Ein Spaziergang durch Albaniens Hauptstadt

Tirana – Vergangenheit, die nicht vergeht

Tirana: Wie begegnet mir die Stadt, deren Steinen 46 Jahre sozialistischer Geschichte eingeschrieben sind, die Hauptstadt eines Landes, das sich fast ein halbes Jahrhundert von der Welt abgeschottet hat? Graue Betonbauten, breite Straßen, angelegt für fahnenschwingendes Fußvolk, dazu ein paar grimmige Denkmäler, so etwa sah das Bild aus, das sich bei dem Wort „Tirana“ vor meinem inneren Auge formte.

Doch die Stadt empfängt mich freundlich an diesem Sommermorgen: Im Flughafenbus auf dem Weg ins Zentrum hat eine Albanerin auf Heimaturlaub mich mit dem Grundwortschatz ausgestattet – guten Morgen, guten Abend, Bitte, Danke. Immerhin faleminderit – Danke, habe ich mir merken können von dieser Sprache, die in meinen Ohren vollkommen undurchdringlich klingt.

Der Weg zur Unterkunft führt eine Hauptverkehrsstraße entlang, gesäumt von Einzelhandel, kleinen Restaurants und auffällig vielen Eisdielen, die ihr Angebot à la italiana künstlerisch drapiert haben mit Früchten, Nüssen und bunten Streuseln. Direkt gegenüber vom „Deutschen Supermarkt“ biege ich ab zu meinem Hostel und finde mich wieder in der grenzenignorierenden Welt des globalisierten Reisens. Neben den beliebten billigen Schlafsaalbetten werden auch Einzel- und Doppelzimmer vermietet, die Reisende aller Alters- und Einkommensklassen anziehen. Mischen tut sich das im pflanzenüberwucherten Innenhof, der ausgestattet ist mit Regalen voller zurückgelassener Reiselektüren, einer Bar, Sitz- und Liegemöglichkeiten, vor allem aber mit genügend Steckdosen für die digitalen Traveller, die berieselt von Reggaemusik Flugtickets buchen, Urlaubsfotos posten und die Verbindung zur Heimat genauso wie zu den Reisebekanntschaften pflegen.

Doch nicht nur hier ist die Globalisierung angekommen – genauso offen und bunt präsentiert sich die ganze Stadt. Im Jahr 2000 wurde mit Edi Rama ein Künstler zum Bürgermeister gewählt, der die gesamte Stadt flugs zum Atelier erklärt zu haben scheint: Die grauen, gesichtslosen Hauswände bekamen grellbunte Anstriche, und wenn die mit der Zeit auch etwas verblasst sind, so prägen die vielfarbigen Fassaden doch das Gesicht der Stadt.

Die Bauten aus der italienischen Kolonialzeit mitten im Zentrum wurden aufwendig restauriert und wirken wie eine Stadt in der Stadt, und irgendwie wie ein eigenes, etwas surreales Kunstwerk. Wer mit offenen Augen durch die Straßen geht, entdeckt überall kleine künstlerische Interventionen mit praktischem Nutzen: Auf einer Brücke entpuppen sich Fliegenpilze als Sitzgelegenheiten; eine Fußgängerzone wird begrenzt von fünf weißen Streifen, die ich bei näherer Betrachtung als Notenlinien identifiziere, als Tische genutzte Baumstümpfe stellen die Noten dar. Über einer engen Gasse hängt der Himmel voller bunter Regenschirme.

Die größte Umgestaltung hat aber wohl der vollkommen umgestaltete Skanderbeg – Platz erfahren, der an einer Seite von der sozialistischen Fassade des riesigen Opernhauses und an der anderen von der ebenso auftrumpfenden Architektur des Historischen Museums begrenzt wird. Der früher vielbefahrene Platz ist heute vollkommen verkehrsberuhigt und spiegelt in seiner Gestaltung den Geist der Stadt ebenso wider wie auch die Rolle Tiranas als Hauptstadt für alle Einwohner*innen Albaniens: Das Material für die Pflasterung stammt, genauso wie die Pflanzen in den umliegenden Gärten, aus allen Regionen des Landes. In den amorphen Formen der grellgrünen Sitzmöbel fläzen sich Touristen und Einheimische, und die Wasserrinnsale auf dem Boden bringen an diesem heißen Septembertag zwar keine Abkühlung, sehen aber gut aus.

“Im Hochsommer habe ich hier schon den einen oder anderen wegschmelzen sehen“, behauptet Ed, den ich abends auf den Stufen vor der Oper treffe. So kritisch der in Tirana geborene Historiker auch den politischen und sozialen Entwicklungen gegenüber steht, so ist er doch mit Herz und Seele seinem Land und seiner Heimatstadt verfallen. Diese Faszination vermittelt er bei regelmäßigen Stadtführungen, die mittlerweile Kultstatus haben und während der Hauptsaison zwei Mal am Tag bis zu dreißig Interessierte aus aller Welt anziehen. Diese Internationalität ist der andere Grund für ihn, seine enthusiastischen Stadtwanderungen ehrenamtlich anzubieten: „Ein Auslandsvisum ist für Albaner schwierig zu bekommen, und Geld für lange Reisen habe ich ohnehin nicht. Wenn ich selbst also nicht raus in die Welt komme, dann hole ich die Welt eben zu mir.“

Heute komme ich in den Genuss einer Exklusivtour, und schon nach wenigen Schritten stoppen wir bei einer der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Leider ist die Et’hem-Bey-Moschee mit ihren einmaligen Malereien gerade komplett eingerüstet. Die Gelder für die Renovierung kommen aus der Türkei, und das Interesse auf türkischer Seite dürfte weniger ein kunsthistorisches sein. Das hat wohl auch der albanische Staat erkannt, der das Geld allerdings nicht ausschlagen wollte, aber immerhin eine Kompromisslösung verhandelt hat. Nebenan entsteht ein Islammuseum, für das ein gemeinsames Konzept vereinbart wurde, um einer allzu ideologischen Darstellung nicht das Feld zu bereiten.

Ich frage nach dem Stellenwert von Religion in Albanien. Ed grinst: „Wenn du die Leute fragst, bekennt sich eine große Mehrheit zum Islam. Wenn du fragst, wer von ihnen noch nie eine Moschee besucht hat, meldet sich die gleiche Mehrheit. Anders als bei euch in Europa ist der Islam hier kein Thema und Religion spielt generell keine große Rolle.“ Und fügt dann hinzu: „Noch nicht“.

Ein ganz anderes touristisches Highlight liegt gleich hinter der Moschee. Bunk’Art 2 steht auf einem Hinweisschild über einer Betonrundung im Boden, die wie ein halbes, etwas zu rund geratenes Ei aus dem Pflaster ragt. Für mich ist es der erste Anblick eines der berühmten Minibunker aus der Hinterlassenschaft Enver Hoxhas, die mir später zuhauf überall in der Landschaft begegnen. Hoxha hatte mit allen sozialistischen Staaten gebrochen, die Nachbarländer galten genauso als Feinde wie der verteufelte Westen. 22.000 über das ganze Land verteilte Minibunker sind der sichtbare Ausdruck von Hoxhas Paranoia, die den Albaner*innen Schutz bieten sollten für den Fall einer Invasion.

Bei diesem aber handele es sich nicht um ein Original, belehrt Ed mich, sondern um ein nachgebautes Exemplar, das als Einstieg dient zu dem darunter liegenden Museum, in dem in einem Labyrinth aus Tunneln akribisch das Wirken der omnipräsenten Geheimdienste dokumentiert wird. Verständlich, dass aus der Bevölkerung heftig protestiert wurde gegen die Verwendung von Steuergeldern für eine Kopie der sowieso als überflüssig betrachteten Bunker. Auf meine Frage, was mit den überall präsenten Minibunkern in der Zukunft geschieht, zuckt Ed die Achseln: „22.000 Betonbunker zu entsorgen kostet eine Stange Geld. Allerdings sind sie einzigartige Zeugnisse des ganzen absurden Apparates – und nicht zuletzt sind sie, makaber genug, Touristenmagneten. Solange man sich nicht einig ist über den Umgang mit diesen Hinterlassenschaften, bleiben sie erstmal stehen.“

Das in den ehemaligen Folterkellern untergebrachte zentrale Museum hat mit dem Bunk’Art1 eine noch eindrucksvollere Dependance. Dieser riesige, etwas außerhalb der Stadt liegende Originalbunker mit einem tief in die Erde hinunterreichenden Tunnelsystem diente Hoxha und seinen engsten Gefolgsleuten als Unterschlupf. Heute wird dort umfassend über die Schrecken der sozialistischen Ära informiert; zu besichtigen sind auch die Wohnräume des Diktators. Einige künstlerische Interventionen nehmen dem Ort nichts von der bedrückenden, muffigen, bedrohenden Stimmung.

„Komm, ich zeig dir was!“ Ed schlägt den Weg in Richtung Nationalmuseum ein, aber sein Ziel ist nicht die Ausstellung der großformatigen Gemälde mit wackeren ArbeiterInnen, glücklichen Schulkindern beim Fahnenappell und zufriedenen Familien aus der sozialistischen Ära, sondern die Rückseite des Museums, wo sich in einem Hinterhof ein surreales Bild bietet: Überlebensgroß starren mir Marx, Stalin, Lenin und andere ernst blickende Männer entgegen, doch trotz ihrer Monumentalität wirken die Statuen eher bemitleidenswert in dieser unrepräsentativen Umgebung. „Was machen die denn hier?“, rutscht es mir heraus. „Planung der nächsten Weltrevolution wahrscheinlich“, grinst Ed. „Nach der Revolution wurde die Stadt von den überall präsenten Stauen befreit, aber niemand wusste so recht, wohin damit und man hat sie erstmal hier geparkt. Solange man sich nicht geeinigt hat, was damit geschieht, bleiben sie hier“.

Dieser Satz, der unsere Tour mantramäßig begleitet, sagt viel aus, über die gespaltene Stimmung in der Gesellschaft. Die einen wünschen sich, die Relikte der Vergangenheit zu konservieren und auszustellen, die anderen sind für tabula rasa und einen totalen Neustart. Und dann gibt es da noch die Fraktion derer, die die Statuen am liebsten am alten Platz und überhaupt die Vergangenheit zurück hätten. „Mein Opa zum Beispiel“, hatte Ed mir erzählt. „Er verflucht den Kapitalismus, die Korruption, die Arbeitslosigkeit, die Orientierungslosigkeit – und hat anscheinen sehr vieles sehr gut verdrängt.“

Ich muss nicht fragen, was Ed meint und denke an alles, was ich über Albaniens jüngste Vergangenheit gelesen hatte: Bespitzelung, Folter, Missachtung aller Menschenrechte, Abschottung, Hunger – ein südländische Nordkorea.

Aber das Paradies ist eben noch nicht ausgebrochen und vor allem die, die ehemals gute Posten hatten und die älteren Menschen, die sich von der rasenden Entwicklung abgehängt fühlen, erinnern sich lieber an verlorene Privilegien als an die dunklen Seiten.

Auch die junge Generation hat es nicht einfach. Albaniens Arbeitslosenquote ist hoch, und gute Jobs setzen gute Beziehungen oder eine Menge Schmiergeld voraus. Dasselbe gilt für eine gute medizinische Behandlung, Ausbildungsmöglichkeiten und eigentlich alles, was das Alltagsleben ausmacht. Im Café, beim Essen, beim Einkaufen – immer wieder werde ich angesprochen, immer wieder kommt das Gespräch sofort auf die ausweglose Situation, und immer wieder werde ich nach Deutschland gefragt – und immer steht am Ende die Frage nach einer Möglichkeit, im gelobten Land zu arbeiten oder zu studieren.

„Ein paar Absurditäten habe ich noch“, verspricht Ed, und wir setzen unseren Weg fort entlang einer breiten Straße, die zum ehemaligen Regierungsviertel im Norden der Innenstadt führt. Früher Schauplatz von Militärparaden und Schlachtfeld der Revolutionäre, herrscht jetzt hektischer Verkehr – auch das ein Novum. „Die Zahl der Verkehrstoten schlägt hier bald die der Opfer sozialistischer Willkür“, behauptet Ed grinsend. „Natürlich wollte sofort jeder ein Auto haben und mein Opa setzte sich mit fast 90 Jahren und halbblind hinter das Steuer. Erst nach einem Jahr stellte er fest, dass er dazu auch einen Führerschein brauchte.“

Die versprochene Absurdität taucht linkerhand in Form einer riesigen Betonpyramide auf: „Voilà: Pharao Hoxhas persönliches Denkmal – entworfen von seiner Tochter und ihm zu Ehren als Museum erbaut.“ Mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu betrachte ich den heruntergekommenen, mit Graffiti beschmierten Bau, dessen Eingang ziemlich provisorisch mit Brettern vernagelt ist.

„Immerhin bietet der obskure Bau Gelegenheit, dem Diktator nachträglich aufs Dach zu steigen“, bemerkt Ed zufrieden angesichts der vielen Menschen, auf der glatten und steilen Oberfläche mehr oder weniger erfolgreich versuchen, die Spitze zu erreichen. Diese eigentlich verbotene Form der Freizeitgestaltung soll nicht nur legitimiert, sondern durch Haltegriffe auch erleichtert werden, um nachträgliche Todesopfer der Hoxha-Ära zu vermeiden, berichtet Ed. „Und sonst?“, frage ich. „Was passiert mit dem Ding?“ „Es wurde schon als temporäre Ausstellungshalle genutzt, als eine Art soziokulturelles Zentrum und als Disco, aber so richtig funktioniert hat das nicht – schlechtes Karma wohl. Jetzt diskutiert man über andere Pläne – im Gespräch ist momentan Dokumentationszentrum. Aber solange über den Umgang mit all diesen Hinterlassenschaften noch Streit herrscht, wird das Ding wohl weiter vor sich hinrotten.“

Die Gegend hinter der Pyramide unterscheidet sich deutlich von der Innenstadt: Rechts und links der breiten Straße stehen breite, repräsentative Bauten. „Du musst dir vorstellen, dieser ganze Bezirk war eine Welt für sich. Zutritt für das gemeine Volk strengstens verboten. Eine kleine Stadt in der Stadt mit Wohnhäusern für die Bonzen, Regierungsgebäuden, Parks, Restaurants – ein paar Gleichere gibt es ja immer unter den Gleichen.“ Wenn irgendwo die Geschichte zurückschlägt, dann hier: Im Blloku Viertel, dem ehemaligen Knotenpunkt sozialistischen Terrors, herrscht jetzt ungezügelter Kapitalismus. Nirgendwo sonst in der Stadt ist die Dichte an teuren Cafés, stylischen Bars und Restaurants mit internationaler Speisekarte so hoch, überall haben sich Galerien mit moderner Kunst angesiedelt, dazwischen Markengeschäfte, wie man sie auch in London, Paris oder Rom findet. Und so sehr man in Albanien auch über die lahme Wirtschaft und die hohe Arbeitslosenrate klagt – hier rollt der Lek, und die Gegend ist ein Ghetto der Privilegierten geblieben, nur mit anderen Vorzeichen.

„Einen habe ich noch“, verspricht Ed, und ein paar Straßen weiter bleiben wir vor einem umzäunten Grundstück stehen. Hinter einem hohen Tor befindet sich ein langgezogener Bungalow, der etwas altbacken wirkt, in früheren Jahren aber sicher als luxuriös durchgegangen ist. Der umgebende Garten ist gepflegt, wirkt aber leblos steril, die Fenster sind dunkel und das gesamte Anwesen wirkt, als würde es auf die Rückkehr seiner urlaubenden Bewohner warten. „Und hier“, verkündet Ed mit feierlichem Timbre in der Stimme, „sind wir nun bei Hoxhas home sweet home, denk dir noch eine Horde Wachmänner drumherum.“ Ich suche nach einem Schild am Zaun, eines mit Eintrittspreisen und Öffnungszeiten des „Enver Hoxha Museums Tirana“ oder wenigstens auf einen Hinweis mit Hinweis auf den früheren Bewohner des Hauses – aber nichts. „Was passiert mit dem Haus?“, frage ich. „Wird es heute noch genutzt?“ Ed zuckt die Achseln. „Im Moment steht es leer – und…“ „…solange man sich hier nicht einig ist über den Umgang mit den Hinterlassenschaften, wird das auch so bleiben“, beende ich den nun schon so oft gehörten Satz. „Du sagst es. Aber wenigstens Envas neuen Nachbar möchte ich dir noch vorstellen.“

Ed dreht mich um und deutet auf das Haus gegenüber, in dem sich ein Schnellrestaurant angesiedelt hat. Von dem leuchtenden Schild an der Fassade grinst der Kentucky-Fried-Chicken Mann mit seinem großen Zylinder hinüber als wolle er signalisieren: Mission completed – freundliche Übernahme gelungen!

Tirana free walking tour
täglich 10.00/ 18.00 Uhr
Treffpunkt: Skanderbegplatz, vor der Oper
ohne Anmeldung, kostenfrei (freiwillige Spende)

Et`hem Bey Mosque
Sheshi Skenderbej

BunkArt 1
Rruga Fadil Deliu

Muzeu Historik Kombetar
Skenderbeg Platz, Boulevard Zogu I

National Gallery of Art
Bulevardi Deshmoret e Kombit

BunkArt 2
Rruga Abdi Toptani

Unterkunft
Tirana Backpacker Hostel
Rruga Bogdaneve Nr.3 , Tirana, Albanien

Maren Jungclaus

Schon früh von den Eltern infiziert, bin ich nie wieder vom Reisefieber geheilt worden (und habe mich auch nicht darum bemüht). Längere und kürzere Auslandsaufenthalte führten und führen mich in die unterschiedlichsten Ecken dieser Welt, und immer wieder stelle ich fest: Nichts ersetzt die persönliche Anschauung! Wenn ich nicht unterwegs bin, nähre ich das Fernweh mit Büchern, Travelblogs und der Begegnung mit anderen Menschen und Kulturen in meiner Heimatstadt Düsseldorf.

  1. Katrin Jungclaus

    Liebe Maren,
    ein wunderbares Stimmungsbild, bei dem man Lust bekommt, sofort loszureisen!
    Viele Grüße,
    Katrin

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