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It all comes from here

Der Wind pfeift um die Ecken der Back­stein­hal­len, die an Stelle von Baum­woll­fa­bri­ken mitt­ler­weile Second Hand-Läden oder Musik­clubs beher­ber­gen, und zeit­lose Neon­re­kla­men spie­geln sich in der regen­nas­sen Straße. Ich drü­cke die Tür auf zu Mackie Mayor und werde emp­fan­gen von Stim­men­ge­wirr, dem Geruch von Moz­za­rella und Ore­gano und dem gemüt­li­chen Licht hip­per Indus­trial Style-Hän­gelam­pen vor Back­stein­wän­den. Lange Tische ste­hen zwi­schen den ein­zel­nen Stän­den des Street Food-Mark­tes, die Decke wird gestützt von ver­zier­ten Säu­len. Eine Mischung aus Oste­ria und Prenz­lauer Berg, denke ich, und finde das sym­pa­thisch. Die Pizza schmeckt nach fri­schen Zuta­ten und Handarbeit.

Die Geschichte von der Gentrifizierung

Wenn man sich hier so umsieht, könnte man glatt mei­nen, die Geschichte des Nort­hern Quar­ters wäre schnell erzählt: Ein ehe­ma­li­ges Indus­trie­ge­biet mit ver­fal­le­nen Back­stein­ge­bäu­den und güns­ti­gen Mie­ten lockte irgend­wann ein­mal Künst­ler und Krea­tive an. Als die Gegend immer krea­ti­ver wurde, stie­gen in die­ser Geschichte die Preise, und die ehe­mals inno­va­ti­ven und alter­na­ti­ven Geschäfte und Bars wur­den immer kon­ven­tio­nel­ler, bis es kaum mehr Platz für Eige­nes gab – und nicht nur die ursprüng­li­chen Bewoh­ner, son­dern auch die ehe­ma­li­gen Pio­niere ins nächste her­un­ter­ge­kom­mene Vier­tel zogen.

Diese Geschichte ist nichts Neues – unter dem Schlag­wort „Gen­tri­fi­zie­rung“ steht sie in jedem Erd­kun­de­buch. Die pas­sende Kri­tik gibt’s meis­tens direkt dazu: Sozial schwa­che Bewoh­ner wer­den aus häu­fig innen­stadt­na­hen Gebie­ten ver­trie­ben, die Auf­wer­tung für zu Ver­drän­gung und Nor­mie­rung. Das führt dann zu so absur­den Zügen wie den Slo­gans „Halte deine Stadt dre­ckig!“ an Neu­köll­ner Hauswänden…

Nur, dass sich die Geschichte des Nort­hern Quar­ter nicht ganz so leicht und kli­schee­haft zusam­men­fas­sen lässt.

Klar, auch hier hat sich alter­na­tive Kul­tur da ent­wi­ckelt, wo durch den Weg­fall von Indus­trie Platz für Neues ent­stand. Doch zum einen hat sich das Vier­tel bis heute so gehal­ten, wie es ist – ein neues Hips­ter-Quar­tier ist noch nicht gefun­den. Es ist divers und span­nend geblie­ben, die Preise sind hier noch nicht in extreme Höhen geschos­sen. Zum ande­ren war der Pro­zess, in dem das Nort­hern Quar­ter als die Gegend ent­stand, die man heute kennt, nicht voll­kom­men spon­tan und selbst­ge­steu­ert. Und zuletzt hat es das Nort­hern Quar­ter geschafft, eine Geschichte kri­ti­scher sozia­ler Pro­teste in die Gegen­wart zu führen.

Von Arbeiterelend und Tierhandlungen

Aber fan­gen wir mal am Anfang an: Die Gebäude rund um die Old­ham Street ent­stan­den im Zuge der Ent­wick­lung Man­ches­ters hin zu einem Zen­trum für die Ver­ar­bei­tung von Baum­wolle und ande­ren Tex­til­ma­te­ria­lien. Die erste Baum­woll­spin­ne­rei eröff­nete 1783, ab dann ver­lief die Ent­wick­lung rasant – 1816 gab es bereits 86 Spin­ne­reien. So wurde das Nort­hern Quar­ter zu einem Zen­trum der für die dama­lige Zeit unglaub­li­chen Ent­wick­lun­gen, die erst Eng­land und dann ganz Europa über­roll­ten. Extre­mer Reich­tum war hier genauso zu fin­den wie extreme Armut. Die unvor­stell­ba­ren Bedin­gun­gen, unter denen die Arbei­ter hier leb­ten, führ­ten nicht nur zu Auf­stän­den, son­dern waren auch Anlass und Unter­su­chungs­ob­jekt von Fried­rich Engels‘ Buch „Die Lage der arbei­ten­den Klasse in England“.

Heute fühlt man sich ein biss­chen an Brook­lyn erin­nert, wenn man durch das Nort­hern Quar­ter spa­ziert. An den Back­stein­wän­den hän­gen immer noch metal­lene Trep­pen und Lei­tern, und das Licht, das aus Schau­fens­tern auf die nasse Straße fällt und in der Feuch­tig­keit der Luft in wei­chen Wol­ken ste­hen bleibt, ver­strömt einen Hauch von Film Noir. In einer Sei­ten­straße schiebt eine Hei­zung wei­ßen Rauch waa­ge­recht aus der Wand. Kein Wun­der, dass die alten Hal­len gerne als Film­ku­lisse ver­wen­det wer­den, zum Bei­spiel für Cap­tain America.

Erin­ne­run­gen an die Geschichte des Nort­hern Quar­ter gibt es aller­dings nicht nur in Form der Fabrik­hal­len: Schrift­art und Far­ben der Stra­ßen­schil­der sind Web­tech­ni­ken aus der Tex­til­in­dus­trie nach­emp­fun­den. Heute hel­fen sie vor allem bei der Ori­en­tie­rung: Blaue Buch­sta­ben auf wei­ßem Grund zei­gen Stra­ßen in Nord-Süd-Rich­tung an, ist der Name einer Straße in weiß auf blauem Grund geschrie­ben, ver­läuft sie von Ost nach West.

Die Lage in den Fabrik­hal­len und Arbei­ter­woh­nun­gen beru­higte sich, doch das Nort­hern Quar­ter blieb bekannt für poli­ti­sche Kund­ge­bun­gen und Pro­teste. Von einem Indus­trie­vier­tel ent­wi­ckelte es sich jedoch immer mehr zu einem Ein­kaufs- und Ver­gnü­gungs­stadt­teil. Beson­ders für eine Sorte Läden ist das Vier­tel bis heute bekannt: In der Tib Street mie­te­ten sich im Ver­lauf des 19. Jahr­hun­derts jede Menge Tier­lä­den ein. In Schau­fens­tern oder auf den Bür­ger­stei­gen vor den Geschäf­ten konnte man Hunde, Kat­zen, Hasen oder Papa­geien bewun­dern – die letz­ten der pet shops haben erst vor ein paar Jah­ren geschlossen.

Auf die Tier­hand­lun­gen neh­men ver­schie­dene Kunst­in­stal­la­tio­nen im Nort­hern Quar­ter Bezug, zum Bei­spiel die metal­le­nen Papa­geien, die in der kur­zen John Street an einer Haus­wand sit­zen. Am bes­ten gefällt mir jedoch ein Mosaik, in dem ver­schie­dene auf Flie­sen gedruckte Briefe und Anzei­gen aus dem 19. und 20. Jahr­hun­dert ver­ewigt wur­den. Um das zu erken­nen, muss man rich­tig genau hin­se­hen: Auf einer Fliese wird tat­säch­lich für den Ver­kauf leben­di­ger Tiger gewor­ben, auf einer ande­ren möchte jemand schrift­lich sei­nen Papa­geien rekla­mie­ren, der zwar zum ver­ein­bar­ten Zeit­punkt, aber mit nur einem Auge gelie­fert wurde. Mir gefällt, dass einen die Geschichte des Stadt­teils nicht erschlägt – statt­des­sen sind die Hin­weise sub­til und teils ein biss­chen iro­nisch, und wer sie erken­nen möchte, der muss wis­sen, wie es frü­her um das Nort­hern Quar­ter stand.

Tanzbeinschwung, Abschwung und Aufschwung

Jugend­kul­tur wurde Anfang des 20. Jahr­hun­derts zu einem Teil des Nort­hern Quar­ter, das man auch zu die­ser Zeit noch nicht unter die­sem Namen kannte, mit Jazz­clubs sowie Musik und Tanz auf der Straße. Im Ver­lauf der Welt­kriege dann der Abschwung – die meis­ten Tex­til­fa­bri­ken schlos­sen in den sech­zi­ger und sieb­zi­ger Jah­ren. Auch, wenn ein paar Jahre spä­ter das erste moderne Wohn­ge­bäude im Nort­hern Quar­ter gebaut wurde, ist das Vier­tel auch heute kein hip­pes Wohn­ge­biet: In nur wenige der ehe­ma­li­gen Fabrik­ge­bäude wur­den Woh­nun­gen ein­ge­baut, statt­des­sen blieb der Fokus auf Geschäf­ten, Bars und Restau­rants oder Kultureinrichtungen.

Das Nort­hern Quar­ter als sol­ches ent­stand schließ­lich in den neun­zi­ger Jah­ren. Vor­her war nicht nur der Name unbe­kannt, son­dern die Gegend um Old­ham und Tib Street wurde nicht ein­mal als ein eigen­stän­di­ger Stadt­teil wahr­ge­nom­men. Statt­des­sen waren die Stra­ßen ein­fach ein Teil des Stadt­zen­trums von Man­ches­ter. Nach­dem die ers­ten alter­na­ti­ven Geschäfte, Musik­lä­den oder Clubs von den güns­ti­gen Mie­ten ange­lockt wur­den, kam man auf die Idee, das Nort­hern Quar­ter als Shop­ping-Alter­na­tive zum „klas­si­schen“ Stadt­zen­trum rund um Mar­ket Street und das Arn­dale Cen­ter zu etablieren.

Man über­legte sich einen Namen und legte Gren­zen des Vier­tels fest – das Nort­hern Quar­ter war geboren.

Als ich durch die Stadt streife, bin ich über­rascht, wie deut­lich die von Stadt­pla­nern kon­stru­ierte Grenze zum Stadt­zen­trum auf­fällt: Biegt man in die Old­ham Street ein, ändern sich nicht nur die Stra­ßen­schil­der. Ganz plötz­lich wird es um eini­ges ruhi­ger, die Glas­fron­ten und bekann­ten Namen inter­na­tio­na­ler Ket­ten machen Plat­ten­lä­den und klei­nen Cafés Platz, vor denen man ent­spannt drau­ßen sit­zen kann. Die Hek­tik eines tru­beli­gen Nach­mit­tags vol­ler Erle­di­gun­gen und Shop­ping­tou­ren bleibt hin­ter mir, an Stelle der immer­glei­chen Schil­der und Mar­ken weiß ich auf ein­mal gar nicht mehr, wo ich zuerst hin­se­hen soll zwi­schen Kunst, hüb­schen Schau­fens­tern und ästhe­tisch abbrö­ckeln­den alten Laden­fron­ten. Ich frage mich, ob diese Tren­nung frü­her schon so deut­lich war und durch die Eta­blie­rung des Nort­hern Quar­ters nur einen Namen bekam – oder ob die Stra­ßen sich in einer Art selbst­er­fül­len­der Pro­phe­zei­ung seit den neun­zi­ger Jah­ren aus­ein­an­der­ent­wi­ckelt haben.

Kunst im Northern Quarter

Die Ver­bin­dung aus bewuss­ter Pla­nung und spon­ta­nen Grün­dun­gen und Eröff­nun­gen passt auch gut zur Kunst, für die das Nort­hern Quar­ter bekannt gewor­den ist: Zum einen fin­den sich hier immer noch die Werke, die in den neun­zi­ger Jah­ren den Stadt­teil auf­wer­ten soll­ten, bei­spiels­weise die rie­sige Ana­nas, die über einem Haus in der Tho­mas Street thront. Beson­ders gut gefällt mir per­sön­lich ein Mosaik auf dem Bür­ger­steig der Tib Street: Ent­lang der gan­zen Straße kann man Poe­sie des bri­ti­schen Künst­lers Lemn Sis­say lesen – wobei es in eini­gen beleb­ten Abschnit­ten schon schwie­rig gewor­den ist, die Buch­sta­ben zu entziffern.

Zum ande­ren ist das Nort­hern Quar­ter ein Zen­trum für Street Art gewor­den. Einige welt­weit bekannte Künst­ler haben hier ihre Spu­ren hin­ter­las­sen, dar­un­ter sogar der wohl berühm­teste Street Artist über­haupt, Banksy. Um sein Werk zu schüt­zen, hat die Stadt dar­über eine Ple­xi­glas­scheibe instal­liert – und um zu zei­gen, was sie davon hal­ten, haben lokale Künst­ler diese kurz dar­auf bis zur Unkennt­lich­keit mit dunk­len Far­ben ein­ge­sprüht. Über­haupt gibt es hier viele Bil­der, die sich mit der Rolle und der Kom­mer­zia­li­sie­rung von Street Art beschäf­ti­gen. Ein Scha­blo­nen­werk kri­ti­siert im Stil von Banksy die Sin­cura Group, ein Unter­neh­men, das wie­der­holt Banksy-Bil­der von Wän­den ent­fernt und zu hor­ren­den Prei­sen ver­kauft hat, und um die Ecke wird per iro­ni­schem Pla­kat ein Künst­ler gesucht, „wil­ling to work for free… but think of the exposure!“

Street Art im Nort­hern Quar­ter ent­steht krea­tiv, unge­steu­ert und teils als poli­ti­sches State­ment – aber genauso auch geplant und kura­tiert. Im „Cities of Hope“-Festival sind 2016 erst­mals acht Künst­ler aus ver­schie­de­nen Län­dern ein­ge­la­den wor­den, um große Wand­bil­der zu sozia­len Pro­ble­men in Man­ches­ter und der Welt ent­ste­hen zu las­sen. Das Beson­dere: Jede Bild­idee wurde mit der Arbeit einer sozia­len Orga­ni­sa­tion ver­knüpft, die in Man­ches­ter tätig oder ansäs­sig ist. Über das Fes­ti­val und die Arbeit der Künst­ler konn­ten Spen­den gesam­melt wer­den, die schließ­lich in die Arbeit der Orga­ni­sa­tio­nen flos­sen. Da das Pro­jekt in Man­ches­ter extrem begeis­tert ange­nom­men wurde und ganze 20.000 Pfund zusam­men kamen, wird es 2018 wie­der­holt und aus­ge­wei­tet: Anstatt nur im Nort­hern Quar­ter wer­den die­ses Jahr Bil­der über­all in der Stadt und sogar im gan­zen Bal­lungs­raum entstehen.

Die „Cities of Hope“-Werke

Das für mich wohl beson­derste Bild der „Cities of Hope“ ist „Sisy­phus“ des spa­ni­schen Künst­lers Axel Void. Es fällt bereits von Wei­tem auf, weil es so unglaub­lich düs­ter und den­noch so defi­niert und sicht­bar ist – für mich ein biss­chen wie ein klas­si­sches Gemälde aus einem frü­he­ren Jahr­hun­dert. Dar­ge­stellt ist eine Frau, deren Mund von frem­den Hän­den zu einem Lächeln ver­zerrt wird. Zusam­men mit dem Schrift­zug „Sisy­phus“ stellt das Werk das mensch­li­che Stre­ben nach Glück und die Frage nach dem Sinn des Lebens in den Mit­tel­punkt und wirbt damit für die Orga­ni­sa­tion Young Iden­tity, die Spo­ken Word- und Poe­try Slam-Work­shops für Jugend­li­che ausrichtet.

Auf­fäl­lig ist auch das rie­sige Bild des argen­ti­ni­schen Künst­lers Hyuro, das die Situa­tion von Kin­dern in Kriegs­ge­bie­ten the­ma­ti­siert. Beson­ders hübsch finde ich die Stadt in der Fla­sche von Phlegm aus Shef­field, die in der Cable Street zu fin­den ist. Und groß­ar­tige, bunte Por­traits, die sich per­fekt in die roten Back­stein­wände des Nort­hern Quar­ter ein­fü­gen, hat der Fran­zose C215 geschaf­fen. Sein Thema war Obdach­lo­sig­keit und die umge­setz­ten Bil­der ent­stam­men Fotos von Lee Jef­fries, der sehr intime Por­traits von Men­schen auf den Stra­ßen von Man­ches­ter geschos­sen hat.

Neben den neun inter­na­tio­nal bekann­ten Künst­lern haben auch ver­schie­dene lokale Künst­ler Bil­der in den Stra­ßen des Nort­hern Quar­ter erschaf­fen. Und das ist auch für 2018 geplant. So ent­ste­hen nicht nur die von Wei­tem sicht­ba­ren, groß­flä­chi­gen und extrem pro­fes­sio­nel­len Kunst­werke, son­dern auch viele kleine Male­reien und Paste Ups über­all in der Stadt, die auf soziale Pro­bleme hin­wei­sen. Genaue Ter­mine ste­hen zwar noch nicht fest, aber natür­lich wird im Rah­men des Fes­ti­vals nicht nur gemalt. Es sind Street Art-Tou­ren, Aus­stel­lun­gen, Vor­träge und mehr geplant. Das erste Bild ist tat­säch­lich bereits ent­stan­den: Es erin­nert an die Pro­teste der Suf­fra­get­ten vor mehr als 100 Jah­ren am Ste­ven­son Square in Manchester.

Soziale Kunst

Man­ches­ter war immer schon eine poli­ti­sche Stadt, und das Nort­hern Quar­ter war das unan­ge­foch­tene Zen­trum. Hier sind vor hun­dert Jah­ren Frauen und Arbei­ter auf­mar­schiert, hier hat Fried­rich Engels recher­chiert und Grund­la­gen für eine der wich­tigs­ten poli­ti­schen Ent­wick­lun­gen in Europa und der Welt gelegt, hier wur­den wütende Reden geschwun­gen und Gewerk­schaf­ten gegrün­det. Heute bin ich über­rascht davon, wie auf­merk­sam und sym­pa­thisch die meis­ten Men­schen mit Obdach­lo­sen umge­hen. Wäh­rend es in Deutsch­land nor­mal ist, unab­hän­gig von den Außen­tem­pe­ra­tu­ren ohne einen Blick vor­bei­zu­has­ten, erlebe ich hier mehr­mals am Tag, dass Per­so­nen, die in Haus­ein­gän­gen sit­zen oder lie­gen, ange­spro­chen wer­den und man ihnen Hilfe anbietet.

Wie bekommt ein Stadt­teil eigent­lich die­ses künst­le­risch-alter­na­tive Flair, das auf Besu­cher wie Ein­hei­mi­sche gleich­sam anzie­hend wirkt? Und, vor allem, wie schafft man es, die­ses zu hal­ten und nicht abzu­glei­ten in eines der immer­glei­chen super-hip­pen Hoch­glanz­quar­tiere? Wahr­schein­lich spielt neben der Kunst auch das Soziale eine Rolle: Wer Pro­bleme, anstatt sie zu ver­drän­gen, groß an leere Wände bringt, der schafft viel­leicht Flä­chen, an denen sich tat­säch­lich jeder will­kom­men fühlt – und sorgt gleich­zei­tig dafür, dass auch bei denen, die sich ganz selbst­ver­ständ­lich in Cafés mit einer Aus­wahl aus fünf­zehn ver­schie­de­nen Ara­bica-Boh­nen ver­ab­re­den und ihr Fahr­rad vor vegan-glu­ten­freien Restau­rants abstel­len, das Bewusst­sein für Men­schen wächst, die die­sen Lebens­stil nicht tei­len können.

Street Art ist dabei das per­fekte Medium: Die Bil­der sind nicht nur öffent­lich sicht­bar und teils rie­sen­groß, son­dern nor­ma­ler­weise auch ver­gleichs­weise gut inter­pre­tier­bar. So ist bei den „Cities of Hope“-Werken die Ver­bin­dung zwi­schen sozia­ler Pro­ble­ma­tik und Motiv recht leicht zu erken­nen. Gleich­zei­tig sind sich Künst­ler, die im öffent­li­chen Raum malen, sozia­len Pro­ble­ma­ti­ken häu­fig bewusst und sie sehen das, was sie tun, als Medium, um etwas bewir­ken zu können.

Die Orga­ni­sa­to­ren des Fes­ti­vals haben in Inter­views erzählt, dass sie die bekann­tes­ten Künst­ler der Welt ange­schrie­ben und um Teil­nahme gebe­ten haben, und auch, wenn natür­lich nicht jeder nach Man­ches­ter rei­sen konnte, so beka­men sie zumin­dest von jedem eine Ant­wort – weil Street Artists daran glau­ben, dass Kunst auch als Werk­zeug für soziale Ver­än­de­run­gen wir­ken kann.

Der Charme des Nort­hern Quar­ter baut auf der Geschichte des Stadt­teils auf, und viel­leicht hat sich das Lebens­ge­fühl aus kri­ti­schem Den­ken und Wider­stand tat­säch­lich über die Jahr­zehnte und Jahr­hun­derte bewahrt. Auch, wenn das Vier­tel als Zen­trum der Krea­tiv­szene nicht nur spon­tan ent­stan­den ist, son­dern eini­ges an Pla­nung darin steckte, gehört das Nort­hern Quar­ter inzwi­schen haupt­säch­lich den klei­nen, unab­hän­gi­gen Geschäf­ten und bie­tet Platz für ver­schie­dene Lebens­rea­li­tä­ten. Und mit die­ser Iden­ti­tät wird das Vier­tel wohl hof­fent­lich auch noch die nächs­ten Jahr­zehnte einer der span­nends­ten und cools­ten Teile von Man­ches­ter bleiben.

Und wäh­rend ich so durch die Stra­ßen schlen­dere, mir die mit Liebe zum Detail ein­ge­rich­te­ten Cafés ansehe und begeis­tert vor den rie­si­gen Kunst­wer­ken ste­hen bleibe, die hier ein­fach so für jeder­mann sicht­bar an die Wände gebracht wur­den, kommt mir ein Zitat in den Sinn. Es stammt zwar von einem, vor­sich­tig aus­ge­drückt, eher kon­tro­ver­sen Sohn der Stadt, aber kommt mir hier, in die­sen Stra­ßen, in die­sem Stadt­teil, so unglaub­lich pas­send vor: Die Sache mit Man­ches­ter, hat Noël Gal­lag­her 1998 gesagt, sei, „it all comes from here“. Und dabei hat er auf sein Herz gezeigt.

Mehr Informationen zum Northern Quarter und „Cities of Hope“:

  • Hier fin­det ihr eine Über­sicht ver­schie­de­ner Street Art-Bil­der im Nort­hern Quar­ter und wo ihr diese fin­det – und hier die ver­schie­de­nen Werke, die für „Cities of Hope“ ent­stan­den sind. Auch hier gibt es eine Liste mit guten Spots.
  • Wenn ihr Lust habt, euch einer Street Art-Tour anzu­schlie­ßen, fin­det ihr hier mehr Infor­ma­tio­nen und Kontaktdaten.
  • Infor­ma­tio­nen zu „Cities of Hope“ gibt es auf deren Web­site – und Updates auch über Insta­gram und Twit­ter. Die offi­zi­elle Karte der 2016 ent­stan­de­nen Bil­der gibt es übri­gens hier.
  • Mehr Infos zu „Cities of Hope“ fin­det ihr in die­sem und in die­sem Artikel.
  • Zum Nort­hern Quar­ter gibt es eine eigene Web­site, auf der ihr nicht nur gene­relle Infos bekommt, son­dern auch erfahrt, was gerade im Vier­tel so los ist.
  • Mitt­ler­weile gibt es in Man­ches­ter teils gro­ßes Inter­esse daran, das Nort­hern Quar­ter zu kom­mer­zia­li­sie­ren – was natür­lich von vie­len Stadt­be­woh­nern kri­tisch gese­hen wird. Hier fin­det ihr einen recht aus­führ­li­chen Arti­kel über die aktu­elle Situation.
Cate­go­riesEng­land
Ariane Kovac

Hat ihr Herz irgendwo zwischen Lamas und rostigen Kleinbussen in Peru verloren. Seitdem möchte sie so viel wie möglich über andere Länder und Kulturen erfahren - wenn möglich, aus erster Hand.

Wenn sie gerade nicht unterwegs sein kann, verbringt sie viel Zeit damit, den Finger über Landkarten wandern zu lassen und ihre eigene Heimat ein bisschen besser zu erkunden, am liebsten zu Fuß. Immer dabei, ob in Nähe oder Ferne: Kamera und Notizbuch, denn ohne das Schreiben und das Fotografieren wäre das Leben für sie nicht lebenswert.

  1. Theresa says:

    Liebe Ariane, danke für den tol­len Artikel.
    Man­ches­ter steht schon lange auf mei­ner Wunsch­liste und du hast die Sehn­sucht noch etwas grö­ßer gemacht. Danke dafür. Viele Grüße, Theresa

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