Sächsische Schweiz: Zwischen Felsen

Tag 1, linkselbseitig

Es ist neun Uhr als ich an einem zufäl­li­gen Mon­tag­mor­gen von Bad Schand­au mit der Fäh­re zur Bahn und mit der Bahn in vier Minu­ten nach König­stein fah­re. Anpfiff, und früh­stück­ge­stärkt lau­fe ich los. Doch einen Augen­blick. Ich bin ver­wirrt, irre durch die klei­ne Ort­schaft, neben mir der Auto­ver­kehr. Wo ist der Ein­gang zur Natur? Ich kann ihn nicht fin­den. Ver­pas­se eine Abbie­gung nach links, keh­re um, keh­re ein – neh­me einen klei­nen Weg berg­auf vor­bei an Ein­fa­mi­li­en­häu­sern und rechts ein Bäch­lein, plät­schernd. Ein paar Minu­ten spä­ter am Hori­zont der Wald sich zeigt, ein paar Minu­ten spä­ter ein Schild auf den Maler­weg1 hin­weist. 

Schon schlen­de­re ich auf ein­sa­men Pfa­den, schlüp­fe durch Bir­ken- und Buchen­stäm­me, noch kahl ist das Blät­ter­werk Anfang März. Schon tür­men sich am Quirl, nord­seit­lich des Tafel­ber­ges, viel­zäh­lig die Stei­ne, aus Sand gemacht, in wil­den For­ma­tio­nen – ein Fens­ter hier, ein Aus­blick dort. Und eis­zapf­lich ein letz­ter Gruß vom Win­ter. Der nächs­te Streich, der Pfaf­fen­stein und des­sen Aus­sicht wun­der­schön zwi­schen Fels­wän­den in Rich­tung Lili­en­st­ein. Ich atme ein.

Pau­se mit Brot. Weit ent­fernt die Kir­chen­glo­cken läu­ten nun zur Mit­tags­zeit. Ich bin allein und hal­te schwei­gend inne. Kein Wan­de­rer kreuzt mei­nen Weg, zudem ein Unbe­ha­gen mei­ne Gedan­ken, dif­fus gera­ten sie ins Wan­ken – zum Abschied sag­test du Lebe­wohl. Kurz nach­ge­dacht, und dann ver­tagt, denn Hier und Jetzt und ganz banal, ich wünsch­te: der win­ter­li­che Wind wür­de schei­den, die Wol­ken­de­cke wei­chen, durch die­se die Son­ne kraft­los lugt. Mein Kopf ver­se­hen mit Gän­se­haut.

Bewe­gung hilft, und über Stock und über Stein schla­ge ich den Weg zum Goh­risch ein. Erneut ein Tafel­berg, ein­zig­ar­tig in Euro­pa impo­nie­ren die­se soli­tär. Zudem: „Nir­gend­wo auf der Welt ste­hen mehr Exem­pla­re die­ser kurio­sen Land­schafts­form so dicht und so zahl­reich wie hier [Elb­sand­stein­ge­bir­ge].“2 Der Auf­stieg auf knapp 450 m erfolgt über Metall­stu­fen und Holz­trit­te – steil, mit­un­ter rut­schig auf gefal­le­nem Laub erklim­me ich das Fel­sen­ge­flecht. Gemein­hin ein belieb­tes Aus­flugs­ziel und jede Him­mels­rich­tung birgt ein aus­ge­zeich­ne­tes Pho­to­mo­tiv. Aber wo ist dei­nes, das ich suche? Einen wahr­haft atem­be­rau­ben­den Aus­blick über hun­der­te Baum­kro­nen, grün­ge­tupft im mor­gend­li­chen Son­nen­schein und Land­schafts­li­ni­en schlin­gern sanft gen Hori­zont, in der Fer­ne ein Nebel­schweif – hast du mir gezeigt. Ich kann ihn nicht fin­den, lau­fe wei­ter und unver­mit­telt wer­de ich eines Fels­pla­teaus gewahr, ahne das Ziel mei­ner Suche, jedoch schein­bar unüber­wind­bar: der Abgrund einer Schlucht. 

„Oha!“, den­ke ich puls­er­höht als ich in den Abgrund bli­cke. Zwi­schen Fel­sen führt er meter­tief hin­ab, ein­zig nur ein Geröll­grab und in der Dun­kel­heit kein Tages­licht. Aller­dings, die ande­re Sei­te ist ver­hei­ßend nah, es allein eines klit­ze­klei­nen Sprungs bedarf. Es ist nicht weit, aber wei­ter als ein Schritt, zumal der Fels gegen­über 30°-winkelig ist. Ich brau­che Schwung und darf nicht rut­schen, nicht fal­len in die Fins­ter­nis, denn gewiss, mein Weh­ge­schrei wür­de uner­hört ver­hal­len. Schon schla­ckern mei­ne Knie. Ich keh­re um, das ist es nicht wert. Ich keh­re um, zurück zur Schlucht, ich wür­de es bereu­en. Jetzt kur­belt mein Gehirn, ich kon­sta­tie­re noch ein­mal und den­ke dif­fus über die Schwer­kraft nach. Nicht wis­sen­schaft­lich, eher gefühlt und mög­li­chen Kör­per­ver­ren­kun­gen nach­ge­spürt. Das Fazit ist klar: Ers­tens, ich muss sprin­gen – und zwei­tens, der Sprung ist schaff­bar. Schon schlot­tern mei­ne Knie. Und lei­se lacht der Abgrund, und bib­bernd mei­ne Angst. Noch zöge­re ich, mein Mono­dra­ma ver­län­gert sich, ich fle­he mut­los den Him­mel an. Allein als Ant­wort erhal­te ich ver­ein­zel­te Schnee­flo­cken, wir­belnd, und gleich­zei­tig, froh­lo­ckend, zeigt die Son­ne schüch­tern ihr Gesicht. Der Aus­gang scheint wei­ter­hin unge­wiss. Unzäh­li­ge Minu­ten ver­strei­chen nun, doch plötz­lich, gänz­lich unver­hofft, der Höhe­punkt: Aus einer ande­ren Welt ver­meint­lich ein Requi­em3 ertönt – erst lei­se die letz­ten düs­te­ren Tak­te des Lar­go, bis der 1. Satz ver­stummt und flie­ßend der Über­gang zum kraft­vol­len Alle­gro mol­to, sogleich anschwel­lend das Tem­po. Der ers­te Gei­ger spielt rasant und augen­blick­lich tre­te ich einen Schritt zurück, jetzt beid­bei­nig im fes­ten Stand. Ich hole Schwung, das lin­ke Bein vor­an gesetzt … und über rechts erfolgt der Sprung! Gazel­len­gleich lan­de ich auf allen vie­ren, wenn auch nicht weich, doch wenig nur geschürft mei­ne Haut, unter schwar­zer Hose. Mein Herz, das pocht, ver­drei­facht ist des Schla­ges’ Klang. Den­noch ich über­wand, hel­din­nen­haft, die Gren­zen mei­ner Angst. Mein Schlucht­sprung ist ein Befrei­ungs­schlag, er wird nicht zuletzt blei­ben als Wort zum Tag. 

Das Pan­ora­ma. Unter mir ein Blät­ter­meer und über mir ein Wol­ken­meer und dazwi­schen ich, ein Men­schen­leib. Gestran­det auf einem Fels­vor­sprung, ver­har­rend. Mei­ne Gedan­ken abwar­tend, sie legen sich schließ­lich erschöpft zur Ruh’. Ich ste­he da und sit­ze dort, mein Kör­per kau­ernd, die Sin­ne lau­ernd, ehr­fürch­tig im Ant­litz der Natur – betrach­te ich das Bild und sau­ge dürs­tend jene Pin­sel­stri­che in mich auf: Wie kraft­voll die Son­ne sich nun bemüht, zärt­lich ein­zel­ne Wol­ken, und ihre Strah­lung schim­mernd die Erde, berührt. Wie mäch­tig die Son­ne die ein­zel­nen Ebe­nen erhebt, gefühlt die Land­schaft aus ihrer Zwei­di­men­sio­na­li­tät. Wahr­haf­tig ein Gemäl­de, geschaf­fen durch Licht und Schat­ten, dazwi­schen hauch­zart Nebel­schwa­den. Und am Ende des Hori­zonts die Welt in Auf­lö­sung begrif­fen, ein­zig die Kro­nen der Bäu­me den Him­mel sanft küs­sen. 

Tag 2, rechtselbseitig

Lang und bewusst­los war mein Schlaf. Ich öff­ne die Augen und bin sogleich beschwingt, ein neu­er Tag beginnt. Mein Plan für heu­te, aus­ge­klü­gelt: Eine Wan­de­rung rechts der Elbe und auf, auf in den Natio­nal­park Säch­si­sche Schweiz. Der ca. 90 km² klei­ne Natio­nal­park ist neben dem der Böh­mi­schen Schweiz und einem tsche­chi­schen und einem deut­schen Land­schafts­schutz­ge­biet eine der vier Regio­nen des Elb­sand­stein­ge­bir­ges und „[…] mit etwa 500 hei­mi­schen Blü­ten­pflan­zen- und rund 200 Wir­bel­tier­ar­ten ein bio­lo­gi­sches Schatz­käst­chen. Zahl­rei­che sel­te­ne Arten haben hier ihr letz­tes Refu­gi­um. Zugleich ist es mit sei­ner dra­ma­ti­schen Land­schaft die tou­ris­ti­sche Haupt­at­trak­ti­on der Regi­on.“4 Die­se „dra­ma­ti­sche Land­schaft“ hat sei­nen Ursprung in der Krei­de­zeit vor etwa 140 Mil­lio­nen Jah­ren, in Zah­len: 140 000 000. Damals befand sich der Land­strich unter Was­ser, auf des­sen Boden sich Sand und Scha­len von Krus­ten­tie­ren abla­gern, nach und nach zu einer 700 m star­ken Sedi­ment­schicht auf­tür­men und schließ­lich zu Sand­stein ver­fes­ti­gen. Mil­lio­nen Jah­re spä­ter dreht sich die Welt: Erhe­bung und andau­ern­de Ero­si­on des Gesteins for­men bizarr das Gebir­ge. Das Meer ent­schwin­det, und auch die Dino­sau­ri­er. Mil­lio­nen Jah­re spä­ter: Mit Sack und Pack, ich zie­he los. 

Jedoch aber­mals Ver­zö­ge­rung. Der Zutritt zum Wald bleibt mir ver­wehrt, der Wan­der­weg ist abge­sperrt. Ein Hin­weis­schild aus­drück­lich warnt, vor einer kon­kre­ten Lebens­ge­fahr. Ich bli­cke mich um, wäge ab und weiß unmit­tel­bar – ich for­de­re dich nicht erneut her­aus, mein Schick­sal! Doch welch’ Gefahr lau­ert eigent­lich in die­sem dunk­len Reich? Der Fall der Bäu­me, tot­ge­weiht.5 /​ Im Ange­sicht des Todes wen­de ich mich ab und gehe zwei, drei Schrit­te wei­ter. Schließ­lich tau­che ich ein in eine magi­sche Welt aus Laub und Stein. Ein Ort, an dem man sich schau­rig-schö­ne Mär­chen erzählt und mod­rig der Geruch und feucht die früh­ta­ges­zeit­li­che Luft. Zeit­gleich strahlt der Him­mel azur, und in der Fer­ne erklingt son­nen­schein­lich der Früh­ling dazu. Ich: schlen­de­re zwi­schen geschich­te­ten Fels­wän­den, hin­durch. Fla­nie­re an ton­nen­schwe­ren Gestei­nen vor­bei. 

[Grün bemoost sind eure Kör­per.
Mei­ne Fin­ger strei­fen sanft.
Haut auf Haut,
Lieb­ko­send.
Glück­lich, der Moment.]

Pas­sie­re Wege, mit Wur­zel­werk gepflas­tert, Stu­fe um Stu­fe hin­auf. 

Aus­sicht, Schramm­stei­ne. Sogleich prä­sen­tiert sich majes­tä­tisch eine mehr­gipf­li­ge Fel­sen­wand, aus­ge­franzt. Davor ein Schat­ten­spiel einen Abgrund ima­gi­niert: Glas­kla­res Was­ser spie­gelt die schrof­fen Stei­ne wider. Dun­kel­heit bedeckt die Unter­welt, liegt dar­nie­der und neben­an dürs­ten Baum­ge­rip­pe. Ui! Lie­ber schnell will ich den Ort ver­las­sen, ver­neh­me noch Geläch­ter. Grölt hier im Hin­ter­grund der Hades? Ach nein, nur ein Mensch war es. 

Der letz­te Schritt, ich mache Rast – und las­se den Blick schwei­fen, in die unend­li­chen Wei­ten. Ehr­fürch­tig füh­le ich den Ein­klang der Natur, den Wel­ten­lauf. Ich atme aus. Was­ser einst hat Stein geformt. 

Inte­res­t­ing!

„Das welt­be­rühm­te Gemäl­de »Der Wan­de­rer über dem Nebel­meer« schuf Cas­par David Fried­rich 1818 nach Skiz­zen, die er wäh­rend sei­nes Auf­ent­hal­tes in der Säch­si­schen Schweiz ange­fer­tigt hat­te.“ 

1 Der Maler­weg zählt zu den schöns­ten Wan­der­we­gen in Deutsch­land. Der Rund­weg ist 115 km lang und kann in acht Tages­tou­ren mode­rat erwan­dert wer­den. Sein Name nimmt Bezug auf die zahl­rei­chen Kunst­wer­ke, die von die­ser beein­dru­cken­den Land­schaft geschaf­fen wor­den sind. 

2 Das Elb­sand­stein­ge­bir­ge: So schön. So. wild. So geheim­nis­voll. In: Säch­sisch-Böh­mi­sche Schweiz. Wan­dern im Elb­sand­stein­ge­bir­ge (Pir­na, 15. Auf­la­ge), S. 1

3 Dmi­t­ri Schost­a­ko­witsch, Streich­quar­tett Nr. 8 c‑Moll op. 110. Schost­a­ko­witsch kom­po­nier­te das Werk 1960 in Goh­risch und schreibt in einen Brief an Isaak Glik­man „Ich dach­te dar­über nach, dass, soll­te ich irgend­wann ein­mal ster­ben, kaum jemand ein Werk schrei­ben wird, das mei­nem Andenken gewid­met ist. Des­halb habe ich beschlos­sen, selbst etwas Der­ar­ti­ges zu schrei­ben.“  https://www.schostakowitsch-tage.de/schostakowitsch/streichquartett-nr‑8/, abge­ru­fen am 09.04.2022

4 Natio­nal­park Säch­si­sche Schweiz. Grü­nes Wun­der. In: Säch­sisch-Böh­mi­sche Schweiz. Elb­sand­stein­ge­bir­ge: Wil­de Schön­heit /​ Urlaubs­ma­ga­zin Säch­si­sche Schweiz (Pir­na, 2022), S. 16 

5 „Drei Jah­re Dür­re und Bor­ken­kä­fer haben für eine dyna­mi­sche Ent­wick­lung gesorgt. Die [flach­wur­zeln­den] Fich­ten, die dort groß­flä­chig wuch­sen, sind in den letz­ten Jah­ren fast voll­stän­dig abge­stor­ben und bre­chen immer mehr um.“ In: Säch­si­sche Schweiz, Bad Schand­au. Gäs­te­infor­ma­ti­on (Bad Schand­au, 2021), S. 48 Doch „dort, wo kah­le Fich­ten wie­der Licht auf den Boden las­sen, beginnt schon das Wett­wach­sen neu­er Bäu­me. Nicht Wald­ster­ben, son­dern natür­li­che Wald­ent­wick­lung nennt die Natio­nal­park­ver­wal­tung den Pro­zess. […] Zum ers­ten Mal seit 200 Jah­ren darf der Wald sein eige­nes Gleich­ge­wicht fin­den.“ Natür­li­che Wald­ent­wick­lung. Wald im Wan­del. In: Säch­sisch-Böh­mi­sche Schweiz. Elb­sand­stein­ge­bir­ge: Wil­de Schön­heit /​ Urlaubs­ma­ga­zin Säch­si­sche Schweiz (Pir­na, 2022), S. 18–19

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  1. Avatar von Micha

    Die säch­si­sche Schweiz ist ein unglaub­lich schö­nes Rei­se­ziel. Aben­teu­er­taug­li­che Natur lädt zum Wan­dern und erfor­schen ein. Mit mei­nem Vater war ich schon ein­mal dort, sodass es mich immer wie­der mal dort­hin gezo­gen hat. Nach dei­nem Rei­se­be­richt habe ich rich­tig Lust, mal wie­der die Gegend zu erkun­den. Vie­len Dank für die beein­dru­cken­den Bil­der und dei­nen Bericht. Vie­le Grü­ße, Micha

    1. Avatar von ennaleroekh
      ennaleroekh

      Ohh, wie schön – das freut mich sehr!
      Vie­len Dank und viel Spaß bei dei­ner nächs­ten Wan­der­tour 🙂
      Lie­be Grü­ße

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