Wie genau ich hier her gekom­men bin, das ist eine andere Geschichte. Viel­leicht war es Vor­se­hung: Pro­vi­denz. Man­che Bewoh­ner der Insel sind der Auf­fas­sung, dass nur Aus­er­wählte hier her kom­men. Old Pro­vi­dence ist nicht ein­fach zu fin­den. Noch viel schwe­rer ist es, sie wie­der zu ver­las­sen. Sie sei „mas cerca del paraiso“ – näher am Para­dies, sagen einige. Andere mei­nen, die­ses Para­dies gibt es nicht. Aber nun der Reihe nach.

„San Andrés is not my Home, Pro­vi­dence is my Home“

So lau­tet der Refrain des tra­di­tio­nel­len Lie­des „Hello Pro­vi­dence“. San Andrés ist eine wun­der­volle Insel, keine Frage. Sie hat län­gere Strände, eine blaue Lagune und dazu die kleine Nach­bar­in­sel Johnny Cay, mit dem wei­ßes­ten Sand und Bacardi Fee­ling. Die Form der Insel erin­nert vage an ein See­pferd­chen. San Andrés liegt im Kari­bi­schen Meer 800 km nörd­lich der kolum­bia­ni­schen Küste, jedoch nur etwa 200 km vor der Küste Nica­ra­guas und hat rund 70.000 Ein­woh­ner. Pro­vi­den­cia dage­gen hat kaum 5.000 Ein­woh­nern und liegt etwa 80 km nörd­lich von San Andrés.

Der Name des Flug­ha­fens von Old Pro­vi­dence macht stut­zig, „El Embrujo“: Der Ver­hexte! Schon beim ankom­men spürt man, wie beschau­lich es hier zugeht. Das Flug­ha­fen­ge­bäude ist bunt bemalt mit Moti­ven aus dem Meer: Fische, Muscheln und Koral­len… Vor Pro­vi­den­cia lie­gen einige der schöns­ten Tauch­re­viere der Kari­bik. Für satte drei Monate komme ich auf die Insel. Ein Prak­ti­kum bei dem Gua­hiro India­ner Juan Perez will ich machen, ein „Work-Exchange“. Zur Beloh­nung für meine Arbeit will er mir einen Tauch­schein schen­ken. Und zwei­tens soll ich als „Pro­fes­sor de Yoga“ in sei­nem Hotel arbei­ten. Das ist jeden­falls der Plan.

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Ers­ter Monat: buckeln wie ein Kamel

Das Hotel Sirius gehört zu einem der 11 Orte, die sich wie auf einer Per­len­kette an der ein­zi­gen Haupt­straße auf­rei­hen, wel­che die Insel ein­mal umrun­det. Der Ort, an dem ich die nächs­ten drei Monate haupt­säch­lich ver­brin­gen werde, liegt im Süd­wes­ten der Insel an der Bahia Sur Oeste.

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Juan Perez hat Arbeit für mich: das Hotel soll kom­plett neu gestri­chen wer­den, innen und aus­sen, inklu­sive dem Häus­chen der Tauch­ba­sis und deren Ummaue­rung. Das beschäf­tigt uns rund einen Monat lang. Ein paar Tage wohne ich im höchs­ten Bun­ga­low mit­ten im grü­nen, auf einem Hügel mit fan­tas­ti­schem Blick über die Hotel­an­lage auf’s Meer. Nach etwa einer Woche ziehe ich um und wohne nun über dem Restau­rant in der Spitze einer pyra­mi­den­för­mi­gen Holz­kon­struk­tion. Schaue ich aus mei­nem Fens­ter, wähne ich mich tat­säch­lich dem Para­dies ganz nah: die Insel atmet Leben aus allen Poren, viel Grün rund­herum. Die Vögel tönen in exo­ti­schen Klän­gen. Die Bäume tra­gen Früchte. Unzäh­lige Man­gos wer­den bald reif. Die schönste Zeit mei­nes Lebens liegt vor mir.

Ja, es gefällt mir außer­or­dent­lich gut hier. Die War­nun­gen vor dem Hotel­be­sit­zer habe ich in den Wind geschla­gen. Er sei ein Aus­beu­ter und hätte etwas mit dunk­ler Magie am Hut. Doch genau das fas­zi­niert mich: ein Scha­mane mit dem schöns­ten Hotel, das ich mir vor­stel­len kann. Nicht unbe­dingt Luxus­klasse, aber mit so vie­len lie­be­vol­len Details, dass ich meine, die­ser Mensch kann nicht so ver­kehrt sein. Und so werde ich zu sei­nem Kamel.

Juan Perez ist ein India­ner vom kolum­bia­ni­schen Fest­land und gehört zum Stamm der Wayuu, die nach der Halb­in­sel La Gua­jira im äußers­ten Nord­os­ten auch als Gua­ji­ros bezeich­net wer­den. Diese sind bekannt für ihre Medi­zin­män­ner und Frauen, Geis­ter­be­schwö­rer und Hei­ler. Eine ein­zelne Berg­spitze auf der Halb­in­sel, am Cabo de la Vela, stellt nach ihrem Glau­ben eine Ver­bin­dung zum mythi­schen Land der See­len her. Juan Perez hat Humor, noch viel lie­ber aber spielt er den fins­te­ren und Ehr­furcht gebie­ten­den Brujo, den Hexer, den Gua­jiro, der im Restau­rant nicht die Spei­se­karte, son­dern das Küchen­mes­ser bestellt, um daran zu rie­chen und dann die fri­sches­ten Spei­sen zu bestel­len, die damit geschnit­ten wurden.

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Er lässt mich spü­ren, dass ihm nicht alles an mir passt und for­dert mich schroff auf, mich zu ändern. Wenn er dann Witze macht, wirkt es so, als wollte er seine rück­sichts­lose Härte mas­kie­ren. Oft lässt er mich Arbei­ten ver­rich­ten, die mich an meine Gren­zen brin­gen. Er ist gut in Form, sein Alter ver­rät er mir aller­dings nicht. Als ich ihn danach frage, ant­wor­tet er nur lapi­dar: „unend­lich!“

Juan Perez hält mich einen Monat an einer kur­zen Leine. Es ist ihm nicht recht, wenn ich mich zu weit vom Hotel ent­ferne. Er will mir ein­re­den, es sei gefähr­lich. Bis heute weiß ich nicht, was an den Gerüch­ten über ihn dran ist. Ein­mal wird er rich­tig wütend, als ich ihn ganz harm­los danach frage. Wer mir das gesagt habe, fragt er scharf! Ein Nach­bar hat mir erzählt, er sei in sei­nem Hotel prak­tisch gefan­gen und dürfe die Insel nicht ver­las­sen. Am nächs­ten Tag geht er zu dem Nach­barn in Rich­tung Agua Dulce, und staucht ihn nach Strich und Faden zusam­men. Der Nach­bar erzählt mir spä­ter, dass er danach am gan­zen Leib gezit­tert habe.

Zu den klei­nen Ver­gnü­gun­gen und Abwechs­lun­gen gehört es, den Hund des Fischers, der ein paar hun­dert Meter wei­ter wohnt, zurück zu brin­gen. Ein freund­li­cher Hund mit Appe­tit, ein­fach nicht zu ver­scheu­chen und sehr anhäng­lich. Zuerst wird die Sitz­bank des Motor­rol­lers hoch geklappt und dann das Fell­knäuel auf vier Pfo­ten kur­zer­hand hin­ein­ge­stopft, das den Stau­raum fast kom­plett aus­füllt. So wird er, als im wahrs­ten Sinne blin­der Pas­sa­gier wie­der zurück gebracht. Eve­lyn, die kleine Toch­ter des Fischers freut sich unbän­dig, wenn sie sieht, wie der etwas ver­wirrte Vier­bei­ner ihrer Fami­lie nach Ori­en­tie­rung suchend, aus dem dunk­len Loch des Rol­lers her­aus kommt. Sie hat es mir beson­ders ange­tan. Ihre Lebens­freude ist ein­fach über­schäu­mend. Braun­ge­brannt und hell­häu­ti­ger als die meis­ten der Insel­be­woh­ner, dazu blon­des Haar und blaue Augen! Ja, tat­säch­lich, es gibt nicht sehr viele davon, aber ver­ein­zelt sind auf der Insel auch blonde Män­ner mit blauen Augen zu sehen.

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Die stumme Bevölke­rung der Insel

Unsere Reno­vie­rungs­ar­bei­ten am Hotel wer­den von klei­nen Aus­flü­gen unter­bro­chen. Ein­mal fah­ren wir zu zweit auf dem Rol­ler in Rich­tung Casa Baja (Bot­tom House), um das Tauch­boot zu besich­ti­gen, das eben­falls reno­viert wurde und einen neuen Anstrich bekam. Mit­ten auf der ein­zig nen­nens­wer­ten Stra­ßen­kreu­zung in Suroeste steht ein ver­wirrt wir­ken­der Mann mit einem Brief in der Hand, mit den Armen ges­ti­ku­lie­rend. Wir neh­men den Brief in Emp­fang und ich ver­mute, dass wir ihn auf die Post brin­gen sol­len. Doch Juan meint, ich solle den Brief ein­ste­cken. Auf der Rück­fahrt will ich ihn an den Brief erin­nern, doch er weist mich scharf zurecht, ich solle nicht so unge­dul­dig sein (bin ich doch gar nicht), er werde mir spä­ter erklä­ren, was es mit dem Brief auf sich hat! Zurück im Hotel, erzählt er mir (end­lich) die selt­same Geschichte von dem Mann, der uns den Brief gege­ben hat. Er gehört zu einer Fami­lie von Gehör­lo­sen im Ort und hatte mal was mit einer Frau, die die Insel dann aber ver­las­sen hat und nach San Andrés ging. Und dort ver­liert sich ihre Spur. Man erzählte ihm, in Zei­chen­spra­che, dass sie viel­leicht Kin­der von ihm bekom­men hat: eine Kurve mit den Hän­den vor der Brust, die einen Busen mar­kiert, das steht für „Frau“. Eine wei­tere Kurve mit den Hän­den vor dem Bauch und schon ist die Frau schwanger.

Die­ser Gehör­lose hat das so weit ver­in­ner­licht, dass er mit sei­nen angeb­li­chen Kin­dern und deren Mut­ter Brief­kon­takt pfle­gen möchte. Das kuriose dabei: er kann gar nicht schrei­ben! So befin­den sich auf dem Brief nur ein paar unles­bare Zei­len, immer­hin erin­nert das an eine Adresse. Brief­mar­ken sind nicht drauf. Juan meint, ich solle den Brief öff­nen, manch­mal sei sogar Geld drin. Ich öffne den Brief und darin befin­den sich zwei Blät­ter. Alles unles­bar, nur Gekrit­zel, Zeile für Zeile, kein ein­zi­ger Buch­stabe ist zu ent­zif­fern. Juan meint, ich solle doch meine yogi­schen Sid­dhis (magi­sche Fähig­kei­ten) ein­set­zen, um über die Hie­ro­gly­phen des Stum­men seine Gedan­ken zu lesen und zu erah­nen, was er schrei­ben wollte… Keine Chance, aber ich hebe den „Brief“ erst­mal auf, viel­leicht schule ich meine Intui­tion daran später…

Die meis­ten Ein­woh­ner der Insel ken­nen einige die­ser Geschich­ten von der gehör­lo­sen Fami­lie, die aus etwa 20 Fami­li­en­mit­glie­dern besteht. Ihre sehr ein­fa­che Zei­chen­spra­che wird auf der Insel „Pro­visle“ genannt. Ein biss­chen Pro­visle kann jeder…

 

 

Die Lage spitzt sich zu

Das Ver­hält­nis zwi­schen mir und Juan Perez ver­schlech­tert sich gegen Ende des ers­ten Monats. Ein­mal pas­siert mir ein ver­ba­ler Aus­rut­scher. Jeden­falls scheint er mir etwas übel zu neh­men, so sagt er völ­lig uner­war­tet plötz­lich „ver­piss dich“ zu mir. Hab ich ver­ges­sen zu erwäh­nen, dass Mr. Perez per­fekt deutsch spricht?! Er war sogar ein­mal in mei­ner Hei­mat­stadt, sagt er, und erzählt mir eine Anek­dote davon. Auf dem Vik­tua­li­en­markt in Mün­chen kaufte er sich für eine „Acht­sam­keits­übung“ zwei rohe Eier, die man ihm ein­pa­cken wollte. Er nahm jedoch keine Ver­pa­ckung, son­dern steckte sich die rohen Eier in die Hosen­ta­schen, eine links, eine rechts. Spä­ter, so sagt er, begeg­nete er einem frem­den Mann. Sie unter­hiel­ten sich eine Weile, und als sie wie­der aus­ein­an­der gin­gen, fragte der Fremde, ob er ihm zum Dank für das anre­gende Gespräch 100 DM geben darf, ein­fach so, ohne wei­tere Gegen­leis­tung. Juan Perez nahm das Geld gerne an und fragte den Mann, ob er ihm eben­falls etwas geben darf, ein­fach so. Der Mann bejahte das und Juan Perez gab ihm die zwei Eier.

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Für mehr als ein Paar Eier bie­tet Juan mir sein altes Motor­boot zum Ver­kauf an. Damit könnte ich Aus­flüge für Tou­ris­ten machen und Geld ver­die­nen. Das ganze scheint mir sehr gewagt, wenn ich bedenke, wie wenig Urlau­ber bis­her hier waren. In den Weih­nachts­fe­rien kom­men viele Tou­ris­ten, sagt er. Wie dem auch sei, ich traue ihm nicht. Lang­sam wird es mir zu viel, was und wie er es ver­langt. Das Hotel und die Zim­mer sind fer­tig gestri­chen, innen und außen. Eines Tages habe ich genug. Als ich gerade zusam­men mit der Putz­frau weiße Farb­sprit­zer vom Boden abkratze, platzt mir der Kra­gen. Genug ist genug. Ich schnappe mir ein Kanu und fahre zur Ent­span­nung eine Runde durch die Gegend. Danach geht es mir bes­ser, doch ich sage Juan, dass ich jetzt mehr als genug für ihn gebu­ckelt habe.

 

Kleine Eska­pa­den

Stän­dig bit­ten mich Freunde aus der Nach­bar­schaft, die ich inzwi­schen längst habe, meine Gitarre mit zu brin­gen. Wir spie­len Beach Vol­ley Ball oder trin­ken abends ein Bier zusam­men. Immer öfter esse ich von nun an auch aus­wärts. Da ist Vic­tor McLean, den sie Baba nen­nen, weil man sich bei ihm die Haare schnei­den las­sen kann, und sein Cou­sin Freddy. Die McLeans sind eine Musi­ker­fa­mi­lie. Der Vater spielt die Man­do­line. Dass sie bereits CDs pro­du­ziert haben ist ein gro­ßes Ding, weil es hier kaum tech­ni­sches Equip­ment gibt. Am liebs­ten höre ich Baba und Freddy zu, wenn sie ihre Songs spielen.

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Juan beginnt mich ver­stärkt zu kon­trol­lie­ren. Eines Abends, als Albert, genannt Oli­bird mit sei­ner Band an der Man­za­nillo Beach spie­len, kann ich nicht mit, weil Juan mir wie­der irgend­eine Auf­gabe gege­ben hat. Als ich mei­nen Freun­den mit­teile, dass ich nicht „frei habe“, spot­ten sie: „He’s in pri­son!“: Er ist gefan­gen! Lang­sam merke ich, dass es so nicht wei­ter geht. Die Frei­heit ruft. Jedes Mal wenn ich das Hotel ver­lasse ist es ein klei­nes Aben­teuer. Immer werde ich ange­spro­chen, jede Begeg­nung eine Bereicherung.

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In unmit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft zum Hotel Sirius befin­det sich Miss Marys Hotel mit einem Restau­rant. Sie haben dort einen die­ser klei­nen Chi­hua­hua Hunde. Ein Stück wei­ter nörd­lich am „Punta Negra“ befin­det sich Ricar­dos Reg­gae Kiosk, eine urige mit Stroh bedeckte Hütte. Hier tei­len sich Land und Meer in zwei sanft geschwun­gene Buch­ten, ein süd­li­cher und ein nörd­li­cher Mee­res­bu­sen, wenn auch mit fla­chen „Brüs­ten“.

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Am Ende des nörd­li­chen Strand­ab­schnitts ist die Bar von Albert „Oli­bird“, aus der eben­falls fast immer Reg­gae Music tönt. Hin­ter den bei­den Reg­gae Bars von Richard und Oli­bird wach­sen dichte Man­gro­ven. Man­gro­ven haben etwas fas­zi­nie­ren­des. Die Luft­wur­zeln erin­nern mich an Syn­ap­sen, Ner­ven­enden im Gehirn, die nach neuen Ver­bin­dun­gen suchen, sich nach Nah­rung tas­tend ins Salz­was­ser gra­ben. Auch ich stre­cke meine „Füh­ler“ aus, einer Par­tie Beach­vol­ley­ball nie abge­neigt, etwas Small­talk und die Spra­che der Ein­hei­mi­schen ver­ste­hen ler­nen: „Wah­goa“ – wie bitte, was soll das hei­ßen – „Wah­goa?“ Ein schlam­pig aus­ge­spro­che­nes „What’s going on?“ Hey, was geht, was ist los…? Und immer wie­der: „Wo ist deine Gitarre?“

 

Der Bruch

Direkt Süd­lich vom Sirius Hotel befin­det sich ein Bas­ket­ball Platz. Aus dem nahen Ghetto an der beschö­ni­gend Sou­thwest Bou­le­vard genann­ten klei­nen Straße klingt Musik. „Mama Africa“ von Peter Tosh, oder Bob Mar­ley singt: „Sun is shi­ning, the wea­ther is sweet. To the res­cue, here I am!“

All das ver­lockt mich, das Hotel zu verlassen.

Eines Abends, es ist schon dun­kel, gehe ich an den Strand und übe etwas Gitarre vor dem Hotel. Schon bin ich umringt von den übli­chen Ver­däch­ti­gen und es wird Mari­huana geraucht, das scheint hier auf der Insel sehr ver­brei­tet zu sein. Sie rau­chen es pur, ohne Tabak, dar­auf wird Wert gelegt, denn „Ciga­rette smo­king is dan­ge­rous“. Bevor ich pro­tes­tie­ren kann, wirft einer, ich weiß nicht mehr wer, ein Päck­chen Ganja durch das Schall­loch in meine Gitarre und meint: „Dann haben wir immer was zu rauchen.“

Wenig spä­ter fah­ren zwei Uni­for­mierte auf einem klei­nen Motor­rad über den schma­len Weg zwi­schen Hotel und Strand an uns vor­bei, einer mit Maschi­nen­pis­tole. Das ist hier ein ganz nor­ma­ler Vor­gang, kein Grund zur Beun­ru­hi­gung, sie fah­ren Patrouille. Das rau­chen von Mari­huana ist hier zwar nicht erlaubt, aber es wird in der Regel gedul­det. Nun geschieht jedoch etwas unge­wöhn­li­ches. Einer aus unse­rer Gruppe macht ein spe­zi­el­les Geräusch, etwa so, wie man einer schö­nen Frau hin­ter­her pfeift, und ruft „Sascha!“ Ich denke mir nichts dabei, bis die zwei auf dem Motor­rad umkeh­ren, abstei­gen, auto­ri­tär auf­tre­ten und laut: „Todos los manos à la pared!“ rufen. Als ich merke, dass es hier unge­müt­lich wird, packe ich meine Gitarre und mache mich aus dem Staub. Als ich so davon gehe, klingt es in mei­nem Kopf nach: „…los manos à la pared,“ und jetzt ver­stehe ich erst, was sie gesagt haben: „Alle Hände an die Wand!“ Upps, da bin ich ja grad noch­mal so davon gekom­men. „Alle Hände…?“ meine Fehlen!

Zur Erklä­rung: die zwei Poli­zis­ten haben sich durch den spe­zi­el­len Ruf, der wie ein Pfiff von Mann zu Frau klingt, in Ver­bin­dung mit dem Wort „Sascha“ pro­vo­ziert gefühlt. Es bedeu­tet soviel wie: „Schwu­ler!“ Und das geht für kolum­bia­ni­sche Machos gar nicht. Min­des­tens eine Stunde lang geben die Poli­zis­ten keine Ruhe und wol­len wis­sen, wer das war. Die Luft brennt. Aus irgend­ei­nem uner­klär­li­chen Grund kochen die Gemü­ter direkt an die­sem „Hot­spot“ vor dem Hotel völ­lig unver­hält­nis­mä­ßig hoch. Ich ver­stehe zunächst gar nicht, was da los ist. Es kommt sogar noch poli­zei­li­che Ver­stär­kung. Irgend­je­mand meint, Jony Perez hätte die Poli­zei geru­fen. Ich ver­su­che mich zu beru­hi­gen und schreibe Tage­buch. Da bemerke ich etwas außer­ge­wöhn­li­ches: als wären die Mos­ki­tos von den mensch­li­chen, allzu mensch­li­chen Emo­tio­nen ange­steckt, sind sie völ­lig aggres­siv. Nor­ma­ler­weise genügt ein Boden­ven­ti­la­tor, um sie fern zu hal­ten, denn sie mögen kei­nen Wind. Jetzt brau­che ich alle drei gro­ßen Ven­ti­la­to­ren links, rechts und vor mir, und sie ste­chen trotz­dem! So kann ich mich kaum auf das Schrei­ben kon­zen­trie­ren. Ich gehe wie­der zum „Hot­spot“ wo sich die Gemü­ter inzwi­schen etwas beru­hi­gen. Aller­dings fährt mich jetzt Juan Perez an, warum ich behaup­tet hätte, er habe die Poli­zei geru­fen! Dabei stößt er mich sogar pro­vo­ka­tiv vor die Brust. Ich ver­su­che cool zu blei­ben und will ihm klar machen, dass ich das nicht behaup­tet habe, doch er ist außer sich. An die­sem Abend hat sich irgend­ein emo­tio­na­les Gewit­ter ent­la­den. Doch es war nicht der letzte Tropensturm.

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Juan erfährt von dem Ganja in mei­ner Gitarre. Irgend­je­mand erzählte es ihm, denn es ist ja auch ein „Witz“: diese Jungs vom Strand haben wirk­lich so gut wie immer was zum rau­chen dabei, doch als sie an dem „Hot­spot“ gründ­lich unter­sucht wur­den, wurde bei kei­nem ein­zi­gen was gefun­den! Das war so als hät­ten noto­ri­sche „Schwarz­fah­rer“ bei der Kon­trolle zufäl­lig eine Fahr­karte. Und ich hatte fet­tes Glück, denn in mei­ner Gitarre hät­ten sie etwas gefun­den! An die­sem Abend glaube ich, hat sich ein Blatt gewen­det, und zwi­schen mir und Juan Perez begann das Letzte Kapitel.

Der Chef der Poli­zei­dienstelle ist manch­mal im Hotel zu Besuch. Als wir auf die Sache mit dem Mari­huana in mei­ner Gitarre zu spre­chen kom­men, die sich wohl her­um­ge­spro­chen hat, meint er, dass es hier auf der Insel, anders als am Fest­land libe­ral gehand­habt wird, mit den soge­nann­ten „natür­li­chen Dro­gen“. Am Fest­land wird Dro­gen­be­sitz stren­ger bestraft. Hier auf der Insel wird „Gras“ (Mari­huana) mehr oder weni­ger gedul­det, da es zur Kul­tur eini­ger Insel­be­woh­ner gehört, die sich der Rasta­fari Tra­di­tion aus Jamaika ver­bun­den füh­len. Mit Koka­in­be­sitz sei aller­dings nicht zu scher­zen. Eine der Haupt­auf­ga­ben der Poli­zei hier auf der Insel ist es, den Koka­in­han­del zu ver­fol­gen. Des­halb befin­det sich auch eine kleine Mili­tä­ri­sche Basis auf dem Hügel, am süd­li­chen Ende der Sou­thwest Beach.

Eines Tages bin ich am Strand und ein­hei­mi­sche Kin­der haben die­sen wun­der­schö­nen rie­sig gro­ßen durch­sich­ti­gen und doch bun­ten Was­ser­ball dabei, der das Was­ser nur ganz leicht berührt. Plötz­lich kommt Wind auf, der Ball beschreibt eine Para­bel auf dem Was­ser und mit unfass­ba­rer Geschwin­dig­keit nimmt ihn die Böe mit, weit raus auf’s offene Meer. Keine Chance ihn schwim­mend ein­zu­ho­len. Nur mit einem Motor­boot könnte man ihn noch zurück holen. Ich laufe ins Hotel und rufe: „Der große Ball ist weit draus­sen auf dem Was­ser! Lasst ihn uns mit dem Motor­boot holen.“ Wir holen den Ball zusam­men mit zwei Hotel­gäs­ten, die gerade in der Lobby waren. Spä­ter stellt sich her­aus, dass sie dach­ten ein gro­ßer Wal wäre draus­sen auf dem Meer. Sie hat­ten Wal statt Ball ver­stan­den. Wenn Wale oder Del­phine in Sicht sind, fah­ren die Gäste gerne raus auf’s Meer, um sie sich näher anzu­se­hen. Juan Perez lächelt einer­seits ver­ständ­nis­voll, ande­rer­seits schüt­telt er den Kopf, als wollte er sagen: „Ach, herrje!“

Etwas lag schon län­ger in der Luft, aber ich hätte nicht erwar­tet, dass es so plötz­lich geschieht. Mitte Dezem­ber, eine Woche vor Weih­nach­ten, sage ich höf­lich guten Mor­gen zu Mr. Perez, wor­auf er nur ant­wor­tet: „Pack deine Sachen und geh – bis 12 Uhr Mit­tags bist du draus­sen!“ Mir war schon klar, dass er in letz­ter Zeit schlechte Laune hatte und dass ich was damit zu tun hatte. Dass es aber so schnell geht, und dass er mir eine so kurze Frist setzt, das hätte ich nicht erwar­tet. Schliess­lich bin ich poli­zei­lich bei ihm gemel­det und habe ein Arbeits­vi­sum. Caro­lina, die junge Freun­din von Juan Perez‘ rech­ter Hand Pau­lino (Hotel Mana­ger) schreit, das könne er doch nicht machen! Wo soll er denn hin, kurz vor Weih­nach­ten?! Sie weint sogar. Auch sie hatte mas­sive Pro­bleme mit dem Hotel­be­sit­zer. Der Raus­wurf kam plötz­lich, aber nicht ganz uner­war­tet. Ich beginne meine Sachen zu packen, ohne zu wis­sen wo es hin geht.

 

Zwei­ter Monat: wie ein Löwe im gelob­ten Land

Freddy McLean bie­tet mir an, bei ihm unter zu kom­men, bei sei­ner Fami­lie. Ich sehe es mir an und bin dank­bar für das Ange­bot, kann mir aber nicht vor­stel­len dort zu woh­nen. Dar­auf­hin führt Freddy mich zum Maroon Hill, ober­halb dem Stu­dio Café an der Ring­straße. Der Fischer Elvis wohnt dort mit sei­ner Frau, zwei Söh­nen und der blon­den Toch­ter Eve­lyn. Etwas abseits auf ihrem Grund­stück mit­ten im Grü­nen steht meine neue Behau­sung. Ich bin sofort begeis­tert. Eine ein­fa­che Hütte mit Blech­dach, Küche, Dusche, Veranda und einem Gäs­te­zim­mer. Was will man mehr! Von nun an wohne ich „like a lion in zion.“ Der Him­mel, das Para­dies (Zion) ist nicht fern. Wie die Lotos­blume und die See­rose, die über den Sumpf hin­aus wach­sen, so werde ich mich im Schlamm die­ser schwie­ri­gen Welt (Baby­lon) behaup­ten: Füße am Boden, Kopf im Himmel.

Beim Umzug gibt es eine Über­ra­schung. Der Poli­zei­chef ist gerade zu Besuch und bie­tet mir an, mich mit­zu­neh­men. So fahre ich hin­ten auf dem Pick-up vom Dienst­wa­gen des Poli­zei­chefs mit. Was für eine Schose. Als meine neue Gast­ge­be­rin sieht, dass ich mit der Poli­zei komme, erschrickt sie zuerst. Der Poli­zei­chef beru­higt sie und ver­si­chert ihr, dass ich nichts „aus­ge­fres­sen“ habe, und meint, wir könn­ten jetzt Yoga am Maroon Hill machen. Meine Ver­mie­te­rin ist begeis­tert, denn sie möchte etwas gegen ihre Rücken­schmer­zen tun. Bevor sich der Poli­zei­chef ver­ab­schie­det, lädt er mich ein, ihn zu besu­chen, ich könnte auf dem Sport­platz der Poli­zei Yoga Kurse anlei­ten. Ich kann es kaum fas­sen, wie schnell sich alles ver­än­dert hat!

Dadurch, dass ich etwas mit der Poli­zei zu tun habe, han­dele ich mir in Suroeste teil­weise den Ruf eines Infor­man­ten ein. Die Bezeich­nung „Infor­mer“ (Spit­zel) ist zumeist aller­dings – hof­fent­lich – nur scherz­haft gemeint. Ande­rer­seits ver­schaff es mir eine gute Por­tion Respekt.

Die Tage und Wochen im zwei­ten und drit­ten Monat mei­nes Auf­ent­halts auf der Insel ver­lau­fen von nun an in einer ste­tig nach oben anstei­gen­den Kurve in Rich­tung Zufrie­den­heit. Meine Ver­mie­te­rin erweist sich als die beste Köchin an der Bahia Suroeste und ich ver­tiefe meine Freund­schaf­ten zu den Ein­hei­mi­schen in die­ser Ecke der Insel. Zu den schöns­ten Erleb­nis­sen zählt es, nachts am Lager­feuer zu sit­zen und Musik zu machen. Freddy und Vic­tor McLean spie­len abwech­selnd Gitarre und sin­gen „Redem­tpion Songs“ von Bob Mar­ley oder impro­vi­sie­ren andere Lie­der. Oft kom­men wei­tere Musi­ker dazu. Am liebs­ten sitze ich dabei und zupfe den Bass, den sie in der Kari­bik „Tub“ nen­nen. Ein pri­mi­ti­ves Instru­ment das aus weni­gen Mate­ria­lien besteht: ein Wasch­zu­ber aus Blech wird auf den Kopf gestellt, am Boden wird in der Mitte eine Schraube befes­tigt, daran eine dicke Schnur, an der Schnur ein Stock. Der Stock wird am Boden­rand des Wasch­zu­bers auf­ge­stellt und dient zum span­nen der Schnur. Je nach­dem, wie stark die Span­nung ist, umso tie­fer oder höher der Ton der beim Zup­fen entsteht.

Ein uraltes Instru­ment der Kari­bik ist der „Horse Jaw­bone“: Das Gebiss eines Pfer­des, oder auch von einem Esel! Mit die­sem kön­nen unter­schied­li­che Töne erzeugt wer­den: fährt man mit einem Stock über die Zähne, die noch locker im Gebiss sit­zen, ent­steht ein Klang wie von einem Wasch­brett oder einer Rat­sche. Der zweite Klang ist das „Klir­ren“ der Zähne durch einen Schlag mit dem Hand­bal­len auf den Kno­chen, der dritte Klang ent­steht durch schüt­teln, wie eine Rumba Ras­sel und der vierte Klang ist ein rhyth­mi­sches schla­gen mit dem Stock auf den Kiefer.

Manch­mal, wenn ich mit John Jairo’s Klein­kraft­rad durch den Ort düse, johlt mir irgend­ein Bekann­ter mit die­sem spe­zi­el­len Drei­klang hin­ter­her (hoher Ton, dann ein tie­fe­rer Ton gefolgt von einem ganz hohen Ton) und ruft „Sascha“ – wor­auf­hin wir beide lachen müs­sen. Doch nicht jeder ver­steht die­sen Spass. Auf Pro­vi­den­cia ist der Hetero ein Macho. Das merke ich, als ich eine fal­sche Bemer­kung gegen­über Stan­ley mache, den ich bereits seit mei­nem letz­ten Besuch hier sehr schätze. Er ist, abge­se­hen von mir und den Tou­ris­ten vom Fest­land, der Ein­zige hell­häu­tige in unse­rer Cli­que, sofern man bei die­ser tie­fen Bräune von hel­ler Haut spre­chen kann. Jeden­falls hat er sicher weni­ger ver­sklavte Afri­ka­ner als Vor­fah­ren. Eher, so stelle ich mir vor, könnte er ein Nach­fahre des berühmt berüch­tig­ten Cap­tain Mor­gan sein, der 1670 die Insel in Besitz nahm, um von hier aus seine Beu­te­züge durch­zu­füh­ren. Nach­dem ich Stan­ley ein­mal auf dem Motor­rad zur „Town“ mit­nehme, frage ich ihn, dort ange­kom­men, wo es ihm am bes­ten gefällt auf der Insel. Er meint, dass es ihm hier in der „Town“, wie der Haupt­ort Santa Isa­bel genannt wird, gut gefällt. Dar­auf­hin frage ich, ob ich ihn noch irgendwo auf einen Kaf­fee ein­la­den darf, er könnte sei­nem Freund doch einen Lieb­lings­platz im Ort zei­gen und stubse ihn keck oder neckisch an. Er inter­pre­tiert das als homo­se­xu­elle Anma­che und macht sich flucht­ar­tig aus dem Staub. Es dau­erte einige Zeit, bis er wie­der ansprech­bar war.

 

Drit­ter Monat: unbe­schwert leben wie ein Kind

Wie­der geht eine Phase zu Ende und eine neue beginnt. Kenn­zeich­nend dafür ist mein Umzug von der Hütte mit dem Blech­dach in eine neue Unter­kunft gleich nebenan: ein Traum! Die Bäume ste­hen so nah, dass man sich oben im ers­ten Stock wie in einem Baum­haus fühlt. Auf das Blech­dach mei­ner „Löwen­höhle“ pras­selte der Tro­pen­re­gen noch mit höl­li­schem Krach. Hier ist das Geräusch des Regens wesent­lich sanf­ter, so als säßen wir unter einem Blät­ter­dach. Mein häu­figs­ter Besu­cher ist Vic­tor McLean aka Baba, der sich meine Gitarre ent­we­der aus­leiht, oder zurück bringt, oder zum spie­len kommt. Schon als ich zum ers­ten Mal sah, dass die­ses Haus ver­mie­tet wurde, wollte ich darin woh­nen. Es war wie eine Sehn­sucht, ein biss­chen wie Neid: da möchte ich auch woh­nen! Jetzt ist es frei geworden.

„Him is hard ears,“ sagt meine Ver­mie­te­rin über ihren jüngs­ten Sohn. Wie, er hat „harte Ohren?“ Nein, natür­lich nicht – er hört schlecht, also: er folgt nicht, klaro! Hier kön­nen die Kin­der den gan­zen Tag im Freien herum lau­fen. Ein rie­si­ger Spielplatz.

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Der christ­li­che Glaube bil­det nicht wenige Anhän­ger auf Pro­vi­den­cia und neue „Schafe“ sind will­kom­men. Als ich eines Abends auf dem Heim­weg an der „New Life Taber­na­cle“ Kir­che der Bap­tis­ten vor­bei komme, ist da Licht. Draus­sen vor der Türe, im Gebüsch, bewegt sich was. Die all­ge­gen­wär­ti­gen Land­krab­ben, Ech­sen? Nein, ein hal­bes Dut­zend Pferde ste­hen dort fast laut­los „geparkt,“ als wür­den sie der Pre­digt lau­schen. Ich halte inne und höre den Vor­tra­gen­den: „Who is the Redeemer?“ Schwei­gen. Und noch­mal fragt er: „Wer ist der Erlö­ser?“ Stille. Mit etwas Nach­druck wie­der­holt er seine Frage: „Wer ist der Erlö­ser!“ Eine zag­hafte Stimme ist zu ver­neh­men: „Jesus?“ Erleich­tert wie­der­holt der Pre­di­ger: „Yes me son, Jesus is the Redeemer.“ Und jetzt sagen sie es noch ein­mal alle zusam­men… Als ich wei­ter gehe, kann ich mir ein Schmun­zeln nicht ver­knei­fen. Scheint ein Ein­füh­rungs­kurs für Anfän­ger zu sein.

Bemer­kens­wert ist, dass sich nur wenige hier im wil­den Süd­wes­ten einen eige­nen fahr­ba­ren Unter­satz leis­ten. Der Bus (das ‚colec­tivo‘) fährt rund um die Insel und ist eine wun­der­bare Gele­gen­heit sich haut­nah von den „posi­tive vibra­ti­ons“ der Insu­la­ner anste­cken zu lassen.

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Zum höchs­ten der Gefühle in Punkto Fort­be­we­gung gehört der Rücken eines Pfer­des. Ein Aus­ritt mit Howard bleibt mir unver­gess­lich. Zum Glück war mein Schutz­en­gel dabei. Auf dem Rück­weg, wie­der auf der geteer­ten Straße, riss im Galopp der Gurt mei­nes rech­ten Steig­bü­gels! Ich rutschte gefähr­lich weit rechts run­ter und es sah bestimmt nicht so gut aus, wie bei den Reit­künst­lern, die sich kurz mal run­ter und wie­der rauf schwin­gen. Um Haa­res­breite wäre ich bei dem Tempo auf den Teer gefal­len. Glück­lich ohne Schram­men davon­ge­kom­men zu sein, reite ich mit Howard den Sun­set Bou­le­vard run­ter und komme mir wie ein über­le­ben­der Held vor. Wir kau­fen Getränke am Kiosk. Eine Bewoh­ne­rin des Ghet­tos steht vor mir und fragt, ob ich ihr das Klo­pa­pier bezahle. Okay, Klei­nig­keit. Dann, ganz ohne Vor­war­nung, meint sie, dass sie bereit ist, wenn ich ein Kind von ihr haben will. Uff, bis gerade eben fand ich sie noch attrak­tiv, aber das ist mir dann doch etwas zu unromantisch.

Wer die eige­nen „Hufe“ schwingt, kann von Bot­tom House (Casa Baja) den land­schaft­lich reiz­vol­len Weg zur höchs­ten Erhe­bung der Insel gehen, wo der „El Pico“ auf 360 m Höhe thront. Von dort oben gibt es einen wun­der­ba­ren Blick über die Insel. An den bes­ten Aus­sichts­punk­ten wan­dert das Auge über den Flug­ha­fen zu den „Drei Brü­der“ (Tres Her­ma­nos) genann­ten Fels­in­seln vor der Küste, und wei­ter bis hin­über zur Insel Crab Key (Caya Cangrejo).

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Eine eben­falls sehr schöne Wan­de­rung führt von der Sou­thwest Beach hin­über zur abge­schie­de­nen Man­za­nillo Beach und zurück. Die­sen Weg sind wir viele Male gegan­gen. Oft spielt Vic­tor bei unse­ren Wan­de­run­gen neben­bei läs­sig auf der Gitarre. Wir neh­men uns in Acht vor den Büschen mit Dor­nen, die paar­weise auf­tre­ten und wie zwei Hör­ner aus­se­hen. Berührt man sie, kom­men sofort Amei­sen zum Angriff her­vor. Jeden­falls dann, wenn die horn­för­mi­gen Dor­nen kleine Löcher haben, was sehr oft der Fall ist. Dann sind Amei­sen drin. Aber wer sieht schon vor­her nach, ob die Dor­nen kleine Löcher haben! Die Amei­sen­säure ist schmerz­haft, soll aber gesund sein, heißt es.

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An der Man­za­nillo Beach ange­kom­men gibt es zur Erfri­schung und Ent­span­nung das Meer und Rolan­dos Bar mit Roots Rock Reg­gae Sound und Dröh­nung (wer’s mag). Hier gibt es zumeist ein lecke­res Fisch­ge­richt oder den tra­di­tio­nel­len Ron­don, ein typisch kari­bi­scher Ein­topf, haupt­säch­lich mit Fisch und Mee­res­früch­ten, Kokos­milch und dazu Maniok, Taro, Koch­ba­nane, Kar­tof­feln, Zwie­beln, Knob­lauch, Pfef­fer, Basi­li­kum… Ron­don kommt von „rundown“: also all das, was man da so „rein wirft“.

Dazu ein Kolum­bia­ni­sches Bier der Marke „Bava­ria“. Der aus Offen­bach am Main stam­mende Aus­wan­de­rer Leo S. Kopp („Don Leo“) grün­dete 1889 „Kopp’s Deut­sche Braue­rei Bava­ria“ in Bogotá und wird von eini­gen dort als Hei­li­ger ver­ehrt! Sein Grab im Zen­tral­fried­hof von Bogotá wird gerne zum Für­bit­ten und beten besucht. Don Leo hat in Kolum­bien einen lupen­rei­nen Ruf als Wohl­tä­ter und soll selbst noch vom Jen­seits aus wirken!

Die Braue­rei in Bogotá hat heute über 16.000 Mitarbeiter.

 

Besuch bei Pablo Esco­bar – er war zum Glück nicht da!

Einen ganz ande­ren Ruf als der gute deut­sche Bier­brauer hat der Dro­gen­ba­ron Pablo Esco­bar, des­sen ver­fal­lene Villa wir auf Santa Cata­lina besu­chen. 1,5 Mil­lio­nen US-Dol­lar am Tag soll der „Patrón“ in sei­nen bes­ten Jah­ren ver­dient haben. 1989 war er einer der reichs­ten Män­ner der Welt.

So lange ist das noch gar nicht her, die 90er Jahre, und doch ist die Esco­bar Villa im Zen­trum der grü­nen Insel Santa Cata­lina heute bereits völ­lig ver­fal­len. Lan­des­weit ste­hen auch andere Rui­nen des skru­pel­lo­sen Dro­gen­händ­lers für ein Schei­tern des schnel­len, kri­mi­nel­len Gel­des. Pablo Esco­bar wurde einen Tag nach sei­nem 44. Geburts­tag bei einer Raz­zia in Medel­lin erschossen.

Die kleine Insel Santa Cata­lina mit einer Flä­che von 1,5 qkm hat immer­hin rund 200 Ein­woh­ner, obwohl es keine befes­tig­ten Stra­ßen gibt, nur eine Pro­me­nade links und rechts der 150 m lan­gen „Lovers Bridge“ (Puente de los Ena­mo­ra­dos), die Santa Cata­lina mit Pro­vi­den­cia ver­bin­det. Am Süd­ende der Insel ist ein ver­fal­le­nes Fort mit Kano­nen und eine Bucht mit einem klei­nen Strand.

Ganz im Süd-Wes­ten von Santa Cata­lina befin­det sich eine Fels­for­ma­tion, vom Rest der Insel etwas abge­setzt, die von bei­den Sei­ten aus gese­hen tat­säch­lich an einen Kopf erin­nert. Das ist der „Mor­gans Head“ (Cabeça de Mor­gan). Immer wie­der höre ich von Schät­zen, die hier und anderswo gefun­den wor­den sind. Was da genau dran ist, schwer zu sagen. Irgendwo müs­sen die Reich­tü­mer, wel­che der Pirat Henry Mor­gen mit sei­ner Crew zuhauf erbeu­tet hat, geblie­ben sein.

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Die ver­ei­nig­ten Frei­beu­ter von Amerika

1670 nahm der in Wales gebür­tige Cap­tain Henry „Harry“ Mor­gan die Inseln PROVIDENCIA UND SANTA CATALINA in Besitz, um von dort aus seine Über­fälle gegen spa­ni­sche Schiffe in der Kari­bik zu star­ten! 1671 gelang Mor­gan der größte Coup sei­ner Lauf­bahn: die Erobe­rung Pana­mas, zu jener Zeit die größte und reichste Nie­der­las­sung Spa­nisch-Ame­ri­kas. Als selbst­er­nann­ter „Chef­ad­mi­ral aller Buka­niers­flot­ten und der ver­ei­nig­ten Frei­beu­ter von Ame­rika“ konnte er für die­ses Unter­neh­men rund 1.800 Mann auf 36 Schif­fen aufbringen.

Am Ende ver­däch­tig­ten die Frei­beu­ter Mor­gan jedoch, sie betro­gen und einen gro­ßen Teil der Schätze Pana­mas für sich selbst abge­zweigt zu haben, wes­we­gen Mor­gan sich nach Been­di­gung des Panama-Raub­zu­ges und der Ver­tei­lung der Beute klamm­heim­lich aus dem Staub machte.

Fest steht, dass Henry Mor­gan offen­bar nicht der geschick­teste See­mann war. Wäh­rend sei­ner Frei­beu­ter­un­ter­neh­mun­gen lie­fen mehr­mals große Fracht­schiffe durch Navi­ga­ti­ons­feh­ler auf Grund und ein wei­te­res ging wäh­rend eines aus­gie­bi­gen Zech­ge­la­ges durch eine Explo­sion im Pul­ver­ma­ga­zin ver­lo­ren. (Wiki­pe­dia)

 

Über und unter Wasser

Unsere Rund­fahrt mit einem klei­nen Motor­boot um die geschätz­ten 20 km Küs­ten­li­nie von Pro­vi­den­cia beginnt Rich­tung Santa Cata­lina. Zwei Tauch­gänge sind inklu­sive. Da ich mei­nen Tauch­schein nicht voll­endet habe, geht es nur ein paar Meter in die Tiefe. Ers­ter Tauch­gang nahe Mor­gans Head, ent­lang einer Fels­wand. Wer schon­mal in tro­pi­schen Gewäs­sern tau­chen oder schnor­cheln war, kennt das Gefühl: eine andere Welt. Ein kur­zer Sprung ins Was­ser, die Auf­he­bung der Erd­an­zie­hungs­kraft trotz schwe­rer Sauer­stoff­fla­sche, der eigene Atem, laut, künst­lich. Die meis­ten Fische schei­nen sich über­haupt nicht an den blub­bern­den und mas­kier­ten Ein­dring­lin­gen zu stö­ren. Über­all, wo sich was bewegt, wo leben ist, wo Fische und Koral­len sind, hat die Schöp­fung nicht an Farbe gespart. Ewi­ges Leben, ewi­ger Früh­ling, nein Som­mer. Zurück an Bord: ver­gleich­bar mit dem ver­las­sen eines Kinos, eines Lichtspieltheaters.

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Ein klei­nes Stück­chen Fahrt wei­ter. Wir las­sen „Mor­gans Schä­del“ hin­ter uns. Vor uns tau­chen seine Arsch­ba­cken („Las Nal­gas“) auf, wie die Fel­sen am Hori­zont scherz­haft genannt wer­den. Kur­zer Stopp an der Puente de los Ena­mo­ra­dos („Lovers Bridge“), dann geht es über und gleich wie­der unter Was­ser wei­ter. Vom nörd­lichs­ten Punkt unse­rer Tages­fahrt ist es ein Kat­zen­sprung in ein klei­nes Para­dies: Die Insel Crab Cay (Caja Can­grejo).

Hier gibt es nur einen Steg mit Stroh­dach. Null Ein­woh­ner (Homo Sapi­ens). Und es gibt nichts wei­ter zu tun, aus­ser: chil­len und schnor­cheln. Der Fisch­reich­tum im seich­ten Gewäs­ser am Steg ist fas­zi­nie­rend. Ein klei­ner Rochen, der sich im Sand ver­gra­ben hat, fühlt sich gestört, wir­belt etwas Sand auf und „fliegt“ davon. Ob der wohl einen Sta­chel hat? Wie ich spä­ter erfahre, ver­mut­lich schon: Brad und Miriam, auf Hoch­zeits­reise, haben eben­falls einen Rochen gese­hen. Miriam berührte den Rochen am „Flü­gel“, was er sich gefal­len ließ. Doch als Brad am Schwanz des Tie­res zog, bekam er den Sta­chel auf den Hand­rü­cken gepeitscht. Dar­auf­hin ging es ihm gar nicht gut. Die Hand war geschwol­len und er musste sich über­ge­ben. Es ging ihm ein paar Stun­den sehr schlecht. Rochen grei­fen aller­dings nie­mals von sich aus an.

Next Stop: Tres Her­ma­nos. Unser zwei­ter Tauch­gang, dies­mal zwi­schen den „Drei Brü­der“ genann­ten Fel­sen vor der Küste, wo der Flug­ha­fen ist. John Jairo nimmt wie­der die Har­pune mit. Waf­fen flö­ßen mir immer Respekt ein. Mit dem Pfeil einer Har­pune möchte ich lie­ber keine Bekannt­schaft machen. Fas­zi­niert betrachte ich zwei Tin­ten­fi­sche, die mich schein­bar ebenso neu­gie­rig beob­ach­ten. Selt­same Gesel­len. Ich weiß, dass ich sicher nicht auf ihrem Spei­se­plan stehe. Sie wis­sen jedoch nicht, dass sie auf unse­rem ste­hen. „Zack“ löst sich John Jai­ros Har­pune, und „wusch“ sind die zwei komi­schen Krea­tu­ren ver­schwun­den und hin­ter­las­sen nur noch eine dunkle Wolke ihrer Tinte. Schluss mit lus­tig. Dane­ben geschos­sen. Klingt viel­leicht etwas weich­ge­spült, aber ich hoffe sehr, dass es den Bei­den gut geht. Wäre doch zu trau­rig, wenn einer der zwei Cala­mare ver­letzt ist. Einen Schre­cken haben sie alle­mal bekom­men. Und ich auch! Mir ist „Herz­kino“ mit Happy End lie­ber als Tatort.

Letz­ter Pro­gramm­punkt unse­rer Tages­tour ist das Abend­essen an der Man­za­nillo Beach. Rolando berei­tet die har­pu­nier­ten Fische zu. To live and let die. Kaum zu glau­ben, dass die mal so bunt waren. Schade, bei­des zusam­men geht nicht: den Fisch im Was­ser zu sehen UND in der Pfanne…

Bei der anschlie­ßen­den Siesta im Sand mache ich zum ers­ten Mal Bekannt­schaft mit den Sand­f­lö­hen. Schon vor­her hatte ich gehört, wie sich einige über ihre Sti­che beschwer­ten, doch mich hat­ten sie bis­her ver­schont (ver­schmäht?). Und sie sta­chen mir zum ken­nen ler­nen erst­mal gleich in den Aller­wer­tes­ten. Von da an sah ich sie immer schon fidel im Sand hüp­fen und mit mei­nen Füßen flir­ten. Warum sie mich bis­her in Ruhe gelas­sen hat­ten und jetzt plötz­lich Geschmack an mir gefun­den haben ist mir ein Rätsel.

Viele Besu­cher der Insel sah ich kom­men und wie­der gehen. Einer warf sym­bo­lisch als Geste eine Muschel zurück ins Meer und rief pathe­tisch, den Trä­nen nah: „Adiós, ich komme wie­der, ich ver­spre­che es!!!“ Bald werde auch ich mich verabschieden.

 

Alles hat ein Ende 

Am Tag vor dem Abflug sage ich, dass ich glück­lich sterbe, falls mein Flie­ger abstür­zen sollte. Und das Ein­zige, das ich nicht ver­mis­sen werde, seien die Mos­ki­tos. „Pass auf,“ sagt John Jairo, „du wirst dich noch nach einem Stich seh­nen.“ Viel­leicht hat er Recht, wen’s juckt, der lebt. Ja, und tat­säch­lich, ich glaube ich ver­misse die Biester.

Mein Flie­ger stürzte nicht ab – so kehrte ich ver­wan­delt zurück. Vom folg­sa­men Kamel zum rebel­lie­ren­den Löwen, und vom Löwen zum unbe­schol­te­nen Kind, womit das Spiel wie­der von vorne beginnt. Jen­seits von Eden.

 

Von den drei Verwandlungen

 

„Drei Ver­wand­lun­gen nannte ich euch des Geis­tes: wie der Geist zum Kamel ward, 

und zum Löwen das Kamel, und der Löwe zuletzt zum Kinde.“ 

(Also sprach Zarathustra)

 

Yes­ter­day is history. Tomor­row is a mystery. 

Today is a gift. That’s why it’s cal­led the present.

Ayer es his­to­ria. Mañana es un misterio.

Hoy es un regalo. Por eso se llama el presente.

 

Cate­go­riesKolum­bien
Ralf Engels

Ralf Engels aka Datta Singh ist seit 2004 selbständiger Yoga, Qi Gong und Fitness Trainer in und um München. Nach 16 Jahren in der Mediengestaltung wagte er den Sprung in die Unabhängigkeit als Freiberufler. Die Einladung ein dreimonatiges Praktikum im Hotel Sirius auf der kleinen Karibik Insel Providencia zu machen, war der Erste Schritt in diese Selbständigkeit.

  1. Anita Nesdam says:

    Eine der schwie­ri­gen Dinge am Rei­sen ist, dass man nicht alles auf Anhieb ver­steht, was einem so pas­siert. Man möchte blei­ben, bis man ver­steht, und muss doch oft wei­ter­zie­hen Und oft erschließt sich einem der Sinn erst am Ende der Reise. Ein schö­ner und ehr­li­cher Bericht über Erwar­tun­gen, Illu­sio­nen und das ein­fa­che Schauen.

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