Mutprobe Deathroad

Wir befin­den uns im Jahr 1930. Hit­ler ist noch nicht an der Macht und Deut­sche kön­nen sich noch frei in der Welt bewe­gen, ohne als Nazis bezeich­net zu wer­den. Boli­vi­en befin­det sich gera­de im Krieg mit Para­gu­ay. Es geht um den Cha­co, den eigent­lich nie­mand will und braucht. Doch das wis­sen die Kriegs­be­tei­lig­ten noch nicht. Auf bei­den Sei­ten kommt es zu Gefan­ge­nen, mit denen sie gar nichts anzu­fan­gen wis­sen. Nach reich­li­chen Über­le­gun­gen kom­men bei­de Par­tei­en zu mehr oder weni­ger intel­li­gen­ten Lösun­gen.

Die boli­via­ni­schen Gefan­ge­nen hol­zen den para­gu­ay­ischen Cha­co ab, um Platz für Städ­te zu schaf­fen und Para­gu­ay­er arbei­ten an einer Stra­ße, in den Berg gebaut, die La Paz mit dem Regen­wald im Nor­den Boli­vi­ens ver­bin­det. Bis dahin gibt es kei­ne Ver­bin­dung zwi­schen dem kal­ten Alti­pla­no, auf über 4500 Metern gele­gen, und den Yun­gas, den war­men, immer­feuch­ten Wäl­dern des Ama­zo­nas­be­ckens, tief unten auf 1200 Metern. Die para­gu­ay­ischen Zwangs­ar­bei­ter schla­gen sich mehr als 60 Kilo­me­tern durch das dich­te Gestrüpp der Yun­gas und über­win­den dabei 3450 Höhen­me­ter.

IMG_00851348

Das Resul­tat ist eine ein­spu­ri­ge, schlecht aus­ge­bau­te Stra­ße, direkt am Abhang gele­gen. Dabei durch­quert die Stra­ße fast alle Kli­ma­zo­nen Süd­ame­ri­kas. Leit­plan­ken gibt es kei­ne. Regen und Nebel sind hier stän­di­ge Beglei­ter. Stein­schlag und Erd­rutsch gehö­ren zu den größ­ten Gefah­ren auf die­ser Stre­cke. Hier ereig­nen sich immer wie­der Unfäl­le mit töd­li­chem Aus­gang. Jedes Jahr fin­den 200 bis 300 Men­schen auf die­ser Stra­ße ihren Tod. In über 70 Jah­ren ver­lie­ren knapp 22.000 Men­schen ihr Leben auf der Stre­cke, wes­halb sie 1995 von der Inter­ame­ri­ka­ni­schen Ent­wick­lungs­bank zur „gefähr­lichs­ten Stra­ße der Welt“ ernannt wird. 1983 stürzt auf dem oft mat­schi­gen und morast­ar­ti­gen Unter­grund der Stra­ße ein Rei­se­bus in die Tie­fe und reisst mehr als 100 Men­schen in die Tie­fe. Spä­te Rache der Para­gu­ay­er für ihre ver­rich­te­te Zwangs­ar­beit?

IMG_01421357

Erst im Jahr 2006 wird eine weni­ger gefähr­li­che Umge­hungs­stra­ße errich­tet, wel­che die  „Todes­stra­ße“ ent­las­ten soll. Heu­te zieht der »Cami­no de la muer­te“  Tou­ris­ten aus aller Welt an. Grin­gos stür­zen sich auf dem Moun­tain­bike Tag für Tag die stei­le Abfahrt hin­un­ter. Auch wir gehö­ren dazu. Unse­re klei­ne Grup­pe besteht aus 15 Todes­mu­ti­gen, die ihr Glück auf der gefähr­li­chen Stre­cke her­aus­for­dern.

Die Sicher­heits­ein­wei­sung ist lang: Insek­ten, die in Augen flie­gen, star­ke Wind­bö­en, Gegen­ver­kehr, engen Kur­ven, der Zustand der Stra­ße und mög­li­che Tie­re auf der Stre­cke sind die all­ge­mei­nen Gefah­ren, deren wir uns nun bewusst wer­den. Die wich­tigs­te Aus­sa­ge besteht jedoch dar­in, dass es sich bei der Abfahrt nicht um einen Geschwin­dig­keits­wett­be­werb han­delt. End­lich ist es soweit. Voll geschützt mit Helm, Hand­schu­hen, Motor­rad­an­zug, Knie- und Ellen­bo­gen­scho­nern sit­zen wir auf unse­ren Rädern. Vom La Cumbre Pass auf 4650 Metern, etwa 60 Auto­mi­nu­ten von La Paz ent­fernt, geht es los. Wir fol­gen zunächst der Land­stra­ße Rich­tung Nor­den.

Immer schnel­ler und schnel­ler rasen wir über den Asphalt. Links­kur­ve, Rechts­kur­ve, gera­de­aus – 22 Kilo­me­ter geht es abwärts. Fahr­rad­fah­ren kann man die­ses Aben­teu­er nicht nen­nen, denn in die Peda­le tre­ten wir nicht ein ein­zi­ges Mal. Unse­re Bikes flie­gen regel­recht über die abschüs­si­ge Stra­ße. Man­che wage­mu­ti­gen Rad­ler errei­chen auf die­ser Stre­cke eine Geschwin­dig­keit von über 70 Km/​h. Sie schie­ßen regel­recht an den umlie­gen­den Berg­hö­hen vor­bei und ver­pas­sen dabei das sich bie­ten­de Pan­ora­ma. Nach jeder Kur­ve öff­net sich ein neu­er, atem­be­rau­ben­der Blick auf die mas­si­ven Fels­wän­de und die Schlucht, an deren Rand wir ent­lang glei­ten.

IMG_01471361

Mit uns fährt der ganz nor­ma­le Tages­ver­kehr. Ton­nen­schwe­re LKWs don­nern eben­so an uns vor­bei wie hupen­de Klein­trans­por­ter. Beim Anblick die­ser Kolos­se aus Stahl, die nur weni­ge Zen­ti­me­ter an uns vor­bei rol­len, fällt es mir schwer ein­fach gera­de­aus zu fah­ren. Die Ver­su­chung ist groß, einen aus­rei­chen­den Sicher­heits­ab­stand zwi­schen mich und den Rie­sen aus Metall zu brin­gen. Doch der nahe Abgrund auf der ande­ren Sei­te macht mir einen Strich durch die Rech­nung. Am rech­ten Rand zu fah­ren könn­te schnell töd­lich enden. Wir befin­den uns auf 4000 Metern Höhe. Lang­sam krie­chen Fahrt­wind und Käl­te unter die Schutz­klei­dung. Je schnel­ler wir fah­ren, des­to unan­ge­neh­mer wird es. Zit­ternd sit­zen wir auf unse­ren Sät­teln, doch anhal­ten ist nicht drin. Zu schnell bewegt sich die Grup­pe vor­wärts und zieht uns mit sich.

IMG_01641364

Nach 30 Minu­ten fros­ti­ger Abfahrt errei­chen wir einen Kon­troll­punkt, an dem uns die Geneh­mi­gung für die Fahrt auf der „Todes­stra­ße“ erteilt wird.  Hier, auf der „world’s most dan­ge­rous road“ gibt es kei­nen Asphalt, son­dern nur noch Schot­ter. Die stau­bi­ge, stei­ni­ge Pis­te, an der schmals­ten Stel­le knapp 2 Meter breit, win­det sich hier, zwi­schen Fels­wand und Abgrund, etwa 41 Kilo­me­ter steil berg­ab. Als wir die Stre­cke betre­ten, sehen wir zunächst nur eine weiß-graue Wand. Dicke Wol­ken umschlie­ßen die Stra­ße. Vom Abgrund ist nichts zu erken­nen. Doch es dau­ert nicht lan­ge und die Grup­pe ist abfahr­be­reit.

Natür­lich nicht, ohne noch ein­mal auf die Gefah­ren der Stre­cke auf­merk­sam gemacht zu wer­den: Locke­re Stei­ne, schma­le Kur­ven, enge Stra­ße und rut­schi­ge und nas­se Pas­sa­gen erwar­ten uns. Lang­sam rol­len wir an. Es scheint so, als ob sich Fah­rer und Weg erst anein­an­der gewöh­nen müss­ten. Grab­stei­ne und Kreu­ze am Weges­rand füh­ren uns die Gefahr, in der wir uns befin­den, über­deut­lich vor Augen. Die schlech­te Sicht trägt eben­falls zur all­ge­mei­nen Unsi­cher­heit bei.

IMG_01701366

Doch bald lösen sich die Wol­ken und Hem­mun­gen auf. Uns wird klar: Mit unse­ren dop­pelt gefe­der­ten Moun­tain­bikes kön­nen wir mit der ent­spre­chen­den Geschwin­dig­keit jedes Hin­der­nis ganz ein­fach über­sprin­gen – oder auch buch­stäb­lich über­flie­gen. Gemein­sam mit unse­rer Grup­pe jagen wir nach kur­zer Zeit bereits über Stock und Stein dem Adre­na­lin hin­ter­her. Dabei hat der Weg so sei­ne Tücken. Obwohl wir fast nur rol­len, ver­langt die Stre­cke fah­re­ri­sche Fähig­kei­ten. Auf der holp­ri­gen Stein­pis­te tau­chen immer wie­der tie­fe Sand­lö­cher auf, die sich mit moras­ti­gen und rut­schig-mat­schi­gen Pas­sa­gen in der Nähe von Was­ser­fäl­len abwech­seln. Gro­ße Gesteins­bro­cken ver­sper­ren Tei­le des Weges. Zu guter Letzt durch­que­ren wir sogar einen Fluss. Trotz die­ser wid­ri­gen Ver­hält­nis­se erlie­gen vie­le Fah­rer unse­rer Grup­pe dem Geschwin­dig­keits­rausch. Etwas ande­res ist auch kaum mög­lich, zu steil win­det sich die Stra­ße zwi­schen üppig grü­nen Büschen, Grä­sern und Bäu­men am Hang und dem schrof­fen, nack­ten Fels auf der ande­ren Sei­te. Wie im Zeit­raf­fer rau­schen die ver­schie­de­nen Kli­ma­zo­nen an uns vor­bei. Die Vege­ta­ti­on ver­än­dert sich ste­tig. In einem 90° Win­kel fällt der Berg auf der einen Sei­te ab und steigt auf der ande­ren Sei­te an. Dazwi­schen lie­gen ein paar lose Stei­ne auf denen wir uns mit unse­ren Rädern bewe­gen.

IMG_01851373

Im Ver­lauf der Stre­cke nimmt die Tem­pe­ra­tur merk­lich zu. Je wei­ter wir den Berg hin­un­ter kom­men, des­to wär­mer wird es. Trotz der Abfahrt, die das Benut­zen der Peda­le unnö­tig macht, rinnt uns der Schweiß das Gesicht hin­un­ter. Bald sind wir unter der schwe­ren Schutz­klei­dung und dem Helm vom eige­nen Schweiß völ­lig durch­nässt. Und noch geht es immer wei­ter abwärts. Nur ab und an wird die Fahrt für eine Foto- oder Trink­pau­se unter­bro­chen, bis die Grup­pe, die auf der Stre­cke immer wei­ter aus­ein­an­der bricht, voll­zäh­lig ist. Gegen Ende des Weges, kurz vor Coroi­co, dem Ziel­ort inmit­ten der Yun­gas, geht es noch ein­mal ein paar schweiß­trei­ben­de Minu­ten berg­auf, bevor wir nach vier Stun­den downhill unser Ziel errei­chen. Noch immer vor Adre­na­lin und gren­zen­lo­ser Eupho­rie zit­ternd, wird uns bewusst: Wir haben die berüch­tig­te „Todes­stra­ße“ über­lebt.

Erschienen am



Antworten

  1. Avatar von Jakob

    Tol­ler Bericht und inter­es­san­te his­to­ri­sche Infos, die mir so noch nicht bekannt waren. Bin die Stra­ße selbst vor drei Jah­ren gefah­ren und es war wohl einer der span­nends­ten bzw. erleb­nis­reichs­ten Erfah­run­gen auf mei­ner Rei­se!

  2. […] 1. Mut­pro­be Death­road by Rei­se­de­pe­schen: Impres­si­ve sto­ry of cycling the world’s most dan­ge­rous road (Boli­via) […]

  3. Travel inspiration of the week | Food & Photos @round the world

    […] 1. Mut­pro­be Death­road by Rei­se­de­pe­schen: Impres­si­ve sto­ry of cycling the world’s most dan­ge­rous road (Boli­via) […]

  4. Avatar von Max

    Das liest sich ja bru­tal. Gut, dass ihr es unbe­scha­det über­stan­den habt.

    1. Avatar von Morten und Rochssare
      Morten und Rochssare

      es war bru­tal – bru­tal gut. Obwohl uns schon ein biss­chen mul­mig war, als wir ganz oben stan­den…

  5. Avatar von RenArtis

    MEGA!!! Wir müs­sen nach Para­gu­ay! Aber Mut­ti darf davon nichts erfah­ren!

    1. Avatar von Morten und Rochssare
      Morten und Rochssare

      Es war auch MEGA!!!
      Aber bevor ihr erfolg­los durch Para­gu­ay irrt und ent­täuscht nach Hau­se fliegt: Die Death­road liegt in Boli­vi­en, in der Nähe von La Paz 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert