reinen« Lehre abzukommen.

Es wäre sehr bedau­er­lich, wenn den Menschen auf Lombok ihre Toleranz einbüßen sollten. Noch kann man davon freilich nicht sprechen. Doch es gibt andere Regionen Indonesiens, in denen der Islam bereits deutlich strenger ausge­legt wird. In Aceh auf Sumatra herrscht die Scharia. Wir sehen zurzeit stärker denn je, was radikales Gedankengut in allen Religionen anrichtet – egal ob es sich um Evangelikale, Hindu-Nationalisten oder Islamisten handelt. Nur in Verständigung zwischen den Religionen kann Zukunft liegen.

Mir steht die Vorstellung nahe, dass es mehrere Wege zu Gott gibt – falls es ihn denn gibt. Diesen Gedanken vertreten auch die Sufis. Häufig wurde ich wegen meiner musli­mi­schen Kleidung gefragt, ob ich Moslem sei. Ich antworte, dass es für mich nur einen Weg zu Gott gibt – über das Herz. Der Mystiker sucht Gott in sich selbst.

Auf der zweiten Hochzeit setzte ich mich für einige Zeit zu einer Gruppe, die etwas abseits saß; eine beson­ders fröhliche Dame kannte ich schon von meinem letzten Besuch, als sie mich immer zum Tanzen animieren wollte.

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Mir schien als würde die kleine Gruppe von den anderen mißtrau­isch beäugt. Als einzige kauten sie eine Mischung aus Betelnuß, Kalk und Tabak. Da ich in Indien aus unerfind­li­chen Gründeln niemals »pani« probiert hatte, wollte ich mir die Erfahrung nicht entgehen lassen, was zu Belustigung und einiger Irritation bei den anderen Hochzeitsgästen führte – als hätte ich mich mit den »Ewiggestrigen« zusam­men­getan. Ein Mann aus der Gruppe, eindeutig in der Tradition der Sufis stehend, zog mich Richtung Tanzfläche.

Nach einiger Überredungskunst wagte ich mich ans Tanzen. Zunächst im Versuch, die ausge­klü­gelten Tanzbewegungen meines »Partners« zu imitieren, bis er mir die Tanzfläche mit den engagierten Tänzerinnen überließ. Allerdings ist es unmög­lich, tradi­tio­nelle Tänze zu erlernen, wenn man sich an Niemanden orien­tieren kann und dabei 100 Augenpaare jeden Schritt unter die Lupe nehmen. Das kostete mich gehörige Überwindung und meine wilden Auftritte wurden mit einer Mischung aus Belustigung und Respekt aufge­nommen.

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Ein beson­deres Kapitel sind die Musikkapellen, die von einer Hochzeit zur anderen tingeln. Zu ihnen gehören junge Tänzerinnen, die in ihren abgeschnit­tenen Jeans, aufrei­zenden Blusen und stark geschminkt, inmitten der tradi­tio­nell geklei­deten Hochzeitsgäste, geradezu porno­gra­phisch wirken. Die Musik weist immer noch viele tradi­tio­nelle Elemente auf, doch je mehr Geld der Hochzeitsgesellschaft zur Verfügung steht, desto moderner wird die Musik. Reggae- und Disco-Anklänge sind durchaus erwünscht. Das erzeugt bisweilen einen scharfen Kontrast: auf der einen Seite die junge Kapelle mit den aufrei­zenden Tänzerinnen und dem unver­meid­li­chen Bob Marley als Deko auf der Trommel – auf der anderen Seiten die Hochzeitsgäste in ihren tradi­tio­nellen Gewändern.

Auf der letzten Hochzeit blockierten wir mit 150 Hochzeitsteilnehmern den Highway. Lauter eupho­ri­sierte Menschen auf Scootern und Motorrädern, angeführt vom Brautpaar in einem Jeep und einem Transporter, auf dem eine gigan­ti­sche Musikanlage mit Livemusikern unser Kommen ankün­digte. Die Polizei konnte nur das aller­größte Chaos verhin­dern; hier herrschte der Clan. Angesichts solcher Erfahrungen wähnte ich mich manchmal wie in einem Traum.

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In den nächsten Wochen kaufte ich mir regel­mäßig neue Sarongs. Die Frauen, die Sarongs verkauften, bekamen schon leuch­tende Augen, wenn sie mich sahen. Einer ist aus schwarzer Seide mit einem Goldrand, der nur bei Hochzeiten getragen wird – dazu erstand ich den dazuge­hö­rigen tradi­tio­nellen Frack, eine Art Schärpe und Tücher, die kunst­voll als Kopfbedeckung gebunden werden und lieh mir einen Dolch. Ich wurde nun bei jeder Gelegenheit zu Hochzeiten einge­laden. Am Ende wollte man auch mich verkup­peln. Ein wenig fühlte ich mich schon wie ein Teil der Familie.

Ich lebte in diesen Tagen im Jetzt. Mit jedem Tag fühlte ich mich in meinem Homestay mehr zu Hause. Das Homestay war Anziehungspunkt für viele spannende Reisende. Selten in meinem Leben habe ich dermaßen viele gute Menschen kennen­ge­lernt, so gute Gespräche geführt und fand so leicht zu den unter­schied­lichsten Arten von Menschen. Ich war durch­lässig wie ein Schwamm und sog alles in mich hinein. Ich war oft überdreht, manchmal drohte meine Stimmung zu kippen, doch es gelang mir, ein fragiles Gleichgewicht zu halten. Ich war glück­lich wie selten.

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Ich vertraute meiner Intuition und zeigte meine Gefühle offen. Mein Hauptbezugspunkt blieb die Gastfamilie. Ich war in einen Raum direkt neben der Familie gezogen und war nun mitten im Geschehen. Schon am Morgen zogen mich die strah­lenden Gesichter in den Tag.

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Ich wurde für meine Verhältnisse zu einem Frühaufsteher. Doch wenn ich gegen acht Uhr das Licht des Tages erblickte, war die Familie schon seit Stunden auf den Beinen. Sie erwachte mit dem Ruf des Muezzins um 4.30 Uhr. Mit dem Sonnenaufgang machte sich an die Arbeit auf dem Feld oder ums Haus. Wenn ich vor das Homestay trat, um die Nachbarn zu begrüßen, hatte jeder ein Lächeln für mich übrig. Die Familie staunte über die Atmosphäre, die ich mir in meinem Zuhause schuf.

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Nachdem man mich gelegent­lich bei einfa­chen Yogaübungen gesichtet hatten, nannten sie mich „Yoga“. Manchmal vertrauten sie mir ein Baby an. Als ich zwischen­zeit­lich meine Kreditkarte verloren hatte, stand ich nach vier Wochen mit der kompletten Miete für das Zimmer und den Scooter in der Kreide. Obwohl es sich schwierig gestal­tete, an neues Geld zu gelangen, überraschte mich Ojang nach einem Besuch in der Stadt mit einer kompletten Garnitur neuer Kleidung – als Geschenk. Da sie wussten, dass ich kaum Bargeld hatte, durfte ich mich an ihrem Essen bedienen, wann immer ich wollte. Es waren solche Gesten, die mich fast zu Tränen rührten. So komisch es klingt: Neben kurzen Abstechern zum Schwimmen verbrachte ich gerade mal drei halbe Tage am Strand. Zu sehr genoss das seltene Gefühl, mich heimisch zu fühlen. Ich hatte mich richtig schön einge­richtet. Mein Prachtstück war ein wunder­schöner Ganesha (der Hindu-Gott mit dem Elefantenkopf), der aus einem Baumstamm geschnitzt worden war.

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Nun hatte ich neben meiner Bibliothek und dem Kochgeschirr sogar meinen eigenen Tempel. Morgens aß ich meinen obliga­to­ri­schen Pfannkuchen und sammelte Hibiskusblüten für meinen Tempel. Den Tisch vor meinem Zimmer hatte ich außerdem mit Muscheln, Kerzen, Postkarten und einigen Sarongs dekoriert. Ich entzün­dete Räucherstäbchen, abends brannten Kerzen und immer lief Musik. Abends richtete ich für den Hund der Familie ein Nachtlager her.

Wieder einmal wurde deutlich, was für Energie in mir steckt, wenn es mir gelingt, das Gedankenkarussell in meinem Kopf zum Stillstand zu bringen und den Kampf zwischen den verschie­denen Anteilen in mir zeitweilig zu befrieden.

Gelegentlich begab ich mich auf psyche­de­li­sche Reisen. Die Pilze wachsen während der Regenzeit in rauen Mengen. Die Zeit im Himalaya und die Erfahrungen am Rinjani und während unseres Boottrips waren für mich stark spiri­tuell geprägt. Ich fühlte mich der Natur so nahe wie lange nicht mehr. Ich empfand tiefe Lebensfreude. Die Trips waren keine Partylaunen, sondern tiefe, bisweilen mysti­sche Erfahrungen, Rituale. Es war meine Art, mich für das zu bedanken, was mir auf dieser Reise an Gutem wider­fahren war, und dass es mir endlich gelang, Liebe anzunehmen und an andere zu verschenken, ohne irgend­eine Gegenleistung zu erwarten. Dieses Bedürfnis kam aus meinem Innersten. Ich erinnerte mich der Toten, die ich geliebt hatte und ließ eine Kerze für sie brennen. Manchmal saß ich während dieser Astralreisen auf meinem gemüt­li­chen Lager, das ich mir jedes Mal neu vor meinem Zimmer arran­gierte, und fühlte mich in der Gluthitze der tropi­schen Nacht und der Kerzen wie ein Schamane. Auch inner­lich glühte ich. Der Baba in mir jauchzte.

Manchmal betrach­tete ich den tropi­schen Himmel und fühlte mich in der Zeit zurück­ver­setzt, in einen Erfahrungshorizont, der Bestand hatte, bevor uns die Wissenschaften die Welt scheinbar erklärt haben, und den wir verloren hatten. Ich versuchte mich in meine Vorfahren hinein­zu­ver­setzen, die gerade aus ihrer Höhle traten. Die Gewalt der Elemente berauschte und ängstigte sie. Ein Zustand jenseits des Denkens. Pures Sein. Dann fiel es mir leicht zu vergessen, wie sehr wir uns von unserem natür­li­chen Seinszustand entfernt haben. Dorthin zog es mich zurück.

 

Expeditionen

 

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Besondere Erfahrungen waren auch meine Ausflüge in den Südwesten der Insel. Es waren Expeditionen ins Unbekannte, Grenzüberschreitungen im besten Sinne. Nur wenige Kilometer ostwärts endet das touris­tisch erschlos­sene Lombok.

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Jenseits gab es noch drei Surfspots, die gelegent­lich von abenteu­er­lus­tigen Surfern angesteuert wurden, und eine Handvoll teurer Resorts. Es war schwierig, Englisch sprechende Einheimische zu finden. Es gibt reich­lich Gelegenheit, sich zu verfahren. Gleich bei meiner ersten Tour verlor ich radikal die Orientierung und landete am Ende an zwei atembe­rau­benden Orten, an denen ich der einzige Mensch weit und breit war.

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Manchmal fuhr ich 10 Stunden auf dem Scooter. Immer weiter. Keine Limits. Dann musste ich stunden­lang in der Dunkelheit zurück fahren. Es war ein Drahtseilakt. Auf der einen Seite ergriff mich ein Gefühl der Fremde, das ich in dieser Intensität selten gespürt hatte, anderer­seits war es das Ausleben meines Entdeckertriebs, was mich in einen wahren Freudentaumel versetzte.

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Auf einer Tour gelangte ich in ein Dorf, das so abgelegen war, dass hier seit Jahren kein Ausländer mehr vorbei­ge­kommen war. Entsprechend waren die Reaktionen der Kinder.Sie umringten mich und ich bedau­erte, kein Indonesisch zu sprechen.

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An einem einsamen Strand sah ich Einheimischen beim Verladen von Seaweed zu:

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Dann wieder wurde ich von Hirten am Strand auf einen Wein einge­laden. In der Regenzeit konnte sich das Wetter inner­halb kürzester Zeit radikal verän­dern und heftige Regengüsse und Stürme fegten mich fast von der Straße. Oft konnte ich mich gerade noch irgendwo unter­stellen. Wenn es gar nicht aufhörte zu regnen, blieb mir nur im strömenden Regen zurück­zu­fahren. Millionen von Fröschen waren plötz­lich auf den Straßen. Ich fuhr fast wie blind.

 

Der Ozean

 

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Ein paar Mal ging ich Bodysurfen. Ich weiß genau, wie schnell ich dem Surf-Sport verfallen würde. Einmal in den Wogen, kriegt mich keiner mehr aus dem Wasser. Wellen sind mein Element. Die Urgewalt des aufge­peitschten Ozeans hat mich schon immer faszi­niert. Es gibt kaum etwas, das mich so sehr berauscht wie das Spiel mit der Brandung; ein Spiel, das jeder­zeit kippen kann. Ein Gefühl, das mir meine Lebendigkeit intensiv verge­gen­wär­tigt: Der Kick zwischen Ekstase und Panik, der pure Gegenwart und Konzentration erzwingt. Der Verstand steht still. Pures Sein. Ich liebe es, mich gegen den Sog der Welle zu stellen und pfeil­schnell auf dem Kamm der Welle dem Strand entgegen zu rasen. Die Stunden vergehen wie im Flug. In einer Sekunde fühle ich mich völlig erschöpft, im nächsten von Energie durch­strömt. Das gehört zu den macht­vollsten und zugleich demütigsten Empfindungen, die ich kenne.

Die Lektionen waren eindrück­lich: Ich brauchte allein 45 Minuten, um zu der Welle zu gelangen. Alle anderen waren mit dem Board draußen und blickten verwun­dert auf den komischen Kerl ohne Brett. Direkt vor dem Riff musste ich kämpfen, um nicht von der Brandung auf dem Riff zerschmet­tert zu werden – bis zur völligen Erschöpfung. Erst die Krämpfe zogen mich zum Strand zurück.

 

Dunkle Schatten am Horizont

 

Die Lebensbedingungen der Menschen verän­dern sich vieler­orts in einer atembe­rau­benden Geschwindigkeit. Mit dem Tourismus hat auch die Gier auf der Insel Einzug gehalten. Landbesitzer in den touris­tisch erschlos­senen Gebieten können der Versuchung kaum wider­stehen, ihr Land zu verkaufen. Die Preise haben sich verviel­facht – und ein Ende des Real-Estate-Booms ist nicht in Sicht. In Sengigi an der Westküste ist dieser Prozess weitge­hend abgeschlossen. An der Südküste hat der Ausverkauf längst einge­setzt. Im Hinterland der Küste entstehen luxuriöse Villen. Auf meinen Erkundungsfahrten sind mir immer wieder reiche Russen, Japaner, Australier oder US-Amerikaner begegnet, die nach einem Ort suchen, um ihren Traum zu verwirk­li­chen. Das schafft natür­lich Neid bei denen, die nicht davon profi­tieren und sich diese Entwicklung aus der Ferne ansehen müssen.

Erst nach meiner Rückkehr habe ich die Pläne zur Erschließung des Areals zwischen Kuta und Gerupuk recher­chiert und bin auf den Mandalika-Masterplan gestoßen. Mit Entsetzen musste ich feststellen, dass die detail­lierten Pläne meine schlimmen Befürchtungen noch übersteigen. Wieder wird ein exklu­siver Traum für eine kleine Schicht von Reichen verwirk­licht. Mit Golfplatz, dem Ferienclub Med, Luxusresorts, eigenem Sicherheitsdienst und privaten Villas. Es war derselbe Wahn, der Kambodschas Küste mit seinen Inseln bald in ein exklu­sives Paradies verwan­deln würde. Inklusive Casinos, Tennisplätzen und Direktverbindungen in die großen Metropolen. Würde es für immer so weiter­gehen und am Ende alles auf dem Altar des Kommerzes geopfert werden? Es würde wie immer sein: ein kleiner Teil der Einheimischen würde profi­tieren und der Rest würde seine Heimat in Zukunft fast wie Fremde betrachten. Was für eine Ambivalenz: Die „Westler“ zerstören mittel­fristig das, was sie suchen – ein erst vor Jahren erschlos­senes Paradies; viele Einheimischen neiden genau das, was sie zerstört.

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Die Preise für Baumaterialien haben deutlich angezogen. Besonders hart getroffen hat das die Besitzer der kleinen Restaurants und Geschäfte, die sich am Strand von Kuta angesie­delt hatten. Sie waren enteignet worden; man hatte ihre Existenz mit dem Bagger vernichtet und ihnen deutlich schlech­teres Bauland zugewiesen – sonst gab es keine Entschädigung. Für viele war es schwierig oder unmög­lich, die Kosten für ein neues Gebäude aufzu­bringen. Genau hier würde die »parking area« für das nächste Disneyland entstehen.

Die Menschen wenden sich immer stärker materi­ellen Werten zu. Statussymbole werden immer wichtiger. Es ist kein Zufall, dass sich viele meiner jungen Freunde mit Geld und Handys auf ihren Profilbildern in sozialen Netzwerken zeigen.

Einmal besuchte ich einen Antique Shop am Rande von Kuta – angezogen von den schönen Exponaten vor dem Geschäft. Die Preise waren für vermö­gende Touristen und Aussteiger ausge­legt. Ich kam mit dem Besitzer ins Gespräch. Die Gier sprang ihm fast aus den Augen. In seinem Mund glitzerten Goldzähne. Ich wollte gerade gehen, als mir ein Bild über seinem Schreibtisch auffiel. Die Landschaft kam mir sehr bekannt vor. Und ich lag richtig. Es war in einer abgele­genen Region des Südwestens aufge­nommen worden. Der Mann berich­tete mir, dass sein austra­li­scher Chef dort vor 20 Jahren Land gekauft hatte, das jetzt ein Vermögen wert sei. Ich verwi­ckelte ihn in ein Gespräch über die Folgen dieser Spekulation mit Land, die vielleicht einzelnen nutzen mochte, für die Inselgemeinschaft aber eine Katastrophe war. Den großen Reibach machen meist große Konzerne. Oft werden dabei Menschen aus ihrer Heimat vertrieben. Die Chance, das Land im Sinne der nächsten Generation zu nutzen, wird immer mehr verspielt. Er erzählte mir, dass er selbst große Ländereien besaß, die er gerne verkauft hätte. Er war sich sogar schon mit einem Investor einig geworden. Eine Million Dollar hatte der geboten. Ich konnte die Dollarzeichen in seinen Augen aufblitzen sehen. Er hätte so gerne einen großen Jeep gekauft, all seine Träume verwirk­licht. Doch seine Kinder hatten ihr Veto einge­legt und der Verkauf war nicht zustande gekommen. Ich lobte die Kinder für ihre Weitsicht. Er schaute ein wenig betreten drein, murmelte, dass sie vielleicht recht gehabt hatten, stieg auf sein edles Motorrad und brauste davon.

Ich führte viele solcher Gespräche. Das wirkte zwangs­läufig ein wenig skurril: Da kommt einer aus der dekadenten Ersten Welt, nach der so viele streben, und kriti­siert die Gier in der Dritten. Natürlich musste das absurd erscheinen. Aber wir haben bereits gesehen, wohin die Gier führt. Immer mehr Menschen erkennen, dass wir nicht glück­li­cher werden, sondern immer abhän­giger vom schnellen Glück. Umso wichtiger schien es mir, dieser Haltung Ausdruck zu geben; ganz gleich, wo ich bin. Schließlich geht es um globale Fragen. Zugleich inter­es­siert mich das Schicksal der Insel und seiner Bewohner sehr. Immer wieder frage ich mich, was ich und andere den Leuten, die überall das große Rad drehen, entge­gen­setzen können.

Doch noch sind wir nicht genug und dieje­nigen, die mit fiebrigen Augen diesen Fortschritt begrüßen, kennen noch nicht das Ende vom Lied. Wenn sie es hören können, werden viele Entwicklungen nur noch schwer umkehrbar sein. Die Profiteure werden sich mit Klauen wehren, irgend­etwas von ihren neuen Pfründen wieder herzu­geben. Die Insel steht vor einer Zerreißprobe: auf der einen Seite steht eine rasante Modernisierung und der Einzug der Massentourismus; auf der anderen ein Erstarken eines ortho­doxen Islam mit ausge­spro­chen tradi­tio­nellen Werten. Man muss kein Hellseher seien, um heftige Spannungen aufkommen zu sehen. 2002 und 2005 hatten sich diese Spannungen in Kuta auf Bali in verhee­renden Bombenanschlägen entladen. Auch sonst ist die Parallele erschre­ckend. Diesselbe Firma, die einst Kuta auf Bali »entwi­ckelt« hat, ist wieder am Werk. Das andere Kuta ist längst zum Inbegriff des Massentourismus geworden. Der Verkehrsinfarkt ist Realität, die schmalen Gassen wimmeln von aufdring­li­chen Geschäftemachern, die Prostitution blüht. Ein buntes Partyvolk torkelt im Vollsuff durch die Straßen, wenn sie nicht gerade die allge­gen­wär­tigen Märkte plündern. Die Australier feiern hier ihren Spring Break. Man muss schon sehr genau hinsehen, um noch irgend­eine Bebauungslücke zu entde­cken, auf der nicht gerade ein neues Hotel entsteht. Das Nachtleben schil­lert in allen Farben, Technobässe vibrieren, Aufputschmittel werden vor den Diskotheken verkauft. Schrille Popmusik dominiert, grelle Leuchtreklamen blenden und die Fastfood-Ketten machen Kasse. Hard Rock Cafe hat sich angesie­delt. In jedem kleinen Supermarkt steht ein eigener Bankautomat.

Wenn ich dann wieder an Südlombok denke, das gerade aus seinem Dornröschenschlaf erwacht und dem eine vorsich­tige Entwicklung seine Seele bewahren könnte, möchte ich laut schreien. Noch immer kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser Ort verloren geht, wie so viele vor ihm. Da tröstet mich auch nicht, dass der Traum vielleicht irgend­wann ausge­träumt sein wird und wieder Ruhe einkehren wird. Auch dann würde es nie mehr werden, wie es einst war. Warum lässt man den Menschen nicht die Chance, das Tempo der Veränderung mitzu­be­stimmen? Werden diese verfluchten Hunde denn nie satt? Mir wäre egal was sie tun, wenn sie nicht anderen den Raum zum Atmen nehmen würden.

 

Abschied

 

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Mit welcher Selbstverständlichkeit Lombok mit seinen Menschen mein Herz erobert hat, war atembe­rau­bend. Ich war überwäl­tigt, dass es trotz fehlender Indonesisch-Kenntnisse möglich war, so tief in eine lokale Gemeinschaft einzu­tau­chen – dem Herz der Insel. Mir wider­fuhren jeden Tag heraus­for­dernde, wunder­volle und intime Erfahrungen. Ich hatte vor Wildfremden getanzt, das Unbekannte erforscht, war glück­lich, nachdenk­lich, eksta­tisch, melan­cho­lisch, berauscht  – ich hatte das ganze Spektrum mensch­li­cher Erfahrung erlebt. Zum Abschied veran­stal­tete ich ein kleines Grillfest. Als ich mich über die holprige Straße von meinem Zuhause wegbe­wegte, war ich traurig und glück­lich zugleich. Es war die Zeit meines Lebens. Ich hoffe, ich kann irgend­wann wieder vor dem Homestay stehen und mit einem Strahlen auf dem Gesicht unschuldig nach einem Zimmer fragen. Ich hoffe sehr, dass sich die Insel trotz all dieser bedroh­li­chen Entwicklungen etwas von ihrem Zauber erhalten kann. Vor allem den Menschen auf der Insel wünsche ich das!

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Es war einer dieser Orte, die mich zum Bleiben einge­laden hatten. Mir erschien es so, als hätte ich mit all meinem Reisen, mit all meinem Erwarten, ja Sehnen, nichts anderes im Sinn gehabt, als hier anzukommen, mich zu setzen und Ruhe zu finden. Zugleich war mir bewusst, wie schwierig, ja fast unmög­lich mein Wunsch war, so dass Freude und Trauer sich mischten. Mir wurde immer deutli­cher bewusst, wie sehr das gleich­zei­tige Sehnen nach Aufbruch und Ruhe an einem Menschen zerren kann, bis er schließ­lich zu zerreißen droht. Denn noch trieb mich die Mage der Suche immer weiter.

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Die Berichte von den Abenteuern des Babas und Abduls bei der Besteigung des Rinjani und während ihrer Bootstour nach Sumbawa, Komodo und Flores sind ebenfalls als Reisedepeschen veröf­fent­licht:

zum Feuergott: die Besteigung des Rinjani auf Lombok

Bootstour zu den kleinen Sunda-Inseln: Die Titanic, der Pirat und die Drachen


Kommentare

  1. Avatar von Reisetiger

    Schöner Artikel! Wir waren von Lombok auch total begeis­tert und gerade die Strände um Kuta sind mit die schönsten die wir in vier Monaten in Südostasien gesehen haben . Toll, dass du auch so viele ungewöhn­liche Erfahrungen gemacht hast! Da könnte ich direkt wieder losreisen…Viel Spaß weiterhin!

    1. Avatar von Oleander Auffarth

      Vielen Dank! Die Südküste ist wirklich unglaub­lich. Ich vermisse Lombok und seine Menschen noch immer und träume mich regel­mäßig dorthin. Liebe Grüße! Oleander

  2. Avatar von Maximilian
    Maximilian

    Wow, der Artikel ist ja ein halbes Buch, mit dem Inhalt mehrerer Bücher. Man kann ein klein wenig erahnen, welch inten­sive Erfahrungen du gemacht haben musst. Lombok steht auch bei mir auf der Liste der noch zu berei­senden Ziele, bis Bali bin ich schon gekommen und auch dort ist es – wenn man sich ausser­halb der vielen Touristenpfade bewegt – fast nicht zu vermeiden, die eine oder andere spiri­tu­elle Erfahrung zu machen – sofern man mit solchen Dingen etwas anfangen kann. Allerdings muss man nicht verreisen um einen spiri­tu­ellen Weg einzu­schlagen, man möchte es kaum glauben, aber ich mache derlei Erfahrungen oft genug im Auto auf dem Heimweg von der Arbeit … aber das ist ein anderes Thema.

    Die gesell­schaft­li­chen Abgründe die du schil­derst, sind so oder so ähnlich in allen Gesellschaften zu finden, deren meist junge Mitglieder mit dem alther­ge­brachten Lebensstil brechen und dem Abenteuer folgen – oder dem was sie dafür halten. Das ist in Deutschland nicht anders als in Indonesien. Schnell ist der Grat zwischen Selbstfindung und Selbstaufgabe in die falsche Richtung überschritten. Aber das passiert auch dem erzkon­ser­va­tiven Banker oder dem Workalolic. Nur dass deren Absturz mit dem Modewort des Burnout gesell­schafts­fähig gemacht wurde – wer auf Drogen abstürzt ist dagegen ein Assozialer …

    Wie auch immer, Indonesien ist für mich ein spannendes Pflaster und auch eines das mir Angst macht. Gerade die religiösen Spannungen können sich dort sicher­lich sehr heftig entladen. Immer dann wenn Armut und Reichtum gegen­über­stehen und sich skrupel­lose Machthungrige der Religion bedienen um ihren eigenen Stand zu festigen, wird es zwangs­läufig heftig – in jedem Land.

    Aber Indonesien wird mich hoffent­lich bald wieder­sehen und auch Lombok werde ich dann besuchen. Bis dahin bleibt mir eine Kombination aus der google Bildsuche, Wikipedia, Wikitravel, Sunda Spirit, Büchern und natür­lich Blogs wie diesem hier um die größte Sehnsucht erträg­lich zu machen.

    Liebe Grüße aus dem (erzkon­ser­va­tiven) Voralpenland
    Max

    1. Avatar von Oleander Auffarth

      Hallo Max! Ein Hang zur umfang­rei­chen Reportage ist mir kaum abzuspre­chen 😉 Mir war es wichtig, die Vielschichtigkeit der Insel, die ich kennen­lernen durfte, darzu­stellen, zugleich auf Entwicklungen einzu­gehen, die ich immer wieder beobachten konnte/​musste. Selbstverstaendlich kann man in Bali weiterhin spiri­tu­elle Erfahrungen machen und ich gebe Dir auch absolut recht, dass man keines­wegs in die Ferne ziehen muss, um solche Erfahrungen zu machen. Etwas anders sehe ich den Vergleich zwischen Deutschland und Indonesien. Zwar sind es in der Tat aehnliche Entwicklungen die ablaufen, aber der grosse Unterschied ist doch, in welcher Geschwindigkeit sich diese Prozesse vollziehen. Der gesell­schaft­liche Wandel, der sich in Deutschland seit den 60ern vollzogen hat, vollzieht sich in Indonesien wie eine Eruption binnen weniger Jahre. Und das im Angesicht einer erheb­lich koner­va­ti­veren Elterngeneration. In gewisser Hinsicht ist diese Rebellion wohl eher mit dem Aufeinanderprallen unter­schied­li­cher Welten in Zeiten der 68er und Hippies zu verglei­chen, nur dass die moderne Welt sich noch wesent­lich schneller dreht als damals.
      Prinzipiell halte ich Indonesien fuer ein tolerantes musli­mi­sches Land, Auswuechse wie in Aceh sind sicher die Ausnahme. Aber der Einfluss aus den Golfstaaten und Saudi-Arabien machen mir Sorge.
      Dennoch ist wichtig, das Bild nicht zu verzerrt warzu­nehmen, die Radikalen sind eine Minderheit. In Marokko darf ich gerade wieder einen sehr toleranten und spannenden musli­mi­schen Kulturkreis kennen­lernen.
      Dir viel Glueck und spannende Erfahrungen auf Deinen naechsten Reisen. Es lebe die Sehnsucht!
      Liebe Gruesse ins Erzkonservative 🙂 Oleander

  3. Avatar von Sam

    Danke für deine ausführ­liche Geschichte oleander! Meine Geschichte verlief sehr ähnlich, ich habe in Myanmar meine spiri­tu­elle Seite entdeckt und in homestays in Indonesien sowie in den Philippinen weiter­ent­wi­ckelt. Sogar das herum experi­men­tieren mit Pilzen verlief bei mir sehr ähnlich. Es fällt mir sehr schwierig diese Entwicklung in Worte zu fassen, schön das du es geschafft hast. Du sprichst mir echt aus der Seele, großartig zu lesen das es anderen ähnlich erging.

    Gib unbedingt bescheid wenn du in der nahe von der Schweiz bist, wäre sicher spannend sich zu treffen!

    1. Avatar von Oleander Auffarth

      Hallo Sam! Vielen Dank fuer Deinen Kommentar! Freut mich sehr, dass Du Dich in der Reportage wieder­ent­de­cken konntest; ich hoffe, dass ich im Sommer mal einen Abstecher in die Schweiz machen kann, wird ohnehin Zeit, dass ich mich dort wieder blicken lasse. Einstweilen liebe Gruesse aus Marokko! Oleander

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