Facettenreiches Chicago: Im Rausch der Wolkenkratzer

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1. Chicago

Chicagos unver­kenn­bares Markenzeichen ist seine markante Hochhauslandschaft. Doch auch der endlose Michigansee, der grünschim­mernde Chicago River sowie die zahlrei­chen Parks und Grünflächen prägen das Bild der Metropole des Mittleren Westens stark.

In gerade mal 39 Sekunden erreicht man mit einem der Fahrstühle das Aussichtsdeck des Wolkenkratzers 875 North Michigan Avenue und der Druck auf den Ohren lässt keinen Zweifel daran, dass sie zu den schnellsten der USA gehören. Vom 94. Stockwerk des eher als John Hancock Center bekannten Gebäudes bietet sich eine atembe­rau­bende Rundumsicht. Nordwärts erstre­cken sich Chicagos goldene Strände, in Richtung Osten schweift der Blick über den schier unend­li­chen Michigansee und im Süden der Metropole recken sich Dutzende Wolkenkratzer empor. Nebel schleicht sich durch die Hochhäuser und lässt die Kulisse der majes­tä­ti­schen Skyline fast schon mystisch erscheinen. Zwei Riesen aus Stahl und Glas sind kaum zu übersehen: der bläulich-silbern funkelnde Tower des amtie­renden Präsidenten und der mit schwarzem Aluminium verklei­dete Willis Tower, das dritt­höchste Gebäude der Vereinigten Staaten von Amerika. Frank Sinatras unver­wech­sel­bare Stimme ertönt aus den Lautsprechern der Aussichtsetage: „Chicago, Chicago, I’ll show you around!”. Der Sänger war derart begeis­tert von der Metropole des Mittleren Westens, dass er ihr gleich zwei Songs widmete.

Chicago aus der Vogelperspektive: Aussicht vom 94. Stockwerk des Wolkenkratzers 875 North Michigan Avenue

Am Fuße von „Big John“ verläuft die Magnificent Mile. Mit ihren glanz­vollen Modegeschäften und Shoppingmalls erinnert die vornehme Flaniermeile an New Yorks promi­nente Fifth Avenue. Ausgefallen dekorierte Blumenbeete schmü­cken den Prachtboulevard, auf dem Trommler und Pantomimen die Großstadtbummler mit ihren Kunstfertigkeiten verzau­bern. Die mit Efeu bewach­sene Vierte Presbyterianische Kirche und der steinerne Water Tower scheinen inmitten der urbanen Kulisse aus der Zeit gefallen zu sein. Der neugo­ti­sche Turm behei­matet eine kosten­lose Galerie mit Werken einhei­mi­scher Künstler und zählt zu den wenigen Bauwerken, die wie durch ein Wunder das Große Feuer von 1871 überlebt haben.

Am Fuße des Wolkenkratzers 875 North Michigan Avenue

Chicago gilt als Geburtsstätte des Wolkenkratzers. Nach dem verhee­renden Brand nutzte die Stadt ihre Chance, sich neu zu erfinden und in die Höhe zu wachsen. Dank dem Einfallsreichtum der Chicagoer und mithilfe ausge­klü­gelter techni­scher Innovationen wurde 1885 in der Metropole am Michigan das erste Hochhaus der Welt erbaut. Und es folgten viele mehr. Architektur-Enthusiasten kommen entlang des Chicago River voll auf ihre Kosten. Steinikonen aus den 1920er Jahren wie das imposante Wrigley Building wechseln sich hier mit futuris­tisch anmutenden Glaspalästen ab. Über die geschwun­gene sowie in verschie­denen Farben irisie­rende Fassade des 333 Wacker Drive kann man nur staunen. Ebenso über den statt­li­chen Tribune Tower – dem Sitz der aufla­ge­starken Tageszeitung Chicago Tribune – in dessen Mauerwerk unter anderem Bruchstücke der Berliner Mauer und des Parthenon einge­ar­beitet wurden.

Im Hintergrund erkennt man das Wrigley Building und den Trump Tower
In der Mitte erhebt sich der Tribune Tower – Sitz der Zeitung Chicago Tribune

Am südli­chen Flussufer lädt eine neuge­stal­tete Fußgängerpromenade mit netten Terrassencafés sowie schicken Bier- und Weinlokalen zum Verweilen ein. Büroangestellte treffen sich auf den Sitzstufen im Schatten der Bäume zu einem Plausch, Jogger drehen ihre Runden, Jachten und Ausflugsdampfer mit Touristenschwärmen schip­pern über den grünschim­mernden Fluss. Wer eine Alternative zur klassi­schen Sightseeing-Tour mit dem Boot sucht, wird bei „Urban Kayaks“ fündig. Dort hat man die Möglichkeit, an einer geführten Paddelfahrt teilzu­nehmen und die Umgebung vom Wasser aus zu erkunden. Bei Einbruch der Dunkelheit lohnt ein kurzer Abstecher zum Merchandise Mart auf der gegen­über­lie­genden Flussseite, denn dann wird die Fassade des riesigen Art-déco-Gebäudes mit kunter­bunten, kunst­vollen Projektionen erleuchtet.

Die Uferpromenade am Chicago River lädt zum Flanieren und Verschnaufen ein

Seit über 130 Jahren rattert die „L“, Chicagos silberne Hochbahn, über die Köpfe der Passanten hinweg und ist aus dem Stadtbild nicht wegzu­denken. Bei einer Rundfahrt mit der sogenannten Brown Line, die eine Schleife um den Geschäftsbezirk The Loop fährt, erhält man außer­ge­wöhn­liche Blicke auf die spekta­ku­läre Hochhausarchitektur der Innenstadt. Nach einer Weile gelangt man zur Old Town. Straßennamen wie „Goethe Street“ und „Schiller Street“ zeugen davon, dass deutsche Siedler im 19. Jahrhundert den Grundstein für den Stadtteil gelegt haben. Die Old Town verblüfft nicht nur mit ihren präch­tigen vikto­ria­ni­schen Häusern und charmanten unabhän­gigen Läden, sondern auch mit der unglaub­li­chen Ruhe, die manche Viertel ausstrahlen.

Wer den Wunsch hegt, sich körper­lich zu betätigen oder einfach mal die Seele baumeln zu lassen, ist in Chicagos unzäh­ligen Parks und Grünanlagen bestens aufge­hoben. Der langge­zo­gene, großflä­chige Lincoln Park, einer der meist­be­suchten städti­schen Parks der USA, trumpft mit dutzenden Wiesen und Plätzen für allerlei Sportarten, hübschen Sandstränden, Jachthäfen, zwei Museen sowie einem fabel­haften Zoo mit Flamingos, Kängurus und Löwen, der kostenlos zugäng­lich ist.

Die Lincoln-Statue im gleich­na­migen Park
Im Zoo des Lincoln Park ist es ziemlich gemüt­lich

Im Downtown-Bezirk The Loop überrascht der Millenniumpark mit überra­gender Kunst in Form der hochmo­dernen, spiegelnden Stahlskulptur namens „Cloud Gate“ – die wie eine gigan­ti­sche Bohne ausschaut – sowie zweier sich gegen­über­ste­hender Videobildschirme, die unauf­hör­lich die leuch­tenden Porträts verschie­dener Bewohner Chicagos übertragen. Selbst die kühne Konstruktion aus Edelstahl des Jay Pritzker Pavilion, erbaut von keinem Geringeren als dem Kultarchitekten Frank Gehry, verströmt die Aura – und hat sogar den offizi­ellen Status – eines zeitge­nös­si­schen Kunstwerks. In der Konzertmuschel treten regel­mäßig Stars und Sternchen der unter­schied­lichsten Musikgenres auf – nicht selten handelt es sich dabei um Veranstaltungen, für die kein Eintritt verlangt wird.

Chicago aus der Froschperspektive: Die Skulptur „Cloud Gate“ im Millenniumpark

Auch auf dem Navy Pier lässt es sich prima entspannen, am besten auf einer hölzernen Liege mit Erfrischungsgetränk und herrli­cher Aussicht auf die Skyline und den blinkenden See. Wo einst Marinesoldaten für den Ernstfall trainierten, findet man heute einen Vergnügungspark mit Restaurants, Läden zum Bummeln und Stöbern und einem nostal­gisch anmutenden Riesenrad. Nicht zuletzt ist es dem preis­ge­krönten Shakespeare Theater mit seinen über 650 Vorstellungen jährlich zu verdanken, dass der Navy Pier sich als eine der belieb­testen Touristenattraktionen nicht nur Chicagos, sondern auch des gesamten Mittleren Westens etabliert hat.

Die Aussicht vom Navy Pier auf einen Teil der Stadt

Es ist, kurzum, das Zusammenspiel von vorbild­lich meister­hafter Architektur, großar­tiger Kunst sowie städti­scher Natur, das in Kombination mit dem maritimen Element die Metropole am Michigansee so attraktiv und reizvoll für einen Besuch erscheinen lässt. Chicago, die unange­foch­tene Global City des Mittleren Westens, gehört definitiv auf die To-See-Liste eines jeden USA-Reisenden, der eine Vorliebe für urbane Landschaften hat.


Kommentare

  1. Avatar von Merdan Franz
    Merdan Franz

    Sehr inter­es­santer und ausführ­li­cher Reisebericht!

    Bravo!!

  2. Avatar von Hilal Türe
    Hilal Türe

    Wieder einmal sehr infor­mativ! Wer gerne Städtetrips unter­nimmt, sollte Chicago auf die Liste setzen.

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