Ras al Khaimah: das Natur-Emirat

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2) Das Hajar-Gebirge liegt an der Grenze zum Oman (© Matthias Kutzscher)

Berge, Küste, Wüste: Keine andere Region der Vereinigten Arabischen Emirate hat eine so vielfäl­tige Natur wie Ras al Khaimah. Das kleine Emirat eignet sich für Strand- sowie Aktivurlauber und ist noch ein touris­ti­scher Geheimtipp.

Eine Brise schiebt das Kajak in den Kanal. Es ist Ebbe und das Flussbett nur knietief. Im Schlick jagen Stelzenläufer und weiße Riffreiher. Ein Schwarm Flamingos schreitet durch die Abendsonne. Mitten durch die Hauptstadt von Ras al Khaimah, die so heißt wie das Land, windet sich eine Mangrovenlagune. Hier können Besucher stunden­lang paddeln. Das Labyrinth aus Wasser, Schlamm und Bäumen gehört zu den Naturwundern des Emirats, das sich gerade erst touris­tisch entwi­ckelt.

Wandern zwischen Felstürmen

Ras al Khaimah ist das viert­größte der sieben Vereinigten Arabischen Emirate und besitzt mit „Marjan Island“ zwar eine künst­liche Insel, auf der Spitzenhotels mit Privatstränden und ein riesiger Casino-Neubau liegen. Doch anders als in den berühmten Glitzermetropolen Abu Dhabi und Dubai fehlen beim Nachbarn die Freizeitparks, Mega-Malls und Wolkenkratzer. Stattdessen setzt RAK, wie sich das Emirat kurz nennt, auf Natur und Kultur. „Die alten Stämme der Wüste, der Küste und der Berge waren eng mit dem Land verbunden. Daher schützt das Emirat viele Ökosysteme“, erklärt Fadi Hachicho.

Der Trekking-Guide reicht Kaffee mit Kardamom. Wir sind durch Schluchten und Geröllfelder in ein verlas­senes Dorf im Hajar gewan­dert. Gleich hinter der Küste an der Grenze zum Oman erhebt sich das einzige Gebirge der gesamten Vereinigten Arabischen Emirate auf fast 2.000 Meter. Felstürme umschließen die Hochebene, auf der Menschen jahrhun­der­te­lang wie in einer Art Almwirtschaft Weizen anbauten, Ziegen züchteten und Honig sammelten. Jetzt, im Winter, tupfen Sidrbäume und Kräuterwiesen Grün zwischen die Felsen, über denen noch vor ein paar Tagen Gewitter grollten. Das Wasser sammelt sich unter­ir­disch und versorgt die Ebene am Fuß des Hajar-Gebirges.

Datteln werden per Hand bestäubt und gepflückt. (© Matthias Kutzscher) 

Datteln testen

Das Khatt ist eine Oasenlandschaft, in der Gemüse und Datteln gedeihen, das Symbol für Gastfreundschaft in Arabien. Palmplantagen wirken fast streng: Stamm reiht sich an Stamm. Die Kronen brechen die Sonne und werfen bizarre Gitter aus Licht und Schatten auf den Boden. Datteln verlangen Hingabe. Sie müssen regel­mäßig bewäs­sert, beschnitten, einzeln bestäubt und per Hand geerntet werden. „Dafür liefern sie verläss­lich 60 bis 100 Jahre Früchte“, sagt Kamarul Anwar, der die karamellig-süße Sorte Khalas, leicht herbe Khenaizi und die großen, bernstein­far­benen Medjool in einer Fabrik verkauft. Ich lege mich fest: Das ist der beste Dattel-Shop in den Emiraten!

Kamarul Anwar verkauft die wohl besten Datteln in den Emiraten. (© Matthias Kutzscher)

Wo die Ebene endet, beginnt die Wüste. Erst ragen noch meter­hohe Akazien auf, bevor Sand und Wind sanfte Hügel und Mulden mit Sträuchern formen. Die Dünenwellen laufen bis zum Horizont, darüber flimmert die Sonne in einem wolken­losen Himmel. Nichts ist zu hören. Der Sand schluckt Geräusche. „Eine Wüstentour ist mystisch“, meint Koenraad Ghys.

Der Belgier führt seit über zehn Jahren durch RAK. Einer seiner Lieblingsort ist die Kamelrennbahn Al Sawan, wo der Biologe das Training, die Camps und Läden zeigt, die Kräutersalben für elasti­sche Haut oder Maulkörbe für die sensi­blen Jungtiere feilbieten. Kamele, genauer gesagt Dromedare mit einem Höcker, laufen kaum langsamer als Pferde. Bei Wettbewerben jagen die Besitzer mit Autos nebenher und steuern Roboter-Jockeys, die auf den Höckern sitzen. „Besonders edle und erfolg­reiche Tiere können durchaus bis zu einer Million Euro kosten“, sagt Ghys, während er den Hals eines älteren Reittiers krault.

Um sie für die Wettbewerbe perfekt vorzu­be­reiten, trainieren jung Dromedare fast täglich mit älteren Tieren. Besonders edle und erfolg­reiche Dromedare können durchaus bis zu einer Million Euro kosten. (© Matthias Kutzscher)

Tränen Gottes sehen

Von der Rennbahn im Zentrum bis nach Al Rams im Norden des Emirats fahre ich 30 Minuten. RAK ist etwa so groß wie Luxemburg. An dem Fischerhafen schieben sich Lagunen mit Mangroven zwischen Meer und Berge. Ihr Wasser ist so klar, dass darin Perlen wachsen. Früher lebten viele Familien am Persischen Golf von der Suche nach dem Austerngold; bis in den 1930er-Jahren in Japan die Zucht gelang. Heute ist „Suwaidi Pearls“ die einzige Firma in den Vereinigten Arabischen Emiraten, die Perlen kulti­viert.

Ein Holzboot tuckert zur Farm. „Wir nennen Perlen Tränen Gottes“, sagt Taki Uddin, weil sie Reinheit verkör­pern und Tautropfen ähneln würden. Auf einem roten Tuch breitet der 36-Jährige mit Perlen gefüllte Samtsäckchen, histo­ri­sche Feinwaagen und Prüfschalen aus. Um Größe und Qualität des begehrten Luxusguts zu bestimmen, brauchte es früher offenbar wenig mehr als Erfahrung. „Hunger, Hitze, salzige Haut und ständige Erschöpfung gehörten zum Alltag der Taucher“, erzählt Uddin. Eine alte Dau, mit der die Perlentaucher wochen­lang die Fanggebiete absegelten, dümpelt am Steg der schwim­menden Anlage und flüstert Geschichten von Entbehrung und Reichtum.

Taki Uddin berichtet vom Leben der Perlentaucher früher und zeigt, wie die Qualität der Kostenbarkeiten bewertet wurde.
(© Matthias Kutzscher)

Davon erzählt auch das Dhayah Fort. Wie ein Adlerhorst thront die Wehranlage über Al Rams. Anfang des 19. Jahrhunderts überfielen die Engländer die Küste nahe der Meerenge von Hormus, weil die Region strate­gisch wichtig für den Seeweg nach Indien war, dem Herz des Empire. „Die lokalen Stämme konnten der Kolonialmacht nicht lange wider­stehen“, berichtet Nawfal Al Samrraee. Ich treffe den Experten vom RAK-Nationalmuseum in der Hügelfestung. Er zeigt auf die Küste des Arabischen Golfs, das Hajar-Gebirge, die Oasenlandschaft der Khatt-Ebene und sagt: „Die Gegend wirkt rau, und doch leben hier Menschen schon seit über 5.000 Jahren“.

Service-Informationen

Anreise: Emirates und Eurowings fliegen von Düsseldorf direkt nach Dubai; RAK liegt eine Stunde Autofahrt nördlich.

Einreise: Deutsche brauchen 90 Tage kein Visum.

Reisezeit: Von November bis April liegen die Temperaturen tagsüber im Schnitt bei 28 Grad, im Sommer wird es oft über 40 Grad heiß.

Übernachten: Empfehlenswert ist das „SO/​“ mit All Inclusive Plus und Privatstrand auf Majan Island. Das erste Ende 2025 eröff­nete Resort verbindet avant­gar­dis­ti­sches Design mit exqui­sitem Service und einer leger-coolen Atmosphäre. Das Haus ist damit perfekt geeignet für alle, die stilvoll und ohne Großstadttrubel in RAK wohnen wollen. Als gute Basis im Emirat bieten sich auch das Resort „Anantara“ kurz vor der Hauptstadt und das „Ras Al Khaimah Hotel“ im Stadtzentrum an.

Touren: Fadi Hachicho von „Adventurati Outdoor“ bietet Trekking-Touren, etwa zum höchsten Camp der Emirate auf 1.770 Metern. Koenraad Ghys ist mit „Unveil Arabia“ Spezialist für Exkursionen in die Wüste, zu Dattelfarmen oder Kamelrennbahnen.

Weitere Informationen: www.visitrasalkhaimah.com  /​ www.visitjebeljais.com

Die Reise wurde von der Tourismusbehörde Ras al Khaimah und von SO/​ Hotels unter­stützt.

Grüne Hochebenen durch­ziehen im Winter das Hajar-Gebirge zwischen Ras al Khaimah und dem Oman. (© Matthias Kutzscher)


Kommentare

  1. Avatar von Estika
    Estika

    Ras Al Khaimah wirkt wie ein sehr spannendes Reiseziel mit beein­dru­ckender Landschaft. Solche Übersichten helfen wirklich bei der Reiseplanung. Viele Grüße 🙂

  2. Avatar von Ron Vollandt

    Großartig, was Sie da aus Ras al Khaimah heraus­ge­holt haben, Herr Kutzscher! Während die meisten von uns beim Namen »Vereinigte Arabische Emirate« automa­tisch in YouTube-Videos von Superlativ-Getümmel verfallen – höchster, größter, absur­dester – nehmen Sie uns an die Hand und führen uns in die Ecke, wo sich tatsäch­lich noch Leben abspielt.

    Die Szene mit dem Kajak in der Mangrovenlagune hat mich insge­heim neidisch gemacht. Nicht etwa wegen der Flamingos oder Reiher, nein – sondern weil Sie beschreiben, dass man dort »stunden­lang paddeln« kann ohne dabei in einem Instagram-Filter gefangen zu sein. Das ist in unserer Zeit so selten geworden wie ein funktio­nie­render Supermarkteinkauf.

    Besonders charmant finde ich die Datteln-Episode. Dieser Kamarul Anwar mit seinen »karamellig-süßen« Khalas-Früchten wird vermut­lich täglich von Touristen überrannt – verdient hat er es allemal, wenn man Ihrer enthu­si­as­ti­schen Bewertung Glauben schenkt. Ich hätte da sofort mein Rückgratticket gebucht und wäre hinge­flogen.

    Was aber wirklich unter die Haut ging: diese Floskel »Tränen Gottes« für Perlen. In einer Welt, in der wir alles verwäs­sert haben – selbst die Sprache – ist es wohltuend, wenn noch jemand weiß, dass echte Kostbarkeit einen Namen verdient. Und dann die Geschichte dahinter: Taucher mit »Hunger, Hitze und ständiger Erschöpfung«. Das ist der vollkom­mene Gegenpol zu den glitzernden Dingen, die norma­ler­weise aus dieser Region zu uns durch­dringen.

    Ihre Beobachtung zum Hajar-Gebirge ist brillant. Ein Emirat, das auf Ökosysteme setzt statt auf Wolkenkratzer? Das ist entweder visionär oder eine sehr kluge Marktstrategie – oder beides. Gerne mehr, danke!

    1. Avatar von Matthias Kutzscher

      Vielen Dank für den Kommentar. Das bin ich Leser:innen, lieber Herr Vollandt, als Reisejournalist schuldig: nicht Orte zu insze­nieren, sondern so zu beschreiben, dass sie in Gedanken lebendig werden.

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