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Eine Sorte Schokoladenkekse

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Fast war der See im Boot größer als der See unter’m Boot. Mit Vollspeed und großen Bugwellen düsten wir gerade über den Lago Atitlan. Alles, worauf unsere Existenz beruht, triefte bereits vor Nässe: Wir selbst und unsere Rucksäcke. Wie sie in dem Bootsee an unseren Füßen umher­schwammen, wirkten sie viel leichter, als sonst auf unseren Rücken. Kurz vor Sonnenuntergang erreichte unser Boot Santa Cruz.

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Santa Cruz ist ein kleines Dorf am Lago Atitlan. Oder vielmehr eine kleine Häuseransammlung zwischen Seeufer und Bergfuß. Da der See dem Berg immer näher rückt, ist dazwi­schen nicht viel und immer weniger Platz. Neben dem Bootsanleger und den wenigen Häusern gibt es hier einen kleinen Kiosk, der Ananas, Wassermelone und eine Sorte Schokoladenkekse verkauft. Glücklicherweise leckere Schokoladenkekse. Außerdem etliche scheinbar unbenutzte blaue Boote im Wasser und eine beein­dru­ckende Vielfalt an Flora und Fauna. Pflanzen haben Farben und Spinnen haben Beine, die mich immer wieder auf’s Neue beein­druckten. Hier wollten wir uns für ein paar Tage nieder­lassen. Zumindest so lange, bis wir all unser Hab und Gut wieder getrocknet hatten.

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Noch nie hatte ich einen See mit so starken Wellen gesehen. Da sich diese auch kein Einheimischer erklären kann, besagt die Legende, dass der Wind die Seele eines Prinzen ist, der über das Wasser fegt – auf der Suche nach seiner Prinzessin, die einst bei einem Bootsunfall kenterte. Die Wellen sind jeden Tag anders, aber immer wild. Zumindest für einen See. So wild, dass man denkt, man sitze am Meer. Nur verschwindet das Wasser nicht einfach dort hinten irgendwo am Horizont. Es türmen sich riesige Vulkane rings um das Seemeer auf. Deren Spitzen immer wolken­be­hangen sind, sogar wenn der Rest des Himmels klares Blau trägt. Auch wenn sie mittler­weile inaktiv sind, wirkt es so, als würden die Vulkane doch noch ein bisschen dampfen.

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Sie sehen nicht nur surreal schön aus, sie haben auch einst den See Atitlan geformt. Denn bevor das Wasser kam, war er ein Krater, der eine der ältesten Mayastätten beher­bergte. Daher kann man auch heute noch Maya Ruinen auf seinem Grund ertau­chen. Zudem sorgen die Vulkane für durch­ge­henden Frühling. Denn sie fangen alle Wolken mit ihrem Regen ab, die sich dem See auch nur nähern. Abends kann man neben einem beein­dru­ckendem Sonnenuntergang auch oft ein Blitzlichtgewitter in den Vulkanen beobachten – ganz ohne Donner, Regen und Angst.

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All das und noch eine Priese unbeschreib­liche Mystik kreieren eine beson­dere Stimmung um den See. In der Luft liegt eine Magie, die jeden Ankömmling sofort entspannt und ihn nicht mehr los lässt. Von der Ankunft an bannt der See den Blick eines Jeden. Als könnte jeden Moment Nessie in ihm auftau­chen. Sollte es passieren, würde es niemand verpassen. Denn jedes Auge klebt ununter­bro­chen auf ihm – am Tag mit Licht, am Abend ohne. Ohne es bewusst zu merken, wird jedes Haus, jedes Fenster, jeder Stuhl nach dem See ausge­richtet. Menschen, die hier wohnen erzählen alle die gleiche Geschichte: Wenige Minuten nach ihrer Ankunft, wussten sie, sie würden hier für immer bleiben wollen – und stornierten ihren Rückflug. Egal, ob das 25, 12 oder 2 Jahre her ist.

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Die Freiheit, die in diesem Evergreen-Blick liegt ist wunderbar. Die entspannte Magie dieses Ort ist überwäl­ti­gend. Menschen kommen her aus genau diesem Grund. Menschen leben hier aus genau diesem Grund. Sie machen sich die Entspannung des Ortes zu eigen, denn sie kommt aus dem Ort, nicht aus ihnen selbst.

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Überall am See sind gemüt­liche Ecken zum Sitzen, kleine Stege zum Liegen oder geschützte Buchten zum Schwimmen. Doch die Ur- sowie die Neu-Einheimischen haben sich nicht nur die Entspannung, sondern auch die Orte zu eigen gemacht. So wollen all diese Orte der Entspannung auch bezahlt werden. Man kann zwar in der Ecke sitzen, auf dem Steg liegen und in der Bucht schwimmen – aber nur, wenn man dort auch konsu­miert. Wir finden keinen Ort, an dem wir ohne Limonade entspannen dürfen.

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Wer nicht à la carte im Restaurant oder Hotel speist, kann nur Ananas, Wassermelone und eine Sorte Schokoladenkekse verspeisen. Nach zwei Tagen kennt der Kioskmann bereits meine halbe Lebens- und meine Kompressionsstrumpfgeschichte. Alles la carte ist liebe­voll und köstlich zubereitet, doch teuer und konsum­trei­bend. Was wiederum meine Entspannung torpe­diert. Denn für mich bedeutet dies auch Gemütsgetriebenheit, Zeitlosigkeit, Konsumverzicht. Das Gemüt treibt ganz gut beim Wandern, Yoga machen, Nichtstun. Uhrzeiten muss ich zwei wissen: Um 15 Uhr entscheiden, ob ich um 19 Uhr essen möchte. Aber ständig muss ich meine Geldbörse aus dem Zimmer holen.

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Als ich mit leichter Geldbörse und trockenem Rucksack in das noch trockene Boot steige, denke ich trotzdem: Von hier nehme ich ein Stück mit. Denn die Magie in der Luft hat all mein Hab und Gut getrocknet. Vielleicht komme ich sogar noch einmal zurück. Denn genau diese brauchen meine Sachen spätes­tens nach dieser Bootsfahrt wieder. Und ich auch ein bisschen. Gut, dass man diese Magie niemals materia­li­sieren kann.

 

 

Danke La Iguana Perdida für die Einladung an diesen mysti­schen Ort.


Kommentare

  1. Avatar von Micha

    Wir waren letzten Winter zwei Monate dort – sehr schön dort, wirklich, ja sogar irgendwie magisch. Aber nach einigen Wochen kann man die Augen vor den Schattenseiten des Tourismus dort nicht verschließen (das gilt vorallem für San Marcos und etwas weniger für San Pedro). Eben wie überall, wo die Orte bei Travellern schon lange als *schön* bekannt sind…

    1. Avatar von Lena

      Da hast du sehr Recht, es gibt immer wieder Orte, die ohne die Tourismusinvasion noch viel schöner wären. Aber deine zwei Monate Überwinterung waren bestimmt toll. Was habt ihr gemacht, außer Seegucken? 🙂

  2. Avatar von Traveling Shapy

    Oh ja Lago Atitlan ist wirklich was beson­deres, ich war dieses Jahr erst. Jedoch werd ich mit ziemli­cher Sicherheit nächstes Jahr noch einmal hin, diesmal mit mehr Zeit !

    Viele Grüße

    Matthias

    1. Avatar von Lena

      Oh toll! Je öfter man wieder­kommt, umso mehr kann man vielleicht Atitlans Entspanntheit aufsaugen. Viel Spaß dabei!

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