Oh, wie schön ist Panama!

„Ich mache mal Urlaub in Pana­ma“ ist ein Satz, den nicht vie­le Leu­te sagen. Vom Pana­ma­ka­nal haben man­che zwar schon gehört, eben­so von Janoschs Kin­der­buch „Oh, wie schön ist Pana­ma“ – die lehr­rei­che Geschich­te vom Klei­nen Tiger und dem Klei­nen Bären, die nach Pana­ma auf­bre­chen. Aber sich Pana­ma mal mit eige­nen Augen anschau­en, das wol­len die Wenigs­ten. Ich schon.

Alt ist schön

Es gibt vie­le Städ­te auf der Welt, die sehen auf den ers­ten Blick ziem­lich ähn­lich aus. Mehr oder weni­ger gigan­tisch und ein­schüch­ternd und iden­tisch unkrea­tiv. Mit unzäh­li­gen Wol­ken­krat­zern aus Beton und Glas, mit wie Amei­sen umher­wu­seln­den Men­schen, die bei egal wel­chem Wet­ter graue Anzü­ge oder Kos­tü­me tra­gen. Den­ke ich mir, als ich früh am Mor­gen und vom Jet­lag gepei­nigt in einem zehn­ten Stock in Pana­ma Stadt auf­wa­che. Der angeb­lich ers­ten Sied­lung ent­lang des Pazi­fik, 1519 erbaut. Es glit­zert und leuch­tet nicht so bunt wie in Tokyo und New York City, dafür sind ein­zel­ne Bara­cken oder Bun­ga­lows zwi­schen die Rie­sen dahin­ge­wür­felt. Ob sie jemals Son­ne abbe­kom­men? Die schält sich aus einer Dunst­schicht her­vor, als ich nach drau­ßen tre­te.

Von Pun­ta Pai­til­la, wo ich woh­ne, könn­te ich die Küs­ten­pro­me­na­de ‚Cin­ta Cos­te­ra‘, über­setzt Küs­ten­gür­tel, meh­re­re Kilo­me­ter lang bis zur Alt­stadt, Caso Vie­jo, ent­lang­lau­fen. Aber die Luft zieht mir schon um sie­ben Uhr mor­gens beim Ste­hen eine Schweiß­schicht über Gesicht und Kör­per. Ein Taxi für ein­mal die Stra­ße run­ter­fah­ren kos­tet trotz fort­ge­schrit­te­ner Ver­hand­lungs­küns­te auf Spa­nisch fünf Dol­lar – denn ja, in Pana­ma ist der US-Dol­lar offi­zi­el­le Wäh­rung. Dane­ben gibt es den Bal­boa, die Lan­des­wäh­rung, nur in Mün­zen. Ich stei­ge am Mer­ca­do de Maris­cos aus, dem Fisch­markt, vor den Toren von Cas­co Vie­jo. „Du bist schön“, ruft mir ein jun­ger Mann vor dem Markt zu und zau­bert ein ers­tes Lächeln auf mein vom weni­gen Schlaf zer­knautsch­tes Gesicht. Im Hafen düm­peln Fischer­boo­te auf dem ruhi­gen Was­ser, dahin­ter thro­nen in der Fer­ne die Wol­ken­krat­zer des Geschäfts­vier­tels.

Auf dem Küs­ten­gür­tel wer­de ich fast umge­lau­fen. Immer mehr schwer schwit­zen­de Män­ner und Frau­en hecheln an mir vor­bei, die Num­mern auf den Shirts tra­gen und ehr­gei­zig am Vor­der­mann dran­kle­ben. Dazwi­schen mischen sich Spa­zier­gän­ger, Rad­fah­rer und ande­re Tou­ris­ten.

Der Hoch­haus-Dschun­gel liegt hin­ter mir, ich freue mich auf etwas „Altes“. Auf einen Teil von Pana­ma Stadt, der 1673 nach voll­kom­me­ner Zer­stö­rung des vor­he­ri­gen Pana­má Vie­jo, des alten Pana­ma – von dem heu­te wei­ter öst­lich nur noch ein paar Rui­nen am Pazi­fik ste­hen – erst­mals Gestalt annahm. 1997 wur­de die Alt­stadt, die man nach dem Modell einer Ein­ge­bo­re­nen-Sied­lung als recht­ecki­ges Plan­qua­drat anleg­te, zum UNESCO-Welt­kul­tur­er­be erklärt. Nun liegt sie ver­schla­fen an einem Sonn­tag­mor­gen vor mir. Eini­ge Kolo­ni­al­häu­ser mit ihren guss­ei­ser­nen Bal­ko­nen erstrah­len unter Putz, den man fast noch rie­chen kann, ande­re wir­ken wie fami­li­en- und freun­des­lo­se Hun­dert­jäh­ri­ge im Alters­heim, wie­der ande­re sind ein­ge­rüs­tet und dür­fen sich auf einen Face­lift freu­en. Und ich mich auf Gon­zo, einen Rei­se­füh­rer von Urban Adven­tures, Stadt­er­kun­dungs­tou­ren von Intr­epid Tra­vel, der mir an die­sem Mor­gen Pana­mas Alt­stadt und den Kanal zei­gen wird.

Alt­stadt­er­kun­dung mit einem Rock­star

Lau­fe ich allein durch eine Stadt, sehe ich vie­le Fas­sa­den und lich­te sie mit mei­ner Kame­ra ab. Habe ich einen Ein­hei­mi­schen an mei­ner Sei­te, schaue ich ab und zu mal hin­ter die Mau­ern und mei­ne Fotos erzäh­len mir danach Geschich­ten. Gon­zo, ein pum­me­li­ger Pana­me­ño Mit­te 30, arbei­tet seit eini­gen Jah­ren als Tour­gui­de und stammt ursprüng­lich aus Colón, genau gegen­über von Pana­ma Stadt am Kari­bi­schen Meer und am ande­ren Ende des Pana­ma­ka­nals. Aller­dings hat er nicht immer mit Tou­ris­ten gear­bei­tet. „Ich bin eigent­lich Musi­ker, war ein ech­ter Rock­star!“, erzählt er stolz und berich­tet von sei­nen wil­den Zwan­zi­gern, als er noch lan­ge Haa­re und vie­le Frau­en hat­te, von Alko­hol und Dro­gen und Spaß leb­te. Zwar spie­le und sin­ge er noch immer, aber zum Glück hän­ge sein Über­le­ben jetzt nicht mehr davon ab. Dafür aber von sei­nem Wis­sen über Pana­ma Stadt, unter ande­rem über die fünf Kir­chen in Cas­co Vie­jo, die zwi­schen den Kolo­ni­al­häu­sern her­vor­ste­chen. Dar­un­ter ist die Igle­sia de la Mer­ced von 1680 die ein­zi­ge, die noch ihre Ori­gi­nal­fas­sa­de aus Zei­ten von Pana­ma Vie­jo auf­weist. Ent­täuscht ste­he ich an der Pla­za de la Inde­pen­den­cia, dem Unab­hän­gig­keits­platz, vor der Kathe­dra­le Basí­li­ca San­ta Maria la Anti­gua de Pana­má, die von Dach bis Fuß ein­ge­rüs­tet ist. „2019 kommt der Papst zu uns, dafür wird sie jetzt auf­ge­bre­zelt“, weiß Gon­zo. Dumm gelau­fen für mich.

Mein per­sön­li­ches Lieb­lings­bau­werk ist Arco Cha­to, über­setzt ‚Fla­cher Bogen‘. Dabei ist der Begriff Bau­werk über­trie­ben, han­delt es sich doch viel­mehr um den Über­rest einer Rui­ne. Um einen Bogen, der zum 1756 abge­brann­ten Klos­ter San­to Dom­in­go gehör­te. „Die­se Rui­ne blieb bis 2003 ohne jeg­li­che Stüt­ze ste­hen“, berich­tet Gon­zo, „gehört sogar zum UNESCO-Welt­kul­tur­er­be. Dem Arco Cha­to ist es zu ver­dan­ken, dass der Kanal in Pana­ma gebaut wur­de und nicht in Nica­ra­gua.“ Wie­so? Dass so eine fra­gil erschei­nen­de Rui­ne über Jahr­hun­der­te unver­sehrt ste­hen blei­ben konn­te, sei ein Beweis für den siche­ren Boden Pana­mas gewe­sen, ohne grö­ße­re Erschüt­te­run­gen oder Erd­be­ben. Bei­des gebe es im vul­kan­rei­chen Nica­ra­gua weit­aus mehr. „Aber 2003, da brach­ten wir den Bogen selbst zum Ein­stür­zen. Und weißt du wie?“ Gon­zo lächelt spitz­bü­bisch, fast ein biss­chen froh. „Durch ein Rock­kon­zert! Es fand in der Rui­ne statt, und die Musik und Leu­te waren so wild, dass der Bogen zusam­men­brach.“ Aller­dings sei das Monu­ment danach mit den Ori­gi­nal­stei­nen wie­der auf­ge­baut wor­den. Und nein, es war lei­der nicht Gon­zos Stim­me, wel­che die alten Stei­ne bis ins Mark erschüt­ter­te.

Wenn man durch Cas­co Vie­jo immer wei­ter bis zum Meer läuft, erreicht man im Süden einen Zip­fel mit der Pla­za de Fran­cia und dem Paseo de las Bóve­das, einem Ensem­ble von Bau­wer­ken, die eine Mau­er rund um den Platz bil­den. Auf die­ser kann man wun­der­bar fla­nie­ren und sich von aller­hand Markt­ge­schrei der Sou­ve­nir­ver­käu­fer beschal­len las­sen. Es gibt alles von unech­ten und ech­ten Pana­ma-Hüten bis zu einer Men­ge Kram made in Chi­na. Die Pla­za de Fran­cia selbst ist nicht mal ein Jahr­hun­dert alt, wur­de zwi­schen 1921 und 1922 gegrün­det, um der fran­zö­si­schen Fir­ma zu geden­ken, die sich als ers­te am Bau des Pana­ma­ka­nals ver­such­te. Ein 18 Meter hoher Obe­lisk domi­niert die Mit­te des Plat­zes, an der Spit­ze ein gäli­scher Hahn, das Sym­bol Frank­reichs. Rund um den Obe­lisk tref­fe ich Fer­di­nand de Les­seps, Arman Reclus, Luci­en Bona­par­te Wyse, León Boy­er und Pedro J. Sosa, die alle­samt bedeu­ten­de Rol­len für den ers­ten Kanal­bau-Ver­such spiel­ten. Oder zumin­dest deren Büs­ten.

Und nach­dem ich so viel über den berühm­ten Pana­ma­ka­nal gehört habe und doch fast nichts über ihn weiß, geht es als Nächs­tes end­lich mit Gon­zo dort­hin: zur Mira­flo­res Schleu­se. Der Haupt­at­trak­ti­on von Pana­ma.

Der Pana­ma­ka­nal und was er mit Eis­ber­gen in Neu­fund­land gemein hat

Wer das tou­ris­ti­sche High­light eines Lan­des besucht, kann nicht erwar­ten, es in Ruhe und Abge­schie­den­heit zu genie­ßen. So ver­wun­dert es nicht, dass ich mir auf der Aus­sichts­platt­form der Mira­flo­res-Schleu­se ein paar blaue Zehen hole und mei­ne Rip­pen immer wie­der spon­ta­ne Bekannt­schaft mit Ellen­bo­gen aus aller Welt machen. Die Auf­re­gung ist groß, als ich ankom­me: Ein Con­tai­ner­schiff steht in der Schleu­se, bereit zur Wei­ter­fahrt. Zheng Bang aus Hong Kong. Und Ener­gy Pro­tec­tor Dou­glas steht auch schon in den Start­lö­chern.

Der Ham­mer! Noch nie habe ich mich so dar­auf gefreut, ein Schiff beim Wei­ter­s­chip­pern beob­ach­ten zu dür­fen. Von hier oben, zwi­schen den wuseln­den Tou­ris­ten, einen leich­ten Schweiß­hauch in der Nase und Gebrab­bel auf min­des­tens zwan­zig ver­schie­de­nen Spra­chen im Ohr, könn­te man fast ver­ges­sen, was es hier wirk­lich zu sehen gibt. Denn er ist eine der bedeu­tends­ten Was­ser­stra­ßen der Welt, der fast 82 Kilo­me­ter lan­ge Pana­ma­ka­nal, der seit 1914 den Pazi­fik-Hafen Bal­boa mit Colón am Atlan­tik ver­bin­det. Die Stadt, aus der Gon­zo stammt.

Kommt ein Schiff vom Atlan­tik aus rein, wird es in Colón durch die Gatún-Schleu­sen auf das Niveau des Gatún­sees 26 Meter über dem Mee­res­sspie­gel geho­ben. Wei­ter geht es dank aus­ge­bag­ger­ter Was­ser­rin­nen durch den Gatun­see und den Río Chagres, durch die zwei­ten von drei Schleu­sen, Pedro-Miguel, um an den Mira­flo­res-Schleu­sen, wo ich ste­he, wie­der auf Höhe des Pazi­fiks her­ab­ge­las­sen zu wer­den und, als wäre nichts gewe­sen, in den nächs­ten Oze­an zu glei­ten. Das Gan­ze dau­ert an die 15 Stun­den. Die Alter­na­ti­ve wäre eine etwas 30-tägi­ge Fahrt über das Tau­sen­de Kilo­me­ter ent­fern­te Kap Hoorn an der Spit­ze Süd­ame­ri­kas. Um einen Monat Fahrt­zeit zu spa­ren, ble­chen Kapi­tä­ne der pro Tag etwa 40 pas­sie­ren­den Con­tai­ner- und Oze­an­rie­sen locker 250.000 US-Dol­lar, maxi­mal cir­ca 400.000 Dol­lar. Je grö­ßer das Schiff und je schnel­ler es gehen soll, des­to teu­rer wird es.

„Unter der Lei­tung von Fer­di­nand de Les­seps began­nen erst­mals die Fran­zo­sen 1881 mit dem Kanal­bau“, erzählt Gon­zo. Ich den­ke an die Pla­za de Fran­cia in Cas­co Vie­jo und die Büs­ten jener muti­gen Män­ner. „Aber sie unter­schätz­ten die geo­lo­gi­schen Ver­hält­nis­se und die Gefahr durch Tro­pen­krank­hei­ten.“ In nur acht Jah­ren sei­en an die 22.000 Arbei­ter an Mala­ria oder Gelb­fie­ber gestor­ben und die Kanal­ge­sell­schaft ging bank­rott. Erst 1904 nah­men die USA unter  Prä­si­dent Theo­do­re Roo­se­velt die Sache noch­mals in Angriff. Damals gehör­te Pana­ma noch zu Kolum­bi­en, also muss­te schnell eine Revo­lu­ti­on ange­zet­telt wer­den, um die Kolum­bia­ner los­zu­wer­den und eine Washing­ton wohl­ge­son­ne­ne Regie­rung auf­zu­stel­len. Ende 1903 lan­de­ten US-Trup­pen in Pana­ma und besetz­ten die Kanal­zo­ne, deren Kon­trol­le der neue Staat Pana­ma den USA ver­trag­lich zusi­cher­te.

Das teu­ers­te Bau­pro­jekt der USA ver­schlang 375 Mil­lio­nen Dol­lar, die heu­te min­des­tens 30 Mil­li­ar­den Dol­lar wert wären – und noch­mals knapp 6.000 Men­schen­le­ben. „Men­schen aus aller Welt kamen nach Pana­ma, um am Kanal zu arbei­ten“, berich­tet Gon­zo wei­ter. „Dar­un­ter etwa 35.000 Män­ner aus der Kari­bik und 6.000 Ame­ri­ka­ner. Wuss­test du, dass es in der Kanal­zo­ne eine stren­ge Ras­sen­tren­nung gab?“ Wuss­te ich nicht. Die Wei­ßen sei­en in Gold bezahlt wor­den und hät­ten eine Gesund­heits­ver­sor­gung sowie Hei­mat­ur­laub bekom­men. Schwar­ze hät­ten nur Sil­ber erhal­ten, in Bara­cken gelebt und häu­fi­ger an Tro­pen­krank­hei­ten gelit­ten. Wer Glück hat­te und gesund blieb, konn­te sich spä­ter viel­leicht im Hei­mat­land ein klei­nes Grund­stück leis­ten.

Und wie lan­ge behiel­ten die USA die Kon­trol­le über die Kanal­zo­ne? „Bis 1999. Dann über­nahm Pana­ma die Was­ser­stra­ße offi­zi­ell. Die USA woll­ten vor allem ihre Pro­duk­te zu güns­ti­gen Prei­sen in alle Welt ver­schif­fen, wir Pana­me­ños wol­len damit Geld ver­die­nen“, weiß Gon­zo. Wir wer­den vom Tuten eines Schiff­horns unter­bro­chen. Ich quet­sche mich zwi­schen ande­re Neu­gie­ri­ge an die Brüs­tung und sehe die 1913 fer­tig­ge­stell­ten, 1,7 Kilo­me­ter lan­gen Mira­flo­res Schleu­sen. „Sie haben einen Hub von 16,5 Metern und müs­sen einen Höhen­un­ter­schied von 13 bis 19 Metern aus­glei­chen“, höre ich Gozos Stim­me. Dabei daue­re das Fül­len oder Lee­ren einer Schleu­sen­kam­mer cir­ca acht Minu­ten, ein kom­plet­ter Schleus­vor­gang sogar 30 Minu­ten. Fas­zi­niert beob­ach­te ich, wie die Schif­fe von meh­re­ren Trei­de­loks durch die Schleu­se gezo­gen und damit auch sta­bi­li­siert wer­den. Es scheint so ein­fach. Dabei dau­er­te es zehn Jah­re, bis das gro­ße Meis­ter­werk fer­tig war. Und plötz­lich muss ich an die Eis­ber­ge den­ken, die ich vor weni­gen Mona­ten in Neu­fund­land gese­hen habe. Dar­an, dass man immer nur eine win­zi­ge Spit­ze des Eis­bergs wahr­nimmt, weil 90% der Mas­se unter Was­ser ver­bor­gen lie­gen. Dar­an, dass man das, was wirk­lich zählt, kaum bemerkt. Wie 28.000 ver­lo­re­ne Men­schen­le­ben.

Noch brei­ter, noch tie­fer – die Kanal­er­wei­te­rung

Bekannt­lich ist es ja lang­wei­lig, wenn etwas zu lan­ge ver­än­de­rungs­los ein­fach rum­steht. Erst recht, wenn man dar­an her­um­bas­teln und damit eine Men­ge neu­er Koh­le schef­feln kann. Und so konn­te man natür­lich auch den Pana­ma­ka­nal nicht in Ruhe las­sen. Konn­ten zunächst nur Schif­fe mit schlap­pen 4.400 Con­tai­nern an Bord den Kanal befah­ren, dür­fen seit dem 26. Juni 2016 sogar 14.000 Con­tai­ner mit. Jetzt schip­pern nicht nur Bana­nen und Ana­nas aus Süd­ame­ri­ka, Öl aus Bra­si­li­en und Autos aus Deutsch­land über den Kanal, son­dern bei­spiels­wei­se auch Flüs­sig­gas. Noch bes­ser: 96 Pro­zent der Schif­fe, die so auf den Welt­mee­ren unter­wegs sind, kön­nen nun durch den Pana­ma­ka­nal geschleust wer­den. Wur­den zuvor nur 300 Mil­lio­nen Ton­nen pro Jahr durch Mit­tel­ame­ri­ka geschifft, sol­len es in Zukunft 600 Mil­lio­nen Ton­nen sein.

Eigent­lich soll­te die Erwei­te­rung, mit der 2007 begon­nen wur­de, zum 100. Geburts­tag des Kanals im Jahr 2014 abge­schlos­sen sein. Aber wie schon Mur­phy wuss­te: Immer, wenn etwas schief­ge­hen kann, geht es auch schief. Die Zemen­tar­bei­ten began­nen spät, es gab Pro­ble­me mit der Ver­an­ke­rung eines 2,3 Kilo­me­ter lan­gen Dam­mes. Schon die Zah­len, die sich um die Erwei­te­rung ran­ken, machen mich schwin­de­lig:  40.000 Arbei­ter räum­ten 150 Mil­lio­nen Kubik­me­ter Erde und Geröll ab und ver­bau­ten zwölf Mil­lio­nen Ton­nen Zement und 192.000 Ton­nen Stahl. Und das für neue Schleu­sen, die über 420 Meter lang, 55 Meter breit und 18,3 Meter tief sind, mit bis zu 33 Meter hohen und zehn Meter dicken Toren. Für 5,25 Mil­li­ar­den US-Dol­lar. Mann oh Mann. Aber die Leu­te woll­ten das, wie ein Volks­ent­scheid 2006 ergab. Klar, denn der Kanal ist nun mal das wirt­schaft­li­che Herz Pana­mas. Außer­dem dür­fen die Pana­me­ños dank die­ser Erwei­te­rung nun auch übers Meer rund um das kolo­nia­le Juwel von Pana­ma Stadt fah­ren und sich für eini­ge Minu­ten wie Gott auf Rädern füh­len. „All den Schlamm, der für die Erwei­te­rung abge­tra­gen wur­de, nutz­te man, um den Küs­ten­gür­tel rund um Cas­co Vie­jo zu bau­en“, hat mir Gon­zo schon am Vor­tag erzählt.

Am schöns­ten kann man sich die Erwei­te­rung auf der kari­bi­schen Sei­te, an der Gatún-Schleu­se, zu Gemü­te füh­ren. Doch dort­hin muss man erst­mal kom­men, was mit öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln lang­at­mig und mit einem Miet­wa­gen aben­teu­er­lich ist. Ich mache es ganz anders: Ich möch­te den Kanal nicht nur Hin­tern an Hin­tern mit den Tou­ris­ten­mas­sen von Beob­ach­tungs­platt­for­men aus sehen. Des­we­gen gön­ne ich mir eine Fahrt mit der Pana­ma Canal Rail­way. Ja, mit dem Zug! Zug­fah­ren in Zen­tral­ame­ri­ka ist in etwa so nor­mal wie Bana­nen­pflü­cken an hie­si­gen Bäu­men. Tat­säch­lich ist die Pana­ma­ka­nal-Eisen­bahn die ältes­te trans­kon­ti­nen­ta­le Eisen­bahn­stre­cke der Welt und läuft auf gera­de mal 76,6 Kilo­me­tern par­al­lel zum Pana­ma­ka­nal. Neben Fracht wer­den auf der Stre­cke heu­te haupt­säch­lich Tou­ris­ten trans­por­tiert. Glä­ser­ne Pan­ora­ma­wa­gen mit bemal­ten Wän­den, Tep­pich­bö­den und grü­nen Kunst­le­der­so­fas sowie eine Bedie­nung, die in Schwarz-Weiß Snacks und Kaf­fee ser­viert, haben mir der Deut­schen Bahn wenig gemein. Die Fahrt im his­to­ri­schen Luxus­zug dau­ert bis kurz vor Colón etwa 90 Minu­ten.

Luxus hin oder her, die Nüs­se aus dem Snack­pack sind schim­me­lig, und bald füh­le ich mich wie in einem glä­ser­nen Käfig. Zum Glück kann man zwi­schen zwei Wag­gons auf einer klei­nen Platt­form drau­ßen ste­hen. Es ist dort, dass ich mich zum ers­ten Mal dem Pana­ma­ka­nal rich­tig nahe füh­le. Immer wie­der ver­steckt er sich hin­ter dich­tem Dschun­gel, doch ruck­zuck ist er in vol­ler Pracht wie­der da. Das Was­ser düm­pelt ruhi­ger als das von Rhein oder Elbe in der Mor­gen­son­ne vor sich hin, der ein oder ande­re Rie­sen­kahn schip­pert gemüt­lich dar­über.

Gegen­über dem Kanal geht es immer wie­der an Seen vor­bei, über denen noch der Mor­gen­ne­bel hängt. Neben dem Rat­tern der Räder ist es still, die ande­ren Tou­ris­ten sit­zen hin­ter Glas, nur minu­ten­wei­se gesellt sich jemand zu mir. Und dann, kurz vor Schluss, muss ich lachen: Ein Con­tai­ner­schiff mit der Auf­schrift ‚Ham­burg Süd‘ schip­pert vor­bei. Aus mei­ner Stadt. Vom kari­bi­schen Meer in Rich­tung Pazi­fik. Was für eine klei­ne Welt.

Dass die Schleu­sen von Gatún brei­ter sind, lässt sich mit blo­ßem Auge erken­nen. Ganz lang­sam öff­net sich eins der mäch­ti­gen Tore für einen blau-wei­ßen Frach­ter, wäh­rend ein Gui­de per Mikro­fon berich­tet, wie das Schiff heißt, was es gela­den hat und wohin es fährt. Auch ein biss­chen wie die Schiff­be­grü­ßungs­an­la­ge in Ham­burg, nur, dass in Pana­ma alles dop­pelt so groß und dop­pelt so span­nend ist.

In wei­ter Fer­ne fah­ren die ‚klei­ne­ren‘ Schif­fe in den alten Kanal ein. Nun wäre also alles per­fekt. Wenn sich nicht blö­der­wei­se Kon­kur­renz ankün­di­gen wür­de. Nica­ra­gua über­legt, im Gegen­teil zu den mick­ri­gen 82 Kilo­me­tern des Pana­ma­ka­nals gleich eine 278 Kilo­me­ter lan­ge Was­ser­stra­ße zwi­schen Pazi­fik und Atlan­tik zu bau­en und eben­falls beim flo­rie­ren­den See­han­del mit­zu­spie­len. Dabei kom­men die Geld­ge­ber die­ses Mal nicht aus den USA, son­dern aus Chi­na – Nut­zungs­rech­te für ein gan­zes Jahr­hun­dert inklu­si­ve. Doch bis­her ist noch nicht ein­mal die Spit­ze die­ses Eis­bergs sicht­bar.

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Antworten

  1. Avatar von Lars

    Das glau­be ich auch. Noch­mal Dan­ke für den schö­nen Bei­trag.

  2. Avatar von Lars

    Wau ein­fach herr­lich. Nach­dem ich das gele­sen habe wird wohl mein nächs­tes Ziel Pana­ma sein.

    1. Avatar von Bernadette

      Das freut mich sehr, Lars 🙂 Pana­ma ist wun­der­bar und ich den­ke, du wirst nicht ent­täuscht sein.

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