Haie, Fische und Wale
Sardine Run in Südafrika

Ab ins Getümmel

Einmal im Jahr brodelt das Meer vor der Küste der Provinz Ostkap. Hunderte Delfine und Wale folgen der größten Tierwanderung des Planeten, dem Sardine Run. Das eigentliche Spektakel spielt sich jedoch unter der Wasseroberfläche ab. Denn Meeressäuger, Raubfische, sowie neugierige Schnorchler, sie alle sind auf den großen Jackpot aus – den Baitball aus Sardinen.

Freude. Angst. Neugierde. Ehrgeiz. Mut. Ambition. Ehrfurcht und Demut. Wer einmal in seinem Leben in einem Baitball gesteckt hat, der weiß, wie es ist, innerhalb von Sekunden all diese Emotionen hintereinander zu erleben. Achterbahnfahrt der Gefühle? Ein Baitball ist die Mutter aller Achterbahnfahrten. Zunächst überwiegt pure Freude und Aufregung. Endlich hat man sie gefunden, die lang ersehnte Sardinenkugel. Denn die Suche war hart. Und vor allem lang. Anfangs hatte man noch gelacht, als Gary, der Tauchbasisleiter scherzte: „Sardine Run, das ist wie bei der Armee. 99 Prozent Langeweile, ein Prozent Action“. Doch dann wurde einem schnell klar: War zwar witzig, bringt es aber auf den Punkt. Stundenlang ist man auf offener See herumgerast. Im kleinen Zodiac. Kein Sonnendach. Kein Sonnendeck. Kein flauschiges Kissen auf der Liege. Nur Schaumkronen. Eine nach der anderen. Soweit das zusammengekniffene Auge reicht. Dann erspähte man eine Buckelwalfontäne am Horizont. Sah die Seevögel vorbeiziehen, die sich auf derselben Suche befinden und erfreute sich an der schroffen, rauen Felslandschaft der Wildcoast. Dann wieder gähnende Leere. Stundenlang.

Doch jetzt ist man mittendrin im Getümmel. Endlich schießen die Vögel durch die Wasseroberfläche und strampeln was das Zeug hält um ihren Teil vom Sardinenkuchen abzubekommen. Endlich sind sie da, die Schwarzspitzenhochseehaie, die Seidenhaie, die Bronzehaie – und sie sind ganz außer sich. Im Blutrausch schießen sie umher. Die Kiemen flattern, während sie nach den kleinen Leckerbissen schnappen. Selbst die Delfine, gerade noch haben sie die Gruppe Sardinen vom Schwarm abgetrennt, aus den in Angst versetzten Fischen eine perfekte Kugel geformt, und sich ihre Leckerbissen zurechtgelegt, halten jetzt ein wenig Sicherheitsabstand. Sie lassen den Stärkeren den Vortritt, warten bis sie an der Reihe sind. Doch vor lauter Aufregung, vor lauter Staunen, hat man ganz vergessen, was das eigentlich bedeutet, wenn Haie im Fressrausch sind, wenn sie wild umher schnappen, als gäbe es nur diese eine Mahlzeit und dann wochenlang nichts mehr. Da kriecht sie langsam in die Gehirnwindungen, die Angst. Das Karussell aus „was wäre wenn“-Gedanken. Wenn er doch versehentlich mal daneben beißt. Was wenn er mich gar nicht sieht vor lauter Sardinen, einfach in mich rein schwimmt und sich aus Verzweiflung verteidigen will. Was wenn ein Schwertfisch kommt, mich schlichtweg aufspießt? Der Puls hat vorher bereits mit 220 Schlägen gehämmert, jetzt kommt das eigene, hohle Atemgeräusch im Schnorchel dazu. Immer lauter, die Frequenz immer schneller.

Doch der Ehrgeiz ist stärker. Schließlich hat man eine Kamera in der Hand. Man ist ja nicht umsonst aus eigener Flossenkraft vom Boot herüber gesprintet. Und schließlich hat man sich vorgenommen die besten Bilder mit nach Hause zu bringen. Um allen zu zeigen, was für ein Abenteurer man ist und welche Naturwunder sich hier vor der südafrikanischen Küste abspielen. Die Chance liegt jetzt direkt vor einem. Man muss nur noch abdrücken. Ambitioniert stürzt man sich ins Getümmel. Aller Mut ist vereint. Die Delfine machen Platz. Die Haie interessiert der Neuankömmling überhaupt nicht. Sie schießen fleißig weiter links und rechts vorbei. Schnappen hier, schnappen da. Bringen die Wasseroberfläche durch ihre hektischen Bewegungen zum brodeln wie in einem gigantischen Kochtopf. Man hört das Wasser links und rechts platschen. Klack. Klack. Der Spiegel der Kamera hebt und senkt sich im Takt. Das müssen super Fotos werden. Doch dann passiert das Unerwartete. Das womit man nicht im kühnsten Traum gerechnet hätte. Sich weder zu erträumen gehofft, noch je in Gedanken durchgespielt hatte. Ein D-Zug kommt aus der Tiefe angerauscht. Aus dem tiefschwarzen Niemandsland unter der Sardinenkugel kommt er so plötzlich, dass man keine Zeit mehr hat, zur Seite zu schwimmen, ihm verständlich zu machen, dass man gar nicht auf die Sardinen aus sei. Dass man doch nur ein Foto habe machen wollen. Dass man jetzt dann auch schnell wieder nach Hause schwimme. Dorthin zurück, wo man hergekommen sei. Und auch ganz bestimmt alle Sardinen in Ruhe lasse. Doch kein Erbarmen. Mit offenem Maul rast das Monster auf die Kugel zu. Es scheint als wolle es alles verschlucken was es wagt, sich mitten in den von ihm auserwählten Sardinenschwarm zu setzen. Es ist ein Bryde’s Wal. Sardinen stehen ganz oben auf seiner Speisekarte. Der Koloss rast weiter. Wer es schafft, weicht aus. Wer nicht, kugelt an den weichen Lamellen seines Unterkiefers entlang. Wie wenn er sie mit Lenor eingeseift hätte, fühlen die sich an. Genau so schnell wie das Tier aus der Dunkelheit heran gerauscht kam, genau so schnell saugt die lebende Abzugshaube die Sardinenkugel in sich hinein. Das gesamte Ausmaß des hungrigen Zeitgenossen wird erst jetzt bewusst. Denn während die Dampflokomotive schon lang im schummrigen Licht verschwunden ist, ziehen noch die restlichen Waggons vorbei. Der Rumpf mit den kleinen Seitenflossen, die kleine sichelförmige Finne, die weit hinten auf dem Rücken des knapp vierzehn Meter langen Körpers sitzt. Bryde’s Wale, „brüte“ ausgesprochen, benannt nach dem norwegischen Walfänger Johan Bryde, sind eine Unterart der Furchenwale. Sie leben stationär. Jedes Jahr freuen sie sich hier vor der Küste des Ostkaps aufs Neue, dass die Sardinen an ihrer Heimat vorbeiziehen. Wer mit dem Riesen auf Tuchfühlung geht, dem bleibt nichts anderes übrig, als ehrfürchtig hinterher zu starren. Sich innerlich demütig zu verneigen und anzuerkennen, dass hier an der Küste um Port St. Johns herum das Leben im Meer noch so ist, wie es sich Meeres- und Naturliebhaber am meisten wünschen. Rau, wild, unverzeihlich. Die geballte Kraft des Meeres kommt hier nicht nur in den Wallen die auf die Küste treffen zum Vorschein. Hier trifft sich auch das Leben.





Das aufgewühlte Treiben ebbt ab. Ein Teil der Sardinen haben es geschafft, in die Tiefe zu entkommen. Sie schließen dort wieder mit dem dunklen Teppich auf, den ihre Verwandten gebildet haben. Das Boot sammelt die glücklichen Schnorchler ein. Die sind noch ganz außer sich von dem gerade Erlebten. Wie in einer kleinen Dauerschleife ziehen die Bilder immer und immer wieder vor dem inneren Auge ab. Es gibt Sandwiches und Kakao, eine wärmende Öljacke gegen den kalten Wind, einen Lolli gegen die Seekrankheit. Man freut sich auf die Lodge. Die warmen Socken nach der heißen Dusche. Das Bier am Feuer. Gary heizt den Grill an. Fleisch ist Grundnahrungsmittel. Das Braai, wie die Barbecues genannt werden, sind nicht nur Verköstigung, sie sind Teil der Kultur, Teil des sozialen Lebens, des Zusammenkommens. Am Feuer im halben Ölfass werden am Abend die Geschichten ausgepackt. Von vergangenen Baitballs. Von Tauchgängen mit weißen Haien. Von Walkadavern um den die großen Räuber kreisen. Hier fühlt man sich nicht nur wie ein richtiger Abenteurer, sondern auch wie einer, der seine Familie mitgebracht hat. Hier ist keiner allein. Alle sind sie gemeinsam aus Umkomaas gekommen und haben ihre kleine Tauchschule mitgebracht. Einmal im Jahr wird das Team von Blue Ocean zu Gipsies, zu Nomaden die in das verschlafene Örtchen Port St. Johns ziehen. Denn eines vereint sie hier mit ihren Gästen: die Liebe für das Meer und das unstillbare Bedürfnis am größten Naturspektakel den der azurblaue Lebensraum zu bieten hat, mit dabei zu sein.

Zusätzliche Infos

Wohnen: In den Sardine Run Packages von Blue Ocean ist die Unterkunft in der schicken Lodge Cremorne Estate, direkt am Fluss enthalten. Das Frühstücksbuffet ist reichhaltig, das Mittag- und Abendessen im Restaurant schmeckt vorzüglich und die Gastgeber sind herzlich südafrikanisch gastfreundlich. Cremorne Estate, Ferry Point Road Port St Johns 5120, Südafrika, https://cremorne.co.za/

Bedingungen: Der Sardine Run findet mitten im südafrikanischen Winter statt. Die Wassertemperaturen schwanken zwischen 19 und 22 Grad. Auf dem Boot ist eine gute Jacke von Vorteil. Es gibt auch Öljacken an Bord. Ein eigener 5-7 Millimeter dicker Neoprenanzug ist zu empfehlen, da Leihanzüge selten gut passen. Auch Neopren-Handschuhe und -Füsslinge sind unersetzlich. Trockentauchanzüge bieten sich nicht an, da viel an der Oberfläche geschwommen wird und man somit seine Beweglichkeit einbüßt. Der Sardine Run findet hauptsächlich schnorchelnd statt, da viel direkt unter der Oberfläche passiert. Ein Tauchschein ist daher nicht zwingend notwendig. Baitballs formen sich schnell und lösen sich schnell wieder auf, weshalb es sein kann, dass bis Taucher ihr Gerät angelegt haben, die Show schon wieder vorbei ist. Ausgebildete Taucher können dennoch ihre Ausrüstung mit an Bord nehmen, für den Fall, dass ein großer Baitball lange an einer Stelle verharrt. Dann kann auch getaucht und das große Fressen von unten betrachtet, gefilmt oder fotografiert werden.

Reisezeit: Der Sardine Run findet vor der Küste der Provinz Ostkap von Mitte Juni bis Anfang August statt. Ausgangsort für Schnorchel- und Tauchtouren ist der Ort Port St. Johns.

Tipps: Vom Airstrip auf dem Berg Thesiger hat man eine tolle Aussicht auf den Fluss und die umgebenden Berggipfel. Die Tauchschule bringt ihre Gäste am Nachmittag mit dem Pick Up auf ein Sundowner Bier hinauf. Ein weiterer Aussichtspunkt ist das Blow Hole. Südlich von Port St. Johns liegt diese Plattform mit Blick auf den „Second Beach“. Klettert man einen Felsspalt und anschließend eine Holzleiter hinunter gelangt man auf eine Felsnase von der aus man den Namensgeber, das Blow Hole – ein rundes Loch im Fels – beobachten kann. Der Felsüberhang wird von den Wellen der Brandung unterspült. Jedes mal, wenn eine starke Welle darunter schwappt, spritzt durch das Loch eine meterhohe Gischtfontäne in die Höhe. Ein tolles Spektakel für den Nachmittagsausflug.
Sollte man wetterbedingt einen Tag nicht aufs Meer fahren können, kann das Silaka-Wildlife-Reservat besucht werden.

Sicherheit:
Obwohl Haie einen schlechten Ruf haben, birgt es nur ein geringes Risiko mit ihnen zu schnorcheln. Die einzigen aggressiven Haie der Gegend sind schwangere Bullenhaie, die in unmittelbarer Strandnähe des „Third Beach“ gebären. Hier sollte man nicht schwimmen, was auch von Schildern deutlich gemacht wird. In der Geschichte des touristischen Beiwohnen von Menschen des Naturspektakels Sardine Run ist es noch nie zu einem Unfall mit einem Tier gekommen.

Buchen: Direkt bei https://www.blueoceandive.co.za/ oder unter http://sardinerunsouthafrica.com/

Das andere Ende des Sardine Runs

Meeresliebhaber und Taucher verstehen unter dem Sardine Run die Beobachtung von großen Raubfischen, Meeressäugern und -vögeln bei deren Sardinen-Fressgelagen. Die südafrikanische Bevölkerung versteht unter dem Sardine Run aber vor allem das Einholen der prall gefüllten Fischernetze zum Zeitraum der Fischwanderung. Denn wenn die Sardinenschwärme die Küste entlang ziehen, haben Fischer eine hervorragende Ausbeute. Die Netze sind derart prall gefüllt, dass ein an Land bringen kaum möglich ist. Und ist dies doch geschafft, häufen sich die Menschentrauben am Strand die etwas vom Sardinenkuchen abhaben wollen. Denn beim Entladen der Netze fällt für alle etwas ab. Ob gewollt oder nicht. Es ist unmöglich Eimerweise Sardinen vom Strand auf die Pick-ups zu verladen ohne dass die Schaulustigen mit ihren Plastiktüten Sardinen aus den Netzen ziehen, aus den Eimern stibitzen oder heruntergefallene Fische aus dem Sand aufheben. Ist aber auch nicht so schlimm. Denn der Fang war hervorragend. Da drücken die Jungs beim Verladen schon das ein oder andere Auge zu. Und lassen die gierigen Hände in die Eimer hineingreifen. Wie auf dem Basar geht es zu. Händler rennen mit Handys am Ohr herum und versuchen die Ware direkt zu verkaufen. Alte Frauen knien im Wasser und strecken ihre Hände durch die Menschentraube. Ein kleines Handgemenge bricht aus, da die Nutznießer dem Netzbesitzer doch etwas zu gierig werden. Doch dann geht alles wieder fröhlich zu, und es wird ein Volkslied angestimmt. Wer keine Plastiktüte hat, der stopft sich Sardinen in die Hosentaschen, rollt den Pulli darum, oder den Rock nach oben. Ein Dame steigt tropfnass in ihr Auto. Glücklich Beute gemacht zu haben. Es ist ein Mercedes. Doch sie hat umsonst Sardinen ergattert. Ob sie das nötig hatte, eher unwahrscheinlich. Für viele andere ist es ein wichtiger Zuschuss zur spärlichen Mahlzeit. Hier kommen sie zusammen. Die Hautfarbe zählt nicht.





Kleines Sardinerun-Glossar

Sardinerun: bezeichnet die Migrationsroute mit der größten Biomasse des Planeten. Millionen von Sardinen ziehen dabei aus den Laichgründen um Kapstadt die Ostküste Südafrikas hinauf um sich von den planktonreichen Gewässern vor der Küste des Ostkaps und Kwa Zulu-Natal zu ernähren. Dies zieht große Raubfische, Meeressäuger und Seevögel an, die den Fisch auf ihrem Speiseplan stehen haben und ihn jagen.

Baitball: Ein Baitball ist eine Kugel aus Sardinen, geformt durch das Fluchtverhalten der Fische. Werden diese von Jägern vom Schwarm getrennt, versuchen sie durch dichtes Zusammenrücken zu verhindern, das einzelne Individuen gefressen werden können.

Zodiac: Gummischlauchboot mit fest installierten Außenbordmotoren

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Timo Dersch

Timo Dersch ist Journalist, Redakteur und Fotograf. In seinen Reportagen geht es um das Tauchen und verwandte Reiseziele. Als langjährigem Südafrika Fan hat es ihm der Sardine Run besonders angetan. Er sagt: „Das ist die Champions League für jeden Unterwasserliebhaber!“

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