Was mir von Nepal bleibt

„Hast Du genug Bil­der?“, fragt Ishan, als ich mein Han­dy in die Tasche ste­cke. Gefühlt habe ich gera­de etwa vier­tau­send Mal auf den Aus­lö­ser gedrückt. Wir befin­den uns in Boudha­nath im Nord­os­ten von Kath­man­du. Ishan wur­de hier gebo­ren und hat die meis­te Zeit sei­nes Lebens hier ver­bracht. Ich bin zum ers­ten Mal in Nepal und schät­ze mich glück­lich, den Hima­la­ya-Staat an sei­ner Sei­te ken­nen­zu­ler­nen. Zu den meist­be­such­ten Sehens­wür­dig­kei­ten in Kath­man­du fah­ren wir auf sei­nem Rol­ler.

Der Stu­pa von Boudha­nath, den wir gera­de umrun­den, ist das größ­te bud­dhis­ti­sche Hei­lig­tum des Lan­des. 36 Meter ragt das Bau­werk in die Höhe. Sei­ne Spit­ze mit den auf­ge­mal­ten Bud­dha-Augen wur­de beim Erd­be­ben 2015 zer­stört und muss­te restau­riert wer­den. Vom Podest bis zum Auf­bau sind Gebets­flag­gen gespannt, sie flat­tern schräg über uns im Wind.

Mön­che dre­hen die rat­tern­den Gebets­müh­len, gegen­über schlägt jemand eine Glo­cke, Tau­ben flie­gen an den ver­zier­ten Fas­sa­den der Kunst­hand­werk­ge­schäf­te vor­bei.

Ob ich genug Bil­der habe?

Ja. Und nicht nur auf mei­nem Han­dy. Mein Kopf spei­chert an die­sen Tagen unzäh­li­ge Ein­drü­cke ab, vom Stu­pa von Boudha­nath und ande­ren Sehens­wür­dig­kei­ten in Kath­man­du, von Nepals Land­schaf­ten, sei­nen alten Städ­ten, dem Leben auf sei­nen Stra­ßen.

Zum Bei­spiel von Swa­yambh­u­nath, dem Affen­tem­pel: Er steht auf einem Hügel und bie­tet einen sagen­haf­ten Aus­blick auf Nepals ste­tig wach­sen­de Haupt­stadt.

Oder Pas­hu­pa­ti­nath, eine der bedeu­tends­ten hin­du­is­ti­schen Tem­pel­an­la­gen der Welt: Hier, am Ufer des Bag­ma­tis, wer­den die Lei­chen der Gläu­bi­gen ver­brannt. Rauch­schwa­den zie­hen von den Schei­ter­hau­fen hin­auf zum ver­gol­de­ten Shi­va-Tem­pel, den nur Hin­dus betre­ten dür­fen. Auf der ande­ren Sei­te posie­ren die „Models von Pas­hu­pa­ti­nath“ – so nennt Ishan die Sad­hus, deren Gesich­ter und Kör­per mit Asche geweißt sind, und die sich Tou­ris­ten als Foto­mo­ti­ve anbie­ten.

Holz und Back­stein im Kath­man­du­tal

 Den­ke ich an Nepal, dann den­ke ich an Holz. In den Königs­städ­ten Kath­man­du, Patan und Bhak­ta­pur, alle nah bei­ein­an­der im Kath­man­du­tal gele­gen, umgibt es einen über­all. Pago­den, Säu­len, Bal­ken, Türen, Fens­ter­lä­den – alles aus Holz, mal hell, mal dun­kel und meis­tens detail­reich ver­ziert. Die Schnitz­kunst ist zum Teil Jahr­hun­der­te alt und geht auf die Newar zurück, eine Volks­grup­pe, die sich vor allem im Kath­man­du­tal ange­sie­delt hat und bis heu­te die meis­ten Künst­ler und Hand­wer­ker her­vor­bringt.

Viel wur­de hier mit Back­stei­nen gebaut, aus Zie­geln in sanf­ten Rot- und Braun­tö­nen. Zusam­men mit dem Holz an den Tem­pel– und Wohn­haus­fas­sa­den schen­ken sie der Umge­bung ihre war­me Far­be. Wie mit einem Sepia-Fil­ter über­zo­gen sehen man­che Gas­sen aus.

Das berühm­te Man­tra der Bud­dhis­ten

Man hört es bei fast allen Sehens­wür­dig­kei­ten in Kath­man­du und anders­wo im Tal. Es dringt, als Lied ver­tont, immer in der­sel­ben Ver­si­on in End­los­schlei­fe aus den umlie­gen­den Geschäf­ten. Die Rede ist von „Om mani pad­me hum“, einem Man­tra aus dem tibe­ti­schen Bud­dhis­mus, das sich offen­bar nicht ganz ein­fach über­set­zen lässt. Sicher ist: Man kriegt es nicht so schnell wie­der aus dem Kopf.

Kabel über Kath­man­du

Wie das so alles funk­tio­niert? Das habe ich mich öfter beim Anblick der Kabel gefragt, die die nepa­le­si­sche Haupt­stadt wie ein Netz über­zie­hen. Mal sind sie kreuz und quer über einen Platz gespannt, mal hän­gen sie bis auf die Erde durch, mal sind sie zusam­men­ge­knüllt auf Nägeln an die Wand gepresst, mal wild um einen Mast oder einen klei­nen Tem­pel geschlun­gen. Manch­mal sieht man Affen an ihnen her­um­tur­nen.

Der Ver­kehr in Nepals Haupt­stadt

Jeden Tag ist Ishan mit dem Rol­ler auf den teils unbe­fes­tig­ten Stra­ßen der Haupt­stadt unter­wegs. So wie Aber­tau­sen­de ande­re Ein­woh­ner. Für die Woche, in der ich ihn beglei­te, stat­tet er mich mit einem Helm aus. In der gan­zen Zeit ent­de­cke ich nur eine ein­zi­ge ande­re Bei­fah­re­rin mit Kopf­schutz. Wahr­schein­lich ist auch sie Tou­ris­tin. Auf jeder Fahrt sehe ich meh­re­re Fahr­zeu­ge, aus deren Aus­puf­fen dicker, pech­schwar­zer Rauch quillt. Ampeln gibt es nicht, den Ver­kehr regeln Poli­zis­ten von ver­ros­te­ten Podes­ten aus. Man braucht Geduld. Star­ke Ner­ven. Und eine mög­lichst unemp­find­li­che Nase.

Erst seit Kur­zem, erzählt mir Ishan, ist das Hupen in Kath­man­du ver­bo­ten. Wer erwischt wird, zahlt kräf­tig Stra­fe. Seit­dem ist es in der Stadt bedeu­tend ruhi­ger. Und nur eine Woche, nach­dem ich Nepal ver­las­se, tritt noch ein Gesetz in Kraft, das dem Cha­os auf Kath­man­dus Stra­ßen Ein­halt gebie­ten soll: Tha­mel, das Tou­ris­ten­vier­tel, in dem sich vie­le Men­schen durch schma­le Gas­sen schie­ben, wird zur auto­frei­en Zone.

Der Staub in den Stra­ßen von Kath­man­du

Es sind aber nicht nur der Lärm, der Gestank, die Abga­se und Staus, es ist vor allem die stau­big-schwe­re Luft, die das Fah­ren in der Haupt­stadt des Hima­la­ya-Staa­tes zur Tor­tur macht. Der Staub stammt von den unzäh­li­gen Bau­ar­bei­ten, die man, teils infol­ge des Erd­be­bens, begon­nen und nicht been­det hat. Von Stra­ßen und Geh­we­gen, die man zum Ver­le­gen neu­er Was­ser­lei­tun­gen auf­ge­ris­sen, aber nicht wie­der ver­schlos­sen hat. Von Fahr­bah­nen, die seit Jah­ren geteert wer­den sol­len, doch seit Jah­ren pas­siert nichts. Ishan sagt, wegen der stän­di­gen Regie­rungs­wech­sel wird kaum ein Beschluss kon­se­quent umge­setzt. Er träumt davon, ein Auto zu besit­zen. Dann stün­de er zwar noch län­ger im Stau, aber wenigs­tens blie­ben die Kla­mot­ten dabei sau­ber.

Wie die meis­ten hier fährt er immer mit einer Schutz­mas­ke aus Stoff. Auch ich kau­fe mir ein paar Mas­ken für den Ein­mal­ge­brauch in einer Apo­the­ke in Tha­mel, zehn Rupi­en das Stück. Als ich nach ihnen fra­ge, deu­tet der Ver­käu­fer auf die geöff­ne­te, halb­lee­re Papp­schach­tel direkt vor mir auf dem Tre­sen.

Pokha­ra: der See und die Ber­ge

Ein biss­chen Kon­trast­pro­gramm erle­be ich in Pokha­ra, Nepals zweit­größ­ter Stadt am Ufer von Nepals zweit­größ­tem See. Der Phe­wa-Lake ist beein­dru­ckend tür­kis und ein­ge­rahmt von üppig bewal­de­ten Ber­gen. Wobei: Nur ich nen­ne sie Ber­ge. Ishan bezeich­net alles unter vier­tau­send Meter als Hügel.

Hügel und Ber­ge

Die Ber­ge, die rich­ti­gen, kön­nen wir am bes­ten von unse­rer Hotel­ter­ras­se aus sehen. Hat es nachts gereg­net, ist die schnee­be­deck­te Ket­te samt dem Gip­fel des fast 7000 Meter hohen Machapucha­re beson­ders gut zu erken­nen. Dann sehe ich hin­über und den­ke: Mein Gott, das sind kei­ne Wol­ken, das sind Ber­ge.

Eine Trek­king-Tour, das wäre nahe­lie­gend. Es ist mir aber die­ses Mal nicht mög­lich. Irgend­wann, beschlie­ße ich, wer­de ich noch ein­mal nach Nepal rei­sen und mir den Hima­la­ya aus der Nähe anse­hen. Für noch mehr Bil­der, die blei­ben.

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